Erziehungsroman Emile. Verschieden wie das Thema der beiden Bücher war
auch ihr äußerer Erfolg und die Rückwirkung, die sie auf die Gestaltung
der Lebensschicksale Rousseaus hatten. Der Erfolg des _Contrat social_
blieb weit hinter dem leidenschaftlichen Interesse zurück, das die
Geschichtsphilosophie erregt hatte. Er hätte kein anderes Schicksal
gehabt, auch wenn Rousseau den methodologischen Fehler der Vermengung
historischer und normativer Gesichtspunkte vermieden hätte. Die
eigentliche Bedeutung des _Contrat social_ trat erst nach dem Tode des
Autors hervor, als eine neue Generation heranwuchs, die gelernt hatte,
die Dinge nach Rousseauschen Prinzipien zu beurteilen. Vielleicht läßt
es sich aus der für den Augenblick relativ geringen Wirkung des
Buches erklären, daß die Verfolgung, die sich von seiten der
kirchlichen und staatlichen Behörden auf Rousseau richtete, das
eigentlich »revolutionäre« Buch, den _Contrat social_ nur in zweiter
Linie traf. Auch war es nicht der ganze Inhalt des Emile, welcher
dieses Einschreiten der Autoritäten gegen Rousseau veranlaßte,
sondern hauptsächlich war das Glaubensbekenntnis des savoyischen
Vikars, das die Religionsphilosophie Rousseaus enthält, die Ursache
dieser Stellungnahme, in welche dann der _Contrat social_ mehr der
Vollständigkeit halber mit hineingezogen wurde. Dem Erfolg des Emile
aber konnten diese Angriffe nicht schaden. In Frankreich und fast noch
mehr in Deutschland wurde es mit Enthusiasmus aufgenommen. Wie mächtig
es hier auf die Gemüter wirkte, mag die Tatsache zeigen, daß im fernen
Königsberg der pünktliche Magister Kant, in die Lektüre des Buches
vertieft, es vergaß, seinen gewohnten Nachmittagsspaziergang zu machen.
Man hat es lächerlich finden wollen, daß Rousseau, der als Hauslehrer
keinen nennenswerten Erfolg gehabt hatte, der seine Kinder dem
Findelhaus überließ, ein Buch über Erziehung zu schreiben unternahm. Daß
solchen Ausstellungen eine Verwechslung von Theorie und Praxis zugrunde
liegt, ist deutlich. Rousseau wußte selber sehr wohl, daß er zum
praktischen Pädagogen nicht geboren sei, und er hat in der Schilderung
der Eigenschaften, die ein wahrer Erzieher haben müsse, kenntlich
genug auch diejenigen hervorgehoben, von denen er wußte, daß sie ihm
mangelten. Namentlich war es ihm sehr deutlich, daß er niemals die
gleichmäßige Ruhe und das Freisein von aller Empfindlichkeit erreichen
würde, welche er mit Recht für eine unerläßliche Eigenschaft des
Pädagogen ansah. Ernster zu nehmen ist ein anderer Einwurf, der sich auf
die Stellung der Gesellschaftslehre Rousseaus zu seiner Erziehungslehre
bezieht. Wir haben gesehen, wie Rousseau von Anfang an die Erziehung
als vom Staate geleitet und als das sicherste Mittel betrachtet, um die
Zöglinge zum Patriotismus zu führen. Öffentliche gemeinsame Erziehung
ist die Grundvoraussetzung dafür, daß aus den Knaben tüchtige Bürger
werden. Rousseau lobt es, daß in Sparta die Kinder von früh auf der
privaten Erziehung und ihren Gefahren entzogen wurden. Doch im Emile
sehen wir davon nichts. Emile besucht keine Schule, er wird allein
erzogen; wie stimmt das zusammen? Die Antwort ist einfach die, daß die
lakedämonische Erziehung für Knaben, welche in einem freien und relativ
sittenreinen Gemeinwesen aufwachsen, die beste ist. Hier aber handelt
es sich nicht um Lakedämon, sondern um das Frankreich des achtzehnten
Jahrhunderts. Hier soll gezeigt werden, ob und inwieweit es überhaupt
möglich ist, eine junge Menschenblüte, die unter so verzweifelten
Bedingungen heranwächst, vor dem Verderben zu schützen. Daher ist es
ganz selbstverständlich, daß damit an Stelle der größten Publizität,
welche die Erziehung da haben muß, wo überwiegend günstige Einflüsse von
seiten der menschlichen Umgebung die Kinder treffen werden, hier, wo die
ganze gesellschaftliche Sphäre voll von sittlichem und intellektuellem
Peststoff ist, eine strenge Isolierung des Kindes Vorbedingung für das
Gelingen des Erziehungswerkes ist.
