in ihrem Leid zu beruhigen trachtete. Allein er hatte nie den Körper
eines Weibes so nahe gefühlt, und seine Liebkosungen, seine
Zärtlichkeiten waren bald mehr, als väterlich. Deutlich empfand er
zwar, wie in dem schluchzenden Weh des Mädchens etwas, wie ein
Bekenntnis lag. Sie wußte, das erkannte er, welcher häßlichen Liebe
sie ihr Dasein verdanke und schwamm darüber mit ihm im gleichen Leid.
Ihre Not, ihre Schmerzen trug er mit ihr. So waren ihre Seelen
geeinigt. Allein er hob bald ihr süßes Madonnengesicht zu dem seinen,
indem er sie um den Nacken faßte und an sich zog, mit der Rechten die
weiße Stirn zurückbiegend, und indem er daran, was er so gefesselt
hielt, lange, mit dem Feuer des Wahnsinns im Auge, gierige Blicke
weidete, schoß er plötzlich, wie ein Falke, auf ihren heißen, von
Tränen salzigen Mund herab und blieb untrennbar mit ihm
verschmolzen. -- Nach Augenblicken irdischer Zeit, Ewigkeiten
betäubender Seligkeit, riß Francesco sich plötzlich los und stellte
sich fest auf beide Füße, auf seinen Lippen schmeckte er Blut --:
»Komm,« sagte er, »du kannst nicht allein, ohne Schutz, nach Hause gehn
und also werde ich dich begleiten.«
* * * * *
Ein wechselnder Himmel lag über der Alpenwelt, als Francesco und Agata
aus der Pfarrei schlichen. Sie bogen in einen Wiesenpfad, auf dem sie,
zwischen Maulbeerbäumen, unter Rebenguirlanden hindurch, ungesehen von
Terrasse zu Terrasse abkletterten. Francesco wußte sehr wohl, was
hinter ihm lag und welche Grenze jetzt überschritten war, Reue
vermochte er nicht zu empfinden. Er war verändert, gesteigert,
befreit. Die Nacht war schwül. In der lombardischen Ebene, schien es,
zogen Gewitter umher, deren ferne Blitze fächerförmig hinter der
Riesensilhouette der Berge aufstrahlten. Düfte des gewaltigen
Fliederbusches unter den Fenstern des Pfarrhauses schwammen von dort
mit dem vorüberkommenden, sickernden Wasser des Bachgeäders herab,
vermischt mit kühlen und warmen Luftströmen. Die beiden Berauschten
redeten nicht. Er stützte sie, so oft sie im Dämmer die Mauer zu einer
tiefer gelegten Terrasse abklommen, fing sie auch wohl mit den Armen
auf, wobei ihre Brust an seiner pochte, sein durstiger Mund an ihrem
hing. Sie wußten nicht, wo sie eigentlich hin wollten, denn aus der
Tiefe der Schlucht der Savaglia führte kein Weg zur Alpe hinauf.
Darüber indessen waren sie einig, daß sie den Aufstieg dorthin durch
die Ortschaft vermeiden mußten. Aber es kam auch nicht darauf an,
irgendein äußeres, irgendein fernes Ziel zu erreichen, sondern das
nahe Erreichte auszugenießen.
Wie war doch die Welt bisher so schlackenhaft tot und leer gewesen,
und welche Wandlung hatte sie durchgemacht. Wie hatte sie sich in den
Augen des Priesters, und wie hatte er in ihr sich verwandelt. Getilgt
und entwertet waren alle Dinge in seiner Erinnerung, die ihm bis dahin
alles bedeutet hatten. Vater, Mutter, sowie seine Lehrer waren wie
Gewürm im Staube der alten, verworfenen Welt zurückgeblieben, während
ihm, dem Sohne Gottes, dem neuen Adam, durch den Cherub die Pforte des
Paradieses wieder geöffnet worden war. In diesem Paradies, darin er
nun die ersten, verzückten Schritte tat, herrschte Zeitlosigkeit. Er
fühlte sich nicht mehr als ein Mensch irgendeiner Zeit oder
irgendeines Alters. Ebenso zeitlos war die nächtliche Welt um ihn her.
