Geschwistern die Sünde der Hexenkunst und der Zauberei vorauszusetzen.
Freilich machte er eine Erfahrung, die ihm in arger Weise verdächtig
war. Jeden Tag nahm er mit heiligem Eifer und allen Mitteln der
Religion eine Purifikation seines Inneren vor, um es von dem Bilde des
Hirtenmädchens zu reinigen und immer wieder stand es klarer, fester
und deutlicher da. Was war das für eine Malerei und für eine
unzerstörbare Tafel aus Holz darunter, oder was war es für eine
Leinwand, die man weder durch Wasser, noch Feuer auch nur im
geringsten angreifen konnte.
Wie dieses Bild sich überall vordrängte, ward manchmal Gegenstand
seiner stillen und erstaunten Beobachtung. Er las ein Buch, und wenn
er das weiche Antlitz, umrahmt von dem eigentümlich rötlich erdbraunen
Haar, mit weiten dunklen Augen blickend, auf einer Seite sah, so
blätterte er ein vorangeheftetes Blatt herum, durch das es bedeckt und
versteckt werden sollte. Aber es schlug durch jedes Blatt, als ob
keines vorhanden wäre, wie es sich auch sonst durch Vorhänge, Türen
und Mauer im Hause und ebenso in der Kirche durchsetzte.
Bei solchen Beängstigungen und inneren Zwistigkeiten verging der junge
Priester vor Ungeduld, da der bestimmte Termin für den besonderen
Gottesdienst auf dem Gipfel von Sant Agatha nicht schnell genug
herbeikommen wollte. Er wünschte, so bald wie möglich die übernommene
Pflicht zu tun, weil er dadurch vielleicht das Mädchen den Klauen des
Höllenfürsten entreißen konnte. Er wünschte noch mehr: das Mädchen
wiederzusehen, was er aber am meisten ersehnte, war die Befreiung, die
er bestimmt erhoffte, von seiner martervollen Verzauberung. Francesco
aß wenig, brachte den größten Teil seiner Nächte wachend zu, und
täglich verhärmter und bleicher werdend geriet er bei seiner Gemeinde
noch mehr als bisher in den Geruch einer exemplarischen Frömmigkeit.
Der Morgen war endlich herbeigekommen, an dem der Pfarrer die armen
Sünder in die Kapelle bestellt hatte, die hoch auf dem Zuckerhut von
Sant Agatha gelegen war. Der äußerst beschwerliche Weg dort hinauf
konnte unter zwei Stunden nicht zurückgelegt werden. Francesco trat um
die neunte Stunde, fertig zum Gang, auf den Dorfplatz von Soana
hinaus, heiteren und erfrischten Herzens und die Welt mit neugeborenen
Augen betrachtend. Man näherte sich dem Anfang des Mai, und so hatte
ein Tag begonnen, wie er köstlicher nicht zu denken war, aber der
junge Mensch hatte Tage von gleicher Schönheit schon oft erlebt, ohne
doch die Natur, so wie heut, wie den Garten Eden selbst zu empfinden.
Heute umgab ihn das Paradies.
Frauen und Mädchen standen, wie meistens, um den von klarem Bergwasser
überfließenden Sarkophag herum und begrüßten den Priester mit lauten
Rufen. Etwas in seiner Haltung und in seinen Mienen, dazu die festliche
Frische des jungen Tages hatte den Wäscherinnen Mut gemacht. Die Röcke
zwischen die Beine geklemmt, so daß bei einigen die braunen Waden und
Knie sichtbar waren, standen sie herabgebeugt, mit den kräftigen,
ebenfalls braunen, nackten Armen wacker arbeitend. Francesco trat an
die Gruppe heran. Er fand sich veranlaßt, allerhand freundliche Worte zu
sagen, deren keines in einem Zusammenhange mit seinem geistlichen Amte
stand und die von gutem Wetter, gutem Mut und einem zu hoffenden guten
Weinjahre handelten. Zum erstenmal, wahrscheinlich durch den Besuch im
Hause seines Oheims, des Bildhauers, angeregt, ließ sich der junge
Priester herbei, den Ornamentfries des Sarkophages zu betrachten, der in
einem Bacchantenzuge bestand und hüpfende Satyren, tanzende
Flötenspielerinnen und den von Panthern gezogenen Wagen des Dionysos,
des mit Trauben bekränzten Weingottes, zeigte. Es erschien ihm in diesem
Augenblick nicht sonderbar, daß die Alten die steinerne Hülle des Todes
mit Gestalten überschäumenden Lebens bedeckt hatten. Die Weiber und
Mädchen, unter denen einige von ungewöhnlicher Schönheit waren,
schwatzten und lachten bei dieser Besichtigung in ihn hinein, und
zeitweilig kam es ihm vor, als ob er selbst von berauschten Mänaden
umjauchzt wäre.
