Eins verursacht mir zuweilen eine stille Freude: daß ich hier so gar
nicht wählerisch bin.
Es ist unglaublich, was für ein höllisches Beizkraut von Tabak ich
nebenan beim Krämer bekomme. Es würde mich in der Stadt zur Verzweiflung
gebracht haben. Und wie schön schmeckt mir hier im Garten bei einem Buch
oder draußen zwischen den Feldern meine Pfeife _Paetum optimum supter
solem_ ...
Auf der Enveloppe ein Hahn auf einer Tabaksrolle, mit lang
ausgespreizten, spießartigen Sonnenstrahlen herum, oder ein Reiter auf
einem Pferd mit wahren Elefantenbeinen. Ein haarsträubend primitiver
Holzschnitt ... Ich weiß nicht, ob ihr die Sorte kennt. Kaum.
Das macht, ich lebe hier in so ganz anderen Dingen. Ich bin so
gleichmäßig, so ruhig, so heiter-durchsättigt von all dem schönen,
sonnigen, sommerlichen Leben hier.
Jetzt seh ich erst, wie ich in der letzten Zeit meine Kraft, meine
Gedanken und mein Empfinden in allerlei nebensächlichen Kleinigkeiten
verkrümelt hatte. In den heikelsten Raffinements hatt ich mich verloren.
Ach Gott, wer weiß, was alles! Immer von einem zum anderen. Alle
möglichen Japanereien.
Aber jetzt? Wie ausgetauscht bin ich!
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Ich stehe z. B. jeden Morgen um fünf Uhr auf. Sobald die Sonne über das
Dach geklettert ist und zwischen der Lücke im Fenstervorhang hindurch
kann und mir mit ihren goldenen Fingern übers Gesicht streichelt, muß
ich heraus. Unten im Garten trink ich dann meinen Kaffee, unter einem
weitüberhängenden Apfelbaum, zwischen Kohlbeeten, Stachelbeerbüschen,
Stiefmütterchen, vis-a-vis einer rotaufgeblühten Nelke, die durch den
ganzen Garten leuchtet, recht prätentiös über all die Rosen, die roten
und gelben und weißen am Staket hin. Oben im Hofe piepsen die flaumigen
Hühnerküchelchen um die Glucke herum, und der große weiße Hahn, Herr
Meier, mit dem feuerroten, in der Sonne transparenten Kamm trompetet in
den frischen Morgen hinein auf dem schönen, goldgelben und sammetbraunen
Düngerhaufen. -
Dann streif ich durch die Felder.
Zuerst an einer Bergkante hin, unter mächtigen schattenden Buchen,
Linden und Kastanien. Bläuliche Schattenflecke und goldiggelbe
Lichtkringel zucken über den braunen Weg. Nach unten, den grünen Hang
hinunter bis zur Chaussee, Kirschbäume und Rotdorn. Zwischen den Bäumen
hindurch seh ich über weite, tauglitzernde Wiesen weg am Bache hin.
Jenseits winden sich Felder kreuz und quer und bunt durcheinander die
Hügelhänge hinauf. Und hier und da, zwischendurch, blitzt lang der See
auf. Links liegt das Nest in dem Talwinkel in das Grün eingekuschelt,
und die blauen Rauchsäulen steigen steilgerade in die Morgenluft hinein.
Dann bieg ich rechts in einen steinigen Hohlweg ein. Von beiden Seiten
hängt dichter, staubiggrüner Teufelszwirn über. Oben, zwischendurch, ein
langgestrecktes, tiefblaues Bandstück vom Morgenhimmel; und in den
Gärten die Finken und Meisen und die Bachstelzchen, die Wippschwänzchen,
trippeln vor mir über den Weg.
Und dann, auf einmal, bin ich im freien Felde.
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Sonne! Sonne!
Die ganze Welt ist trunken von Sonne.
Weit die Hänge hinunter, hinauf und wieder hinunter; in die Länge und
Breite und Tiefe. Weit! Weit!
Und oben: mächtig, mächtig der lerchenschmetternde Himmel mit dem
großen, gleißenden Sonnenauge.
Sonne! Sonne!
Die Morgenluft wühlt in werdenden und verebbenden und wieder neuen
silbrigen Wellen über die weitgedehnten Felder hin. Und jeder Gedanke
ertrinkt mir in diesem goldigen, weitleuchtenden Lichtmeer.
Aber über die Arme und den Körper rieselt es mir, heiß, belebend wie
elektrische Ströme, und meine Brust hebt sich, und freier rühren sich
die Füße. Und hinein in den sonnigen, frischen, gesunden Morgen; in die
Luft, in die Sonne! Weiter, immer, immer weiter!
Und meine Augen weiten sich, und meine Nüstern dehnen sich und schnaufen
die Luft ein, und mir ist, als wollt ich mit jeder Fiber das alles in
mich aufnehmen, die ganze lichte, singende, weite, herrliche Welt!
Und ich stammle wunderliche, wahnselige Worte vor mich hin, die ich
nicht höre. Es ist nur, als flute etwas aus meiner Seele heraus, hinaus
wie überströmendes Leben, überwallende Kraft.
Und alles liegt unter mir, weit unten in der Sonne.
Die hohen Talbäume so klein, mit krausem, zitterndem Laub, und die
Pflüger, wie Schnecken langsam die sattbraunen Feldbänder hinkriechend,
und die kleinen Dächer und der Fluß.