Somit ist nicht nur die private Erziehung durchaus durch den Plan
des Buches gefordert, sondern es ist damit auch gegeben, daß
das Erziehungswerk nicht in der Stadt sich vollziehen darf. Die
Städtefeindschaft Rousseaus tritt hier wieder einmal charakteristisch
hervor. Will man einen Menschen, wie ihn Gott gewollt hat, sich bilden
lassen, so darf er nicht in den schnöden Steinkästen heranwachsen,
mit welchen die Menschen unter dem Namen der Städte sich von der Natur
ausschließen, wo den Kindern Luft, Licht und Freiheit der Bewegung
grausam verkümmert werden, wo ihre Anlagen oft im Keim vergiftet werden,
noch ehe sie sich zur Blüte entfaltet haben. So muß denn Emile, der als
Kind vornehmer Eltern gedacht ist, auf das Land hinaus und damit ist
es zugleich gegeben, daß er der Obhut seiner Eltern entzogen und der
Aufsicht eines Erziehers anvertraut wird, denn Rousseau findet es
unmöglich, einem vornehmen Ehepaar seiner Zeit zuzumuten, daß es sich
dauernd zugunsten der Erziehung der Kinder auf das Land exiliere und
allen Freuden der Großstadt entsage. Um es verständlich zu finden, daß
dies in der Tat für den Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts eine
Verbannung bedeutet haben würde, erinnere man sich an das ungläubige
Entsetzen aller Pariser Freunde Rousseaus, als dieser tatsächlich den
ganzen Winter in seiner Eremitage in Montmorency zubringen wollte.
Dieser Entschluß erschien ihnen beinahe pervers und nur durch einen
schlechten Charakter oder durch Geisteszerrüttung zu erklären.
So sind denn also die Eltern eliminiert und der Erzieher tritt an ihre
Stelle. Was die Eltern zu tun nicht in der Lage waren, von dem Erzieher
darf es verlangt werden. Seine ganze Zeit, sein ganzes Leben gehört
dem Zögling, das Erziehungswerk ist sein Lebenswerk. Daß er nicht um
materieller Vorteile willen dies Werk übernimmt, ist selbstverständlich.
Seine Aufgabe muß ihm Selbstzweck sein, es muß ihm stets vor Augen
stehen, daß ihm etwas unendlich Wertvolles und Kostbares, ein Mensch,
anvertraut ist, und daß dieses Vertrauens sich würdig zu erweisen, die
übernommene Pflicht treulich zu erfüllen, sein größter Stolz sein werde.
Vor allem aber muß er die seltene Gabe haben, sich selber auszuschalten
und immer das Gefühl in sich rege zu erhalten, daß es einen Erzieher
gibt, der selbst den liebevollsten und sorgfältigsten menschlichen
Erzieher übertrifft: die Natur.
