Beziehungen zu Welt und Leben, sondern es klingt fast wie eine Satire
auf das ganze mühselige Erziehungswerk, das Emile dazu geführt hat,
seinen Platz im Leben so wenig befriedigend auszufüllen. Aber Rousseau
konnte mit um so besserem Recht diese Fortsetzung Fragment bleiben
lassen, als er bereits früher in der _Nouvelle Héloïse_ das Buch
geschrieben hatte, in dem diese Probleme so eindringlich behandelt
worden waren, daß ihm Neues hierüber zu sagen unmöglich war. Die Ansicht
der Romantiker, daß in jedem Menschen ein und nur ein Roman angelegt
sei, trifft auf Rousseau vollständig zu; deshalb mußte der Versuch, dem
Emile eine Fortsetzung zu geben, scheitern; den Roman des Lebens hatte
Rousseau geschrieben, bevor er an den Roman der Erziehung dachte; denn
noch einmal, die _Confessions_ wollen kein Roman sein, sondern die
wirkliche Geschichte seines Lebens geben, sie wollen Wahrheit, nicht
Dichtung sein.
Es fehlt viel daran, daß Rousseau das Technische dieses Buches, welches
dazu bestimmt war, die Kunstform des modernen Romans zu schaffen, ohne
Vorbilder und Muster ausgebildet hätte. Freilich, wer nach dem Titel
gehen würde und auf die Briefe der Héloïse an Abélard zurückgriffe, auch
in der Umdichtung, welche Pope ihnen gegeben hatte, der würde in der
_Nouvelle Héloïse_ wenig finden, was sie als Nachbild dieses Vorbildes
erscheinen lassen könnte. Aber die Form des leidenschaftlichen
Briefromans war seit den _Lettres portugaises_, wie uns Waldberg gezeigt
hat, durchaus eingebürgert, und Rousseau hatte als der unersättliche
Romanleser, der er in gewissen Zeiten seines Lebens gewesen war, sicher
Kenntnis davon erhalten. Vor allem aber tritt uns auf jeder Seite der
_Nouvelle Héloïse_ die Erinnerung an Richardson entgegen, der damals
-- man lese nur den begeisterten Dithyrambus Diderots -- als der
unerreichte Meister des Romans gepriesen wurde, und der in der Tat in
wichtigen Stücken die Technik des modernen Romans ausgebildet hat.
Ursprünglich bildete das Geschehnis das ganze Interesse des Romans.
Bunte Abenteuer, fabelhafte Erlebnisse oder Haupt- und Staatsaktionen
wurden vom Lesepublikum gefordert. Dies war die Hauptsache, und es
verschlug wenig, wem alle diese Ereignisse zustießen; der eine tapfere
Ritter, die eine schöne Prinzessin war genau so gut wie die anderen. Wir
können nun Schritt für Schritt verfolgen, wie der Schwerpunkt des Romans
allmählich vom Geschehnis in die Seele des Erlebenden gerückt wird.
An Stelle des Romans der Abenteuer tritt der psychologische Roman, und
seinen bedeutendsten Meister vor Rousseau haben wir in Richardson zu
erblicken. Wie früher die Haupt- und Staatsaktion, so wird jetzt das
Tagebuch und namentlich der Brief zum wichtigsten Mittel der Technik.