Dieser zweite Aufstieg in die Bergnatur war, mit dem ersten
verglichen, wie der eines Menschen mit offenen Augen gegen den eines
anderen gehalten, der blind von Mutterleibe ist. Francesco hatte mit
zwingender Deutlichkeit das Gefühl, er sei plötzlich sehend geworden.
In diesem Sinne erschien ihm die Betrachtung des Sarkophags durchaus
kein Zufall, sondern tief bedeutungsvoll. Wo war der Tote? Lebendiges
Wasser des Lebens füllte den offenen Stein und Totenschrein, und die
ewige Auferstehung war in der Sprache der Alten auf der Fläche des
Marmors verkündet. So verstand sich das Evangelium.
Freilich war dies ein Evangelium, dem wenig mit jenem, was er früher
gelernt und gelehrt hatte, gemeinsam blieb. Es stammte keineswegs von
den Blättern und Lettern eines Buchs, sondern viel eher kam es durch
Gras, Kraut und Blumen aus der Erde gequollen oder mit dem Licht aus
dem Mittelpunkt der Sonne herabgeflossen. Die ganze Natur nahm ein
gleichsam sprechendes Leben an. Die Tote und Stumme ward rege,
vertraulich, offen und mitteilsam. Plötzlich schien sie dem jungen
Priester alles zu sagen, was sie bisher verschwiegen hatte. Er schien
ihr Liebling, ihr Auserwählter, ihr Sohn zu sein, den sie, wie eine
Mutter, in das heilige Geheimnis ihrer Liebe und Mutterschaft
einweihte. Alle Abgründe des Schreckens, alle Ängste seiner
aufgestörten Seele waren nicht mehr. Nichts war von allen
Finsternissen und Bangigkeiten des vermeintlichen höllischen
Sturmlaufs übrig geblieben. Die ganze Natur strömte Güte und Liebe
aus, und Francesco, an Güte und Liebe überreich, konnte ihr Güte und
Liebe zurückgeben.
Sonderbar: indem er mühsam, oft von kantigen Steinen abrutschend,
durch Ginster, Buchen und Brombeer-Dickicht aufwärts kletterte, umgab
ihn der Frühlingsmorgen wie eine glückselige und ebenso gewaltige
Symphonie der Natur, die mehr von der Schöpfung, als von Geschaffenem
redete. Offen gab sich das Mysterium eines dem Tode für immer
enthobenen Schöpfungswerks. Wer diese Symphonie nicht vernahm, so
schien es dem Priester, der betrog sich selbst, wenn er mit dem
Psalmisten »jubilate Deo omnis terra« oder »benedicte coeli domino« zu
lobsingen sich unterfing.
In satter Fülle rauschte der Wasserfall von Soana in seine enge
Schlucht hinunter. Sein Brausen klang voll und schwelgerisch. Seine
Sprache konnte nicht überhört werden. Bald dumpfer, bald heller
herüberschlagend, tönte im ewigen Wandel die Stimme der Sättigung.
