Wie spät? Gegen zehn. -

Es ist so hell, daß ich's hier, beim offnen Fenster, erkennen kann.

So! - Und nun schnell das Jackett über, den Hut. Zum Fenster hinaus.

Leise durch den schönen, hellen Garten. Über den Zaun, mit einem Satz.

Die Ungeduld! - Und sie wird mich doch noch ein Weilchen warten

lassen. -

Aber wenn ich hier langsam so an den Gärten hinbummle?

Alles schon tot. Nirgends ein einziges rotes Licht zwischen den

schwarzen Bäumen durch. Wie das Mondlicht drin flimmert! Wie sie sich in

den weiten klaren Himmel zacken!

Fern, fern vom anderen Ende der Stadt kläfft hell ein Hund in die

mondglimmende Nachtluft hinein. Rein und klar jeder Ton. In einem fort.

Aus dem Inneren, vom Markt her, schläfrig, behaglich das Kuhhorn des

Nachtwächters. Von Zeit zu Zeit, immer wieder. Jetzt hier, jetzt da. -

Das Kirchglöckchen: zehn zitternde, silberhelle, friedliche Töne.

Die wunderfrische, schöne Nachtluft! - Ah! Man kann aufatmen, aufatmen,

aufatmen! -

Dort, weit am Horizont, verschimmern die graugrünen, wogenden

Felderflächen in den Mondglast. Die Sterne tropfen drüberhin. Unzählig!

Unzählig! - Schwarz kraust sich die Waldung drüben den Berg hinan mit

breiten, langen, mattsilbernen Lichtflecken drüber und silbernem

Gekräusel. Und der Bach rauscht den Hang herunter; rätselhaft, wie

raunend. Verschwimmende, ungewisse Töne. Wie Stimmengewirr, bänglich. -

Unruhig bleibt man stehen und lauscht, als könnte man Worte hören,

irgendwelche Worte. Aber aus den dichten Gärten schluchzt eine

Nachtigall; weithin, lang, süß. Beruhigend, traulich. - Lächelndes

Sinnen überkommt einen.

Husch, husch! - Eine Eule! Weich, samten über den mondlichten, staubigen

Grasweg hin. Zwischen den Gärten kreischen Katzen. Von Zeit zu Zeit ein

flinkes, zierliches, sich entfernendes Rascheln in den Zäunen hin, wie

in Windungen. Blumen glimmen von den hellen Beeten her. Und hier stehen

sie am Weg entlang; wild, in breiten bunten Flecken; regungslos ...

Weiter! Immer hier an den Zäunen entlang.

Hier der Kirchberg.

Weiß, schneeweiß die Kalkwände. Und der Turm, mit den schmalen schwarzen

Luken. Das Glockengebälk. Die Glocken und die Balken silbern beleuchtet

nach dem Mond zu, auf der anderen Seite tiefschwarz. In dem einen

Fenster fängt sich das Mondlicht. Es sieht aus, als wären drin, in dem

kahlen stillen Kirchenraum, Lichter angezündet zu irgendeinem

mystischen, gespenstigen Gottesdienst.

Ein steiler Hang mit Kalkgeröll. Drüber, einsäumend, Gras, und schwarze

Lebensbäume und mondbeschienene Kreuze und weiße Leichensteine

dazwischen. Alles so still, so still ...

Ob jetzt wohl unten vor über den abschüssigen Weg hin das gespenstige

Gespann kommt? Es ist ganz feurig. Der Wagen, der Lenker drauf, die

wilden Rosse: alles von rotem, glühendem Feuer. So lodert, flammt es

über den Weg hin und unten in den umbuschten, laichgrünen Entenpfuhl

hinein. Da findet es seine Ruhe.

Nein! Es ist ja noch nicht zwölf.

Und dann ist das auch nur in ganz schwarzen Nächten, in denen man die

Hand nicht vor den Augen sieht, und da auch nur für Sonntagskinder.

Aber wie sonderbar! Es war mir doch wirklich zwei Sekunden so, als

könnte das möglich sein. Ich habe, ein wenig zitternd, sogar darauf

gewartet.

Man verlernt in einem so kleinen, dummen Neste doch all seine kluge,

gute, verständige Großstadtweisheit. Man fühlt und glaubt das

Ungereimteste wie ein Kind.