Das Interessante ist nicht mehr das äußere Geschehnis, sondern der
psychische Reflex dieses Geschehnisses in den Seelen der handelnden oder
besser der schreibenden Personen. Daraus erklärt sich auch die große
Einfachheit der Handlung in den Romanen Richardsons. Was in diesen
vielbändigen Ungetümen wirklich geschieht, läßt sich auf sechs Zeilen
erzählen. Doch in diesen Geschehnissen liegt auch gar nicht das, worauf
wir aufmerksam werden sollen. Dasselbe Ereignis tritt uns bei den
verschiedenen Korrespondenten in der verschiedensten Beleuchtung
entgegen, und gerade diese verschiedene Beurteilung desselben Dinges,
in der sich die Individualität der einzelnen Persönlichkeiten offenbart,
ist es, worauf wir achten sollen. Und da zeigt sich in der Tat bei
dem einfachen Londoner Buchhändler eine ganz überraschende Kraft und
Feinheit der psychologischen Analyse. Bei ihm finden wir bereits
den experimentellen Roman einer späteren Zeit angelegt, und das
leidenschaftliche Interesse seiner Zeitgenossen an den Gestalten
einer Pamela, einer Miß Harlowe, eines Lovelace und Grandison wird
verständlich, wenn man erwägt, daß dies die Zeit war, wo die Menschen
einander, und jeder sich selber, anfingen interessant zu werden, wo von
der Philosophie Leibniz' an bis zu jeder empfindsamen Seele, die
ein Tagebuch führte, die Überzeugung vertreten wurde, daß ein jedes
Individuum als ein Unikum, das seinesgleichen nicht hat noch haben kann,
betrachtet und gewertet werden müsse.
Die Verwandtschaft zwischen Richardson und Rousseau ist so einleuchtend,
daß wir uns sehr viel mehr fragen müssen, worin sie sich unterscheiden,
als worin sie sich gleichen. Und da ist es vielleicht am einfachsten,
auf die Motive ihrer Dichtungen zurückzugehen. Richardson wollte seine
Leser bessern, indem er sie unterhielt. Er war zu gleicher Zeit der
Dichter, der Drucker und der Verleger seiner Werke. Vor seinem geistigen
Auge stand als der Areopag, dem er seine Romane vorzulegen liebte,
eine Gesellschaft älterer ehrbarer englischer Damen, die sich beim Tee
zusammenfanden. Er lebte die Leidenschaft nicht, sondern er analysierte
sie. Diese Reflektiertheit, diese Wohlanständigkeit rief die Opposition
Fieldings hervor und ist vielleicht die Hauptursache gewesen, warum
bei allen seinen großen Verdiensten Richardson in unseren Tagen ein
kümmerliches Dasein in den Literaturgeschichten fristet. Ganz anders
Rousseau. Die Entstehungsgeschichte seines Romans ist vielleicht
ein Unikum. Das Herz geschwellt von unbestimmter Liebessehnsucht
idealisierte er das Andenken an die zwei lieblichen Freundinnen, mit
denen er einen der wenigen glücklichen Tage seines Lebens verlebt hatte.
Sie wurden ihm zu den Gestalten der anmutigen blonden Julie und ihrer
braunen klugen Gefährtin Claire, er selbst als St. Preux trat zu ihnen
als der dritte in den Bund der Liebe und Freundschaft. In einzelnen
Briefen, ohne Zusammenhang, ohne Plan ließ er die Gestalten seiner
Einbildungskraft ihren Gefühlen und Empfindungen Worte leihen, und diese
Worte enthielten nichts anderes, als was seine eigene Seele bewegte und
was er so gerne von befreundeten und geliebten Lippen gehört hätte. Erst
nachträglich entstand die Fabel des Romans, wurden die Situationen in
eine chronologische Reihe gebracht, hinkte die moralische Nutzanwendung,
die schließlich doch auch für Rousseau unerläßlich war, nach. Es ist
richtig, auch Rousseau wollte den Leser am Schlusse seines Buches besser
zurücklassen, als er in dem Augenblick gewesen war, wo er das Buch zur
Hand nahm. Aber dieser Gedanke, der bei Richardson die ganze Komposition
beherrscht, ist bei Rousseau erst später in den Plan hineingetragen, die
moralische Absicht hat hier, wie wir sehen werden, über die ästhetische
Notwendigkeit gesiegt. Wie die _Nouvelle Héloïse_ aus dem Gefühl
entstanden war, so hat auch die starke und wahre Darstellung des
Gefühls, der Leidenschaft ihr die Stelle in den Herzen der Leser
errungen, die sie bis heute sich zu behaupten gewußt hat.
Auch hier wie bei Richardson ist die Fabel von denkbarster Einfachheit.
