Eine gesonderte Betrachtung fordert Rousseaus Verhältnis zu

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[Illustration: Nach einem Delvauxschen Stich der Büste von Houdon.]

Aus Natur und Geisteswelt

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen

180. Bändchen

ROUSSEAU

Von

PROF. DR. PAUL HENSEL

in Erlangen

Zweite Auflage

Mit einem Bildnisse

Rousseaus

Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig 1912

Copyright 1912 by B. G. Teubner in Leipzig.

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.

Eugen Kühnemann

gewidmet

Vorwort zu ersten Auflage.

Es war meine Absicht, in diesem Buch nur eine Darstellung von Rousseaus

Gedanken zu geben, und auch hierbei nur diejenigen zu berücksichtigen,

die für die mit Rousseau einsetzende Bewegung wertvoll gewesen sind.

Eine allseitige Darstellung von Rousseaus Denkarbeit bietet das

mustergültige Werk von Brockerhoff: J. J. Rousseau, sein Leben und seine

Werke. 3 Bde. Leipzig 1863-1874, das, in einzelnen Teilen veraltet,

doch noch immer die beste Gesamtdarstellung Rousseaus ist. Von anderen

Darstellungen seien genannt: Möbius in »Ausgewählte Werke« I, Leipzig

1903; Höffding, »Rousseau und seine Philosophie«, Stuttgart 1897.

Morleys Rousseau ist in den wichtigsten Gesichtspunkten veraltet, aus

Jules Lemaîtres vielbesprochenem Buche über Rousseau vermochte ich

nichts zu lernen. Von Spezialarbeiten über Rousseau, denen ich zu Dank

verpflichtet bin, seien genannt: Fester, Rousseau und die deutsche

Geschichtsphilosophie, Stuttgart 1890; Haymann, J. J. Rousseaus

Sozialphilosophie, Leipzig 1898; Liepmann: Rechtsphilosophie des J. J.

Rousseau, Berlin 1898; Gierke: Althusius; Stammler: Die Lehre vom

richtigen Recht, Berlin 1902; Erich Schmidt: Richardson, Rousseau und

Goethe, ferner die ganz vorzüglichen Arbeiten von Jansen: J. J. Rousseau

als Botaniker und J. J. Rousseau als Musiker, Berlin 1885, sowie _Texte,

J. J. Rousseau et les origines du cosmopolitisme littéraire, Paris 1895_

und die schönen Aufsätze von Ste. Beuve in den _Causeries de Lundi_.

Von einer ausführlichen Darstellung der Lebensschicksale Rousseaus

glaubte ich mich bei der Aufgabe, die ich mir gestellt, für dispensiert

halten zu können. Rousseau wie Goethe haben eine Biographie über

sich unmöglich gemacht, indem sie sie selbst schrieben. So wie sie

die Ereignisse ihres Lebens dargestellt haben, so werden sie in

der Erinnerung der Nachwelt weiter leben, gleichgültig, ob der

Bericht in Einzelheiten auf Wahrheit beruht oder nicht. Sesenheim

wird niemals »Sessenheim« werden, Wintzenried nie ein Ehrenmann.

Für diejenigen Leser, die orientiert sein wollen, habe ich eine

synchronistische Tabelle über Leben und Schriften Rousseaus beigefügt;

die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf die Seiten dieses Buches.

=Erlangen=, 24. Juni 1907.

_Dr._ #Paul Hensel#.

Vorwort zu zweiten Auflage.

Ich freue mich des Zufalls, daß diese zweite Auflage im Jahre der

zweihundertsten Wiederkehr von Rousseaus Geburtstag erscheint. Gibt doch

die rege Teilnahme, die Deutschland an diesem Gedenktag nimmt, die beste

Gewähr dafür, daß wir uns der Bedeutung Rousseaus für unser Geistesleben

dauernd bewußt geblieben sind. Ich würde mich freuen, wenn diese Schrift

auch ihren Teil dazu beitragen könnte, dies Bewußtsein rege zu erhalten.

Bis auf einige kleine Nachbesserungen habe ich keine Veranlassung

gehabt, Veränderungen vorzunehmen.

=Erlangen=, 10. Juni 1912.

_Dr._ #Paul Hensel#.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Erstes Kapitel: Der Mensch 1

Zweites " Die Geschichtsphilosophie 13

Drittes " Die Rechtsphilosophie 27

Viertes " Erziehungslehre 49

Fünftes " Die Nouvelle Héloïse 69

Sechstes " Religionsphilosophie 80

Synchronistische Tabelle 97

Erstes Kapitel.

Der Mensch.

Kenntlich genug heben sich zwei Typen unter den großen Geistern in

Wissenschaft und Literatur voneinander ab: die großen Beginner und die

großen Vollender. Es sind die letzteren, die man im eigentlichen Sinne

des Wortes als klassisch bezeichnen kann. Ihnen ist es gegeben, jede

Regung, welche sich in der vor ihnen liegenden Epoche zur Geltung

gebracht hatte, mit vollendeter Klarheit zusammenzufassen und

auszusprechen, ihr Stil verrät die Sicherheit und Schärfe des zu sich

selbst gekommenen Bewußtseins, sie bringen das auf die einfachste,

sinnreichste Formel, sprechen das mit vollendetem Schwung aus, was die

Herzen der Besten der Mitlebenden erfüllt. Was sie geben, kann nicht

mehr überboten werden, sie sind der Zeitgeist in Menschengestalt, und

deshalb werden ihre Werke auch dauern, wenn die Menschheit schon längst

zu anderen Zielen vordringt; denn in diesen Werken spricht sich eine

lange Entwickelung bedeutsam aus. Sie stehen jenseits von wahr und

falsch, sie sind klassische Kunstwerke. So hat Voltaire geschrieben;

mit Recht galt er den Besten seiner Zeit als das unerreichte Muster

des philosophischen Denkens, der poetischen Darstellung, der treffenden

Satire. Er sagte das, was jeder seiner Leser zu sagen sich sehnte, aber

er sagte es so, wie sie es niemals vermocht hätten. In ihm kulminiert

die ganze Geistesrichtung, die wir als die Zeit der Aufklärung

bezeichnen; sie kulminiert in ihm, aber sie erschöpft sich auch in ihm.