Lawinendonner löste sich von des Generoso gigantischer Schattenwand,
und wenn er für Francesco hörbar ward, hatte sich die Lawine selbst,
mit lautlosen Strömen von Schneegeröll, bereits in das Bett der
Savaglia hinabgeschüttet. Wo gab es da irgend etwas in der Natur, das
nicht in der Wandlung des Lebens begriffen und das ohne Seele war:
etwas, darin nicht ein drängender Wille sich betätigte? Wort, Schrift,
Gesang und treibendes Herzblut war überall. Legte die Sonne nicht
wohlig eine warme Hand im Rücken zwischen seine Schultern? Zischten
nicht und bewegten sich nicht die Blätter der Lorbeer- und
Buchen-Dickichte, wenn er im Vorübergehen sie streifte? Quoll nicht
das Wasser überall und zeichnete überall, leise plaudernd, die Faden-
und Knotenschrift seiner Rinnsale? Las nicht er, Francesco Vela, und
lasen nicht die Faserwurzeln von Myriaden kleiner und großer Gewächse
darin, und war es nicht ihr Geheimnis, das in Myriaden von Blumen und
Blütenkelchen sich darstellte? Des Priesters Hand erhob einen winzigen
Stein und fand ihn mit rötlichen Flechten beschlagen: auch hier eine
sprechende, malende, schreibende Wunderwelt, eine formende Form, die
für die überall im Bilde wirkende Bildkraft des Lebens Zeugnis
ablegte.
Und legten nicht die Stimmen der Vögel das gleiche Zeugnis ab, die
sich in unendlich zarten, unsichtbaren Fäden über den Höhlungen des
gewaltigen Felstales netzartig vereinigten? Dieses hörbare Maschennetz
schien sich zuweilen für Francesco in sichtbare Fäden eines silbernen
Glanzes umzuwandeln, die ein innerliches und sprechendes Feuer
flimmern machte. War es nicht in Formen hörbar und sichtbar gemachte
Liebe und offenbartes Glück der Natur? Und war es nicht köstlich, wie
dieses Gespinst, so oft es verwehte oder zerriß, wie mit eilig
fliegenden, unermüdlichen Weberschiffchen immer wieder verbunden
wurde? Wo saßen die kleinen gefiederten Weber? man sah sie nicht, wenn
nicht etwa ein kleiner Vogel stumm und eilig seinen Ort wechselte: die
winzigsten Kehlen strömten diese alles überjubelnde, weithin tragende
Sprache aus.
Wo alles quoll, wo alles pulsierte, sowohl in ihm, als um ihn herum,
wußte Francesco den Platz des Todes nicht auszumitteln. Er berührte
den Stamm eines Kastanienbaums und fühlte, wie er die Nahrungssäfte
durch sich empordrängte. Er trank die Luft wie eine lebendige Seele
ein und wußte zugleich, daß sie es war, der er das Atmen und Lobsingen
seiner eigenen Seele verdankte. Und war sie es nicht allein, die aus
seiner Kehle und Zunge ein sprechendes Werkzeug der Offenbarung
machte? Francesco verzog vor einem wimmelnden, eifrig tätigen
Ameisenhaufen einen Augenblick. Eine winzige, kleine Haselmaus war von
den rätselhaften Tierchen fast ganz von ihrem grazilen Skelett
präpariert worden. Sprach das köstliche, kleine Skelett und die in der
Wärme des Ameisenstaates untergegangene und verschwundene Haselmaus
nicht von der Unzerstörbarkeit des Lebens, und hatte nicht die Natur
in ihrem Bildnerdrang oder Zwang nur die neue Form gesucht? Der
Priester sah, diesmal nicht unter sich, sondern hoch über sich,
wiederum die braunen Fischadler von Sant Agatha. Ihre beschwingten und
gefiederten Körper trugen das Wunder des Bluts, das Wunder des
pulsierenden Herzens in majestätischer Wonne durch den Raum. Aber wer
mochte verkennen, daß die wechselnden Kurven ihres Flugs auf die blaue
Seide des Himmels eine deutliche unverkennbare Schrift zeichneten,
deren Sinn und Schönheit aufs engste mit Leben und Liebe verbunden
war. Francesco war nicht anders zumut, als ob ihn die Vögel zum Lesen
aufforderten. Und wenn sie mit der Bahn ihrer Flüge schrieben, so war
ihnen auch die Kraft des Lesens nicht versagt. Francesco gedachte des
weittragenden Blicks, der diesen geflügelten Fischern beschieden ward.
