Francescos Gebete hatten nicht mehr die einstige Klarheit und

Übersicht. Er bat um Dinge, die einander ausschlossen. Er ward

mitunter selbst zweifelhaft, ob der Strom der Leidenschaft, der seine

Bitten trug, vom Himmel oder aus einer anderen Quelle stamme. Das

heißt: er wußte nicht recht, ob er nicht etwa den Himmel im Grunde um

ein höllisches Gut anflehe. Es mochte christlichem Mitleid und

priesterlicher Sorge entsprungen sein, wenn er die Geschwister

Scarabota in sein Gebet einbezog. Verhielt es sich aber ebenso, wenn

er inbrünstig bis zu glühenden Tränen den Himmel um die Rettung Agatas

anflehte?

Auf diese Frage konnte er einstweilen noch mit Ja antworten, denn die

deutliche Regung des mächtigsten Triebes, die er beim Wiedersehen des

Mädchens gespürt hatte, war in eine schwärmerische Empfindung für

etwas unendlich Reines übergegangen. Diese Verwandlung war die

Ursache, daß Francesco nicht merkte, wie sich die Frucht der Todsünde

anstelle Mariens, der Mutter Gottes, eindrängte und für seine Gebete

und Gedanken gleichsam die Inkarnation der Madonna war. Am ersten Mai

begann in der Kirche von Soana, wie überall, ein besonderer

Mariendienst, dessen Wahrnehmung die Wachsamkeit des jungen Priesters

noch besonders einschläferte. Immer, Tag für Tag, gegen die Zeit der

Abenddämmerung, hielt er, hauptsächlich vor den Frauen und Töchtern

Soanas, einen kleinen Diskurs, der die Tugenden der gebenedeiten

Jungfrau zum Gegenstand hatte. Vorher und nachher erscholl das Schiff

der Kirche, bei offener Tür, in den Frühling hinaus, zu Ehren Mariens

von Lobgesang. Und in die alten, köstlichen, nach Text und Musik so

lieblichen Weisen, mischte sich von außen fröhlicher Spatzenlärm und

aus den nahen, feuchten Schluchten die süßeste Klage der Nachtigall.

In solchen Minuten war Francesco, scheinbar im Dienste Mariens, dem

Dienste seines Idols ganz hingegeben.

Hätten die Mütter und Töchter Soanas geahnt, daß sie in den Augen des

Priesters eine Gemeinschaft bildeten, die er Tag für Tag zur

Verherrlichung dieser verhaßten Sündenfrucht in die Kirche zog, oder

darum, um sich auf den andachtsvollen Klängen des Marien-Gesanges zu

der fern und hoch am Felsen klebenden, kleinen Alm emportragen zu

lassen, man würde ihn sicher gesteinigt haben, so aber schien es, als

wüchse mit jedem Tag vor den staunenden Augen der ganzen Gemeinde des

jungen Klerikers Frömmigkeit. Nach und nach wurde alt und jung, reich

und arm, kurz jedermann, vom Sindaco bis zum Bettler, vom

Kirchlichsten bis zum Gleichgültigsten, in den heiligen Maienrausch

Francescos hineingezogen.

Sogar die langen einsamen Wege, die er nun öfters unternahm, wurden

zugunsten des jungen Heiligen ausgelegt. Und doch wurden sie nur

unternommen in der Hoffnung, daß ein Zufall ihm einmal bei solcher

Gelegenheit Agata in den Wurf führen könne. Denn er hatte bis zum

nächsten, besonderen Gottesdienst für die Familie Scarabota in seiner

Scheu, sich zu verraten, einen Zwischenraum von mehr als acht Tagen

angesetzt, der ihm jetzt unerträglich lang wurde.

Noch immer sprach die Natur in jener aufgeschlossenen Weise zu ihm,

die er zuerst auf dem Gange nach Sant Agatha, auf der Höhe des kleinen

Heiligtums wahrgenommen hatte. Jeder Grashalm, jede Blume, jeder Baum,

jedes Wein- und Epheublatt waren nur Worte einer aus dem Urgrund des

Seins aufklingenden Sprache, die, in tiefster Stille selbst, mit

gewaltigem Brausen redete. Nie hatte eine Musik so sein ganzes Wesen

durchdrungen und, wie er meinte, mit heiligem Geist erfüllt.