Und da nun die Zeit der Verstoßung, die Welt der Verbannung und der
Erbsünde hinter ihm lag vor der bewachten Pforte des Paradieses,
empfand er auch nicht mehr die allergeringste Furcht vor ihr. Niemand
da draußen konnte ihm etwas anhaben. Es lag nicht in der Macht seiner
Oberen, noch in der Macht des Papstes selbst, ihn auch nur am Genusse
der geringsten Paradiesesfrucht zu verhindern, noch ihm das geringste
zu rauben von der ihm nun einmal gewordenen Gnadengabe höchster
Glückseligkeit. Seine Oberen waren die Niederen geworden. Sie wohnten,
vergessen, in einer verschollenen Erde des Heulens und Zähneklapperns.
Francesco war nicht Francesco mehr, er war als erster Mensch soeben
vom göttlichen Odem geweckt, als alleiniger Adam, alleiniger Herr des
Garten Eden. Es lebte kein zweiter Mann außer ihm in der Fülle der
sündenlosen Schöpfung. Gestirne zitterten, himmlisch klingend,
Glückseligkeit. Gewölke brummten wie schwelgerisch weidende Kühe,
Purpurfrüchte strömten süße Entzückung und köstliche Labung aus,
Stämme schwitzten duftendes Harz, Blüten streuten köstliche Würzen:
allein dieses alles hing doch von Eva ab, die Gott als die Frucht der
Früchte, die Würze der Würzen zwischen all diese Wunder gesetzt hatte,
von ihr, die selber sein höchstes Wunder war. Aller Gewürze Duft, ihre
feinste Essenz hatte der Schöpfer in Haar, Haut und Fruchtfleisch
ihres Körpers gelegt, aber ihre Form, ihr Stoff hatte nicht
ihresgleichen. Ihre Form, ihr Stoff war Gottes Geheimnis. Die Form
bewegte sich aus sich selbst und blieb gleich köstlich in Ruhe, wie in
Wandlung. Ihr Stoff schien aus dem gemischt, aus dem Lilienblätter
und Rosenblätter gebildet werden, aber er war keuscher an Kühle und
heißer an Glut, er war zugleich zarter und widerstandskräftiger. In
dieser Frucht war ein lebendig pochender Kern, es hämmerten in ihr
köstliche, zuckende Pulse, und wenn man von ihr genoß, so schenkte sie
je mehr und mehr um so köstlichere, ausgesuchtere Wonnen, ohne daß ihr
himmlischer Reichtum dabei verlor.
Und was in dieser Schöpfung, diesem wiedergewonnenen Paradiese das
Köstlichste war, konnte man wohl aus der Nähe des Schöpfers herleiten.
Weder hatte hier Gott sein Werk vollendet und allein gelassen, noch
sich darin zur Ruhe gelegt. Im Gegenteil war die schaffende Hand, der
schaffende Geist, die schaffende Macht nicht abgezogen, sie blieben im
Werke schöpferisch. Und jeder von allen Teilen und Gliedern des
Paradieses blieb schöpferisch. Francesco-Adam, soeben erst aus der
Werkstatt des Töpfers hervorgegangen, fühlte sich als ein rings umher
Schaffender. Mit einer Entzückung, die außerweltlich war, spürte und
sah er Eva, die Tochter Gottes. Es haftete noch an ihr die Liebe, die
sie gebildet hatte, und der köstlichste aller Stoffe, den der Vater zu
ihrem Leibe verwendete, hatte noch jene überirdische Schönheit, die
durch kein Erdenstäubchen verunreinigt war. Aber auch diese Schöpfung
bebte, schwoll und leuchtete noch von der himmlischen Glut tätiger
Schöpferkraft und drängte, mit Adam zu verschmelzen. Adam wieder
drängte nach ihr, um gemeinsam mit ihr in eine neue Vollkommenheit
einzugehen.