Da erblicken wir neben Voltaire einen Mann ganz anderen Schlages, dem

es nicht darauf ankommt, die Bestrebungen seiner Zeit in klarsten und

reinlichsten Umrissen festzuhalten, einen Mann, der eine andere Welt,

eine neue Zeit, die nur er ahnt, im Busen trägt und der sich nun bemüht,

diese Fülle der Gesichte der Mitwelt zu künden, dessen Sprache, bald

pathetisch, bald ermahnend und scheltend, mitunter einen fast grotesken

Eindruck macht, der den Mitlebenden nicht als ein Heros erscheint,

sondern als eine Mischung von Narrheit, Fanatismus und Paradoxie:

dieser Mann ist Rousseau. Können wir Voltaire mit der Sonne im Zenith

vergleichen, der mit siegender Klarheit überallhin ihre Strahlen

versendet, vor deren Glanz sich die lichtscheuen Tiere in ihre Höhlen

verkriechen, so erscheint uns Rousseau wie ein Gestirn im Aufgang,

dunkleren Scheines, dessen Strahlen mit Nebeln und Schwaden zu

ringen haben, das sich zur Klarheit noch nicht durchgekämpft, nicht

durchgerungen hat. Wie Macaulay Carlyle, wie Lessing Kant, so tritt

Voltaire Rousseau gegenüber; neben der Zeit, die sich ganz selber

begriffen hat und nun froh des Erreichten zur Rüste gehen will, tritt

die junge, die kommende Zeit, unklar über sich und über ihr Schicksal,

aber von dem dunkeln Drange beseelt, ihren Weg zu wagen auf alle Gefahr.

Nach Voltaire konnte kein Größerer mehr kommen, sein Name gilt noch

heute als Feldgeschrei hüben und drüben, er ist der abschließende Geist.

Rousseau weist dauernd hinaus in die unbekannte Zukunft, hin auf die

großen Männer, denen er die Wege ebnen sollte. Daher sind auch seine

Schriften so voll von Unklarheiten, von Widersprüchen, von Halbheiten

auf der einen, von Übertreibungen auf der anderen Seite. Das ruhige

Gleichmaß, welches die Seele in Voltaires Schriften findet, vermögen

Rousseaus Gedanken nicht zu geben. Aber wir erleben bei ihm das erste

Aufdämmern des Tages, in dem unsere Arbeit wie unser Leben verläuft.

Verfolgen wir das Beste, was wir in unserem Leben finden, in die

Vergangenheit, so stoßen wir auf den Namen Rousseaus.

Um das Werk Rousseaus zu verstehen, ist es nicht notwendig, jeden

einzelnen Vorgang seines reichbewegten Lebens zu kennen, wohl aber ist

es gerade bei ihm unerläßlich, zu wissen, wie er Leben und Menschen

ansah. Seine Werke sind nichts anderes, als die Folgerungen aus seiner

Stellung zu den Lebenswerten, und daher muß man diese Stellungnahme

kennen lernen, will man die Werke nicht nur äußerlich beurteilen,

sondern verstehen. Die wichtigste Hilfe hierfür hat uns Rousseau selber

in seinen _Confessions_ gegeben. Dies merkwürdige Buch, das erst nach

dem Tode des Verfassers im Druck erschien, ist, nachdem der erste

Enthusiasmus, den es erregte, verrauscht war, in seinem biographischen

Wert vielfach angezweifelt worden, aber mit Unrecht. Immer wieder

erneute Nachprüfungen haben ergeben, daß Rousseau hier nicht nur die

objektive Wahrheit über sein Leben geben =wollte=, wie die ersten Worte

seines Buches es aussprechen, sondern, daß er sehr wohl auch subjektiv

in der Lage war, es zu =können=. Namentlich ist jedes Erlebnis, das mit

einem Gefühl in seiner Seele verbunden war, mit erstaunlicher Sicherheit

im Gedächtnis festgehalten und tritt mit der ganzen Frische des

unmittelbaren Geschehens vor den Leser hin.

Es ist kein Zufall, daß die Kindheitserinnerungen einen breiten Raum in

den _Confessions_ einnehmen. Das Leben des Kindes ist viel mehr Gefühl

als das des Erwachsenen, und Rousseau konnte daher seine Kinderzeit

sich ungleich lebhafter vergegenwärtigen, als es der Durchschnittsmensch

vermag, der die Gefühle ebenso schnell vergißt, wie er sie intensiv

durchlebt.

Vor allem tritt uns hier die Liebe zur Heimat entgegen; wir müssen uns

hüten, dies Gefühl erst als nachträglich entstanden und dann in die

Erlebnisse der Kindheit zurückprojiziert zu verstehen. Es war in dem

damaligen Genf, das eingeklemmt zwischen Frankreich und Savoyen, einen

beständigen Kampf um seine Freiheit und seinen Glauben führen mußte, ein

starker Patriotismus vorhanden, vergleichbar dem Verhältnis des antiken

Vollbürgers zu seinem Stadtstaat. Aus dem Plutarch, der dem beständig

lesenden Knaben schon früh in die Hände fiel und in der vorzüglichen

Amyotschen Übersetzung bis in seine letzten Tage sein Lieblingsbuch

blieb, lernte er, dies Gefühl zu idealisieren. Es war sein Stolz und

seine Freude, als er späterhin mit seiner Heimatstadt sich wieder

ausgesöhnt hatte, das »_citoyen de Genève_« auf das Titelblatt seines

Hauptwerks setzen zu können. Kein Ereignis hat so tiefen Eindruck auf

den reizbaren Mann gemacht, als die Verfolgung, die von der Regierung

seines geliebten Genfs gegen ihn eingeleitet wurde.

Um so erstaunlicher muß es scheinen, daß er diesen Heimatsboden, der

ihm so viel bedeutete, verließ, das kalvinistische Bekenntnis, in dem

er erzogen war, ohne jeden ernsten Kampf abschwor, und zwar, wie die

_Confessions_ zeigen, durch keine erheblichen Gründe dazu veranlaßt.

Furcht vor Strafe, weil er beim Umherschweifen in Wald und Feld die

Stunde des Schließens der Stadttore versäumt hatte, veranlaßte ihn, den

heimischen Boden zu meiden. Der Übertritt zum Katholizismus war dann die

fast notwendige Folge dieses ersten Schrittes. Die Erklärung für ein so

planloses Handeln liegt eben darin, daß die Planlosigkeit im Charakter

Rousseaus tief angelegt war. Immer wieder läßt er sich aus scheinbar

gesicherten Wegen durch irgendein zufälliges Geschehen hinausdrängen.

Alle seine Versuche, die er, der Stimme der Klugheit folgend, in seinem

Leben gemacht hat, um zu einer bürgerlich gesicherten Existenz zu

gelangen, sind gescheitert und mußten bei seinem Charakter scheitern.

Eine Tätigkeit, die den ganzen Menschen täglich in Anspruch nahm, war

für ihn unmöglich, weil eine solche Tätigkeit vielleicht den Verstand,

nie aber die Phantasie befriedigen kann. Rousseau blieb auch darin

ein Kind, daß ihm die Welt, in der er lebte, überwiegend eine Welt der

Träume geblieben ist. Es ist merkwürdig, wie lange in ihm der kindliche

Glaube fortlebte, daß das Leben morgen beginnen werde, und es ist

durchaus verständlich, daß tiefe Schatten der Verstimmung und des

Mißmuts, die sich zuletzt zum Wahnsinn verdichten, in sein Leben fallen,

als er allmählich das Trügerische dieses frohen Kinderglaubens einsieht,

als es ihm deutlich wird, daß dies Leben, so wie es ist, weitergelebt

werden muß bis zum Tode.