St. Preux, der Lehrer des adeligen Fräuleins Julie D'Etange und ihrer
Freundin Claire, verliebt sich in seine reizende Schülerin, und seine
Liebe wird erwidert. Nach langem inneren Kampf siegt die Leidenschaft
bei beiden; aber die bürgerlichen Vorurteile setzen ihrer Vereinigung
für das Leben unüberwindliche Hindernisse entgegen; St. Preux muß die
Geliebte verlassen und begibt sich zu seinem Freunde, Lord Edouard
Bomston, später auf eine mehrjährige Reise um die Welt. Julie fügt sich
dem Wunsch ihres Vaters und wird die Gattin des Barons Wolmar mit dem
festen Entschluß, ihm eine gute und treue Gattin zu werden. Der Baron
hat ein so sicheres Vertrauen zu Julie, daß er den zurückgekehrten St.
Preux auffordern kann, der Hausgenosse seiner Familie zu werden. Die
alte Leidenschaft flammt in beiden empor, aber Julie weiß sich ihrer
zu erwehren. Der Tod, den sie bei der Rettung ihres ertrinkenden Kindes
findet, entreißt sie dem Kampf zwischen Pflicht und Neigung und weckt in
ihrem atheistischen Gatten die Ahnung eines Lebens nach dem Tode.
Das ganze Interesse des ersten Teiles des Romans liegt in der
Schilderung der Leidenschaft der Liebenden und in der Darstellung
des vergeblichen Kampfes, den sie gegen die Gebote der Sittsamkeit
einerseits, gegen die Gesetze der zivilisierten Gesellschaft mit ihren
Klassenunterschieden und Standesvorurteilen andererseits, zu führen hat.
Da, wo die ihr gegenüberstehenden Mächte sittlich berechtigt sind, siegt
die Leidenschaft; die Liebenden werden schuldig in ihrem Glück. Da, wo
diese Hindernisse nur auf Vorurteil und Konvention beruhen, unterliegt
die Leidenschaft; die dauernde Vereinigung der Liebenden wird unmöglich.
Das ist die Tragik im Schicksal St. Preux' und Juliens. Wir hassen
die gesellschaftlichen Ordnungen, die einen Bund zweier für einander
geschaffener Herzen zu verhindern vermögen; aber wenn wir auch in
den leidenschaftlichen Selbstanklagen St. Preux' und Juliens eine
Berechtigung nicht verkennen können, so sind wir doch weit davon
entfernt, die Schönheit, die Stärke und die Tiefe des Triebes, der
sie zueinander riß, zu tadeln. Auch da, wo diese Leidenschaft ewige
Ordnungen verletzt, hat sie einen Anspruch nicht nur auf unser
Verständnis, sondern auf unser wärmstes Mitgefühl, ja auf unsere
Bewunderung. Menschen, die so lieben können, sind keine schlechten
Menschen. Sie können unglücklich, sie können schuldig, niemals aber
können sie niedrig und gemein werden.
Es ist ein feiner Zug Rousseaus, daß er den Vertreter der hergebrachten
Ordnungen und Vorurteile, den Vater Julies, als einen durchaus nicht
schlechten Charakter dargestellt hat. Er ist ein tapferer Soldat, ein
liebender Gatte, ja sogar in seiner Art ein guter Vater, der nach seiner
besten Einsicht das Glück seiner Tochter will. Um so größer muß die
gänzliche Verkehrtheit der Standesvorurteile erscheinen, da sie einen
liebenden Vater dazu veranlassen können, das Glück seines Kindes so mit
Füßen zu treten, und ihn dabei noch mit dem ruhigen Hochgefühl getaner
Pflicht zu erfüllen. Das ist eben die entsetzlichste Erscheinung einer
verderbten Kultur, daß sie auch ursprünglich gut angelegte Menschen zu
Handlungen fortreißt, vor denen sie zurückschaudern würden, wenn sie
sich ihrem eigenen unverderbten Gefühl überlassen könnten. Rousseau
verfuhr hier unendlich wirksamer als Schiller mit der Zeichnung des
Präsidenten in »Kabale und Liebe«. Die Unpersönlichkeit und daher
auch die Unbesiegbarkeit der Widerstände, welche sich den Liebenden
entgegenstellen, tritt in der Fassung Rousseaus viel deutlicher hervor,
als wenn er einen Tragödienvater geschaffen hätte.
