Es ist bezeichnend für die geringe Ausbildung des Familiensinns bei

Rousseau, daß er für den Übergang vom isolierten zum gesellschaftlichen

Leben auf die nächstliegende Konstruktion, nämlich der Fortbildung

des vorübergehenden Geschlechtsverkehrs und der Aufziehung der Kinder,

verzichtet hat. Andere Möglichkeiten, zwischen denen er mehr die Wahl

läßt als sich für eine derselben dogmatisch entscheidet, sind die

Notgesellschaft zum Zweck gemeinsamer Jagd auf eßbares Wild oder

zur gemeinsamen Abwehr gegen solche wilde Tiere, deren Kraft die des

einzelnen Menschen übersteigt. Vor allem aber ist es die Einführung

des Ackerbaus, von dem es nicht deutlich gesagt wird, ob er infolge

zunehmender Bevölkerung oder bei der Abwanderung der Menschen in weniger

fruchtbare Gegenden entstanden sei, welche Rousseaus volles Interesse

in Anspruch nimmt. Denn während die Notgesellschaft ähnlich wie auch

die Aufziehung der Kinder, die Notfamilie, sich auflöst, sobald ihr

vorübergehender Zweck erreicht ist, wird durch den Ackerbau der Mensch

an eine bestimmte Stelle gefesselt, und so kann es gar nicht fehlen,

daß er nunmehr in regelmäßige Beziehungen zu seinen ähnlich seßhaften

Nachbarn tritt. Vor allem aber ist mit dem Ackerbau eine Institution

gegeben oder doch ermöglicht, welche die eigentliche Triebkraft der

späteren Entwickelung abzugeben bestimmt war: =das Eigentum=. »Der

erste, der ein Stück Land einzäunte und es für sein ausschließliches

Eigentum erklärte, und der Leichtgläubige fand, die töricht genug

waren, seinem Anspruch Gehör zu geben, ist der wahre Begründer der

Gesellschaft.«[1] Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß in diesen

berühmten Worten Rousseau seine ganze negative Schätzung der gesamten

Kulturentwickelung epigrammatisch zusammendrängen wollte: Ohne Eigentum

keine Kulturentwickelung, ohne Kulturentwickelung kein Kulturelend.

Wir werden aber später sehen, daß es ganz ungereimt ist, Rousseau

die Meinung in den Mund zu legen, als habe er unter den heutigen

Kulturzuständen eine Abschaffung des Eigentums empfohlen, oder als

habe er gar des Glaubens gelebt, es würde mit der Abschaffung des

Privateigentums der glückliche Naturzustand sich wieder einstellen.

Die angeführten Worte fordern solche Folgerungen nicht und spätere

Ausführungen Rousseaus, die wir noch zu betrachten haben, schließen sie

ausdrücklich aus.

