Es ist bezeichnend für Rousseaus Stellung zur Philosophie, daß er nur

einmal im Zusammenhang seine philosophischen Ansichten entwickelt hat,

und zwar im genauesten Anschluß an die erziehungstechnische Frage: Für

welches Bekenntnis soll Emile erzogen werden? Die Antwort auf diese

Frage will Rousseau nicht in eigener Person geben, er legt sie einem

Diener der katholischen Kirche, einem savoyischen Vikar, in den Mund,

den er in Turin kennen gelernt hatte, und dessen Name, Abbé Gaime,

wir aus den _Confessions_ ergänzen können. Auf einem die Stadt Turin

beherrschenden Hügel, im Angesicht der reichen Poebene und der sie

abschließenden Schneeberge der Alpen habe ihm der ehrwürdige Priester

die Gedanken entwickelt, die er nunmehr vortragen werde.

Damit ist das Interesse dieser Ausführungen klar bestimmt. Sie sind

von vornherein religionsphilosophisch orientiert. Wie einst Augustin

nichts weiter erkennen wollte, als Gott und die eigene Seele, so haben

auch für Rousseau alle anderen philosophischen Fragen ein Interesse

nur insofern, als sie für die Erforschung dieser beiden wichtigsten

Lebensfragen in Betracht kommen. Es handelt sich hier gar nicht um das

Wissen um des Wissens willen, es handelt sich darum, ob des Menschen

Seele an Gott glauben darf und wie sie es vermag, ihr Verhältnis zu

Gott zu bestimmen. Rousseaus Stellungnahme zu allen Problemen, die ihn

beschäftigten, ist nicht zu verstehen, wenn man sich nicht stets vor

Augen hält, daß er sein ganzes Leben hindurch einen Kampf mit zwei

Fronten zu führen gezwungen war. So stark und ausgesprochen auch seine

Gegnerschaft gegen die traditionellen Autoritäten in Staat und Kirche

hervortritt, so war er doch weit entfernt, mit der damaligen

sensualistisch-materialistischen Aufklärungsphilosophie gemeinsame

Sache zu machen. Eine große Anzahl der Widersprüche, die sich in den

Diskussionen mit seinen Gegnern finden, rührt daher, daß er bald gegen

die eine, bald gegen die andere Schar seiner Gegner sich decken

und seine Streiche führen mußte. Ebenso wie bei Kants Kampf gegen

Dogmatismus und Skeptizismus immer berücksichtigt werden muß, gegen

welche Gegner sich Kant im einzelnen Fall richtet, ebenso ist auch die

Stellungnahme Rousseaus in jedem einzelnen Fall bei der Kritik seiner

Argumente zu berücksichtigen.

So ist denn auch hier in den Bekenntnissen des savoyischen Vikars

die Gliederung in zwei Teile gegeben; die eine setzt sich mit der

Philosophie des Zeitalters auseinander, die zweite bestimmt das

Verhältnis des bei dieser Auseinandersetzung gewonnenen Standpunkts mit

den Lehren der Offenbarungsreligion, des Christentums. In Anlehnung an

Augustin und Descartes wird der Zweifel das methodische Prinzip,

mit welchem der Vikar an die Lehren der Philosophie oder besser der

Philosophen herantritt. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß Rousseau

sehr weit davon entfernt ist, die Gedankentiefe, die Intensität der

Frage, wie sie bei seinen großen Vorgängern auftritt, auch nur annähernd

zu erreichen. Er bleibt hier vielmehr überwiegend bei der Tatsache

stehen, daß zwar alle Philosophen ihre Ansichten mit großer Autorität

vorzutragen lieben, daß aber dieser Anspruch auf Autorität durch

die tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen für den

Prüfenden in nichts zerrinnt. Sieht man näher zu, so bemerkt man, daß es

diesen Systematikern erst in zweiter Linie um die Wahrheit zu tun ist,

in erster kommt es ihnen darauf an, durch ihren Geist, Scharfsinn

und Gelehrsamkeit alle Gegner in den Sand zu strecken und ihre eigene

Privatmeinung als gültige Wahrheit anerkannt zu sehen. Es ist daher

geraten, will man zur Wahrheit gelangen, die sie verdunkelnden Schriften

der Philosophen auf sich beruhen zu lassen und darauf zu vertrauen, daß

dem redlich bei sich selber und bei der Natur Nachfragenden eine Antwort

auf diese Fragen, soweit sie für das Wohl des Menschen unerläßlich

ist, nicht versagt bleiben kann. Darüber hinaus aber kann auch der

scharfsinnigste Philosoph nicht vordringen, und gibt er sich den

Anschein, dies zu vermögen, so wird sein Einfluß auf die, welche ihm

Glauben schenken, eher schädlich als förderlich sein.

