Deine Mutter.«

Louise saß lange, lange auf ihrem Bett und starrte auf den Brief nieder;

-- wieder und wieder überflog sie die Zeilen, preßte sich die fieberheiße

Stirn zwischen die kleinen kalten Hände und blieb dann auf's Neue in dem

Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr Herz dringenden Worte verloren.

Endlich brach sich der nicht länger dammbare Schmerz Bahn -- sie ergriff

das Bild, preßte es unter einem heißen Thränenstrom an die Lippen und sank

dann, mit dem leise und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut »zu spät -- zu

spät, -- nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter für ewig verloren!«

auf ihr Lager zurück.

* * * * *

Wir wollen einen Zeitraum von fünf Monaten überspringen, und wiederum bitte

ich den Leser, mit mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen,

der von der äußersten Grenze Bayou Sarahs aus, bis zu den ersten Häusern

des kleinen Städtchens Francisville hinaufführt.

Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen, da, wo das breite starke

Reck die hereinkommenden Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und

indessen einen kühlen Trunk zu thun, steht noch das freundliche, weiße Haus

mit den Jalousien und der breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der

gastlichen Bank vor der Thür, aber das Schild -- wo ist das Schild hin, das

mit den großen goldenen Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes

trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die Leckerbissen und

Delikatessen in güldenen Worten aufzählte? Ach lieber Leser, in dem Hause

sieht's jetzt gar bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen

Haken losgerissen, die Wände und Stuben leer und verlassen. Wo sonst das

gemüthlich stille Stübchen war, da lag jetzt Stroh, einzelne Stückchen

Packleinewand und kurze Bindfaden, während in der unteren Stube und in

dem Schenklokale gescheuert und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine

Familie aus, eine andere eingezogen sei. Und das war auch so, denn traurige

Veränderungen hatten in der selbstgegründeten Heimath unseres wackern

Deutschen stattgefunden.

Als Schwabe damals ohne sein Kind zurückkehrte, und die arme Mutter nach

und nach die ganze schreckliche Wahrheit erfuhr, ja erfahren mußte, da

warf sie der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das Krankenlager und

ein schweres Nervenfieber bedrohte ihr Leben. Freilich siegte die sonst

kräftige Natur der Frau endlich über den rüttelnden Tod, der frohe Muth war

aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie, einer Leiche ähnlicher als

einem lebenden, fühlenden Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde immer

trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachläßigte seine Kunden und

sein Geschäft, denn es machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen

stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und dieselbe Ecke stieren.

Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner Frau Krankheit beschäftigte ihn

auch in der ersten Zeit viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich

aber sah er doch wohl ein, daß er so nicht länger fortbestehen könne.

Hier -- ja hier hatte er ein hübsches Besitzthum, das ihn nährte, es

ging ihm gut, und nichts fehlte ihm, was er zu körperlichem Wohlbefinden

gebrauchte, was aber half ihm dies Alles, wenn trotzdem ein ewiger

unvertilgbarer Wurm an seinem Herzen nagen sollte -- wenn er die Frau in

Sehnsucht nach ihrem Kinde hinsterben sah, und sich selbst am Ende noch

Vorwürfe, und gegründete Vorwürfe machen mußte. Denn wie lange, wie viele

Jahre hatten sie sich Beide nicht um die Tochter gekümmert, und konnte

ihnen das jetzt in ihrem eigenen Gewissen zur Entschuldigung dienen, daß

sie das Kind bei den wohlhabenden Leuten besser aufgehoben geglaubt, als es

bei ihnen selbst der Fall gewesen? Nein, denn die Ueberzeugung, die Schwabe

jetzt und besonders durch des Brauers Worte erhalten, sagte ihm, daß

sich sein Mädchen dort vielleicht körperlich, aber keineswegs geistig

wohlbefunden haben könne, wo sie blos als Mittel verwandt wurde, eine

Haushälterin zu sparen und ihren Erziehern von so großem Nutzen zu sein wie

möglich. Und darnach hatte er, der Vater, Jahre lang nicht gesehen, darauf

mußten ihn jetzt erst _fremde_ Menschen aufmerksam machen.

Doch, noch war nicht Alles verloren, noch gab es Gott sei Dank! _ein_

Mittel, seinen Fehler zu verbessern und das Mittel, es war der erste

freudige Gedanke, der ihn wieder durchzuckte, das Mittel hatte er sich

selbst durch seinen eigenen Fleiß erworben und verschafft. Als er hier

in Amerika zu arbeiten anfing, besaß er wenig oder gar nichts; selbst die

Erfahrung fehlte ihm, die man in den Vereinigten Staaten gewöhnlich so

theuer, so ungeheuer theuer erkaufen muß. Jetzt hatte er dagegen lange

Jahre hindurch Erfahrung gesammelt, und kannte die Sitten und Gebräuche des

Landes -- mußte ihm nun nicht, und wenn er auch wirklich noch einmal von

vornherein begann, der Anfang um so bedeutend leichter werden? -- Gewiß!

und sein Entschluß war gefaßt -- es handelte sich hier nur um Geld, das er

besaß, von dem er sich trennen konnte, und seine, seiner Frau Ruhe, seines

Kindes Rückkehr war damit zu erkaufen. Was war es auch weiter, er entsagte

ja nur einem errungenen Vortheil, einer nach und nach zum Bedürfniß

gewordenen Bequemlichkeit und jetzt, da er sich überwunden, ja dem festen

Willen sogar die That augenblicklich folgen ließ und all die hierzu

nöthigen und erforderlichen Schritte that, da begriff er kaum noch, wie

es möglich gewesen, daß er früher auch nur einen Augenblick gezaudert, und

nicht schon lange, ja gleich damals als ihn der erste schmerzliche Schlag

traf, Alles geopfert habe, was ja in diesem Falle nicht einmal ein Opfer

genannt werden konnte, wo es das Glück seiner ganzen Familie, all der

Seinigen betraf.

Er sollte sich auch nicht getäuscht haben, seine Frau schien mit diesem

Entschluß des Vaters neue Lebenskraft zu gewinnen, -- hier öffnete sich ihr

auf einmal die Aussicht, ihr Kind -- das schon als todt beweinte -- wieder

zu gewinnen und fast gewaltsam schüttelte sie von diesem Augenblick Alles

ab, was ihren Geist noch niederdrücken, ihre Seele befangen und ängstigen

konnte. Die Hoffnung war eingezogen in das treue Mutterherz, und mit ihr

wuchs und gedieh auch wieder die Liebe zum Leben, das Vertrauen auf ihres

Gottes Schutz und Güte, der sie in der letzten schweren Zeit ach! fast

verlassen.

Hätte es übrigens noch eines Antriebes bedurft, den einmal gefaßten und

beschlossenen Plan auch auszuführen, so kam der nach etwa vier Monaten

in der Gestalt eines Briefes, von unserem alten Freund, dem Brauer, der

Schwaben noch einmal ernsthaft aufforderte, einen zweiten Versuch zu

machen, sein Kind wieder zu bekommen, wenn es nicht in seinen dortigen

Verhältnissen an Seel und Leib verderben sollte. Die Spielhölle in

Wagners Hause, hatte, seiner Aussage nach, einen so gefährlichen Charakter

angenommen, daß er aus guter Hand wisse, der Magistrat warte jetzt nur noch

auf eine Gelegenheit, ernsthaft einzuschreiten, und Louise müsse dabei

über ihre Kräfte angestrengt werden, denn sie sähe bleich und elend aus und

habe, so oft er nun auch hingekommen sei, immer trübe und verweinte Augen.