Dieser Begriff der negativen Erziehung scheidet vielleicht am
deutlichsten die Lehre Rousseaus von der im achtzehnten Jahrhundert
allgemein befolgten Praxis, die sich namentlich in den damals
einflußreichen und beliebten Jesuitenschulen zu einer planmäßigen und
andauernden Beeinflussung der Zöglinge durch die Lehrer ausgebildet
hatte. Hier war alle Tätigkeit in den Erzieher verlegt, die Zöglinge
sollten in seinen Händen wie bildsames Wachs werden, welches mit
Leichtigkeit die gewünschte Form annimmt und behält. Es ist dies
vielleicht das beste Mittel, die jungen Seelen zur Aufnahme eines
herrischen und komplizierten Kultursystems fähig zu machen. Daß auch
unter dieser Methode große Erfolge erzielt werden können, das zeigen
die Beispiele Descartes und Voltaires, welche beide ihren Lehrern ein
dankbares Andenken bewahrt haben. Aber dies waren nicht die Erfolge, die
Rousseau für seinen Zögling wünschte. Nicht zu einem Kulturheros
wollte er seinen Emile gebildet sehen, sondern die volle Frische und
Ursprünglichkeit des Naturmenschen sollte ihm nach Möglichkeit gewahrt
bleiben. Daher konnte es nicht die Aufgabe des Erziehers sein, das
ganze Schwergewicht einer ausgebildeten Kultur auf den Zögling wirken
zu lassen, sondern vielmehr, soweit dies irgend möglich war,
die Einwirkungen dieser Kultur und damit seine eigenen von Emile
fernzuhalten, ihn so heranwachsen zu lassen, als ob die Menschheit
den verhängnisvollen Schritt zur Kultur nicht gemacht hätte. Daß dies
mitunter zu künstlichen Veranstaltungen und ausgeklügelten Situationen
führen muß, daß Rousseau hier gelegentlich den Fehler selber begeht, den
er gerade vermeiden wollte, an Stelle gegebener Situationen künstlich
herbeigeführte zu setzen und mit Emile eine Komödie zu spielen, das ist
ohne weiteres zuzugeben, beweist aber nur, wie schwierig die Anwendung
eines richtigen Grundsatzes in der Praxis sich gelegentlich gestaltet.
Eng mit der Forderung, das Kind nicht zu früh in den Bannkreis der
Kultur eintreten zu lassen, hängt eine andere zusammen, mit der
Rousseau gleichfalls in einen bewußten Gegensatz zu den herrschenden
Ansichten sich stellte. Denn dieses frühe Heranbringen komplizierter
Kulturverhältnisse an die kaum erwachte Seele des Kindes konnte
nur durch den Hinweis gerechtfertigt werden, daß später einmal der
erwachsene Mensch doch mit diesen Verhältnissen zu rechnen, sich in
ihnen zu bewegen haben würde. Daher müsse das Kind schon möglichst früh
für diese seine spätere Bestimmung herangebildet werden und es sei
daher unumgänglich, daß es schon als Kind die Fähigkeiten und Kenntnisse
erwerbe, welche unsere Verhältnisse von Erwachsenen fordern. Diese Lehre
sah also in dem Knaben nur den zukünftigen Mann; das Kind als solches
hatte keinen Eigenwert, es war nicht Selbstzweck. Deshalb scheute sie
sich nicht, dem Knaben Entbehrungen und Verzichte zuzumuten, deren
Frucht erst der zum Mann Herangereifte genießen konnte. Nichts konnte
Rousseau verhaßter sein, als diese Ansicht. Das warme Gefühl, das er für
die Anmut und Eigenart des Kindes besaß, die tiefe Überzeugung von dem
Wert einer jeden menschlichen Seele, seine Gewohnheit, im Augenblick zu
leben und den Augenblick zum Selbstzweck zu gestalten, hinderten ihn in
gleicher Weise, diese verhängnisvollen Gesichtspunkte der herrschenden
Erziehungslehre zu den seinigen zu machen. Es ist nicht richtig, daß das
Kind nur der kommende Mann ist. Es ist zuerst und vor allen Dingen
Kind, und es hat das Recht auf eine Erziehung, welche diese Gegenwart
berücksichtigt und sie nicht bloß einer fernen, vielleicht nie
erreichten Zukunft opfern will. Die Jahre, die ein Kind seiner späteren
Bestimmung als Mann geopfert hat, bleiben ein Opfer unter allen
Umständen, auch wenn das Kind zum Mann heranwächst; es ist sicher
niemals im eigentlichen Sinne Kind gewesen, es ist sicher um einen
Teil seines Lebensglücks betrogen worden. Wie aber, wenn es dieses
Ziel überhaupt nicht erreicht? Was sollen Eltern und Erzieher gegen die
Anklagen ihres früh dahingeschiedenen Lieblings sagen, den sie um das
Glück seiner Kindheit betrogen haben zugunsten einer Zukunft, die
ihm nie beschieden war? Aber die ganze Voraussetzung überhaupt ist in
Rousseaus Augen grundfalsch. Wer nie ein richtiges Kind gewesen ist,
hat auch wenig Aussicht dafür, ein richtiger Mann zu werden. Es ist
klügelnde Voraussicht, das Kindesalter dem Mannesalter zu opfern und,
was schlimmer, gerade durch dies Opfer wird der Zweck, um dessentwillen
es dargebracht war, vereitelt.
