Bei alledem fühlte der junge Priester und verbarg sich nicht mehr,

welche Veränderung mit ihm vorgegangen war. Der wahre Zustand seines

Wesens war gleichsam nackt hervorgetreten. Die tolle Jagd, die er

hinter sich hatte, er wußte es wohl, war von der Kirche nicht

vorgezeichnet und außerhalb des geheiligten Wegenetzes, das seinem

Wirken deutlich und streng gezogen war. Zum erstenmale geriet nicht

nur sein Fuß, sondern auch seine Seele in die Weglosigkeit und es kam

ihm vor, als wenn er nicht so als Mensch, sondern eher als ein

fallender Stein, ein fallender Tropfen, ein vom Sturme getriebenes

Blatt, an die Stelle, auf der er nun stand, gelangt wäre.

Jedes seiner zornigen Worte belehrte Francesco, daß er seiner selbst

nicht mehr mächtig war, hingegen aber gezwungen wurde, um jeden Preis

Gewalt über Agata zu suchen und auszuüben. Er nahm sie mit Worten in

Besitz. Je mehr er sie demütigte, desto voller tönten in ihm die

Harfen der Seligkeit. Jeder Schmerz, den er ihr strafend zufügte,

weckte einen Taumel in ihm: es fehlte nicht viel, ja, wäre der Hirte

nicht zugegen gewesen, Francesco wäre, in einem solchen Taumel, der

letzten Beherrschung seiner selbst verlustig gegangen und hätte, dem

Mädchen zu Füßen fallend, den echten Schlag seines Herzens verraten.

Agata hatte bis diesen Tag, trotzdem sie in dem verrufenen Anwesen

groß geworden war, den Unschuldstand einer Blume bewahrt. Ebensowenig,

als der Bergenzian waren ihre, diesem gleichenden, blauen Augensterne

jemals im Tale, unten am See gesehen worden. Sie hatte den engsten

Erfahrungskreis. Doch, obgleich der Priester für sie eigentlich gar

kein Mensch, viel eher ein Ding zwischen Gott und Mensch, eine Art

fremder Zauberer war, erriet sie doch plötzlich, und bekundete es

durch einen erstaunten Blick, was Francesco verbergen wollte.

Die Kinder hatten den Ziegenbock, über Geröll empor, davongeführt.

Dem Holzknecht war in Gegenwart des Priesters nicht wohl geworden.

Er nahm den Topf vom Feuer und kletterte damit unter vielen Mühen

wahrscheinlich zu einem Kameraden hinauf, der Lasten Reisig an einem

unendlich langen Draht über einen Abgrund zur Tiefe hinab beförderte.

Mit einem schleifenden Geräusch zog jeweilen solch ein dunkles Bündel

längs der Felsbastionen dahin, einem braunen Bären oder dem Schatten

eines Riesenvogels nicht unähnlich. Übrigens schien es zu fliegen, da

der Draht nicht sichtbar war. Als nach einem urkräftigen Jodler, der

von den Zinnen und Bastionen des Generoso widerhallte, der Hirt dem

Gesichtskreis entschwunden war, küßte Agata, gleichsam zerknirscht,

dem Priester den Saum des Gewandes und dann die Hand.

* * * * *

Francesco hatte mechanisch über den Scheitel des Mädchens das Zeichen

des Kreuzes gemacht, wobei seine Finger ihr Haar berührt hatten. Nun

aber ging ein krampfhaftes Zittern durch seinen Arm, als ob ein Etwas

mit letzter Kraft ein anderes Etwas in seiner Gewalt behalten wollte.

Aber das angespannte, hemmende Etwas vermochte doch nicht zu

verhindern, daß die segnende Hand sich langsam spreizte und mit ihrer

Fläche dem Haupte der reuigen Sünderin näher und näher kam und

plötzlich fest und voll darauf ruhte.

