Abseits

Zwischen vier und fünf Uhr bummelte ich, meine Zigarre zwischen die

Zähne geklemmt, fröstelnd in der Morgenkühle die Linden entlang. Eine

Droschke rumpelte vorbei über den Fahrdamm. Ein paar Nachtschwärmer

drückten sich mit vorgebeugten Schultern und hochgeklapptem Rockkragen

an mir vorüber, und die elektrischen Monde warfen mir ihr weißes

Glühlicht ins Gesicht.

Ich summte so vor mir hin. Eine schöne alte Melodie.

»Die Sonn erwacht;

Mit ihrer Pracht

Erfüllt sie die Berge, das Tal!

O Morgenluft!

O Waldesduft!

O güldener Sonnenstrahl!«

Und so weiter. Mit Grazie _in infinitum_. Quer durch den Tiergarten.

An der Potsdamer Brücke blieb ich stehen.

Die Laternen schoben eine Reihe goldener, strahlender Balken in den

Kanal hinunter. Sie bauten einen blinkenden Märchenpalast in das träge,

schwarze Wasser hinein. Goldene Lichtspäne schaukelten weit über die

Wasserfläche an den dunklen Kähnen hin, und es wehte ein scharfer,

kühler Wind.

Fern das dumpfe, rastlose Rauschen des Verkehrs. Immer in demselben

gleichmäßigen Tonfall. Berlin kennt keinen Schlummer ...

... Hm! Zum Beispiel! Die vielen Streiks jetzt! Und wenn nun hier das

schöne, saubere Straßenpflaster aufgerissen würde und ...

»O Morgenluft!

O Waldesduft!«

Und da überrieselte mich eine brennende Sehnsucht.

Diese Melodie! Seit ein paar Stunden konnte ich sie nicht loswerden. Und

auf einmal kam es mir voll, hell und klar zum Bewußtsein: sie war das

erste, unbewußte Regen eines unwiderstehlichen Wunsches.

Einmal fort von diesem verfluchten Schreibtisch, an den mich der

verwünschte Trieb anschmiedet, dieses unheimlich komplizierte Leben hier

überall um mich herum zu erfassen, festzuhalten und formend zu

gestalten. Einmal fort aus diesem literarischen Getratsch, das einem die

Ohren mit dummen Redensarten wundreibt. Einmal fort aus diesem

verzweifelt wirren Getriebe, das einem Tag und Nacht keine Ruhe läßt,

einen zum Schreibtisch zieht, vom Schreibtisch treibt; das so rätselhaft

unsinnig ist, einen mit bunten Ahnungen betrunken macht und in quälende

Zweifel reißt. Fort aus diesem endlosen, dummen Wechsel von Halten und

Verlieren ...

»O Morgenluft!

O ...«

Bon! Abgemacht! - Ich will mich ein paar Wochen lang »einer geregelten

Lebensweise befleißigen«, Philister sein unter Philistern, eine

ländliche Pfeife rauchen, will mich abends mit den Hühnern zu Bett legen

und morgens mit der Sonne aufstehen, über die grünen Hügel laufen, durch

die taunassen Felder; will im Grase liegen, in den blauen Himmel starren

und die Sonne mir auf den Pelz scheinen lassen; will vegetieren wie die

roten Feldnelken und nichts denken; nichts, nichts denken ...

Ich werfe die Zigarre weg und schlage den Rockkragen in die Höhe, weil

mich mit einem Male der Gedanke ängstigt, ich könnte mich erkälten. -

Die Hände in den Überrock und nach Hause. Und morgen: fort, fort!...

»O Morgenluft!

O Waldesduft!

O güldener Sonnenstrahl!« ...

----

Nun ja! Alles ganz schön! Als mir aber der Bart einen Zoll lang aus dem

Kinn geschossen war, weil es dem Ortsbarbier beliebte, zwar nicht zu

streiken - in diesem empörenden Neste wurde nur konservativ gewählt -,

aber am _Delirium tremens_ zu leiden, und als ich an ein paar sternlosen

Abenden nach einem Besuch bei dem Herrn Pastor, sonst einem

liebenswürdigen alten Herrn, beinahe auf dem hochwohllöblichen

Stadtpflaster ein paar Beinbrüche davongetragen hätte, da war mir die

Sache über, gründlichst über ...

Der Mensch muß ja nun heutzutage einmal Abwechslung haben ...

Also weiter, weiter ...

Zunächst aber beschloß ich, eine Sekundärbahn zu benutzen und meinem

Heimatsorte, der in der Nähe lag, einen Besuch abzustatten.