Agata und Francesco, Francesco und Agata, der Priester, der Jüngling
aus gutem Haus und das verfemte, verachtete Hirtenkind, war das erste
Menschenpaar, wie sie Hand in Hand auf nächtlichen Schleichwegen zu
Tale kletterten. Sie suchten die tiefste Verborgenheit. Schweigend,
die Seele von einem namenlosen Staunen erfüllt, mit einem Entzücken,
das ihnen beiden fast die Brust sprengte, stiegen sie tiefer und
tiefer in das köstliche Wunder der Weltstunde.
Sie waren bewegt. Die Begnadung, die Auserwählung, die sie auf sich
ruhen fühlten, vermischte mit ihrem unendlichen Glück eine ernste
Feierlichkeit. Sie hatten ihre Körper gefühlt, waren im Kuß verbunden
gewesen, aber sie fühlten die unbekannte Bestimmung, der sie
zuschritten. Es war das letzte Mysterium. Es war eben das, warum Gott
schuf und warum er den Tod in die Welt gesetzt, ihn gleichsam in Kauf
genommen hatte.
So gelangte das erste Menschenpaar in die enge Schlucht hinab, die das
Flüßchen Savaglia gesägt hatte. Sie war sehr tief, und nur ein wenig
begangener Fußpfad führte am Rande des Bachbetts bis zu dem
Wasserbecken hinauf, in das sich aus schwindelerregender Höhe das
Bergwasser über die Felsstufe hinabstürzte. Noch in beträchtlicher
Entfernung davon wurde der Bach in zwei Arme geteilt, die sich wieder
vereinigten, durch ein kleines grünes Inselchen, das Francesco liebte
und oft besuchte, weil es mit einigen jungen Apfelbäumen, die dort
Wurzel geschlagen hatten, sehr lieblich war. Und Adam zog seine Schuhe
aus und trug seine Eva dort hinüber. »Komm, oder ich sterbe,« sagte er
mehrmals zu Agata. Und sie zertraten Narzissen und Osterlilien mit dem
schweren, fast trunkenen Gang der Liebenden.
Auch hier in der Schlucht war es sommerwarm, wenngleich der rauschende
Lauf des Baches Kühlung mitbrachte. Wie kurz war die Zeit, die seit
dem Wendepunkte im Leben des Paares schon verflossen war, und wie weit
war alles zurückgewichen, was vor dem Wendepunkte lag. Der Bauer, dem
das Inselchen angehörte, hatte sich, da es ziemlich entfernt von der
Ortschaft lag, um gegen die Zufälligkeiten der Witterung einigermaßen
gedeckt zu sein, eine Hütte aus Steinen, Reisern und Erde gefertigt,
die ein leidlich regensicheres Laublager bot. Es war vielleicht diese
Hütte, die Adam vorgeschwebt hatte, als er mit Eva die Richtung zu
Tal, statt zu Berge nahm. Die Hütte schien zum Empfang der Liebenden
vorbereitet. Hier schienen heimliche Hände von dem nahenden Feste der
heimlichen Menschwerdung verständigt worden zu sein: denn es waren
Gewölke von Licht um die Hütte, Gewölke von Funken, Leuchtkäfer,
Glühwürmchen, Welten, Milchstraßen, die manchmal in Garben gewaltig
aufstiegen, als wollten sie leere Welträume neu bevölkern. Sie quollen
und schwebten so hoch durch die Schlucht, daß man Sterne des Himmels
davon nicht mehr unterschied.
Obgleich sie es kannten, war dieses Schauspiel, war dieser schweigende
Zauber für Francesco und die sündige Agata doch wunderbar und ihr
Staunen darüber hemmte sie einen Augenblick. Ist das die Stelle,
dachte Francesco, die ich im Grunde doch, ahnungslos, was sie einmal
für mich bedeuten würde, so oft gesucht und mit Wohlgefallen
betrachtet habe? Sie schien mir ein Ort, um sich als Eremit vor dem
Jammer der Welt dahin zurückzuziehen und entsagend in Gottes Wort zu
versenken. Was sie wirklich ist, eine Insel im Strome Phrat oder
Hiedekel, der heimlich-glückseligste Ort im Paradiese, hätte ich ihr
nicht angesehen. Und die mystischen, lohenden Funkengewölke,
Hochzeitsbrände, Opferbrände, oder was es nun immer war, lösten ihn
vollends von der Erde. Wenn er die Welt nicht vergaß, so wußte er, daß
sie ohnmächtig vor den Toren des Gartens Eden lag, wie der
siebenköpfige Drache, das siebenköpfige Tier, das aus dem Meer
gestiegen ist. Was hatte er mit denen zu tun, die den Drachen anbeten.