Feige sah sich Francesco ringsum. Es lag ihm fern, sich etwa jetzt

noch selbst zu belügen, und die Lage, in der er war, mit den

Obliegenheiten seines heiligen Amtes zu rechtfertigen, dennoch

redete allerlei aus ihm von Beichte und Firmelung. Und die nahezu

ungebändigte, sprungbereite Leidenschaft fürchtete so sehr die

Möglichkeit, bei ihrer Entdeckung Entsetzen und Abscheu zu erregen,

daß auch sie noch einmal feige unter die Maske der Geistlichkeit

flüchtete.

»Du wirst zu mir hinunter in die Schule nach Soana kommen, Agate,«

sagte er. »Dort wirst du lesen und schreiben lernen. Ich will dich ein

Morgen- und ein Abendgebet lehren, ebenso Gottes Gebote, und wie du

die sieben Hauptsünden erkennen und vermeiden kannst. Wöchentlich

wirst du dann bei mir beichten.«

Aber Francesco, der sich nach diesen Worten losgerissen hatte und,

ohne sich umzublicken, bergabwärts gestiegen war, entschloß sich am

nächsten Morgen, nach einer übeldurchwachten Nacht, selbst zur Beichte

zu gehen. Als er einem tabakschnupfenden Erzpriester des nahen

Bergstädtchens, Arogno mit Namen, seine Gewissensnöte, nicht ohne

Versteckensspiel, eröffnete, ward er bereitwilligst absolviert.

Es war eine Selbstverständlichkeit, daß sich der Teufel dem Versuche

des jungen Priesters, verirrte Seelen in den Schoß der Kirche

zurückzuleiten, entgegensetzte, besonders da das Weib für den Mann

immer die nächste Gelegenheit zur Sünde sei. Nachdem Francesco dann

mit dem Arciprete im Pfarrhaus gefrühstückt hatte und bei offenem

Fenster, linder Luft, Sonne und Vogelsang manches offene Wort über den

öfteren Widerstreit menschlicher mit kirchlichen Angelegenheiten

gefallen war, gab sich Francesco der Täuschung hin, ein erleichtertes

Herz davon zu tragen.

Zu dieser Wandlung hatten wohl auch für ihren Teil einige Gläser jenes

schweren, schwarzvioletten Weines beigetragen, den die Bauern Arognos

kelterten und dessen der Pfaff einige Oxhofte voll besaß. Zu dem

Kellergewölbe unter gewaltigen zartbelaubten Kastanien, wo dieser

Reichtum auf Balken lagerte, gab sogar schließlich noch, nach

beendeter Mahlzeit der Priester dem Priester und Beichtkinde das

Geleit, da er gewohnheitsgemäß um diese Zeit für den weiteren

Tagesbedarf seinen mitgenommenen Fiasco zu füllen pflegte.

Kaum aber hatte Francesco seinem Beichtvater auf der blumigen,

windbewegten Wiese vor der eisenbeschlagenen Pforte des Felsgewölbes

Lebewohl gesagt, kaum hatte er, rüstig um eine Biegung des Weges davon

schreitend, hügeliges Land genug, mit Baum und Gebüsch, zwischen sich

und ihn gebracht, als er auch schon einen unerklärlichen Widerwillen

gegen den Trost des Kollegen empfand und die ganze Zeit, die er mit

ihm verbracht hatte.

Dieser schmuddlige Bauer, dessen abgenutzte Soutane und schweißiges

Unterzeug einen widerlichen Geruch verbreitete, dessen schinniger Kopf

und mit eingefressenem Schmutz bedeckte, rauhe Hände bewiesen, daß

Seife für ihn eine fremde Sache war, schien ihm vielmehr ein Tier, ja,

ein Klotz, statt ein Priester Gottes zu sein. Die Geistlichen sind

geweihte Personen, sagte er sich, wie die Kirche lehrt, die durch die

Weihe übernatürliche Würde und Gewalt erhalten haben, so daß selbst

Engel vor ihnen sich neigen. Diesen konnte man nur als eine

Spottgeburt auf das alles bezeichnen. Welche Schmach, die

priesterliche Allmacht in solche Rüpelhände gelegt zu sehen. Da doch

Gott sogar solcher Allmacht unterliege und er durch die Worte: »hoc

est enim meum corpus« unwiderstehlich gezwungen wird, auf den Meßaltar

niederzusteigen.

