So finden wir denn Emile am Schlusse dieser Epoche im Vollbesitz seiner

körperlichen Fähigkeiten. Ist er vielleicht auch nicht so stark, wie

mancher seiner bäuerlichen Spielgefährten, so übertrifft er sie

an körperlicher Gewandtheit. Im Laufen, Springen, Schwimmen ist

er unermüdlich, sein Auge ist scharf und sicher, sein Gehör gut

ausgebildet, seine Gesundheit vortrefflich und befähigt, Entbehrungen

ohne Schaden zu ertragen. Er weiß in der lebendigen und toten Natur

Bescheid, kennt die Stimmen der Vögel und findet die Standorte der

Pflanzen. Den Menschen gegenüber gibt er sich frisch und unbefangen,

ohne Unterwürfigkeit und ohne Stolz, Höflichkeit ist ihm fremd, aber

ebenso fern ist ihm geziertes Wesen. Wenn er viele Dinge nicht weiß, die

Kinder höherer Stände in seinem Alter bereits zu kennen und zu wissen

vorgeben, so ist er ihnen doch weitaus an Selbständigkeit des

Urteils, gründlicher Beherrschung des ihm zugänglichen Wissens und

Anschaulichkeit im Sprechen und Denken überlegen. Das, was ihm fehlt,

wird er mit leichter Mühe nachholen können; das, was er vor seinen

Alters- und Standesgenossen voraus hat, wird ihn auf immer zu seinem

Vorteil von ihnen unterscheiden; sein größter Vorzug aber besteht darin,

daß er das gewesen ist und ist, was alle Kinder sein sollten, und was

die Unnatur unserer Verhältnisse nur ganz wenigen zu sein gestattet: ein

wirkliches Kind.

Während in der ersten Zeit die Beziehung des Knaben zur Natur die

Aufmerksamkeit des Lehrers vor allen Dingen in Anspruch nehmen

mußte, treten nunmehr ungefähr mit dem Eintritt in das 12. Jahr die

menschlichen Verhältnisse in den Vordergrund; sie soll jetzt Emile

kennen und verstehen lernen. Zwar mit dem Gärtner, dem Bedienten und dem

Erzieher selber hatte ihn ja bereits früher jeder Tag zusammengeführt;

