Hier haben wir Ball gespielt. Hier hab ich einmal einen Silbergroschen
gefunden und ihn sträflich in Johannisbrot und Kirschen vergeudet. Hier
haben wir gewohnt, und hier; und hier wurde ich geboren ... Ach, ach,
ach - In dem kleinen Häuschen da noch der alte Buchbinderladen mit der
schön waschblau gestrichenen Tür. Hier habe ich mir Neuruppiner
Bilderbogen und Bleistifte gekauft. Ich trete ein. Eine alte Frau. Ich
kenne sie sofort wieder. Ordentlich Herzklopfen bekomm ich. Ich mache
einen kleinen Einkauf. Sie kennt mich nicht mehr. Natürlich ... Nein,
anreden will ich sie nicht. Still weiter! -
Und nun den alten Marktplatz hinauf. Da, der mittelalterliche
Rathausturm mit der blauen Sonnenuhr. Dort oben wohnt noch der Türmer,
der die entsetzliche Brandglocke läutete, wenn Feuer ausgebrochen war.
Der Türmer, der abends immer so schöne Choräle über die stillen roten
Dächer beruhigend in den schönen Feierabend hineinblies. Die Falken
schrillten dazwischen, und die Schwalben schossen in langen, weiten
Bogen um das spitze Schieferdach des Turmes, auf dem die Abendsonne lag.
Hier auf dem Markt versammelten sich in ihren grünen Röcken und steifen
Tschakos mit den schwarzen Hahnfederbüschen - nur die Musik hatte rote -
die Stadtschützen, wenn draußen vor der Stadt im Schützengarten hinter
dem alten Schloß Mannschießen war. Das dauerte immer acht Tage. Jeden
Tag zogen sie hinaus, und es war ein schönes, aufregendes Fest.
Wie spät? Was! In einem kleinen Stündchen hab ich das ganze Nest
durchstreift und stehe vor dem anderen Tor. Da ist die alte
Grabenbrücke. Durch Brennesseln und Scherben krochen wir Jungens
hindurch in ein enges altes Gewölbe, das wir unter einem Garten
aufgestöbert hatten. Hinten konnten sich gerade noch ein paar
Sonnenstrahlen durch eine vergitterte Luke zwängen, die ein bläuliches
Dämmerlicht gaben. Wir machten hier Rauchversuche mit Pfennigzigarren,
lasen grellbunt illustrierte Räuber- und Indianergeschichten und
unternahmen, von ihnen begeistert, allerlei Raubzüge in die Gärten und
Schotenfelder der Umgegend. -
Und jetzt steh ich draußen auf den grünen Bergen. Die Wolfsmilch blüht
wie früher zwischen den Kalksteinen, und die frische Luft weht immer
noch über die Gräserchen und Hungerblümchen, die sich zwischen dem
Geröll hervorzwängen. Immer noch taumeln die weißen und gelben
Schmetterlinge drüberhin, und unten im Tale fließt der Bach zwischen
Wiesen und Gärten und stürzt über die brausenden Mühlwehre.
Und dort auf der Anhöhe das Schloß. Der Marterturm, der alte, riesige
graue Wachtturm, die hohe Schloßkirche. Die dicken, ungeheuren,
unverwüstlichen Wallmauern, zwischen denen Ebereschen und Vogelbeeren
hervorbrechen. Weit, weit dehnen sie sich in die Runde. Tief der alte
Wallgraben mit Gras und Gebüsch, hier und da voll Geröll und
Mauerstücken. Die tiefen schwarzen Schießscharten. Die Brücke und das
Tor mit den Wappen und Kruzifixen und den steinernen, knienden Rittern
davor.
Da oben zwischen dem alten Mauerwerk kletterten und spielten wir umher.
Hab ich keinen Bekannten, keinen Freund mehr hier? Nein, nicht einen
einzigen. Nur Erinnerungen und ein paar Gräber. -
Und wieder streif ich durch das Nest, bis ich zu einem Gäßchen komme.
Zwischen alten Scheunen und halbzerfallenen, gelbbraunen Lehmhütten mit
verwitterten Strohdächern schlendere ich hinauf, auf die
Friedhofskapelle zu. Oben im Dachstuhl, frei in der Frühlingsluft, die
alte grünspanige Friedhofsglocke, umspielt von Sonnenschein und
Schmetterlingen im Gebälk. Und unten davor die uralte mächtige Linde,
die mit ihrem zerklüfteten Wipfel das Ziegeldach überragt. -
Jetzt bin ich oben. Rechts und links zweigt sich die Scheunengasse
weiter, und rechts und links von der Kapelle aus auf der anderen Seite,
lang, weit die hohe Friedhofsmauer.
Ich stehe vor der Kapelle. Unter den vier Bogenfenstern an den beiden
Seiten des breiten Tores - »Eingang zur Ruhe« haben sie darüber gemalt -
stehen in altfränkischer Schrift Sprüche eingegraben. Ich suche sie zu
entziffern.
»Hier seynd viel dausend neingeschiegt
und warden auf das Jüngste Gericht«
heißt der eine. -
Es ist so still und so einsam, so totenstill hier. Nur die Linde raunt
ununterbrochen, und die Bienen summen leise dazwischen umher. Die
sonnige Luft, so warm und schläfrig. Mücken und große stahlblaue
Schmeißfliegen darin hin und her. Ein schimmlig modriger Geruch von dem
Müll und Schutt an den Scheunen hin.
Ich starre auf die dunklen Fenster, und mir ist, wie damals immer, als
müßte auf einmal von drinnen heraus aus der grabesstillen, feuchtkühlen
Finsternis ein weißer Totenschädel durch die blinden,
spinnwebüberzogenen Scheiben grinsen. Ich schreite auf das massive
Eisengittertor zu. Wie oft, mit einer, war ich da hindurchgeschritten. -
Es ist recht rostig geworden. Wie ich auf die Klinke drücke, kreischt
ein Ton schrill und scharf in die sonnenheiße Mittagstille. Es ist
zugeschlossen. Hier ist kein Eingang mehr. Ich gehe ein Stück die Mauer
hin und finde ein neues, sauberes Tor neben einem neuen Leichenhause.
Ich schreite hindurch, und da merk ich erst, daß ich noch immer diese
dumme Zigarre im Munde habe. Schnell laß ich sie hinter meinem Rücken zu
Boden gleiten. Ein unerklärliches Gefühl von Scham, Angst und Sehnsucht
überkommt mich, und zitternd, mit klopfendem Herzen tret ich ein. Mir
ist, als sollt ich in den nächsten Augenblicken von jemand, von einer
verhört werden, als sollt ich Rechenschaft ablegen über all die Jahre. -
Kein Mensch da. Ich bin ganz allein auf dem weiten, stillen, sonnigen
Friedhof.
An dem halbversunkenen, regenverwaschenen Kapellentor schleich ich
vorbei, unwillkürlich einen Augenblick auf den Zehen. Es ist hier
schattig von Bäumen, und das alte Gemäuer haucht einen kühlen Moderduft
aus.