Francesco haßte ihn, ja, verachtete ihn. Dann wieder empfand er tiefes

Bedauern. Aber endlich kam es ihm vor, als ob sich der stinkende,

häßliche, unflätige Satan in ihn verkleidet hätte. Und er gedachte

solcher Geburten, die mit Hilfe eines incubus oder eines succubus

zustande gekommen sind.

Francesco erstaunte selbst über solche Regungen seines Innern und

über seinen Gedankengang. Sein Wirt und Beichtiger hatte, außer durch

sein Dasein, kaum einen Anlaß dazu gegeben, denn seine Worte, auch

über Tisch, waren durchaus getragen vom Geiste der Wohlanständigkeit.

Aber Francesco schwamm bereits wiederum in einem solchen Gefühl von

Gehobenheit, glaubte eine so himmlische Reinheit zu atmen, daß ihm,

verglichen mit diesem geheiligten Element, das Alltägliche wie im

Stande der Verdammnis festgekettet schien.

* * * * *

Der Tag war gekommen, an dem Francesco die Sünderin von der Alpe zum

erstenmal im Pfarrhause zu Soana erwartete. Er hatte ihr aufgetragen,

die Schelle, unweit der Kirchtür, zu ziehen, durch die man ihn in den

Beichtstuhl rufen konnte. Aber es ging schon gegen die Mittagszeit,

ohne daß die Schelle sich regen wollte, während er, immer zerstreuter

werdend, einige halberwachsene Mädchen und Knaben im Schulzimmer

unterrichtete. Der Wasserfall sandte sein Brausen, jetzt

aufschwellend, jetzt absinkend, durchs offene Fenster herein, und die

Erregung des Priesters wuchs, so oft es sich steigerte. Er war dann

besorgt, womöglich das Läuten der Schelle zu überhören. Die Kinder

befremdete seine Unruhe, seine Geistesabwesenheit. Am wenigsten

entging es den Mädchen, deren irdische, wie himmlische Sinne

schwärmerisch an dem jungen Heiligen sich weideten, daß er mit der

Seele nicht bei der Sache und also auch nicht bei ihnen war. Durch

tiefen Instinkt mit den Regungen seines jugendlichen Wesens verknüpft,

empfanden sie sogar jene Spannung mit, die es augenblicklich

beherrschte.

Kurz vor dem Zwölfuhrglockenschlag entstand Gemurmel von Stimmen auf

dem Dorfplatz, der mit seinen mailich sprossenden Kastanienwipfeln bis

dahin still im Lichte der Sonne lag. Eine Menschenmenge näherte sich.

Man hörte ruhigere, scheinbar protestierende, männliche Kehllaute.

Aber ein unaufhaltsamer Strom von weiblichen Worten, Schreien,

Verwünschungen und Protesten überschwoll mit einemmal jene und dämpfte

sie bis zur Unhörbarkeit. Dann trat eine bange Ruhe ein. Plötzlich

schlugen ans Ohr des Priesters dumpfe Geräusche, deren Ursache im

ersten Augenblick unbegreiflich blieb. Man war im Mai und doch klang

es, als wenn im Herbst ein Kastanienbaum, unter der Wucht eines

Windstoßes, Lasten von Früchten auf einmal abschüttelte. Platzend

trommeln die harten Kastanien auf das Erdreich.

Francesco beugte sich aus dem Fenster.

Er sah mit Entsetzen, was auf der Piazza im Gange war. Er war so

erschrocken, ja, so bestürzt, daß ihn erst der ohrzerreißende,

gellende Laut des Beichtglöckchens zur Besinnung brachte, an dem mit

verzweifelter Hartnäckigkeit gerissen wurde. Und schon war er in die

Kirche und vor die Kirchtür geeilt und hatte das Beichtkind, es war

Agata, vom Zug der Klingel weg und in die Kirche hineingerissen. Dann

trat er vor das Portal hinaus.