Wir haben gesehen, daß die Handlung ursprünglich auf das Verhältnis
Julies, Claires und St. Preux' zueinander begründet war. Als notwendige
Ergänzung für St. Preux und als Adressat seiner brieflichen Ergüsse
tritt Milord Edouard Bomston ebenso neben ihn, wie Claire neben Julie.
Daß St. Preux viele Züge von Rousseau hat, ist ganz selbstverständlich.
Vor allem erinnert die Kindlichkeit seines Wesens durchaus an Rousseau.
Gerade diese Eigenschaft war ja auch Rousseaus Schicksal und Verhängnis;
wie er ist St. Preux nicht von Begriffen, sondern von Gefühlen abhängig.
Es würde fast komisch sein, ihn immer als Philosophen angeredet und
bezeichnet zu hören, gäbe es nicht neben der Philosophie des Kopfes
auch eine des Herzens. Ganz dem Augenblick hingegeben, ganz in den
Stimmungen, die er bringt, aufgehend, für das Höchste empfänglich
und mitunter bei dem kleinsten Hindernis verzweifelnd, bei den besten
Vorsätzen einer plump angelegten Verführung erliegend, zeigt er uns nur
wenig idealisiert die Züge seines Urbildes. Auch das überwiegend Passive
im Charakter St. Preux', seine Neigung, sich durch fremden Rat leiten zu
lassen, seine Unfähigkeit, das eigene Schicksal selbst zu gestalten, das
Schwelgen in Gefühlen, wo es auf entschlossenes Handeln ankäme, alles
dieses waren Züge, nach denen Rousseau nicht weit zu suchen brauchte, um
sie auf seinen Helden zu übertragen.
Milord Edouard ist, wie Texte richtig hervorgehoben hat, ein legitimes
Kind der in Frankreich damals herrschenden Anglomanie, welche in ihrer
Schrankenlosigkeit nur selten durch wirkliche Kenntnis englischer
Verhältnisse beeinträchtigt wurde. Man kann sie vielleicht darauf
zurückführen, daß die Franzosen, die unter dem Zwang der Sitte, der
Regel, des guten Tones in der Tat einige Gefahr liefen, uniform und
monoton zu werden, bei den Engländern die Erfahrung machten, daß auch
mit einer hochgesteigerten Kultur kräftige Eigenart, Individualität,
wohl vereinbar sei. Daher auch die starke Betonung der bizarren Züge
bei Milord Edouard. Sie sollen den Mann kennzeichnen, der es unternommen
hat, unbekümmert um alle Vorurteile sich selber sein Leben zu gestalten.
Durch seine Geburt der Kaste angehörend, an deren starren Vorurteilen
das Lebensglück seines Freundes zerschellt, deren stumpfen Widerstand
St. Preux vergebens zu überwinden sucht, hat sich Bomston von allen
diesen Vorurteilen frei gemacht; er steht also ebenso jenseits aller
gesellschaftlichen Schranken, wie St. Preux diesseits. Er ist der Mann
der Tat; rasch in seinen Entschlüssen, originell in seinen Mitteln;
von zweifelloser Sicherheit auf dem eingeschlagenen Weg würde er
das Schicksal der Liebenden glücklich gestaltet haben, wenn es Julie
vermocht hätte, über der Liebe zu St. Preux die Gebote der Achtung
und des Gehorsams gegen ihre Eltern zu vergessen. Die komplizierten
italienischen Familienbeziehungen Bomstons, die in genauer Analogie
zu Richardson und mit der gleichen Langeweile einen so großen Platz
im zweiten Teile in Anspruch nehmen, lagen ursprünglich nicht im Plane
Rousseaus.
