Nur der Stuhl vor der Thür des Händlers war leer, denn Madame schaffte

und arbeitete mit feuergeröthetem Angesichte vor dem geräumigen Kamine

der Küche, während Zacharias Smith zwei fremde Indianer bediente, die vor

kurzer Zeit mit ihren Fellbündeln und Wildpret in das Städtchen gekommen

waren, um hier ihre nöthigsten Bedürfnisse, wie Pulver, Messer, Blechbecher

und -- Whiskey gegen das Erbeutete einzutauschen.

Es waren ein paar Krieger vom Stamme der Kickapoos, wenn der Name _Krieger_

überhaupt noch einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte indianischer

Race beigelegt werden konnte. Die schmutzigen wollenen und zerrissenen

Decken, die sie um sich herumgeschlagen, verhüllten kaum nothdürftig ihre

Blöße, und das Haar hing ihnen, nicht mehr bloß in der einzelnen stolzen

Scalplocke prangend, nein, unbeschnitten, aber auch ungekämmt, wild und

wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemähne, von Kletten zu festem Zopfe

zusammen gehalten, um den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd -- aber

ob das einst aus weißem Stoffe oder buntem Kattun bestanden, ließ sich

wahrlich nicht mehr erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine

Art Kruste darüber gelegt, die nur auf der Schulter durch das Tragen

der ziemlich schweren, unbehülflichen Büchse unterbrochen schien -- ihre

Leggins waren mit Stücken roher Haut geflickt, und ihre Moccasins sahen

aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander fallen wollten. Ein Gürtel aus

Hickory-Rinde gedreht, hielt ihre Leggins-Bünde, das kleine Scalpirmesser

und eine kurze Schilfpfeife, und die ausdruckslosen trägen Züge der

schmutzigen Gesichter heiterten sich erst wieder auf, als sie in des

Händlers Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fässer sahen.

Der Handel war sehr einfach und deshalb bald abgeschlossen -- das, was sie

an Pulver nothdürftig haben _mußten_, ließen sie sich geben und füllten

es in ihre Hörner, den Rest aber verlangten sie natürlich in »Uiski«, und

damit kauerten sie sich gleich an Ort und Stelle in eine Ecke des

Ladens zwischen Salz- und Mehlfässer nieder und begannen, ohne weitere

Vorbereitung, ihr Festmahl.

Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine schaute mit weit

aufgerissenen, fast aus ihren Höhlen tretenden Augen zu, als der Andere das

gelbe Feuerwasser aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln ließ --

sein breiter Mund verzog sich zu einem noch breiteren Grinsen, und ein paar

Reihen blendend weißer Zähne wurden sichtbar -- die eine Hand streckte er

dabei schon wie unwillkürlich nach dem Göttertrank aus, und ein leises,

gurgelndes Lachen wurde laut, als sein Gefährte den Becher zuerst an die

Lippen hob. Das Lächeln verlor sich aber, die Mundwinkel zogen sich wieder

zusammen, wenn auch die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm einen

mehr stieren, ängstlichen Ausdruck an, als der Freund, gar nicht mehr

freundschaftlich, in nicht endendem Zuge mit dem Blechmaß zu verwachsen

schien.

»Ugh!« sagte da endlich -- nach langem, langem Genusse absetzend -- der

erste Trinker, und schaute, über das Gefäß hinüber, den Gefährten an --

dessen Züge aber heiterten sich jetzt urplötzlich wieder auf -- er streckte

die Hand aus, ergriff den Becher, den er selbst nicht wieder losließ, als

Jener ihn erst aufs Neue füllte, und schien nun seinerseits _reichliche_

und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine Erwartung vorher auf so

peinliche Folter gespannt.

So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse des Anderen mit

athemloser Angst das Abnehmen des verführerischen Giftes beobachtend,

Jeder, wenn die Reihe an ihn kam, seine früheren Gefühle in dem einen,

alles andere ausschließenden Bewußtsein seiner Seligkeit vergessend.

Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte heraufgezogene Knie mit

seinen beiden Händen gefaßt, den Körper, um das Gleichgewicht zu behaupten,

etwas zurück gebeugt, und die vergnügt lächelnden Augen fest auf das

zechende Paar geheftet, saß der Händler Zacharias Smith und hatte, allem

Anscheine nach, seine herzliche Freude über dasselbe.

So schweigsam und verdrossen die beiden Wilden aber auch im Anfange gewesen

waren, so munter wurden sie jetzt, als ihnen der Feuertrank erst durch

die Adern rollte und in diesen mit seinem scharfen, zuerst allerdings

belebenden Geist, in ihre Köpfe stieg. Sie fingen an kleine Bruchstücke von

Kriegsliedern zu singen, lobten wahrscheinlich -- denn Smith verstand

ihre Sprache nur sehr unvollkommen -- ihre eigenen vortrefflichen und

unübertroffenen Eigenschaften, und es schien überhaupt, als ob ihre tolle

Lustigkeit in dem Verhältnisse stiege, wie die Fluth in der zwischen ihnen

stehenden oder vielmehr immer hin und her gehenden Flasche ebbte.

»Ugh!« rief endlich der Eine, als er eben wieder seinen Becher füllen

wollte und nun zu seinem Entsetzen fand, daß die Flasche, die er gerade

erst gegen das Licht gehoben und welche danach wohl noch anderthalb Becher

halten mußte, kaum einen guten Schluck mehr her gab -- »was das? Uiski drin

und kommt nicht aus.«

Er drehte, während sich der Andere neugierig und bestürzt zu ihm hinüber

bog, die Flasche um und entdeckte hier zu seiner, ihm nichts weniger als

angenehmen Ueberraschung die eingedrückte Höhlung.

»_Wah!_« rief er erstaunt aus -- »groß Loch hier -- weißer Mann hat groß

Loch in Flasche -- ugh -- schlecht -- Indianer kriegt Flasche voll -- in

Loch nichts.«

»Ugh -- schlecht!« stimmte der Andere bei und bezeugte durch ein den

Gaumenlaut begleitendes Kopfnicken, daß er ganz vollkommen derselben

Meinung und eben so mit der gethanen Aeußerung einverstanden sei.

Der Händler erwiederte: »Ei, Indianer, da sieh Dir nur all die anderen

Flaschen an -- das _Loch_ ist in allen; sie halten nun einmal so ihr Maß

und sind danach eingerichtet; wäre das Loch nicht, würde die ganze Flasche

kleiner sein.«

»Ist nicht nöthig,« brummte der Sprecher wieder; »weißer Mann hat Felle

gekriegt, ganz -- blos Kugelloch drin -- Kugelloch kann wieder gemacht

werden -- weißer Mann muß das Loch auch machen!« Und er hielt, in

deutlicher Erklärung dessen, was er meinte, dem Händler die Flasche

verkehrt hin, damit dieser solcher Art und gewissenhaft das Versäumte

nachholen könne.

»Ha, ha, ha!« lachte der aber -- »das ist eine verdammt komische Zumuthung

-- wie käm' ich denn dazu oben und unten einzuschenken -- Ihr habt ohnedies

beide gerade so viel in Euch hinein gegossen, wie Ihr bequemer Weise tragen

könnt.«

»Schad nichts,« brummte der zweite Indianer und deutete dabei auf die

Flasche -- »Loch wieder machen!«

»Ei nun, wenn Ihr's nicht anders wollt,« lachte der Händler und sprang,

nach der Flasche greifend, von dem Ladentische, »so kommt mir's auf die

paar Tropfen auch nicht an -- hier Kickapoo -- halt denn einmal die Flasche

-- aber steh fest -- Donnerwetter, Bursche, Dir ist ja der Trunk schon

jetzt in den Kopf gestiegen, und willst noch immer mehr haben?«

»Schad nichts,« grins'te der Wilde; »sehr gut, _mehr_ -- viel besser Wort

wie _weniger_ -- _weniger_ schlechtes Wort.«

»Also auch nicht weniger heiß -- weniger Hunger -- weniger _Durst_?« lachte

Smith, während er sich zum Fasse nieder bog.

»Nein, nein!« rief der Kickapoo, und seine Augen verschlangen schon jeden

einzelnen Tropfen, der ihnen noch zugemessen wurde -- »immer _mehr_ Durst

-- Durst viel gut -- sehr viel gut!«

Das »Loch« hatte freilich nicht so viel gegeben, als die Beiden erwartet

haben mochten; denn sie hielten den Inhalt, nachdem sie ihn vorher in den

Becher ausgeschüttet, lange Zeit zwischen sich und schwatzten viel und

eifrig in ihrer eigenen Sprache mit einander; endlich aber leerten sie ihn

doch, und als der Händler hiernach unerbittlich blieb, ihnen _noch_ mehr

auszufüllen, holte Einer von ihnen ein kleines zusammengerolltes Päcktchen

aus seiner Decke vor, das er aufwickelte und ein fein gegerbtes Otterfell

zum Vorscheine brachte. Es war augenscheinlich, sie hatten dieses im

Anfange nicht um Whiskey hingeben, sondern vielleicht irgend andere

Bedürfnisse, vielleicht für die Squaw[11] daheim, die derlei Arbeiten auch

gewöhnlich verfertigen, eintauschen wollen; die furchtbare Gier aber,

die der rothe Sohn der Wälder -- einmal verführt -- nach dem für ihn so

verderblichen Genuß des Feuerwassers nährt und hegt, ließ den Kampf, den

in ihrer Brust wahrscheinlich jetzt noch das bessere Gefühl kämpfte, einen

sehr kurzen sein.

[11]: Squaw, indianische Frauen.