Diese Forderung, als Selbstzweck betrachtet zu werden, diesen Anspruch
auf eine naturgemäße Behandlung erhebt das Kind bereits bei seinem
Erscheinen in der Welt. Es ist die Pflicht der Mutter, das Kind, das
sie geboren hat, nun auch mit der Milch, welche die Natur ihr zu diesem
Zweck gab, zu ernähren. Der flammende Protest Rousseaus gegen die
Ammenwirtschaft, welche damals und auch heute noch die Mütter ihrer
natürlichen Pflichten zugunsten künstlicher, gesellschaftlicher
Verpflichtungen entledigte, hatte einen großen Erfolg, aber dieser
Erfolg zeigt deutlich, wie berechtigt das Mißtrauen Rousseaus gegen
die Verwirklichung seiner Reformgedanken innerhalb der jetzigen
Kulturbedingungen war. Wenn die jungen Mütter nach dem Erscheinen des
Emile ihren Stolz darein setzten, ihre Kinder selber zu stillen, so
war dies nur löblich; wenn sie aber diese heilige Pflicht in der Pause
zwischen zwei Tänzen, selber erhitzt, und in staubigen und heißen Sälen
erfüllten, so war Rousseau berechtigt, eine solche Handlungsweise nicht
als eine adäquate Verwirklichung seiner Pläne zu betrachten. Einen
erfolgreicheren Kampf hat Rousseau gegen die Gewohnheit geführt,
die Kinder in Steckkissen einzuschnüren und ihnen dadurch den freien
Gebrauch ihrer Glieder nach Möglichkeit zu erschweren; die Bewegung
zur Abschaffung dieser häßlichen, schmutzigen und unhygienischen Sitte
knüpft direkt an das Erscheinen von Rousseaus Emile an.
Bei dem Wort »Erziehung« denkt man leicht nur an die Entfaltung und
Ausbildung der seelischen Anlagen des Kindes. Zwar geben wir auch die
Notwendigkeit einer Erziehung des Körpers bereitwillig zu, und
hierin liegt gegenüber dem achtzehnten Jahrhundert ein quantitativer
Fortschritt, aber noch lange nicht ist in dieser Hinsicht alles
erreicht, was Rousseau für die Erziehung des Kindes gefordert hat. Ja,
diese ganze Trennung in eine Erziehung des Körpers und der Seele ist
nicht nach Rousseaus Geschmack. Mögen wir aus wissenschaftlichen Gründen
noch so sehr berechtigt sein, beide Gebiete voneinander zu sondern, so
dürfen wir darüber doch niemals vergessen, daß beim wirklichen Menschen
Körper und Seele eine Einheit bilden, und daß es ganz unmöglich ist, die
Seele zu bilden, ohne daß die körperliche Erziehung damit Hand in
Hand ginge. Ja, in der ersten Zeit wird sich das Verhältnis geradezu
umkehren. Hier muß viel von körperlicher Pflege und Ausbildung der
körperlichen Anlagen gesprochen werden, denn in dieser Zeit handelt es
sich darum, daß der gesunde Körper, die Vorbedingung für die gesunde
Seele, sich bilde, daß die Anlagen, welche die Natur dem Menschen ins
Leben mitgegeben, nicht durch törichte Verbildung verkümmern, oder durch
ebenso törichte Überhastung zur Unzeit und krankhaft entwickelt werden.
