Er wollte nicht glauben, daß jener Steinhaufen und das inmitten davon

befindliche, ohne Mörtel aus flachen Steintafeln geschichtete

Mauerwerk, wie ihn der Führer versichert hatte, das gesuchte Anwesen

sei. Was er erwartet hatte, war, nach dem Reden des Sindaco, eine

gewisse Wohlhabenheit, wogegen diese Behausung höchstens als eine Art

Unterschlupf für Schafe und Ziegen bei plötzlichem Unwetter gelten

konnte. Da es auf einer steilen Halde von Gesteinschutt und kantigen

Felsblöcken lag und der Pfad dahin in seinem Zickzacklaufe verborgen

war, schien der verfluchte Ort ohne Zugänge. Erst nachdem der junge

Priester sein Befremden und einen gewissen Schauder, der sich meldete,

überwunden hatte und näher gedrungen war, gestaltete sich das Bild der

verfemten und gemiedenen Wohnstätte etwas freundlicher.

Ja, die Trümmerstätte verwandelte sich sogar vor den Augen des

näherkommenden Priesters in eitel Lieblichkeit: denn es schien, als

würde die aus großer Höhe losgelöste Lawine von Blöcken und Schutt

durch den rohgemauerten Würfel der Wohnstätte aufgestaut und

festgehalten, so daß unter ihm eine steinfreie, saftig begrünte Lehne

blieb, aus der in entzückender Fülle und holdester Lieblichkeit gelbe

Kuhblumen bis an die Rampe vor die Haustüre hinankletterten -- und als

wären sie neugierig, über die Rampe hinweg und buchstäblich durch die

Haustür in die verfemte Wohnhöhle hinein.

Bei diesem Anblick stutzte Francesco. Dieser Sturmlauf von gelben

Wiesenblumen gegen die verrufene Schwelle hinauf, dieses Hinanblühen

üppiger Prozessionen langgestielter Vergißmeinnicht, unter denen Adern

von Bergwasser versickerten, und die ebenfalls mit ihrem blauen

Abglanz des Himmels die Tür zu erobern suchten, schien ihm beinahe

ein offener Protest gegen Acht, Bann und Femgerichte der Menschen zu

sein. Francesco mußte sich in seinem Staunen, dem eine gewisse

Verwirrung folgte, mit seiner schwarzen Soutane auf einen von der

Sonne gewärmten Gesteinsblock niedersetzen. Er hatte seine Jugend im

Tal und dazu meist in geschlossenen Räumen, Kirchen, Hörsälen oder

Studierzimmern zugebracht. Sein Natursinn war nicht geweckt worden.

Eine Unternehmung, wie diese, in die erhabene, herbe Lieblichkeit des

Hochgebirges hinein, hatte er niemals bisher ausgeführt und würde es

vielleicht niemals getan haben, hätte nicht Zufall und Pflicht vereint

ihm die Bergfahrt aufgedrängt. Nun überwältigte ihn die Neuheit und

die Größe der Eindrücke.

Zum ersten Mal fühlte der junge Priester Francesco Vela eine klare und

ganz große Empfindung von Dasein durch sich hinbrausen, die ihn

augenblicklang vergessen ließ, daß er ein Priester und weshalb er

gekommen war. Alle seine Begriffe von Frömmigkeit, die mit einer Menge

von kirchlichen Regeln und Dogmen verflochten waren, hatte diese

Empfindung nicht nur verdrängt, sondern ausgelöscht. Er vergaß jetzt

sogar, das Kreuz zu schlagen. Unter ihm lag das schöne Luganer Gebiet

der oberitalienischen Alpenwelt, lag Sant Agatha mit dem

Wallfahrtskirchlein, über dem noch immer die braunen Fischräuber

kreisten, lag der Berg San Giorgio, tauchte die Spitze des Monte San

Salvatore auf, und endlich lag in schwindelerregender Tiefe unter ihm,

in die Täler des Gebirgsreliefs wie eine längliche Glasplatte

sorgfältig eingefaßt, der Capolago genannte Arm des Luganer Sees mit

dem segelnden Boot eines Fischers darauf, das einer winzigen Motte auf

einem Handspiegel glich. Hinter alledem waren in der Ferne die weißen

Gipfel der Hochalpen, gleichsam mit Francesco, höher und höher

gestiegen. Daraus hob sich der Monte Rosa weiß, mit sieben weißen

Spitzen hervor, zugleich diademhaft und schemenhaft aus dem seidigen

Blau des Azurs herüberstrahlend.