Mag er Gottes Hütte lästern. Sein Geifer erreicht ihre Stätte nicht.
Nie hatte Francesco, nie hatte der Priester ein solches Nahesein bei
Gott, ein solches Geborgensein in ihm, ein solches Vergessen der
eignen Persönlichkeit gefühlt, und im Rauschen des Bergbachs schienen
allmählich die Berge melodisch zu dröhnen, die Feldzacken zu orgeln,
die Sterne mit Myriaden goldner Harfen zu musizieren. Chöre von Engeln
jubilierten durch die Unendlichkeit, gleich Stürmen brausten von oben
die Harmonien, und Glocken, Glocken, Geläut von Glocken, von
Hochzeitsglocken, kleinen und großen, tiefen und hohen, gewaltigen und
zarten verbreiteten eine erdrückend-selige Feierlichkeit durch den
Weltenraum. -- Und so sanken sie, ineinander verschlungen, auf das
Laublager.
* * * * *
Keinen Augenblick gibt es, der verweilt, und wenn man auch mit
angstvoller Hast solche der höchsten Wonne festhalten will -- so sehr
man sich müht, man findet dazu keine Handhabe. Sein ganzes Leben
bestand, wie Francesco fühlte, aus Stufen zum Gipfel dieses nun
gelebten Mysteriums. Wo sollte man künftig atmen, konnte man es nicht
festhalten. Wie sollte man ein verdammtes Dasein ertragen, wenn man
aus den Verzückungen seiner innersten Himmel wieder verstoßen war.
Mitten im überirdischen Rausch des Genusses empfand der Jüngling mit
stechendem Schmerz die Vergänglichkeit, im Genuß des Besitzes die Qual
des Verlustes. Es war ihm, als sollte er einen Becher des köstlichen
Weines austrinken und einen ebenso köstlichen Durst löschen: der
Becher aber wurde nie leer, während der Durst trotzdem nie gestillt
wurde. Und der Trinkende wollte auch nicht, daß sich sein köstlicher
Durst sättige, noch daß der Becher leer würde: dennoch sog er mit
gieriger Wut daran, gepeinigt, weil er nie auf den Grund kommen
konnte.
Umarmt vom Rauschen des Baches, überflutet davon, umtanzt von
Leuchtkäfern, ruhte das Paar im raschelnden Laub, während durchs Dach
der Hütte die Sterne hereinblinzelten. Von allen Heimlichkeiten
Agatas, die er wie unerreichliche Güter bewundert hatte, hatte er
zitternd Besitz ergriffen. Er war in ihr offenes Haar hineingetaucht,
er hing mit den Lippen an ihren Lippen. Aber sogleich ward sein Auge
voll Neid gegen seinen Mund erfüllt, der ihm den Anblick des süßen
Mädchenmundes geraubt hatte. Und immer unfaßbarer, immer glühender,
immer betäubender quoll aus den Geheimnissen ihres jungen Leibes
Glückseligkeit. Was er nie zu besitzen gehofft hatte, wenn es ihm
heiße Nächte vorspiegelten, das war nichts gegen das gehalten, was er
nun grenzenlos besaß.
Und während er schwelgte, ward er immer aufs neue ungläubig. Das
Übermaß der Erfüllungen veranlaßte ihn immer aufs neue, unersättlich
sich seines Eigentums zu versichern. Zum ersten Male fühlten seine
Finger, seine bebenden Hände und Handflächen, seine Arme, seine Brust,
seine Hüften das Weib. Und sie war für ihn mehr, als das Weib. Ihm
war, als habe er etwas Verlorenes, etwas Verscherztes, ohne das er ein
Krüppel gewesen war, und mit dem er sich jetzt zur Einheit verbunden
hatte, wiedergefunden. War er von diesen Lippen, diesem Haar, diesen
Brüsten und Armen jemals getrennt gewesen? Es war eine Göttin, es war
kein Weib. Und es war überhaupt nichts, was für sich bestand: er
wühlte sich in den Kern der Welt und das Ohr unter die magdlichen
Brüste gedrückt, hörte er glückselig schaudernd das Herz der Welt
pochen.