Soviel war klar: der Eintritt der Verfemten in den Ort war bemerkt

worden und geschehen, was in diesem Falle gewöhnlich war. Man hatte

versucht, sie mit Steinen, wie jeden räudigen Hund, oder wie man einem

Wolfe getan hätte, aus dem Wohnbereich der Menschen zu jagen. Bald

hatten sich Kinder und Mütter von Kindern zusammengetan und hatten das

ausgestoßene, fluchbringende Wesen gehetzt, ohne sich durch die schöne

Mädchengestalt irgendwie in der Annahme stören zu lassen, ihre

Steinwürfe gälten einem gefährlichen Tier, einem Ungeheuer, das Pest

und Verderben verbreite. Indessen hatte Agata, des priesterlichen

Schutzes gewiß, sich von ihrem Ziel nicht abbringen lassen. So war das

entschlossene Mädchen, verfolgt und gehetzt, vor der Kirchtür

angelangt, die jetzt noch von einigen geworfenen Steinen aus

Kinderhänden getroffen wurde.

Der Priester hatte nicht nötig, die aufgeregten Gemeindeglieder durch

eine Strafpredigt zur Besinnung zu bringen: sie verflüchtigten sich,

sobald sie ihn sahen.

In der Kirche hatte Francesco der hochatmenden, stummen Verfolgten

durch einen Wink bedeutet, mit ihm ins Pfarrhaus zu gehn. Auch er war

erregt, und so hörten sich beide stoßweise atmen. Auf einem engen

Treppchen des Pfarrhäuschens, zwischen weißgetünchten Mauern, stand

die bestürzte, doch schon wieder ein wenig beruhigte Schaffnerin, um

das gehetzte Wild zu empfangen. Man merkte ihr an, daß sie bereit zu

helfen war, wenn es irgendwie not täte. Erst beim Anblick der alten

Frau schien Agata sich des Demütigenden ihres augenblicklichen

Zustands bewußt zu werden. Vom Lachen zum Zorn, vom Zorn zum Lachen

übergehend, stieß sie starke Verwünschungen aus, und gab so dem

Priester Gelegenheit, zum erstenmal ihre Stimme zu hören, die, wie ihm

vorkam, voll, sonor und heroisch klang. Ihr war nicht bekannt, weshalb

sie verfolgt wurde. Sie sah das Städtchen Soana etwa wie ein Nest von

Erdwespen oder einen Ameisenhaufen an. So wütend und entrüstet sie

war, kam es ihr doch nicht in den Sinn, über die Ursache einer so

gefährlichen Bösartigkeit nachzudenken. Kannte sie doch diesen

Zustand von Kindheit an und nahm ihn für einen nur natürlichen.

Allein man wehrt sich auch gegen Wespen und Ameisen. Mögen es Tiere

sein, die uns angreifen, wir werden durch sie, je nachdem, zum Haß,

zur Wut, zur Verzweiflung empört und entladen die Brust, wiederum

jenachdem, durch Drohungen, Tränen oder durch Regungen tiefster

Verachtung. So tat auch Agata, während ihr nun die Haushälterin die

ärmlichen Lumpen zurecht zupfte, sie selber aber den staunenerregenden

Schwall ihres rost- bis ockerfarbenen Haares, das sich im hastigen

Lauf gelöst hatte, aufsteckte.

Wie nie zuvor, litt der junge Francesco in diesem Augenblick unter dem

Zwang seiner Leidenschaft. Die Nähe des Weibes, das, wie eine wilde,

köstliche Frucht, in der Bergödenei zur Reife gediehen war, die

berauschende Glut, die ihr erhitzter Körper ausströmte, der Umstand,

daß die bis dahin ferne Unerreichliche jetzt die Enge der eigenen

Wohnung umschloß, alles das brachte zuwege, daß Francesco die Fäuste

ballen, die Muskeln spannen, die Zähne zusammenbeißen mußte, um nur in

einer Verfassung aufrecht zu bleiben, die ihm das Hirn sekundenlang

völlig verfinsterte. Wurde es hell, so war ein ungeheurer Aufruhr von

Bildern, Gedanken und Gefühlen in ihm: Landschaften, Menschen,

fernste Erinnerungen, lebendige Augenblicke der familiären und

beruflichen Vergangenheit vermählten sich mit Vorstellungen der

Gegenwart. Gleichsam fliehend von diesen, stieg süß und schrecklich

eine unentrinnbare Zukunft empor, der er sich ganz verfallen wußte.