Der Indianer warf das Fell, das der Amerikaner sorgfältig prüfte, auf

den Ladentisch und verlangte im Anfange »halbe Flasche Uiski -- nachher

anderes« -- dafür -- sie wollten nur einen Theil des anvertrauten Gutes

vertrinken. _Mit_ dem Genusse stieg aber auch die Gier danach, und Becher

nach Becher voll ließen sie sich von dem kopfschüttelnden und keineswegs

ganz damit einverstandenen Krämer nachgießen, bis auch der letzte Cent

vertrunken worden und die unersättlichen Kehlen dennoch _mehr_ verlangten.

»Mehr Uiski!« lallte jetzt der Eine mit stieren, glanzlosen Augen und

streckte den einen Arm mit der Flasche dem Amerikaner entgegen, während er

mit dem anderen den schwankenden Körper am Ladentische zu stützen suchte --

»mehr Uiski -- Fell ein Flasche mehr werth.«

»Ihr bekommt _keinen_ Whiskey mehr!« sagte aber, und zwar auf das

bestimmteste, der Händler; denn er fürchtete nicht mit Unrecht den

wilden zügellosen Geist seiner Gäste, der sich, so friedlich sie auch im

nüchternen Zustande sein mochten, im trunkenen nur zu oft die Bahn brach

und dann zu allem Schlimmen, fähig war -- »Ihr Zwei habt mehr getrunken,

als Sechsen zuträglich gewesen wäre, und es ist besser jetzt, Ihr legt Euch

ein paar Stunden aufs Ohr, Euren Rausch auszuschlafen.«

»Rausch? ausschlafen?« lallte der älteste der Beiden, indem er die Flasche

am Halse ergriff und in die Ecke schleuderte, daß sie in tausend Scherben

zerbrach -- »hahahaha! weißer Mann -- mehr, Po-co-mo-con nüchtern wie

junges Waschbär -- weißer Mann, trunken -- wackelt hin und her wie junge

Birke -- hahaha -- mehr Uiski -- Blaßgesicht -- mehr Uiski -- bei _Gott_!«

»Ihr bekommt keinen Tropfen mehr,« sagte der Händler und deutete nach

der zerschmetterten Flasche -- »seid Ihr _gute_ Indianer? thun das _gute_

Indianer? thun das nüchterne Waschbären? Packt Eure Siebensachen zusammen,

und ich will Euch nebenan in mein Waarenhaus bringen, da könnt Ihr bis zum

Morgen ausschnarchen, und morgen früh sollt Ihr dann auch noch Jeder einen

Becher voll auf den Weg haben -- seid Ihr damit zufrieden?«

»Ja!« sagte der Aelteste, »ja, sehr gut, Becher voll, sehr gut -- aber

_gleich_ trinken -- =dam= morgen, morgen anderen.«

»Du bist gescheidt -- nein, schlaft nur erst aus,« lautete die Antwort.

»=Go to hell!=« knurrte jetzt gereizt der Jüngere -- »Bleichgesicht

=cheats= -- betrügt rothen Mann -- Bleichgesicht thut nichts umsonst.«

»Würde schon Uiski geben,« lallte der Andere schluckend, »wenn wüßte --

hick -- wenn wüßte, was ich weiß -- hick!«

»Möglich!« sagte Smith lakonisch.

»Nich _möglich_!« rief, durch die Ruhe des Weißen gereizt, der Indianer;

»nich -- hick -- nich möglich, _gewiß_! Indian weiß großes Geheimniß für

weißen Mann, =dam you= -- hick -- großes Geheimniß von Konzas -- hick --

aber Uiski, mehr Uiski.«

»=No, you d'ont!=« lachte der Händler, der nicht anders glaubte, als der

Wilde mache ihm hier etwas weiß, um nur noch einen Becher voll Whiskey

heraus zu pressen; »Du behältst Dein Geheimniß und ich meinen Whiskey, das

wird das Gescheidteste sein.«

»=Dam you!=« brummte der Wilde; »Ihr gebt ganz Faß voll -- hick -- vor

Geheimniß -- weißer Mann -- hick -- ugh -- ganz zwei Faß voll -- hick --

weißer Mann unter Indian -- ugh -- sieht gut -- hick -- sieht gut aus --

hick -- großer Krieger -- hick -- hahahaha -- wohl auch Faß voll werth --

hick?«

Der Jüngere, der doch nicht so ganz trunken sein mochte, als sein älterer

Gefährte, und vielleicht eine Art Ahnung hatte, wie Jener durch sein

Schwatzen sie beide in Unannehmlichkeiten verwickeln könne, ergriff seinen

Arm und suchte ihn fort zu ziehen; der aber stieß ihn mit mürrischem Fluche

von sich.

»=Dam you!= -- mehr _Uiski_ -- _haih!_« Und sein gellender Schlachtschrei

tönte die ganze Straße hinab, daß die Kinder im Spielen aufhörten und die

Einzelnen, die in dem mehr und mehr anbrechenden Abend noch draußen vor

den Thüren weilten, überrascht die Köpfe hoben, dem unheimlichen Tone, der

vielleicht bei Manchem gar trübe Erinnerungen in's Gedächtniß zurück rief,

zu lauschen.

Smith war aber auch aufmerksam geworden -- ein Weißer unter den Indianern

_als_ Indianer -- denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede

anzudeuten -- er wußte selbst nicht, woher es kam, aber fast unwillkürlich

zuckte ihm der Gedanke an Mrß. Rowland durch den Kopf, und er beschloß

jetzt, jedenfalls dieser Spur so rasch als möglich zu folgen.

»Hallo Indian -- ist das wahr, was Du da sprichst?« redete er diesen an und

trat, um den Ladentisch herum, auf ihn zu.

»Aha« -- grins'te die Rothhaut -- »hat Po-co-mo-con Recht? -- hick --

Bleichgesicht gäb ganz Faß voll -- hick -- für -- hick -- für Geschichte --

hier Becher.«

Smith füllte kopfschüttelnd den Becher aus einem auf dem Ladentische

stehenden Krug und schaute dabei forschend und von der Seite den Indianer

an -- der aber hatte des Guten schon zu viel gethan -- mit gläsernen Augen

und mattem Lächeln hob er das Gefäß noch einmal an die Lippen -- aber er

vermochte schon nicht mehr zu schlucken.

»Hick!« lallte er, und der Whiskey strömte über seine braune Brust und das

blutige Hemd -- »hick -- weißer Mann, gut -- hick -- Uiski besser -- hick

-- sehr bess -- er -- hick!«

Und der Becher entfiel seiner Hand -- Po-co-mo-con that einen Schritt vor,

um sich im Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden aus

und wäre, hätte ihn der Händler nicht noch gefaßt, auf die Erde

niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen durfte er an diesem Abend

nicht mehr denken, selbst der Jüngere schien so trunken, oder stellte

sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen zu entgehen, daß auf eine

vernünftige Antwort bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith also

that das Einzige, was er unter diesen Umständen thun konnte -- er schleppte

die Bewußtlosen, da es unterdessen überhaupt fast dunkel geworden, ohne

Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes kleines Gebäude, das

er zugleich mit als Waarenlager benutzte, warf sie hier auf eine Parthie

Hirsch- und Bärenhäute, die in der einen Ecke ausgebreitet lagen, und

verließ sie hier hinter vorsichtig verschlossener Thür, mit dem festen

Entschlusse, sie am nächsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis

sie auf das genaueste gebeichtet hätten, wie es mit dem Weißen unter den

Indianern stand, und ob sich die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt

noch glaubte.

Als aber der nächste Morgen kam und Smith mit dem Frühesten in der Absicht

hinüberging, seine Gefangenen zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten

Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern keine Spur; ja, bei

näherer Untersuchung ergab sich sogar, daß sie durch eine Ecke des

niederen Daches, wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen konnten,

ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich geräucherte Hirschkeulen, für

die er erst gestern per Stück einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als

Zehrung mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte ihn aber am

wenigsten; sie hatten getrunken, und er würde ihnen auch gern zu essen,

ja, die Keulen vielleicht mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur gewußt

hätte, wie es mit dem »Geheimniß« stand. Der Wunsch blieb aber Wunsch, und

wenn er auch im ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab er den

Gedanken gleich wieder als unausführbar auf; denn daß die Wilden sich

alle Mühe geben würden, _keine_ Fährten, wenigstens keine sichtbaren zu

hinterlassen, ließ sich denken.

Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem Brüten und Nachdenken

ein paar Stücke Holz, die ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten

hätten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn Mrß. Rowland etwas von

der gefundenen Spur zu sagen, ohne ihr eine Gewißheit geben zu können, wäre

grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die nachher in, vielleicht nicht

einmal befriedigter, Hoffnung vergangen wäre. Denn ließ es sich nicht

denken, daß der lügnerische Wilde doch am Ende nur ein Märchen erfunden

haben konnte, um noch einen Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere,

sein jüngerer Gefährte, war augenscheinlich bestürzt geworden, als der

Aeltere das Thema berührte -- ha -- da ging ein Mann vorüber, der ihm,

gerade hierin, gar nicht erwünschter hätte kommen können.

»Heda, Tom -- oh, Tom!« rief er, rasch in die Thür tretend.

»Hallo, Smith, was giebt's so früh?« nickte ihm der Angerufene freundlich

hinüber; »guten Morgen! schon ausgeschlafen?«

Er ging zu dem Hause hinüber und blieb in der Thür, auf seine Büchse

gestützt, stehen.

Tom Fairfield war eine kräftige, edle Gestalt, ein echter Hinterwäldler,

Jäger mit Leib und Seele, und nie zufriedener, als wenn er draußen in

seinem Walde einer Fährte folgen oder eine Falle stellen konnte. Er schien

auch jetzt wieder unterwegs, trug die Büchse in der Hand, den leichten

spanischen Packsattel und Zaum auf der Schulter, um sein Pferd draußen

im Busche zu suchen und zu besteigen, und hatte die wollene Decke

übergeschnallt, um da zu lagern, wo ihn die Nacht gerade überraschen würde.