Zu dem verhängnisvollen Entschluß, seine Vaterstadt zu meiden, wurde

Rousseau vielleicht auch dadurch getrieben, daß er wie David Copperfield

aus früheren besseren Verhältnissen sich herabgedrückt sah in eine

niedrigere Sphäre des Lebens zu untergeordneten Genossen; in eine

Lebensstellung, die auch für die Zukunft nichts bieten konnte als eine

kleinbürgerliche Existenz, die im grellsten Kontraste zu den Bildern

stand, die seine durch Romane genährte Phantasie dem werdenden Jüngling

vorspiegelte. Aber wir können noch einen tieferen Punkt finden, der uns

die Abneigung Rousseaus vor geregelter Tätigkeit verständlich macht, und

dieser besteht in einer eigentümlichen Trägheit, die Rousseau angeboren

war, und die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verlassen hat. Diese

Behauptung mag paradox erscheinen bei einem Manne, der eine lange Reihe

von Bänden geschrieben, der über ein umfangreiches Wissen gebot, der

Zeit seines Lebens hart arbeiten mußte, und der es verschmähte, sich für

seinen Unterhalt auf die Börse seiner Freunde oder königliche Pensionen

zu verlassen. Wer aber die _Confessions_ und namentlich Rousseaus Briefe

aufmerksam durchliest, wird leicht ersehen, daß trotz dieser gewaltigen

Arbeitsleistung Trägheit den Grundzug seines Charakters bildete.

Soviel ich sehen kann, hat Rousseau nur an einem Werk, der _Nouvelle

Héloïse_, mit Lust und Liebe gearbeitet; bei allen seinen anderen Werken

lastete die Arbeit auf ihm wie ein Alb, den er abzuschütteln trachtete.

Er war glücklich, wenn er im Augenblick leben, im Augenblick aufgehen

konnte. Die Tätigkeit, durch die er seinen Lebensunterhalt erwarb, das

Abschreiben von Noten, hatte er deshalb gewählt, weil sie seinem Geist

die Freiheit ließ, weil er bei dieser Beschäftigung weiterträumen

konnte, weil sie keine größeren Anforderungen an ihn stellte, als der

Tag sie verlangte, und weil sie mit dem Tag erledigt werden konnte. Es

wäre ihm unmöglich gewesen, sich in den Dienst einer großen Aufgabe

zu stellen, die sein ganzes Leben in Anspruch genommen hätte. In

noch markanterem Sinne als in dem Goetheschen sind seine Arbeiten

Gelegenheitsarbeiten. Das nimmt ihnen nichts von ihrem Wert, aber

es zeigt uns, wie ich glaube, das tiefste Motiv für Rousseaus

Kulturfeindschaft. Es gibt Naturvölker, die bei Berührung mit der

europäischen Kultur alle Lebensfreude, allen Willen zum Leben verlieren,

die verwelken und aussterben, weil dieses atemlose Hasten und Treiben

sie übermannt und vernichtet. Bei vielen Kulturmenschen ist eine

ähnliche Unterströmung im Bewußtsein vorhanden, die in Zeiten der

Abspannung bedrohlich an die Oberfläche tritt. Bei Rousseau war sie

dauernd Grundstimmung seines Lebens. Er erkannte die Forderungen der

Gesellschaft nicht als berechtigt an, das ganze System, auf dem sie

basierten, das System sozialer Kultur wurde ihm verhaßt, weil ein

Leben, wie er es wünschte und ersehnte, mit zunehmender Kultur immer

unmöglicher wird. Was dem Kulturmenschen unerträglich ist, das tatenlose

und wunschlose Hindämmern des Naturmenschen, ohne Aufgaben, die das

Leben halten und ihm die Richtung geben, gerade dies war das Ziel der

Sehnsucht Rousseaus.

Allerdings tritt zu diesem negativen Begriff der Natur als Nichtkultur

auch ein positiver, auch er tief eingebettet in die Grundstimmung von

Rousseaus Seele. Wenn es ihn freute, im zwecklosen Dahinschlendern

den Menschen und ihren Anforderungen zu entgehen, so sprach doch noch

gewaltiger zu ihm die Schönheit der Landschaften, die er durchwanderte,

das unmittelbare Gefühl, Gott näher zu sein, wenn er sich von seinen

Werken und nicht denen der Menschen umgeben sah. So konnte Rousseau

Schönheiten da erkennen, wo seine kultivierten Zeitgenossen nur die

Reize der Stadt und des Ziergartens vermißten, so wurde er allmählich zu

einem Bewunderer und Liebhaber der Pflanzenwelt in ihrer anspruchslosen

und zwecklosen Schönheit, so vermochte er von allen Schmerzen und

Enttäuschungen, die ihm das Leben brachte und bringen mußte, seine Seele

immer wieder rein zu baden im wunschlosen Genuß der Wunder, die Gott den

Menschen, die reines Herzens sind, offenbart.

Die Liebe zur Musik, die Rousseau von den frühesten Zeiten seiner

Kindheit an bis zu seinem Tode durchs Leben begleitet und das Leben

verschönt hat, hängt mit seinem auf das Beschauliche gerichteten

Naturell auf das innigste zusammen. Die Musik, die von allen Künsten die

unmittelbarste Beziehung zum Gefühl hat, mußte für Rousseau der adäquate

Ausdruck seines Verhältnisses zu den Dingen werden, und so finden wir

ihn Jahre seines Lebens auf das eifrigste mit der Theorie und Praxis

dieser seiner Lieblingskunst beschäftigt. In einem eigentümlichen

Kontrast zu seinen Bestrebungen für die Einführung einer neuen auf

Zahlenverhältnisse gegründeten Notenschrift steht seine Opposition zu

dem Rationalismus der damals herrschenden französischen Musik, und doch

ist dieser Kontrast ein nur scheinbarer. Was ihn bei Rameau und Lully

abstieß, war ihr Bestreben, die Kunst zu verkünsteln, Pathos an Stelle

des Affekts, Rhetorik an Stelle der Leidenschaft zu setzen. Damit war

sehr wohl vereinbar, daß Rousseau in der Darstellung der Notenschrift

den einfachsten, übersichtlichsten Zahlenverhältnissen vor unseren

komplizierten Zeichensystemen den Vorzug gab. Der Inhalt sollte so

natürlich, die Form so einfach wie möglich sein. Was Rousseau unter

diesem natürlichen Inhalt verstand, das klingt bis zum heutigen Tage aus

den zu Herzen gehenden Liedern des »_Devin du village_« heraus.