[1] _Le premier qui ayant enclos un terrain s'avisa de dire »ceci est

à moi«, et trouva des gens assez simples pour le croire, fut le

vrai fondateur de la société civile. (Discours sur l'origine et les

fondements de l'inégalité parmi les hommes. Seconde partie. 1754.)_

Mit dem Ackerbau stellt sich ein neues Eigentum für den Menschen alsbald

ein: das Werkzeug. Auch der Naturmensch wird einen Baumast oder Stein

ergriffen haben, um sich wilder Tiere zu erwehren, aber er warf sie

wieder fort, wenn der Augenblickszweck erreicht war. Jetzt bedarf

es dauerhafter Gegenstände, um die dauernde Bearbeitung des Bodens

zweckmäßig zu gestalten. Wenn früher ein Blitzstrahl gelegentlich einen

Baum entzündet hatte, so verlosch das Feuer, das für den Naturmenschen

nutzlos war; jetzt wird die Flamme wertvoll zur Herstellung der

Werkzeuge, bald auch zur Zubereitung der Speisen, sie wird gehegt und

behütet. Bald vermag mit ihrer Hilfe der Mensch die Metalle, welche

ein gütiges Geschick vor ihm im Innern der Erde verborgen hatte, zu

schmelzen und für seine Zwecke nutzbar zu machen. Er spürt dem Eisen

nach und wird Bergmann. Nun als seßhafter Ansiedler gründet er an Stelle

der früheren flüchtigen Geschlechtsgemeinschaft die Familie. Die Sprache

stellt sich ein als Verständigungsmittel zwischen Eltern und Kindern

und im Verkehr der Nachbarn zu einander. Die benachbarten Kinder spielen

miteinander, Jünglinge und Jungfrauen begegnen einander auf gewohnten

Pfaden, bald vereinigen gemeinsame Feste die Umwohnenden, Gesang

erschallt, und in Wettspielen zeigt sich die Kraft und Gewandtheit der

Jugend. Auf den Kindheitszustand der Menschheit ist ihr Jugendalter

gefolgt, und während das erste dem Gedächtnis der Menschheit

entschwunden ist und sich nur noch dem Auge des Forschers erschließt,

verweilen bei diesem als auf dem goldenen Zeitalter des Geschlechtes die

sehnsüchtigen Erinnerungen auch des modernen Menschen.

Wo freilich viel Licht ist, da ist viel Schatten. Rousseau war durchaus

nicht gewillt, in der Darstellung des Jugendzustandes der Menschheit

nur die Lichtseiten hervortreten zu lassen, um so mehr da im weiteren

Verlauf der Entwickelung vorwiegend diese Schattenseiten sich mehr

ausbreiten, während die erfreulicheren Züge, die in dieser Zeit noch

stark hervortreten, teils stationär bleiben, teils sogar rückgebildet

werden. Vor allem ist es ein psychologischer Unterschied zum

Naturmenschen, der auf dieser Stufe der Entwickelung Rousseaus

Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der Naturmensch hatte Selbstliebe, aber

keine Eigenliebe. Das wird anders, sowie er in soziale Beziehungen zu

seinen Mitmenschen tritt. Denn nun beginnt er, sich mit seinem Nächsten

zu vergleichen, ebenso wie er das Objekt dieser Vergleichung bei anderen

wird. Bei den Festspielen, bei den Zusammenkünften der Nachbarn, bei der

Bewerbung um die Gunst der Geliebten, bei der gemeinsamen Jagd und dem

gemeinsamen Mahl, überall gilt es, nicht nur das eigene Leben zu leben,

sondern auch den Wert dieser Eigenart anderen bemerklich zu machen,

womöglich als der Stärkste, der Schönste, der Geschickteste, der

Beredteste zu erscheinen. Es führt dieses Streben zwar auch dazu, die

eigenen Anlagen nach Kräften auszubilden, aber schon auf dieser Stufe

wird der damit verbundene Triumph über den besiegten Nebenbuhler oder

Mitstreiter zu einem unerfreulichen Charakterzuge, der den Menschen auf

dieser Stufe zu seinem Schaden vom Naturmenschen unterscheidet. Dabei

bleibt es aber nicht. Wo das Sein nicht vorhanden ist, wird zum Schein

gegriffen. Da der Schwerpunkt der eigenen Beurteilung wesentlich in der

Schätzung der anderen liegt, so kommt es wenig darauf an, durch welche

Mittel diese Schätzung errungen oder erzwungen wird, wenn sie nur dem

lieben Ich gezollt wird. Daher greift man schon früh zur List, wo

die eigene Stärke nicht hinreicht, zur Verleumdung, wo der Wert des

Nebenbuhlers nicht erreichbar ist. Ein künstliches Bild des eigenen

Wesens wird für die anderen entworfen und alles daran gesetzt, diesem

künstlichen Ansehen Geltung und Dauer zu verschaffen. An Stelle der

Selbstliebe tritt die Eigenliebe.