Gedanken zuckten über dies Bilderchaos der Seele hin, unzählbar,

ruhelos, aber ohnmächtig. Der bewußte Wille, erkannte Francesco, war

in seiner Seele entthront, und ein anderer herrschte, dem nicht zu

widerstehen war. Mit Grauen gestand sich der Jüngling, ihm war er auf

Gnade und Ungnade ausgeliefert. Diese Verfassung glich der

Besessenheit. Aber wenn ihn die Angst vor dem unvermeidlichen Sturz in

das Verbrechen der Todsünde überkam, so hätte er gleichzeitig vor

unbändigster Freude aufbrüllen mögen. Sein hungriger Blick sah mit

niegekannter, staunender Sättigung. Mehr: Hunger war hier Sättigung,

Sättigung Hunger. Ihm schoß der verruchte Gedanke durch den Kopf, hier

allein sei seine unvergängliche, göttliche Speise, mit der das

Sakrament gläubige Christenseelen himmlisch nährt. Seine Empfindungen

waren abgöttisch. Er erklärte seinen Oheim in Ligornetto für einen

schlechten Bildhauer. Und warum hatte er nicht lieber gemalt?

Vielleicht konnte er selbst noch Maler werden. Er dachte an Bernardino

Luini und sein großes Gemälde in der alten Klosterkirche des nahen

Lugano und an die köstlichen, blonden, heiligen Frauen, die sein

Pinsel dort geschaffen hat. Aber sie waren ja nichts, verglichen mit

dieser heißen, lebendigsten Wirklichkeit.

Francesco wußte nun nicht sofort, was er beginnen sollte. Eine

warnende Empfindung veranlaßte ihn zunächst, die Nähe des Mädchens zu

fliehen. Allerlei Gründe, nicht alle gleich lauter, bewogen ihn,

sogleich den Sindaco aufzusuchen und, ehe es andere tun konnten, von

dem Geschehnis zu verständigen. Der Sindaco hörte ihn ruhig an,

Francesco hatte ihn glücklicherweise zu Hause getroffen, und nahm in

der Sache den Standpunkt des Priesters ein. Es war nur christlich und

gut katholisch, die Mißwirtschaft auf der Alpe nicht einfach laufen zu

lassen und sich des in Sünde und Schande verstrickten, verrufenen

Volkes anzunehmen. Was aber die Dorfbewohner und ihr Verhalten betraf,

so versprach er dagegen strenge Maßregeln.

Als der junge Priester gegangen war, sagte die hübsche Frau des

Sindaco, die eine stille, schweigsame Art zu betrachten hatte:

»Dieser junge Priester könnte es wohl bis zum Kardinal, ja, zum Papst

bringen. Ich glaube, er zehrt sich ab mit Fasten, Beten und

Nachtwachen. Aber der Teufel ist gerade hinter den Heiligen mit

seinen höllischen Künsten her und mit den verborgensten Schlichen und

Listen. Möge der junge Mann, durch Gottes Beistand, vor ihnen immer

behütet sein.«

Viele begehrliche und auch böse Weiberaugen verfolgten Francesco, als

er, mit so wenig wie möglich beschleunigtem Schritt, zurück zur Pfarre

ging. Man wußte, wo er gewesen war, und war entschlossen, sich diese

Pest von Soana nur mit Gewalt aufdrängen zu lassen. Aufrecht schreitende

Mädchen, die, Holz auf dem Kopf tragend, ihm auf dem Platze nahe dem

Marmorsarkophage begegneten, hatten ihn zwar mit unterwürfigem Lächeln

gegrüßt, sich aber hernach schnöde angesehen. Wie im Fieber schritt

Francesco dahin. Er hörte das Durcheinanderschmettern der Vögel, das

schwellende und verhaltene Rauschen des ewigen Wasserfalls: aber es war

ihm, als ob er die Füße nicht auf dem Boden hätte, sondern steuerlos in

einem Wirbel von Lauten und Bildern vorwärts gerissen würde. Plötzlich

fand er sich in der Sakristei seiner Kirche, dann im Schiff vor dem

Hauptaltar, als er kniend die Jungfrau Maria um Beistand in den Stürmen

seines Innern anflehte.