Zu diesen Gestalten tritt nun später Wolmar, der Gatte Julies. Auch für
ihn ist das Vorbild ganz unverkennbar, es ist der Geliebte der Gräfin
d'Houdetot, St. Lambert. Erschütternd genug hat Rousseau in den
_Confessions_ geschildert, wie sein sehnlicher Wunsch, als dritter in
den Bund der beiden Liebenden eintreten zu dürfen, scheiterte und ihn
damit die Verzweiflung am Leben und an den Menschen zum unglücklichsten
aller Wesen machte. Was dies Verhältnis hätte sein können, das wollte
uns Rousseau im zweiten Teil seiner Héloïse schildern, und die nicht
ganz berechtigte Verehrung für St. Lamberts Charakter hat an dem
Bilde mitgearbeitet, das er von Wolmar entwirft. Wolmar hat all die
Eigenschaften, die Rousseau so unendlich gerne gehabt hätte, die er oft
mit heißem Bemühen sich anzueignen bestrebt hatte, und welche ihm ein
freundliches Geschick stets versagte. Er ist das vollkommene Gegenbild
zu St. Preux, ebenso an den Regeln des Verstandes orientiert wie dieser
durch die Impulse des Gefühls geleitet wird. Aber dieser Verstand hat
ihn nicht zum Spötter und Zyniker gemacht; was er ihm nehmen konnte,
was er auch St. Lambert genommen hatte, war der Glaube an Gott. Der
Atheismus Wolmars ist der tiefste Kummer für Julie, noch auf dem
Totenbett sucht sie den Gatten für ihren Glauben zu gewinnen.
Aber die Beziehungen zu den Menschen sind bei Wolmar nicht durch
Verstandesskepsis angefressen. Er ist das Muster eines edlen Gutsherrn,
der seinen Vorteil darin sieht, daß seine Bauern sich wohl befinden; mit
dem Unglücklichen hat er Mitleid und sucht ihm dauernd zu helfen; sein
festes Vertrauen auf Julie und St. Preux, deren frühere Beziehungen er
kennt, bewährt sich in der großartigen Unbekümmertheit, mit der er sie
in ihrem Zusammensein vollständig frei gewähren läßt. Aber während man
St. Preux lieben kann, sind Achtung und Billigung die Gefühle, die ein
Wolmar einflößt.
Die Erweiterung des Romans durch die Ehe Julies mit Wolmar ist natürlich
nicht nur auf das Verhältnis Rousseaus zu Madame d'Houdetot und St.
Lambert zurückzuführen. Daß der Roman mit ästhetischer Notwendigkeit
ein tragisches Ende durch den Selbstmord St. Preux' gefordert hätte,
das bedarf keines Beweises. Daß die langen und übrigens sehr gut
geschriebenen Briefe St. Preux' und Julies _pro_ und _contra_ Selbstmord
nicht dazu angetan sind, die ästhetische Notwendigkeit abzuschwächen,
ist ebenfalls deutlich. Ein verzweifelter Geliebter schreibt anders an
die Geliebte über seinen Entschluß, aus dem Leben zu scheiden, und
tut er's doch, so wird er von der Geliebten nicht einen so vorzüglich
geschriebenen Aufsatz erhalten wie St. Preux von Julie. Wenn wir die
hingestammelten Worte Werthers lesen, die erst, nachdem sich sein
Schicksal erfüllt hat, an Lotte gelangen sollten, dann fühlen wir, was
wir hier in der _Nouvelle Héloïse_ schmerzlich vermissen. Es mag uns
freuen, daß St. Preux dem Leben erhalten bleibt, aber wir verstehen
eigentlich nicht recht, wie das möglich war. Es war auch nur so möglich,
daß Rousseau außer den ästhetischen Zwecken, die die erste Anlage des
Romans bestimmt hatten, nun auch noch andere, die ihm je länger je mehr
die wichtigeren wurden, zu Worte kommen lassen wollte; auch er wollte,
ganz wie Richardson, seine Leser nicht nur bewegen und rühren, er wollte
sie auch bessern. Daher mußte neben Julie, das liebende und schuldige
Mädchen, Julie, die pflichttreue und tugendhafte Frau treten; daher