Und er gedachte der zahllosen Augen der Menschen, der Vögel, der
Säugetiere, der Insekten und Fische, mit denen die Natur sich selbst
erblickt. Mit einem immer tieferen Staunen erkannte er sie in ihrer
unendlichen Mütterlichkeit. Sie sorgte dafür, daß ihren Kindern nichts
im allmütterlichen Bereich ungenossen verborgen blieb: sie waren von
ihr nicht allein mit den Sinnen des Auges, des Ohrs, des Geruches,
des Geschmackes und des Gefühls begabt worden, sondern sie hatte, wie
Francesco fühlte, für die Wandlungen der Äonen noch unzählige, neue
Sinne bereit. Was war das für ein gewaltiges Sehen, Hören, Riechen,
Schmecken und Fühlen in der Welt! -- Und eine weißliche Wolke stand
über den Fischadlern. Sie glich einem strahlenden Lustgezelt. Aber
auch sie verließ ihren Ort und wurde zusehends im lebendigsten Wechsel
umgewandelt.
* * * * *
Es waren tiefe und mystische Kräfte, die dem Priester Francesco den
Star gestochen hatten. Aber die Folie dieses Erlebnisses war der ihn
uneingestandenermaßen beglückende Umstand, daß er vier köstliche
Stunden vor sich sah, die ein Wiedersehen mit dem armen, verfemten
Hirtenmädchen in sich schlossen. Dieses Bewußtsein machte ihn sicher
und reich, als könne die so kostbar erfüllte Zeit nicht vorübergehen.
Dort oben, ja, dort oben, wo die kleine Kapelle stand, über der die
Fischadler kreisten, erwartete ihn, wie er meinte, ein Glück, um das
ihn die Engel beneiden mußten. Er stieg und stieg, und der seligste
Eifer beflügelte ihn. Was er dort oben vorhatte, mußte sicherlich eine
Art von Verklärung über ihn ausgießen und ihn in losgelöster
Himmelsnähe beinahe dem guten ewigen Hirten selbst gleich machen.
»Sursum corda! Sursum corda!« Er sprach den Gruß Francisci immer vor
sich hin, während die heilige Agathe neben ihm schritt, jene
Märtyrerin, der man das Kapellchen hoch oben geweiht hatte und die dem
Tode durch Henkershand wie einem fröhlichen Tanze entgegengegangen
war. Und hinter ihr und ihm, so kam es Francesco im eifrigen Steigen
vor, folgte ein Zug von heiligen Frauen, die alle dem Liebeswunder auf
dem festlichen Gipfel beiwohnen wollten. Maria selbst schritt, mit
köstlich gelöstem, ambrosischen Haar und lieblichen Füßen, weit vor
dem Priester und seiner Prozession der seliggesprochenen Weiber hin,
damit sich unter ihrem Blick, unter ihrem Hauch, unter ihren Sohlen
die Erde festlich für alle mit Blumen bedecke. »Invoco te! invoco te!«
hauchte Francesco in sich verzückt, »invoco te nostra benigna stella!«
Ohne Ermüdung war der Priester auf dem Gipfel des Bergkegels
angelangt, der kaum breiter war, als es der Grundriß des kleinen dort
befindlichen Gotteshauses erforderte. Er gab noch einem schmalen Rande
und einem engen Vorplätzchen Raum, dessen Mitte von einer jungen, noch
blätterlosen Kastanie eingenommen wurde. Ein Stück des Himmels oder
von Mariens blauem Gewand schien um das Wildkirchlein hingestreut, so
hatte der blaue Enzian sich um das Heiligtum ausgebreitet. Oder man
konnte auch meinen, die Spitze des Berges habe sich einfach in den
Azur des Himmels getaucht.
