»Ich sagte schon,« erwiderte Ludovico, sich ein wenig verfärbend, »daß

ein wirklicher Vorfall den Anlaß für mein Geschreibsel gegeben hat.« Er

schwieg hierauf eine lange Weile. »Man hat,« fuhr er später fort, »vor

etwa sechs Jahren einen Geistlichen mit Stockschlägen und Steinwürfen,

buchstäblich genommen, vom Altar fort aus der Kirche gejagt. Es wurde

mir jedenfalls, als ich von Argentinien nach Europa zurück und in diese

Gegend kam, von so vielen Leuten erzählt, daß ich an dem Geschehnis

selbst nicht zweifle. Auch haben die blutschänderischen Scarabotas,

allerdings nicht unter diesem Namen, hier am Generoso gelebt. Der Name

Agata ist erfunden, ich nahm ihn einfach von dem Kapellchen Sant Agatha,

über dem, wie Sie sehen, noch immer die braunen Fischräuber kreisen.

Aber die Scarabotas haben wirklich unter anderen Sündenfrüchten eine

erwachsene Tochter gehabt, und der Priester ist eines unerlaubten

Umgangs mit ihr bezichtigt worden. Er hat, wie man sagt, die Sache nicht

abgeleugnet, auch nie die geringste Reue gezeigt, und der Papst hat ihn,

behauptet man, deshalb exkommuniziert. Die Scarabotas mußten die Gegend

verlassen. Sie sollen -- die Eltern, nicht die Kinder -- in Rio am

gelben Fieber gestorben sein.«

Der Wein und die Erregung, die durch Ort, Stunde, Gesellschaft und

besonders durch das gelesene Gedicht, verbunden mit allerlei

mystischen Umständen, im Hörer hervorgerufen war, machte diesen noch

weiter zudringlich. Er fragte wieder nach dem Schicksal Francescos und

Agatas. Darüber konnte der Hirt nichts aussagen. »Sie sollen nur lange

Zeit ein Ärgernis der Gegend gewesen sein, indem sie die überall

verstreuten, einsamen Heiligtümer entweihten und schändeten und zu

Asylen ihrer verruchten Lust mißbrauchten.« Bei diesen Worten brach

der Anachoret in ein gänzlich unvermitteltes, lange nicht

einzudämmendes, lautes und freies Gelächter aus.

Gedankenvoll und seltsam bewegt trat der Übermittler dieses

Reiseabenteuers den Heimweg an. Sein Tagebuch enthält Schilderungen

dieses Abstiegs, die er hier jedoch nicht einrücken will. Die

sogenannte blaue Stunde, die eintritt, wenn die Sonne unter den

Horizont gesunken ist, war jedenfalls damals besonders schön. Man

hörte den Fall von Soana rauschen. Ganz so hatten ihn Francesco und

Agata rauschen gehört. Oder hörten sie am Ende jetzt noch sein Getön

und zwar in demselben Augenblick? Lag dort nicht der Scarabotasche

Steinhaufen? Hörte man nicht Laute fröhlicher Kinder, untermischt mit

dem Blöken der Ziegen und Schafe, von dort? Der Wanderer fuhr sich

übers Gesicht, wie wenn er einen verwirrenden Schleier abstreifen

wollte: war die kleine Erzählung, die er gehört hatte, wirklich, wie

eine winzige Enzianblume oder dergleichen, auf einer Matte dieser

Bergwelt gewachsen, oder war dieses herrliche, urgewaltige

Gebirgsrelief, diese erstarrte Gigantomachie aus dem Rahmen der

kleinen Novelle hervorgegangen? Dies und ähnliches dachte er, als sein

Gehör vom sonoren Klang einer singenden Frauenstimme berührt wurde. Es

hieß ja, der Anachoret sei verheiratet. Die Stimme trug, wie in einem

weiten, akustischen Saal, wenn die Menschen den Atem anhalten, um nur

zu lauschen. Auch die Natur hielt den Atem an. Die Stimme schien in

der Felswand zu singen. Manchmal wenigstens flutete sie, in weiten

Schwingungen voll süßesten Schmelzes und feurigen Adels, gleichsam von

dort heraus. Allein die Sängerin kam, wie sich zeigte, von ganz

entgegengesetzter Richtung den Pfad zum Würfel Ludovicos

heraufgestiegen. Sie trug ein Tongefäß auf dem Kopf, das sie mit der

erhobenen Linken ein wenig hielt, während sie mit der Rechten ihr

Töchterchen führte. Dadurch nahm die volle und doch schlanke Gestalt

jene grade, köstliche Haltung an, die so feierlich, ja, erhaben

anmutet. Irgendeine Vermutung schoß dem Beschauer bei diesem Anblick,

wie eine Erleuchtung, durch die Seele.

Wahrscheinlich war er nun entdeckt worden, denn plötzlich verstummte

der Gesang. Man sah die Steigende näherkommen, voll vom Glanze der

westlichen Himmelshälfte getroffen. Man vernahm das Kind -- die Mutter

mit ruhiger, tiefer Stimme antworten. Dann hörte man, wie die nackte

Sohle des Weibes klatschend die roh behauenen Stufen trat. Der Last

wegen mußte man fest und sicher auftreten. Für den Wartenden waren die

Augenblicke vor dieser Begegnung von einer nie gefühlten Spannung und

Rätselhaftigkeit. Die Frau schien zu wachsen. Man sah das

hochgeschürzte Kleid, sah bei jedem Schritte ein Knie sich flüchtig

entblößen, sah nackte Schultern und Arme hervortreten, sah ein rundes,

frauenhaftes, trotz stolzen Selbstbewußtseins holdes Gesicht, das von

starkem Haarwuchs, wie von rotbrauner Erde, urwesenhaft umgeben war.

War das nicht die Männin, die Menschin, die syrische Göttin, die

Sünderin, die mit Gott zerfiel, um sich ganz dem Menschen, dem Manne

zu schenken?

Der Heimkehrende war beiseite getreten, und die leuchtende Kanephore

schritt, seinen Gruß der Last wegen fast unmerklich erwidernd, an ihm

vorbei. Sie wandte beide Augen nach ihm, indes der Kopf geradeaus

gerichtet blieb. Über das Antlitz glitt dabei ein stolzes, ein

selbstbewußtes, ein wissendes Lächeln. Dann senkte sie den Blick

wiederum auf den Weg, während gleichzeitig ein überirdisches Funkeln

durch ihre Wimpern zu sprühen schien. Der Beschauer war vielleicht

durch die Hitze des Tages, den Wein und alles sonst noch Erlebte

überhitzt, aber das ist gewiß: er fühlte vor diesem Weibe sich ganz,

ganz klein werden. Diese vollen, in aller betörenden Süße fast

höhnisch gekräuselten Lippen wußten, es gab gegen sie keinen

Widerspruch. Es gab keinen Schutz, keine Waffe gegen den Anspruch

dieses Nackens, dieser Schultern, und dieser von Lebenshauchen

beseligten und bewegten Brust. Sie stieg aus der Tiefe der Welt empor

und stieg an dem Staunenden vorbei -- und sie steigt und steigt in die

Ewigkeit, als die, in deren gnadenlose Hände Himmel und Hölle

überantwortet sind.

ENDE

End of Project Gutenberg's Der Ketzer von Soana, by Gerhart Hauptmann

Der Ketzer von Soana · 第 8 / 8 段