Hand in Hand mit dieser psychologischen Entwickelung, sie fördernd und

unterstützend, wie von ihr beeinflußt, treten soziale Erscheinungen,

die der Naturmensch nicht kannte, nicht kennen konnte. Schon in seinem

Artikel über politische Ökonomie in der Enzyklopädie hatte Rousseau

darauf hingewiesen, daß mit dem Ackerbau die von uns heute so genannte

Augenblickswirtschaft prinzipiell aufhört. Es beginnt die Möglichkeit,

Vorräte aufzuhäufen, der ertragreichere Boden, der fleißigere Arbeiter

stehen im Vorteil den minder Begünstigten gegenüber. Der Unterschied

von reich und arm fängt an, sich anzumelden, wenn er auch noch nicht

die gigantischen Proportionen annimmt, welche die heutige Gesellschaft

zeigt. Aber einmal ins Leben getreten, muß dieser Unterschied einen

weiteren mit sich führen, der verhängnisvoll für die Stellung der

Menschen zu einander werden muß. An Stelle der natürlichen Gleichheit

unter den Naturmenschen, an Stelle der nur durch Unterschiede in der

eigenen körperlichen und geistigen Tüchtigkeit bedingten Wertordnung

während des Jugendalters der Menschheit tritt nunmehr der auf Besitz

zurückgehende Unterschied zwischen Herren und Sklaven. Der Ursprung

dieser hassenswerten Einrichtung kann ein verschiedenartiger sein, das

Resultat ist immer dasselbe. Wenn der Arme, um in den Zeiten der Not

sein Leben zu fristen, sich ganz in die Gewalt des Reichen begibt und

durch seine eigene Arbeit mit jedem Tage die Kluft zwischen sich und

dem Übermächtigen noch verbreitern hilft, wenn der durch List und Gewalt

überfallene seiner Freiheit entsagt, um sein Leben zu retten, und nur

noch den Willen seines Herrn kennen darf, anstatt des eigenen --

immer ist das Resultat dasselbe: durch die Kraft und die Arbeit seiner

Sklaven, nicht durch die eigene, wird der Herr über die Masse seiner

Nachbarn emporgehoben, und bald schmeichelt es seinem Egoismus, keinen

freien Willen neben dem eigenen anerkennen zu müssen, seinen Wert erhöht

zu sehen durch die Menge der Sklaven, über die er gebieten kann.

Damit ziehen Luxus und Müßiggang in die menschliche Gesellschaft ein;

nicht mehr der Müßiggang des Naturmenschen, der nichts bedurfte und

deshalb den Wert der Arbeit nicht kannte, sondern der Müßiggang des

reichen Kulturmenschen, der es versteht, jede seiner Kaprizen durch die

Arbeit anderer befriedigen zu lassen. Denn erst in dieser Zeit beginnen

die Erscheinungen, die wir heute unter dem Namen Kultur zusammenfassen,

wogegen wir die Gesellschaften im Jugendzustand der Menschen als

Naturvölker zu bezeichnen pflegen; mit Unrecht, weil auch diese schon

sich aus dem Zustand der Natur entfernt haben, mit Recht, weil ihr

Zustand dem des Naturmenschen unendlich näher steht als dem unseren,

der Vollkultur. Die allgemeine Signatur der Vollkultur kann man darin

erblicken, daß jene Neigung zum Schein, die sich schon im Jugendalter

der Menschheit anmeldete, nunmehr ins Ungeheuerliche, ins Groteske

wächst. Handelte es sich bei dem Menschen des Jugendalters auch im

schlimmsten Fall darum, wirkliche Vorteile mit Hilfe scheinbarer Vorzüge

zu erlangen, so ist die Signatur der Kultur, daß sie wirkliche Vorteile

dahingibt, um Scheinwerte zu erlangen, daß sie scheinbare Bedürfnisse

durch Scheinmittel befriedigt. In dem Jugendzustand suchte der Mensch

Kenntnis der Dinge zu erlangen, die ihm von Nutzen oder von Nachteil

waren. Mit Scheu ehrte er das Geheimnis der übermenschlichen Mächte, er

verbot es sich und anderen, die unbefangenen auf dem Gefühl beruhenden

Grundsätze, die sein Verhalten zu dem der Nachbarn regelten, in Frage zu

stellen oder zu bekritteln. Er dachte wenig und nützlich, er fühlte tief

und stark. Jetzt beginnt die Neugierde die Wissenschaft hervorzurufen.