er hatte ein festes Verhältnis zu ihnen gewonnen, aber seine

eigentlichen Interessen waren, wie wir gesehen, ganz auf die Natur

gerichtet gewesen. Jetzt gilt es, ihm Verständnis für die mannigfachen

Hantierungen der Menschen beizubringen; ihn einsehen zu lehren, welch

einen Zweck und welche Bedeutung für das Zusammenleben der Menschen

diese Verrichtungen haben, und vor allen Dingen den geschickten

Knaben daran zu gewöhnen, die im Verkehr mit der Natur ausgebildeten

körperlichen Fertigkeiten in den Dienst einer nützlichen Tätigkeit zu

stellen. Die Entscheidung über den Wert der einzelnen Handwerke soll

der Knabe ganz selbständig und nach eigenem Ermessen treffen. Was der

Maurer, der Schreiner, der Glaser bedeuten, wird ihm ohne weiteres

einleuchten, und wenn er von seinem kindlichen Standpunkt aus den

Pastetenbäcker für einen äußerst wichtigen und verehrungswürdigen Mann

hält, so wird das weiter nichts schaden; ebensowenig auch, wenn er den

Nutzen und damit die Existenzberechtigung des Perückenmachers gering

anschlägt und auch für die Tätigkeit des Goldschmieds wenig Verständnis

zeigt. Bei den Besuchen, welche den einzelnen Handwerkern gemacht

werden, indem er sie bei der Arbeit beobachtet, gewinnt Emile eine auf

Anschauung beruhende Kenntnis ihrer Tätigkeit, und was das wichtigste

ist, er lernt selber mit angreifen, er bekommt das Verhältnis zum

Material, das den meisten Gebildeten völlig abgeht, und aus dessen

Mangel all die schiefen und unklaren Vorstellungen über die Tätigkeit

des Handwerkers, die dumme Verachtung der Handarbeit, welche in diesen

Kreisen so häufig ist, sich genugsam erklärt. Ja, Rousseau geht noch

einen Schritt weiter; sein Zögling soll nicht nur gesehen haben, wie

gearbeitet wird, er soll nicht nur eine Kenntnis der Handfertigkeiten

haben, welche dabei nötig sind, sondern es ist unumgänglich nötig, daß

er =ein= Handwerk von Grund aus erlernt und es so ausüben kann, daß

jeder Meister sich freuen würde, ihn als Arbeiter beschäftigen zu

können. Nur das Bewußtsein, im Besitz eines erlernten Handwerkes

zu sein, gibt dem Menschen allen Wechselfällen des Lebens gegenüber

Sicherheit und Ruhe. Der Reichtum kann verschwinden, die bevorrechtete

Stellung abgeschafft werden, der Grundbesitz von dem Gutsherrn an die

Bauern zurückgefordert werden, tüchtige Handwerker wird die menschliche

Gesellschaft immer brauchen. Es ist leicht erklärlich, weshalb Emile

sich für das Handwerk des Tischlers entscheidet. Den Anforderungen an

körperliche Kraft, die hier verlangt werden, sind seine elastischen

Glieder gewachsen, sie werden geübt ohne erschlafft zu werden; das

gute und sichere Augenmaß, das er sich erworben hat, findet hier seine

Verwendung; die Exaktheit der Arbeit, die Nettigkeit und Nützlichkeit

der Gegenstände, welche sie hervorbringt, entzücken ihn, und so zählt er

bald zu den besten und fleißigsten Gehilfen seines Meisters.

Natürlich liegt es aber nicht im Plan der Erziehung, Emile zum Tischler

zu machen, nur eine bestimmte Zeit in der Woche ist diesem Teil seiner

Ausbildung vorbehalten. Er soll sich weiter in Wald und Feld tummeln,

im Garten arbeiten, aber er soll jetzt auch, wo er Kenntnis von dem

gesellschaftlichen Getriebe erhalten hat, mit den wichtigsten Mitteln

für den sozialen Zusammenhang bekannt gemacht werden: Lesen- und

Schreibenlernen wird ihm nunmehr als ein notwendiger Vorzug erscheinen,

nicht mehr als die unverständliche Quälerei, zu welcher die gewöhnliche

Erziehung sie den Kindern macht. Charakteristisch für Rousseaus Stellung

zu Büchern und Büchergelehrsamkeit sind die pathetischen Worte, mit

denen er nochmals darauf aufmerksam macht, daß die Fertigkeit des Lesens

leicht zu einem Danaergeschenk für Emile werden kann, wenn nicht hier

mit aller erdenklichen Vorsicht vorgegangen wird. Auf lange Zeit hinaus

soll nur =ein= Buch die ganze Bibliothek des Knaben bilden, und auf dies

Buch an dieser bedeutsamen Stelle nachdrücklichst aufmerksam gemacht zu

haben, ist eins der größten Verdienste, die sich selbst ein Rousseau

für das Wohl der heranwachsenden Jugend erwerben konnte, es ist der

unsterbliche Robinson Crusoe Defoes, der bis zum heutigen Tage das

Entzücken eines jeden richtigen Kindes bildet.

