solchen verwirrenden Einflüssen standzuhalten. Draußen, vor dem
ausgehöhlten Steinhaufen angelangt, sog er die Frische der Bergluft
ein und ward sogleich, wie ein leeres Gefäß, mit dem ungeheuren
Eindruck der Bergwelt angefüllt. Seine Seele ward gleichsam in die
weiteste Kraft des Auges verlegt und bestand aus den kolossalen Massen
der Erdrinde, von fernen, schneeichten Spitzen zu nahen, furchtbaren
Abgründen, unter der königlichen Helle des Frühlingstags. Noch immer
sah er braune Fischadler überm Zuckerhut von Sant Agatha ihre
selbstvergessenen Kreise ziehn. Da verfiel er darauf, der verfemten
Familie dort einen heimlichen Gottesdienst abzuhalten und eröffnete
diesen Gedanken der Frau, die kummervoll auf die vom gelben Löwenzahn
umwucherte Schwelle der Höhle getreten war. »Nach Soana dürft Ihr
nicht kommen, wie Ihr ja selber wißt,« sagte er, »würde ich Euch dazu
einladen, ich und Ihr, wir würden gleich übel beraten sein.«
Wiederum ward das Weib bis zu Tränen gerührt und versprach, sich an
einem bestimmten Tage mit dem Bruder und den älteren Kindern vor der
Kapelle von Sant Agatha einzufinden.
* * * * *
Als der junge Priester soweit aus dem Bereich der Wohnstätte Luchino
Scarabotas und seiner fluchbeladenen Familie war, daß er von dort aus
nicht mehr gesehen werden konnte, wählte er einen von der Sonne
durchwärmten Block zum Ruheplatz, um über das eben Erlebte
nachzudenken. Er sagte sich, daß er zwar mit einem schauerlichen
Interesse, aber doch pflichtmäßig nüchternen Sinnes und ohne jeden
Vorschmack von dem heraufgestiegen war, was ihn jetzt auf so
ahnungsvolle Weise beunruhigte. Was war das doch? Er zupfte, strich
und putzte lange an seiner Soutane herum, als ob er es dadurch
loslösen könnte.
Als er nach einiger Zeit noch immer nicht die erwünschte Klarheit
empfand, nahm er gewohnheitsgemäß sein Brevier aus der Tasche, aber
auch das alsbald begonnene, laute Lesen befreite ihn nicht von einer
gewissen wunderlichen Unschlüssigkeit. Es war ihm zumute, als ob er
irgendetwas, einen wichtigen Punkt seiner Sendung, zu erledigen
vergessen hätte. Deshalb wandte er seine Blicke unter der Brille immer
wieder mit einer gewissen Erwartung den Weg zurück und konnte sich
nicht ermannen, den begonnenen Abstieg fortzusetzen.
So verfiel er in seltsame Träumerei, aus der ihn zwei kleine Vorfälle
weckten, die seine aus dem gewohnten Bereich gebrochene Phantasie mit
erheblicher Übertreibung sah: erstlich zersprang ihm mit einem Knick,
durch den Einfluß der kalten Bergluft, das rechte Brillenglas, und
fast unmittelbar darauf hörte er ein fürchterliches Geprust über
seinem Kopf und spürte einen heftigen Druck auf den Schultern.
Der junge Priester war aufgesprungen. Er lachte laut, als er die
Ursache seines panischen Schreckens in einem scheckigen Geißbock
erkannte, der ihm einen Beweis seines unbegrenzten Vertrauens dadurch
gegeben hatte, daß er ohne jedwede Rücksicht gegen sein geistliches
Gewand mit den Vorderhufen auf seine Schultern gesprungen war.
Damit begann aber erst seine höchst vertrauliche Zudringlichkeit. Der
zottige Bock mit den starken, schön gewundenen Hörnern und
feuerspeienden Augen war gewohnt, wie es schien, vorüberkommende
Bergsteiger anzubetteln und tat dies auf eine so drollige,
entschlossene und unwiderstehliche Art, daß man sich seiner nur durch
die Flucht erwehren konnte. Er setzte Francesco immer wieder,
hochaufgebäumt, die Hufe vor die Brust und schien entschlossen,
nachdem der Bedrängte sich eine Durchschnupperung seiner Taschen
hatte gefallen lassen müssen und einige Brotreste mit unglaublicher
Gier verschluckt worden waren, Haar, Nase und Finger des Priesters
abzuknabbern.