»Hört, Tom,« sagte aber Smith mit einem weit ernsthafteren Gesicht, als das

sonst seine Sache war, und zog dabei den jungen Mann in den Laden herein

-- »Ihr seid doch mit Rowland's gut bekannt -- nun, braucht nicht roth zu

werden, mein Junge -- hier, nehmt einmal einen Schluck, es ist Dogwood und

Cherry Bitteres und wird Euch in dem Thaue heute Morgen gut thun -- das

ganze Städtchen weiß ja doch, daß Ihr Rosy auf unmenschliche Art den Hof

macht.«

»Unsinn, Smith!« sagte Tom Fairfield und leerte, seine Verlegenheit zu

verbergen, das dargebotene Glas auf Einen Zug.

»Bah, Mann!« rief aber dieser, »was wollt Ihr da noch läugnen? Aus bloßer

Freundschaft versorgt Ihr nicht die ganze Wirthschaft mit Feuerholz, Wild

und Mühlereiten für die Leute, das sollt Ihr mir nicht weiß machen.«

»Und wen hätten denn die allein stehenden Frauen ...«

»Ach, papperlapap -- das sind Redensarten und thun hier auch nichts zur

Sache. Rosy ist ein liebes, gutes Mädchen, und Ihr seid ein hübscher junger

Kerl, ein guter Jäger und -- wenn es sein muß -- auch ein guter Arbeiter;

was sollte Euch also hindern, selber Wirthschaft anzufangen? Doch hier ist

etwas, um das ich Euch fragen will -- wollt Ihr Rowland's einen großen,

einen sehr großen Dienst leisten?«

»Rowland's, was ist es, sprecht!« rief Tom, augenscheinlich bestürzt über

die Feierlichkeit des Mannes: »steht es in meinen Kräften?«

»Das müßt Ihr selbst beurtheilen,« sagte Smith und machte ihn nun in kurzen

Worten mit dem bekannt, was er sowohl gestern Abend von den Indianern

gehört, wie auch, was er selber über die Sache denke. Fairfield hörte ihm

schweigend und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, er schien jedes

Wort von den Lippen des Redenden zu nehmen, und nickte nur manchmal, wenn

der Händler irgend etwas äußerte, das seinen Ideen begegnete, leise mit dem

Kopf.

»Und Ihr glaubt, daß Mrß. Rowland's Sohn unter den Konzas lebe?« sagte er

endlich, als der Händler schwieg, und sah diesen fragend an.

»Lieber Gott,« meinte Smith, »man weiß wahrhaftig nicht, _was_ man glauben

soll; lebt aber wirklich Einer dort _als_ Indianer, und die Rede des

trunkenen Schufts läßt mich das in der That vermuthen, ei, warum sollte

es denn nicht eben so gut der junge Rowland, wie irgend wer anders

sein können? Es käme auf die Reise an; die ist aber allerdings keine

Kleinigkeit, und ein Mann, wie Ihr gerade seid, gehört dazu, ein so kühnes

Wagniß auszuführen. Wie weit glaubt Ihr, daß es bis zum Stamm der Konzas

ist?«

»Auf die Entfernung kommt es da nicht so an,« sagte sinnend der junge

Jäger, »aber der Stamm der Konzas ist groß und weit verbreitet; die

Indianer werden dabei, wenn sie es wirklich wissen, nicht so gesprächig

über einen Fall sein, der sie vielleicht in gefährliche Berührungen mit

ihren weißen Nachbarn bringen könnte.«

»Wie alt wäre denn der Junge jetzt?« fragte Smith.

»Fünfundzwanzig Jahre; Mrß. Rowland sprach noch gestern von ihm und sagte,

sein Geburtstag sei an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu,

»sie dürfte keine Sylbe davon erfahren, die Angst und Erwartung würde sie

tödten.«

»Das ist's ja eben, was mir so im Kopf herumgegangen,« meinte Smith, »und

deßhalb war mir Euer Anblick heute so willkommen; _die_ Freude aber, wenn

Ihr mit ihm zurückkehrtet. ...«

Auch vor Tom's innerem Geiste schien ein derartiges Bild vorüber zu

schweben, er lächelte still vor sich hin und strich sich dann mit der Hand

leicht über die Stirn.

»Smith,« sagte er und bog sich zu ihm hinüber, »Ihr scheint Euch für die

Leute zu interessiren, und das freut mich von Euch. Ihr wißt aber nicht,

Ihr könnt das nicht gut wissen, _wie_ glücklich _mich_ die Erfüllung dieses

heißen Seelenwunsches der armen alten Frau machen würde, und schon deßhalb

bin ich Euch zu unendlichem Danke verpflichtet, daß Ihr mir auch nur eine

Aussicht auf die mögliche Verwirklichung dieser Hoffnung gebt. -- Ich gehe

zu den Konzas, und das noch in dieser Stunde!«

»Was! jetzt gleich?« rief Smith erstaunt, »das ist ja aber gar nicht

möglich! Zu einer Reise von wenigstens 120 Meilen müßt Ihr Euch doch

wahrhaftig mehr vorbereiten, als wenn Ihr bis an den nächsten Wasser-Cours

einen Bären oder Hirsch schießen geht!«

»Weßhalb?« lachte Tom, »ob ich acht Tage hier in der Nähe oder irgend eine

Strecke weiter entfernt auslagere, bleibt sich das nicht gleich? Im Walde

bin ich doch, und was sollt' ich sonst zu meiner Bequemlichkeit noch

mitnehmen?«

»Doch wenigstens Provisionen.«

»Die liefert mir der Wald selber, meine Decke habe ich auch bei mir und

mein Kopfkissen« -- er deutete dabei lachend auf den Sattel --, »und was

braucht's da mehr.«

Kurz, trotz aller Vorstellungen des Händlers ließ sich Tom Fairfield nicht

mehr von dem einmal beschlossenen Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen

werden konnte, war wenigstens ein Stück Speck und Maisbrod und etwas

gemahlenen Kaffee mit in seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um

etwas Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch zu haben.

Eine halbe Stunde später nahm er von dem Händler herzlichen Abschied, bat

ihn noch einmal, nicht eine Sylbe über die Sache, selbst nicht gegen seine

Frau zu erwähnen (bei welchem Gedanken, daß er nämlich seiner Frau ein

Geheimniß anvertrauen werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelächter

ausbrach), und war zehn Minuten später, auf dem kleinen Waldpfad rüstig

dahin schreitend, gerade da in dem Holze verschwunden, wo ein niederes

Dickicht von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken des Nachschauenden

entzog.

Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben seinem Hause, von wo er den

freien Platz nach dem Walde zu übersehen konnte, und erst dann, als der

junge Mann schon lange, lange in den Büschen verschwunden war, und die

freundlich, hinter ihm über dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen

eigenen Schatten weit und geisterhaft über den Hof und im Zickzack über die

Lattenfenz warf, kehrte er plötzlich rasch in den Laden zurück, öffnete die

hintere Thür und rief in die Küche hinaus:

»Mrß. Smith!«

»Sir!« lautete die Antwort.

»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin hinüber nach Cowley's

gegangen.«

Und Zacharias Smith schritt, die Hände nachdenkend auf dem Rücken gekreuzt,

langsam die Straße hinunter, dem bezeichneten Hause zu.

»Hm!« sagte gleich darauf Mrß. Smith, und ihre scharfe, von der Kamingluth

jetzt etwas echauffirte Nase wurde zwischen zwei ärgerlich blitzenden

grauen Augen sichtbar. »Hm -- bin zu Cowley's gegangen -- das ist immer so

die Art, wenn Jemand nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und die

Frau geht nie zu _Cowley's_, die kann zu Hause sitzen und die Wirthschaft

besorgen und alle Augenblicke, wenn Jemand kommt, in den Laden springen.

Na, _das_ Leben hätt' ich satt. Und was jetzt nun wieder im Wind ist --

mein Mann heute Morgen vor Tagesanbruch aufgestanden -- das ist vor seinem

Ende -- und diese Geheimnißkrämerei mit der Mrß. Rowland. -- Oh, ich

hab' es wohl gehört, mein guter Mr. Smith« -- und sie wandte sich in

triumphirendem Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie ihren Ehegatten jetzt

vermuthete -- »Mrß. Smith hat keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas

hören _will_ --, _Mrß. Rowland sprach von ihm und sagte_ -- und der _junge

Rowland unter den Indianern_ -- und Mr. _Tom hingeschickt, ihn zu holen_ --

oho, Mr. Smith, so _ganz_ auf den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen,

daß wir uns da nicht unser Theil heraus studiren könnten. Also haben sie

den Jungen endlich gefunden -- ein schöner Strick wird das geworden sein --

und mein Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so jetzt immer

mit den ekelhaften Indianern ab -- heiliger Gott, war das gestern Abend

wieder ein Scandal und Flaschenzerschmeißen! Der fromme Vater Billygoat

wird schön mit dem Kopf schütteln, wenn ich ihm das erzähle. -- Und ich

erfahre kein Wort von der ganzen Geschichte -- o Gott bewahr! seiner ihm

ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein Sterbenswörtchen, aber

zu Cowley's geht er hinüber. Mr. Cowley und Mrß. Cowley, die müssen ihren

Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger in jeden Kuchen

stecken. Aber warten Sie nur, Mr. Smith, warten Sie nur, =my dear Sir=.