Rousseaus Verhältnis zu den Wissenschaften läßt sich nicht auf eine

so einfache Formel bringen. Ein systematisches Studium war mit seiner

ganzen Naturanlage unvereinbar. So oft er auch den Versuch machte, sich

die für einen Gelehrten der damaligen Zeit fast unumgänglich notwendige

Beherrschung der lateinischen Grammatik anzueignen, so oft scheiterte

er in diesem heißen Bemühen. In keiner einzigen Wissenschaft, selbst

in denen nicht, die er am mächtigsten gefördert hat, kam er zu einer

wirklich fachmännischen Beherrschung des Details. Was ihn nicht von der

Gefühlsseite her zu erregen vermochte, das konnte er nie dauernd seinem

geistigen Besitzstand einverleiben. Dafür aber ermöglichte es ihm sein

scharfer Verstand, wenn er in den Dienst des Gefühlsinteresses gestellt

wurde, in überraschend kurzer Zeit aus einem weitschichtigen Material

die wesentlichen Gesichtspunkte herauszuholen, neue Fragestellungen zu

formulieren, mit blendender Logik die Argumente der Gegner zu widerlegen

und den eigenen Folgerungen siegreiche Kraft zu verleihen. Niemals

ist bei Rousseau sein Wissen totes Besitztum geworden, immer war

es Bestandteil seines Lebens, weil es nur im Zusammenhang mit dem

Lebensgefühl erworben und behauptet werden konnte.

Bringen wir einen so beanlagten Menschen in Beziehungen zu seinen

Mitmenschen, so werden wir uns ernster Besorgnisse nicht erwehren

können, und spielen sich vollends diese Beziehungen in der Kulturwelt

des 18. Jahrhunderts ab, so sind schwere Zerwürfnisse unvermeidlich.

Wohl hatte Rousseau recht, wenn er sich als zur Freundschaft geboren

bezeichnete. Das Bedürfnis, mit Freunden zu leben, hat ihn ebenso

wie die Liebe zur Musik durch sein ganzes Leben begleitet. Mit

schwärmerischer Glut schloß er sich mitunter an ganz unbedeutende

Menschen an; erst die Gegenwart des Freundes machte ihm das Leben

lebenswert und gab den Freuden der Natur wie der Musik ihre letzte

abschließende Weihe. Was Rousseau in der Freundschaft suchte, war der

vollendete Einklang gleichgestimmter Seelen, die Ergänzung und Erhöhung

beider Freunde durch ihren unauflöslichen Bund. Auch der leiseste

Mißklang konnte und mußte dies Verhältnis stören, Rousseau spielte in

der Freundschaft sozusagen _va banque_, er wollte alles besitzen oder

nichts; hier war jeder Kompromiß unerträglich. Ob diese Anforderungen

jemals von der Wirklichkeit erfüllt werden können, läßt sich bezweifeln.

In dem Frankreich des 18. Jahrhunderts wurde jedenfalls die Freundschaft

ganz anders verstanden als sie in Rousseau lebte, und so waren die

schwersten Konflikte gerade mit denen, die er eine Zeitlang seine

Freunde genannt hatte, nahezu unausbleiblich. Namentlich wird dies in

seinem vielbesprochenen Verhältnis zu Grimm und Diderot, den Führern der

Enzyklopädisten, deutlich. Wie faßten diese Männer die Freundschaft

auf? Vor allem als eine enge Bundesgenossenschaft gegen die gemeinsamen

Feinde in Staat, Kirche und Literatur. Gemeinsame Feldzüge und

literarische Unternehmungen zu verabreden, bei fröhlichem Zusammensein

die Raketen des Witzes steigen zu lassen, den eigenen Geist im

Gedankenaustausch mit dem Freunde zu stärken, den letzten Taler und die

letzte Flasche mit dem Freunde zu teilen, das war es, was ungefähr ihren

Inbegriff der Freundschaft bildete; das war sicher nicht wenig, aber

für Rousseaus glühende Seele lange nicht genug. So war er dauernd in

der Lage, sich durch seine Freunde verletzt zu fühlen, ohne daß sie eine

Ahnung davon hatten, ihn verletzt zu haben, und sie in Situationen

zu bringen, die für ihn ganz selbstverständlich, für die Freunde aber

äußerst peinlich waren. Ein Beispiel möge dies veranschaulichen:

Als Rousseau seinen in Vincennes gefangen gehaltenen Freund Diderot

besuchte, traf er ihn in Gesellschaft des Gouverneurs des Schlosses;

ohne die Anwesenheit des Fremden zu beachten, stürzte er sich weinend

in die Arme des Freundes. Dieser aber entzog sich dem allzu lebhaften

Ausbruch der Rührung Rousseaus und sagte halb entschuldigend zu dem

Gouverneur: »Sie sehen, mein Herr, wie mich meine Freunde lieben.«

Es war Diderot peinlich, in Gegenwart des Fremden Gegenstand einer

so stürmischen Zärtlichkeit zu sein; Rousseau dagegen hätte nie daran

gedacht, daß ein Freund in solchen Augenblicken an die Gegenwart eines

Fremden denken könnte. Auch David Humes maßloses Erstaunen bei dem

stürmischen Verhalten, das Rousseau zeigte, ist wohl verständlich;

die Freundschaft durfte eben niemals über das Maß hinausgehen, das

Konvenienz und gute Lebensart für das Verhältnis der Menschen zu

einander unabänderlich festgesetzt hatten. Beide Teile waren vollkommen

im Recht: die einen verstanden die Freundschaft, wie ihre Umgebung sie

verstand, Rousseau trug ein anderes Ideal der Freundschaft in seiner

Brust, das erst durch ihn die frühere Auffassung in den Herzen der

Menschen verdrängen sollte.

Damit hängt zusammen, daß Rousseau nicht geneigt war, dem Begriff der

Freundschaft die landesübliche weite Ausdehnung zu geben. Gegenüber dem

ganzen Kreise der Finanzaristokratie, in die ihn die erste Zeit seines

Pariser Aufenthaltes eingeführt hatte, konnte er ein sehr merkbares

Mißtrauen nie überwinden, und namentlich war er diesen Männern und

Frauen gegenüber, die gewohnt waren, für Geld alles kaufen zu können,

eifersüchtig und öfters sogar taktlos darauf bedacht, seine ökonomische

Selbständigkeit zu wahren. Ein wirklich inneres Verhältnis zu ihnen

konnte er schwer gewinnen. Sehr merklich sticht dagegen der Ton

aufrichtiger Hochachtung ab, den er in seinen Beziehungen zu den

Vertretern der Geburtsaristokratie, mit denen er später in Berührung

kam, unabänderlich festzuhalten wußte. Die Briefe an den Marschall von

Luxemburg, Herrn von Malesherbes, Prinz Conti, Lord Maréchal Keith sind

vollgültige Zeugen dafür, daß Rousseaus demokratische Gesinnungen

ihn nicht verhinderten, sich dem Zauber, der von rechten Aristokraten

auszugehen pflegt, gern und willig zu überlassen.