Eine alte, bärtige Geiß, der Glocke und Euter bis auf die Erde hing,
war dem Wegelagerer nachgefolgt und begann, durch diesen ermutigt, den
Priester ebenso zu bedrängen. Ihr hatte das mit Goldschnitt und Kreuz
versehene Brevier besonderen Eindruck gemacht, und es gelang ihr,
während Francesco mit der Abwehr eines gewundenen Bockshorns zu tun
hatte, sich des Büchelchens zu bemächtigen. Und seine schwarz
bedruckten Blätter für grüne nehmend, aß sie, nach des Propheten
Vorschrift, die heiligen Wahrheiten buchstäblich und gierig in sich
hinein.
In solchen Nöten, die sich durch Ansammlung anderer, vereinzelt
weidender Tiere noch gesteigert hatten, erschien mit einemmal die
Hirtin als Retterin. Es war eben dasselbe Mädchen, das Francesco
zuerst in der Hütte Luchinos flüchtig erblickt hatte. Er sagte, als
die schlanke und starke Person, nachdem sie die Ziegen verscheucht
hatte, mit frisch geröteten Wangen und lachenden Augen vor ihm stand:
»Du hast mich gerettet, braves Mädchen!« Und er setzte ebenfalls
lachend hinzu, indem er sein Brevier aus den Händen der jungen Eva
entgegennahm: »Es ist eigentlich wunderlich, daß ich trotz meines
Hirtenamts gegen deine Herde so hilflos bin.«
Ein Priester darf sich nicht länger, als seine kirchliche Pflicht etwa
erfordert, mit einem jungen Mädchen oder Weibe unterhalten, und die
Gemeinde vermerkt es sofort, wenn er außerhalb der Kirche bei einer
solchen Begegnung zu zweien gesehen wird. So hatte denn auch
Francesco, eingedenk seines strengen Berufs, ohne sich lange zu
verweilen, seinen Rückweg fortgesetzt: dennoch hatte er ein Gefühl,
als ob er sich auf einer Sünde ertappt hätte und bei nächster
Gelegenheit sich durch eine reuige Beichte reinigen müsse. Noch war er
nicht aus dem Bereich der Herdenglocken gelangt, als der Klang einer
weiblichen Stimme zu ihm drang, der ihn plötzlich wiederum alle
Meditationen vergessen machte. Die Stimme war so geartet, daß er nicht
auf den Gedanken kam, sie könne der eben zurückgelassenen Hirtin
angehören. Francesco hatte nicht nur zu Rom die kirchlichen Sänger des
Vatikans, sondern auch öfters früher mit seiner Mutter in Mailand
weltliche Sängerinnen gehört, und also war ihm Koloratur und bel canto
der Primadonnen nicht unbekannt. Er stand unwillkürlich still und
wartete. Unzweifelhaft sind es Touristen von Mailand, dachte er und
hoffte womöglich, im Vorübergehen, die Besitzerin dieser herrlichen
Stimme ins Auge zu fassen. Da sie nicht kommen wollte, setzte er
weiter Fuß vor Fuß, sorgsam absteigend, in die schwindelerregende
Tiefe hinunter.