Das war eine halbwegs sentimentale Anwandlung. Aber, lieber Gott! so ein

Stückener fünfzehn Jahre mochte es her sein, daß ich das Nest nicht

gesehen hatte. -

Am Vormittag kam ich an. Der Zug - halb Güter-, halb Personenzug -

entlud sich seiner sechs Passagiere; der Bahnhofsinspektor kroch aus

seinem Bureau hervor, preßte sich die rote Mütze auf den Kopf und trug

langsam seinen dicken Bauch am Zuge entlang. Ein paar italienische

Hühner, die vor dem kleinen, neuen Backsteingebäude umherpickten, stoben

gackernd auseinander. Die beiden Schaffner traten zusammen und staunten

meinen Hut und Überrock an, der ihnen vielleicht außergewöhnlich

neumodisch vorkam. -

Kaum hab ich ein paar Schritte getan, da regt sich mein

Lokalpatriotismus. Nun haben wir hier auch eine Bahn!...

Aber ein Wetter? Köstlich!

Da liegt das Nest. Die roten Dächer im Gartengrün den Berghang hinauf

übereinander aufgestapelt, übereinander hinweglugend. Vögel drüber in

der blauen, goldigen Luft. Die drei Kirchtürme, die hohen grauen

Schloßtürme vom höchsten Gipfel herab und die kerzengeraden Rauchsäulen

in der blendenden Sonne.

Alles genau so wie früher. Nur nach dem Bahnhof zu ein paar Bauplätze

und ein paar neue Häuser. Nur da, ganz neu: ein paar längliche rote

Backsteingebäude und ein weißblendender »Palast«. Ein Großhändler. Ein

wirklicher, richtiger Großhändler. Ich lese das Firmenschild:

H. Windesheim & Co. Glückauf! -

Und nun trat ich durch das Tor, durch das »damals« noch der gelbe

Postkutschkasten abends zwischen den blühenden Fliederbüschen auf der

staubgrauen Chaussee gemütlich hereinhumpelte. Wie schön der

Postkutscher immer geblasen hatte, wenn wir so neben der alten Karre

hersprangen!...

Da sind die Gartenmauern mit dem übernickenden Grün, und da ist der

»Goldene Bär« und der »Schwarze Adler«. Herrgott! Fünfzehn Jahre?

Wirklich fünfzehn Jahre?

Ich ... Hm! Kann man sich hier nicht irgendwo ein paar Zigarren

kaufen?...

So! Freilich: ländlich, schändlich! Aber ... Ja! Warum man nur

heutzutage so über den Tabak räsoniert?...

So! - Der schöne blaue Rauch! Und nun um Gottes willen nicht sentimental

werden! Denn »das hat gar keinen Zweck«! -

Ich stolpere, mit schweifenden Blicken, rauchend über das bucklige

Pflaster mitten über den Fahrweg. Immer weiter und weiter.

Wenn mir jetzt ein alter Freund, ein Jugendbekannter, ein ehemaliger

Schulkamerad, nun biederer Schuster, Zimmermeister oder Schlosser,

begegnete und mich fragte, was ich für ein »Metier ergriffen« hätte? Das

Herz klopft mir ein wenig.

Hm! Peinlicher Gedanke! Wie sollte ich mich ihm, unbeschadet meiner

Reputation, verständlich machen?

Nein, ich will ganz allein so ein Stündchen, sozusagen inkognito, hier

umherbummeln, ganz mutterseelenallein, mir still alles ansehen und mich

dann wieder fortschleichen, hinaus zum Bahnhof.

Ich lese die Firmenschilder. Ja, nun merke ich doch: die Generationen

haben sich ein wenig verschoben. Es kann aber auch sein, daß ich viele

Namen vergessen habe.

Ein paar Leute gehen an mir vorüber. Ob Bekannte darunter sind? Niemand

redet mich an, nur fremde Gesichter.

Wie lächerlich klein die Häuser geworden sind! Richtig eingeschrumpft

sind sie.

Ach, die kleinen Straßen! Hinauf und hinunter! Die Schwalben schießen

zwitschernd an den grauen, gelben, weißen und blauen Häuserchen hin. Ein

paar gelbflaumige Gänseküchelchen piepen auf dem Pflaster umher. Dort

drüben sehen die weiten grünen Felder und Gärten in die Stadt herein;

über die Dächer hinweg die blaue, sonnendunstige Ferne.

Ach, und so still! Wie still hier die Welt geblieben ist! Nur fernher

rattert langsam, schläfrig ein Lastwagen. Unten schwatzen ein paar

Nachbarn über die Gasse hinüber. Ich höre ganz deutlich, was sie

sprechen; Wort für Wort.

In Dingsda · 第 7 / 29 题