Dinge, die keinen erdenklichen Wert für das menschliche Leben haben,

werden mit Eifer untersucht, um den Reichen und Mächtigen eine müßige

Stunde zu vertreiben und die Eitelkeit der Gelehrten durch den

ihnen gespendeten Beifall bis ins Maßlose zu erhöhen. Die heiligsten

Überzeugungen, die wohltätigsten Gefühle der Menschen werden so lange

kritisiert, bis sie schal und alltäglich zum Spott werden und keine

Gewalt mehr haben, das menschliche Leben zu regeln. Die Stelle der

wirklichen Natur, von der sich die Menschen durch die Mauern ihrer

Städte getrennt haben, müssen nun Bilder, auf Leinwand gepinselt,

vertreten; weil wir keine Zeit mehr haben, zur wirklichen Natur

zu gehen, so muß eine Scheinnatur an den Mauern unserer Zimmer sie

ersetzen. Und ebenso, wie in nutzlosen Klügeleien inmitten einer

unwahren Natur leben wir auch in einer unwahren Welt der Gefühle.

Der Naturmensch hatte wenige aber starke Gefühle, die sein Handeln

unmittelbar auslösten. Sein natürliches Mitleid machte es ihm unmöglich,

fremde Leiden zu sehen, ohne ein starkes Gefühl, diesem Leiden

abzuhelfen, ohne hilfsbereites Handeln, das diesem Gefühl entspringt.

Aber es würde ihm nicht einfallen, Mitleid mit nur scheinbarem Leide zu

empfinden, sein wirkliches Gefühl richtet sich nur auf Wirkliches. Ganz

anders der Kulturmensch. Ihm genügt es, daß seine Gefühle erregt

werden, aber er will sie durchaus nicht in Handlungen zum Wohle des

Unglücklichen umsetzen, es schmeichelt seiner Eigenliebe vor sich

selber als fühlender Mensch dazustehen, aber es würde sie noch viel mehr

schädigen, wenn auf das erregte Gefühl nun Handlungen zu folgen hätten,

die seine Muße oder auch nur seinen Geldbeutel in Anspruch nehmen

würden. Der vollendete Ausdruck dieses Zustandes der Kulturmenschen ist

das Theater. Hier werden erdichtete Leiden vorgeführt, um ein falsches

Mitleid, eine falsche Rührung zu erwecken. Während der Naturmensch dem

Unglücklichen hilft, geht der Kulturmensch teilnahmslos an ihm vorbei

und hängt den schönen Gefühlen nach, die im Theater durch die Kunst des

Schauspielers in ihm erregt sind.

