Sonntag. Die liebe helle Sonne spielt hinten im Garten. Alles ist so
blank. Der Hof unten sauber gefegt. Nirgends auch nur ein Strohhälmchen.
Auf den blankgescheuerten Steinplatten vor der Hoftür ist weißer Sand
gestreut. Die Hühner gackeln still auf dem hellen Pflaster umher.
Aus dem Dorfe kein Laut. Nur das zweite Kirchläuten tönt durch die
blaue, klare Luft herüber.
Ich habe mich in meinen schwarzen Gehrock geworfen und in jeder
Beziehung _grande toilette_ gemacht. Denn ich muß heute schon mal mit
zur Kirche. Schon um mich freizuhalten gegen alle möglichen
temperamentvollen Katechisationen über Gott den Vater, Gott den Sohn und
Gott den Heiligen Geist. Dergleichen kann einem sehr peinlich sein, wenn
man seinen Katechismus nicht mehr so recht am Schnürchen hat. Recht
qualifizierbar bin ich in dieser Beziehung meiner Umgebung hier sowieso
nicht, und es ist gut, dem Mißtrauen keine weitere Nahrung zu geben.
Denn warum in guten Menschen inquisitorische Instinkte wecken? Warum? -
Überdies: Gott! Wie lange bin ich in keine Kirche gekommen!...
»Sind Sie parat?!«
Hinter mir hat die Tür geknarrt. Die Frau Wirtin. Ihr adrettes, rundes
Figürchen glänzt von schwarzer Seide. In der Hand hält sie über dem
schneeweißen, gezackten Taschentuch das Gesangbuch, mit Goldschnitt und
einem goldenen Abendmahlkelch auf dem schwarzledernen Deckel. Unter der
breiten Strohhutkrempe vor fragend die grauen Augen. Ich glaube, ein
wenig mißtrauisch, ob ich innerlich auch so recht auf den Kirchgang
vorbereitet bin und ob es mich auch ja nicht so etwas wie eine sehr zu
mißbilligende Überwindung kostet, mitzukommen.
Nein! Ich bin ganz frei und unbefangen.
Hinter ihr, auf dem Flur, rosig das Töchterchen im Sonntagsstaat, sauber
wie ein Teeröschen. Ich mache den Damen ein Kompliment über ihre
Toiletten, das wohlwollend entgegengenommen wird.
Ob ich auch einen Zweier habe für den Klingelbeutel?
Alles in Ordnung, und nun können wir gehen.
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Die Gasse hinauf ist's still und sauber. Überall ist gefegt und vor den
Häuserchen weißer Sand gestreut. Hier und da blitzt eine blankgeputzte
Messingklinke in der Sonne, und vor den gescheuerten Fensterkreuzen
glühen die Geranien und Fuchsienblüten. Ein Mann steht breitbeinig, in
dunklen Sonntagskleidern, mit blendend weißen Hemdsärmeln vor einer
offenen Haustür und hat die Fingerspitzen in den Hosentaschen. Kinder,
bereits im Sonntagsstaat, die Haare noch straff und starr von Wasser,
sitzen in der Sonne und mühen sich behaglich mit ihren
Frühstücksstullen.
Die liebe, schmutznäsige Unschuld, die noch in keine Kirche zu gehen
braucht!
Das heißt, küssen möcht ich sie deshalb doch nicht, wie weiland Werther
des Amtmanns Gören ...
Eine Frau, aus einem niedrigen Fensterchen heraus oder über eine
regenverwaschene Halbtür hinweg, die Kirchgänger zu mustern.
Zu drei gehen wir, mitten in der Gasse, andächtigen Schrittes hinauf.
Da ist die Frau Ortsvorsteher. Da das Fräulein vom Gute. Sie trägt sich
ein wenig zu auffällig nach der neusten Mode. Sie besitzt ein sehr
verwöhntes Spitzhündchen, ist sehr in der Marlitt und Werner belesen,
und ihr Lieblingsbuch sind Geroks »Palmblätter«. Im übrigen ist sie
hübsch und, wie man sich im Vertrauen mitteilt, vom »Herrn«, dessen Frau
zurzeit in Karlsbad ist, viel zu sehr verwöhnt ...