* * * * *

Francesco hatte den tiefen, ruhigen Schlaf seiner Nächte eingebüßt.

Der mystische Weckruf, der ihn getroffen hatte, schien sozusagen den

Tod getötet und seinen Bruder, den Schlaf, verbannt zu haben. Jede

dieser von überall quellendem Leben durchpulsten Schöpfungsnächte ward

für Francescos jungen Körper zur heiligen Offenbarungszeit: so zwar,

daß es ihm manchmal zumute war, als ob er den letzten Schleier vom

Geheimnis der Gottheit fallen fühlte. Oft, wenn er aus heißen Träumen,

die beinahe ein Wachen darstellten, in das Wachen der Sinne überging,

draußen der Fall von Soana doppelt so laut, als am Tage rauschte, der

Mond mit den Finsternissen der mächtigen Klüfte kämpfte und schwarzes

Gewölk, gigantisch murrend, die höchsten Spitzen des Generoso

verdüsterte, zitterte Francescos Leib von Gebeten, inbrünstig, wie nie

zuvor, und ähnlich, wie wenn ein durstiger Stamm, dessen Wipfel der

Frühlingsregen tränkt, im Winde erschauert. In diesem Zustande rang er

voll Sehnsucht mit Gott, ihn in das heilige Schöpfungswunder, wie in

den brennenden Kern des Lebens, einzuweihen, in dieses allerheiligste,

innerste Etwas, das von dort aus alles Dasein durchdringt. Er sprach:

»Von dort, o du mein allmächtiger Gott, dringt dein stärkstes Licht!

von diesem in nie zu erschöpfenden Feuerwellen strömenden Kern

verbreitet sich alle Wonne des Daseins und das Geheimnis der tiefsten

Lust. Lege mir nicht eine fertige Schöpfung in den Schoß, o Gott,

sondern mache mich zum Mitschöpfer. Laß mich teilnehmen an deinem nie

unterbrochenen Schöpfungswerk; denn nur dadurch, und durch nichts

anderes, vermag ich auch deines Paradieses teilhaft zu werden.«

Unbekleidet lief Francesco, um die Glut seiner Glieder zu kühlen, im

Zimmer bei weitgeöffnetem Fenster umher und ließ die Nachtluft um

seinen Leib fluten. Dabei kam es ihm vor, als ruhe das schwarze

Gewitter über dem riesenhaften Felsrücken des Generoso, wie ein

ungeheurer Stier über einer Ferse ruht, schnaube Regen aus seinen

Nüstern, murre, schieße zuckende Blitze aus düster flammenden Augen

und übe mit keuchender Flanke das zeugende Werk der Fruchtbarkeit.

Vorstellungen wie diese waren durchaus heidnischer Art, und der

Priester wußte es, ohne daß es ihn jetzt beunruhigte. Er war

allbereits zu sehr in die allgemeine Betäubung drängender

Frühlingskräfte versunken. Der narkotische Brodem, der ihn erfüllte,

löste die Grenzen seiner engen Persönlichkeit und weitete ihn ins

Allgemeine. Überall wurden Götter geboren in der frühen, toten Natur.

Und auch die Tiefen von Francescos Seele erschlossen sich und sandten

Bilder herauf von Dingen, die im Abgrund der Jahrmillionen versunken

lagen.