Was Francesco im ganzen und im einzelnen auf diesem Berufsgang erlebt
hatte, war äußerlich nicht der Rede wert, wenn man die Greuel nicht in
Erwägung zieht, die ihre Brutstätte in der Hütte der armen Geschwister
Scarabota hatte. Aber der junge Priester fühlte sogleich, wie diese
Bergfahrt für ihn ein Ereignis von großer Bedeutung geworden war, wenn
er auch über den ganzen Umfang dieser Bedeutung vorläufig noch nicht
entfernt Bescheid wußte. Er spürte, daß von innen heraus eine Umwandlung
mit ihm vorgegangen war. Er befand sich in einem neuen Zustande, der ihm
von Minute zu Minute wunderlicher und einigermaßen verdächtig war, aber
doch lange nicht so verdächtig, daß er womöglich den Satan gewittert
oder etwa ein Tintenfaß nach ihm geschleudert haben würde, wenn er es
auch in der Tasche gehabt hätte. Die Bergwelt lag wie ein Paradies unter
ihm. Zum allerersten Male wünschte er sich, mit unwillkürlich gefalteten
Händen, Glück, von seinem Oberen gerade mit der Verwaltung dieser Pfarre
betraut worden zu sein. Was war, gegen diese köstliche Tiefe gehalten,
Petri Tuch, das an drei Zipfeln von Engeln gehalten vom Himmel kam. Wo
gab es eine für Menschenbegriffe größere Majestät, wie diese
unzugänglichen Generoso-Schroffen, an denen fort und fort der dumpfe
Frühlingsdonner schmelzenden Schnees in Lawinen hörbar ward.
* * * * *
Vom Tage seines Besuches bei den Verfemten an konnte sich Francesco zu
seinem Erstaunen nicht mehr in den gedankenlosen Frieden seines
früheren Daseins zurückfinden. Das neue Gesicht, das die Natur für ihn
angenommen hatte, verblaßte nicht mehr, und sie wollte sich auf keine
Weise in ihren früheren, unbeseelten Zustand zurückdrängen lassen. Die
Art ihrer Einwirkungen, durch die der Priester nicht nur am Tage,
sondern auch in seinen Träumen beängstet wurde, nannte er und erkannte
er zunächst als Versuchungen. Und da der Glaube der Kirche, schon
dadurch, daß er ihn bekämpft, mit dem heidnischen Aberglauben
verschmolzen ist, so führte Francesco seine Verwandlung allen Ernstes
auf die Berührung jenes hölzernen Gegenstandes zurück, jenes
Alräunchens, das der struppige Hirt aus dem Feuer gerettet hatte. Da
war unzweifelhaft noch ein Rest jener Greuel lebendig geblieben,
denen die Alten unter dem Namen des Phallus-Dienstes huldigten, jenes
schmachvollen Kultes, der durch den heiligen Krieg des Kreuzes Jesu in
der Welt niedergezwungen worden war. -- Bis dahin, als er den
scheußlichen Gegenstand erblickt hatte, war allein das Kreuz in
Francescos Seele eingebrannt. Man hatte ihn, nicht anders, wie wenn
man die Schafe einer Herde mit einem glühenden Stempel zeichnet, mit
dem Brandmal des Kreuzes versehen, und dieses Stigma war, im Wachen
und Träumen gegenwärtig, zum Wesenssymbol seiner selbst geworden. Nun
blickte der leidige und leibhaftige Satan über dem Kreuzesbalken
herab, und das höchst unsaubere, entsetzliche Satyr-Symbol nahm in
immerwährendem Wettstreit mehr und mehr die Stelle des Kreuzes ein.
Francesco hatte, neben dem Bürgermeister, vor allem seinem Bischof
über den Erfolg seines Hirtenganges Bericht erstattet, die Antwort,
die er von ihm erhielt, war eine Billigung seines Vorgehens. »Vor
allem,« schrieb der Bischof, »vermeiden wir jedes laute Ärgernis.« Er
fand es überaus klug, daß Francesco für die armen Sünder einen
besonderen und geheimen Gottesdienst auf Sant Agatha, in der Kapelle
der heiligen Mutter Mariens, anberaumt hatte. Aber die Anerkennung
seines Oberen konnte den Seelenfrieden Francescos nicht herstellen,
er vermochte den Gedanken nicht los zu werden, daß er von dort oben
mit einer Art Bezauberung behaftet zurückgekommen sei.
In Ligornetto, wo Francesco geboren war, und wo sein Oheim, der
berühmte Bildhauer, die letzten zehn Jahre seines Lebens zugebracht
hatte, war noch derselbe alte Pfarrer, der ihn als Knabe in die
Heilswahrheiten des katholischen Glaubens eingeführt und ihm den Weg
der Gnade gewiesen hatte. Diesen alten Priester suchte er eines Tages
auf, nachdem er den Weg von Soana bis Ligornetto in beiläufig drei
Stunden zurückgelegt hatte. Der alte Priester hieß ihn willkommen und
war mit sichtlicher Rührung bereit, die Beichte des jungen Mannes, die
er ihm abzulegen wünschte, entgegenzunehmen. Natürlich absolvierte er
ihn.