Eine gesonderte Betrachtung fordert Rousseaus Verhältnis zu den Frauen,

die ja in seinem Leben eine große und oft verhängnisvolle Rolle gespielt

haben. Häufig ist Rousseaus Sinnlichkeit als durchaus auf Genuß beruhend

dargestellt worden. Aber diese Ansicht hält vor einer genauen Analyse

nicht stand. Seiner ganzen Anlage nach lebte er auch hier viel mehr in

einer Welt der Gefühle als der Dinge. Worauf es ihm ankam, das war die

Idealisierung der Wirklichkeit durch das Medium der Liebe, und so konnte

es denn nicht anders sein, als daß das Sehnen nach der Vereinigung mit

der Geliebten und nicht diese Vereinigung selber für Rousseau den Gipfel

des Glückes bedeutete. Dies tritt ganz deutlich in dem Verhältnis zu

seiner »Mama«, Madame de Warens, hervor. So ist es denn auch leicht

erklärlich, daß seine erotische Phantasie mitunter nicht von einer

liebenswerten Frau angeregt wurde, sondern daß sie, gewissermaßen von

selber angeregt, sich nun ihren Gegenstand suchte. Es ist nicht richtig,

daß Madame d'Houdetot Rousseau zur Schöpfung seiner Julie (in der

_Nouvelle Héloïse_) angeregt hat oder, daß diese der Ausdruck seiner

Liebe zu Madame d'Houdetot war, sondern es kann gar keinem Zweifel

unterliegen, daß Rousseau Julie liebte, und Madame d'Houdetot zu dieser

Liebe hinaufidealisierte. Auch die Erscheinung der Doppelliebe, die wir

in Rousseaus Leben mehreremal finden, und der er in der wundervollen

Schilderung des glücklichen Tages mit den Fräuleins Galley und

Graffenried ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat, läßt sich jetzt

ohne Mühe verstehen. Es konnte eben diese allgemein erotische Stimmung

zu gleicher Zeit mehrere Frauen in ihren Lichtkreis ziehen und

idealisieren. So ist er denn auch zur gleichen Zeit und fast mit der

gleichen Stärke sowohl in die Julie als in die Claire seines Romans

verliebt, und weil sein Gefühl wahr und echt war, so hielt es Rousseau

niemals für nötig, sich hier vor ein schroffes Entweder-Oder zu

stellen. Daß auch hier wie in seinen Freundschaften Enttäuschungen

unausbleiblich waren, ist deutlich. In solchen Fällen ließ Rousseau,

wenn auch oft erst nach schweren Kämpfen, den Menschen fallen, um das

Ideal zu retten, und zeigte damit, wie mir scheint, genugsam an, daß

nicht die Frau, sondern das erotische Gefühl das Wesentliche an dieser

Beziehung bildete.

Streng von diesen Beziehungen zu sondern ist eine Reihe anderer, die

ganz sinnlicher Natur waren und über die uns Rousseau ebenfalls mit

äußerster Aufrichtigkeit unterrichtet hat. Es war verhängnisvoll für

ihn, daß die dauernden Beziehungen, in welche er zu Thérèse Levasseur

trat, dieser Kategorie angehörten. Sinnliches Bedürfnis und Mitleid

zuerst, Gewöhnung und Dankbarkeit später fesselten ihn an dieses

durchaus untergeordnete Mädchen. Alle Unbequemlichkeiten und Lasten, die

ein Ehestand mit sich bringen kann, hat Rousseau im täglichen Verkehr

mit Thérèse und ihrer zänkischen und gemeinen Mutter reichlich

ausgekostet, das Glück einer wahren Ehe nie gefühlt -- freilich durch

eigene Schuld. Die Überweisung seiner Kinder in das Findelhaus läßt

sich nicht, und am wenigsten durch die üblen Sophismen, die Rousseau

anwendet, entschuldigen; sein böses Gewissen blickt hier aus jedem

Worte kenntlich genug heraus. Die Natur seiner Beziehungen zu Thérèse

Levasseur geht vielleicht am klarsten daraus hervor, daß sie auch

während seiner Liebe zur Gräfin d'Houdetot ruhig ihren Weg gingen, und

Rousseau selbst während dieser Zeit gar nicht daran gedacht zu haben

scheint, sie abzubrechen oder auf einen anderen Fuß zu stellen.

Blicken wir nun noch auf die allgemeinen gesellschaftlichen Beziehungen

Rousseaus, die nicht unter den Gesichtspunkt der Freundschaft oder der

Liebe fallen, so finden wir hier, daß sich in seinem Leben eine sehr

bedeutsame Wandlung vollzogen hat. Daß ein Mensch wie er, mit

übervollem Herzen, nur allzu verwundbarem Selbstgefühl und einer

großen Unfähigkeit, die Goldbarren seines Geistes leicht in die

gesellschaftliche Scheidemünze witziger Konversation umzusetzen, in

der damaligen Gesellschaft eine halb traurige, halb lächerliche Rolle

spielen mußte, ist ohne weiteres deutlich. Namentlich war es seine

mangelnde geistige Schlagfertigkeit, wenn er von der Stärke seiner

Gefühle übermannt wurde, die ihn häufig in bedenkliche Situationen

verwickelte, ja, ihn sogar als Verleumder oder Undankbaren erscheinen

ließ. Wenn er einen Mann, dem er Dank schuldig war, und den ein

epileptischer Anfall auf das Straßenpflaster von Lyon niedergeworfen

hatte, ohne weitres liegen ließ und davon eilte, so war es natürlich,

daß ihm der Vorwurf roher Gefühllosigkeit nicht erspart bleiben konnte;

tatsächlich war die Ursache dieser unentschuldbaren Handlung kein

Mangel, sondern ein Übermaß von Gefühl. Rousseau war von Entsetzen

wie gelähmt und verlor die Möglichkeit, die ein weniger Teilnehmender

vielleicht gehabt hätte, sich deutlich zu machen, was für den

Unglücklichen zu geschehen habe. Das soll seinen Fehler nicht

entschuldigen, Rousseau selber hat die Reue über diese und andere

gleichartige Vorgänge in seinem Leben bis zum Tode immer rege erhalten,

aber wir sollen uns vor einer falschen psychologischen Interpretation

hüten, die uns den ganzen Charakter Rousseaus mißverstehen lassen würde.

Auch noch in seiner ersten Pariser Zeit finden wir ihn durch diese seine

geistige Unbehilflichkeit innerlich gedemütigt. Sie erzeugt trotz allen

berechtigten Selbstgefühls in ihm die Vorstellung, den Schöngeistern und

witzigen Köpfen der feinen Pariser Welt nicht gewachsen zu sein. Erst

allmählich erstarkt in ihm die Überzeugung, »daß es nicht Aufgabe des

Menschen sei, in jedem Moment etwas Witziges zu sagen«. Er beginnt, sich

den auf Esprit gegründeten Umgangsformen der Gesellschaft gegenüber

in berechtigter Eigenart entgegenzusetzen. Den Stichen des Witzes

antwortete er durch die Keulenschläge des sittlichen Pathos. Er setzte

seine erstarkte Persönlichkeit gegen den konventionellen Spott der guten

Gesellschaft, und er wußte ihr zu imponieren. Der berühmte Mann durfte

sich erlauben, was den unbekannten Genfer auf ewig lächerlich gemacht

haben würde. Schon durch seine äußere Tracht zeigte er dieser Welt der

feinen Spitzenjabots, daß er eine Ausnahmestellung in ihr beanspruche.