Immerhin war es keine Inkonsequenz, wenn Rousseau einerseits seinen

geliebten Genfern auf das dringendste davon abriet, das Theater bei sich

einzuführen, und anderseits die Notwendigkeit des Theaters für Paris

auf das nachdrücklichste betonte. Wo die Sitten im allgemeinen noch

ungebrochen sind, wo die Menschen noch ein wirkliches und nicht ein

Scheinleben führen, da ist das Theater zweifellos ein Mittel, den

Verfall der Sitten herbeizuführen oder zu beschleunigen, und daher

muß sich eine derartige Gemeinschaft energisch den Rat der Freunde

verbitten, welche sie, wie das d'Alembert getan hatte, im Interesse

der Kultur und der Verfeinerung der Sitten mit diesem Danaergeschenk

beglücken wollen. Wo aber die Sitten bereits so verderbt sind wie in

Paris, wo die Verfeinerung der Sitten bereits so weit gediehen ist,

daß sie überhaupt nicht mehr existieren, da würde die Abschaffung des

Theaters einen schweren Fehler bedeuten. Die Theaterbesucher würden

nicht versuchen, ihr Mitleid, das nicht mehr künstlich angeregt wird,

durch Taten wirklicher Mildtätigkeit zu befriedigen, sondern sie

würden eine Zeit, in der sie bisher zwar unnütz, aber nicht lasterhaft

unterhalten wurden, dazu verwenden, ihren sittenlosen Vergnügungen,

ehrgeizigen Plänen und verbrecherischen Handlungen mit größerer Muße als

bisher nachzugehen.

Diese Stellungnahme Rousseaus zum Theater ist nur ein Spezialfall

des allgemeinen Pessimismus, mit dem er in die Zukunft der

Menschheitsentwickelung blickt. Niemand hatte klarer die Gefahren

gesehen, mit denen die moderne Kultur die Sittlichkeit und das Glück des

Menschen bedroht, aber niemand war auch so überzeugt davon, daß diese

Entwickelung nicht auf Zufälligkeiten beruhe, sondern sich mit der

ganzen Wucht und Unentrinnbarkeit eines Fatums vollzogen habe. Daher es

denn auch Rousseau unmöglich erschien, daß die heutigen Menschen jemals

den Weg zurück zu reineren und glücklicheren Zuständen gewinnen könnten.

Es würde gar nichts helfen, die Akademien und Laboratorien, die

Ateliers der Maler und der Bildhauer, die Opern und Schauspielhäuser zu

schließen, man würde dadurch nur die Vorteile verlieren, die sie,

wenn auch in mäßigem Grade, für die Fortbildung des Intellekts, die

Verfeinerung des Geschmacks und die Vertreibung der Langeweile unleugbar

haben. Die Menschen würden roher und gemeiner, aber durchaus nicht

besser werden. Nicht in den Institutionen, in den Menschen selber ist

ihre Verderbtheit begründet und um diese zu beseitigen, müßten die

Menschen von Grund aus andere werden als sie sind. Ob dies durch

einen plötzlichen Entschluß, durch einen augenblicklichen Enthusiasmus

gelingen könne, das bezweifelt Rousseau mit Recht. Das goldene Zeitalter

liegt nicht, wie die modernen Aufklärer meinen, in der Zukunft, es

liegt wie das biblische Paradies in der Vergangenheit des menschlichen

Geschlechts, und Rousseau sieht keinen gangbaren Weg, der dorthin

zurückführt. Daher ist es auch nicht berechtigt, wenn man Rousseau

die Absicht zugemutet hat, die Menschen wieder zum Naturstand

zurückzuführen. Wenn Voltaire in jenem ironischen Ton, den er Rousseau

gegenüber überhaupt anzuschlagen liebte, ihm schrieb, er habe nach der

Lektüre seines ersten _Discours_ den Wunsch empfunden, auf allen Vieren

zu kriechen und Salat zu fressen, so war Rousseau weit davon entfernt

gewesen, seinem Mitbruder in Apoll dergleichen anstrengende Exerzitien

zuzumuten. An den vereinzelten Stellen, wo er überhaupt eine Rückkehr

zur Natur als möglich denkt, bedeutet sie ihm nur eine Wiederherstellung

des Jugend-, nicht des Kindheitsalters der Menschheit. Aber meist sieht

er mit klarem Blick die Unmöglichkeit auch dieser Zurückentwickelung

ein.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, in eine ausführliche Kritik der