Der Robinson und Gullivers Reisen bieten vielleicht die besten Beispiele

dafür, daß die besten Kinderbücher die sind, die ursprünglich nicht für

die Kinder geschrieben sind. Das pädagogisch Gefährliche, das in der

affektierten Naivität und Kindlichkeit so vieler Kinderbücher liegt, und

das in der damaligen Kinderliteratur noch viel schreckhafter hervortrat,

als in der unsrigen, die doch schon durch Robinson viel gelernt hat, das

alles hatte Rousseau richtig herausgefühlt. Aber es waren noch andere

Vorzüge, die ihm den Robinson teuer und wert machen mußten. Hier war

ja das geschildert, wonach er sich stets gesehnt, hier war der Mensch

zurückversetzt in seine ursprüngliche Einsamkeit, nur von den Wundern

der Natur umgeben, und hier sehen wir den Menschen aus eigener Kraft

durch seiner klugen Hände Arbeit ein Leben gestalten, das unendlich

viel reiner und gesünder ist, als das Leben des Kulturmenschen. Rousseau

empfand, daß gerade in der Jugend eine Neigung, zu solchen einfachen und

ungekünstelten Verhältnissen zurückzukehren, noch lebendig ist. Es war

ihm darum zu tun, durch die Lektüre des Robinson diese Stimmung der

Seele, die bei den meisten Kulturmenschen bald übertäubt und getötet zu

werden pflegt, zu einem dauernden Grundgefühl des Lebens zu gestalten,

welches auch den zum Mann Herangereiften gegen alle Versuchung, in den

verschlungenen Pfaden der Kultur sich zu verirren, feit und schirmt.

Denn daran ist allerdings kein Zweifel, daß gerade, weil der Robinson

auf lange Zeit hinaus die einzige Lektüre des Knaben bleiben soll,

eine Wirkung von ihm ausgehen muß, welche alle weiteren Bücher, die der

Heranwachsende später kennen lernen wird, niemals erreicht werden.