Während sich aber so die Beziehungen zu den feinen Kreisen, in denen er

früher verkehrt hatte, lockerten, blieb sein Verhältnis zu den einfachen

Landbewohnern, die er liebte und verstand, das alte herzliche. Überall

sehen wir ihn auf seinen Irrfahrten diese einfachsten Bande der

Nachbarschaft, der gegenseitigen Hilfeleistung, des traulichen,

herzlichen Gesprächs pflegen, und wo ihm nicht wie in Neufchâtel durch

Aufhetzung es unmöglich gemacht wurde, zu den Herzen seiner Mitmenschen

vorzudringen, gelang es ihm immer, sich ihre Liebe zu erwerben und zu

erhalten. Diese gemütlichen Beziehungen, die jeder Tag bringt, waren

für Rousseau so weit davon entfernt, ihn zu lähmen und zur Hilfeleistung

unfähig zu machen, daß sie vielmehr eine stete Quelle der Freude und

der Erhebung bildeten. Das Unglück durfte nicht plötzlich, unerwartet,

überwältigend an ihn herantreten und sein Gefühl so mächtig erregen, daß

seine Willenskraft gelähmt wurde; sonst aber war Rousseau immer bereit,

zu helfen und zu lindern, oft fast über sein Vermögen hinaus.

Es konnte nicht fehlen, daß die auffallende Weise Rousseaus, mit der

er sich der Gesellschaft gegenüber in eine Art aggressiver Defensive

stellte, schon früh das Gerücht aufkommen ließ, daß er verrückt sei,

und Rousseau selber sorgte durch allerhand Absonderlichkeiten dafür,

daß dieses Gerücht stets neue Nahrung erhielt. Ebenso ist es ganz

zweifellos, daß zuletzt wirklicher Verfolgungswahnsinn bei ihm eintrat.

Er glaubte an die Existenz einer großen Verschwörung gegen sich, wandte

die seltsamsten Mittel an, um deren System auf den Grund zu kommen und

beurteilte alle Dinge und Menschen nach ihren Beziehungen zu dieser

angeblichen Verschwörung. Es ist für uns nicht ohne Interesse, den

Zeitpunkt festzustellen, an dem die in Rousseau liegende Krankheit

ausbrach. Es scheint nun, als ob die Verfolgungen, denen er in der

Schweiz ausgesetzt war, und der an Enttäuschungen reiche Aufenthalt in

England, dessen Sprache er nicht kannte, tief auf sein reizbares

Gemüt wirken mußte, eine Wirkung, die noch verschärft wurde durch den

nichtswürdigen Streich Walpoles, der einen fingierten Brief Friedrichs

des Großen an Rousseau veröffentlichte. Die Gelegenheitsursache zum

Ausbruche der Krankheit war durch das Zusammentreffen dieser Umstände

gegeben. Wenigstens zeigt sein Verhalten hier zum erstenmal, daß

Rousseau nicht mehr Herr seiner geistigen Fähigkeiten war. Es steht dazu

nicht im Widerspruch, daß die um diese Zeit verfaßten _Confessions_

ein durchaus objektiv gehaltenes Bild seines Lebens zeigen, denn in der

ersten Zeit einer derartigen geistigen Erkrankung vermag es der Kranke

sehr wohl, frühere Ereignisse des eigenen Lebens zu betrachten, ohne

seine Wahnideen hineinzumengen. So finden wir denn auch hier bei der

Schilderung seines Verhältnisses zu den Enzyklopädisten kein Wort von

der großen Verschwörung, als deren Häupter Rousseau späterhin seine

früheren Freunde betrachtete, und deren Entlarvung das Thema der

letzten Schriften, _Rousseau juge de Jean-Jacques_ und der _Rêveries

du Promeneur solitaire_ bildete. Es ist rührend zu sehen, wie in den

letzten Jahren die Erbitterung, die er anfänglich gegen seine Feinde

fühlte, einer milden Resignation Platz macht. Die letzten Tage, die er

auf dem Lande verbringen durfte, führten ihn zur Natur zurück, die

ihn nie verraten, und an die er immer geglaubt hatte. So konnte er in

Frieden scheiden.

Zweites Kapitel.

Die Geschichtsphilosophie.

Die Schrift, die Rousseau zuerst berühmt machte, war seine Beantwortung

der von der Akademie zu Dijon im Jahre 1749 gestellten Preisfrage, ob

Künste und Wissenschaften zur Verbesserung der Sitten beigetragen haben.

Es ist also eine geschichtsphilosophische Frage, die hier gestellt

wird, und um die Antwort Rousseaus zu verstehen, ist es notwendig, die

Stellung der führenden Geister des 18. Jahrhunderts zum Wert der Kultur

sich zu vergegenwärtigen. Es hat wohl nie eine Zeit gegeben, die

so durchaus im intellektuellen und kulturellen Fortschritt der

Menschheit das sicherste Mittel für das Glück und die Tugend des

Menschengeschlechts erblickt hätte als das 18. Jahrhundert. Alles Elend,

alle Sünde wurde aus Irrtum, Aberglauben und Unkultur abgeleitet; mit

der Beseitigung dieser Widerstände schienen Glück und Sittlichkeit der

Menschheit zu gleicher Zeit garantiert zu sein. Wohl sehen Männer wie

Voltaire ein, daß die Sonne der Aufklärung und des guten Geschmacks

vorläufig nur die höchsten Höhen der Menschheit strahlend erleuchte, daß

in den dumpfen Tälern Aberglaube und Unwissenheit drückend laste, aber

nach der langen geistigen Nacht des Mittelalters war nun endlich

das Gestirn des Tages erschienen. Mit jedem Jahr stieg es höher und

verbreitete überall Gesundheit, Tugend, Glückseligkeit. Es schien keinem

Zweifel zu unterliegen, daß mit dem Siegeslauf der intellektuellen

Aufklärung, mit der zunehmenden Verfeinerung der Künste und schönen

Wissenschaften ein neues goldnes Zeitalter der Menschheit tagen müsse.

Das kaum jemals klar formulierte, sondern als ganz selbstverständlich

vorausgesetzte Prinzip dieser Geschichtsauffassung besteht darin, den

Wert der intellektuellen und ästhetischen Kultur in ihren Leistungen für

Glück und Sittlichkeit der Menschen zu suchen.