_Der_ Sache komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mrß. Rowland selber

hingehen sollte, mich zu erkundigen -- tausend Mal hab' ich mir's gefallen

lassen, jetzt aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich doch sehen,

ob ich mit _meinem_ Kopf nicht durch eine eben so dicke Wand durchdringen

kann, wie Mr. Smith mit dem seinigen.«

Und mit diesem löblichen Vorsatz tauchte sie urplötzlich wieder in ihre

Küche unter, und ließ die blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und

Töpfe, die rings an den Wänden herum hingen und standen, in unbegränztem

Erstaunen über die so schöne und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede

allein zurück.

Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung gekränkter Wißbegierde

einen so verzweifelten Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland

geradezu ins Haus zu rücken und eine Mittheilung von dem zu verlangen, ja,

zu fordern, was sie mit ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen

zu verhandeln habe, so schien sie doch bei kälterem Blute auch

gemäßigteren Empfindungen Raum zu geben und versuchte erst einmal ihr

Ueberredungs-Talent an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf volle Tage

taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien versteckter Anspielungen, wie

gegen das schwere Geschütz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen

Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville sehen ließ, ja, hier und

da schon Besorgnisse laut wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoßen

sein könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärliche lange

Abwesenheit zu geben wußte, so konnte sie ihre Neugierde nicht länger

zähmen und beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland -- sie war ihr das ja doch

aus nachbarlichen Rücksichten schuldig -- einmal freundlich zu besuchen.

Sie fühlte sich dabei fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise,

nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick über die

näheren, jedenfalls höchst interessanten und jetzt so geheim gehaltenen

Verhältnisse zu bekommen.

Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der beiden Indianer in Boonville war

es, und der erste im Monat September zugleich, der sich aber mit schwülen

Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben, schweren Nebelmassen

bald in zerrissenen grauen und schwarzen Streifen, bald in compacten,

wetterschwangeren Schichten über die ächzende, schwankende Waldung von Ost

nach West stürmisch hinüberjagte.

Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm eingehüllt in Betten und Tücher,

auf einem rohgearbeiteten, aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind

strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen Jahreszeit frisch und

erkältend über die Lichtung hin, und die alte Frau hatte sich gerade in den

letzten Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit. Zu ihren Füßen

saß Rosy, das liebe, holde Kind, leise den linken Arm auf der Mutter Knie

gestützt, und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene Testament

haltend, aus dem sie der mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen

aufmerksam lauschenden Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die süßen

Trost und heilige Zuversicht athmende Rede Christi las.

Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge,

als sie das Buch senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren

Angesicht ihrer _mehr_ als Mutter emporschaute -- leise berührte sie ihre

Hand und flüsterte:

»Soll ich weiter lesen, Mutter?«

»Laß es jetzt, liebes Kind,« sagte die Matrone und legte schmeichelnd die

abgezehrten Finger auf das gescheitelte Haar der Jungfrau -- »laß es, Du

hast Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere Sachen zu thun,

die ebenfalls gethan sein müssen -- wie wär's denn, wenn Du einmal zu

Cowley's hinüber gingest und ihn bätest, uns seinen Neger auf ein halb

Stündchen zu schicken, daß er etwas Feuerholz zum Hause schaffte -- nur

ganz wenig -- Tom kommt gewiß heute wieder.«

»Es ist Feuerholz in Menge da,« sagte Rosy schnell: »ich ging, weil wir

doch gestern Abend das letzte hereingeschafft, heute Morgen recht früh in

den Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe für Dich zu kochen, und

als ich wieder kam, hatte Mr. Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen

Wagenladung voll herübergesandt und ging eben daran, es in Kaminlänge zu

hauen. Er hat mir auch ein großes Rückstück hereingetragen; Du schliefst

nur noch, Mütterchen.«

»Cowley's sind brave Leute,« flüsterte die Matrone, »Gott vergelte es

ihnen! Es ist doch bös, wenn man so ganz allein in der Welt steht -- keinen

Sohn -- keinen Freund ....«

»Mutter!« bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy.

»Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht gegen Tom Fairfield

gewesen und -- doch wenn auch er nun nicht wiederkehrt -- wenn auch er

nun -- --. Sei nicht böse, mein Kind,« unterbrach sie sich selber nach

ziemlich langer Pause, »Du weißt selber, wie trüb und traurig mir gerade

an dem heutigen Tage zu Muthe sein muß, dem Jahrestage jenes fürchterlichen

Morgens -- ich sehe da Alles schwärzer, als es vielleicht wirklich ist, und

begreife dann manchmal fast selber nicht, wie es möglich war, daß ich --

ich -- alte schwache Frau sie, die Kräftigen alle, alle überleben mußte.

O, es ist recht hart, nicht sterben zu können, weil man nicht weiß, ob man

nicht doch noch das Liebste -- das eigene Kind -- allein zurückläßt in der

Welt -- es ist recht hart, nicht leben zu können, weil das arme Herz

die Sehnsucht nach den Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen,

verzehrt.«

»Mutter!« bat die Tochter, stand auf, barg ihr Antlitz auf der Schulter der

Kranken und flüsterte mit leiser, von Thränen fast erstickter Stimme: »Wenn

ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe ich Dich ja doch wie

meine eigene Mutter.«

Mrß. Rowland antwortete nichts, aber fest und liebend schlang sie die Arme

um das blühende Kind und hielt es lange und fest an ihrem Herzen.

Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thür, und froh erschreckt und mit

freudestrahlenden Augen sprang Rosy empor und eilte, zu öffnen; auch Mrß.

Rowland richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und schaute mit lebhafterem

Blicke dorthin, denn das Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen

anzupochen pflegte -- und wie lange schmerzliche Tage hatte Rosy auf das

Pochen umsonst und mit immer wachsender Angst und Sorge geharrt!

Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie den Pflock zurück, der,

einfach von innen vorgesteckt, die Thür verschloß, und öffnete rasch --

ein schmerzlich erstauntes »_Ach_« entfuhr aber ihren Lippen, und auch Mrß.

Rowland wandte sich enttäuscht ab und sank wieder mit leisem Seufzer in

ihre Kissen zurück, als das zwar gutmüthige, aber doch scharfe und gerade

heut gewiß nicht willkommene Angesicht der Mrß. Smith auf der Schwelle

sichtbar wurde. An ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken -- die

Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit löblichem Eifer herein

stürmte, sich augenblicklich einen Stuhl neben Mrß. Rowland rückte und

dann zwischen tausend Entschuldigungen, daß sie hier so ohne alle Anmeldung

hereinbreche, daß aber das Wetter sie gerade überrascht habe, weil es eben

an zu regnen fange, und daß sie nach Cowley's eigentlich hinüber gewollt,

sich aber die Freude unmöglich habe versagen können, diese Gelegenheit,

wo sie gerade in der Nähe sei -- sie wohnte überhaupt kaum fünfhundert

Schritte von Mrß. Rowland entfernt --, einmal zu benutzen und zu sehen, wie

es der »lieben, lieben Kranken« denn eigentlich gehe.

Mrß. Rowland antwortete auf alles das mit leiser Stimme und bündigster

Kürze; sie hoffte vielleicht dadurch, daß sie Mrß. Smith keinen Anlaß zu

einer Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukürzen. War das aber wirklich

ihre Ansicht gewesen, so kannte sie Mrß. Smith ungemein schlecht, oder

traute ihr wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich besaß.

Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar gleich im Anfange, ob sie genire,

und als sie darauf ein höfliches, wenn auch etwas zögerndes _Nein_ zur

Antwort erhalten, säumte sie auch keinen Augenblick länger, es sich so

bequem als möglich zu machen, legte ihre Haube und den großen baumwollenen

Regenschirm ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife aus

der Tasche, die sie schon gestopft -- oder geladen, wie Mr. Smith manchmal

sagte -- bei sich trug, holte sich im Kamin eine glühende Kohle, und befand

sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich auf dem Stuhle

zurecht rückte, so wohl und vergnügt hier, wie zu Hause.

Mrß. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden, selbst wenn sie

nur wenig oder gar keine Antwort zu geben brauchte, auf die Länge der Zeit

so an, daß sie endlich bleich und erschöpft in ihren Stuhl zurück sank und

die Augen schloß. Selbst Mrß. Smith fühlte, daß sie der Kranken erst einige

Ruhe wieder gönnen müsse, gedachte aber dafür indessen mit dem jungen

Mädchen zu beginnen, um damit desto sicherer ihrem Ziele entgegen zu

rücken; denn gerade fragen mochte sie doch auch nicht.

»Es wird nun bald lebendiger hier im Hause werden,« sagte sie, als Rosy der

Mutter die Kissen zurecht gerückt und ihren Platz wieder neben ihr, oder

eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall in etwas

abzuwehren, eingenommen hatte: »ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache

gleich anders.«

Rosy, das arme Kind, erröthete bis tief in das Halstuch hinein, sah aber

auch zu gleicher Zeit erstaunt zu der Geschwätzigen auf.

»I nun, Miß,« fuhr Madame -- dadurch, daß sich das junge Mädchen ihrer

Meinung nach gar so gleichgültig stellte, etwas gereizt -- fort, »Sie

brauchen nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich weiß die ganze

Geschichte -- bei mir ist's aber auch aufgehoben, als ob's im Grabe ruhte

-- von _mir_ erfährt wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.«

»Aber, beste Mrß. Smith ...«

»Aber, beste Rosy Baywood -- wenn Sie denn einmal selbst nicht gegen mich

davon sprechen wollen, so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn

aber nun schon eigentlich verloren?«

»Verloren? also glauben auch Sie, daß er verloren ist?« rief jetzt Rosy in

der Angst um den geliebten Mann -- denn auf diesen mußte sie doch natürlich

das Gesagte beziehen.