In einer Nacht hatte er, im Zustande halben Wachens, einen schweren

und in seiner Art furchtbaren Traum, der ihn in eine grausige Andacht

versenkte. Er ward gleichsam zum Zeugen eines Mysteriums, das eine

schreckliche Fremdheit und zugleich etwas, wie Weihungen einer

uralten, unwiderstehlichen Macht ausatmete. Irgendwo versteckt in den

Felsen des Monte Generoso schienen Klöster gelegen zu sein, aus denen

herab gefährliche Steige und Felstreppchen in unzugängliche Höhlen

führten. Diese Felssteige klommen in feierlichem Zuge, einer hinter

dem anderen, bärtige Männer und Greise in braunen Kutten herab, die

aber in der Versunkenheit ihrer Bewegungen, sowie in der Entrücktheit

ihrer Gesichter schauerlich wirkten und zur Ausübung eines

schrecklichen Kultes verdammt schienen. Diese beinahe riesenhaften und

wilden Gestalten waren auf eine beklemmende Weise ehrwürdig. Sie

kamen hochaufgerichtet herab, mit gewaltig verwilderten, buschigen

Häuptern, an denen sich Haupt- und Barthaar vermischte. Und diesen

Vollstreckern eines unbarmherzigen und tierischen Dienstes folgten

Weiber nach, die nur von den mächtigen Wogen ihres Haars, wie von

schweren, goldenen oder schwarzen Mänteln bedeckt waren. Während das

Joch des furchtbaren Triebs die wortlos abwärtssteigenden

Traumeremiten starr und besinnungslos gefangen hielt, lag eine Demut

über den Weibern, gleichwie über Opfertieren, die sich selber einer

schrecklichen Gottheit darbringen. In den Augen der Mönche lag stille,

besinnungslose Wut, als wenn der giftige Biß eines tollen Tiers sie

verwundet und ihnen einen Wahnwitz ins Blut gesetzt hätte, dessen

rasender Ausbruch zu erwarten war. Auf den Stirnen der Weiber, in

ihren andächtig fromm gesenkten Wimpern lag eine erhabene

Feierlichkeit.

Endlich hatten die Anachoreten des Generoso sich, wie lebende

Götzen, vereinzelt in flache Höhlen der Felswand gestellt, und es

begann ein ebenso häßlicher, als erhabener Phallusdienst. So

scheußlich er war -- und Francesco erschrak in der tiefsten

Seele -- so schauerlich war er in seinem tödlichen Ernst und seiner

bangen Heiligkeit. Mächtige Eulen revierten mit durchdringendem

Schrei an den Felswänden, beim Sturze des Wasserfalls und im

magischen Lichte des Monds; aber die gewaltigen Rufe der großen

Nachtvögel wurden von den herzerstarrenden Schmerzensschreien der

Priesterinnen übertönt, die an den Qualen der Lust dahinstarben.

* * * * *

Der Tag des Gottesdienstes für die armen, verfemten Sennhirten war

endlich wieder herangekommen. Er glich schon am Morgen, als der

Priester Francesco Vela sich erhob, keinem unter allen früheren, die

er jemals erlebt hatte. So springen im Leben jedes bevorzugten

Menschen unerwartet und ungerufen Tage, wie blendende Offenbarungen

auf. Der Jüngling hatte an diesem Morgen nicht den Wunsch, weder ein

Heiliger, noch ein Erzengel, noch selbst ein Gott zu sein. Vielmehr

beschlich ihn leise Furcht, Heilige, Erzengel und Götter möchte der

Neid ihm zu Feinden machen; denn er kam sich an diesem Morgen über

Heilige, Engel und Götter erhaben vor. Aber oben auf Sant Agatha

wartete seiner eine Enttäuschung. Sein Idol, das den Namen der

Heiligen trug, hatte sich von dem Kirchgang ausgeschlossen. Von dem

erbleichenden Priester gefragt, brachte der rauhe, vertierte Vater nur

rauhe, vertierte Laute heraus, während die Gattin, die zugleich seine

Schwester war, die Tochter mit häuslicher Arbeit entschuldigte.

Hierauf ward die heilige Funktion durch Francesco auf eine so

teilnahmslose Weise erledigt, daß er am Schlusse der Messe nicht recht

wußte, ob er sie schon begonnen habe. Im Innern durchlebte er

Höllenpein, ja, solche Zustände, die, einem wirklichen Höllensturz

vergleichbar, aus ihm einen armen Verdammten machten.