Wenn man mit Fug von einer Bergkrankheit reden kann, so mit nicht

minderem Recht darf man von einem Zustand reden, der Menschen auf

Berghöhen überkommt, und den man am besten als Gesundheit ohnegleichen

bezeichnet. Diese Gesundheit spürte nun auch der junge Priester im

Blut, wie eine Erneuerung. Neben ihm, zwischen Steinen unter noch

dürrem Heidekraut, stand eine kleine Blume, dergleichen Francesco noch

niemals im Leben erblickt hatte. Es war eine überaus liebliche Spezies

blauen Enzians, dessen Blütenblättchen mit einem flammenden Blau

überraschend köstlich bemalt waren. Der junge Mann in der schwarzen

Soutane ließ das Blümchen, das er in seiner ersten Entdeckerfreude

hatte abpflücken wollen, unbehelligt an seinem bescheidenen Platze

stehen und bog nur das Heidekraut beiseite, um das Wunder lange

entzückt zu betrachten. Überall aus den Steinen drang junges,

hellgrünes Zwergbuchenlaub, und aus einer gewissen Ferne, über den

Lehnen von hartem, grauen Schutt und zartem Grün, meldete sich mit

Glockengeläut die Herde des armen Luchino Scarabota. Diese ganze

Bergwelt besaß eine frühe Eigenart, den Jugendreiz versunkener,

menschlicher Zeitalter, von denen in den Taltiefen keine Spur mehr

vorhanden war.

Francesco hatte seinen Begleiter heimgeschickt, da er den Rückweg

ungestört durch die Gegenwart eines Menschen machen wollte und

überdies bei dem, was er am Herde Luchinos vorhatte, einen Zeugen

nicht wünschen konnte. Er war inzwischen bereits bemerkt worden, und

eine Anzahl schmuddliger und verfilzter Kinderköpfe streckten sich

immer wieder neugierig zu dem schwarzverräucherten Türloch der

Scarabotaschen Gesteinsburg heraus.

Langsam begann sich der Priester ihr anzunähern und betrat jenen

Umkreis des Anwesens, der den großen Viehbestand des Besitzers

anzeigte und von den Rückständen einer großen Herde Rinder und Ziegen

verunreinigt war. In Francescos Nase stieg stärker und stärker mit der

dünnen und kräftigen Bergluft Rinder- und Ziegenduft, dessen steigende

Penetranz am Eingang der Wohnung durch zugleich mit ihm

herausdringenden Holzkohlenrauch erträglich gemacht wurde. Als

Francesco im Rahmen der Tür erschien und mit seiner schwarzen Soutane

das Licht verstellte, waren die Kinder ins Dunkel zurückgewichen, von

wo sie dem Gruße des Priesters, der sie nicht sah, und allen seinen

Anreden Schweigen entgegensetzten. Nur eine alte Mutterziege kam,

meckerte leise und beschnüffelte ihn.