Man pflegt nun die Leistung Rousseaus darin zu erblicken, daß er das

Gegenteil dieser Überzeugung des 18. Jahrhunderts darstelle, und man hat

in gewissem Sinne damit recht. Aber dieses Gegenteil liegt durchaus auf

derselben Fläche, auf der die herrschenden Wortführer der Aufklärung

ihren Standpunkt gefunden hatten. Ebenso wie für sie, war es auch für

Rousseau selbstverständliche Voraussetzung, daß die Kultur nur nach

ihrer Leistung für Sittlichkeit und Glück der Menschen gewertet werden

dürfe, und daß Sittlichkeit und Glück als miteinander identisch zu

setzen seien. Der Unterschied zwischen Rousseau und seinen Gegnern

bestand nur darin, daß das Fazit der Rechnung entgegengesetzte

Vorzeichen trug. Die Aufklärer betrachteten Wissenschaft und Künste als

wertvoll, weil sie den moralischen Fortschritt der Menschen bedingen

und damit das Glück der Menschheit verwirklichen; Rousseau betrachtete

Künste und Wissenschaften als schädlich, weil er sich überzeugt hatte,

daß die entgegengesetzten Wirkungen von ihnen ausgingen. Prinzipiell ist

also Rousseau über die Fragestellung seiner Zeit nicht hinausgekommen,

sein großes Verdienst aber besteht darin, daß er der schon fast zur

Trivialität gewordenen Identifizierung von Kultur und Sittlichkeit die

Paradoxie ihrer Unvereinbarkeit gegenüberstellte. Erst mußte das Dogma

der Aufklärung vom Wert der Kulturentwickelung erschüttert werden, bevor

zu neuen fruchtbareren Fragestellungen fortgeschritten werden konnte.

Somit bleibt das Verdienst Rousseaus um die neue Geschichtsphilosophie,

welche im deutschen Idealismus entstehen sollte, ihm ungeschmälert.

Man hat von einer anderen Seite her versucht, ihm dies Verdienst zu

nehmen und auf Diderot zu übertragen. Bei der Wichtigkeit der Frage

wollen wir die beiden Erzählungen, Rousseaus und Diderots, miteinander

vergleichen. Nach der Darstellung in den _Confessions_ ging Rousseau an

einem heißen Tage den schattenlosen Weg nach Vincennes hinaus, um den

dort gefangen gehaltenen Diderot zu besuchen. Erschöpft unter einem

Baum der Landstraße ruhend, zog er eine Nummer des _Mercure de France_

heraus, in der er die Nachricht vom Preisausschreiben der Akademie

von Dijon fand. Sofort bildeten sich in ihm die Gedankenreihen, die er

später in seinem _Discours_ veröffentlichte. In einer unbeschreiblichen

Aufregung drängt sich alles, was bisher nur den Hintergrund seiner Seele

gebildet hatte, aus den Tiefen seines Gefühls empor, mit einer Kraft,

mit einem Reichtum des Ausdrucks, die seine späteren Ausführungen nie

wieder erreicht haben. Tränen entstürzten seinen Augen, und als er

aus diesem Zustand der Ekstase erwachte, fand er seine ganze Weste wie

durchnäßt von ihnen. In einem Zustande unbeschreiblicher Erregung traf

er bei dem Freunde ein.

Hören wir nun Diderot. Als Rousseau ihm Mitteilung von seiner Absicht

machte, sich an der Preisbewerbung zu beteiligen, habe Diderot ihn

gefragt, in welchem Sinne er die Frage der Akademie beantworten wolle.

»Natürlich werde ich die wohltätigen Folgen von Kunst und Wissenschaft

darstellen«, habe Rousseau geantwortet. »Das ist der Standpunkt der

Dummen; Sie müssen den entgegengesetzten Standpunkt einnehmen«, wies

Diderot ihn zurecht, und Rousseau folgte seinem Rat. Die Erzählung

Diderots anzuzweifeln haben wir keinen Grund. Aus seinen Schriften und

Briefen wissen wir, daß er die »heilige Liebe zum Paradoxon« in hohem

Maße besaß, und so konnte er, der ganz auf dem Standpunkt der Aufklärung

stand, Rousseau wohl den Rat geben, die Biedermänner der Provinzakademie

durch geistvolle Ausführung eines Paradoxon in Erstaunen zu setzen.

Damit ist aber noch nicht gesagt, daß Rousseaus Erzählung die Lüge ist,

als welche sie diejenigen betrachten, welche Diderot für glaubwürdig

halten. Erinnern wir uns, was wir von Rousseaus Charakter kennen gelernt

haben. Ihm, der in den tiefsten Grundfesten seines Wesens durch die

ekstatische Erregung, die er durchlebt hatte, erschüttert war, mußte

es ganz unmöglich sein, von der Fülle der Gesichte auch dem Freunde

gegenüber zu sprechen. Daher die ungeschickte Notlüge über den Plan

seiner Preisschrift. Aber ganz unmöglich ist es, daß ihn erst die Worte

Diderots auf die =Möglichkeit= einer solchen Beantwortung aufmerksam

gemacht hätten. So mannigfach auch im einzelnen Rousseau seine Ansichten

im Verlauf der späteren Diskussion verändert und modifiziert hat, die

Grundanschauung ist dieselbe geblieben, und sie steht ebenso in engster

Verbindung zu seinem ganzen Lebensgefühl wie sie für Diderot eben nur

den Wert einer eleganten Paradoxie hatte, die man einmal verteidigt,

um den eigenen Scharfsinn zu zeigen und zu üben, ohne ihr indes einen

tiefer gehenden Einfluß auf die eigene Weltanschauung einzuräumen. Wäre

Rousseaus Erzählung unwahr, so wäre seine ganze Wirksamkeit nach dem

Jahr 1750 allerdings die große Lüge, als welche sie seinen Gegnern

erscheint. Aber ich glaube nicht, daß uns der Befund der Quellen dazu

nötigt, diese Annahme zu machen, sondern daß Rousseaus und Diderots

Erzählungen sehr wohl nebeneinander bestehen können.

Es kann nicht die Aufgabe dieser kurzen Darstellung sein, den

Gedankengang jeder einzelnen der geschichtsphilosophischen Schriften

Rousseaus gesondert darzustellen und den allerdings oft sehr

interessanten Umbildungen nachzugehen, welche in einigen Punkten seine

Ansichten erfahren haben. Es ist des Gemeinsamen in ihnen immerhin so

viel, daß eine Gesamtdarstellung, wo es sich nur um die großen Züge

seiner Geschichtsphilosophie handelt, sich als möglich erweist. Außerdem

zeigt eine genaue Beobachtung, daß Rousseau im Verlauf der Diskussion

öfters Zugeständnisse und Einschränkungen macht, die er dann bei

reiflicher Überlegung wieder zurücknimmt, so daß diese Abweichungen

häufig wie Oszillationen um einen gegebenen festen Punkt erscheinen,

nicht aber eigentlich als Neubildungen und Fortführungen seiner

Grundansicht angesehen werden können.