Es war hier -- das sah Schwabe aus dem ganzen Brief -- gar keine Zeit mehr

zu verlieren, den Verkauf seines Grundstücks betrieb er also so viel als

möglich, und sandte zu gleicher Zeit den, indessen zu einem wackeren,

braven jungen Mann herangeschossenen Sohn nach dem Westen von Arkansas,

wo er sich, als ehrlicher Farmer am Fuße der Ozark-Gebirge anzusiedeln

gedachte. Carl sollte dort einen Platz aussuchen und vorher irgend eine

kleine Hütte zu ihrem ersten Aufenthalt einrichten, daß sie, so lang die

nöthigsten Arbeiten dauerten, doch wenigstens ein Obdach hatten. Das

Andere fand sich später von selber, und dort, in einem Lande, wo man keine

Ansprüche macht, unnütze Bequemlichkeiten nicht kennt, und sich deshalb

gerade mit dem wenigen, was die Natur bietet, glücklich fühlt, wurde es

ihnen auch leichter zu vergessen was sie einst besaßen, wenn sie nur das

Wenige, _was_ ihnen blieb _mitsammen_ genießen konnten, und sich nicht

immer sagen mußten, Eines fehle noch -- eines von den Ihren, dessen Glück

Gott dereinst von ihnen fordern könne und werde.

Manchmal zwar tauchte auch, selbst in diesen Vorbereitungen, noch das

alte Gespenst der Angst und Ungewißheit auf -- das Kind mag Nichts von den

Eltern wissen -- es liebt Die nicht, die es so lange vergessen und unter

fremden Menschen gelassen haben -- es hat ja nicht einmal mit dem Vater zu

Hause gewollt, obgleich der Mutter fast das Herz darüber gebrochen; aber

die Mutter selber beschwichtigte alle diese Zweifel.

»Daß sie zu Dir nicht gleich Vertrauen fassen konnte, ist natürlich,« sagte

sie unter Thränen lächelnd, »komme ich aber selbst zu ihr hinauf, hat sie

nur einmal am Herzen der _Mutter_ gelegen, dann geht sie von Der auch nicht

wieder fort, und wenn Du sie gleich dazu zwingen wolltest. Bring Du nur die

Geldangelegenheit mit Wagner in Ordnung, befriedige dessen Forderungen, und

ich stehe Dir dafür, wir verlassen Cincinnati so froh und glücklich, als ob

wir dem Reichthum und Ueberfluß entgegen gingen.«

Man glaubt ja so gerne was man wünscht und Schwabe betrieb die Zurüstung

mit allem nur möglichen Eifer; sein Haus hatte er auch bald verkauft, es

lag vorzüglich, war noch neu und in gutem Zustand, da fehlte es nicht

an Liebhabern. Ein Brief von seinem Sohne meldete ihm ebenfalls, daß in

Arkansas, in einer reizenden Gegend und auf gutem trefflichen Lande Alles

vorbereitet und des Pflugs gewärtig sei. Das was er an Gepäck mitzunehmen

wünschte, stand bereit, und von dem, erst kürzlich eingetroffenen Mail-

oder Postboot hatte er ebenfalls gehört, daß noch an diesem Tage der, nach

Cincinnati bestimmte »=Eagle of the West=«, ein rasches wackeres Dampfboot,

eintreffen würde. Dieses wollten sie benutzen, ihr Aufenthalt in Ohio

sollte nicht lange dauern, und in gar kurzer Zeit konnten sie friedlich

-- glücklich mitsammen, in den freundlichen Thälern der herrlichen

Ozarkgebirge ihre Heimath gegründet haben.

Schwabes Frau schien aber mit der neuen freudigen Hoffnung, ihr Kind

nun bald, recht bald wieder zu sehen, auch ein neues und freudiges Leben

eingesogen zu haben; ordentlich verjüngt arbeitete sie nach Herzenslust,

die noch etwa nöthigen kleinen Geschäfte zu besorgen und solche

Vorbereitungen zu treffen, die ihnen den Aufenthalt im Zwischendeck

eines Dampfbootes erleichtern konnten. Da hörten sie plötzlich unten vom

Mississippi aus, eine Glocke und erschraken nicht wenig. Wenn dieß schon

der =Eagle of the West= war, wie kämen sie dann noch, mit allem dem was sie

mitzunehmen wünschten, zeitig genug herunter und an seinen Bord, denn die

Capitäne solcher Boote warten selten lange, selbst auf Cajütenpassagiere,

vielweniger denn auf »=People=«, das im unteren Deck für wenige Dollar

mitfahren will.

Schwabe faßte seinen Hut auf, gab rasch einem jungen Deutschen, einem

Karrenführer, der mit seiner _Dray_ gerade in der Nähe hielt, die nöthigen

Anweisungen, Frau und Koffer, so schnell ihm das irgend möglich sei,

nachzuschaffen und eilte dann selber mit flüchtigen Schritten voran, um,

wenn er das irgend vermöge, das Boot aufzuhalten und noch mit fortzukommen.

Kaum erreichte er aber den äußersten Stand des steilen Hügels, auf welchem

St. Francisville steht, und von dem aus er das dicht am Mississippi

liegende Bayou Sarah wie den ganzen Strom überschauen konnte, als er den

weiß aufsteigenden Dampf des unten gelandeten Bootes bemerkte, der eben

wieder durch die ='scape pipe= auspuffte -- gleich darauf wandte sich der

Bug vom Lande ab, schwenkte nieder, und ging -- den Strom hinunter.

»Gott sei Dank« murmelte Schwabe leise vor sich hin und wandte sich langsam

gegen sein Haus zurück, »ich glaubte schon, wir hätten das rechte versäumt,

und müßten noch ein paar Tage länger warten.«

Die Sachen schickte er übrigens ohne weiteres an die Landung, denn um

keinen Tag mehr zu versäumen, wollte er gar nicht wieder nach Louisiana

zurückkehren, sondern gleich von Cincinnati aus, ein für den Arkansas

bestimmtes Boot benutzen.

Die Dray war um die Biegung der Straße und den Berg hinunter, verschwunden,

Schwabes aber gingen noch einmal in's Haus zurück; theils um zu sehn, ob

sie in dem ersten eiligen Aufbruch Nichts vergessen hätten, und dann auch,

um ruhigeren Abschied von dem Ort zu nehmen, der bis jetzt ihre Heimath

gewesen und den sie nun für immer, auf nimmer Wiederkehren, verlassen

sollten. Den armen Leuten zuckte es dabei recht durchs Herz -- erst beim

Scheiden findet man ja nur zu oft, wie lieb man, bis dahin vielleicht nur

gleichgültig betrachtete Räume und Gegenstände gehabt hat -- der Gedanke

aber an ihr Kind, das sie sich mit diesem Opfer zurückerkauften, nahm aber

solchem Gefühl alles Bittere -- sie sprachen kein Wort, sie standen nur

lange und schweigend neben einander und drückten sich endlich, als Schwabe

leise zum Aufbruch mahnte, still und herzlich die Hände.

»So komm denn, mein liebes Weib,« bat der Deutsche und zog sie sanft der

Thüre zu, »komm und mache Dir nicht gar zum Abschied noch trüben Sinn;

denke, daß wir das Alles ja nur zurücklassen, um mit unserem Kind wieder

vereint zu leben.«

»Trüben Sinn,« lächelte die Frau unter Thränen, »glaube das ja nicht,

Schwabe, kein trüber Sinn ist's, der mir das Wasser in die Augen treibt,

nein, in der Seele wohl thut's mir, _daß_ ich gerade so ruhig und freudig

von dem Ort fortgehn kann, den ich schon bis an mein einstiges Ende zu

behalten geglaubt, stolz bin ich darauf, wenn ich --« sie horchte einem

Geräusch das unten im Hause laut wurde --

»Es ist Nichts -- wahrscheinlich die Packer, die ihr Geräthe mitnehmen,«

sagte Schwabe.