Allmählich war es im Innern des Raumes für das Auge des Boten Gottes

heller geworden. Er sah einen Stall, mit einer hohen Dungschicht

gefüllt und nach hinten in eine natürliche Höhle vertieft, die

ursprünglich im Nagelflu, oder was für Gestein es sein mochte,

vorhanden war. In einer groben Steinwand rechts war ein Durchgang

geöffnet, durch den der Priester einen Blick auf den jetzt verlassenen

Herd der Familie tat: einen Aschenberg, innen noch voll Glut und zwar

auf dem natürlich zutage liegenden Felsen des Fußbodens

aufgeschichtet. An einer von dickem Ruß überdeckten Kette hing ein

verbeulter, ebenfalls verrußter, kupferner Topf darüber herab. An

dieser Feuerstätte des Steinzeitmenschen stand eine lehnenlose Bank,

deren faustdickes, breites Sitzbrett auf zwei ebenso breiten, im

Felsen befestigten Pfeilern ruhte und das seit einem Jahrhundert und

länger von Generationen ermüdeter Hirten, Hirtenweiber und Kinder

abgewetzt und poliert worden war. Das Holz schien nicht mehr Holz,

sondern ein gelber, polierter Marmor oder Speckstein zu sein, aber mit

zahllosen Narben und Schnitten. Der quadratische Raum, der im übrigen

mit seinen natürlich ungeputzten, aus rohen Blöcken und

Schieferplatten geschichteten Mauern mehr einer Höhle glich und aus

dem der Qualm durch die Tür in den Stall und wiederum von dort durch

die Tür vollends ins Freie drang, weil er außer etwa durch

Undichtigkeiten der Wände sonst keinen Abzug hatte, der Raum also war

vom Qualm und Ruß der Jahrzehnte geschwärzt, so daß man beinahe den

Eindruck gewinnen konnte, im Innern eines dickverrußten Kamines zu

sein.

Eben bemerkte Francesco den eigentümlichen Glanz von Augen, die aus

einem Winkel hervorleuchteten, als draußen ein Rollen und Rutschen von

Gesteinschutt hörbar ward und gleich darauf die Gestalt Luchino

Scarabotas in die Tür und wie ein lautloser Schatten vor die Sonne

trat, wodurch sich der Raum noch tiefer verdunkelte. Der verwilderte

Berghirt atmete schwer, nicht allein deshalb, weil er in kurzer Zeit

den Weg von einer entfernten, höher gelegenen Alm gemacht, nachdem er

von dort aus die Ankunft des Priesters beobachtet hatte, sondern weil

dieser Besuch ein Ereignis für den Verfemten war.

Die Begrüßung war kurz. Francesco wurde von seinem Wirt zum Sitzen

genötigt, nachdem er die Specksteinbank mit seinen rauhen Händen

von Steinen und abgerissenen Kuhblumen gesäubert hatte, die der

verfluchten Brut seiner Kinder als Spielzeug gedient hatten.

Der Berghirte schürte und blies aus vollen Backen das Feuer an, wobei

seine fieberhaften Augen im Widerschein noch wilder erglänzten. Er

nährte die Flamme mit Scheiten und trockenem Reisig auf, so daß der

beizende Qualm den Priester beinahe vertrieben hätte. Das Betragen des

Hirten war von kriechender Unterwürfigkeit und von einem ängstlichen

Eifer getragen, dermaßen, als ob nun alles darauf ankäme, sich die

Gnade des höheren Wesens nicht zu verscherzen, das seine schlechte

Wohnung betreten hatte. Er brachte eine große schmutzige Gelte voll

Milch herbei, deren Oberfläche dicken Rahm abgesetzt hatte, aber

leider auf eine unglaubliche Weise verunreinigt war, so daß Francesco

sie schon deshalb nicht anrühren konnte. Er wies aber auch den Genuß

von frischem Käse und reinlichem Brote zurück, trotzdem er hungrig

geworden war, weil er sich in abergläubischer Scheu damit zu

versündigen fürchtete. Schließlich, als der Berghirt sich ein wenig

beruhigt hatte und mit furchtsam wartenden Blicken und hängenden Armen

ihm gegenüber stand, begann der Priester also zu reden:

* * * * *

»Luchino Scarabota, Ihr sollt des Trostes unserer heiligen Kirche

nicht verlustig gehen, und Eure Kinder sollen aus der Gemeinschaft

katholischer Christen nicht ferner verstoßen sein, wenn es sich

entweder herausstellt, daß die üblen Gerüchte über Euch unwahr sind,

oder wenn Ihr redlich beichtet, Reue und Zerknirschung zeigt und Euch

bereit findet, mit Gottes Hilfe den Stein des Anstoßes aus dem Wege zu

räumen. Also öffnet mir zuerst Euer Herz, Scarabota, bekennet mit

Freimut, worin Ihr verleumdet seid und mit wahrhaftiger Wahrheit die

Sündenschuld, die Euch etwa belastet.«

Nach dieser Anrede schwieg der Hirt. Es rang sich nur plötzlich ein

kurzer, wilder Ton aus seiner Kehle hervor, der aber keinerlei Gefühl

verriet, vielmehr etwas Glucksendes, Vogelartiges an sich hatte. Wie

es Francesco geläufig war, schritt er alsbald dazu, dem Sünder die

schrecklichen Folgen der Verstocktheit vorzustellen und die

versöhnliche Güte und Liebe Gottes des Vaters, die er durch das Opfer

seines einigen Sohnes bewiesen habe, das Opfer des Lammes, das die

Sünden der Welt auf sich nahm. Durch Jesum Christum, schloß er, kann

jede Sünde vergeben werden, vorausgesetzt, daß eine rückhaltlose

Beichte, verbunden mit Reue und Gebet, dem himmlischen Vater die

Zerknirschung des armen Sünders bewiesen hat.

Erst nachdem Francesco, der Priester, eine lange Weile gewartet hatte

und sich achselzuckend erhob, wie es schien, um davon zu gehen, begann

der Hirte ein unverständliches Durcheinander von Worten durch die

Kehle zu würgen: eine Art Gewölle, wie es der Raubvogel tut. Und mit

gespannter Aufmerksamkeit versuchte der Priester das Verständliche aus

dem Wuste festzuhalten. Aber dieses Verständliche erschien ihm ebenso

wie das Dunkle fremd und wunderbar. Nur so viel ward aus der

beängstigenden und beklemmenden Menge eingebildeter Dinge klar, daß

Luchino Scarabota sich seines Beistandes gegen allerlei Teufel, die in

den Bergen hausten und ihn bedrängten, versichern wollte.

Es hätte dem jungen, gläubigen Priester schlecht angestanden, am

Dasein und Wirken von bösen Geistern zu zweifeln. War doch die

Schöpfung erfüllt von allen Arten und Graden gefallener Engel aus dem

Gefolge Luzifers, des Empörers, den Gott verstoßen hatte; hier aber

grauste ihm, er wußte nicht, ob vor der Verfinsterung durch unerhörten

Aberglauben, auf die er traf, oder ob vor der hoffnungslosen

Erblindung durch Unwissenheit. Er beschloß, mittels einzelner Fragen

sich über den Vorstellungskreis und das Begriffsvermögen seines

Parochialen ein Urteil zu bilden.

Da ward denn alsbald ersichtlich: dieser wilde, verwahrloste Mensch

wußte nichts von Gott, noch viel weniger von Jesus Christus, dem

Heiland, am allerwenigsten vom Vorhandensein eines heiligen Geists.

Dagegen gewann es den Anschein, als fühle er sich von Dämonen umgeben

und sei besessen von einem düsteren Verfolgungswahn. Und in dem

Priester sah er nicht etwa den berufenen Diener Gottes, sondern viel

eher einen mächtigen Zauberer oder den Gott. Was sollte Francesco

anderes tun, als sich bekreuzigen, während der Hirte sich demütig auf

die Erde warf und mit feuchten, wulstigen Lippen seine Schuhe

abgöttisch zu belecken und mit Küssen zu bedecken begann.

Der junge Priester hatte sich noch niemals in einer ähnlichen Lage

befunden. Die dünne Bergluft, der Frühling, die Trennung von der

eigentlichen Schicht der Zivilisation brachten es mit sich, daß sein

Bewußtsein sich ein wenig umnebelte. Etwas wie ein traumhafter Bann

zog ins Bereich seiner Seele ein, darin sich die Wirklichkeit zu

schwebenden Luftgebilden auflöste. Diese Veränderung verband sich mit

einer leisen Furchtsamkeit, die ihm mehrmals schleunige Flucht hinab

ins Bereich der geweihten Kirchen und Glocken anraten wollte. Der

Teufel war mächtig, wer konnte wissen, wie viele Mittel und Wege er

hatte, den ahnungslosen, gutgläubigsten Christen hinanzulocken und vom

Rande eines schwindelerregenden Abgrunds hinabzustürzen.