mußte neben das Gemälde der siegreichen Leidenschaft die Darstellung
der tugendhaften Selbstverleugnung kommen. Was die Moral im ersten Teil
vermißt hatte, im zweiten sollte es mit voller Klarheit dargestellt
werden: die Tugend sollte über die Leidenschaft siegen. Das tat sie denn
auch, aber niemand kann zween Herren dienen. Es fehlt diesem zweiten
Teil nicht an großen poetischen Schönheiten. Die Schilderung des
Landlebens, der Besuch Julies und St. Preux in Meillerie reihen sich
den schönsten Stellen des ersten Teiles würdig an. Jedoch Rousseau hatte
sich dadurch, daß er den Roman nicht damit enden ließ, womit er enden
mußte, in eine poetische Sackgasse verrannt, aus der es eigentlich
keinen Ausweg mehr gab. Immer wieder flammt die Leidenschaft bei den
Liebenden empor, immer wieder wird sie durch die Rücksicht auf die
Pflicht gegen den Gatten und Freund gebändigt. Es ist gar kein Ende
abzusehen, am wenigsten das seltsame einer Verheiratung St. Preux' mit
der inzwischen verwitweten Claire. Und der schließliche Abschluß, der
Tod Julies, ist ebenso unmotiviert und überflüssig wie der Tod St.
Preux' am Schluß des ersten Teiles motiviert und befreiend gewesen wäre.
Es läßt sich gar nicht leugnen, daß Rousseau mit dem zweiten Teil seines
Romans mindestens ebensosehr den Geschmack seiner Leser getroffen hatte
als mit dem ersten. Es war noch nicht an der Zeit, daß eine Dichtung den
Anspruch darauf erheben konnte, rein als Dichtung genommen und gewertet
zu werden. Was wir früher bei Rousseaus Stellung zum Theater
gesehen haben, das galt auch für den ganzen Bereich der Poesie. Ein
Theaterstück, das den Hörer nicht unterrichtete oder besserte, erschien
Rousseau wie seinen Gegnern als wertlos, und der ganze Unterschied
zwischen ihnen bestand nur darin, daß die Verteidiger der Schaubühne
diese ihre Wirkung aufweisen zu können glaubten, Rousseau dagegen sie
leugnete. In der _Nouvelle Héloïse_ können wir gleichsam die Poesie am
Scheidewege erblicken. Der erste Teil ist rein aus ästhetischen Motiven
hervorgegangen, hier liegt das Neue, das Bedeutsame des Buches; im
zweiten biegt der Autor in die gewohnten Wege des Zeitalters ein. Die
Zeitgenossen erfreuten sich an beiden; Rousseau selber glaubte, erst
durch diesen zweiten Teil die Berechtigung seines Buches nachgewiesen
zu haben, sein moralisches Gewissen, das sich früher mit so vollen Tönen
gegen die Berechtigung nutzloser Bücher ausgesprochen hatte, fühlte
sich durch den zweiten Teil beruhigt. Der Größere, der nach ihm kommen
sollte, wußte, woran er sich zu halten hatte. Er ersparte es sich und
den Lesern, Werther als Hausfreund Lottens und Alberts zu schildern, er
zog die Konsequenz, die Rousseau hätte ziehen sollen. Aber der Werther,
so wie wir ihn haben, konnte nur geschrieben werden, weil die _Nouvelle
Héloïse_ den Weg bereitet hatte.
Noch auf einer anderen Seite bedeutet die _Nouvelle Héloïse_ einen
unverlierbaren Fortschritt. Wenn wir als wissenschaftliche Menschen die
gesamte Wirklichkeit durch ein System von Begriffen zu erfassen suchen,
wenn wir als sittliche Wesen die Dinge der Wirklichkeit als Materiale
unserer Pflichterfüllung betrachten, so ist es die Leistung der großen
Künstler, uns die Dinge ästhetisch betrachten zu lehren. Die Arbeit
jedes großen Künstlers ermöglicht es uns, Dingen gegenüber, an denen wir
früher achtlos vorbeigegangen waren, ästhetisch Stellung zu nehmen.