»Sie müssen oben sein« berichtete die Stimme eines Nachbars, die

Schwabe kannte, irgend jemand Fremden, »ich habe sie erst vor kaum einer

Viertelstunde hinaufgehn sehn, und sie sind noch nicht wieder herunter

gekommen.«

Ein leiser Dank wurde erwiedert, und gleich darauf knarrte die hölzerne

Stiege; Schwabe wandte sich der Thür zu, die sich in demselben Augenblick

öffnete. Ein junges Mädchen trat herein. --

»Heiliger Gott!« schrie der Deutsche und fuhr erschreckt empor --

»Louise!« --

»Louise?« stöhnte kaum hörbar die Frau -- »unser Kind?«

»_Mutter -- Mutter_« rief aber in diesem Augenblick die Tochter und flog in

die ihr noch halb zweifelnd entgegengestreckten Arme -- »Mutter -- o mein

Gott!«

Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das Uebermaß der Gefühle macht das

Blut stocken und lähmt die Thätigkeit der Nerven. Aber die Freude tödtet

nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder die Heilung des ersten

vielleicht zu mächtigen Schlages und der Augenblick des Erwachens ist

auch der Augenblick der Rettung. Louisens Mutter war, von dem Uebermaß

des Glückes ohnmächtig zu Boden gesunken, jetzt aber, unter den vereinten

Bemühungen des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die Schläfe der

Bewußtlosen rieben und alle möglichen anderen Belebungsversuche anwandten,

kam sie bald wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr Glück zu

begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte und ach, so geliebte Kind

fest, fest umschlossen, als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und

lassen wolle.

Doch welche Feder vermöchte die Gefühle der Mutter -- die Empfindungen

dieser drei Glücklichen zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine

Worte und hielten sich nur still und selig umfaßt. Endlich aber, nach dem

ersten Sturm der Grüße und Küsse frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier

herunter nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei, daß sie Wagner

überhaupt frei gegeben habe? Der Eltern Erstaunen läßt sich denken, als sie

erfuhren, daß ihr Kind _allein_ den ganzen weiten Weg die beiden mächtigen

Ströme hinunter, _allein_ auf dem großen Dampfboot, zwischen lauter fremden

Leuten, zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher gekommen sei.

Aber wir wollen sie selber reden und ihre Flucht erzählen lassen.

»Ach Vater« sagte sie, »wie weh mir um's Herz war, als _Sie_ mich an jenem

Morgen verließen --«

»Laß den Morgen Kind,« unterbrach sie hier lächelnd der Vater, »laß das

Vergangene sein, wir haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorüber -- aber

noch eines -- nicht mit dem kalten höflichen _Sie_ mußt Du uns anreden,

wie bei vornehmen Leuten Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine

Mutter und Du bist unser Kind; da gehört sich weiter Nichts als Du und Du,

so haben wir's von je gehalten, und so soll's bleiben.« Die Tochter drückte

den Eltern mit einem thränengefüllten Blick die Hand und fuhr leise fort:

»Ich muß doch wohl den Morgen noch einmal erwähnen, lieber Vater, denn in

dem Augenblick, wo ich Dich so erschüttert davoneilen sah und Zeuge sein

mußte, wie häßlich und unfreundlich Dich Herr Wagner behandelte, da war es,

als ob ich zum ersten Male fühle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit

Dir, zu Euch, zur _Mutter_ zu gehen. Und als ich nun endlich gar Dein

Bild, liebe Mutter, und Deinen herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen

mußte, wie Du Dich grämen würdest, wenn ich nicht mit dem Vater heim käme,

da habe ich die Nacht, und die folgende und alle Nächte geweint und

geweint und wußte mir keines Rathes und hatte Niemand, mit dem ich mich

aussprechen, gegen den ich mein ganzes Herz ausschütten konnte. Dabei mag

ich wohl manchmal meine Pflicht versäumt haben, denn es war mir zu weh

um's Herz und ich dachte an Nichts weiter als an Euch -- und Missis Wagner

schalt mich und Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er meinte, die

Gäste in der Hinterstube würden sich kein Glas mehr von mir einschenken

lassen, wenn ich immer feuerrothe, verweinte Augen hätte. Unter jenen

Gästen waren aber auch recht böse Menschen, die ein paar Mal sogar mit

Messern nach einander stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort,

und Herr Wagner stieß fürchterliche Drohungen gegen mich aus, wenn ich auch

nur eine Sylbe darüber redete.«

»Ich glaubte ich wäre verzweifelt, wenn ich länger hätte dort oben bleiben

müssen, und dennoch wußte ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte.

Da kam zufällig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus zu uns, die

am nächsten Morgen nach New-Orleans wollte und bei uns übernachtete. Das

Dampfboot ging um 10 Uhr ab, und ich mußte ihr eine Hutschachtel und einen

Reisesack hinunter tragen: sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig

verspätet, wir kamen kaum noch zur rechten Zeit -- die Planken sollten

schon eingezogen werden -- ich trug ihr die Sachen in die Cajüte hinauf,

lief wieder zurück und wollte an's Land. Da, Mutter, da war es mir

plötzlich, als ob eine Stimme, als ob _Deine_ Stimme mich bittend anrief zu

bleiben, der Gedanke an Dich, daß mich dieß Boot in wenigen Tagen in Deine

Arme führen könne, zuckte mir durchs Herz und zaudernd, unschlüssig stand

ich noch und wußte nicht, ob ich vor oder rückwärts sollte, als die Glocke

des Bootes zum letzten Mal tönte. In dem nämlichen Moment rissen aber auch

die Matrosen die Planken ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige

Secunden später befand ich mich, jetzt mit keinem freien Entschluß mehr von

brausenden Wassern umgeben, von meiner bisherigen Heimath fortgerissen, auf

dem breiten, gewaltigen Strom.«

»Erlaßt mir die Beschreibung dessen, was ich die ersten Tage unter den

fremden Menschen litt und ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit

mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte, glücklicherweise

trug ich aber ein kleines goldenes Kreuz, das ich damals von Missis

Wagner bekommen, als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt. Dies

verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville für mich, bestritt davon

meine Passage und gab mir auch noch einen Dollar heraus, wofür ich mir Brod

kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. -- Ich mußte eine recht traurige

Zeit verleben, und bin fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber --

jetzt ist Alles gut, ich habe Euch -- Dich meine liebe Mutter, meinen Vater

wieder und nun -- nicht wahr, nun seid Ihr auch nicht mehr böse auf Euer

Kind, daß es die _fremden_ Menschen so lange lieber hatte als Euch, und

nicht fort wollte von ihnen.«

Was braucht es weiterer Schilderung der glücklichen Familie, eine

Stunde entfloh ihnen im Austausch ihrer Mittheilungen und Gefühle mit

Zauberschnelle und erst die Meldung, daß der =Eagle of the West= bei

Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe an die beabsichtigte Reise.

Aber nicht in Cincinnati lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den

fruchtbaren Thälern des noch wilden Staates; nicht bis zur Mündung des

Licking, nur bis zu der des Arkansas hinauf wollten sie mit dem Boote gehn.