Francescos Gewissensnöte sind ungefähr in folgender Eröffnung, die er
dem Alten machte, ausgedrückt. Er sagte: »Seit ich bei den armen
Sündern auf der Alpe von Santa Croce war, befinde ich mich in einer
Art von Besessenheit. Ich schüttele mich. Es ist mir, als hätte ich
nicht etwa einen anderen Rock, sondern geradezu eine andere Haut
angezogen. Wenn ich den Wasserfall von Soana rauschen höre, so möchte
ich am liebsten in die tiefe Schlucht hinunterklettern und mich unter
die stürzenden Wassermassen stellen, stundenlang, gleichsam um
äußerlich und innerlich rein und gesund zu werden. Sehe ich das Kreuz
in der Kirche, das Kreuz über meinem Bett, so lache ich. Es will mir
nicht gelingen, wie früher, zu weinen und zu seufzen und mir die
Leiden des Heilands vorzustellen. Dagegen werden meine Augen von
allerlei Gegenständen angezogen, die dem Alräunchen des Luchino
Scarabota ähnlich sind. Manchmal sind sie ihm auch ganz unähnlich, und
ich sehe doch eine Ähnlichkeit. Um zu studieren, um mich in das
Studium der Kirchenväter recht tief versenken zu können, hatte ich
Vorhänge an die Fenster meines Stübchens gemacht. Ich habe sie nun
hinweg genommen. Der Gesang der Vögel, das Rauschen der vielen Bäche
durch die Wiesen, an meinem Haus nach der Schneeschmelze, ja, der Duft
der Narzissen störte mich. Jetzt öffne ich meine Fensterflügel weit,
um das alles recht gierig zu genießen.
Dies alles beängstet mich,« hatte Francesco fortgefahren, »aber es ist
vielleicht nicht das Schlimmste. Schlimmer ist vielleicht, daß ich,
wie durch schwarze Magie, in das Machtbereich unsauberer Teufel
geraten bin. Ihr Zwicken und Zwacken, ihr freches Kitzeln und Anreizen
zur Sünde, zu jeder Stunde Tages und Nachts, ist fürchterlich. Ich
öffne das Fenster, und durch ihren Zauber kommt es mir vor, als
strotze der Gesang der Vögel in dem blühenden Kirschbaum unter meinem
Fenster von Unzüchtigkeit. Ich werde durch gewisse Formen der Rinde
der Bäume herausgefordert und durch sie, ja, durch gewisse Linien der
Berge an Teile des corporis femini erinnert. Es ist ein schrecklicher
Sturmlauf hinterlistiger, tückischer und häßlicher Dämonen, dem ich
trotz aller Gebete und Kasteiungen überantwortet bin. Die ganze Natur,
ich sage es euch mit Schaudern, rauscht, braust und donnert manchmal
vor meinen erschrockenen Ohren ein ungeheures Phallus-Lied, womit sie,
wie ich trotz allen Sträubens zu glauben gezwungen bin, dem
erbärmlichen, kleinen, hölzernen Götzen des Hirten huldigt.
Dies alles steigert natürlich,« hatte Francesco fortgefahren, »meine
Unruhe und Gewissensnot, um so mehr, als ich es als meine Pflicht
erkenne, gegen den Pestherd oben auf der Alp als Streiter zu Felde zu
ziehen. Es ist aber immer noch nicht der ärgste Teil meines
Bekenntnisses. Schlimmer ist: sogar in die eigensten Pflichten meines
Berufs hat sich, mit einer gleichsam höllischen Süssigkeit, etwas wie
ein allesverwirrendes, unaustilgbares Gift gemischt. Ich bin zunächst
mit reiner und heiliger Gewalt durch die Worte Jesu von dem verlorenen
Schaf und dem Hirten, der die Herde verläßt, um es von den
unzugänglichen Felsen zurückzubringen, ergriffen worden. Nun aber
zweifle ich, ob diese Absicht noch immer in alter Reinheit vorhanden
ist. Sie hat an leidenschaftlichem Eifer zugenommen. Ich erwache des
Nachts, das Gesicht in Tränen gebadet, und alles löst sich, ob der
verlorenen Seelen da oben, bei mir in schluchzendes Mitleid auf. Doch
wenn ich sage: verlorene Seelen, so ist hier vielleicht der Punkt, wo
mit einem scharfen Schnitt die Lüge von der Wahrheit getrennt werden
muß. Nämlich die sündige Seele Scarabotas und seiner Schwester wird
vor meinem inneren Auge einzig und allein durch das Bild ihrer
Sündenfrucht, das heißt ihrer Tochter, eingenommen.