So lasse man denn das Kind kriechen, solange es kriechen mag. Man
mute seinen schwachen Beinen nicht zu, die Last des Körpers zu tragen,
sondern man warte ruhig ab, bis das Kind von selber sich aufrichtet
und geht. Auch behüte man es nicht allzu ängstlich vor dem Fallen. Die
Erfahrung zeigt, daß die Kinder hierbei äußerst selten Schaden erleiden,
und wenn sich das Kind selber daran gewöhnt hat, nicht zu fallen, so ist
dies wertvoller, als wenn ihm eine vorsorgliche Kinderfrau jeden Fall
erspart hätte. Vor allem aber trete man der natürlichen Neigung des
Kindes zum Spielen nicht entgegen. Alles, was das Kind in dieser Zeit zu
lernen hat, ist, daß es spielen lerne, und der beste Lehrmeister hierfür
ist wieder das Kind selber. Da dem Kinde alles Spielzeug ist, da seine
noch ungeschwächte Phantasie aus allem alles zu machen versteht, so ist
es töricht, durch teure Spielsachen diese Phantasietätigkeit des Kindes
eindämmen zu wollen. Das Kind hat durchaus recht, wenn ihm nach kurzer
Zeit solche Dinge lästig und langweilig werden. Soviel als möglich lasse
man das Kind in der freien Natur herumtoben, im Laufen, Springen bildet
sich seine Kraft und sein Augenmaß, es bedarf keines Bilderbuches, in
dem es stillesitzend herumblättern müßte, sein Bilderbuch ist die Natur
und sie zeigt Emile täglich tausend neue Gegenstände. Aber sie nimmt
auch immer aufs neue die Neugierde des Knaben in Anspruch, er will die
Gegenstände nicht nur sehen, er will sie auch kennen, sie benennen.
Diesem Wunsch hat der Lehrer entgegenzukommen, denn er ist berechtigt
und liegt in der Natur des Menschen. Durch die Sprache knüpft sich das
erste geistige Band zwischen dem Erzieher und Emile, aber gerade hier
wird weise Vorsicht jeden Schritt des Lehrers leiten müssen. Emile darf
kein Wort hören, mit dem er keine Vorstellungen verbinden kann. Wenn der
Lehrer von dieser Regel abgeht, wenn er ihn daran gewöhnt, unverstandene
Worte zu hören und sie nachzuplappern, so wird er zum schlimmsten Feinde
der jungen Seele, deren Wohl er zu fördern unternommen hatte. Nach
Möglichkeit sollen alle Fragen beantwortet werden, die das Kind über
Gesehenes und Gehörtes zu stellen für gut findet. Nichts ist hier übler
angebracht als Bequemlichkeit des Lehrers, unter dem heuchlerischen
Vorgeben, die Neugierde oder den Fürwitz des Kindes in Schranken halten
zu wollen. Daraus folgt freilich, daß niemals mit dem Kinde Gespräche
geführt werden dürfen, die seine auf dieser Stufe noch ganz an
das Sinnliche gebundene Auffassungsgabe prinzipiell übersteigen.
Selbstverständlich ist damit gegeben, daß jede Unterweisung im Lesen
und Schreiben für diese erste Periode abgelehnt wird. Um sich in der
Außenwelt zu orientieren, um ein Verhältnis zu den Dingen zu bekommen
und sie kennen zu lernen, bedarf das Kind, das naturgemäß in der Natur
aufwächst, keiner Bücher. Das Schreiben muß ihm vollends als eine ganz
sinn- und zwecklose Tätigkeit erscheinen; wenn Emile sich äußern will,
so hat er dazu die Sprache. Ist der Mensch, mit dem er sprechen
will, entfernt, so läuft er zu ihm hin oder ruft ihn. Endlich um sein
Gedächtnis zu stärken, braucht er keine Schriftzeichen, weil sein
geistiges Eigentum erlebt und angeeignet ist, und daher nicht durch
künstliche Mittel erhalten zu werden braucht.