»Ist? _gewesen_ ist, beste Miß,« sagte Mrß. Smith lächelnd: »und das war

ja noch das Glücklichste, was Sie sich hätten denken können. Aber nach so

langer Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen Wilden wieder zu

finden, scheint mir doch wirklich etwas erschrecklich Merkwürdiges. Was ich

doch sagen wollte: wie lange ist es also her, daß ihn Mrß. Rowland verloren

hat?«

»Mrß. Rowland?« wiederholte, jetzt wieder ganz irre gemacht, das junge

Mädchen, und die alte Frau, ob nun durch Nennung ihres Namens aus

ihrem Halbschlaf geweckt, oder schon längst vielleicht den Worten mit

geschlossenen Augen lauschend, wendete leise den Kopf nach der Redenden und

schaute zu ihr auf. »Mrß. Rowland? ich weiß gar nicht ...«

»Nun, eine zwanzig Jahre muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche

Mrß. Smith, der es jetzt nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen

zu lassen, sie kenne die ganzen Verhältnisse genau und sei vollkommen

vertraut mit denselben, ruhig fort: »ich weiß mir's noch recht gut zu

erinnern, wie mein Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch damals

hier eine Bleimine angelegt oder gefunden hatte, davon sprach. Aber wenn

sie ihn nur vorher erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen -- Jesus,

meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist doch was Fürchterliches, wenn

er blaue Backen, eine gelbe Nase, rothe Ohren und grüne Lippen hat -- und

die Scalpe! Denken Sie sich, Miß Baywood, wie mir einmal mein Seliger

das Scalpiren beschrieb und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und

gesund auf dem Kopfe saß, mir zeigte, fiel ich Ihnen wahrhaftig um wie

ein Stück Holz, so ohnmächtig wurde ich -- wenn sie nur nicht scalpiren

wollten! das Andere ließe man sich noch immer gefallen, aber das Scalpiren

ist fürchterlich.«

»Mrß. Smith!« rief da plötzlich Mrß. Rowland, von ihrem Stuhle in Angst und

peinlicher Ueberraschung emporfahrend, denn der Dame Reden, die so ganz

zu dem stimmten, über das sie ja den ganzen thränenlangen Tag getrauert,

trieben ihr das Blut in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr

Herz fast hörbar klopfen.

»Mutter,« bat Rosy, die bestürzt der Leidenden erregten Zustand erkannte

und rasch auf sie zusprang, sie zu beruhigen, »Mutter, es ist ja nur ein

Mißverständniß!«

»Gott bewahre, Mrß. Rowland,« fiel da rasch die Dame ein, »ich glaubte ja

gar nicht, daß Sie es hören würden; nein, an's Scalpiren wird er nicht

mehr denken, wenn er das auch früher gethan hat, denn das lassen die

erschrecklichen Menschen nun einmal nicht -- es sind ihre Sieges-Trophäen,

wie sie's nennen --; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren, was guter

und echter Christen Pflicht ist -- nein, es ist doch ein herrlicher Mann,

dieser Mr. Billygoat.«

»Mrß. Smith,« sagte die Kranke leise, und die Hand, die Rosy zurück schob,

zitterte wie in Fieberfrost, »_wer_ wird nicht mehr an's Scalpiren denken?

_wer_ trägt die Farben und Abzeichen der Wilden -- _wer_ -- großer Gott,

die ganze Stube dreht sich mit mir -- _wer_ war verloren -- zwanzig Jahre

-- und ist -- und ist wieder gefunden?«

»Aber, liebe Mrß. Rowland,« lächelte gutmüthig die würdige Kaufmannsfrau,

»was thun Sie denn nur gegen _mich_ so geheimnißvoll? ich weiß ja die ganze

Geschichte -- ist denn nicht jetzt eben Tom Fairfield fort geritten, ihn

zu holen? Ich weiß nur noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den Namen

konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's aber nicht wollen, will ich ja

auch wahrhaftig mit keinem Menschenkinde ein Wort darüber wechseln.«

»Tom Fairfield fort, ihn zu holen -- bei welchem Stamme?« wiederholte

die alte Frau mit zitternder, halblauter Stimme und preßte sich die Stirn

zwischen die eisigen Hände -- »heiliger Gott! träume ich denn, oder bin ich

wahnsinnig geworden in Kummer und Gram?«

»Nein, ist mir so eine Frau schon vorgekommen!« sagte Mrß. Smith

kopfschüttelnd, aber jetzt doch auch durch die Aufregung der Kranken etwas

besorgt gemacht.

Rosy schrak empor -- eine Ahnung dessen, was geschehen, was vielleicht

im Werke sein konnte, zuckte ihr durch den Sinn, und einen Blick auf die

unglückliche alte Frau werfend, winkte sie ängstlich Mrß. Smith zu und bat

sie durch Zeichen, kein Wort weiter von dem Begonnenen, was es auch sei,

zu erwähnen. Aber es war zu spät: ehe des Händlers Frau verstand, was sie

sollte, oder ehe sich Rosy zu ihr überbiegen konnte, sie mit Worten darum

zu bitten, hob Mrß. Rowland wieder den Kopf, und ihr Auge begegnete in

demselben Moment dem ängstlich und bittend auf die Schwatzhafte gerichteten

Blicke der Pflegetochter. Rasch begriff sie dessen Meinung und wurde

dadurch nur noch mehr in der peinlichen Gewißheit dessen bestärkt, was sie

nicht einmal auszusprechen wagte, weil sie selbst dadurch schon den

Zauber zu zerstören fürchtete, der ihr jetzt wie in einem süßen, wenn

auch ängstlichen Traume die Sinne förmlich gefesselt hielt. Wie aber der

Wahnsinnige schlau die Wachsamkeit seines Wächters zu täuschen weiß, so

benutzte auch die Kranke mit fast convulsivischer Hast die Gelegenheit,

der geschwätzigen Frau das Geheimniß, das für sie Tod oder Leben enthielt,

abzulocken.

»Sie haben Recht, Mrß. Smith,« sagte sie und versuchte dabei, mit der

Qual im Herzen, zu lächeln; »wir brauchen Ihnen nichts, gar nichts mehr zu

verheimlichen.«

»Sehen Sie, beste Mrß. Rowland,« rief die Dame jetzt völlig beruhigt, in

triumphirender Freude aus, »das habe ich Ihnen ja auch gleich vom Anfange

an gesagt; aber mein Mann ...«

»Und Tom Fairfield -- ist ausgegangen -- ihn -- ihn zu holen -- hierher

nach Boonville zu holen.«

»Liebe, beste Mutter,« bat Rosy in ihrer Herzensangst, denn sie fürchtete

nicht mit Unrecht die bösen Folgen, die solche Aufregung für die Kranke

haben mußte.

»Laß nur, mein Kind -- laß nur,« beruhigte sie aber die Leidende, »mir ist

jetzt vollkommen wohl -- recht wohl, Rosy -- und Tom Fairfield, Madame ...«

»Nun der kann doch wahrhaftig nicht lange mehr bleiben; aber -- nicht wahr

-- er soll ihn mitbringen?«

»Ihn? ja -- ja wohl -- nicht wahr -- Sie -- Sie meinen doch ...«

»Nun, Ihren Sohn!«

»_Ha!_« schrie die alte Frau mit einem Laut, der den Beiden durch Mark und

Seele schnitt -- Rosy warf sich augenblicklich über die zusammenbrechende

Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme: »O, Mrß. Smith, was

haben Sie gemacht, Sie haben sie getödtet!« Und diese würdige Dame stand

im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch begriff sie den ganzen

Zusammenhang nicht, und nur der Gedanke begann allmählich in ihr zu

dämmern, daß sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen Streich gemacht

und sich selbst in eine äußerst fatale Sache hinein gearbeitet habe.

Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklärung bestätigt, und als sie

erfuhr, daß sie beide die Ursache von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht

gewußt und über den Zweck seiner Sendung keine Ahnung gehabt, war sie außer

sich. Sonst von Herzen seelengut, und gewiß die Letzte, die irgend einer

ihrer Nachbarinnen -- und nun noch besonders der wackeren, unglücklichen,

_kranken_ alten Frau -- mit Willen weh gethan hätte, wurde ihr der Gedanke

unerträglich, durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht genug

verwünschen konnte, solches Unheil angerichtet zu haben. Sie wich nun auch

nicht von Mrß. Rowland's Seite, that alles, was in ihren Kräften stand,

Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht eher, als bis

sie sah, daß sich die Ohnmächtige wieder erholt hatte und, aus Erschöpfung

wahrscheinlich, in einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war.

Wunderbar war die Veränderung, die, nachdem sie sich wieder erholt, mit ihr

vorgegangen schien. Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehörte das

Schlimmste befürchtet und deshalb auch mit klopfendem Herzen der Mutter

Erwachen beobachtet -- dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die

Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das Geschehene vergessen,

sondern fing selbst wieder zuerst davon an, indem sie fragte, ob Tom mit

_ihm_ noch nicht zurück gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das Ganze noch

ausreden und meinte, es seien ja doch nur Vermuthungen der Frau -- einzelne

Worte, welche sie hinter der Thür erhorcht und die wahrscheinlich etwas

ganz Anderes bedeutet hätten. Mrß. Rowland bat sie aber ruhig, ihr nicht

durch solche freilich gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr

die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz jetzt noch auf dieser

Welt hange und mit deren Zerstörung es ebenfalls, wie sie das recht gut

fühle, zu Grunde gehen müsse. Sie war dabei so gefaßt, sprach so vernünftig

über das Selige und Schmerzliche des ersten Begegnens, daß es Rosy'n, dem

armen Kinde, ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht los

werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein übernatürlich erregter, und

ihr Körper werde jetzt nur auf kurze Zeit von dem stärkeren Geiste aufrecht

gehalten.