Man hatte Francesco nicht gelehrt, daß die Götzen der Heiden nur leere

Gebilde der Phantasie und nichts weiter gewesen seien. Die Kirche

anerkannte ausdrücklich ihre Macht, nur daß sie dieselbe als eine Gott

feindliche hinstellte. Sie kämpften noch immer, wenn auch

hoffnungslos, mit dem allmächtigen Gott um die Welt. Deshalb erschrak

der bleiche, junge Priester nicht wenig, als sein Wirt ein hölzernes

Ding aus irgendeinem Winkel seiner Behausung hervorholte, eine

greuliche Schnitzerei, die zweifellos einen Fetisch vorstellte. Trotz

seines priesterlichen Abscheus vor dem zuchtlosen Gegenstand, konnte

Francesco nicht umhin, das Gebilde näher zu betrachten. Mit Abscheu

und Staunen gestand er sich, daß hier die scheußlichste, heidnische

Greuel, nämlich die des ländlichen Priapdienstes, noch lebendig sei.

Nichts anderes, als Priap konnte, wie klar ersichtlich war, das

primitive Kultbild vorstellen.

Kaum hielt Francesco den kleinen, harmlosen Zeugungsgott, den Gott der

ländlichen Fruchtbarkeit, der bei den Alten so offen in hohen Ehren

stand, als sich die sonderbare Umklammerung seines Wesens in heiligen

Zorn umsetzte. Er warf zunächst, ohne Überlegung, das schamlose,

kleine Alräunchen ins Feuer hinein, von wo es aber mit der

Schnelligkeit eines Hundes-Zufahren der Hirt im selben Augenblick

wieder herausholte. Es glimmte da und es brannte dort, wurde aber

sofort durch die rauhen Hände des Heidenmenschen in den alten

ungefährlichen Zustand versetzt. Nun mußte es aber, samt seinem

Retter, eine Flut von strafenden Worten über sich hingehen lassen.

Luchino Scarabota schien nicht zu wissen, welchen von beiden Göttern

er für den stärkeren halten sollte: den von Holz oder den von Fleisch

und Blut. Indessen hielt er den Blick, in dem sich Entsetzen und

Grauen mit tückischer Wut mischten, auf die neue Gottheit gerichtet,

deren frevelhafte Kühnheit jedenfalls nicht auf ein Bewußtsein von

Schwäche schließen ließ. Einmal im Zuge, ließ sich der Bote des

einigen und alleinigen Gottes in seinem heiligen Eifer durch noch so

gefährliche Blicke des umnachteten Götzendieners nicht einschüchtern.

Und ohne alle Umstände kam er nun auch auf die verruchte Sünde zu

sprechen, der, wie man allgemein behauptete, der Kindersegen des

Berghirten zu verdanken war.

In die lauten Reden des jungen Priesters platzte gleichsam die

Schwester Scarabotas hinein, die aber, ohne zu reden und nur

verstohlen den Eiferer musternd, sich da und dort in der Höhle zu tun

machte. Sie war ein bleiches und widerwärtiges Weib, dem Waschwasser,

wie es schien, eine unbekannte Sache war. Man sah ihren nackten Körper

durch die Risse verwahrloster Kleider unangenehm hindurch schimmern.

Nachdem der Priester geendet und seinen Vorrat von strafenden Anklagen

fürs erste erschöpft hatte, schickte das Weib den Bruder mit einem

kurzen, kaum hörbar gesprochenen Wort ins Freie hinaus. Ohne

Widerspruch war der wilde Mensch sogleich wie der folgsamste Hund

verschwunden. Hierauf küßte die schmutzstarrende Sünderin, der das

verfilzte, schwarze Haar über die breiten Hüften hing, mit den Worten

»Gelobt sei Jesus Christus!« dem Priester die Hand.