Emile tritt nun in die dritte Phase seiner Entwickelung ein, die

wichtigste, die für sein ganzes späteres Leben entscheidend wird, und

die seinen Erzieher vor die schwierigsten Aufgaben stellt, es ist die

Zeit der beginnenden Geschlechtsreife. Während die Aufgabe des Erziehers

in den früheren Stadien darin bestand, mit bewußten Eingriffen in

die Entwickelung seines Zöglings möglichst sparsam zu sein, und

im wesentlichen die Natur frei gewähren zu lassen, muß er hier zum

erstenmal eine natürliche Entwickelung nicht befördern, sondern sie in

klugen Grenzen verlangsamen und verzögern. Aber auch hierzu hat ihm

die Natur selber die Hilfsmittel an die Hand gegeben. Der beginnende

Jüngling weiß ja noch gar nicht, was das unbestimmte Sehnen und Drängen,

das ihn erfüllt, eigentlich bedeutet. Es gilt, ihn seinen unbestimmten

Träumereien nicht zu überlassen. Die Gewohnheit, in dem Erzieher

zugleich den Freund zu sehen, wird ihn die Gesellschaft des Lehrers noch

häufiger aufsuchen heißen als bisher; durch starke körperliche

Arbeit und Tätigkeit, die in dieser Periode ohne Schaden bis fast

zur Erschöpfung gehen kann, wird die körperliche Energie in Anspruch

genommen und in gesunder Weise befriedigt. Aber unendlich viel wichtiger

als die körperlichen Veränderungen ist die geistige Revolution, die sich

in Emile vollzieht. Sieht man die Seele als die Kraft an, die sich den

Körper bildet, so wird man nicht umhin können, die Geschlechtsliebe

aus einer ursprünglich in der Seele angelegten allgemeinen Sympathie

abzuleiten. Wir haben gesehen, daß Rousseau diese Lehre für falsch

hält. Jeder Fortschritt auf seelischem Gebiet hat bestimmte körperliche

Voraussetzungen. Ihn herbeiführen zu wollen, bevor diese körperlichen

Voraussetzungen vorhanden sind, heißt die normale Entwickelung

verkünsteln und unmöglich machen. So hatte denn auch Rousseau darauf

verzichtet, dem Kind eine Scheinsympathie und Scheinliebe zu den

Menschen seiner Umgebung anzuzüchten, für welche die körperliche

Entwickelung keinerlei Grundlagen bot. Diese Grundlage nun glaubt

Rousseau in dem unbestimmt erwachenden Geschlechtstrieb gegeben. Er ist

es, der den werdenden Jüngling über sich selber hinausweist, der ihn

ergänzungsbedürftig und sehnsüchtig nach der Liebe anderer macht; die

leiseste Liebkosung, deren Wert er früher gar nicht verstanden hätte,

macht nun sein ganzes Wesen erzittern; sein Herz ist weit geöffnet, daß

die Liebe zur Menschheit darin einziehen kann. Jetzt gilt es, ihn auf

die tausend Bande aufmerksam zu machen, welche die Menschen aneinander

schließen, jetzt kann er den Schritt von der Natur zur Geschichte

hinüber wagen, nun wird die Lektüre nicht mehr das sein, was sie für die

meisten Menschen ist: ein törichter Zeitvertreib, eine Ausfüllung

leerer Stunden, sondern die großen Männer, von denen ihm die Bücher der

Geschichte Kunde geben, werden zu gleicher Zeit seine Freunde und

seine Vorbilder; nun weiß er, was es heißt, für die heilige Sache der

Menschheit kämpfen und leiden, und die Brust schwellt sich ihm bei dem

Gedanken, daß diese Männer auch für ihn gelebt, auch für ihn gelitten

haben.

Aber nicht nur sein Gefühl bildet sich aus; auch das Denken erhält

in dieser Zeit seinen krönenden Abschluß. Das unbestimmte Sehnen und

Drängen, das die Seele erfüllt, reißt sie in mächtigem Zuge über alles

Gegebene hinweg; ernst und feierlich tritt die Frage nach dem letzten

Grunde der sinnlich gegebenen Wirklichkeit vor die Seele des Jünglings;

seine Sehnsucht nach Güte und Liebe kann sich nur beruhigen in dem

Gedanken einer allgütigen und liebenden letzten Ursache für die

vertraute Welt, die ihm einst so weit erschien und nun so eng geworden

ist. Jetzt mögen die Worte: Gott, Gebet, Religion, die vor dieser Zeit

für ihn eben nur Worte hatten sein können, und die deshalb vor ihm

nicht ausgesprochen werden durften, an sein Ohr klingen, an seine Seele

pochen; sie werden Einlaß finden, denn sie sind nur der Ausdruck dessen,

wonach die Seele selber sich sehnte. Wie die Geschichte, wenn Emile

sie in dieser Zeit kennen lernt, nicht der tote Inbegriff von Namen und

Zahlen ist, welcher sie mit Notwendigkeit sein muß, wenn sie in einem

früheren Alter dem unreifen Verstande des Kindes aufgepfropft wird, so

wird er jetzt seine Vorstellungen von Gott und göttlichen Dingen

frei von dem mechanischen Nachplappern, frei von den kindischen

Anthropomorphismen halten können, in die er früher fast unvermeidlich

verfallen wäre. So gilt es auch hier, die körperlichen Vorbedingungen

abzuwarten und aus ihnen dann die geistigen Werte zu entwickeln, für

die sie die gesunde Grundlage abgeben sollen. Aber wo es sich um den

höchsten Gewinn handelt, ist auch die höchste Gefahr vorhanden. Gibt

der Jüngling ohne feste Leitung den in ihm gärenden Trieben nach, so

ist trotz aller Mühe, die früher auf seine Erziehung verwendet sein mag,

sein Leben verloren. Alle edlen Anlagen, zu welchen der Naturtrieb die

Vorbedingung hätte werden können, verdorren in der Glut des Genusses,

und trotz aller reichen Hoffnungen, zu denen er früher Anlaß gab, wird

der Jüngling der Sklave seiner Sinne bleiben, zu dem ihn die eigene

Leidenschaftlichkeit und die Unachtsamkeit oder Ruchlosigkeit seiner

Umgebung gemacht haben.