Nachdem er den Ministranten zugleich mit den Geschwistern Scarabota

entlassen hatte, stieg er, noch immer vollkommen fassungslos, an

irgendeiner Seite des steilen Kegels bergab, ohne sich eines Zieles,

noch weniger irgendeiner Gefahr bewußt zu sein. Wieder hörte er Rufe

hochzeitlich kreisender Fischadler. Aber sie klangen ihm wie Hohn, der

sich aus trügerisch leuchtendem Äther herabschüttete. Im Geröll eines

trockenen Wasserlaufs rutschte er keuchend und springend ab, während

er wirre Gebete und Flüche wimmerte. Er fühlte Foltern der Eifersucht.

Obgleich etwas Weiteres nicht geschehen war, als daß die Sünderin

Agatha durch irgendetwas auf der Alpe von Santa Croce festgehalten

wurde, erschien es dem Priester ausgemacht, daß sie einen Buhlen besaß

und die der Kirche gestohlene Zeit in seinen verruchten Armen

zubrachte. Während ihm durch ihr Fernbleiben mit einem Schlage die

Größe seiner Abhängigkeit zum Bewußtsein kam, fühlte er abwechselnd

Angst, Bestürzung und Wut, den Drang, sie zu strafen und um Rettung

aus seiner Not, das heißt um Gegenliebe, zu betteln. Er hatte den

Stolz des Priesters noch keineswegs abgestreift: es ist dies der

wildeste und unbeugsamste! und dieser Stolz war aufs tiefste verletzt

worden. Für ihn war das Ausbleiben Agatas dreifache Demütigung. Die

Sünderin hatte den Mann an sich, den Diener Gottes und den Geber des

Sakramentes verworfen. Der Mann, der Priester, der Heilige wand sich

in Krämpfen getretener Eitelkeit und schäumte, wenn er des

bestialischen Kerls, Hirt oder Holzknecht, gedachte, den sie

inzwischen wahrscheinlich ihm vorzog.

Mit zerrissener und bestaubter Soutane, beschundenen Händen und

zerkratztem Gesicht gelangte Francesco nach einigen Stunden wilden und

irren Umherkletterns, Schlucht ab, Schlucht auf, zwischen

Ginstergebüsch, über brausendes Bergwasser, in eine Gegend des

Generoso, wo Herdengeläut sein Ohr berührte. Welchen Ort er somit

erreicht hatte, war ihm nicht einen Augenblick zweifelhaft. Er blickte

auf das verlassene Soana hinunter, auf seine Kirche, die bei heller

Sonne deutlich zu sehen war, und erkannte die Menge, die nun

vergeblich dem Heiligtum zuströmte. Jetzt eben hätte er sollen das

Meßgewand in der Sakristei übertun. Aber er hätte viel eher ein Seil

um die Sonne legen und diese herabziehen können, als daß es ihm

möglich gewesen wäre, die unsichtbaren Fesseln zu zerreißen, die ihn

gewaltsam nach der Alpe zogen.

* * * * *

Eben wollte den jungen Pfarrer etwas, wie Selbstbesinnung anwandeln,

als ein duftender Rauch, von der frischen Bergluft getragen, ihm in

die Nase stieg. Unwillkürlich forschend umherblickend, bemerkte er

nicht sehr fern eine sitzende Mannesgestalt, die ein Feuerchen zu

behüten schien, an dessen Rand ein blechernes Gefäß, wahrscheinlich

gefüllt mit einer Minestra, dampfte. Der Sitzende sah den Priester

nicht, denn er hatte ihm seinen Rücken zugekehrt. So konnte der

Priester wiederum nur einen runden, beinahe weißwolligen Kopf, einen

starken und braunen Nacken unterscheiden, während Schulter und Rücken

von einer durch Alter, Wetter und Wind erdfarbgewordenen Jacke bedeckt

waren, die nur lose darüber hing. Der Bauer, Hirt oder Holzfäller, was

er nun sein mochte, saß, gegen das Feuerchen hingebeugt, dessen kaum

sichtbare Flammen vom Berghauch gedrückt, wagrecht an der Erde

hinzüngelten und Rauchschwaden flachhin aussendeten. Er war

augenscheinlich in eine Arbeit vertieft, eine Schnitzelei, wie sich

bald herausstellte, und schwieg zumeist, wie jemand, der bei dem, was

er gerade tut, Gott und die Welt vergessen hat. Als Francesco, aus

irgendeinem Grunde ängstlich jede Bewegung vermeidend, längere Zeit

gestanden hatte, fing der Mann oder Bursche am Feuer leise zu pfeifen

an, und einmal ins Musizieren gekommen, schickte er plötzlich aus

melodischer Kehle abgerissene Stücke irgendeines Liedes in die Luft.