Gleich darauf brach sie in Tränen aus.

Sie sagte, der Priester habe ganz recht, wenn er sie mit harten Worten

verurteile. Sie habe sich allerdings versündigt gegen Gottes Gebot,

wenn auch keineswegs in der Weise, wie es die Verleumdung ihr

nachrede. Sie allein sei die Sünderin, ihr Bruder dagegen vollkommen

unschuldig. Sie schwor und zwar bei allen Heiligen, daß sie jener

fürchterlichen Sünde, der man sie zeihe, der Blutschande nämlich,

niemals verfallen wäre. Freilich habe sie unkeusch gelebt, und da sie

nun einmal im Beichten sei, so sei sie bereit, die Väter ihrer Kinder

zu beschreiben, wenn auch nicht alle namhaft zu machen. Denn nur die

wenigsten Namen wisse sie, da sie, wie sie sagte, aus Not oftmals ihre

Gunst an vorüberkommende Fremde verkauft habe.

Im übrigen habe sie ihre Kinder ohne jede Hilfe mit Schmerzen zur Welt

gebracht, und einige hätte sie müssen da und dort, bald nach der

Geburt, im Schutte des Generoso wieder begraben. Ob er sie nun

absolvieren könne oder nicht, sie wisse trotzdem, daß Gott ihr

verziehen habe, denn sie habe durch Nöte, Leiden und Sorgen genügsam

gebüßt.

Francesco konnte nicht anders, als die weinende Beichte des Weibes wie

ein Gewebe von Lügen ansehen, wenigstens soweit das Verbrechen in

Frage kam. Freilich fühlte er, es gab Handlungen, die jedem

Bekenntnis vor Menschen unbedingt widerstreben und die nur Gott allein

in einsamer Stille des Gebetes erfährt. Er achtete in dem verkommenen

Weibe diese Schamhaftigkeit und konnte sich überhaupt nicht verhehlen,

daß sie in mancher Beziehung höher als ihr Bruder geartet war. In der

Art ihrer Rechtfertigung lag eine klare Entschlossenheit. Das Auge

gestand, aber ein Geständnis durch Worte würden ihr weder gutes

Zureden, noch glühende Zangen des Henkers entrissen haben. Sie war es

gewesen, wie sich ergab, die den Mann zu Francesco gesandt hatte. Sie

hatte den jungen, bleichen Priester gesehen, als sie eines Tages nach

Lugano zum Markte ging, wo sie die Erzeugnisse ihrer Alm verhandelte,

und sie hatte bei seinem Anblick Vertrauen und den Gedanken gefaßt,

ihm ihre verfemten Kinder ans Herz zu legen. Sie allein war das

Familienhaupt und trug die Sorge für Bruder und Kinder.

»Ich lasse es unerörtert,« sagte Francesco, »inwieweit Ihr schuldig

oder unschuldig seid. Eines steht fest: wenn Ihr Eure Kinder nicht wie

Tiere aufwachsen lassen wollt, so müßt Ihr Euch von dem Bruder

trennen. Solange Ihr mit ihm lebt, wird der furchtbare Leumund, den

Ihr habt, niemals zum Schweigen zu bringen sein. Immer wird man die

schreckliche Sünde bei Euch voraussetzen.«

Nach diesen Worten schien Verstockung und Trotz im Gemüte des Weibes

herrschend zu werden, jedenfalls gab sie keine Antwort und widmete

sich so, als ob kein Fremder zugegen wäre, eine längere Weile

häuslicher Tätigkeit. Währenddessen kam ein etwa fünfzehnjähriges

Mädchen herein, das einige Ziegen in die Öffnung des Stalles trieb und

sich alsdann, ebenfalls als wenn Francesco nicht da wäre, an der

Arbeit des Weibes beteiligte. Der junge Priester wußte sofort, als er

nur erst den Schatten des Mädchens durch die Tiefe der Höhle gleiten

sah, daß es von ungewöhnlicher Schönheit sein mußte. Er bekreuzte

sich, denn er hatte einen leisen Schrecken unerklärlicher Art im

Körper gespürt. Er wußte nicht, ob er in Gegenwart der jugendlichen

Hirtin seine Ermahnungen wieder aufnehmen sollte. Zwar war sie, wie

nicht zu bezweifeln war, von Grund aus verderbt, da Satan sie auf dem

Wege der schwärzesten Sünde zum Leben erweckt hatte, aber es konnte

doch noch ein Rest von Reinheit in ihr sein, und wer mochte wissen, ob

sie von ihrem schwarzen Ursprung eine Ahnung hatte.