Emile ist nun reif, das Getriebe der Welt kennen zu lernen, um später

selber handelnd und tätig darin eingreifen zu können. Ihn, den

Freund der Natur und der großen Männer der Geschichte werden die

Versuchungen der Welt nicht mit sich fortreißen oder ihn zum zynischen

Menschenverächter machen können. Aber es fehlt noch der wichtigste

Talisman, ohne welchen kein Jüngling aus der reinen Natur in die

vergiftete Luft der Städte treten sollte, die tiefe und starke Liebe zu

einem guten Mädchen, welche ihn gegen alle Versuchungen der Sinnlichkeit

unempfänglich macht. Es handelt sich um die Wahl einer Lebensgefährtin

für Emile, eine Wahl, die er aus eigener freier Neigung treffen muß,

und die doch allen Ansprüchen genügt, die ein kluger, einsichtsvoller

Berater stellen könnte. Rousseau hat auch hierfür Sorge getragen. In

einiger Entfernung von dem ländlichen Aufenthalt Emiles wächst unter der

Obhut liebender Eltern ein Mädchen heran, das geistig und körperlich die

beste Lebensgefährtin zu werden verspricht. Lehrer und Zögling brechen

nunmehr zu einer Fußwanderung auf, deren Endziel der Landsitz dieser

»prästabilierten Sophie«, wie sie Hettner boshaft nennt, bilden

soll, und deren Zweck es ist, die füreinander bestimmten jungen Leute

miteinander bekannt zu machen, und das, was die Vernunft gewünscht,

durch die Liebe zu vollenden.

Die Beschreibung dieser Fußwanderung, das Zusammentreffen Emiles mit

Sophie, das Erwachen der Liebe in beiden, das ist alles so einfach

und so schön geschildert, daß jeder Versuch der Wiedererzählung daran

scheitern muß; das muß man bei Rousseau selbst nachlesen. Besonders

möchte ich auf die Szene aufmerksam machen, wo Sophie ihren Geliebten in

der Schreinerwerkstätte aufsucht, um ihn sich für den Tag zu erbitten,

und Emile trauernd sich den eigenen und den Wunsch der Geliebten mit

Rücksicht auf die übernommene Arbeit versagt. Die festliche Verlobung

beendet das Idyll und auch das Zusammensein der Liebenden, denn der

Erziehungsplan fordert für Emile noch einen längeren Aufenthalt auf

Reisen, die er nunmehr unternehmen kann, ohne die Gefahren fürchten zu

müssen, welche die »große Tour« für Jünglinge seines Standes mit sich

zu bringen pflegt. Eine Anzahl feiner Bemerkungen Rousseaus über die

richtige Art zu reisen, können wir hier billig übergehen. Zum Mann

entwickelt, fähig nun selber Vorstand eines Hauswesens zu sein, als

Gestaltender einzugreifen in das Triebwerk des Lebens, kehrt Emile zu

seiner Sophie zurück. In einer ernsten, an alles Gute in Emile sich

wendenden Rede über die Pflichten, die ihm das neue Leben bringen wird,

schließt sein Erzieher das Werk ab, dem er so viele Jahre des eigenen

Lebens gewidmet hat.

Mit einigen Worten muß noch Rousseaus Ansicht über die Erziehung

des weiblichen Geschlechts berührt werden, weil er hier zum Teil im

Vergleich mit der Knabenerziehung ganz entgegengesetzte Ratschläge gibt.

Sie alle aber lassen sich von einem Punkte aus leicht übersehen und sind

von hier aus verständlich und vernünftig. Der Knabe soll zum Menschen

erzogen Werden, das Mädchen zur Gattin und Mutter. Auch glaubt Rousseau

nicht damit seinen Grundsatz zu verletzen, nach welchem jedes Lebensjahr

des Kindes als Selbstzweck betrachtet werden muß und nicht nur in

Beziehung auf das spätere Leben gewertet werden darf. Denn die Natur

selber hat, wie er glaubt, in dem Mädchen schon von früh an diese

spätere Bestimmung psychisch angelegt und sie selbst strebt danach,

sie zu verwirklichen. Man würde wider die Natur handeln, wenn man das

Mädchen in eine Erziehung hineinpressen wollte, die für den Knaben

die naturgemäße ist. So sehen wir denn bei dem Mädchen vom frühen

Kindesalter an einen Trieb, sich zu schmücken und zu gefallen, der dem

naturgemäß sich entwickelnden Knaben vollständig fremd ist, der aber

von vornherein darauf deutet, daß das Mädchen nicht dazu bestimmt ist,

dereinst den Mittelpunkt seines Lebens in sich selber zu finden,

sondern ihn in dem Verhältnis zu anderen Menschen zu suchen haben wird.