Eine wichtige Rolle spielt in der herkömmlichen Pädagogik die Erziehung
des Kindes zur Liebe und zum Gehorsam gegen den Erzieher. Rousseau hält
Versuche dieser Art für nutzlos und gefährlich. Allerdings soll
schon der Knabe sich einer Gewalt gegenüber fühlen, die er einfach
anzuerkennen und zu respektieren hat; aber diese Gewalt soll nicht der
Wille des Erziehers, sondern die Natur der Dinge sein. Denn an diese
bleibt der Mensch sein ganzes Leben hindurch gebunden, es ist daher
sowohl in Hinsicht auf die Gegenwart wie auf die Zukunft für Emile von
der höchsten Wichtigkeit, daß er diese Grenze seines Willens so früh
als möglich anerkennen lerne. Aber was für einen Vorteil brächte es
ihm, wenn er lernen würde, den für ihn unverständlichen Geboten seines
Erziehers blind zu gehorchen? So muß denn auch hier der Erzieher alles
daransetzen, eine negative Erziehung walten zu lassen. Er muß selbst
nach Möglichkeit aus dem Spiel bleiben und den natürlichen Verlauf der
Dinge die Rolle des Erziehers übernehmen lassen. Es nützt gar nichts,
dem Kinde Näschereien zu verbieten; man wird es dadurch sicher nur
gierig, vielleicht zum Diebe machen. Aber wenn die durch Unmäßigkeit
verursachten Folgen eintreten, welche bei einem gesunden Kinde niemals
lebensgefährlich sein werden, so lasse man dem kleinen Patienten keinen
Zweifel darüber, daß es seine eigenen Handlungen gewesen sind, welche
sein Übelbefinden, die bittere Medizin, die Langeweile des Krankenlagers
mit Notwendigkeit hervorgebracht haben. Und so sorge der Erzieher dafür,
daß möglichst immer die Natur und nicht er als der strafende Lehrmeister
auftrete.
Ebenso sinnlos ist es, das Kind zur Liebe und zur Verehrung erziehen zu
wollen. Wir haben gesehen, wie Rousseau den Selbsterhaltungstrieb
als das einzige seelische Motiv für die Handlungen des Naturmenschen
ansieht, und die sozialen Gefühle erst auf einer späteren Stufe der
Entwickelung hervortreten läßt. Der moderne Gedanke der Wiederholung
der Phylogenese in der Ontogenese ist, obwohl mehr angedeutet als
formuliert, für Rousseaus Ansicht von der Entwickelung der geistigen
Fähigkeiten im Kinde bestimmend gewesen. Es unterliegt für ihn keinem
Zweifel, daß die Eigenliebe auch beim Kinde das einzige Motiv des
Handelns sein kann, und daß alle die Regungen der Sympathie und der
Liebe, die man bei Kindern dieses Alters antrifft, Kunstprodukte sind,
welche der natürlichen Entwickelung voraneilend das Seelenleben des
Kindes nur fälschen und verderben können. Im besten Falle wird es sich
hier um unverstandene Nachahmung dessen handeln, was die Erzieher von
dem Kinde gefordert haben; im schlimmeren, aber weitaus häufigeren,
ist das zärtliche Kind ein bewußter kleiner Heuchler, der durch die
Äußerungen seiner Zuneigung Vergünstigungen von seiten der Erzieher, die
nicht zu ertrotzen sind, zu erschmeicheln versucht. Hiergegen muß vor
allem der Erzieher auf der Hut sein. Wir haben gesehen, daß er mit
Befehlen und Verboten sparsam sein soll. Hat er aber einmal seinen
Willen ausgesprochen, so muß Emile wissen, daß es sich um eine
unabänderliche Sache handelt; wenn irgend möglich, wird allerdings der
Erzieher ihm die Gründe, auf die sich sein Gebot stützt, einleuchtend
machen, aber sollte dies einmal wegen der natürlichen Grenzen der
kindlichen Fassungskraft nicht möglich sein, so wird Emile sich auch bei
diesen seltenen Ausnahmen nicht auf Schmeicheln oder Bitten legen;
er wird sich nicht sagen: »dies darf ich nicht«, sondern: »dies ist
unmöglich«.