Der Chorknabe und die Geschwister Scarabota waren schon anwesend und
hatten es sich unter der Kastanie bequem gemacht. Francesco
erbleichte, denn seine Blicke waren vergebens, wenn auch nur flüchtig,
nach der jungen Hirtin ausgewesen. Er nahm aber eine strenge Miene an
und öffnete mit einem großen, rostigen Schlüssel die Kapellentür, ohne
sich die Enttäuschung und den bestürzten Kampf seiner Seele merken zu
lassen. Er trat in das enge Kirchlein ein, in dem der Chorknabe
alsbald hinter dem Altar einiges für die Zelebrierung der Messe
vorbereitete. Aus einer mitgebrachten Flasche ward etwas Weihwasser in
das ausgetrocknete Becken getan, in das die Geschwister nun ihre
harten und sündigen Finger tauchen konnten. Sie besprengten und
bekreuzigten sich und ließen sich mit scheuer Ehrfurcht gleich hinter
der Türschwelle auf die Knie nieder.
Indessen begab sich Francesco, getrieben von Unruhe, nochmals ins
Freie hinaus, wo er mit einer plötzlichen stummen und tiefen
Erschütterung, nach einigem Umherschreiten, etwas unterhalb der
Plattform des Gipfels das Mädchen, das er suchte, über einem
Sternenhimmel leuchtend blauen Enzianes ruhend fand. -- »Komm herein,
ich warte auf dich«, rief der Priester. Sie erhob sich, anscheinend
träge und sah ihn unter gesenkten Wimpern mit einem ruhigen Blicke an.
Dabei schien sie in lieblicher Weichheit leise zu lächeln, was aber
nur mit der natürlichen Bildung des süßen Mundes, mit dem lieblichen
Leuchten der blauen Augen und den zarten Grübchen der vollen Wangen
zusammenhing.
In diesem Augenblick vollzog sich die schicksalsschwere Erneuerung und
Vervollkommnung des Bildes, das Francesco in seiner Seele gehegt
hatte. Er sah ein kindlich unschuldvolles Madonnengesicht, dessen
verwirrender Liebreiz mit einer ganz leisen, schmerzlichen Herbheit
verbunden war. Die etwas starke Röte der Wangen ruhte auf einer
weißen, nicht braunen Haut, aus der die feuchte Röte der Lippen mit
der Glut des Granatapfels leuchtete. Jeder Zug in der Musik dieses
kindlichen Hauptes war zugleich Süße und Bitterkeit, Schwermut und
Heiterkeit. In seinem Blick lag schüchternes Zurückweichen und
zugleich ein zärtliches Fordern: beides nicht mit der Heftigkeit
tierischer Regungen, sondern unbewußt blumenhaft. Schienen die Augen
das Rätsel und das Märchen der Blume in sich zu schließen, so glich
die ganze Erscheinung des Mädchens vielmehr einer schönen und reifen
Frucht. Dieses Haupt, wie Francesco bei sich mit Verwunderung
feststellte, gehörte noch ganz einem Kinde an, soweit sich darin die
Seele ausdrückte, nur eine gewisse traubenhaft schwellende Fülle
deutete auf die überschrittene Grenze des Kindesalters und auf die
erreichte Bestimmung des Weibes hin. Das teils erdfarbenbraune, teils
von lichteren Strähnen durchzogene Haar war in schwerer Krone um
Schläfe und Stirn gebunden. Etwas von schwerer, etwas von innerlich
gährender, edelreifer Schläfrigkeit schien die Wimper des Mädchens
niederzuziehen und gab ihren Augen eine gewisse feuchte, überdrängende
Zärtlichkeit. Aber die Musik des Hauptes ging unterhalb des
elfenbeinernen Halses in eine andere über, deren ewige Noten einen
anderen Sinn ausdrücken. Mit den Schultern begann das Weib. Es war ein
Weib von jugendlicher und reifer Fülle, das beinahe zur Überfülle
neigte und das nicht zu dem kindlichen Haupte zu gehören schien. Die
nackten Füße und starken gebräunten Waden trugen eine fruchthafte
Fülle, die fast, wie dem Priester dünkte, zu schwer für sie war.
Dieses Haupt besaß das sinnenheiße Mysterium seines isishaften Körpers
unbewußt, höchstens leise ahndevoll. Aber gerade darum erkannte
Francesco, daß er diesem Haupte und diesem allmächtigen Leibe
rettungslos auf Tod und Leben verfallen war.