Geschichtsphilosophie Rousseaus einzutreten. Seinen Zeitgenossen

gegenüber hatte er zweifellos Recht. Die ungezählten Versuche der

Erwiderungen gegen seine beiden _Discours_, die den bisherigen

Standpunkt zu verteidigen suchten, sind einer verdienten Vergessenheit

anheimgefallen, und auch heute noch sind die Worte Rousseaus ein

warnendes Menetekel für jeden naiven Versuch, die Gleichung: Kultur

gleich Glück aufs neue herausrechnen zu wollen. Daß jeder Schritt in die

Kultur hinein nicht nur einen Schritt von der Natur fort, sondern auch

eine Erschwerung für das Ziel des naiven Glücksstrebens bedeutet, wird

heute wohl nur noch von wenigen bestritten. Aber nicht nur durch

seine Zeit, auch durch seinen Charakter war Rousseau die Fragestellung

unmöglich gemacht, ob nicht vielleicht trotzdem, ja gerade weil die

Kultur keine Rücksicht auf unser Streben nach Glück nimmt, weil sie in

ihren Schöpfungen nur überindividuelle Werte entstehen läßt, die nicht

geeignet sind, den Menschen, der sich in ihren Dienst stellt, glücklich

zu machen, dennoch diese Werte allein dem Leben Bedeutung zu geben

vermögen. Den ernsten Appell, den diese Werte an Rousseau richteten,

vermochte er nur nach dem Verzicht auf Ruhe und Glück zu würdigen,

den sie unleugbar fordern. In dem konventionellen und verkünstelten

Kulturleben seiner Zeit konnte er nur die negative Seite, das Aufhören

des Naturzustandes, erblicken, und sein Wahrheitssinn wurde durch

die falschen Theorien der Fortschrittspfaffen seiner Zeit empfindlich

berührt. Daß die Verpflichtung, die er in sich fühlte, und die er

männlich erfüllt hat: der Wahrheit die Ehre zu geben und in diesem guten

Kampf das Behagen, ja die Sicherheit seines Lebens gering anzuschlagen,

ebenfalls das Eintreten für einen Kulturwert war, welcher für seinen

Naturmenschen überhaupt noch nicht existiert hätte, daß er sich mit

seinem Handeln in Gegensatz zu seinen Lehren stellte, das blieb

Rousseau verborgen. Aber gerade dadurch, daß sein Leben im Dienst des

Wahrheitswertes im Widerspruch zu seiner Lehre stand, wurde er der

Vorkämpfer einer neuen Zeit, welche auf dem Untergrund, den er gelegt

hatte, weiter fortbauend die theoretische Berechtigung des Lebens

Rousseaus nachzuweisen vermochte. Rousseau lebte, was Fichte nach ihm

lehren sollte.

Drittes Kapitel.

Die Rechtsphilosophie.

In seiner Geschichtsphilosophie hatte Rousseau, wie wir gesehen, den Weg

gewählt, seine philosophischen Überzeugungen vom =Wert= der Geschichte

an der Hand einer pragmatischen Erzählung vom =Verlauf= der Geschichte

zu entwickeln. Der Weg vom Naturzustand bis auf unsere Verhältnisse war

seiner Ansicht nach von der Menschheit wirklich zurückgelegt worden. In

der Hervorhebung der wesentlichen Etappen dieses Weges stellte sich aber

zugleich Rousseaus Urteil über ihren Wert oder besser ihren Unwert

dar. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Verschränkung beider

Gesichtspunkte zu der verhängnisvollen Vermischung führen konnte,

welche Lessing einmal in die Worte zusammengefaßt hat: Zufällige

Geschichtswahrheiten können niemals notwendige Vernunftwahrheiten

begründen. In Wahrheit ist das Urteil Rousseaus über den Wert der

Kultur ganz unabhängig davon, ob sein Naturmensch jemals existiert

hat oder nicht. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß gerade diese

unmethodische Verschmelzung zweier Gesichtspunkte viel zu dem tiefen

Eindruck beigetragen hat, den die Geschichtsphilosophie Rousseaus

auf seine Zeitgenossen macht. Noch an einer anderen Stelle hat sich

diese Problemverschlingung an Rousseaus eigenem Werk gerächt.