Zärtlichkeit ist ebenso der Grundzug der Seele beim Mädchen, wie die

Selbstliebe beim Knaben; und der Erzieher hat hier nur ebenso darauf zu

achten, daß diese Zärtlichkeit nicht zur unterschiedslosen Selbsthingabe

führe, wie bei dem Knaben die Ausartung der Selbstliebe in Egoismus

verhütet werden mußte. Daraus folgt nun aber, daß auch die ganze Art der

Erziehung bis in die kleinsten Einzelheiten hinein nach dem Geschlecht

des Kindes eine verschiedene sein muß. Freilich die Pflege und

Abhärtung des Körpers ist ein gemeinsamer Zweck der Mädchen- wie der

Knabenerziehung, und Sophie kann, wenn auch erfolglos, den Geliebten

zum Wettlauf herausfordern. Aber schon in den Spielen wird sich ein

merklicher Unterschied zeigen: der Knabe durchstreift Garten und Wald,

das Mädchen bleibt im Zimmer und ist die Mutter ihrer Puppe. Wir haben

gesehen, mit welchem Eifer Rousseau darauf dringt, daß für Emile niemals

der bloße Wille des Erziehers bestimmend für sein Tun und Lassen sei;

bei dem Mädchen liegt die Sache anders. Das ganze Glück des Weibes wird

dereinst von dem Willen eines anderen Menschen, ihres Gatten, abhängig

sein, und so ist es gut, daß schon das Kind sich gewöhne, dem

Willen eines geliebten Menschen sich unterzuordnen, auch wo es die

Bestimmungsgründe dieses Willens nicht kennt oder nicht zu begreifen

vermag. Wenn ferner die erste Regel für den Erzieher Emiles war, von

einem einmal gegebenen Befehl sich nichts abschmeicheln zu lassen, so

kann bei der Erziehung des Mädchens läßlicher verfahren werden. Ist

doch die Waffe der Frau dem Herrenwillen des Mannes gegenüber immer

Schmeichelei und weibliche Anmut gewesen; sie erreicht durch ihre Bitten

und ihre Tränen mehr, als der Mann durch seine Stärke und sein Recht

für sich durchsetzen kann. Ein flehender Mann ist ebenso naturwidrig wie

eine streitbare Frau. Daher wäre es verfehlt, wenn man dem Mädchen den

Gebrauch dieser natürlichen Waffen ganz entziehen würde. Man lasse

sich gelegentlich etwas abschmeicheln, man erbarme sich der Tränen der

kleinen Sünderin und verzeihe ihr; man wird belohnt werden durch die

Freude des Kindes über seinen echt weiblichen Erfolg.

Daß bei so verschiedener Erziehung das Verhältnis beider Gatten in

der Ehe nicht das der Kameradschaftlichkeit sein kann, ist ganz

selbstverständlich. Unselbständig wie nach Rousseau das Mädchen von

Natur ist, ist es auch in der naturgemäßen Erziehung, die ihm Rousseau

zudenkt, geblieben. Aus der Hand der Eltern geht die Jungfrau, ein

reizendes, liebliches Wesen, zum Glück bestimmt und beglückend, in die

des Gatten über. Und ebenso wie der Wille der Eltern für sie höchstes

Gesetz war, soll es nunmehr der Wille des Gatten sein. Ihre Bestimmung

ist, =ihm= eine treue, liebende Gattin, =seinem= Hause eine umsichtige

Vorsteherin, =seinen= Kindern eine liebende Mutter zu sein. Rousseau

dachte hoch von der Heiligkeit der Ehe; in nichts sah er deutlicher

die Entartung menschlicher Verhältnisse durch die Kultur, als in der

Herabwürdigung und Zersetzung der ehelichen Verhältnisse in der »guten«

französischen Gesellschaft. Aber als wesentlich für den Bestand

einer guten Ehe galt ihm immer das Bestimmungsrecht des Mannes, die

Unterordnung der Frau. Und wenn ihm auch gelegentlich, wie wir

sehen werden, ein Zweifel aufsteigen mochte, ob dieses »naturgemäße«

Verhältnis innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung noch das wahre

Glück beider Gatten verbürgen könne, so haben solche gelegentlichen

Anwandlungen ihn nie zu einer Revision seiner Sätze über das natürliche

Verhältnis beider Geschlechter geführt.