Wie dem aber auch war, Mrß. Rowland blieb den ganzen Tag so still und

gefaßt, erkundigte sich mehrere Male, ob _sie_ denn noch nicht gekommen

seien, und ließ es sich von Rosy fest versprechen, ihr nun, da das

doch nichts mehr helfen könne, auch die Ankunft der Beiden nicht zu

verheimlichen -- nur den Namen vermied sie zu nennen -- das Wort Sohn war

noch nicht über ihre Lippen gekommen.

So mochte es fünf Uhr Nachmittags geworden sein. Mrß. Smith hatte schon

mehrere Male nachgefragt, wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder,

wohl zum zwanzigsten Mal, über ihr ungeschicktes Benehmen am Morgen

entschuldigt, als es wieder an die Thür klopfte und Mrß. Rowland mit einem

kaum unterdrückten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn als sich die nur

angelehnte Thür öffnete, trat Tom Fairfield herein, aber -- allein.

Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein Wort sprechen konnte --

streckte ihm Mrß. Rowland mit stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen

und rief mit vor innerer Bewegung kaum hörbarer Stimme: »Wo ist _er_?«

»Um Gott!« sagte Tom erschreckt und sah Rosy an, »woher weiß Ihre

Mutter ...«

»Wo ist _er_? Tom, wenn Ihr mich tödten wollt, so zögert mit der Antwort.«

»Sie weiß Alles,« bestätigte Rosy unter Thränen, und Tom, der bald fand,

daß es aller der von ihm für nöthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht

mehr bedürfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch wen sie es

erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens vor allen Dingen in so weit,

daß er ihr versicherte, er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht, und

er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute Abend sammeln und

vorbereiten, daß er ihr denselben morgen früh herüber bringen könne.

Davon wollte die Mutter aber nichts länger hören -- »morgen? -- weshalb

nicht heute? -- jetzt? War sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen

sein würde? sicherlich nicht -- die lange Nacht der Erwartung würde ihre

Kräfte nur abspannen, und jetzt, jetzt wollte sie den so lange Jahre

beweinten Knaben sehen -- nicht morgen.«

Vorstellungen halfen nichts, und da auch Tom selber fühlen mochte, wie

Recht sie unter diesen Umständen habe, versprach er, ihr den Sohn in einer

halben Stunde zu bringen, und bat sie nur, dann hübsch ruhig und gefaßt

zu sein und sich nicht, damit ihr das nicht schade, zu sehr von ihrem

mütterlichen Gefühle hinreißen zu lassen.

Indessen war Mr. Smith daheim schon emsig beschäftigt, aus dem bei ihm

eingeführten _Wilden_, der sich nach mehreren, von Mrß. Rowland schon

früher und oft bezeichneten Merkmalen wirklich als der verloren gegangene

Sohn herausstellte, wieder einen anständigen weißen Menschen zu machen.

Vor allen Dingen wurde ihm die bunte Farbe abgewaschen, mit der er sein

Angesicht noch viel mehr als die Indianer selber bestrichen hatte, um

die weißere Haut nicht durchschimmern zu lassen; dann mußte er zu seinem

anscheinenden Leidwesen allen Schmuck ablegen, mit dem er sich behängt

-- besonders alles beseitigen, was an Scalpe und andere dem ähnliche

Entsetzlichkeiten erinnerte, und zuletzt noch -- und er stellte sich

ungeschickt genug dabei an -- in »menschliche Hosen,« wie sie Smith nannte,

und nicht in solch oben abgeschnittene Dinger, die gerade da aufhörten, wo

anständige Hosen erst recht anfangen sollten, hineinfahren. Auch Weste und

Rock, Hemd und Schuhe bekam er nun. Wenn er aber auch mit Allem so ziemlich

einverstanden schien, oder es wenigstens ohne Widerstand über sich ergehen

ließ, so warf er doch die letzteren augenblicklich wieder ab, weil sie

ihn drückten und er die Füße darin nicht vom Boden heben konnte, und

verschmähte auch auf das hartnäckigste den schönen schwarzen Seidenhut,

den ihm Smith schon mit wirklichem Behagen auf das zottig dunkelbraune Haar

gedrückt hatte. Jeder Ueberredung hielt er standhafte Weigerung entgegen,

und es blieb zuletzt nichts übrig, als ihn mit bloßem Kopf und barfuß

seiner Mutter zuzuführen.

Das Wort _Mutter_ war aber auch der einzige Zauberspruch, der ihn aus

seinem wilden freien Leben hierher geführt hatte in das »Dorf der Weißen«

-- _Mutter_, der Klang tönte ihm wie eine in der Kindheit gehörte und lang'

vergessene Harmonie leise, aber mit solcher süßen Gewalt durch die Seele,

daß er alle seine Herzensfibern erbeben fühlte, und nicht zurückbleiben --

dem Himmelslaute folgen mußte.

Und jetzt stand er vor der Thür, die ihm die weißen Männer an seiner Seite

bezeichnet, und scheu wandte er nach rechts und links den Kopf, als ob

er dem Augenblick, den er mit klopfendem Herzen herbeigesehnt, nun, da er

endlich erschienen, rasch und ängstlich entfliehen wolle. Krampfhaft und

wie Hülfe suchend, erfaßte er den Arm Tom's, der dicht an seiner Seite

ging, und er schämte sich, daß ihn das »Bleichgesicht« in solcher Aufregung

sehen sollte -- »Ugh -- wie mich friert,« flüsterte er leise und zog sich

den Rock vorn, wie er das früher mit seiner Decke gewohnt gewesen, fest

über der Brust zusammen.

Und drinnen im Hause saß, mit von innerer Aufregung frisch gerötheten

Wangen und lebendigen, glänzenden Augen, die Matrone und hielt der Tochter

Hand fest in der ihrigen, daß diese sie jetzt, nur jetzt nicht verlasse;

denn draußen hörte sie Schritte -- Stimmen, und in athemloser Spannung

lauschte sie den Tönen, ob sie -- heiliger Gott, wie ihr das Herz pochte!

-- die Stimme des Kindes -- des Sohnes nicht zu unterscheiden vermöge.

Und jetzt -- jetzt öffnete sich die Thür, in die mit höflicher,

freundlicher Verbeugung der Händler trat, und hinter ihm -- Mrß. Rowland

sah die freie männliche Stirn Tom Fairfield's und -- an seiner Seite --

einen braunen, unbedeckten Kopf -- sie richtete sich in ihrem Stuhl auf

-- alle Schwäche der Krankheit hatte sie verlassen, stark und allein stand

sie, von Niemand gehalten, von Niemand unterstützt.

»Meine gute Mrß. Rowland,« sagte Smith; aber die Mutter sah nicht den

Fremden, der sich zwischen sie und ihr Kind stellte.

»Mein Sohn -- mein Sohn!« rief sie, die Arme streckte sie sehnend, bittend

nach den Männern aus, und jetzt -- jetzt vermochte auch der Halbwilde

nicht länger zu schweigen -- er riß sich von Tom, der ihn noch zurückhalten

wollte, los, schob den Händler bei Seite und flog mit raschem Sprung und

dem leise -- jubelnd gerufenen Laut: »Mutter!« in die Arme der alten Frau.

Fest, fest hielt ihn diese umklammert, fest, als ob sie ihn im Leben nicht

wieder loslassen wollte; aber ihre Kräfte schwanden auch in der einen

Empfindung seligen Entzückens, und nur noch durch die Arme des Sohnes

fühlte sie sich gestützt, gehoben.

»Mein Sohn, mein Kind!« rief sie schmeichelnd, als er sie endlich leise auf

den Stuhl zurückgleiten ließ und, halb unwillkürlich, halb von ihr gezogen,

vor ihr auf die Kniee niedersank -- »mein liebes, liebes Kind! Und

doch endlich den Verlornen wieder gefunden -- doch jahrelange Sorge

und Schmerzen noch belohnt bekommen, ehe das flüchtige Leben den alten

schwachen Körper verließ -- mein theures, theures Kind!«

John blieb lange und schweigend in ihrer Umarmung, und es war fast, als ob

er sich schäme, von den »weißen« Männern so schwach und weibisch gesehen

zu werden -- wenigstens warf er den Blick, als er endlich den Kopf erhob,

scheu im Zimmer umher -- aber er war allein mit der Mutter. _Alle_ hatten

das Zimmer verlassen, selbst Mrß. Smith, die jetzt, da ihre Voreiligkeit

weiter keine bösen Folgen gehabt, wieder guten Muthes hergekommen war,

dem Wiedersehen beizuwohnen; sie wurde aber, sehr wider ihren Wunsch und

Willen, von Mr. Smith freundlicher als das sonst gewöhnlich geschah, unter

den Arm gefaßt und zur Thür hinaus begleitet.

Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser hatte bald auch die letzte

Scheu überwunden und saß jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand

und nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den süßesten, sanftesten

Namen, die er finden konnte.

Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und als sie sich beide

vollkommen gesammelt hatten, traten die Uebrigen wieder ein, und Tom mußte

jetzt vor allen Dingen erzählen, wie er den Verlorenen gefunden und ihn

bewogen habe, mitzukommen. Er that das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten

und Umrissen.

Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage nach seiner Abreise von

Boonville schon erreicht und dort augenblicklich seine Nachforschungen

begonnen, aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von Krieger noch

Häuptling erhalten -- theils stellten sich alle, an die er sich wandte, als

ob sie seine Sprache nicht verstehen könnten, theils läugneten sie, irgend

etwas von einem Weißen in ihrer Nation zu wissen. Aber gerade dieses

Läugnen bestärkte den Amerikaner nur mehr und mehr in dem Glauben, daß

diese nicht die Wahrheit sprächen; denn Einige sahen ihn erstaunt an, als

ob sie nicht begreifen könnten, wie er das erfahren hätte, Andere wurden

verlegen und sagten, sie wüßten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal

früher einer bei ihnen gewesen, -- bis er endlich einen Halb-Indianer,

einen canadischen Franzosen traf, der ihn rasch auf die richtige Spur

brachte. Noch an dem nämlichen Abend führte er ihn in das Dorf, wo sich

der »weiße Hirsch,« wie sie ihn nannten, aufhielt, und wenn dieser auch im

Anfang gar keinen Verkehr mit dem »Bleichgesicht« haben wollte, ja, sich

sogar hartnäckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm zu sprechen, so ließ

er sich doch zuletzt wenigstens willig von dem Dorf der Weißen erzählen,

und fing sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu lauschen, als

dieser ihm von der Mutter sagte, die daheim in Sorge und Kummer so lange

Jahre sehnsüchtig seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres Kindes

gehofft habe. Besonders und ordentlich auffällig erschütterte ihn aber

Tom's Rede, als dieser -- wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen

ließ, ihm zu folgen -- endlich ausrief: »Und so will denn der weiße Hirsch,

daß seine kranke alte Mutter daheim _allein_ dem Grabe zusiecht und keinen

Sohn hat, der ihren Wigwam deckt -- ihr Wild jagt und das erlegte bereitet,

sie zu stärken? Sollen _Fremde_ ihr Grab graben, daß nicht Wolf und

Aasgeier ihre Gebeine entheiligen?« -- »Ugh!« hatte er da ausgerufen --

»weißer Mann hat Recht -- weißer Hirsch böser Sohn« -- und in die Höhe

sprang er, und eilte hinaus in den Wald.

Tom Fairfield war aber nicht wenig bestürzt, als der »weiße Hirsch« am

nächsten Morgen verschwunden und auch nirgends aufzufinden war; Hütte bei

Hütte durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort, manche finstere

Drohung ertrug er, wenn er vielleicht den Wigwam eines den Bleichgesichtern

feindlich gesinnten Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die Hoffnung,

den Entflohenen für jetzt wieder zu finden, als ganz trostlos aufgeben und

eben sein Pferd besteigen, um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier seinen

Wigwam aufgeschlagen, zurück zu kehren, als plötzlich der Verschwundene

völlig gerüstet wie zu Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen

Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten. Allerdings wollten

sich dem jetzt Einige des Stammes widersetzen und nicht dulden, daß der,

welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art ihnen wieder entführt

werde. Der »weiße Hirsch« schien aber nicht leicht durch irgend eine

Drohung eingeschüchtert; mit kräftig trotzigen Worten wies er die

Unzufriedenen zurück, und seine Kriegskeule in der Rechten, in der Linken

die Büchse, und das Pferd nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er

unerschrocken durch die Schaar, die ihm auch wirklich Raum gab und keinen

thätlichen Versuch machte, ihn oder seinen Begleiter zurück zu halten.

So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland bog sich liebkosend über der

Mutter Hand hinüber, als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm, sie

die wenigen Tage, die sie noch auf dieser Erde zu leben habe, nie -- nie

wieder zu verlassen.

* * * * *

Ein voller Monat verging so, ohne daß in Boonville irgend etwas Wichtiges

vorgefallen wäre. Wenn aber auch die Matrone in dem Glück, ihr Kind

wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen wie neu geboren und Schwäche und

Krankheit gänzlich zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natürliche

Erschöpfung zurück, die solcher Aufregung auch selbst bei gesundem

Zustand hätte folgen müssen, und sie wurde von Tag zu Tag schwächer und

hinfälliger.

Was John betraf (denn den Namen »der weiße Hirsch« hatte er gleich

von Anfang an abgelegt), so fand sich der in das civilisirte Leben der

»Städter« besser und leichter, als man es wohl hätte erwarten können; er

trug wenigstens die Kleider, die man ihm angelegt -- ja, nach einiger Zeit

selbst Schuhe und einen Hut, aß mit am Tische und mit Gabel und Löffel

und schien sich besonders bei seiner Mutter wohl zu fühlen, bei der er oft

stundenlang, am liebsten, wenn sie schlief, neben dem Bette saß und ihr

still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst war aber kein ganz

gutes Auskommen mit ihm; er war wild und herrisch, wie er das als Krieger

seit seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen, und es jetzt

nur schwer und ungern ablegen mochte.

Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das liebe sanfte Kind übte den

größten Einfluß auf das rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal in

Kleidung, Sitte oder Sprache -- wie das übrigens gar nicht selten geschah

-- in seine alten Gewohnheiten zurücksinken wollte, bedurfte es von Rosy

nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes, seinen Sinn, der in einzelnen

Fällen selbst nicht unbedingt der Mutter nachgab, zu beugen.

Drei Personen lebten aber in Boonville, denen John auswich, wo er nur

irgend konnte, und auf die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine

Art von Haß übertrug. Die erste war unsere gute, aber geschwätzige Mrß.

Smith, die ihn von vorn herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen

gepeinigt hatte, daß er sie ordentlich fürchtete, und einmal sogar

zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht begriff, was ihn auf einmal

anwandle, aus dem Fenster sprang, als jene zur Thür hereintrat.

Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat, der es in seinem heiligen

Eifer für Pflicht und Schuldigkeit hielt, den »armen blinden Heiden« zu

bekehren. Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter große Freude

machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit dessen Worten, und wenn

er auch später nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, still

sitzen zu bleiben, sobald der Prediger -- oder der »Medicin-Mann«[12],

wie er ihn unerschütterlich nannte -- seine Hand einmal auf ihn gelegt

und seine Worte an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so

schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie unterbrach, sondern

ihn ruhig ausreden ließ und mit wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm

zuhörte. Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn er das auch nur

einen Augenblick für wirkliche Andacht hielt -- John haßte den alten

Mann wie die Sünde -- und vielleicht noch mehr -- und durch ihn auch die

Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem blieben beide im Anfang

noch auf ziemlich friedlichem Fuß mit einander, und der Prediger

schien zufrieden, wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und ohne

Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt.

[12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen die Aerzte,

Zauberer und Priester.

Die dritte Person aber war wunderbarer Weise gerade der Mann, der doch

als die Hauptursache und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen

werden mußte -- und zwar Niemand anders, als Tom Fairfield selber. Im

Anfang schienen die beiden jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede

nur erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle Geheimnisse

des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, und John, wenn auch mit

augenscheinlichem Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung, die der

Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen Jäger kennen lernte und

deßhalb achtete, mit ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause

lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto mehr und mehr zog

er sich von ihm zurück, antwortete einsilbig auf seine Anreden, mied seine

Gesellschaft und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen den Prediger

geschah, unfreundlich, wenn er ihm nicht mehr ausweichen konnte.

Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein kam, mehr und mehr überhand,

da sich besonders in letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer mehr

verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten Frau schien in den ersten

Wochen von ihres Sohnes Rückkunft durch die Freude und Aufregung des

Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen Erregung trat

aber auch eine Erschlaffung ein, die bald das Schlimmste besorgen ließ,

und Rosy, das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite der jetzt

fortwährend bettlägerigen Kranken bannte. John verließ das Haus ebenfalls

nur sehr selten und nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen Hirsch

oder Truthahn zu schießen; hatte er aber Fleischvorrath daheim, so schaute

er oft stundenlang in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte

oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige Arbeit, das große

surrende Baumwollen-Spinnrad sachte bei Seite schob und sich mit ihrer

Näherei, die Augen der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte.

Der November war indessen angebrochen, und wenn auch der wundervolle Herbst

-- in dieser seiner schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer --

noch freundliche und selbst warme Tage brachte, so braus'te doch auch schon

manchmal ein recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich in die

buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter. Und wie das Laub erstarb, wich

auch die Kraft, das Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange Jahre

hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, dem Leiden die

Stirn geboten -- jetzt, mit der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz

Gefühlen, die zu mächtig für es waren und zu erschütternd. Wie der Saft aus

dem Laub und dem Stamm der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch

der Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag fühlte sie mehr das

Herannahen ihrer Auflösung.

Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, denn ihrem Scharfblick

entging es keineswegs, wie der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte

Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner neuen Umgebung fühle.

An der Mutter hing er, ja -- und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die

stark genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu entziehen, bannte es

ihn an ihr Lager, und ließ ihm nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald,

seiner sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, wenn sie einst

hinüber gegangen und damit auch das Band zerrissen war, das ihn jetzt

noch an das civilisirte Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn auch

später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau einzig und allein in der

Vereinigung ihrer Pflegetochter mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in

der letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen und jetzt ordentlich

und ehrlich um Rosy's Hand angehalten hatte. Bei diesen Beiden konnte John

bleiben -- in ihnen fand er stets treue und liebende Geschwister, und ihnen

gelang es auch gewiß, den Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen

Leben unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst Rosy's wegen war

es gut, vielleicht nöthig, daß sie versorgt ward und eine männliche Stütze

hatte, ehe sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland wünschen,

ihre Vereinigung so bald als möglich bewirkt zu sehen.

Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht, die er aus der Mutter

Mund erfuhr, auf John machte -- keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick

hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den er gegen die leichten

Moccasins hatte vertauschen müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob

er sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine Pflegeschwester einen

so wackeren Schützer bekäme, der sie gegen die Stürme des Schicksals

schirmen und wahren könne.

»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise, und als ob er die Antwort

schon eigentlich vorher wisse.