Was Rousseaus Geschichtsphilosophie ihren eigentümlichen Charakter

gibt, ist der Umstand, daß sie als =Geschichtserzählung= auftritt:

Das Menschengeschlecht wird auf seinem Wege vom Naturzustand bis zur

ausgebildeten Kultur begleitet, die einzelnen Entwickelungsstufen werden

ebenso pragmatisch erzählt, wie nur irgendeine Reihe von Ereignissen,

die sich im hellen Licht des modernen Geschehens abspielt. Dieses

Ausgehen vom Naturzustand hat Rousseau viel Tadel eingetragen. Immer

wieder ist darauf aufmerksam gemacht worden, daß Rousseau gar kein Recht

habe, einen solchen Naturzustand anzunehmen, daß er nur in der Phantasie

des Dichterphilosophen existiert habe, und daß Rousseaus Bestreben, ihn

als tatsächlich vorhanden darzustellen, auf eine Täuschung des

Lesers hinauslaufe. Methodologisch ist dieser Tadel unberechtigt. Der

Historiker ist dauernd genötigt, zur Ergänzung dessen, was er in seinen

Akten findet, Schlüsse auf Vorgänge zu machen, die er hypothetisch aus

dem vorliegenden Material erschließt. Schon eine Biographie kann auf

gar keinem anderen Wege zustande kommen. Handelt es sich nun um die

Erschließung der Anfänge des Menschengeschlechts, so bleibt gar kein

Weg übrig, als die uns bekannte Linie der Kulturentwickelung in

die Vergangenheit hinein zu verlängern und die Berechtigung dieses

Verfahrens an denjenigen Gemeinschaften nachzuprüfen, die noch auf

niedrigeren Stufen dieser Entwickelung stehen geblieben sind. Wenn

Locke die Entstehung der Begriffe beim erwachsenen kultivierten Menschen

schildern will, so zieht er ausgiebig die Psychologie des Kindes und

des »Wilden« heran, und das leidenschaftliche Interesse, mit dem das 18.

Jahrhundert die Reisebeschreibungen eines Cook, Bougainvilliers und de

la Condamine verfolgte, hatte ähnliche psychologische Ursachen. Ebenso

aber kann nun dem Historiker das Recht nicht bestritten werden, die

Linien der Entwickelung noch über den Punkt hinaus, auf welchem jetzt

die niedrigsten Naturvölker stehen, in die Vergangenheit hinein zu

verlängern, denn es ist ganz zweifellos, daß auch diese tiefststehenden

Naturvölker auf eine Jahrtausende alte Entwickelung zurückblicken

können. Den kosmischen Nebel hat auch kein menschliches Auge gesehen,

und doch war Kant berechtigt, aus ihm unser Sonnensystem aufzubauen. Was

aber dem »Archäologen der Natur« recht ist, sollte dem Archäologen der

Menschheit billig sein. Eine ganz andere Frage ist es, ob Rousseaus

Zeichnung des Naturzustandes der Menschheit inhaltlich richtig ist,

d. h. ob die Linien der bisherigen Kulturentwickelung über den Zustand

der jetzigen Naturvölker hinaus verlängert zu dem Punkt wirklich führen,

den Rousseau als den Anfangspunkt der menschlichen Entwickelung annehmen

zu müssen glaubte. Methodologisch aber war er zu seinem Verfahren

durchaus berechtigt.

Der auffallendste Zug in der Schilderung des Naturmenschen bei Rousseau

ist nun der, daß er in völliger Isoliertheit erscheint. Während uns

keine Beobachtung den jetzt lebenden Menschen anders als mindestens im

Verband der Horde erblicken läßt, glaubte Rousseau durch psychologische

und ethnographische Erwägungen veranlaßt, hinter diese primitiven

sozialen Verbände zurückgehen zu müssen, zumal da er die ersten

Wohnsitze des Menschengeschlechts in die subtropischen Gegenden

verlegte, deren reichliche Vegetation das gemeinsame Aufsuchen von

Nahrung und Beute überflüssig machte. Nur die Paarungszeit führte die

Menschen zusammen, die Mutter nahm sich der Kinder an, solange sie der

Pflege bedürftig waren, aber bei dem Fehlen der Sprache und jeglicher

Tradition mußten diese Anfänge zur Familienbildung in jeder Generation

wieder aufhören, sobald die Kinder fähig waren, sich selber ihre Nahrung

zu suchen. So ist der Naturmensch ganz auf sich selber angewiesen; das

einzige seelische Motiv zur Tätigkeit, das er kennt, sind die eigenen

Bedürfnisse, die er leicht befriedigen kann. Es ist falsch, ihn deshalb

als Egoisten zu bezeichnen. Der Egoismus ist, wie wir später sehen

werden, eine Kulturerscheinung, die auf einer übertriebenen Schätzung

des eigenen Wertes im Vergleich zu dem der anderen beruht. Der

Naturmensch kann gar kein Egoist sein, weil es ihm gänzlich fern liegt,

sich mit anderen zu vergleichen. Er hat Selbstliebe (_amour de soi_),

aber keine Eigenliebe (_amour-propre_), und strebt danach ebenso naiv

wie jede Pflanze und jedes Tier, dieses sein Sein zu erhalten. Um dies

zu tun, braucht er aber die anderen Wesen seiner Art nicht zu schädigen.

Wozu ihnen die Frucht wegnehmen, die an jedem Baum einem jeden zur

Verfügung steht? Ganz ferne liegt ihm die Sorge für die Zukunft, denn

er hat keine Zukunft, ebensowenig wie er eine Vergangenheit hat. Sein

gesunder, durch keinerlei Ausschweifung geschwächter Körper kennt keine

Krankheit oder überwindet doch, wenn eine solche sich einstellen

sollte, sie rasch. Verwundungen durch wilde Tiere heilen bald

oder führen zu einem schnellen Tode; der normale Tod aber, der in

unseren Kulturverhältnissen eine Seltenheit geworden ist, der durch

Altersschwäche, läßt das Leben ohne Wunsch und ohne Furcht erlöschen.

So ist der Naturmensch ein Augenblicksmensch, seinen kultivierten

Nachkommen würde sein Leben als unendlich öde und langweilig erscheinen;

und doch, wenn man das Ganze des Lebens eines solchen Einsiedlers

mit dem eines modernen Menschen vergleicht, so steht es an Reinheit,

Gesundheit, Glück unendlich hoch über diesem. Alle Bedürfnisse, alle

Wünsche und alle Gefühle des unkultivierten Menschen sind wahr und

wirklich, der Weg der Zivilisation verwandelt diese Welt der Wahrheit in

eine Scheinwelt und im Scheine, in der Einbildung, kann niemals wahres

Glück gedeihen.

Rousseau · 第 1 / 9 段