Was nun aber auch der Jüngling im Augenblick des Wiedersehens mit dem
durch Erbsünde so schwer belasteten Gottesgeschöpf alles erblickte,
erkannte und empfand, außer daß seine Lippen ein wenig zuckten, konnte
man ihm deswegen nichts anmerken. »Wie heißt du eigentlich?« fragte er
nur die sündenerfüllte Sündlose. Die Hirtin nannte sich Agata und tat
dies mit einer Stimme, die Francesco wie das Lachen einer
paradiesischen Lachtaube dünkte. »Kannst du schreiben und lesen?«
fragte er. Sie erwiderte: »Nein!« »Weißt du etwas von der Bedeutung
des heiligen Meßopfers?« Sie sah ihn an und antwortete nicht. Da gebot
er ihr in das Kirchlein zu treten und begab sich selbst vor ihr
hinein. Hinter dem Altar half ihm der Knabe in das Meßgewand,
Francesco setzte sich das Barett aufs Haupt, und die heilige Handlung
konnte beginnen: nie hatte sich der junge Mensch dabei, wie jetzt, von
einer so feierlichen Inbrunst durchdrungen gefühlt.
Ihm kam es vor, als wenn ihn der allgütige Gott erst jetzt zu seinem
Diener berufen hätte. Der Weg priesterlicher Weihen, den er
zurückgelegt hatte, schien ihm jetzt nicht mehr, als eine trockene,
inhaltlose und trügerische Übereilung zu sein, die mit dem wahrhaft
Göttlichen nichts gemein hatte. Nun aber war die göttliche Stunde, die
heilige Zeit in ihm angebrochen. Die Liebe des Heilands war wie ein
himmlischer Feuerregen, in dem er stand, und durch den alle Liebe
seines eigenen Innern plötzlich befreit und entflammt wurde. Mit
unendlicher Liebe weitete sich sein Herz in die ganze Schöpfung hinein
und ward mit allen Geschöpfen im gleichen, entzückten Pulsschlag
verbunden. Aus diesem Rausch, der ihn fast betäubte, brach das Mitleid
mit aller Kreatur, brach der Eifer für das Göttlichgute mit
verdoppelter Kraft hervor, und er glaubte nun erst die heilige
Mutterkirche und ihren Dienst ganz zu verstehen. Er wollte nun mit
einem ganz anderen, erneuten Eifer ihr Diener werden.
Und wie hatte ihm nicht der Weg, der Aufstieg zu diesem Gipfel, das
Geheimnis erschlossen, nach dessen Sinn er Agata gefragt hatte. Ihr
Schweigen, vor dem er selber stumm geworden war, bedeutete ihm, ohne
daß er es merken ließ, gemeinsames Wissen durch Offenbarung, die ihnen
beiden nun widerfahren war. War nicht die ewige Mutter der Inbegriff
aller Wandlungen und hatte er nicht die verwahrlosten und im Finsteren
tappenden, verlorenen Gotteskinder auf diesen überirdischen Gipfel
gelockt, um ihnen das Wandlungswunder des Sohnes, das ewige Fleisch
und Blut der Gottheit zu weisen? So stand der Jüngling und hob den
Kelch, mit überströmenden Augen, voll Freudigkeit. Es kam ihm vor, als
ob er selber zum Gott würde. In diesem Zustand der Auserwählten, des
heiligen Werkzeugs, den er empfand, fühlte er sich mit unsichtbaren
Organen in alle Himmel hineinwachsen, in einem Gefühl von Freude und
Allgewalt, das ihn, wie er glaubte, über das ganze wimmelnde Gezücht
der Kirchen und ihrer Pfaffheit unendlich erhob. Sie sollten ihn
sehen, die Augen zu ihm in die schwindelnde Höhe seines Altars, auf
dem er stand, mit staunender Ehrfurcht emporrichten. Denn er stand auf
dem Altar in einem ganz anderen und höheren Sinne, als Petri
Schlüsselhalter, der Papst, es nach seiner Erwählung tut. Krampfhaft
verzückt hielt er den Kelch der Eucharistia und der Wandlungen, als
ein Symbol des ewig sich neu gebärenden Gottesleibes der ganzen
Schöpfung in die Unendlichkeit des Raums, wo es wie eine zweite,
hellere Sonne leuchtete. Und während er seines Erachtens eine
Ewigkeit, in Wirklichkeit zwei oder drei Sekunden, dastand mit dem
erhobenen Heiligtum, kam es ihm vor, als ob der Zuckerhut von Sant
Agatha von unten bis oben mit lauschenden Engeln, Heiligen und
Aposteln bedeckt wäre. Allein beinahe noch herrlicher schien ihm ein
dumpfer Paukenlaut und ein Reigen schön gekleideter Frauen, der sich,
verbunden mit Blumengewinden, klar durch die Mauern sichtbar, rund um
die kleine Kapelle bewegte. Dahinter drehten sich in verzückter
Raserei die Mänaden des Sarkophags, tanzten und hüpften die
ziegenfüßigen Satyrn, deren einige das hölzerne Fruchtbarkeitssymbol
des Luchino Scarabota in fröhlicher Prozession umhertrugen.
