Zwischen Papieren

Ein Gewitter, das sich während der Nacht um unseren Talkessel herum

austobte, hat sich in einen Regen aufgelöst. Seit frühem Morgen schon

raschelt er ununterbrochen in langen Fäden vom sackgrauen Himmel

herunter und läßt mich nicht aus dem Zimmer.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und höre auf die stille, behagliche

Musik draußen: das Rascheln der Blätter, das Plätschern der kleinen

Gießbäche an beiden Seiten des Fahrwegs die Gasse hinunter in trüben,

milchkaffeefarbenen Wirbeln. Dazwischen das Geschrei der Jungens, die

sich, die Hosen bis zu den Hüften hinaufgekrempelt, in den breiten

Lachen und Pfützen verlustieren, auf denen Hunderte von Blasen aufhüpfen

und wieder verschwinden. Der Pudel meiner Wirtin hat sich neben mir auf

dem Teppich zusammengekuschelt und schnarcht leise, und von der Wand her

tackt die Uhr. Ich freue mich meiner Filzsocken, meines Hausrockes und

meines Nasenwärmers.

Lang reck ich die Beine unterm Tisch und gähne, weißt du, so in einer

angenehmen Lässigkeit, in behaglicher Langenweile.

Was nun gleich anfangen?

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Vielleicht schreiben? Wieder einmal irgend etwas schreiben? Ich ziehe

mir ein Bündel Manuskripte vor, knote das bunte Fädchen drumherum auf

und fange an zu suchen.

Vielleicht dies oder jenes Angefangene weiterführen, zu Ende bringen?

Aber _cui bono_? -

Der Wahlspruch eines Freundes fällt mir ein, auch so eines glückseligen

Faulpelzes, wie ich jetzt einer bin.

_Cui bono?_ Daß Gewisse dann nachher wieder einmal Gelegenheit zu einer

heilsamen Lungengymnastik bekommen?

Oder _mir_ etwa zulieb? - Nein! - Ich find es wirklich gedeihlicher, in

dieser friedsam eingezäunten Welt runde Backen zu bekommen. Man muß doch

auch für den Winter wieder etwas zuzusetzen haben!

Es macht mir aber doch Lust, so in dem papierenen Kram umherzublättern.

Was liest man nicht alles zwischen den Zeilen! Aus dem Sicheren heraus

einem da so zuzuschauen, wie er sich müht und abquält, mir selbst.

Schreiben! _Cui bono?_ - Ja, du prächtiger, gescheiter alter Junge, der

du so ein unübertrefflicher Lebenskünstler bist: bei einem guten Essen,

bei einem klugen Weibe, auf deiner Chaiselongue unterm japanischen

Schirm mitten zwischen allerlei lustigem Krimskrams bei einem

vernünftigen Buch oder einer träumerischen Zigarre oder in unserem

vertraulichen Kreise.

_Cui bono?_ Die schöne Welt auf ein paar schändlichen Papierwischen

schamlos zu verhunzen? Neunmal hast du recht! Ein Unsinn ist's, ein

Fieber, ein Wahnsinn! Ich begreife mich selbst nicht ...

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Wie unschuldig sie dastehen, die perlenden, glatten Sätze in ihrer

sauberen, reinlichen Schwärze! Als wäre nichts gewesen, gar nichts

gewesen! Als wären sie das leichte, müßige Spiel müßiger Stunden!

Ach, ich kenne ihre Geschichte, die Geschichte jeden Satzes, jeden

Wortes!

Mit welch neunmalverfluchtem, töricht vergossenem Schweiß sind diese

paar lumpigen Zeilen da erkauft! Wie viel Anläufe, wie viel saueres

Ringen, wie viel Verzweiflung und Entmutigung! Wie viel fiebernde, wilde

Freude! Und wer dankt einem das alles? Wunderlicher Wahnsinn!...

Wie viel Wonnen! So schmerzlich in ihrer Überfülle! Wenn ich ein Stück

Leben endlich gefaßt hatte, wenn ich es selbst war und schrieb und

schrieb, bis ich am Abend zusammenbrach wie ein übermüdetes Lasttier.

Wenn es mir nachts den Schlaf raubte, mit bunten Träumen, mit lebendigen

Gesichten, bis der erste Morgen rot über den grauen Mietkasernen

aufdämmerte!...

Wie viel Ermattungen! Zeiten, wo es bei vergeblichen Anläufen mich

durchfuhr: du kannst nichts mehr, bist tot, abgeschmackter als der

fadeste Ignorant, einfältiger als der blödeste Idiot! Zeiten, wo mich

die vier Wände meines Zimmers engten wie ein Grab; wo es mich tagelang

durch die Straßen trieb, daß ihr rauschender Lärm, ihr wirres,

wunderliches Leben meine Verzweiflung übertäube, wo ich neidisch hinter

einem jeden Philister herschlich, der im dumpfen Gewohnheitsgleis sein

tägliches Pensum heruntergehaspelt hatte. Wie ich ihn achtete und mich

so niedrig, so unnütz fühlte!... Bis dann wieder das andere kam! -

Und so fort und fort!

Ja ja! Die alte Geschichte! - Aber ich meine nur: keiner wird ja

gescheit von uns, keiner! Von uns geistigen - Luxusmenschen ...

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Hier sind ein paar Dinger, die nach allerlei Rezepten riechen. Jetzt

spür ich erst, wie? -

Wie sie einen in die Irre führen können, diese stumpfnüstrigen

Stichwortfabrikanten, die ihre blöde Freude und Befriedigung ihrer

Eitelkeit finden, wenn sie jeden Sprößling, wie in einem botanischen

Garten, gleich mit einem Täfelchen verschimpfieren!...