Das Herz Francescos pochte gewaltig. Es war nicht deshalb, weil er so

heftig schluchtab, schluchtauf gestiegen war, sondern aus Gründen, die

teils aus der Sonderbarkeit seiner Lage, teils von dem eigentümlichen

Eindruck herrührten, den die Nähe des Menschen am Feuer in ihm

hervorbrachte. Dieser braune Nacken, dieses krause, gelblichweiße

Gelock des Kopfes, die jugendlich strotzende Körperlichkeit, die man

unter dem schäbigen Umhang ahnte, das spürbar freie und wunschlose

Behagen des Bergbewohners: alles zusammen ging blitzartig in

Francescos Seele eine Beziehung ein, in der seine krankhafte und

gegenstandslose Eifersucht noch qualvoller aufloderte.

Francesco schritt auf das Feuer zu. Es wäre ihm doch nicht gelungen,

verborgen zu bleiben; und er war überdies von unwiderstehlichen

Kräften angezogen. Da wandte sich der Bergmensch herum, zeigte ein

Antlitz voll Jugend und Kraft, wie es ähnlich der Priester noch

niemals gesehen hatte, sprang auf und blickte den Kommenden an.

Es war Francesco nun klar, daß er es mit einem Hirten zu tun hatte, da

die Schnitzelei, die jener verfertigte, eine Schleuder war. Er

bewachte die braun und schwarz gefleckten Rinder, die, da und dort

sichtbar, im ganzen entfernt und versteckt, zwischen Gestein und

Gesträuch herumkletterten, nur durch das Geläute verraten, die der

Stier und eine und die andere Kuh am Halse trug. Er war ein Christ:

und was hätte er zwischen allen diesen Bergkapellen und

Madonnenbildern der Gegend auch anderes sein sollen? Aber er schien

auch ein ganz besonders ergebener Sohn der heiligen Kirche zu sein,

denn er küßte, sogleich das Gewand des Priesters erkennend, Francesco

mit scheuer Inbrunst und Demut die Hand.

Sonst aber, wie dieser sogleich erkannte, hatte er mit den übrigen

Kindern der Parochie keine Ähnlichkeit. Er war stärker und

untersetzter gebaut, seine Muskeln hatten etwas Athletisches, sein

Auge schien aus dem blauen See in der Tiefe genommen zu sein und an

Weitblick dem der braunen Fischadler gleich, die, wie immer, hoch um

Sant Agatha kreisten. Seine Stirn war niedrig, die Lippen wulstig und

feucht, sein Blick und Lächeln von derber Offenheit. Verstecktes und

Lauerndes, wie es manchem Südländer eigen ist, war ihm nicht

anzumerken. Von alledem gab sich Francesco, Auge in Auge mit dem

blonden jungen Adam des Monte Generoso, Rechenschaft und gestand sich,

daß er einen so urwüchsig schönen Lümmel noch nicht gesehen hatte.

Um den wahren Grund seines Kommens zu verbergen und sein Erscheinen

zugleich verständlich zu machen, log er, daß er einem Sterbenden das

Sakrament in einer entlegenen Hütte gereicht und dann den Heimweg ohne

seine Ministranten angetreten habe. Dabei habe er sich verirrt, sei

abgeglitten und abgerutscht und wünsche nun auf den rechten Weg

gewiesen zu sein, nachdem er sich ein wenig geruht habe. Diese Lüge

glaubte der Hirt. Mit derbem Lachen und seine gesunden Zahnreihen

zeigend, aber doch mit Verlegenheit, begleitete er die Erzählung des

Geistlichen und machte ihm einen Sitz zurecht, die Jacke von seinen

Schultern werfend und über den Wegrand am Feuer ausbreitend. Hierbei

wurden seine braunen und blanken Schultern, ja, der ganze Oberkörper

bis zum Gürtel entblößt, und es zeigte sich, daß er ein Hemd nicht

anhatte.