Das stärkste Zeugnis für die Wirkung, die vom Emile ausgegangen ist,

liegt in der Tatsache, daß sehr viele der Ansichten, die hier mit

großer Emphase vorgetragen werden, für uns heute ganz selbstverständlich

erscheinen. Rousseau scheint uns hier dauernd offene Türen einzurennen.

Es gehört einige Kenntnis der Geschichte der Pädagogik dazu, um sich

darüber klar zu werden, daß diese Türen zu Rousseaus Zeiten eben nicht

offen waren, sondern durch seine Arbeit erst geöffnet oder besser durch

die Mauern einer verkünstelten Pädagogik gebrochen werden mußten. Die

bahnbrechende Kraft Rousseaus erscheint vielleicht nirgends größer,

als wenn wir die Wirkung abschätzen, welche der Emile auf die Folgezeit

ausgeübt hat. Die ganze gewaltige Bewegung, die alsbald namentlich in

Deutschland einsetzt, kann man als eine Reihe von Versuchen bezeichnen,

wie weit die Vorschläge Rousseaus in die Praxis übersetzt werden können,

und namentlich, inwieweit es möglich sei, von der Einzelerziehung, wie

sie Rousseau schildert, zur gemeinsamen Erziehung, wie sie die Praxis

fordert, überzugehen, ohne den wesentlichen Gehalt der Lehren Rousseaus

aufzugeben. Von den ersten unvollkommenen und häufig bizarren Versuchen,

die auf einem prinzipienlosen Nachbeten Rousseauscher Lehrsätze

beruhten, bis zu den durchdachten und von genauester Sachkenntnis

geleiteten Arbeiten eines Salzmann, Pestalozzi und Fröbel, immer

finden wir als fast selbstverständlichen Ausgangspunkt den Emile;

seine Ansichten werden unausgesetzt bekämpft oder angenommen, die

ganze Diskussion ist an ihm orientiert. Und wenn wir bedenken, wieviel

glücklicher und naturgemäßer sich die Kinderjahre von Tausenden und

Abertausenden heranwachsender junger Menschenkinder unter dem Einfluß

dieses einen Buches gestaltet haben, so muß man sagen, daß das schwere

Unrecht, das Rousseau durch sein pflichtwidriges Verhalten gegenüber

seinen eigenen Kindern auf sich geladen hat, soweit dies überhaupt

möglich, gesühnt worden ist durch die Wohltaten, die er Generationen

auf Generationen fremder Kinder erwiesen hat und bis zum heutigen Tage

erweist.

Fünftes Kapitel.

Die _Nouvelle Héloïse_.

Rousseau hat einmal daran gedacht, seinem Emile eine Fortsetzung zu

geben, in welcher das eheliche Leben Emiles und Sophiens geschildert

werden sollte. Es ist ein Glück, daß er diesen Plan nicht ausgeführt

hat, denn die uns erhaltenen Bruchstücke zeigen deutlich genug, daß uns

hier der Bankerott all der schönen Hoffnungen gezeigt worden wäre, mit

denen der Erzieher Emile entläßt und der Leser das Buch aus den Händen

legt. Namentlich wären aber die eigenen Lehren Rousseaus über Erziehung

des weiblichen Geschlechts glänzend _ad absurdum_ geführt worden. Nach

einem kurzen glücklichen Aufenthalt auf dem Lande begibt sich das

junge Paar nach der Stadt; mannigfache neue Anregungen machen es Emile

unmöglich, sich so wie früher Sophien zu widmen. Sophie fühlt, daß

sie den bisherigen Mittelpunkt ihres Lebens verloren hat; sie ist

gelangweilt, unglücklich, und sinkt in dieser Stimmung als leichte Beute

einem gewissenlosen Verführer in die Arme. Emile trennt sich von ihr,

beginnt ein Wanderleben, und findet nach langen Irrfahrten an einsamer

Stätte die bereuende Gattin wieder, um nun fern von den Menschen mit ihr

den Rest des Lebens zu verbringen.

Rousseau · 第 6 / 9 段