Vollends aber soll sich der Erzieher davor hüten, die göttliche
Autorität zur Verstärkung der eigenen herbeizurufen. Denn auf dieser
Stufe darf das Kind überhaupt noch nichts von Gott und von heiligen
Dingen erfahren; es darf nicht dazu angehalten werden, Gebete an Gott zu
richten; es darf dem öffentlichen Gottesdienst nicht beiwohnen. Wenn
es nämlich notwendig ist, daß das Kind keine Worte braucht, für die
es Vorstellungen nicht besitzt, so ist damit gesagt, daß auf dieser
sinnlichen Stufe seiner Entwickelung das Wort Gott schlechterdings keine
Bedeutung für das Kind zu haben vermag. Ein Gebet, das es in diesem
Alter lernt, wird im günstigen Fall mechanisch hingeplappert, woraus
dann dem Kinde die üble Gewohnheit entsteht, unverstandene Worte
auszustoßen; im schlimmeren Falle bildet das Kind sich Vorstellungen,
die den Worten entsprechen sollen, und die natürlich gemäß der
geistigen Unreife in diesem Stadium der Entwickelung durchaus sinnlich,
unangemessen und grotesk sind. Diese Vorstellungen aber prägen sich der
weichen Seele des Kindes fast unauslöschlich ein, und sie verhindern die
Bildung wahrer und würdiger Begriffe von Gott und seinen Eigenschaften,
die im natürlichen Verlauf der Entwickelung sich wie von selbst
einstellen würden, mitunter so erfolgreich, daß viele Menschen ihr
ganzes Leben hindurch bei dem törichten Kinderaberglauben stehen
bleiben, zu welchem liebende Eltern und Erzieher sie durch ihren frommen
Eifer fast mit Notwendigkeit geführt haben.
So werden sich in dieser Zeit die Beziehungen Emiles zu seinen
Nebenmenschen ganz auf dem Boden der Interessengemeinschaft bewegen. Der
Erzieher wird ihm gegenüber keine unverstandene oder gar auf göttlicher
Einsetzung beruhende Autorität beanspruchen, sondern Emile wird in ihm
den stärkeren und geschickteren Gefährten seiner Spiele, den weisen
Erklärer und Deuter der Dinge der Natur erblicken und wird sich daran
gewöhnen, seinem Rat zu folgen, weil ihm die Erfahrung gezeigt hat,
daß er im anderen Fall durch den Lauf der Dinge Schmerzen und
Unannehmlichkeiten zu erwarten hat. Für den Verkehr mit den Dienstboten
wird der Erzieher darauf sehen müssen, daß alle Unterwürfigkeit von der
einen, Hochmut und Herrenbewußtsein von der anderen Seite fortfällt.
Emile muß dazu gebracht werden, die Leistungen der Dienstboten als
Gunstbezeigungen anzusehen, die er seinerseits durch Gewährung kleiner
Gegendienste hervorzurufen oder zu vergelten hat. Die Dienstboten müssen
dazu angewiesen werden, die Leistungen, die in einem herrischen oder
unfreundlichen Ton von Emile verlangt werden, zu verweigern und ihn
gelegentlich zu kleinen Hilfeleistungen für ihr eigenes Wohlsein
heranzuziehen, und wenn er diese versagt, ihre eigenen Dienstleistungen
einzustellen. Dadurch wird schon früh in dem Knaben eine lebendige
Vorstellung von der Gegenseitigkeit der menschlichen Beziehungen
erweckt; es wird ihm als selbstverständlich erscheinen, die Hilfe
anderer in Anspruch zu nehmen, aber als ebenso selbstverständlich, seine
eigenen Dienste ihnen zur Verfügung zu stellen, um sich dadurch für
künftige Fälle ihres Wohlwollens zu versichern.