Da ist die Frau Gutsbesitzer Soundso. Ah! Und die Frau Amtmann mit ihren
beiden Töchtern und dem Herrn Sohn, der in den Ferien da ist! Man hebt
die Blicke und grüßt. So geht's dem Geläute entgegen, das immer
deutlicher wird. Nun den Kirchberg hinauf. Die Frau Wirtin keucht ein
wenig und bleibt ab und zu stehen, uns auf die schöne Aussicht
aufmerksam zu machen, die man nach beiden Seiten über die hellen Hügel
und Felder hin hat. Zwischen den grünen Gräbern, zwischen denen
ökonomisch Kantors Hühner nach Käferlarven und Würmern picken, drängen
sich die dörflich bunten Sommertoiletten.
Die Kirchtür. Zu beiden Seiten, in Schneeballbüschen halb versunken,
schief, zwei steinerne Ritter, über welche die Sonne ein Netzwerk von
bläulichen Schattenflecken schaukeln läßt. Aus dem niedrigen,
weißgetünchten Torgang weht es einem kühl entgegen. Oben versummt der
letzte Glockenton. Drinnen setzt mit einem scharfen Ruck die Orgel ein.
Die Kirche dehnt sich in einem sonnigen Dunst. Querdurch, von den
Fenstern schräg über die weißen Kirchstühle hin, legen sich drei breite,
sonnige Lichtbalken.
Die Frau Pastor mit ihren sämtlichen Töchtern.
»O bitte! Nach Ihnen!«
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»Eins ist not, ach Herr, dies ei-neee ...«
Die Schuljungen oben auf dem hellblau gestrichenen Orgelchor schreien
aus vollem Halse, daß es einem mit Messerschärfe durch alle Nerven
fährt, und dazwischen macht sich der Tenor des Herrn Kantor vernehmbar.
Über die Kirchstühle in sanftem, schwebendem Säuseln der Diskant der
Gemeinde, hier und da übertönt von einem altväterlichen Tremolo oder
einem ungefügen Grundbaß. Bei den Fermaten das Fauchen und Arbeiten der
Orgel.
Einen Augenblick stehen wir nebeneinander im Kirchstuhl über all den
bunten Hüten und krummen Rücken. Die Damen verrichten sehr andächtig ihr
Gebet. Aber ich merke, wie zwei Blicke meine Hände streifen: ein
scharfer und ein erschreckter. Ich muß still in mich hineinlachen, lege
die Fingerspitzen ineinander und senke den Kopf.
Ein Rauschen, Räuspern und das Blättern der Gesangbücher.
Und nun darf ich mich mit gutem Gewissen umsehen.
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Ich habe eine Anwandlung von Ironie, über die ich mich aber sofort
ärgere. Und im nächsten Augenblick überschleicht es mich mit hundert
heimlichen Erinnerungen, und nun vertraut sich mir das alles mit hundert
Heimlichkeiten. Viel Umstände haben sie mit ihrem Gotteshaus nicht
gemacht. Ein mäßig großer, weißgetünchter Raum wie eine große Scheune.
Aber Sonne! Sonne! - Von allen Seiten Sonne, Licht und Luft, und über
wippendem Laub draußen der blaue Himmel. Von der blättrigen Decke herab
hängt an einer langen, gegliederten Eisenstange ein schwarzverstaubter
Kronleuchter mitten über den Köpfen der Gemeinde. Unter den
Holzbrüstungen der Chöre mit ihrem plumpen Schnitzwerk in Glaskästen
vertrocknete Totenkränze mit weißen, moirierten Schleifen; und mit
starren, staubigen Falten ein paar vergilbte, gänzlich zerfetzte Fahnen.
Hinten, wo der Raum in einen lichtdunstigen Spitzbogen zusammenläuft,
steht in ärmlicher Pracht der kleine Altar. Zwischen den beiden Kerzen
das schwarze Kruzifix mit dem vergoldeten Christus dran. Ihre stillen
Flammen verbleichen in dem grellen Sonnenlicht. Davor die mächtige
Bibel, aufgeschlagen, mit leuchtendem Goldschnitt, und dahinter ein
gänzlich verdunkeltes Gemälde, das die Kreuzigung darstellt. Nur ein
paar Gewänder leuchten noch grellbunt aus dem Dunkel vor, und
schwefelgelb in der Mitte die beiden Schächer mit immensem Muskelwerk,
und zwischen ihnen der dürre, verrenkte Leib des Erlösers. Ein schwarzes
Altartuch reicht mit schmalen Silberfransen bis auf die rissigen,
verwaschenen Steinfliesen herab. Oben, in der Nähe des Altars, die
hölzerne, graublau gestrichene, ganz schmucklose Kanzel, zu der von
beiden Seiten Treppen mit grobgeschnitzten Geländern hinaufführen.