»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und Rosy glaubt glücklich mit

ihm zu werden.«

»Gut -- John freut sich,« sagte der junge Mann, stand auf und verließ das

Zimmer -- kehrte auch den ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis

spät in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein Pony schwer mit Wild

beladen, zurückkehrte und, ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen,

von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.

Von dem Tage an war John wie ausgewechselt -- sonst still und friedlich,

wurde er mürrisch und zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und

Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht selten seinem wilden

Muthwillen bei allen denen freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten

oder sonst durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten. Gegen die

würdige Mrß. Smith zeigten sich diese Launen gewöhnlich nur neckischer Art;

hatte sie ihn einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um etwas

gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, es wurde ihr Abends,

wenn sie ihr Essen kochte, irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin

in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, wenn sie nach

Dunkelwerden auf ihrem gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr

dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich mit einem

lauten Aufschrei in die Höhe fuhr -- oder die Hühner flatterten Nachts

gestört umher, und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, wo sie

weder Eule, noch Opossum geholt haben konnte.

Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, bei dem es jetzt, seiner

Meinung nach, Ehrensache wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren. War

es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden« so zu fassen, daß er ihm

nicht mehr entrinnen konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche

Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing John auf einmal an,

grimmige und entsetzliche Gesichter zu schneiden, fletschte mit den Zähnen,

rutschte und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger immer näher und

schrie ihm vielleicht zuletzt noch den gellenden Schlachtschrei der Konzas

so nahe und scharf in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem

Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das Hohnlachen des Heiden

hören mußte. Nach jeder solcher Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest

darauf verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein Schwein abhanden

kam, oder seine Fence an irgend einer Seite eingerissen und die Heerde in

die Felder getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal geschah, eine

heimliche Kugel seine beste Kuh traf und tödtete.

Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter zu Rede, so machten sie

die Sache dadurch nur noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann

schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß, als eine Plage zu

betrachten, die man sich herzlich freuen würde, so bald als möglich wieder

los zu werden.

Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom Fairfield, so feindlich gesinnt er

ihm sonst auch immer sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte;

ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, als er ihn zufällig auf

der Jagd traf, oder auch vielleicht durch seinen Schuß herbeigelockt war,

auf die aufopferndste Art das Leben.

Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville einen alten Bären beim

Lappen[13] getroffen, aber, durch eine rasche Bewegung desselben verleitet,

einen übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene und gereizte Thier

mit Blitzesschnelle auf den Hals brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm

wirksamen Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, einen Knochen

treffenden Stoß, und wer weiß, ob er nicht von der Bestie, wenn auch nicht

getödtet, doch gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht John in dem

Augenblicke, da er aus Furcht, den Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu

schießen, mit keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und diesem sein

Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er sich wohl noch gegen seinen

neuen Gegner wenden konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren

Blutverlust schon erschöpft, todt zusammenbrach.

[13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen

Früchten und Beeren naschen gehen.

Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte ihm mit herzlichen Worten

die Rechte entgegen -- der aber wandte sich knurrend ab und verschwand,

sich nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd, rasch im nahen

Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein Wort davon, nur als Tom heimkam und

den Hergang erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden Augen die Wangen

streichelte, und Rosy unter Thränen seine Hand nahm und ihn ihren lieben,

lieben Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange nicht gewesen,

und an dem Tage wäre vielleicht selbst Vater Billygoat ungestraft bei einem

neuen Angriff weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht schon seit

längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den heidnischen Wilden, der eigenen

Schweine wegen, seinem Schicksale zu überlassen.

So standen die Sachen, als sich die Kranke eines Tages recht schwach und

unwohl fühlte -- ihre Kinder wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John

besonders saß neben dem Lager und hielt der Mutter Hand fest, fest in der

seinen. Aber der Sand war abgelaufen, welcher der Leidenden auf dieser

Erde zugemessen -- die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe Gebäu ihres

Körpers zusammen gehalten.

»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem Lager gegenüber stand und

der rothe schimmernde Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein,

ach! trügerisches Leben zu verleihen schien -- »Rosy -- Tom -- mir wird

so wunderleicht und wohl -- die Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich

sonst so bleiern an mein Lager bannten -- ich glaube, der Tod naht -- ach!

dann ist es schön, zu sterben -- aber -- Euch lasse ich noch unvereinigt

hier zurück, und mein Kind -- meinen John, in Eurem Schutze -- versprecht

mir -- versprecht mir, ihn stets -- als Euren Bruder zu lieben.«

»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz an der Schulter der

Sterbenden.

»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte Tom mit tiefer Rührung

-- »ja, nicht theurer konnten ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er

es jetzt schon ist -- John soll nie einen anderen Freund brauchen, so lange

noch ein Tropfen Lebenssaft in diesen Adern quillt.«

»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter, »wird Dir das Grab der

Mutter so theuer sein, als es die Lebende war?«

John hatte augenscheinlich einen harten Kampf mit sich gekämpft -- er

schämte sich, in der Gegenwart eines anderen Mannes zu weinen oder

irgend eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos, die Blicke

unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; jetzt aber, bei der directen

Anrede an ihn, wo ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, daß das

theure Leben nur noch wenige Minuten in der alten lieben Hülle weilen werde

-- jetzt konnte er sich nicht länger halten -- am Bett fiel er nieder auf

die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden Decke, und sein ganzer

Körper zitterte von der Allgewalt des Schmerzes, der in ihm tobte.

»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre Hand ruhte segnend auf dem

Haupte des Sohnes -- »guter -- lieber John!«

»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein eigenes Zucken im Gesichte

der Kranken -- ein eigenes Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr

schnell empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf das liebe

Antlitz.

»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen Thränen netzten seine

sonngebräunten Wangen: »meine liebe Mutter! und Du gehst?«

Die Sterbende antwortete nicht mehr -- der letzte Druck der Hände galt

noch dem Kinde -- der Tochter -- ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden

Tagesgestirn, und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden

Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die treuen Augen auf immer.

* * * * *

Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo

früher seines Vaters Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene -- sie

hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner des kleinen

Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den

rauschenden schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort draußen drei volle

Tage und Nächte, und als er endlich zurückkehrte, war er ernst und traurig

und schien sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. Sanft wie

ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er

freundlich, so freundlich, daß er den armen Mann im Anfange mehr damit

erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der schon nicht anders

glaubte, als daß dies nur eine andere Maske sei, unter der er neue Streiche

auszuführen gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt -- John blieb sich

immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nähe ihm

früher so unendlich wohl gethan.

Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner

Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht

mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei,

zündete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frühstück; dann aber mied

er Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte sie, wie er von außen

in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret

genug schaffte er dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach

indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte Decken für sie; aber nicht

daheim that er das, sondern im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und

nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens,

brachte.

So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang' und heiß ersehnte Tag der

Verbindung zwischen ihm und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle

Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. In festlicher

Procession zogen die Glücklichen nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's

Haus, und heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen

Schaar.

An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit wieder so freundlich gewesen

war, wie in den ersten Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine

wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der heiligen feierlichen

Handlung; als aber die Braut das schüchterne und doch so herzfreudige Ja

gesprochen -- als der _Gatte_ sie leise, leise an sich zog und sie das in

holder Schaam übergossene Antlitz an seiner männlichen Brust barg -- da

glitt er unbemerkt und geräuschlos aus dem Zimmer -- aus dem Hause und über

die Straße hinüber in sein eigenes kleines Gemach.

Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer Wohnung brachen lichte Strahlen,

und muntere Violintöne schallten die stille Straße herab; in Hornpipes

und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen amerikanischen oder von

England herüber gebrachten Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare;

munter ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das Lachen oft die

schallenden Geigenklänge.

Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der jetzt schon recht ingrimmig

die laublosen Zweige schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den

Tomahawk im Gürtel und die Decke auf dem Rücken, ein Jäger, und wollte

schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen Hause, als der silberreine Ton

einer lachenden Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte einen

Augenblick und näherte sich dann dem Hause; an der Fenz schwang er sich

hinauf und schaute viele Minuten lang still und ernst durch das kleine

offene ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten Raum,

auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin, die in dem engen Gemach sich

lachend und tanzend hin und herbewegten. Glück und Freude lag auf _allen_

Gesichtern auf die sein düsterer Blick fiel, aber von allen ab schweifte er

unbefriedigt, das _eine_ von allen denen zu erkennen das --

Ha -- da trat Rosy in den Kreis -- die frohe junge Frau an des _Gatten_

Hand, und das Licht der Lampen fiel hell und voll auf die lieben Züge des

jungen Weibes.

Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden Gestalt, aber kein Laut

entfloh seinen Lippen, keine Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes

Zucken seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die Bewegung die in

ihm kämpfte.

Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber auch fast seiner unbewußt,

dort hinüber, wo er jetzt Alles zurückließ, was ihm noch lieb auf dieser

Welt war, und ihn wohl hätte an ein ruhiges friedliches Leben fesseln

können -- dann stieg er langsam wieder nieder und warf die Büchse auf die

Schulter.

Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die alte Ruhe wieder gewonnen

-- die wollene Decke, die über seine Schultern hing, zog er fest um sich

her, und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab vorüber gen Westen

führte, verschwamm seine dunkle Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit

den der Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.

Und wohin führte sein Weg?

Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den Konzas war er nicht

zurückgekehrt, denn wenige Wochen später kam von dorther der canadische

Franzose, der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht, und wußte

nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im Frühjahr selbst noch einmal den Stamm

-- doch konnte ihm Niemand Kunde geben vom »weißen Hirsch« -- er war und

blieb spurlos verschwunden.

Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. Gesammelte Erzählungen · 第 14 / 21 题