Wie finde ich mich im Verhältnis zu den Dingen? Ich erhalte von allen

Seiten durch alle meine Sinne Eindrücke, Wahrnehmungen, Empfindungen,

denen ich mich nicht entziehen kann, die sich mir aufdrängen, in denen

ich mich leidend, passiv verhalte. Wäre ich lediglich ein empfindendes

Wesen, in dem sich vielleicht auch noch die Spuren früherer Empfindungen

als Vorstellungen wiederholten, so wäre mein gesamtes psychisches Sein

ein Produkt der Außenwelt, ich wäre ein rein passives Wesen, ich

wäre das, wozu mich die Einwirkung der Dinge gemacht hätte. Aber die

Beobachtung meines Seelenlebens lehrt mich die Unvollständigkeit dieser

Ansicht, welche die einzige ist, die für den konsequenten Sensualisten

übrig bleibt. Ich nehme die Dinge nicht nur wahr, ich empfinde sie nicht

nur, sondern ich vergleiche sie auch. Wenn ich zwei Dreiecke nicht

nur sehe, sondern sie aufeinanderlege, um ihre Gleichheit und

Verschiedenheit und den Grad dieser Verschiedenheit festzustellen,

so gehe ich hier über die passive Empfindung hinaus. Ich setze die

Empfindungsgehalte in eine Beziehung zueinander, die sie für sich allein

nicht haben würden; ich reflektiere auf diese Beziehungen und mache

sie mir deutlich; ich verhalte mich nicht mehr leidend, ich bin tätig.

Zugegeben, daß diese meine Tätigkeit die Empfindungen, die Dinge,

braucht, um sich äußern zu können, so bleibt doch die Tatsache, die mein

unmittelbares Gefühl mich lehrt, bestehen, daß mein Verhalten in dem

einen Fall ein anderes ist als in dem anderen, und mein Verstand belehrt

mich darüber, daß es ihm unmöglich ist, meinen Zustand als tätiges

Wesen aus meinem Zustand als einem leidenden Wesen zu begreifen und

abzuleiten. Dieser ursprüngliche Dualismus muß als Tatsache hingenommen

werden und kann nur durch sophistische Scheingründe fortinterpretiert

werden.

Wende ich mich nun im Besitz dieser Gewißheit den Dingen zu, so sehe

ich auch hier dasselbe Verhältnis. Ich sehe Dinge, die ihren Platz

behaupten, ich sehe andere, die sich bewegen, aber ich sehe auch, daß,

wenn diese bewegten Dinge nicht beseelt sind wie ich, sie von selbst

nicht ohne einen äußeren Anstoß von Ruhe in Bewegung übergehen können.

Fehlt dieser äußere Anstoß, so beharren sie in träger Ruhe. Es sind

also zwei Prinzipien, auf die ich unmittelbar bei Betrachtung der Dinge

geführt werde: der Stoff und die Kraft; und es ist mir unmöglich, das

eine auf das andere zurückzuführen. Das Dasein des Stoffes braucht keine

weitere Erklärung, meine Wahrnehmungen überzeugen mich unmittelbar von

seinem Vorhandensein, woher aber kommt der Anstoß, der sie bewegt? Auch

hier brauche ich nur eine eigene Selbsterfahrung zu prüfen. Ich sehe,

daß das, was meinen Körper bewegt, ein von demselben verschiedenes

Prinzip, daß es mein Wille, meine Seele ist; ich sehe, daß bei allen

sich von selbst bewegenden Körpern ein aktives Prinzip, eine Seele,

vorhanden ist, ich muß eine ähnliche Kraftquelle nach allen Regeln der

Erfahrung auch für die Bewegung der unbeseelten Körper annehmen.