Ich frage mich nun, ob nicht unerlaubtes Verlangen nach ihr die
Ursache meines scheinbar gottgefälligen Eifers ist, und ob ich recht
tue und nicht Gefahr des ewigen Todes laufe, wenn ich mein scheinbar
gottgefälliges Werk fortsetze.«
Meist sehr ernst, doch einige Male lächelnd, hatte der alte,
welterfahrene Priester die pedantische Beichte des Jünglings angehört.
Dies war Francesco, wie er ihn kannte, mit seinem gewissenhaften,
äußeren und inneren Ordnungssinn und seinem Bedürfnis nach
übersichtlicher Akkuratesse und Sauberkeit. Er sagte: »Francesco,
fürchte dich nicht. Schreite nur weiter deinen Weg, wie du ihn immer
geschritten bist. Es kann dich nicht wundern, wenn sich die
Machenschaften des bösen Feindes gerade dann am mächtigsten und
gefährlichsten zeigen, wenn du daran gehst, ihm seine schon gleichsam
sicheren Opfer wiederum zu entreißen.«
In befreiter Stimmung trat Francesco aus der Pfarrwohnung auf die
Straße des kleinen Ortes Ligornetto heraus, in dem er seine erste
Jugend verlebt hatte. Es ist ein Dörfchen, das, auf breiter Talsohle
ziemlich flach gelegen, von fruchtbaren Feldern umgeben ist, auf dem
über Gemüse und Halmen-Früchten sich die Weinrebe, festgedrehten
dunklen Strängen gleich, von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum herüber und
hinüber schlingt. Auch diese Lage wird von den gewaltigen Schroffen
des Monte Generoso beherrscht, der hier, in seiner Westseite, von
seinen breiten Fundamenten aus majestätisch sichtbar wird.
Es war um die Mittagszeit, und Ligornetto befand sich, wie es schien,
in einem Zustand der Verschlafenheit. Francesco wurde auf seinem Gange
kaum von einigen gackernden Hühnern, einigen spielenden Kindern und am
Ende des Dorfes von einem kläffenden Hündchen begrüßt. Hier, nämlich
am Ende des Dorfes, war, wie ein Riegel, das mit den Mitteln eines
vermögenden Mannes errichtete Wohnhaus seines Oheims vorgeschoben, das
buen retiro jenes Vincenzo, des Bildhauers, das nun unbewohnt und als
eine Art Gedächtnisstiftung in den Besitz des Kantons Tessin
übergegangen war. Francesco schritt die Stufen zu dem verlassenen und
verwilderten Garten hinauf und gab alsdann dem plötzlich entstandenen
Wunsche nach, auch einmal das Innere des Hauses wiederzusehen. Nahe
wohnende Bauersleute, alte Bekannte, händigten ihm den Schlüssel aus.
Die Beziehungen, die der junge Priester zur Kunst hatte, waren die bei
seinem Stande herkömmlichen. Sein berühmter Oheim war seit etwa zehn
Jahren tot und nach dem Tage der Bestattung hatte Francesco die Räume
des berühmten Künstlerheims nicht wieder gesehen. Er hätte nicht sagen
können, was ihn auf einmal zum Besuche des leeren Hauses bewog, das er
bisher meist nur mit flüchtiger Anteilnahme im Vorübergehen betrachtet
hatte. Der Oheim war ihm niemals mehr, als eine Respektsperson, deren
Wirkungskreis ihm eine fremde, nichts bedeutende Sache war.