* * * * *
Der Abstieg nach Soana brachte Francesco eine grüblerische
Ernüchterung, wie jemandem, der die letzte Hefe aus dem Becher des
Rausches getrunken hat. Die Familie Scarabota war nach der Messe
davongegangen: Bruder, Schwester und Tochter hatten beim Abschied
dankbar die Hand des jungen Priesters geküßt.
Wie er nun mehr und mehr in die Tiefe stieg, wurde ihm ebenso mehr und
mehr der Zustand seiner Seele verdächtig, in dem er dort oben die
Messe gelesen hatte. Auch der Gipfel von Sant Agatha war sicherlich
früher eine irgendeinem Abgott geweihte, heidnische Kultstätte, was
ihn da oben scheinbar mit dem Brausen des heiligen Geistes ergriffen
hatte, vielleicht dämonische Einwirkung jener entthronten Theokratie,
die Jesus Christus gestürzt hatte, deren verderbliche Macht aber vom
Schöpfer und Lenker der Welt immer noch zugelassen war. In Soana und
in seinem Pfarrhause angelangt, hatte das Bewußtsein, sich einer
schweren Sünde schuldig gemacht zu haben, den Priester ganz
eingenommen, und seine Ängste deswegen wurden so hart, daß er noch vor
dem Mittagessen die Kirche betrat, die Wand an Wand mit seiner Wohnung
lag, um sich in heißen Gebeten dem höchsten Mittler anzuvertrauen und
womöglich in seiner Gnade zu reinigen.
In einer deutlich gefühlten Hilflosigkeit bat er Gott, ihn den
Angriffen der Dämonen nicht auszuliefern. Er spüre sehr wohl, so
bekannte er, wie sie sein Wesen auf allerlei Weise angriffen,
jenachdem einengten oder über seine bisherigen, heilsamen Grenzen
ausdehnten und in erschrecklicher Weise verwandelten. »Ich war ein
sorgsam angebautes, kleines Gärtlein zu deiner Ehre,« sagte Francesco
zu Gott. »Nun ist es in einer Sintflut ertrunken, die vielleicht durch
Einflüsse der Planeten steigt und steigt, und auf deren uferlosen
Fluten ich in einem winzigen Kahne umhertreibe. Früher wußte ich genau
meinen Weg. Es war derselbe, den deine heilige Kirche ihren Dienern
vorzeichnet. Jetzt werde ich mehr getrieben, als daß ich des Zieles
und des Weges sicher bin.
Gib mir,« flehte Francesco, »meine bisherige Enge und meine Sicherheit
und gebiete den bösen Engeln, sie mögen davon ablassen, ihre
gefährlichen Anschläge gegen deinen hilflosen Diener zu richten.
Führe, o führe uns nicht in Versuchung. Ich bin zu den armen Sündern
hinaufgestiegen in Deinem Dienst, mache, daß ich mich in den
festbeschränkten Kreis meiner heiligen Pflichten zurückfinde.«