Wende ich aber nun mein Auge auf die wundervolle Ordnung, die in den

Bewegungen der Weltkörper ersichtlich ist, vergegenwärtige ich mir die

Gesetze, welche diese Bewegungen regeln, so werde ich die Quelle, von

der diese Kraft ausgeht, nicht als eine blind wirkende mechanische

Ursache denken können, ich werde sie als die Wirkung einer höchsten

Intelligenz ansehen müssen, welche die Bewegungen der Materie mit

höchster Weisheit angeordnet hat und aus dem trägen ungeordneten Stoff

das wundervolle Weltsystem durch seine Kraft gestaltet hat, dem

wir jetzt staunend gegenüberstehen. Ich werde mit einem Worte einen

allweisen und allmächtigen Gott annehmen müssen, den Beweger der Welten,

den weisen Ordner ihrer Bewegungen. Nur auf diese Weise kann ich das

Dasein der Dinge, so wie es mich umgibt, wirklich verstehen. Wenn der

Materialismus der Materie zugleich die Fähigkeit, sich zu bewegen,

zuerkennt, so stellt er sich damit in Widerspruch zur alltäglichen

Erfahrung. Denn diese zeigt mir wohl dauernd, daß Bewegung von einem

Körper auf den anderen zwar übergeht, aber einen unbeseelten Körper, der

seine Bewegung anfängt, ohne sie von außen erhalten zu haben, zeigt

sie mir niemals. Selbst aber, wenn man dem Materialismus noch dieses

Zugeständnis machen wollte, so ist er außerstande, mit seiner von selbst

bewegten Materie das größte Wunder, das sich unserem Geiste darbietet,

die Ordnung und Schönheit des Weltalls verständlich zu machen. Denn

der Gedanke, womit der Materialismus diesem Problem gerecht zu werden

vorgibt, daß die jetzige Ordnung das zufällige Ergebnis früherer

ungeordneter Bewegungen ist, dieser Gedanke spricht allem, was wir sonst

wissen und erleben, Hohn. Eher will der Vikar glauben, daß die Ilias und

Odyssee einer zufälligen Kombination der Buchstaben des Alphabets ihre

jetzige Ordnung und Schönheit verdanken, als daß er diesem Ungedanken

Glauben schenken würde. So gewiß die Dinge sich bewegen, so gewiß

brauchen sie eine Kraft, die sie bewegt; so gewiß diese Bewegung in

schöner und vollendeter Ordnung vor sich geht, so gewiß muß diese Kraft

von einem weisen und mächtigen Gott ausgehen.

Vergleichen wir diese Ableitung Gottes mit der, welche wir bei Descartes

antreffen, so muß es uns merkwürdig erscheinen, daß man häufig in

Rousseaus Verfahren eine genaue Analogie zu dem Descartes' in den

Meditationen gesehen hat. Es kann kaum einen größeren Gegensatz geben,

und zwar deshalb, weil die Absicht beider Denker eine ganz verschiedene

ist. Was Descartes will, ist ein Kriterium der Gewißheit; sein Problem

heißt: Wie ist Wissenschaft möglich; und so ist ihm durch die Existenz

und Wahrheit Gottes auch die Existenz der Körper garantiert; Gott

ist ihm also ein methodologisches Prinzip. Hätte sich ihm ein anderes

dargeboten, das dieselben Garantien für die Begründung der Wissenschaft

gegeben hätte, so wäre ihm dieses ebenso willkommen gewesen. Ganz anders

liegt die Sache bei Rousseau. Er zweifelt gar nicht an der Existenz der

Dinge; ein Argument von so bohrendem methodologischen Scharfsinn wie

die von Descartes erwogene Möglichkeit, daß die gesamte Wirklichkeit ein

Traumbild sein könne, mit dem ein mächtiger boshafter Genius uns narrt,

ein so gefährlicher Gedankengang liegt dem einfachen savoyischen Vikar

ganz fern. Es kommt ihm gar nicht auf die Möglichkeit der Wissenschaft,

es kommt ihm auf die Unmöglichkeit des Atheismus an. Er fragt seinen

Verstand, ob er haltbare Gründe gegen das vorbringen kann, wovon sein

Herz von vornherein überzeugt ist, und er sieht mit frohem Erstaunen,

daß der Verstand, wenn er vorurteilslos sich selbst, die Dinge und

ihre Ordnung betrachtet, zu den nämlichen Resultaten führt, welche

als Überzeugung des Herzens den Wert des Lebens ausmachen. »Ein wenig

Philosophie führt von Gott ab, die ganze Philosophie führt zu ihm

zurück.« Dieses Wort des englischen Denkers ist Rousseau aus der

Seele gesprochen. Daher erscheint auch bei Descartes Gott nur als die

erkenntnistheoretische Garantie für den Schritt vom Selbstbewußtsein

zu den Dingen, denn die Erkenntnis der Dinge ist die Aufgabe der

Wissenschaft. Bei Rousseau weisen die Dinge und ihre Ordnung uns den Weg

zu Gott, denn zu Gott zu gelangen, trotz Atheismus und Materialismus,

ist das Ziel seiner Sehnsucht.