Jene Betäubung, jener Halbschlaf kam über das Paar, wo die Wonnen der
Erschöpfung in die Reize des wachen Fühlens und die Reize des wachen
Fühlens in die Wonnen der Betäubung des Vergessens übergehen: wobei
Francesco jetzt in den Armen des Mädchens, jetzt Agata in seinen Armen
entschlief. Wie seltsam und mit welchem Vertrauen hatte das scheue,
verwilderte Mädchen sich unter den liebkosenden Zwang des Priesters
gefunden, wie ergeben und glücklich diente sie ihm. Und wenn sie in
seinen Armen entschlief, so war es mit dem beruhigten Lächeln, mit dem
sich das Auge des gesättigten Säuglings im Arme und an der Brust der
Mutter schließt. Francesco aber betrachtete, bestaunte und liebte die
Schlummernde. Durch ihren Leib gingen Wellen von Zuckungen, wie es die
Entspannung des Lebens mit sich bringt. Manchmal schrie das Mädchen im
Traum. Aber immer war es das gleiche, betörende Lächeln, wenn sie die
schmachtenden Lider öffnete und dann das gleiche Sterben in letzter
Hingabe. So oft der Jüngling entschlummerte, schien es ihm, als
entwinde eine Macht ihm leise, leise den Körper, den er, mit ganzem
Leibe fühlend, umschlungen hielt. Aber jedesmal folgte diesem kurzen
Entwinden im Erwachen zuerst ein Fühlen von höchster, dankbar
empfundener Süßigkeit; ein unnennbarer Traum mit einem seligen, wachen
Empfinden des süßesten Wirklichen.
Das war sie, die Paradiesesfrucht, von dem Baume, der mitten im Garten
stand. Er hielt sie mit ganzem Leibe umschlungen. Es war die Frucht
von dem Baume des Lebens, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und
Bösen, mit der die Schlange Eva verführt hatte. Vielmehr war es jene,
deren Genuß Gott gleich machte. Erstorben war in Francesco jeder
Wunsch nach einer höheren, einer andren Glückseligkeit. Auf Erden
nicht und im Himmel nicht gab es Wonnen, die mit der seinen
vergleichbar waren. Es gab keinen König, keinen Gott, den der
Jüngling, wühlend im schwelgerischen Überfluß, nicht als darbenden
Bettler empfunden hätte. Seine Sprache war zum Stammeln, zum
stoßweisen Atmen herabgedrückt. Er sog den betörenden Hauch, der
zwischen den offenen Lippen Agatas hervorströmte. Er küßte die Tränen
der Wollust heiß von der Wimper, heiß von der Wange des Mädchens fort.
Geschlossenen Auges, nur sparsam blinzelnd, genossen beide im anderen
sich selbst, nach innen gerichteten Blicks, heißfühlend und
hellfühlend. Aber das alles war mehr als Genuß, vielmehr etwas, was
auszudrücken menschliche Sprache nicht hinreichend ist.
* * * * *
Francesco las pünktlich am Morgen die Frühmesse. Seine Abwesenheit war
von niemand, seine Heimkunft nicht einmal von Petronilla bemerkt
worden. Die Überstürzung, mit der er, sich flüchtig säubernd, zu den
wartenden Ministranten in die Sakristei und an den Altar vor die
harrende, kleine Gemeinde begeben mußte, verhinderte, daß er zur
Besinnung kam. Die Besinnung trat ein, als er wieder im Pfarrhaus,
wieder in seinem Stübchen war, wo ihm die Wirtschafterin das übliche
Frühstück vorsetzte. Aber diese Besinnung brachte nicht sogleich die
Klarheit einer Ernüchterung. Vielmehr gab die alte Umgebung, der
aufsteigende Tag dem Erlebten den Schein von etwas Unwirklichem, das
wie ein vergangener Traum verblich. Aber hier war doch Wirklichkeit.