Mit diesem Naturkinde ein Gespräch anzufangen, hatte beträchtliche

Schwierigkeiten. Es schien ihm peinlich, mit dem geistlichen Herrn

allein zu sein. Nachdem er eine Weile kniend ins Feuer geblasen,

Reisig dazu getan, ab und zu den Deckel des Kochgeschirrs gelüftet und

dazu Worte in einer unverständlichen Mundart gesprochen hatte, stieß

er urplötzlich einen gewaltigen Juchzer aus, der von den Felsbastionen

des Generoso zurück und in vielfachem Echo widerhallte.

Kaum daß dieses Echo verklungen war, so hörte man etwas mit lautem

Kreischen und Gelächter sich annähern. Es waren verschiedene Stimmen,

die Stimmen von Kindern, von denen sich eine abwechselnd lachende und

nach Hilfe rufende, weibliche Stimme unterschied. Beim Klang dieser

Stimme fühlte Francesco seine Arme und Füße absterben, und es war ihm

zugleich, als ob sich eine Macht ankündige, die, verglichen mit der,

die sein natürliches Dasein hervorgebracht hatte, das Geheimnis des

wahren, des wirklichen Lebens enthielt. Francesco brannte wie der

Dornbusch des Herrn, aber äußerlich war ihm nichts anzumerken. Während

sein Inneres sekundenlang ohne Besinnung war, fühlte er eine

unbekannte Befreiung und zugleich eine ebenso süße, als rettungslose

Gefangenschaft.

* * * * *

Inzwischen hatten sich die von Gelächter erstickten, weiblichen

Notrufe angenähert, bis an der Wendung eines abschüssigen Steiges ein

ebenso unschuldiges, als freilich auch ungewöhnliches, bukolisches

Bild sichtbar ward. Ebenderselbe scheckige Ziegenbock, der den

Priester Francesco bei seinem ersten Besuch auf der Alm belästigt

hatte, führte, prustend und widerspenstig, einen kleinen

Bacchantenzug, wobei er, von lärmenden Kindern verfolgt, die einzige

Bacchantin des Trupps rittlings auf seinem Rücken trug. Das schöne

Mädchen, das Francesco, wie er glaubte, zum ersten Male erblickte,

hielt die gewundenen Hörner des Bockes kräftig gefaßt, so stark sie

sich aber nach rückwärts bog, den Hals des Tieres mit sich reißend,

vermochte sie doch nicht, weder es zum Stillstand zu zwingen, noch von

seinem Rücken herunterzusteigen. Irgendein Spaß, den sie den Kindern

zuliebe vielleicht unternommen haben mochte, hatte das Mädchen in

diese hilflose Lage gebracht, wie sie, nicht eigentlich sitzend,

sondern zu beiden Seiten des ungeeigneten Reittieres mit nackten Füßen

die Erde berührend, weniger getragen ward, als schritt und doch, ohne

einen Fall zu tun, von dem ungebärdigen, feurigen Bock nicht los

konnte. So hatte sich ihr Haar gelöst, die Tragbänder ihres groben

Hemdes waren von den Schultern geglitten, so daß eine köstliche

Halbkugel sichtbar ward, und die so wie so kaum bis zur Wade

reichenden Röckchen der Hirtin langten jetzt noch weniger zu, ihre

üppigen Knie zu bedecken.

Es dauerte eine geraume Zeit, bevor der Priester sich bewußt wurde,

wer eigentlich die Bacchantin war, und daß er in ihr den lechzend

gesuchten Gegenstand seiner marternden Sehnsucht vor sich hatte. Die

Schreie des Mädchens, ihr Lachen, ihre unfreiwillig wilden Bewegungen,

ihr fesselloses, fliegendes Haar, der geöffnete Mund, die hoch und

stoßweis atmende Brust, die ganze gleichsam erzwungene und doch

freiwillige Tollkühnheit des übermütigen Ritts, hatten sie äußerlich

ganz verändert. Eine rosige Glut überzog ihr Gesicht und mischte Lust

und Angst mit Schamhaftigkeit, die sich drollig und lieblich

ausdrückte, wenn etwa blitzschnell eine der Hände vom Horne des Bockes

fort nach dem gefährlich verschobenen Rocksaum fuhr.