Als Francesco den Schlüssel im Schloß gewendet und durch die in
verrosteten Angeln knarrende Tür den Hausflur betrat, kam ihn ein
leiser Schauder an vor der verstaubten Stille, die ihm den
Treppenaufgang herab und von allenthalben aus den offenstehenden
Zimmern entgegen hauchte. Gleich rechts vom Hausflur war des
verstorbenen Künstlers Bibliothek, die sogleich erkennen ließ, daß
hier ein bildungseifriger Mann gelebt hatte. In niedrigen Schränken
fanden sich hier, außer Vasari, die sämtlichen Werke von Winckelmann,
während der italienische Parnaß durch die Sonette von Michelangelo,
durch Dante, Petrarca, Tasso, Ariost und andere vertreten war. In
eigens gebauten Schränken war eine Sammlung von Handzeichnungen und
Radierungen untergebracht, eine andere von Medaillen der Renaissance
und allerlei wertvolle Seltenheiten, darunter bemalte, etruskische
Tonvasen, und einige andere Antiken aus Bronze und Marmor waren im
Zimmer aufgestellt. Da und dort hing ein besonders schönes Blatt von
Lionardo und Michelangelo eingerahmt an der Wand, das etwa einen
männlichen oder weiblichen Körper nackt darstellte. Das folgende
kleine Kabinett war sogar beinahe von oben bis unten an dreien seiner
Wände mit solchen Objekten angefüllt.
Von da aus trat man in einen Kuppelsaal, dessen Höhe durch mehrere
Stockwerke reichte und der von oben sein Licht empfing. Hier hatte
Vincenzo mit Modellierholz und Meißel gearbeitet, und die Gipsabgüsse
seiner besten Schöpfungen füllten in einer gedrängten und stummen
Versammlung diesen beinahe kirchlichen Raum.
Beengt, ja, beängstigt und vor dem Hall seiner eignen Schritte
erschreckend, gleichsam mit bösem Gewissen war Francesco bis hierher
gelangt und ging nun daran, eigentlich zum erstenmal dieses und jenes
Werk des Oheims zu betrachten. Da war neben einer Statue Michelangelos
Ghiberti zu sehen. Ein Dante war da, Werke, die mit Punktierungszeichen
überdeckt waren, da man die Modelle vergrößert in Marmor ausgeführt
hatte. Aber diese weltberühmten Gestalten konnten die Aufmerksamkeit des
jungen Priesters nicht lange festhalten. Neben ihnen waren die Statuen
dreier junger Mädchen aufgestellt, der Töchter eines Marchese, der
vorurteilsfrei genug gewesen war, sie durch den Meister in völlig
unbekleidetem Zustande porträtieren zu lassen. Dem Ansehen nach war die
jüngste der jungen Damen nicht über zwölf, die zweite nicht über
fünfzehn, die dritte nicht über siebzehn Jahr. Francesco erwachte erst,
nachdem er die schlanken Körper lange selbstvergessen betrachtet hatte.
Diese Arbeiten trugen ihre Nacktheit nicht, wie die der Griechen, als
natürlichen Adel und Ebenbild der Gottheit zur Schau, sondern man
empfand sie als Indiskretion aus dem Alkoven. Erstlich war die Kopie der
Urbilder von diesen nicht losgelöst und als solche durchaus erkenntlich
geblieben: und diese Urbilder schienen zu sagen: wir sind unanständig
entblößt und gegen unseren Willen und unser Schamgefühl durch brutalen
Machtspruch entkleidet worden. Als Francesco aus seiner Versenkung
erwachte, pochte sein Herz, und er blickte furchtsam nach allen Seiten.
Er tat nichts Schlimmes, aber er empfand es bereits als Sünde, mit
solchen Gebilden allein zu sein.
Er beschloß, um nicht noch am Ende ertappt zu werden, so schnell als
möglich davon zu gehen. Als er jedoch die Haustür wieder erreicht
hatte, klinkte er, statt sich zu entfernen, den Türgriff von innen ins
Schloß und drehte dazu noch den Schlüssel herum, so daß er nun in dem
gespenstischen Hause des Toten eingesperrt, von niemand mehr
überrascht werden konnte. Nachdem dies geschehen war, begab er sich
vor das gipserne Ärgernis der drei Grazien zurück.