Allein seine Bitten waren nicht in dem Sinne gemeint, daß sie ihn von

Agata befreien sollte. Ein solcher Wunsch hätte in seiner Seele keine

Nahrung gehabt. Sie waren vielmehr ein Flehen um Gnade. Die Mutter

Gottes sollte verstehen, vergeben, womöglich billigen. Jäh unterbrach

Francesco das Gebet und ward vom Altar fortgerissen, als ihm von

ungefähr der Gedanke, Agata könne davongegangen sein, ins Bewußtsein

schoß. Er fand das Mädchen indessen noch, und Petronilla leistete ihr

Gesellschaft.

»Ich habe alles ins Reine gebracht,« sagte Francesco. »Der Weg zur

Kirche und zum Priester ist frei für jedermann. Traue auf mich, das

Geschehene wird sich nicht wiederholen.« Ihn überkam eine Festigkeit

und Sicherheit, als ob er nun wieder auf rechtem Pfad und auf gutem

Grund stünde. Petronilla wurde mit einem wichtigen, kirchlichen

Aktenstück auf die Nachbarpfarre geschickt. Der Gang war leider

unaufschiebbar. Im übrigen möge die Wirtschafterin dem Pfarrer über

den Vorfall berichten. »Triffst du Leute, so sage ihnen,« betonte er

noch, »daß Agata von der Alpe oben hier bei mir im Pfarrhaus ist und

in den Lehren unsrer Religion, unsres geheiligten Glaubens von mir

unterrichtet wird. Sie mögen nur kommen und es verhindern und sich die

Strafe der ewigen Verdammnis aufs Haupt ziehen. Sie mögen nur einen

Auflauf vor der Kirche machen, um ihre Mitchristin zu mißhandeln. Die

Steine werden nicht sie, sondern mich treffen. Ich werde ihr mit

Einbruch der Dunkelheit, und sei es auch bis zur Alpe hinauf, selbst

das Geleit geben.«

* * * * *

Als die Haushälterin gegangen war, trat eine längere Stille ein. Das

Mädchen hatte die Hände in den Schoß gelegt und saß noch auf dem

gleichen, scheinbar zerbrechlichen Stuhl, den Petronilla für sie an

die weißgetünchte Wand gerückt hatte. In Agatas Augen zuckte es noch,

und die erlittene Kränkung spiegelte sich in Blitzen der Entrüstung

und heimlichen Wut, aber ihr volles Madonnengesicht hatte mehr und

mehr einen hilflosen Ausdruck angenommen, bis endlich ein stiller,

ergiebiger Strom seine Wangen badete. Francesco, ihr den Rücken

kehrend, hatte mittlerweile zum offenen Fenster hinausgeblickt.