Nur hoch, hoch da oben, ewig über mir, das jubelnde, golddurchblitzte
Blau; weißleuchtendes Gefieder drin, dort und dort.
Und ich möchte aufschreien vor unbändiger Lust und quälender Ungeduld,
und ich recke die Arme und verliere mich in Kraft und Leben.
Bis ich taumlig werde von alledem, bis es mir über die Kräfte geht und
ich hinsinke in das krause Weggras, und mein trunkenes Auge sich sammelt
und beruhigt an den stillen, roten, nickenden Wegnelken und dem gelben
Steinklee und dem violetten Thymian, den bunten Schmetterlingen und den
leise, leise summenden Hummeln.
Wie betäubt lieg ich und starre vor mich hin in das kurze Gras und wage
nicht, seitwärts zu blicken ...
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Hier ein Grashalm, scharf an beiden Rändern von unzähligen Kristallen.
Vorn an der zierlichen Spitze ein rundes, funkelndes Tautröpfchen. Das
Hälmchen schwankt leise in der wehenden Luft hier oben. Und der Tropfen
leuchtet. Jetzt orangen, jetzt goldig, jetzt bläulich, grün, violett,
silberhell.
Halme, dünn, schlank, mit krißligen Dolden.
Wenn ich den Kopf in das kleine, krause Rasengewirr lege und die Augen
etwas zusammenkneife, wanken sie wie sturmbewegte, hohe Baumkronen gegen
den blauen Himmel hin und her, hin und her. Wie ein Wald von
wunderlichen Fabelbäumen.
Und die Hummeln mit dem schwarzsamtenen Leib und der braunsamtenen
Verbrämung, eifrig von einem Kelch zum anderen. Und dann in die Luft
hinein, in den sonnigen Morgen, hinunter in das Tal, taumelnd im
zackigen Flug, in der Luft schwebend wie riesige Ungeheuer.
Vor mir eine Feldnelke. Wie ich sie betrachte, ragt sie hoch, hoch über
eine einsame Feldscheune weit draußen am hügeligen Horizont und taucht
mit ihrer glutroten Krone in den Himmel.
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Und ich atme auf, tief, einmal, wieder und wieder.
Ich stammle vor mir hin, alte, vertraute Laute. Und die fügen sich zu
rhythmischem Tonfall, wie die Luft weht und stoßweise mir in die Ohren
knattert, gleich flatterndem Seidenband; wie die Grashalme sich biegen
und beugen, hin und her, hin und her; wie die Lerchen trillern in
bestimmtem Rhythmus, der wiederkehrt und wiederkehrt, leiser, lauter,
ferner, näher; wie der unaufhörliche Feldgesang der Insekten; wie die
weiten Felder den Hang hinab fluten und fluten; immer, unersättlich in
demselben Rhythmus. Und erstaunt lausch ich mir selbst.
Ich glaubte, ich könnte das nicht mehr.
Und wie ich lausche, ist es dieselbe alte, ewige Melodie. Immer
dieselbe, unersättlich dieselbe. Fragend, sehnend, wild, beruhigt,
angstvoll und glückgesättigt.
Die alte Weise. Das alte Lied.
In Ewigkeit wohl wird es gesungen werden ...
Und so lieg ich und liege, in der Sonne, im Grün. Über mir die blaue
Unendlichkeit, und unter und vor mir die weite, grüne, jubelnde Welt.
Und die Gedanken schweifen, bis mich ein Grauen faßt, ein wonniges und
drückendes Grauen, daß ich mit ihnen so allein bin, so allein hier oben
in der stillen, rätselhaft raunenden Einsamkeit ...
Und hinunter wieder, taumelnd, träumend, mit wankendem Fuß in die
talfriedliche Enge der Menschen ...
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Das erste Haus, eine kleine weißgetünchte Kate, an einen laubigen Hügel
gelehnt, sich duckend zwischen aufgeschichtetem Birkenholz und Dünger,
flachsköpfige Kinder in bunten Kittelchen vor dem schwarzen Türloch,
knallrote Geranien und Fuchsien auf den grünen Fensterbrettern, macht
mich wieder zum verständigen Menschen.
Ich bin sogar imstande, über die Gasse weg dem dicken Krämer einen
»guten Morgen« zuzurufen, wie er in der Ladentür steht und in die
Morgenluft hineinschnüffelt.
Nein, er dankt mir ganz normal! Es ist unmöglich, daß man mir so etwas
wie den verrückten Engländer anmerkt. In so einem kleinen Klatschnest
wäre das auch in mancher Hinsicht fatal.
Für alle Fälle ist es auskömmlicher, man merkt mir gar nichts an, gar
nichts, so wenig wie möglich, wes Geistes Kind ich bin. Ganz kann ich
mich sowieso nicht verleugnen, und ich weiß, daß mich dieser infame
Tütchendreher mit Wonne bei meinen Einkäufen übervorteilt. Wer weiß, was
für Lapsus ich mir sonst noch in meiner göttlichen Unbewußtheit
zuschulden kommen lasse. -
Fidel pfeif ich mich die Gasse hinab und habe dabei so meinen Spaß, wie
sich allerlei Gedankenwerk in meinem Schädel zusammenkreiselt. Sicher
werd ich heute noch was zusammenleimen, was die ganze Morgenherrlichkeit
wiederholt, kindlich, kindisch stammelnd, trotz aller Mühe und zerkautem
Federhalterende.