Der Gott aber, zu dem das gläubige Herz den Menschen drängt, ist nicht

so sehr der mächtige und weise Lenker der Dinge, er ist der allgütige

Gott. Auf diese Eigenschaft kommt es daher Rousseau vor allem an. In

dem Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars scheint nun die Güte

Gottes, seine liebende Fürsorge für den Menschen schon mit der

zweckmäßigen Einrichtung und Schönheit der Welt gegeben. Ein starkes

anthropozentrisches Element flicht sich in die Erwägungen, die der Vikar

anstellt, ein. Damit Menschen in Sicherheit auf dieser Erde wandeln und

auf ihr glücklich werden könnten, damit sie hier ihren Unterhalt bereit

fänden, damit alle ihre natürlichen Bedürfnisse leicht und sicher

befriedigt werden könnten, zu diesem Zweck hat eine liebende Fürsorge

dem Menschen diesen seinen Wohnplatz so weise gestaltet. Jede Einsicht

in die Vollkommenheit dieser Einrichtung erfüllt unser Gemüt mit immer

neuer Dankbarkeit und Liebe gegen den gütigen Gott. In dem Sendschreiben

an Voltaire aus Anlaß des Erdbebens von Lissabon von 1755 ist Rousseau

auf diese Probleme ausführlicher eingegangen. Der Eindruck, den dieses

Ereignis auf die Gemüter machte, war ein gewaltiger und ist für

uns heute nicht mehr ganz leicht verständlich. Wir bedürfen solcher

außergewöhnlicher Geschehnisse nicht mehr, um uns das Problem, wie die

Güte Gottes mit dem Elend der Menschen zu vereinen sei, immer wieder in

den Vordergrund unserer Betrachtungen rücken zu lassen. Wenn wir einen

guten Menschen in qualvoller Krankheit dahinsiechen sehen, so genügt

=eine= solche schmerzliche Erfahrung, um die ganze Tiefe des Problems

vor uns aufzurollen. Das achtzehnte Jahrhundert brauchte stärkere

Erschütterungen, um in seinem Denken dem Problem die zentrale Stellung

zu geben, und es fand diese in dem plötzlichen Ruin einer blühenden und

volkreichen Stadt, denn nur so konnte die feste Überzeugung, daß alle

Vorgänge der Welt auf das Wohl des Menschen abzielten, hinlänglich

erschüttert werden, um dem bangen Zweifel an der Richtigkeit dieser

Voraussetzung Raum zu machen. Am einfachsten fanden sich Männer vom

Schlage des _Dr._ Johnson mit dem erschütternden Ereignis ab, indem

sie entschlossen seine Existenz bezweifelten oder doch mindestens

die Berichte über die Zerstörung so vieles Menschenglücks für sehr

übertrieben erklärten. Andere theologische Moralisten waren gleich

bei der Hand, das Erdbeben als eine Strafe Gottes für die sittenlosen

Bewohner der Hafenstadt zu erklären. Gegen diese skrupellosen

Verteidiger der Güte Gottes hatte Voltaire leichtes Spiel, wenn er

mit dem Verse: »_Lisbonne est en ruines et l'on danse à Paris_« die

gründliche Verlogenheit ihrer Argumente an den Pranger stellte. Aber

auch für ihn blieb zuletzt nichts anderes übrig, als der Rat an den

denkenden Menschen, gegenüber solchen vereinzelten Erscheinungen, deren

Bedeutung der menschliche Verstand nicht zu enträtseln vermöge, sich

immer wieder zurückzuwenden zu den ewigen Ordnungen des Alls, in denen

die Weisheit der göttlichen Weltregierung, die auf das All und nicht auf

den Menschen abziele, unwiderleglich sich darstelle.