Dahinter an den kahlen, weißen Wänden lange, dunkle Gemälde. Verdiente
Pfarrherren aus früheren Zeiten. Aus all dem Schwarz leuchten nur ihre
roten Gesichter, die Hände, die goldenen Schnallen ihrer Bibeln hervor
und vor allem die weißen Beffchen.
Ach! Mir ist zumute wie nach sämtlichen drei großen Festtagen des Jahres
auf einmal! Zwischendurch aber ist es mir, als hört ich Rauschgold
knittern und als röch ich angebrannte Wachskerzen, Fichtennadeln und
buntlackiertes Spielzeug. Als ständ ich zur Christmette mit frostroter
Nase oben auf dem Chor, vor mir, auf der Brüstung, in blecherner Tülle
das brennende Wachsstöckchen, und jauchzte mit den anderen in den
jubelnden Trompetenschall hinein, über all die roten, in einem
Lichtglanz von tausend Kerzen strahlenden Gesichter, und als hört ich
die Stimme des Pastors: »Freuet euch mit mir, denn euch ist heute der
Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids!«
Wie zutraulich nah einem das alles ist!
Was man für eine wunderliche Wegstrecke zurückgelegt hat von da bis
hierher!...
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Die Orgel lärmt ein frohlockendes Nachspiel herunter. Ein allgemeines
Räuspern, Rauschen, Husten und Scharren. Die letzten Strophen hindurch
hatte sich der Gesang eben noch so hingeschleppt, unter allerlei Püffen
oben vom Orgelchor her.
Man erhebt sich.
Vorn steht schon der Herr Pastor mitten vor dem Altar, und über dem
Goldschnitt seiner Bibel wölbt sich seine breite Brust. Schön von der
Sonne beleuchtet sein rotwangiger Lutherkopf, die sauberen weißen
Beffchen unter dem runden Unterkinn. Mit altgewohntem, zuverlässigem
Pathos verliest er die Liturgie. Die Gemeinde und oben die Jungens
antworten prompt nach jedem Satze, wenn sich seine runden, weißen Hände
mit dem Buche senken und seine kleinen Augen mit dem unerschütterlichen
Blick des Gottesmannes sich zum Chor erheben.
Ein Zwitschern. Hell und fein geben es die Wände wieder. Ein
Rotkehlchen, das sich hinten durch die offene Tür hereinverirrt hat und
nun ängstlich an den sonnigen Fenstern hinflattert: erschreckt von dem
Gesang und dem Orgellärm. In langen, ängstlichen Kreisen zirpt es jetzt
um den Altar, und nun setzt es sich ermattet auf die vergoldete,
blitzende Dornenkrone des Heilandes, mitten über dem ernsten, gesunden
Antlitz des Herrn Pastor.
Gestern abend hab ich ihm drüben einen Besuch gemacht. Er wohnt in einem
großen, gelben Hause neben der Kirche mitten im Grünen. Weit im Kreise
überblickt man die ganze Landschaft. Er hat mir seinen Obst- und
Gemüsegarten gezeigt, seine Blumenbeete und seinen Hühnerhof mit dem
großen, schattigen Nußbaum in der Mitte. In einem leeren, gefegten
Ziegenstall hatten sich seine drei Jüngsten eine gute Stube
eingerichtet. Die Öffnung über der Halbtür war mit einem alten
Gardinenfetzen verhängt. Die Puppen und zwei zahme, weiße Hühner waren
die Kinder. Nachher haben wir oben in der Pfeifenkrautlaube dicht an der
Mauer bei Zigarren und Kaffee um die schlimmen, gottvergessenen Zeiten
und die Nuditäten auf der Schloßbrücke zu Berlin herumgeplaudert. Die
Sonne glitzerte in den weißen Tassen, auf der Zinnkanne und in dem
braunen Trank, und der Rauch unserer Zigarren zog sich schräg in die
Landschaft hinein ... Ein schöner, stiller, sonniger Winkel!