Ach, was ist der Verstand! - Der Verstand? Ach was! Der Verstand ist ein

spargellang aufgeschossener, engbrüstiger, bläßlicher Lümmel, einen

Kneifer auf spitzer Nase, vor kalten grauen Augen, mit schmalen mokanten

Lippen und dünnem, glattgescheiteltem Haar von einem charakterlosen

Blond. Das ist der Verstand. - Ein Lokalprodukt von elektrischem Licht,

guten Fahrverbindungen, breiten, klaren, sauberen Straßen, modisch

geputzten Menschen, Fabrikschornsteinen, Palästen und Telephonen ...

Da geht alles so leicht und gut und bequem zu. Das Leben wird klar,

plan, systematisch wie ein Rechenexempel, und selbst Geschwindigkeit ist

keine Hexerei. Bis einem gelegentlich ein mondbeschienener Kirchberg

einen Strich durch die saubere, zierliche Rechnung macht und das Leben

einen wieder einmal in einer stillen, nachdenklichen Stunde als Problem

mit seinen geheimnistiefen, rätselhaft unergründlichen Nachtaugen

ansieht ...

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Weiter. Hier am Bache entlang, zwischen Gras, Huflattich und Ranunkeln

hin. Hier ist es dunkel und schaurig. Ein feuchter, kühler Wasserdunst.

Von den Gärten hüben und drüben, dicht über die schiefen Lattenzäune

weg, drängen sich buschige, schwarze Zweige über das Wasser hin. Sie

berühren sich. Und das Mondlicht sickert und tropft hindurch und legt

bebende Reflexe über das still plätschernde Wasser und die breiten

Blätter auf den dicken, hohlen Stielen am Ufer hin.

Hier und da eine Lücke in den Zäunen. Ich sehe auf silbergrüne Wiesen.

Schweifende, wallende, wogende Nebel drüber und Silbergeriesel.

Langsam, träge treibt da etwas mitten in der Strömung, zwischen weißen

und gelben wankenden Wasserrosen hin. Etwas Längliches, Schwarzes,

Rundes. Im Mondlicht Löcher drin, weiße Rippen: ein Kadaver. Ein toter

Hund oder so etwas. - Da treibt es vorbei, weiter; entfernt sich mit den

flinkernden, plätschernden Wellen hinein in den silbrigen Mondglast da

hinten zwischen dem übergeneigten, sich mischenden Baumgrün.

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Angelangt!

Die Lattentür ist angelehnt, halb offen; wie verabredet.

Zwischen den Heckenbüschen durch seh ich in den Garten.

Mit klopfendem Herzen.

Nein, noch nichts.

Ob sie sich versteckt hat, mich neckt?

Hinein! Suchend zwischen dem Flieder, Schneeball, Goldregen, den

Stachelbeerbüschen und Obstbäumen hin.

Lächelnd, immer auf der Hut, daß es nicht unversehens weiß hinter einem

Busch, hinter einem Baum hervorhuscht, mich zu erschrecken.

Nein! Noch nicht da. Nirgends.

Natürlich!...

Hier auf die Bank, unter den Birnbaum.

Vom Kirchberg her ein feiner, verzitternder Klang.

Ein Viertel auf elf.

Das helle Licht über die Beete und Blumen, über die gelben Kieswege hin!

Wie am Tage. Hinter dem Zaune der plätschernde Bach. Und die schöne,

milde, linde Luft, und der weite, weite, lichttropfende Himmel ...

Und ...

Sst! War das ...

Nein, die Katze! Dort an den Büschen hin.

Oben lugt das Haus über das Hofstaket empor, mit hellem Dach und weißen

Gardinen zwischen dem Weinlaub vor. Kein Licht. Alles dunkel.

Nein, noch nichts ...

Ich lehne mich gegen den Baumstamm und seh in den Himmel hinein, weit

oben über den Bäumen und träumenden Dächern, immer nur in den Himmel

hinein. Es ist, als ob all das unendliche Licht herniedersinkt, immer

tiefer, immer näher, wie ein goldiger Regen.

Und in sehnendem Traume seh ich hinein in den goldigen schönen Trug;

lange, lange ... Wunderbar beruhigt und doch sehnend, nun meine Gedanken

schweifen: Wer weiß, wohin?...

Da - alles fort! Ein jäher, minutenlanger Schreck. Aber es ist mir weich

und warm über die Augen weg und ein linder, warmer Atem an den Schläfen

hin und von hinten ein leises, silbernes Kichern ...

»Du?!« - - -

In Dingsda · 第 11 / 29 题