Während er seine Augen über die gigantischen Bergwände des Soanatales,

von der schicksalsträchtigen Alpe an bis zum Seeufer, gleiten ließ

und, mit dem ewigen Summen des Falles, Gesang einer einzelnen,

schmelzenden Knabenstimme aus den üppigen Rebenterrassen drang, mußte

er zögern zu glauben, daß er nun wirklich die Erfüllung seiner

überirdischen Wünsche in der Hand hatte. Würde Agata, wenn er sich

wendete, noch vorhanden sein? Und war sie zugegen, was würde

geschehen, wenn er sich wendete? Müßte diese Wendung nicht

entscheidend für sein ganzes irdisches Dasein, ja, darüber hinaus

entscheidend sein? Diese Fragen und Zweifel bewogen den Priester, die

eingenommene Stellung solange, wie möglich innezuhalten, um noch

einmal vor der Entscheidung mit sich ins Gericht oder doch wenigstens

zu Rate zu gehen. Es handelte sich dabei um Sekunden, nicht um

Minuten: doch in diesen Sekunden wurde ihm nicht nur, vom ersten

Besuche Luchino Scarabotas an, die ganze Geschichte seiner

Verstrickung, sondern sein ganzes bewußtes Leben unmittelbar

Gegenwart. In diesen Sekunden breitete sich eine ganze gewaltige

Vision des jüngsten Gerichtes mit Vater, Sohn und heiligem Geist am

Himmel, über der Gipfelkante des Generoso aus und schreckte mit dem

Gedröhn der Posaunen. Den einen Fuß auf dem Generoso, den andern auf

einem Gipfel jenseit des Sees stand, in der Linken die Wage, in der

Rechten das bloße Schwert, furchtbar drohend, der Erzengel Michael,

während sich hinter der Alpe von Soana der scheußliche Satan mit

Hörnern und Klauen niedergelassen hatte. Fast überall aber, wo der

Blick des Priesters hinirrte, stand eine schwarzgekleidete,

schwarzverschleierte, händeringende Frau, die niemand anderes, als

seine verzweifelte Mutter war.

Francesco hielt sich die Augen zu und preßte dann beide Hände gegen

die Schläfen. Wie er sich dann langsam herumwandte, sah er das in

Tränen schwimmende Mädchen, dessen purpurner Mund schmerzlich

zitterte, lange mit einem Ausdruck des Grauens an. Agata erschrak.

Sein Gesicht war entstellt, wie wenn es der Finger des Todes berührt

hätte. Wortlos wankte er auf sie zu. Und mit einem Röcheln, wie das

eines von unentrinnbarer Macht Besiegten, das zugleich ein wildes,

lebensbrünstiges Stöhnen und Röcheln um Gnade war, sank er zerbrochen

vor ihr ins Knie und rang gegen sie die gefalteten Hände.

Francesco würde seiner Leidenschaft vielleicht noch lange nicht in

solchem Grade unterlegen sein, wenn nicht das Verbrechen der

Dorfbewohner an Agata ihr ein namenloses, heißes, menschliches

Mitgefühl beigemischt hätte. Er erkannte, was diesem von Gott mit

aphrodisischer Schönheit begabten Geschöpf in seinem fernen Leben und

in der Welt ohne Beschützer bevorstehen mußte. Er war durch die

Umstände heute zu ihrem Beschützer gemacht worden, der sie vielleicht

vom Tode durch Steinigung errettet hatte. Er hatte dadurch ein

persönliches Anrecht auf sie erlangt. Ein Gedanke, der ihm nicht

deutlich war, aber doch sein Handeln beeinflußte: unbewußt wirkend,

räumte er allerlei Hemmungen, Scheu und Furchtsamkeit hinweg. Und er

sah in seinem Geist keine Möglichkeit, seine Hand je wieder von der

Verfemten abzuziehen. Er würde an ihrer Seite stehen und stünde die

Welt und Gott auf der anderen. Solche Erwägungen, solche Strömungen

verbanden sich, wie gesagt, unerwartet mit dem Strome der

Leidenschaft, und so trat dieser aus den Ufern.

Vorerst war sein Verhalten indessen noch nicht die Abkehr vom Rechten

und die Folge eines Entschlusses, zu sündigen: es war nur ein Zustand

der Ohnmacht, der Hilflosigkeit. Warum er das tat, was er tat, hätte

er nicht zu sagen gewußt. In Wahrheit tat er eigentlich nichts. Es

geschah nur etwas mit ihm. Und Agata, die nun eigentlich hätte

erschrecken müssen, tat dies nicht, sondern schien vergessen zu haben,

daß Francesco ein ihr fremder Mann und ein Priester war. Er schien auf

einmal ihr Bruder geworden. Und während ihr Weinen zum Schluchzen sich

steigerte, ließ sie es nicht nur zu, daß der nun auch von trocknem

Schluchzen Geschüttelte sie, wie zum Troste, umfing, sondern sie

senkte ihr überströmtes Gesicht und verbarg es an seiner Brust.

Der Ketzer von Soana · 第 6 / 8 段