»Heilig! Heilig! Heilig ist der Herr Gott Ze-ba-oth!
Alle Lande, alle Lande, alle Lan-deee
Sind seiner Ehre voll!«
Oben schreien jetzt wieder die Jungens, und die ganze Gemeinde stimmt
jauchzend ein, denn nun braucht man nicht mehr zu stehen, und es kommt
die Predigt.
Das Rotkehlchen hat sich wieder aufgemacht und schwirrt verzweifelt an
einem der Fenster auf und nieder.
Der Herr Kantor läßt den Jubel der Heerscharen sich noch ein paar Takte
hindurch ausjauchzen, so daß man hinreichend Zeit findet, sich
zurechtzusetzen, zu schneuzen, die Brillen zu rücken und das
Zwischenlied aufzuschlagen, und dann lenkt er mit einem gewandten
Schnörkel zu der neuen Melodie über. Drei Strophen, und nun steht der
Herr Pastor wieder oben auf der Kanzel.
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Stehend wird der Text angehört und nun: »Im Herrn Geliebte!« ...
Neben mir, ganz allein auf einer weißen Seitenbank unter dem Seitenchor,
sitzt Kramers Knecht im bläulichen Halbschatten. Er sitzt
vornübergebeugt mit seinem breiten, von der schweren Wochenarbeit
niedergezwängten Rücken.
Zwischen den knorrigen, rotbraunen Fingern hält er das dicke,
altfränkische Gesangbuch andächtig vor sich auf den dicken, knochigen
Knien. Aus der schwarzen Halsbinde heraus sein braunes, verrunzeltes,
frisch rasiertes Gesicht, blau angelaufen um das Kinn herum, ein
schwarzes Stück Schwamm auf die Backe geklebt, weil der Barbier ihn
geschnitten hat. Seine strohblonden, graumelierten Haare sind mit Wasser
glatt an den kleinen Spitzkopf angekämmt, in die niedrige Stirn hinein
und an den Seiten, hinter den abstehenden, großen, biederen Ohren vor,
über die Schläfe hinweg. Aus dem breiten, runzligen Munde blinken die
Zähne hervor. Seine kleinen, wasserblauen Augen starren, unter den
dicken, hellblonden Brauen vor, zu dem Pastor hinauf. Jetzt blinken
seine weißen Wimpern, der Kopf nickt. Die Lider werden schwerer und
schwerer. Jetzt fallen sie zu. Er ist eingeschlafen.
Oben erzählt der Herr Pastor von Maria und Martha, die andachtbeflissen
zu des Herrn Füßen saßen. Sein schöner, ruhiger Baß tönt in
schmeichelnden Perioden über die Gemeinde hin. Warm und goldig liegt die
Sonne zwischen den stillen Kirchstühlen. Meine Frau Wirtin hat ihr
rundes Gesicht seitwärts geneigt und schnauft leise durch die Nase. Die
Frau Amtmann, das Fräulein vom Gute: eins nach dem anderen riskiert sein
Nickerchen; einen nach dem andern um mich her wiegt das gute Gotteswort
in wohlverdienten Schlummer.
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»Amen!«
Der Herr Pastor schneuzt sich vernehmbar. Dreimal hintereinander.
Über die Kirchstühle hin geht ein Rauschen. Und nun: »Es hat dem Herrn
über Leben und Tod gefallen, die Frau Rosine, Marie, Susanne Küntzel im
56. Jahre ihres Alters hinwegzurufen aus diesem Jammertal« usw. Ein
stummes Gebet. Der Segen über die stehende Gemeinde hin: »Der Herr segne
euch und behüte euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch
und gebe euch seinen Frieden! Amen!« - Amen! Amen! Amen!... Das
Kirchengebet. Der letzte Vers. Und nun strömt es hinaus in den warmen,
sonnigen Mittag ...
Zu Hause gibt es ein Süppchen »Hören Sie?«, den pp. Sonntagsbraten, ein
deliziöses Kompott von frischen Kirschen, und zu allem ein goldiges,
sanftmütiges Moselweinchen ...