Francesco war gebannt und dem Bilde verfallen, als wäre es mit der

Kraft zu lähmen begabt. Es erschien ihm schön, auf eine Art, die ihm

nicht im entferntesten die naheliegende Ähnlichkeit mit einem

Hexenritt in Erinnerung brachte. Dagegen belebten sich seine

antikischen Eindrücke. Er gedachte des marmornen Sarkophags, der,

immer von klarem Bergwasser überfließend, am Dorfplatze in Soana

stand, und dessen Bildnerei er jüngst studiert hatte. War es nicht so,

als hätte diese steinerne und doch so lebendige Welt des bekränzten

Weingotts, der tanzenden Satyrn, der panthergezogenen Triumphwagen,

der Flötenspielerinnen und Bacchantinnen, sich in die steinernen

Ödeneien des Generoso versteckt, und als wäre plötzlich eine der

gottbegeisterten Weiber, von dem rasenden Bergkult der Mänaden

abgesprengt, überraschend ins Gegenwartleben getreten.

Hatte Francesco nicht sogleich Agata, so hatte dafür der Bock den

Priester sofort erkannt: weshalb er ihm seine vergeblich schreiende

und widerstrebende Last geradeswegs zuschleppte, und indem er, ganz

ohne Umstände, mit seinen beiden gespaltenen Vorderhufen auf den Schoß

des Priesters trat, bewirkte er, daß seine Reiterin, endlich erlöst,

von seinem Rücken langsam herunterglitt.

Nachdem das Mädchen begriffen hatte, daß ein Fremder zugegen war, und

als sie nun gar in diesem Fremden Francesco erkannte, versiegte ganz

plötzlich ihr Lachen und ihre Munterkeit, und ihr Antlitz, das noch

eben vor Lust geglänzt hatte, nahm eine gleichsam trotzige Blässe an.

* * * * *

»Warum bist du heut nicht zur Kirche gekommen?« Francesco tat diese

Frage, sich erhebend, in einem Ton und mit einem Ausdruck seines

bleichen Gesichts, den man als einen zornigen deuten mußte, obgleich

er eine andere Erregung des Gemütes als Ursache hatte. Sei es, weil er

diese Erregung verstecken wollte, oder aus Verlegenheit, ja

Hilflosigkeit, oder weil wirklich der Seelsorger in ihm in Entrüstung

geriet: der Zorn nahm zu und trat in einer Weise hervor, der den

Hirten befremdet aufblicken machte, dem Mädchen aber nacheinander die

Röte und Blässe der Bestürzung und Scham ins Antlitz trieb.

Aber während Francesco sprach und mit Worten strafte -- Worten, die

ihm geläufig waren, ohne daß seine Seele in ihnen zu sein brauchte,

war es in seinem Inneren still, und während die Adern seiner

alabasternen Stirn aufschwollen, empfand er die Wonnen einer Erlösung.

Die noch eben empfundene, tiefste Lebensnot war in Reichtum

verwandelt, der marternde Hunger in Sättigung, die noch eben

verfluchte, infernalische Welt troff jetzt vom Glanze des Paradieses.

Und indem sich die Wollust seines Zornes stärker und stärker ergoß,

wurde sie selber stärker und stärker. Er hatte den verzweifelten

Zustand nicht vergessen, in dem er soeben gewesen war, aber es

jubilierte in ihm, und er mußte ihn segnen und wieder segnen. Dieser

Zustand war ja die Brücke gewesen zur Seligkeit. So weit war Francesco

allbereits in die magischen Kreise der Liebe hineingeraten, daß die

bloße Gegenwart des geliebten Gegenstandes jenen Genuß mit sich

brachte, der mit Glück betäubt und an eine noch so nahe Entbehrung

nicht denken läßt.

Der Ketzer von Soana · 第 5 / 8 段