Wie die seligen Knaben im Faust dadurch die Welt verstehen, daß sie
sie durch die Augen des Pater Seraphicus betrachten, so wird die
Wirklichkeit zur schönen Welt, indem wir sie durch die Augen der großen
Künstler sehen lernen. In diesem Sinn bedeutet die _Nouvelle Héloïse_
einen der kühnsten Eroberungszüge in das Beutefeld der Wirklichkeit.
Es hat zweifellos im geographischen, kommerziellen, militärischen und
sonstigen Sinn auch schon vor Rousseau Alpen gegeben -- im ästhetischen
Sinn existieren sie erst seit der _Nouvelle Héloïse_; ganz ebenso wie
der meteorologisch bereits früher vorhanden gewesene Nebel für den
ästhetisch Betrachtenden erst durch Ossian, Lenau und Dickens entdeckt
worden ist. Der Liebe zu seiner Heimat, zu den Gestaden des Genfer Sees
hat Rousseau in seinem Roman ein unvergängliches Denkmal gesetzt, aber
er hat mehr getan: er hat allen denen, die durch seine Worte ergriffen
wurden, das ästhetische Bürgerrecht an diesen Gestaden verliehen.
Die süßen und schmerzlichen Erinnerungen an seinen Aufenthalt in Les
Charmettes, an seine Besuche in Nyon, sie sind in diesem Buch zum
poetischen Erleben und Schauen verklärt worden. Aber noch Größeres hat
er geleistet. Auch frühere Dichter waren von der Anmut der Gestade der
Alpenseen ergriffen worden; bis zu den smaragdgrünen Matten der
Alpen waren die Vorposten des ästhetischen Heeres, Gesner und Haller
vorgedrungen; Rousseau ging weiter. In den wundervollen Schilderungen,
die St. Preux von der Felsgegend bei Meillerie entwirft, bekommen
Dinge ästhetischen Wert, die ihn früher nie besessen hatten, die steil
aufragenden Felsen, der schäumend sich zum Tal durcharbeitende Gießbach,
das Dröhnen des Wasserfalls, und das alles in Beziehung gesetzt auf die
stürmisch tobende Seele des Betrachtenden, so zieht die Bergwildnis,
geheimnisvoll abgeschlossen durch den Kranz der ewigen Schneeberge, in
die moderne Dichtung ein, sie hat damit eine Provinz gewonnen, die sie
nie wieder verlieren kann. Es ist kein Zufall, daß die »Entdeckung der
Schweiz« vom Genfer See ausgeht, daß der Montblanc in Byrons Manfred als
der König der Geister gepriesen wird und bis zum heutigen Tage, bis
zu Luise von François und Gottfried Keller, als der Monarch der
Bergesriesen gilt. Das verdankt er nicht dem Umstand, daß er ein
paar Fuß höher ist als andere seinesgleichen, denn dies ist eine
wissenschaftliche Notiz ohne jeden ästhetischen Wert; nein, diesen
Vorrang verdankt er dem Umstand, daß von Genf aus das Auge eines Knaben
oft an seinen Hängen emporgeglitten war, daß er den beherrschenden
Abschluß bildet für eine Landschaft, die der vagabondierende Jüngling
zu durchstreifen liebte, daß zu ihm hin die sehnsüchtige Liebe des
alternden Mannes aus der großen Menschenwüste Paris unablässig
sich wandte. Wir alle, die wir heute das Gebirge mit ästhetischer
Stellungnahme zu werten vermögen, haben diese Möglichkeit durch die
_Nouvelle Héloïse_, wir sind alle die Schüler und Nachfolger Rousseaus.
Sechstes Kapitel.
Religionsphilosophie.