Sehr lehrreich, ja! - Mit einem dumpfen Wust von Namen und Redensarten

im Schädel geht man davon.

Aber wer hat so recht seine warme Herzensfreude gehabt, wie ein jeder

Schoß aus der nährenden Erde hervorgekeimt ist, wie er sich zweigte,

seine Rinde sich bräunte, wie er in der Sonnenwärme, genährt von Luft,

Licht, Wärme und Frühjahrsregen, saftige Knospen schwellen ließ,

Blättchen und Blätter entfaltete und in rosiger Blüte stand? Wen

kümmerts?

Wenn sie sich nur zu Haufen scharen und ein rechtes Geschrei erheben

können, hinüber und herüber.

Und wenn nur nicht Hunderte dabei in die Brüche kämen, weil sie einer

Redensart zulieb sich selbst und die liebe Natur verhunzen.

Beiseite gehen und lachen! In der Einsamkeit sich selbst finden und

stark werden!...

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Früher gab es eine Zeit, wo der Dichter der Seher war, Prophet,

Priester.

So nannten ihn die naiven Menschen eines naiven Zeitalters, und

religiöse Weihe wohnte ihm bei.

Wir lächeln darüber, wir, »_les soldats les plus convaincus du vrai_«,

wir Arbeiter und Experimentatoren, Positivisten, Objektivisten und

Dokumentensammler in unserer werktagstolzen Bescheidenheit.

Es ist nicht zu deuteln: die Alten meinten's, wie sie's sagten. Unser

Verstand aber ist klar und unsre Einsicht reifer. Wir sind so schlicht,

und jedes Pathos macht uns lachen.

Ach, ach! Ob man nicht aus seiner Not eine Tugend macht? Wie ist's mit

dem Fuchs und den Trauben?

Hier in meiner stillen Einsamkeit kommen mir so allerlei Gedanken.

Wenn ich jetzt so in all dem Papierkram blättere, mich hier als

kaltblütigen Positivisten finde und dort, wie ich ein gut Stück mit den

Psychologen und Moralisten gegangen bin, merk ich erst so recht, wie ich

doch getappt und getappt bin. Oft meint ich, ich hätte ein Ganzes,

Rundes: und nun ist es Stückwerk.

Ach wir, die wir prompt unsre Analyse vollziehen und selbstbewußt

hinzufügen: keine Hexerei!

Zwischendurch spür ich aber doch, wie ein Verborgenes, Niedergehaltenes

sich regte und frei werden wollte und wohl auch hier ein Zweiglein trieb

und da. Etwas, das keine Selbstzufriedenheit kennt gegenüber dem alten,

wunderbaren Rätsel, das nur mit einem beseligt: mit einem frommen

Staunen ...

Und ich weiß nicht: das gibt mir jetzt einen Trost, als könnte ich damit

noch eine große, schöne Zufriedenheit in der Zukunft finden.

Etwas Ganzes, Rundes herausschaffen aus einem gesunden, kräftigen

Empfinden, aus einer umfassenden, sicheren Stimmung herausgestalten, die

einen trägt und treibt vom Beginn bis zum Ende. Die Welt wiederzugeben,

wie sie Empfindung und treibendes, quellendes Leben in einem geworden,

ohne zu deuteln und zu urteilen, zu verdammen und zu preisen. Kein

kluges, kaltes Beobachten: mit seinem Empfinden aufgehen mitten im

Leben, es selbst werden. Farbe sein, Ton, Licht, eigener und fremder

Schmerz, eigene und fremde Lust, jede Leidenschaft, wie sie in

schlichter, natürlicher Kraft sich äußert. Ganz selbst und doch seiner

selbst entledigt sein: das ist das Pathos, mit dem einen die Welt

erschüttert und sänftigt wie mit einem religiösen Schauer.

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Hier halt ich erste Versuche in den Händen, Gedichte. Wie unbehilflich

die Form! Die Empfindung, die hervor will, sucht nach Halt und klammert

sich an, da und dort, in ihrer rührenden Unfreiheit, wie sie noch im

Leben umhertappt, ihrer selbst sicher zu werden.

Und doch eine so schöne Zeit! Wie lebendig mir das alles war!

Und da muß ich so denken, wie alles Spätere, so sachlich es sich auch

gebärdete, im Grunde hier, in diesem Boden, seine stillen, tiefen

Wurzeln hatte.

Alles, mögen sie's benamsen, wie sie's wollen, ist im Grunde doch ein

Gedicht, Lyrik.

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Wie ein Abschließender komm ich mir vor hier über diesem vergilbten,

bunt bekritzelten Papier und so oft während dieser herrlichen Tage.

Freier, ruhiger seh ich in die Zukunft.

Eins weiß ich sicher. All die Stichworte und Redensarten, die mich

lästig umschwirrten wie Mückenschwärme: sie sollen und werden mich nicht

irremachen.

Mensch will ich sein, Mensch und vor allem Mensch! Leben will ich, leben

und Leben erraffen; ganz zum Leben tüchtig werden! Nichts soll mir

gelten, als mein eigener, freier Trieb! Fühlen will ich mit jeder Fiber

und jedem Nerv, wie über den Tag weg und sein wirrendes Getriebe in

Liebe, Haß und Leidenschaft die tausend Kräfte der Natur wunderbarlich

durcheinander walten. -

Vorm Fenster fangen an die Spatzen zu zwitschern, und das Geriesel an

den Scheiben verstummt.

Bündel zu! Weg mit dem papierenen Krempel!

Draußen wird die Welt hell!...

In Dingsda · 第 22 / 29 题