Ohne weiteres Zögern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch; ihr Gepäck lag

schon am Ufer; nur noch die nöthigen Kleidungsstücke für Louise kauften

sie rasch bei einem der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen das

gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt Schwabe in aller Freude

seines Herzens keineswegs Zwischendeck-, sondern Cajütenpassage für sich

und die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage später das kleine Städtchen

Ozark, von dem aus sie in kaum vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath

betreten konnten.

* * * * *

Nun wußte Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen wohl gut genug, daß Wagner

rechtlicher Weise _keine_ Ansprüche mehr auf irgend eine Vergütung für

seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen konnte; er wollte es sich aber

auch nicht einmal nachsagen lassen, undankbar für etwas gewesen zu sein,

das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat erschienen. Er schrieb

deshalb, und zwar so bald sie auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren,

einen Brief an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft in Kenntniß

setzte und zugleich aufforderte, offen und ehrlich zu sagen, was er glaubte

für die Erhaltung des Mädchens in den ersten Jahren beanspruchen zu können,

(denn für die letzten dürfe er schon deßhalb nichts rechnen, weil er sie ja

nicht einmal gutwillig habe wieder fortlassen wollen). Er versprach dabei

den Forderungen zu genügen, soweit das in seinen Kräften stände und bat ihn

auch dem Kinde nicht zu zürnen, das ihn ja nur deshalb verlassen habe, um

in die Arme seiner Mutter zu eilen.

Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls nicht auf einen

zweiten und dritten und erst im nächsten Jahre erfuhr er von einem neuen

Ansiedler, der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht gut gekannt

hatte, die Ursache dieses räthselhaften Schweigens.

Die Geschichte der in seinem Hause verübten Mordthat, die auch Louise

schon erwähnt, war ruchbar geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser

zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhölle an und für sich unterwarf

ihn schon der peinlichsten Strafe der Amerikanischen Gesetze und Wagner

entging nur durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs, der

ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehörte, der Verhaftung und vielleicht --

dem Zuchthaus. Er verschwand in derselben Nacht aus der Stadt und man hat

nie wieder weder von ihm noch seiner Frau etwas gehört -- sie blieben Beide

spurlos verschwunden.

Am Fuß der Ozarkgebirge blüthe und gedieh aber indessen eine kleine wackere

deutsche Colonie. Schwabe hatte sich in jenem herrlichen und noch so

wenig gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen, und üppige

Maisfelder schmiegten sich an den Fuß, saftige Weingärten an die Hänge der

Berge, zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen Prairien.

Aber ein ganz neuer Geist war auch über den jetzt glücklichen Vater

gekommen, der mit unermüdlichem Eifer daran ging nicht mehr für sich

allein, nein jetzt auch für sein Kind, für sein liebes, so lange verlorenes

Kind eine neue und wohnliche Heimath zu gründen. Hier fand er dazu den

vollen Spielraum für seine unermüdete Thätigkeit, für sein Schaffen und

Wirken, und deutscher Fleiß, deutsche Mäßigkeit verwandelte bald das in ein

Paradies, was noch vor wenigen Jahren öde trostlose Wildniß gewesen.

Schicksale einer Nacht.

»Nummero 15 -- Schloßgasse!« rief ich dem am Schlage harrenden Kutscher zu,

warf meinen Reisesack in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum

gepolsterten Wagens und fort ging's über das schauderhafte Pflaster der

Residenz vom Bahnhofe aus in die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im

vollen Ballcostüme -- o, _der_ Gedanke allein schon machte mich rasend

-- beim rauschenden Chor jubelnder Melodien -- sie -- sie im Arme, in

wirbelnder Seligkeit mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall hätte vergessen

sollen.

Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten zwischen düstern

fremdglotzenden Häusermassen hin, denn gerade heute, als ob mir selbst

die Locomotiven nicht einmal den Gefallen thun könnten schneller als

Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die Schnecken über die

glattbeeisten Schienen hingekrochen, an jeder Station ewig lange haltend,

und zuletzt gar, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer

Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben. Deshalb trafen

wir denn aber auch anstatt um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle

ein, und es ließ sich wohl entschuldigen, daß ich in peinlicher Ungeduld

zehn Mal unterwegs an die Fenster klopfte und dem Kutscher bald Flüche

in die Ohren donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in voller

Verzweiflung auf sein darüber zum Höchsten erstauntes Pferd loshieb und wir

nun, wie ein böhmisches Ungewitter durch die Straßen rollend, »daß Kies und

Funken stoben,« bald darauf vor dem bezeichneten Hause anhielten.

»Ich habe gar nicht mehr geglaubt, daß Du kämst!« rief mein Freund, der

erst heute Morgen meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er die

Droschke herantoben hörte, in der Thüre erwartete, »wo hast Du nur so lange

gesteckt?«

Zu Erklärungen war es aber keine Zeit mehr, rasch faßte ich meinen

Reisesack, drückte dem Kutscher das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in

die Hand und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und in das von Meier

bezeichnete Zimmer. Hier warf ich meinen Hut ab und erzählte und klagte dem

Freunde -- während dem ich den kleinen Reisesackschlüssel in allen Taschen

mit immer größerer Hast zwei Mal suchte und zuletzt in der, in welcher

ich angefangen hatte, fand -- wie mich das Unglück verfolgt, ja wie ich

überhaupt ein solcher Unglücksvogel sei, daß ich die Welt förmlich als

Pechreisender durchziehen und die glänzendsten Geschäfte machen könne.

Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele

-- heute sollte ich, nach zweijähriger Trennung _die_ wieder sehen, ohne

die ich mir die Welt nur als eine öde trostlose Wildniß denken konnte --

heute Abend durfte ich ja hoffen von ihren Lippen das süße Geständniß ihrer

Liebe zu hören oder wenigstens doch in ihren Augen Leben oder Tod für mich

zu lesen. _Mit_ ihr, Leben in seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche

wonnetaumelnder Sphären, _ohne_ sie --

»Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich in Deinem Reisesacke?« rief

Meier und ich, der ich, während Himmel und Hölle in meinem Herzen mit

Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine Schloß des messingenen

Bügels geöffnet und eben hineingegriffen hatte meine »Unaussprechlichen«

herauszuziehen -- den Frack trug ich nämlich, um ihn vor dem Zerdrücken zu

bewahren, schon unter dem Burnus -- ich denke mich rührt der Schlag,

als ich gleich obenauf einen Schnürleib, ein Paar Schachteln, ein

Schminkbüchschen und in immer wachsender Verzweiflung und Wuth eine ganze

Unmasse solchen Plunders herausziehe und um mich her auf Boden und Stühle

streue.

Meiers dämonisches Lachen brachte mich erst wieder zur Besinnung.