Ihre Bewegungen zeigten jedenfalls eine große Gelassenheit, aus der

man keineswegs auf Unruhe des Gemütes oder Gewissensbeschwernis

schließen konnte. Im Gegenteil war alles an ihr von einer

bescheidenen Selbstsicherheit, die durch das Dasein des Pfarrers nicht

berührt wurde. Sie hatte Francesco bis jetzt nicht mit einem Blicke

gestreift, wenigstens nicht so, daß er ihrem Auge begegnet wäre oder

sie sonstwie ertappt hätte. Ja, während er selbst sie verstohlen durch

die Brille beobachtete, mußte er mehr und mehr in Zweifel ziehen, ob

wirklich ein Kind der Sünde, ein Kind solcher Eltern von dieser

Beschaffenheit sein könnte. Endlich verschwand sie über eine

Steigeleiter in eine Art Dachgelaß hinauf, so daß nun Francesco sein

mühsames Seelsorgerwerk fortsetzen konnte.

»Ich kann meinen Bruder nicht verlassen,« sagte die Frau, »und zwar

ganz einfach deshalb, weil er ohne mich hilflos ist. Er kann zur Not

seinen Namen schreiben, und ich habe ihm das nur mit der größten Mühe

beigebracht. Er kennt keine Münze, und vor der Eisenbahn, der Stadt

und den Menschen fürchtet er sich. Wenn ich fortgehe, wird er mich

verfolgen, wie ein armer Hund seinen verlorenen Herrn verfolgt. Er

wird mich entweder finden oder elend zugrunde gehen: und was soll dann

aus den Kindern und unserem Besitztum werden. Bleibe ich mit den

Kindern hier, so wollte ich den wohl sehen, dem es gelänge, meinen

Bruder fortzuschaffen: man müßte ihn denn in Ketten tun und hinter

Eisenstangen in Mailand einschließen.«

Der Priester sagte: »Dies kann sich am Ende noch ereignen, wenn Ihr

meinem guten Rate nicht folgen wollt.«

Da gingen die Ängste des Weibes in Wut über. Sie habe ihren Bruder zu

Francesco geschickt, damit er sich ihrer erbarme, aber nicht deshalb,

damit er sie unglücklich mache. Es sei ihr dann schon lieber, von

denen da unten gehaßt und ausgestoßen weiter zu leben, wie bisher. Sie

sei eine gute Katholikin, aber wen die Kirche ausstoße, der habe ein

Recht, sich dem Teufel anheimzugeben. Und was sie bisher noch nicht

getan habe, die große, ihr zur Last gelegte Sünde, werde sie dann

vielleicht erst tun.

In diese mit einzelnen Schreien gemischten, gepreßten Worte der Frau

hörte Francesco von dort, wo das Mädchen verschwunden war, von oben her,

immer einen süßen Gesang bald im leisesten Hauch, bald stärker

schwellend hineinklingen: so daß seine Seele mehr in diesem melodischen

Banne, als bei den Wutausbrüchen des verkommenen Weibes war. Und eine

Welle stieg heiß in ihm, verbunden mit einer Bangigkeit, wie er sie nie

gefühlt hatte. Das qualmige Loch dieses tierisch-menschlichen

Wohnstalles schien, wie durch Zauberei, in die lieblichste aller

kristallenen Grotten des Danteschen Paradieses verwandelt zu

sein: -- voll Engelstimmen und lachtaubenartig klingender Fittiche.

Der Ketzer von Soana · 第 2 / 8 段