Das ist der Standpunkt des Newtonianers, den die Wissenschaft zu Gott

führt, und der über der Weisheit Gottes leicht die Güte Gottes aus

den Augen verliert. Rousseau ist weit davon entfernt, die Ausführungen

Voltaires an sich zu tadeln, aber sie scheinen ihm unvollständig und,

insofern sie eine Rücksichtnahme Gottes auf das Wohl der vernünftigen

Wesen in Frage stellen, sogar falsch. Die Weisheit Gottes, so gewiß sie

aus der Ordnung der Dinge erkannt werden kann, ist nicht seine höchste

Eigenschaft, sondern dies ist allein seine Güte. Freilich hat diese Güte

nicht den einzelnen Menschen, sondern die Menschheit als Ganzes, nicht

allein die Menschheit, sondern das Wohl aller beseelten Wesen, auch

derer, die andere Gestirne bewohnen, zum Gegenstand, und so kann es denn

leicht sein, daß einzelne leiden müssen, damit das Wohl aller gesichert

werde. Niemals aber wäre der Gedanke erträglich, daß, um einer starren

Gesetzmäßigkeit des Alls wegen, ein einzelnes fühlendes Wesen Qual

erdulde, wenn wir nicht von vornherein überzeugt wären, daß diese

Gesetzmäßigkeit das sinnreiche Mittel ist, das eine höchste Güte gewählt

hat, um das Glück der Gesamtheit seiner Geschöpfe zu sichern. Der

Unterschied zwischen dem Gottesbegriff Voltaires und dem Rousseaus liegt

darin, daß der eine auf verstandesmäßiger, der andere auf moralischer

Grundlage beruht. Daraus ergibt sich auch, daß Rousseau im Emile allen

Schwierigkeiten gegenüber, welche das Denken in dem Verhältnis von Gott

und Welt findet, sich sehr reserviert und skeptisch verhält. Es genügt,

daß Gott existiert, und daß er die Ursache der Ordnung der Welt ist,

alles weitere ist ziemlich gleichgültig. Wenn er im Emile und später in

seinem Brief an den Erzbischof von Paris energisch dafür eintritt, daß

Gott nur als Weltbildner, nicht als Weltschöpfer gedacht werden dürfe,

so hängt dies weniger mit Rousseaus theoretischen Ansichten, sondern

wieder mit seinen moralischen zusammen, für welche ein strenger

Dualismus die Voraussetzung ist, die er bis in die letzten Gründe des

Seins verankern wollte.

So ist das Verhältnis von Gott und Mensch das eigentliche Problem der

Religionsphilosophie Rousseaus. Wie läßt sich die Freiheit des Menschen

mit der Allmacht Gottes, wie lassen sich sein Elend und seine Sünde mit

Gottes Güte vereinen? Auch hier ist es charakteristisch, wie Rousseau

durchaus nicht gesonnen ist, dem theoretischen Gedanken der Allmacht

Gottes die praktische Überzeugung von der menschlichen Freiheit zu

opfern. Gott hat den Menschen als freies Wesen geschaffen, weil er

ihn als moralisches Wesen wollte und weil Moral ohne Freiheit eine

Unmöglichkeit ist. Ein unfreies Wesen folgt den Gesetzen des Weltalls,

es kann daher zwar glücklich, aber niemals frei werden; ein vernünftiges

Wesen muß vor die Wahl gestellt werden, wie es sein Glück verwirklichen

will, sein Glück kann immer nur das Resultat seiner freien Entschließung

sein. Es kann glücklich nur sein, wenn es sich zur Sittlichkeit

entschließt, und mit der Möglichkeit dieses Entschlusses zur

Sittlichkeit ist auch die des Gegenteils gegeben. Gott konnte keine

sittlichen Wesen schaffen, ohne zugleich unsittliche und lasterhafte

zuzulassen, das Unglück der einen mußte in den Kauf genommen werden,

damit das erhabene Schauspiel der anderen im Weltall möglich sei. Die

ganze Gleichgültigkeit Rousseaus theoretischen Fragen gegenüber wird

vielleicht am deutlichsten bei der Behandlung der Frage sichtbar, wie

die Tätigkeit freier Wesen mit der strengen Kausalität, welche die

Wissenschaft fordert, vereinbar sei. Bald weist er darauf hin, daß

diese Tätigkeit im göttlichen Weltplan vorgesehen sei, womit sie dann

allerdings wieder als nezessitiert erscheinen würde, bald zeigt er, daß

gegenüber den großen Verhältnissen des Weltgeschehens die Wirkungen der

freien Tätigkeit des Menschen als verschwindend kleine Größen behandelt

und vernachlässigt werden dürfen, womit in gleicher Weise die allgemeine

Gesetzlichkeit des Geschehens aufgehoben und die sittliche Tätigkeit des

Menschen zur _quantité négligeable_ herabgedrückt erscheint. Aber es ist

augenscheinlich, daß Rousseau der Lösung dieser Antinomie, welche den

Riesengeist Kants beschäftigen sollte, gar kein tieferes Interesse

entgegenbringt, ihm genügt die Gewißheit, ein freies moralisches Wesen

zu sein.