»Hahahaha!« schrie er und die Thränen liefen ihm in ununterdrückbarem Jubel

über das breite, rothgeschwollene Gesicht -- ich hätte ihn erwürgen können,

»hahaha -- hast einen falschen Reisesack erwischt -- das ist göttlich --

das ist unbezahlbar.«

»Da!« rief ich und schleuderte den geleerten nichtswürdigen Reisebeutel mit

wildem Wurfe hinter den Ofen, »da lieg und verdirb. -- Was fang ich an? Ich

kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und graucarrirten den Ballsaal

betreten? -- Heilige Dreifaltigkeit, habe ich denn nicht recht, wenn ich

mich für das unglückseligste Geschöpf halte, das zweibeinig zwischen Himmel

und Erde herumläuft? Jetzt sitze ich hier; Emilie wartet indessen mit ihrer

Engelsgeduld stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kann aber endlich

den dringenden Bitten nicht länger widerstehen und _muß_ sich zuletzt auf

den ganzen Abend engagiren.«

»Aber wie war das nur möglich?« fragte Meier, nachdem er sich von seinem

bestialischen Lachkrampf in etwas erholt. »Jedermann behält doch unterwegs

seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar nicht --«

»Begreifen -- begreifen,« knurrte ich ärgerlich und lief dabei händeringend

in der Stube auf und ab, -- ich war damals zwanzig Jahr alt und der Ball

mir zur Lebensfrage geworden, -- »ich begreife es recht gut. Auf der

letzten Station, wo man im Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen

konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupée und drückte sich, da in der

Ecke gegenüber ein dickbepelzter vermaledeiter polnischer Jude saß und gar

nicht daran dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen, dicht neben

mich. -- Ich bin von diesem Augenblicke an mit Leib und Seele _gegen_ die

Emancipation. -- Daß sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wußte ich

natürlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich, in Eile wie ich war

und jetzt auch noch in der Angst vielleicht nicht einmal eine Droschke

zu bekommen, rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihr Gepäck zu

bekümmern, aus dem Coupée und dem Droschkenplatze zu. Ich muß dabei

wahrscheinlich ihren Reisesack erfaßt haben und sie hat dafür den meinigen.

Meier, es wird bei Gott zu spät. -- Wo bekomme ich andere Ballhosen her?

wenn ich noch länger zögere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und ich

kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.«

»Nun, wenn es weiter nichts ist,« meinte Jener gutmüthig, »da kann

vielleicht noch Rath werden --, hier mache nur schnell Toilette und

ich will unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht aus meiner

Garderobe ein Paar zur Aushülfe herausfinden kann -- wir sind ja ungefähr

von einer Größe.«

Guter Mensch, der Meier! ich drückte ihm herzlich die Hand und während

er hinausging besorgte ich meinen übrigen Anzug, brachte meine etwas in

Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war wenige Minuten später bereit

in jedes Paar Beinkleider hineinzufahren, das sich mir bieten würde. Meier

kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt mich indessen damit,

die Thüre jede halbe Minute zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die

Schachteln und Büchsen zu untersuchen, die mir ein tückisches Schicksal in

den Weg geschleudert.

_Damenplunder_, Schminke, Puder, ein Paar falsche Locken, getragene

Handschuhe und Strümpfe.

»Bah!« rief ich und warf den Kram wieder von mir, »ist es denn möglich, daß

es Esel auf der Welt giebt, die sich durch _solche_ Mittel bethören lassen?

Ich bin erst zwanzig Jahre, aber so viel weiß ich, würde --«

»Herr Gott, wie riecht das hier verbrannt!« rief Meier, der in diesem

Augenblicke die Thüre aufriß und mit dem ersehnten Kleidungsstücke

hereintrat. »Hier muß etwas versengt sein.«

Mir war der Geruch auch schon aufgefallen, doch hatte ich in all' meiner

Ungeduld nicht darauf geachtet; Meier dagegen zog gleich darauf den

verhängnißvollen Reisesack hinter dem Ofen vor. Die eine Seite desselben

-- weißer Grund mit rothen Rosen -- ich kann mich noch so deutlich darauf

besinnen als wenn es gestern gewesen wäre -- war gelbbraun gesengt und zu

meiner Schande muß ich's gestehen, daß ich eine ordentliche Schadenfreude

darüber empfand. Was kümmerte mich aber jetzt der Reisesack, ich fuhr nur

-- während Meier alle die diversen umhergestreuten Gegenstände wieder ohne

große Vorsicht und Ordnung in den Beutel zurückwarf, mit dem Knie, da nicht

alles bequem hinein wollte, ein Bischen nachdrängte und dann das

Ganze unter das Bett schob -- mit wahrer Todesverachtung in die

Unaussprechlichen. -- Herr der Welt, wenn sie nicht gepaßt hätten -- aber

nein.

»Triumph!« rief ich und that mit beiden Füßen zugleich einen Luftsprung,

»die Intelligenz siegt!«

Sie saßen wie angegossen -- nur ein klein wenig zu eng, doch that das

nichts -- der Schnitt war vorzüglich und ich freute mich -- auf mein Bein

habe ich mir von jeher etwas eingebildet -- wie ein Kind darüber. Kaum nahm

ich mir jedoch nur zu einer flüchtigen Spiegelpromenade Zeit, denn

unten knallte schon der von dem Dienstmädchen indeß herbeigeholte

Droschkenkutscher, warf rasch den Burnus über, ergriff meine Handschuhe,

drückte meinen Hut auf und wollte fort.

»Halt,« sagte da Meier und faßte meinen Arm, »wann wirst Du denn wohl

wieder zu Hause sein?«

»Wer? ich? Nun nicht zu spät; wenn meine Dame nach Hause fährt, tanz' ich

keinen Schritt mehr; auf jeden Fall bin ich um ein oder zwei Uhr spätestens

wieder hier.«

»Gut, dann nimm den Hausschlüssel,« erwiederte mir Meier; »ich komme

schwerlich so früh heim, denn wir spielen nachher immer noch ein Paar

Rubber Whist. -- Schläfst Du fest?«

»Nicht außergewöhnlich.«

»So werde ich gerade unter dem Fenster hier, wo Dein Bett steht, in die

Hände klatschen -- Du magst dann den Hausschlüssel in Dein Taschentuch

binden, oder in den Tabaksbeutel dort stecken und herunterwerfen.«

»Habt Ihr denn keinen Hausmann, der auf die Klingel kommt?«

»Der Draht ist heute gerissen und noch nicht wieder gemacht -- Du wirst

mich schon hören.«

»Aber der verwünscht schwere Schlüssel --«

»Laß ihn im Burnus, da genirt er Dich nicht -- und noch eins -- merke Dir

die Thüre hier. Wenn Du im Dunkeln die Treppe heraufkommst, so fühle Dich

nur links gleich an der Wand hin, Du kannst gar nicht fehlen; die erste

Thüre.«

»Genug -- genug!« Wir sprangen die Treppe hinunter in den Wagen und fort

ging's, dem Hôtel de Russie zu, wo uns schon von weitem die blendend

erleuchteten Saalfenster das Fest als begonnen verkündigten.

Wie mir das Herz pochte, als ich die breite teppichbelegte Treppe

hinaufstieg! war mir's nicht, als ob ich plötzlich Blei in den Füßen habe

und die Glieder nicht mehr bewegen und heben könne -- mit Gewalt mußte ich

mich zusammenraffen und wurde erst durch einen der betreßten Lakaien, der

mir ein Stück Pappe in die Hand drückte und im nächsten Augenblicke mit

meinem Burnus verschwunden war, zu mir selbst gebracht.

Wir traten ein; aus der geöffneten Saalthüre tönten uns aber schon die

wilden Töne eines Gallopps entgegen. Ich hatte es mir doch gedacht, drei

Tänze waren schon vorüber, die Polonaise und zwei Walzer und Emilie

_mußte_ sich ja auf den ganzen Abend versagt haben -- oder durfte ich etwa

vernünftiger Weise etwas anderes erwarten?