Und obgleich sie jeden von Francesco jemals geträumten Traum an
phantastischer Unglaubhaftigkeit überbot, konnte er sie dennoch nicht
wegleugnen. Er hatte einen furchtbaren Fall getan, an diesem Umstand
war nicht zu deuteln: die Frage hieß, ob eine Erhebung von diesem
Sturz, diesem furchtbaren Sündenfall, überhaupt noch möglich war? Der
Sturz war so tief und von einer solchen Höhe herab, daß der Priester
daran verzweifeln mußte. Nicht nur im kirchlichen, auch im weltlichen
Sinne stand dieser schreckliche Fall ohne Beispiel da. Francesco
gedachte des Sindacos, und wie er mit ihm über die mögliche Rettung
der Verworfenen von der Alpe geredet hatte. Nun erst, heimlich, in
seiner tiefen Erniedrigung erkannte er die ganze pfäffische Hoffart,
den ganzen überheblichen Dünkel, der ihn damals gebläht hatte. Er biß
die Zähne zusammen vor Scham, er krümmte sich gleichsam, wie ein
eitler, entlarvter Betrüger, vor Entehrung, in nackter Hilflosigkeit.
War er nicht eben noch ein Heiliger? Hatten nicht Frauen und
Jungfrauen von Soana fast mit Abgötterei zu ihm aufgeblickt?
Und war es ihm nicht gelungen, den kirchlichen Geist der Ortschaft
dermaßen zu heben, daß Messehören und die Kirche besuchen sogar bei
den Männern sich wieder einbürgerte. Nun war er zum Verräter an Gott,
zum Betrüger und Verräter an seiner Gemeinde, zum Verräter an der
Kirche, zum Verräter an seiner Familienehre, zum Verräter an sich
selbst, ja, sogar zum Verräter an den verachteten, verworfenen,
verruchten und erbärmlichen Scarabotas geworden, die er unter dem
Vorwand, ihre Seelen zu retten, erst recht in die Verdammnis
verstrickt hatte.
Francesco dachte an seine Mutter. Sie war eine stolze, fast männliche
Frau, die ihn als Kind mit fester Hand beschützt und geführt, und
deren unbeugsamer Wille auch die Bahn seines künftigen Lebens
vorgezeichnet hatte. Er wußte, daß ihre Härte gegen ihn nichts, als
glühende Mutterliebe war, und daß sie durch die geringste Trübung der
Ehre ihres Sohnes in ihrem Stolze aufs schwerste verletzt, durch eine
ernste Verfehlung des Sohnes aber im Sitz des Lebens unheilbar
verwundet werden mußte. Seltsam, wie im Zusammenhange mit ihr das
wirklich Geschehene, nahe und deutlich Durchlebte nicht einmal auch
nur ausgedacht werden konnte.
Francesco war in den ekelhaftesten Schlamm hinabgesunken, in den
Unflat letzter Verworfenheit. Er hatte darin seine Weihen als
Priester, sein Wesen als Christ, wie als Sohn seiner Mutter, ja, als
Mensch überhaupt zurückgelassen. Der Werwolf, das stinkende,
dämonische Tier, würde in der Meinung der Mutter, in der Meinung der
Menschen überhaupt, sofern sie von dem Verbrechen Kenntnis gehabt
hätten, einzig übrig geblieben sein. Der Jüngling fuhr von dem Stuhl
empor und von dem Brevier auf dem Tisch, in das er sich zum Scheine
vertieft hatte. Es war ihm gewesen, als wenn Hagel von Steinen wider
das Haus prasselten: nicht in der Art, wie am Tage zuvor, bei dem
Versuch einer Steinigung, sondern mit hundert-, mit tausendfachen
Kräften. So, als sollte das Pfarrhaus vertilgt, oder mindestens in
einen Schutthaufen umgewandelt und er als ein giftiges Krötengereck
darunter begraben werden. Er hatte seltsame Laute gehört, furchtbare
Schreie, rasende Zurufe und wußte, daß unter den Wütenden, die
unermüdlich Steine schleuderten, nicht nur ganz Soana, der Sindaco und
die Frau des Sindacos, sondern auch Scarabota und seine Familie, und
sogar allen voran seine Mutter war.
