Erster Theil.
Erster Brief.
_New York_, den 12. März 1848.
_Lieber Theodor!_
Motto: Freiheit oder Tod.
_Ich bin in Amerika_ -- o wenn Du begreifen, wenn Du ahnen könntest, mit
welcher wonneathmenden Seligkeit mich _der_ Gedanke durchfluthet, wenn Dir
aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines Herzens nur ein Ton, nur ein
Accord jener himmelrauschenden Symphonieen an die Seele donnern könnte, die
mich dieser Erde fast entheben, die mich in sinnverwirrendem Freudenrausche
nicht ein Mensch mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! -- dann
brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen Versuche zu ergreifen,
das schildern zu wollen, was sich nicht schildern läßt; das mittheilen zu
wollen, was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur empfunden, gefühlt
sein will --
»Nenn' es dann wie Du willst -- nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott --
Ich habe keinen Namen dafür, Gefühl ist Alles --
Nam' ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth.«
_Ich athme amerikanische Luft!_ Begreifst Du das, kalter, theilnahmloser
Aktenmensch -- Bücherwurm -- Leichenbeschauer Du, der von Haus zu Haus
kriecht, scheußliche Verwesung und Moder zu besichtigen und rings um sich
her Gottes freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt? -- Hier
komme her -- hier in die Freiheit athmende Welt, hierher in das schöne,
wundervolle Land, und wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich dann
nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger Frühlingsluft wirbelnd und
siegestrunken zu Gottes reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir
Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern und Dein Herz ist nur eine
Urne mit Aktenstaub und Trübsal angefüllt.
Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit Dir und mit kurzen Worten
will ich Dir deßhalb das Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten
sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache Beschreibung
einlassen, so reichten Bände nicht aus und dazu gestattet mir jetzt weder
Herz noch Geist die Zeit.
Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, zeigt deutlich, wie
wir glücklichen Auswanderer dem Schlendrian und Despotismus des alten
Vaterlandes endlich enthoben sind -- rege Geschäftigkeit füllt die Straßen
-- der edle Stolz -- »ich bin ein freier Mann« -- spricht schon aus dem
Blick des Knaben, wie aus dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von
Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie uns an unsere Schmach der
Knechtschaft erinnern -- kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf
offener Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er in seinen Ketten
nicht auch noch verhungere -- keine »königliche Constitution« lügt uns von
Freiheit vor, während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert, weiter
und weiter vom wahren Ziel der Freiheit entfernt. »Das Volk ist nicht
reif,« schreien in Deutschland die Fanatiker der Ruhe -- »es gehören auch
Republikaner zu einer Republik und die haben wir noch nicht, die müssen wir
erst heranbilden.« -- Ausflüchte sind's -- feige Angst vor der Krisis,
die der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa die Deutschen, die nach
Amerika auswandern, plötzlich auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie
auf einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? oder sind das etwa
keine Republikaner, diese Millionen von Deutschen und Iren, die -- der
Whigparthei so fürchterlich -- der demokratischen Sache im freudigen
Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen,
die von fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und nach
»allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und bald den Fuß heben oder mit dem
Kopfe nicken und schütteln.
Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen, als schon ein
Amerikaner (ein mir wildfremder Mensch, dem es egal sein konnte, ob
ich existirte oder nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm.
Uneigennützig -- denn daß ich wirklich Vermögen hatte, konnte er nicht
wissen -- bot er mir in allen Stücken seine Hülfe an und übergab mir,
dem Fremden, die Verwaltung einer ganzen Plantage -- sieh, _das_ ist
ein Republikaner, das ist kein Mann aus einem Polizeistaat, wo jeder
Staatsbürger schon pflichtschuldigst für einen Spitzbuben und Schuft
gehalten wird -- weise Du ein solches Beispiel in Deutschland auf?
Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um die in Deutschland, trotz
dessen gerühmten Aufklärung, noch immer gestritten wird -- die Schule
ist von der Kirche frei -- kein Pfaffe darf in die Erziehung der Kinder
hineingreifen, und das junge Geschlecht blüht und keimt heran, eine Freude
der Eltern, ein Stolz ihres herrlichen Vaterlandes.
Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren, indem ich hier sitze und
dem Zauberlande den Rücken kehre, während ich es beschreibe? -- nein --
selbst Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das liebste Herz auf
Gottes Erdboden bist. Aber komm hier herüber, Du Guter, komm hierher und
schüttle den Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen Regierungswerk
des »alten Landes,« wie Europa hier mit Recht genannt wird, den Rücken
kehrst -- komm bald und freudig und mit herzlichem Gruß wird Dir dann die
Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder
_Carl von Horneck_,
früher -- Gott sei gedankt, daß ich sagen kann
_früher_ -- Assessor von Gottes Gnaden.
Zweiter Brief.
Aus dem Staat _New York_, am 10. März 1848.
_Lieber Vetter!_
Glücklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in Amerika angekommen, und
ich befinde mich jetzt in dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht
ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer Weise noch
immer wie ein Traum und es geschieht gar nicht selten, daß ich mich selber
ganz erstaunt frage: »bist Du denn wirklich jetzt in _Amerika_?« Die
Antwort fällt aber immer bejahend aus.
Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich die Aushängeschilder der
»Agenturen für Amerika« und das gewöhnlich darauf gemalte Schiff mit einer
wahren Ehrfurcht betrachtete, daß ich dann immer so eine Art von -- ich
weiß selber nicht wie ich es nennen soll -- von tragischem Schauer mir über
die Haut rieseln fühlte; -- jetzt ist das vorbei -- die Seefahrt hat mich
vollkommen von der Bewunderung für die Schiffe selber geheilt -- denn das
Zwischendeck ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete Neue meiner
Umgebung trägt viel dazu bei, mich zu zerstreuen und gegen starke Eindrücke
abzustumpfen. Ich muß aber auch gestehen, daß ich Amerika keineswegs
so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin in mancher Hinsicht sehr
enttäuscht worden -- gebe Gott, daß ich mich geirrt habe. Jene lockenden
Beschreibungen, die ich vor meiner Abreise gelesen, sind vielleicht, wie
ich gestehen will, mit die Hauptursache, daß meine Erwartungen zu hoch
angespannt wurden, dennoch muß ich Dir aufrichtig sagen, daß ich
mir Manches, auch bei den geringsten Ansprüchen, besser wünsche. Die
idyllischen Farmerwohnungen schrumpfen z. B. größtentheils in erbärmliche
Blockhütten zusammen, durch die an allen vier Wänden der Wind hindurch
zieht, das Vieh läuft zwar wild im Wald umher, aber jeder Schuft, der es
nur schlau genug anzufangen weiß, kann auch Kühe und Pferde nach Belieben
stehlen, und was die Schweinezucht anbetrifft, so hat die ihre ganz
besonderen Schwierigkeiten, denn wenn die Sauen im Walde werfen, und man
läuft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine Brut, wie die Alte, mit
Händen voll Mais, so werden sie wild wie die Hirsche und der Böse mag sie
dann haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist, wenn auch gut,
doch schwer zu bearbeiten -- die Bäume sind gar so stark und stehn zu
dicht und die Stümpfe so draußen im Feld zu lassen, daß man mit dem Pflug
zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert und Vieh und Menschen halb
zu Tode schindet, das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen
Oekonomen nicht zusagt. Der Dünger wird ebenfalls nicht beachtet und die
liebe Gottes-Gabe bleibt wild zerstreut im Walde herum.
Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man weiß nie wo sein Vieh steckt,
alle Augenblick hat Wolf oder Panther ein Stück und die Schaafe -- na die
wünscht ich, daß Du die einmal sehn könntest, wenn sie, die ganze Wolle
eine einzige Klettenmasse, aus dem Walde kommen.
Und nun das Ungeziefer; Holzböcke und Moskitos oder Mücken fressen
Einen bald auf -- die Fliegen sind, besonders in kleinen Waldwiesen
oder Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd förmlich zur
Verzweiflung zu bringen und Wanzen -- nun die Wanze stammt ja aus Amerika,
und es braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie hier heimisch
finden.
Eines ist es aber noch besonders, was mir das hiesige Bauer- oder
Farmerleben zuwider macht -- die gänzliche Ungeselligkeit und
Abgeschiedenheit. Anstatt die Häuser in Dörfern beisammen zu haben, liegen
sie alle meilenweit von einander entfernt, im Wald, und wenn Einem wirklich
einmal etwas zustößt, so ist auf schleunige Hülfe gar nicht zu hoffen --
mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine Krankheit, die mich oder
die Meinigen betreffen könnte denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben
englische Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei ist, daß ich
wünschen muß, er wohnte lieber siebenzig, denn ehe ich mich einem solchen
Quacksalber in die Hände gebe, der seine Patienten mit Calomel füttert und
hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee und Glaubersalz.
Und mit den Leuten ist es erst eine fürchterliche Noth; Knechte und
Mägde, was wir darunter verstehn, und wie sie doch zu einer ordentlichen
Wirthschaft unumgänglich nöthig sind, kann ich gar nicht bekommen -- die
Leute wollen Alle wie die Herren behandelt sein und gehn und kommen wie
es ihnen am besten gefällt. Auch ihre Ansprüche sind unverschämt und
übertrieben -- erstlich unverhältnißmäßigen Lohn, dann dreimal Fleisch den
Tag und Kaffee und Zucker zum Frühstück, wie Thee oder Milch zum Abendbrod;
und das genügt ihnen nicht einmal, wollte ich es ihnen dabei an einem
besondern Tische geben und für mich mit meiner Familie allein essen, --
thäte ich das, ich glaube ich setzte mich den größten Unannehmlichkeiten
aus.
Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst, so giebst Du Deinen Pacht
nicht auf, sondern bleibst ruhig in Deutschland -- sind auch die Abgaben
dort wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schützen uns doch
auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten, denen wir hier
ausgesetzt sind, und das gesellige Leben wiegt wieder viele Mängel auf --
kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme ich auf jeden Fall
wieder zurück und bei einem Glase Bier -- o wie ich mich nach einem
ordentlichen guten Krug Lagerbier sehne, -- erzähl ich Dir dann, was ich
hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach und Schritt für Schritt, in
all meinen schönen Hoffnungen und Plänen enttäuscht wurde.
Daß das recht bald geschehen möge wünscht, mit seinen herzlichen Grüßen an
Dich und die lieben Deinigen