Seine originellste Leistung auf wissenschaftlichem Gebiet, seine

Rechts=philosophie=, ist lange Zeit dahin mißverstanden worden, als habe

Rousseau hier eine Rechts=geschichte= geben wollen, als handle es

sich für ihn nicht darum, die bestehenden sozialen und rechtlichen

Einrichtungen der Menschheit daraufhin zu prüfen, ob sie »richtiges

Recht« (Stammler) seien, sondern, daß er habe pragmatisch erzählen

wollen, wie es gekommen sei, daß heute diese und keine anderen Gesetze

in Kraft seien. Erst in unserer Zeit sind durch die Arbeiten Stammlers,

Liepmanns und Haymanns diese Mißverständnisse beseitigt worden. Wir

wissen heute, daß es sich für Rousseau nicht um Rechtsgeschichte,

sondern um Rechtsphilosophie gehandelt hat.

Daß der Irrtum über die Absicht des _Contrat social_ entstehen konnte,

hat freilich seine guten Gründe. Bei allen bahnbrechenden Geistern

müssen wir nun einmal mit der Tatsache rechnen, daß sie selber Bürger

des Zeitalters sind, welches sie überwinden wollen. Die alten Gedanken

und Methoden drängen sich immer wieder hervor und stehen hart neben den

Prinzipien einer kommenden Zeit. Die Kritik der reinen Vernunft ist zum

guten Teil ein vorkritisches Buch, und wer nur auf diese Teile achtet,

hält sie noch heute in aller Unschuld und mit guten Gründen für einen

psychologischen Traktat. Ähnlich ist es mit dem _Contrat social_. Er ist

das erste rechtsphilosophische Buch, er begründet diese Wissenschaft und

gerade deshalb sind noch erhebliche rechtshistorische Bestandteile in

ihn herübergenommen worden, welche stark genug sind, es verstehen

zu lassen, wie man den eigentlichen Charakter des Buches vollkommen

verkennen konnte.

Wie Rousseau seine Arbeit angesehen wissen wollte, geht schon aus der

Kritik hervor, die er an einigen seiner Vorgänger vollzieht, Mit zwei

Männern setzt er sich zuerst auseinander: mit Hobbes und mit Filmer.

Nach Hobbes wird der ursprüngliche Krieg aller gegen alle, der aus der

vollständigen Freiheit aller Individuen hervorgeht durch einen Vertrag

beendet, in welchem alle auf ihre Freiheit verzichten, diese auf die

Regierung übertragen und von der Regierung die Gesetze empfangen,

durch welche ein friedliches Zusammenleben der Teilnehmer am Vertrage

ermöglicht wird. Da ein jeglicher Zustand erträglicher ist, als der

des Naturzustandes, da aber jede Auflehnung gegen die Regierung

eine Kündigung des Vertrages bedeutet und den Naturzustand wieder

herbeiführt, so liegt die einzige Grenze der Regierungsgewalt darin,

daß sie den Untertanen nicht befehlen kann, Selbstmord zu begehen,

denn etwas Schlimmeres als der Tod kann ihnen auch außerhalb des

Vertragsverhältnisses nicht begegnen, und so dürfen sie in diesem Fall

den Krieg aller gegen alle einem solchen Vertragsverhältnis vorziehen.

Rousseau wendet gegen diese Lehre ein, daß nach ihr gar keine

Möglichkeit ist (von jener einzigen Ausnahme abgesehen), zwischen guten

und schlechten, gerechten und ungerechten Gesetzen zu unterscheiden,

und daß sie somit, die Tatsächlichkeit eines solchen Vertrages

vorausgesetzt, zwar die Entstehung von Gesetzen erklärt, aber

nicht erlaubt, zwischen wohltätigen und nachteiligen Gesetzen zu

unterscheiden. Mit einem Wort, Rousseau vermißt bei Hobbes die Angabe

eines Kriteriums zur Beurteilung der Verfassungen und Gesetze.

Rousseau · 第 2 / 9 段