* * * * *
Aber schon nach Stunden hatten ganz andere Phantasien und ganz andere
Regungen solche abgelöst. Alles, was aus der Einkehr, aus dem
Entsetzen über die Tat, aus der Zerknirschung geboren war, schien
jetzt niemals vorhanden gewesen. Eine nie gekannte Not, ein brennender
Durst dörrte Francesco aus. Sein Inneres schrie, wie jemand, der sich
im glühenden Wüstensande verschmachtend wälzt, nach Wasser schreit.
Die Luft schien ohne jene Stoffe zu sein, die man braucht, um zu
atmen. Das Pfarrhaus wurde dem Priester zum Käfig, zwischen dessen
Wänden er mit schmerzenden Knien, ruhelos wie ein Raubtier, schritt,
entschlossen, falls man ihn nicht befreie, lieber, als so weiter zu
leben, den Schädel im Anlauf gegen die Mauer zu zerschmettern. Wie ist
es möglich, als Toter zu leben? fragte er sich, indem er Bewohner des
Dorfes durchs Fenster beobachtete. Wie mögen sie oder wie können sie
atmen? Wie tragen sie, da sie doch das nicht kennen, was ich genossen
habe und nun entbehre, ihr erbärmliches Sein? Und Francesco wuchs in
sich. Er sah auf Päpste, Kaiser, Fürsten und Bischöfe, kurz auf alle
Leute herab, wie sonst Menschen auf Ameisen. Selbst in seinem Durst,
seinem Elend, seiner Entbehrung tat er das. Freilich, er war nicht
mehr Herr seines Lebens. Eine übermächtige Zauberei hatte ihn zu einem
vollständig willenlosen und, ohne Agata, vollständig leblosen Opfer
des Eros gemacht, des Gottes, der älter und mächtiger ist, als Zeus
und die übrigen Götter. Er hatte in den Schriften der Alten gelesen
über dergleichen Zauberei und diesen Gott und beides geringgeschätzt
mit einem Lächeln. Jetzt fühlte er deutlich, daß sogar an einen
Pfeilschuß und eine tiefe Wunde gedacht werden mußte, mit der, nach
Meinung der Alten, der Gott das Blut seiner Opfer vergiftete. Diese
Wunde brannte, bohrte, flammte, fraß und nagte ja in ihm. Er fühlte
furchtbar stechende, Schmerzen -- bis er sich bei Dunkelwerden,
innerlich gleichsam schreiend vor Glück, auf den Weg nach derselben
kleinen Welt-Insel begab, die ihn gestern mit der Geliebten vereint,
und wo er seine neue Begegnung mit ihr verabredet hatte.
* * * * *
Der Berghirt Ludovico, den Bewohnern der Umgegend als »Ketzer von
Soana« bekannt, schwieg, als er bis zu der Stelle seines Manuskriptes,
wo es abbricht, gelesen hatte. Der Besucher hätte die Erzählung gern
bis zu Ende gehört. Als er indessen den Wunsch zu äußern so freimütig
war, eröffnete ihm sein Wirt, daß seine Handschrift nicht weiter
reiche. Er war auch der Ansicht, die Geschichte könne, ja, müsse hier
abreißen. Der Besucher war dieser Meinung nicht.
Was wurde aus Agata und Francesco, aus Francesco und Agata? Blieb die
Sache geheim oder war sie entdeckt worden? Fanden die Liebenden auf
die Dauer oder flüchtig Gefallen aneinander? Erfuhr die Mutter
Francescos von der Angelegenheit? Und endlich wollte der Hörer wissen,
ob eine wirkliche Begebenheit der Erzählung zugrunde liege oder ob sie
durchaus nur Dichtung sei.