»Siehst Du,« murmelte ich, die Hand krampfhaft auf dem Herzen geballt, in

Meiers Ohr, »_das_ ist mein Schicksal, das mich rettungslos verfolgt --

vierundzwanzig Meilen habe ich jetzt in grimmigster Kälte zurückgelegt --

riesengroße Schwierigkeiten überwunden und besiegt und jetzt? -- _zu spät_

-- der Fluch, der mir mein ganzes Leben untergraben hat -- Emilie ist für

mich verloren und ich bin elend -- elend auf ewig.«

»Adolph,« flüsterte mir Meier zu und bog sich zu mir herüber, »Du weißt was

ich Dir schon tausend Mal gesagt habe, schlag Dir, wenn Du gescheidt bist,

das Mädchen aus dem Kopfe, Emilie ist älter als Du selbst, über die besten

Jahre hinaus.« --

»Geh zum Henker!« rief ich unwillig, »Mensch, willst Du mich denn jetzt

auch noch, wo ich überdies dem Verzweifeln nahe bin, wahnsinnig machen? Du

weißt, daß ich --«

»Schon gut, die alte Noth, Du _willst_ nicht hören, so gehe denn ruhig

Deinen Weg. Aber da drüben kommt Emiliens jüngerer Bruder gerade auf uns

zu, von dem wirst Du augenblicklich erfahren können, wo Du die _Göttliche_

zu suchen hast.«

Ich wandte mich unwillig von ihm ab, dem Bruder der Geliebten zu; wer aber

beschreibt mein Erstaunen, ja mein Entzücken, als ich höre, daß Emilie,

ebenfalls durch eigenthümliche Hindernisse aufgehalten, noch gar nicht

erschienen ist, aber jeden Augenblick erwartet wird. Ich hätte dem

liebenswürdigen jungen Manne, einem etwas hochaufgeschossenen Secundaner,

auf offenem Ballsaale um den Hals fallen können. Daß ich mich jetzt dicht

an der Saalthüre postirte versteht sich von selbst; allerdings begrüßte ich

hier in meinem Eifer wohl zehn Mal fremde Damen, hatte mich mehrere Male zu

entschuldigen und fand endlich, daß Emilie zu einer Nebenthüre eingetreten

sei, doch was schadete das? durch ihren Bruder geführt, suchte sie selbst

mich auf und ich vergaß in _dem_ Augenblicke Fahrt, Reisesack, Täuschung

und langes Harren -- ich vergaß die Welt und lebte, athmete nur in ihr.

Eine Stunde entschwand mir so im Wonnetaumel; was ich getanzt, was ich mit

ihr gesprochen, wie sollte ich es wissen, ich sah auch nicht, was uns im

wirbelnden jubelnden Festesdrang umgab, nur in ihre Augen schaute ich und

in diesen blühte ein Paradies für mich auf, Emilie war nie so freundlich

mit mir gewesen und ich hätte in diesem Augenblicke mit keinem Gott

getauscht.

Erst in einer der Pausen gewann ich Zeit mich etwas ruhiger mit ihr zu

unterhalten; Arm in Arm wanderten wir im Saale auf und ab und ihre kleinen

rosigen Lippen flüsterten und plapperten mir die süßesten Schmeichelworte

in die Ohren.

Wir hatten indessen eine der kleinen, an den Seiten angebrachten

rothgepolsterten Bänke erreicht und ließen uns nieder; Emilie aber

entschuldigte sich jetzt, daß sie so bleich und angegriffen aussähe. Guter

Gott, das hatte ich ja noch gar nicht bemerkt, sie sah wirklich bedeutend

blässer aus als gewöhnlich -- auch in der That etwas verändert -- was war

ihr geschehen?

»Ach bester Freund,« flüsterte sie auf meine theilnehmenden Fragen, »es war

gerade nichts von Bedeutung und doch etwas, das mich bald gezwungen hätte,

dem Vergnügen des Tanzes heute ganz zu entsagen.«

Das Blut strömte mir kalt zum Herzen, als ich nur an die Möglichkeit

dachte. --

»Aber wie _war_ das möglich? -- Doch nicht etwa Krankheit? Ihre Wangen sind

heute Abend wirklich auffallend bleich --.«

»Ich war ein Kind,« lächelte sie, »Angst und auch -- Aerger, wenn ich denn

aufrichtig sein will, sind die eigentlich thörichten Ursachen gewesen.«

»Aerger?«

»Um eine Kleinigkeit -- ich habe jetzt einige Tage bei einer kranken Muhme

im nächsten Städtchen zugebracht -- mehrere Bekannte hatten dort ebenfalls

einen kleinen Ball arrangirt; heute Abend kehrte ich erst von dort zurück

und -- Sie werden mich auslachen, verwechselte im Coupée meinen Reisesack.

Nun, was erschrecken Sie denn? das ist doch nichts so Fürchterliches,«

lachte sie, als ich an ihrem Arme zusammenfuhr.

»Nein, in der That nicht,« stotterte ich und sah mich dabei im Saale um,

ob nicht etwa die Decke niederschlagen wollte, mich zu begraben,

»verwechselten -- verwechselten Ihren Reisesack -- hahaha -- das ist

wirklich zu komisch, das ist göttlich -- hahahaha -- das ist kostbar.«

»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, Adolph!« rief Emilie erschreckt, »Sie

lenken ja die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf uns, was fehlt

Ihnen denn?«

»Bitte tausend Mal um Verzeihung!« stotterte ich ganz verstört, denn ich

wußte in diesem Augenblick wahrhaftig nicht, stand ich auf dem Kopfe oder

auf den Füßen. Schminke, Puder, Locken -- heilige Mutter Gottes! Ich drehte

mich schnell nach ihr um, sie trug beim ewigen Himmel ihre gewöhnlichen

kastanienbraunen Locken nicht, von denen ich einst mit verrätherischer

Scheere ein süßes, theures, tausend und tausend Mal geküßtes Andenken

geraubt. Pest und Cholera -- ich hatte jetzt die übrigen zu Hause in der

Schachtel. Aber was nun thun? sollte ich ihr gestehen, daß gerade ich jener

Unglückliche sei, der -- nein das ging beim Himmel nicht, jetzt nicht.

Und war denn auch der Reisesack nicht versengt, ruinirt, lag er nicht,

ich durfte gar nicht daran denken, wo und neben wem; meine Sinne fingen

überhaupt an sich zu verwirren und Brandflecken, Locken, schwarze

Beinkleider, Schminke, Puder, das Alles drehte sich mir wie ein feuriges

Räderwerk in tausend tollen bunten, immer neu gestalteten Bildern im Kopfe

herum.

»Ich begreife Sie gar nicht,« flüsterte Emilie endlich und warf mir einen

vorwurfsvollen aber doch zärtlichen Blick zu, »was haben Sie nur?«

»Ach, mein Fräulein,« erwiederte ich ihr in aller Verlegenheit und muß in

dem Augenblicke so roth wie ein gesottener Krebs ausgesehen haben -- »Sie

glauben gar nicht, wie leid mir Ihr Unfall thut, wenn man nur -- wenn man

nur herausbekommen könnte wer der unglückselige Vertauscher --«

»Auf jeden Fall ein Herr!« sagte sie rasch, »ich fand gleich oben auf --«

sie stockte plötzlich und biß sich auf die Lippen.

»Sie haben den fremden Reisesack geöffnet?«

»Ja, allerdings, aus Versehen natürlich, die kleinen Schlösser sind sich

ja alle gleich und ich sah nicht eher, daß ich mich geirrt, bis ich -- bis

ich --«

Ich wußte was jetzt kam, was jetzt kommen mußte, sie hatten ja gleich

obenauf gelegen. --

»Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogen heißt das, mit -- Gedichten.

Ach Adolph, wenn Sie _die_ Gedichte gelesen hätten« --

Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten Gedichte hatte ich ganz

vergessen, doch sie gefielen ihr, Emilie schwärmte dafür.