Ja, zu noch tieferen Gedanken wird Rousseau geführt, wenn er das

Verhältnis der menschlichen Seele zu Gott erwägt. Auch hier ist er

aus moralischen Gründen nach seinem unmittelbaren Gefühl von der

Unsterblichkeit der Seele ohne weiteres überzeugt. Die theoretischen

Beweise, die hauptsächlich auf die immaterielle Natur der Seele und ihre

Einfachheit zurückgehen, werden auch hier mit einer auffallenden Kürze

behandelt. Es handelt sich eben wieder nur darum, einzusehen, daß

der Verstand gegen die Überzeugungen des Herzens nichts Stichhaltiges

vorzubringen weiß, ja sogar wenn er ohne Sophistik verfährt, diese nur

zu bestätigen vermag. Um so größer aber ist die moralische Bedeutung

des Unsterblichkeitsglaubens. Das ganze irdische Leben rückt durch die

Gewißheit, daß ich über dies Leben nach einer kurzen Spanne von Jahren

Rechenschaft ablegen muß vor dem, welcher es mir gegeben, in einen

großen und furchtbaren Zusammenhang. Der Vorteil, dessen sich der

Ungerechte hier auf dieser Erde zu erfreuen vermag, das Unglück, welches

den Gerechten hienieden verfolgen kann, was bedeuten sie gegen die

Tatsache, daß ihrer ein liebevoller aber strenger Richter harrt, vor

dem der Tyrann ohne seinen Hofstaat, ein Lazarus ohne seine Schwären

erscheint. Das alte Problem aus dem Buch Hiob findet seine Auflösung

durch die Gewißheit der Unsterblichkeit der Seele und ihres Gerichts vor

Gottes Richterstuhl. Freilich ist auch hier Rousseau geneigt, der Güte

Gottes vor seiner Gerechtigkeit den Vorzug zu geben. Daß ein liebender

Vater seinem, wenn auch aus eigenem Entschluß schuldig gewordenen Kinde

gegenüber ewig zürnen sollte, das erscheint ihm unglaublich. Er faßt die

Strafen im Jenseits als einen Erziehungs- und Läuterungsprozeß der Seele

des Sünders auf; die harte Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen,

gegen die sich überall der philanthropische Geist des 18. Jahrhunderts

auflehnte, ist auch für Rousseau mit einer richtigen Vorstellung Gottes

unvereinbar und nur als eine Erfindung harter und eifernder Priester zu

verstehen.

So brauchen wir nur die Wunder des Weltalls und unsere eigene Seele zu

befragen, um zu einer Vorstellung von Gott zu gelangen, die vielleicht

weder dem Theologen noch dem Philosophen genügt, die uns aber in eine

lebendige Beziehung zum Urquell der Dinge bringt und unser ganzes Leben

auf ihn hinrichtet und durch die Liebe zu ihm regelt. Wenig kommt es

darauf an, in welchen Worten, mit welchen Formeln wir diese Beziehung

ausdrücken, genug, wenn sie in unserem Gefühl lebendig ist. Die alte

Frau, die zum Himmel aufblickend nur ein »oh, oh« stammelt, hat ein

frömmeres Gebet zu Gott gesendet und eines, das ihn mehr erfreut, als

die langen Litaneien, die mechanisch heruntergehaspelt werden. Sehr

wenig kommt es darauf an, ob wir es vermögen, diese lebendige Beziehung

zu Gott in ein System zu bringen und sie mit spitzfindigen Syllogismen

zu verteidigen. Die Lehre, welche Kant formuliert, daß es von der

größten Wichtigkeit sei, vom Dasein Gottes überzeugt zu sein, aber daß

es wenig darauf ankomme, diese Existenz auch beweisen zu können, sie

ist unter dem Einfluß Rousseaus entstanden. Es ist die für den Stolz

des Gelehrten so demütigende, für die Würde des Menschen so erhebende

Überzeugung, daß es keiner Schulsysteme der Philosophie bedarf, um ein

sittlich guter, innerlich frommer Mensch zu sein, eine Überzeugung, die

von Kant zum Grundpfeiler seiner Lehre vom guten Willen gemacht

werden sollte. Die Ideale der praktischen Vernunft: Gott, Freiheit und

Unsterblichkeit sind auch für Rousseau die Trias gewesen, in der sich

seine Ethik zur Religion entfaltete.

Rousseau · 第 8 / 9 段