Hier kam ihn alsbald, indem sein Herzklopfen stärker wurde, ein
bleicher und scheuer Wahnwitz an. Er empfand den Zwang, der ältesten
unter den Marchesinnen, als wäre sie lebend, über das Haar zu
streicheln. Obgleich diese Handlung offenkundig und seinem eigenen
Urteil nach an Wahnsinn streifte, war sie doch noch einigermaßen
priesterlich. Aber die zweite Marchesina mußte sich bereits ein
Streicheln über Schulter und Arm gefallen lassen: eine volle Schulter
und einen vollen Arm, der in eine weiche und zärtliche Hand endigte.
Bald war Francesco an der dritten, der jüngsten Marchesina, durch
weitergehende Zärtlichkeit und schließlich durch einen scheuen
verbrecherischen Kuß unter die linke Brust zum fassungslos verwirrten
und zerknirschten Sünder geworden, dem nicht besser zumute war, als
jenem Adam, der die Stimme des Herrn vernahm, nachdem er vom Apfel der
Erkenntnis gekostet hatte. Er floh. Er lief, wie gehetzt, davon.
* * * * *
Die folgenden Tage verbrachte Francesco teils in den Kirchen mit
Gebet, teils in seiner Pfarrwohnung mit Kasteiungen. Seine
Zerknirschung und seine Reue war groß. Bei einer Inbrunst der Andacht,
wie er sie bisher nicht gekannt hatte, durfte er hoffen, am Schlusse
über die Anfechtungen des Fleisches Sieger zu sein. Immerhin war der
Kampf des guten und bösen Prinzips in seiner Brust mit ungeahnter
Furchtbarkeit losgebrochen, so daß es ihm schien, als ob Gott und der
Teufel zum erstenmal ihren Kampfplatz in seine Brust verlegt hätten.
Auch der eigentlich unverantwortliche Teil seines Daseins, der Schlaf,
bot dem jungen Klerikus keinen Frieden mehr; denn gerade diese
unbewachte, nachtschlafene Zeit schien dem Satan besonders willkommen,
verführerische und verderbliche Gaukeleien in der sonst so
unschuldsvollen Seele des Jünglings anzurichten. Eines Nachts, am
Morgen, er wußte nicht, ob es im Schlafen oder im Wachen geschehen
war, sah er im weißen Lichte des Mondes die drei weißen Gestalten der
schönen Töchter des Marchese in sein Zimmer und an sein Bett treten
und bei genauerem Anblick erkannte er, wie jede auf magische Weise mit
dem Bilde der jungen Hirtin auf der Alpe von Santa Croce verschmolzen
war.
Ohne Zweifel war von dem spielzeugartig kleinen Anwesen Scarabotas bis
herunter ins Zimmer des Priesters, in das die Alpe durchs Fenster sah,
eine Verbindung hergestellt, deren Hanf nicht von Engeln gesponnen
wurde. Francesco wußte genug von der himmlischen Hierarchie und ebenso
auch genug von der höllischen, um sofort zu erkennen, wes Geistes Kind
diese Arbeit war. Francesco glaubte an Hexenkunst. Erfahren in manchem
Zweige der scholastischen Wissenschaft, nahm er an, daß böse Dämonen,
um gewisse verderbliche Wirkungen auszuüben, sich den Einfluß der
Gestirne zunutze machen. Er hatte gelernt, hinsichtlich des Körpers
gehöre der Mensch zu den Himmelskörpern, der Verstand stelle ihn den
Engeln gleich, sein Wille sei unter Gott geordnet, aber Gott lasse es
zu, daß gefallene Engel seinen Willen von Gott ablenkten, und das
Reich der Dämonen nehme durch Bündnis mit solchen schon verführten
Menschen zu. Überdies könne ein zeitlicher, körperlicher Affekt, von
den höllischen Geistern ausgenützt, oft die Ursache ewigen Verderbens
eines Menschen sein. Kurz, der junge Priester zitterte bis ins Mark
seiner Knochen und fürchtete sich vor dem giftigen Biß der Diaboli,
vor den Dämonen, die nach Blut riechen, vor der Bestie Behemoth und
ganz besonders vor Asmodeus, dem ausgemachten Dämon der Hurerei.