»Todt hätten Sie sich gelacht über das Zeug,« fuhr die junge Dame, die

sich wieder ganz gesammelt hatte, fort, »manches unsinnige Gedicht habe

ich schon gelesen, aber solch übernächtigen Mondenschein und Liebesjammer,

solche Selbstmordphantasie und überschwengliche Winselei noch nie im

Leben. -- Ich -- wurde etwas aufgehalten und las einige davon, sie waren zu

komisch.«

»Aber mein Fräulein,« stotterte ich und verbarg mein Gesicht für einen

Augenblick in mein Taschentuch, mir war es als ob das aus dem Herzen

herausschießende Blut die Stirnadern zersprengen müßte, »ich weiß doch

nicht -- fremde Schriften --«

»Eines Kaufmannslehrlings,« unterbrach sie mich lachend, »das hat keine

Gefahr, die geschnörkelte Handschrift verräth den Dichter,« -- es

hatte mich einen Thaler fünfundzwanzig Neugroschen gekostet, sie sauber

abschreiben zu lassen. -- »Sie müssen uns morgen besuchen,« fuhr sie fort,

»da können Sie den Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack später

zu einer Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce zu richten

gedenke.«

Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft, meine Stirn brannte, das

Wort lag mir auf der Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte; mit

solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm, daß sie einen leisen Schrei

ausstieß und erschreckt zu mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da dröhnten

die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere Kreis lichtete sich und

die Paare flogen zum Antritt an ihre Plätze, ich sprang auf und starrte

wild umher.

»Kommen Sie, Adolph,« flüsterte da Emilie und drückte leise meine Hand,

»der Tanz beginnt wieder, wir fehlen sonst in der Française.«

Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden Schaar zu, mich,

den Verzweifelnden, mit der Hölle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in

langverhaltenem Grimme; ich riß mich los von der Entsetzlichen, that einen

Sprung zurück und rief: Nein, -- kein Wort kam über meine Lippen, auch der

kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber ein eiskalter Schauer

lief mir den Rücken hinab. Heiliger Gott, ich hatte die fremden, _engen_

Beinkleider vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreien Bewegung

geplatzt, soviel fühlte ich, und fürchtete jetzt das Entsetzlichste. Aller

Augen richteten sich dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und mir

war es, als wenn ich vor Schaam hätte in die Erde sinken sollen.

Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem höhnischen Lachen dieser Elenden

den Saal verlassen mußte; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang

meines Jammers nicht begriffen haben, noch war es vielleicht möglich,

mich unbeachtet zu entfernen. Das einzige Mittel blieb ein urplötzliches

Nasenbluten; ich riß das Taschentuch heraus, hielt es mir vor das Gesicht

und überflog mit einem schnellen Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz

zwischen uns und der Thüre war von Menschen frei -- nur einzelne Damen

standen hier und da und unzählige Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte

ich mich jetzt darüber hin, so setzte ich mich tollkühn selbst einer

Entdeckung aus; ich mußte einen günstigem Zeitpunkt abwarten.

Ein zweiter Blick überzeugte mich, daß der Platz, auf dem ich vor wenigen

Minuten mit Emilien gesessen, noch frei sei und auch ziemlich von einer

neben ihm herunterhängenden Gardine verdeckt und dadurch unbeachtet liege.

War ich im Stande mich dorthin _unerrathen_ zurückzuziehen, so konnte

ich nachher meine Zeit abpassen und bei günstiger Gelegenheit die Thüre

gewinnen.

Daß ich unter diesen Umständen nicht wagen durfte, der Gesellschaft den

Rücken zu drehen, läßt sich denken; obgleich mir aber Emilie voll Erstaunen

nachsah, da selbst das vorgehaltene Taschentuch eine solche retrograde

Bewegung nicht vollkommen entschuldigte, so gelang es doch endlich durch

äußerst geschicktes Manöveriren und die Deckung eines hochlehnigen

Stuhles, den Sitz wieder zu erreichen, um von hieraus meine völlige Flucht

bewerkstelligen zu können.

Zur dringenden Nothwendigkeit war es jetzt geworden die _Größe_ des

angerichteten Schadens zu ermitteln; wie es schien nahm in diesem Moment

Niemand weiter Notiz von mir und ich bog, das Tuch jedoch noch immer vor

der Nase, den Kopf ein klein wenig herunter. Herr des Himmels, ein ganzes

Stück weißer, verrätherischer Leinwand hing neben mir an der Seite der

rothgepolsterten Bank herunter; für so entsetzlich hatte ich mein

Unglück gar nicht gehalten; aber es war nur zu gewiß, auch so ein kaltes

Gefühl ..... Mein Herz schlug mir wie ein Hammer in der Brust, meine

Glieder flogen in Fieberfrost. Doch die _Nähe_ der Gefahr giebt ja auch

den verzagtesten Menschen den Muth zurück; das Unglück war nicht mehr

hinwegzuleugnen, es mußte _verbessert_ werden. Wäre nur Meier einen

Augenblick dagewesen, aber nein, der saß gewiß, kalter gefühlloser Mensch,

ein solcher Jurist! hinter seinem Whisttische und zählte Tricks und Points,

auf ihn durfte ich nicht rechnen, und eben wollte ich mich, um wenigstens

das Schlimmste zu redressiren, langsam emporrichten, fast unwillkürlich

hob ich dabei den Blick, knickte aber auch blitzschnell auf meinen Platz

zurück, denn zehn Schritte von mir entfernt und gerade auf mich zukommend

erkannte ich, wen anders als Emilien am Arme des dürren, bleichsüchtigen

Secundaners, ihres liebenswürdigen Bruders.

Hätte sich die Sammetbank aufgethan und mich verschlungen, ich wäre mit dem

größtmöglichsten Vergnügen eine unbestimmte Anzahl von Klaftern erdab in

völlige Dunkelheit hineingefahren; die blieb aber stockstill und regungslos

stehen und mir kaum Zeit meinen dünnen Frackzipfel über das Gräßliche zu

breiten als auch schon mein Schicksal in der Gestalt dieser Sirene auf mich

zutrat und mit leiser freundlich schmeichelnder Stimme fragte:

»Haben Sie Nasenbluten, Adolph?«

Ich machte nur einfach eine stumme bejahende Bewegung.

»Nun das wird bald vorübergehen,« tröstete sie mich, »aber -- dürfte ich

Sie wohl einmal auf einen Augenblick incommodiren?«

Ich sah überrascht und erschreckt zu ihr auf.

»Sie sitzen auf meinem Taschentuche,« fuhr sie bittend fort, »ich habe es

vorhin hier liegen lassen.«

»Es -- es liegt kein Taschentuch hier,« versicherte ich hinter

meinem eigenen Tuche hervor auf das Bestimmteste, »ich habe eben erst

nachgesehen.«

»Doch, doch, lieber Adolph,« lächelte die Entsetzliche, »Sie sitzen in der

That darauf, ich -- ich sehe dort sogar den Zipfel,« und ehe ich von dem

was mir bevorstand auch nur eine entfernte Ahnung hatte, fuhr sie plötzlich

auf den vermeintlichen Tuchzipfel zu, faßte es und suchte es vorzuziehen.

Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewünscht habe, so war es in dem

Augenblicke ein Gewicht von circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte

ich das sogenannte Tuch so schnell als möglich selbst und hielt es fest,

meine erbarmungslose Quälerin aber legte sich mit ganzer Macht dagegen

und da ich nur eine Hand gebrauchen konnte und überdies auf der

weichgepolsterten Bank nichts weniger als fest saß, fühlte ich, wie sie

mehr und mehr Raum gewann.

»Aber bester Herr Müller,« winselte da der unglückselige Secundaner und

legte mit Hand an, »ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch

nicht,« er zog aus Leibeskräften, »nicht her -- geben -- wollen.«

Ich sah mein Verderben vor Augen; das Fürchterliche konnte nicht länger

verborgen bleiben; nur es noch so lange als möglich zu verzögern, da --

Heiland der Welt, da gab es nach, ich fühlte wie es unter mir vorrutschte,

die Geschwister sprangen zurück und hielten -- wachte ich denn oder

träumte ich? -- Emiliens wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher

verzweifelter Griff überzeugte mich sogar, daß meine eigene Furcht ganz

ungegründet gewesen, ob es aber jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos über

das eroberte Tuch jubelten, ich weiß es nicht, unter dem mir teuflisch

klingenden Hohngelächter schoß ich aus dem Saale, fuhr in toller Eile in

zwei falsche Burnusse hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem Hute,

der mir bis über die Schläfe in's Gesicht sank, warf den in die Ecke,

drückte mir das erste beste auf den Kopf was mir passend vorkam und stürmte

die Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidend kalte, aber meine

brennende Stirn wie Balsam kühlende Nachtluft hinaus.

Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust, und eilenden Laufes floh ich,

eine Hölle im Herzen, die dunkele zugige Straße hinunter der Schloßgasse

zu.

Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings nicht gleich das

rechte Haus erkennen; sie sahen sich alle ähnlich mit ihren grauen Erkern

und düstern Fenstern, glücklicher Weise wußte ich aber die Nummer und fand

endlich bei dem matten Scheine einer gegenüber düster flackernden Laterne

die ersehnte 15.

»Morgen mit dem Frühzuge brech' ich wieder auf!« murmelte ich dabei,

während ich den schweren Schlüssel aus der Tasche holte und in das

Schlüsselloch zu stecken versuchte. »Ich bin geheilt -- Meier hat recht

-- verrathen war ich, schändlich, niederträchtig, ver -- na, nun schließt

dieser vermaledeite Schlüssel auch nicht -- weiter fehlte mir gar Nichts

als jetzt auch noch eine Stunde hier auf der Straße zu stehen.« -- Ich

probirte, es ging nicht, ich blies den Schlüssel aus, weil ich glaubte es

könnten sich Krumen hineingesetzt haben -- es ging immer noch nicht.

»Meier!« rief ich, in der trostlosen Hoffnung, daß dieser schon vor mir

den Ball verlassen haben könnte, bekam aber natürlich keine Antwort und

versuchte den Schlüssel auf's Neue. Umsonst -- vergebens drückte ich

zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich die Nachtwächter und

ein Paar vorbeikommende Chaisenträger auf das Lebhafteste für mich; hinein

in das Schlüsselloch brachte ich den Verräther, nachher aber blieb er nicht

allein regungslos darin stecken, sondern wollte sogar nicht einmal wieder

heraus. Ich weiß selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem

unglückseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein Vorbeigehender

-- denn selbst der Nachtwächter hatte die Sache zuletzt als trost- und

hoffnungslos aufgegeben -- zu läuten, damit der Hausmann käme und öffne.

Läuten! -- ja er hatte gut reden, war denn nicht der Draht gesprungen? doch

folgte ich wirklich, eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem Rath und

riß, als ob ich die Klingel hätte mit der Wurzel aus dem steinernen Gewände

reißen wollen. Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben, an

dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der Zug blieb aber keineswegs so

erfolglos, als ich es erst geglaubt; drinn im Hause war plötzlich durch

meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke in Bewegung gesetzt

worden, die jetzt ganz urplötzlich nicht allein den merkwürdigsten und

entsetzlichsten Spektakel auf eigene Hand vollführte, sondern allem

Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder aufzuhören. Es

dauerte denn auch nur kurze Zeit -- und die Riesenglocke läutete dabei noch

immer fort -- bis ein Paar Pantoffeln in größtmöglichster Eile über den

steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen; der in den Pantoffeln Steckende

hustete auf sehr bedenkliche Weise und durch das Schlüsselloch fiel

plötzlich ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl. Inwendig wurde

ein Schlüssel eingedrückt und herumgedreht, zu meiner Verwunderung aber

auch noch ein Riegel zurückgeschoben und die schwere Thüre knarrte in ihren

Angeln.

»Herr du mein Gott!« rief dabei der Alte, der bis über die Ohren in einem

weißen Schafpelze stak, »wer reißt denn da so fürchterlich an der Glocke?«

»Guten Abend, Alter,« unterbrach ich ihn aber, trat, während ich ihm ein

Viergroschenstück in den Schlafrock drückte -- denn die Aermel gingen ihm

bis weit über die Hände -- in's Haus und wollte ohne Weiteres die Treppe

hinauf, da ich nach der früheren Hitze und durch das lange Stehen vor der

Thüre bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der Mann hielt mir

aber erst seine Laterne unter's Gesicht und sagte, mit einem durch das

indessen seitwärts besichtigte Viergroschenstück nur theilweise beruhigten

Blicke:

»Wohnen Sie denn hier?«

»Jawohl, oben beim jungen Herrn.«

»Seit wann denn?«

»Seit heute Abend neun Uhr; wir sind zusammen zum Balle gefahren.«

»Ah so!« nickte der Alte, der damit seiner Hauspflicht genügt zu haben

glaubte und wandte sich mit einem kurzen »gute Nacht« zum Gehen, mein Blick

war aber dadurch und als ich mich nach ihm umdrehete, auf die Hausthüre

gefallen und ich sah dort den Riegel, den er eben wieder vorgeschoben

hatte.

»Wird denn hier das Haus von innen verriegelt?« fragte ich ihn erstaunt,

»das habe ich ja gar nicht gewußt, -- da hätte mir ja auch mein Schlüssel

nichts geholfen.«

»Ja,« meinte der Alte und bekam wieder den bösen Husten, »seit sie hier

-- oho oho oho -- in der Schloßgasse, die -- oho oho oho -- die Frau

erschlagen haben, oho oho, ist mein Herr ängstlich geworden -- oho oho

oho.«

»Wie kommt da aber der junge Herr herein?«

»Der klingelt auch!« meinte sehr lakonisch der Brustkranke und zog sich,

nicht ohne Grund die nachtheiligen Folgen der Zugluft für sich selbst

fürchtend, mit einem wahren Anfalle von Keuchhusten durch die Hofthüre in

seine eigenen Apartements zurück.

»Das also ist das Ende meines süßen Traumes!« seufzte ich, als ich die

breite steinerne Treppe im Dunkeln hinaufstieg und dabei links das

Geländer hielt, um nicht irgendwo anzulaufen; was kümmerte mich in diesem

Augenblicke der Riegel? mir gingen andere fürchterlichere Gedanken im Kopfe

herum. --

-- »Das ist das Resultat meiner Reise --, das der Grundstein meines

künftigen Glücks, auf dem ich Riesenbauten aufgeführt hätte. -- Fort, fort,

selbst mit der Erinnerung an mein Unglück -- ich will schlafen und wäre es

bis zum letzten Tage. Ach der Tod müßte jetzt eine Wohlthat sein.«

Wie dunkel das aber auf der Treppe war, nicht einmal die Stufen konnte ich

erkennen, eine wirklich ägyptische Finsterniß, doch wußte ich ja meinen

Weg und fühlte mich, als ich die erste Etage erreichte, links dicht an der

Mauer hin. Da stieß meine Hand an irgend etwas und in demselben Moment,

in dem ich mir das Knie an einer scharfen Ecke fast zerstieß, klirrte

mit fürchterlichem Gepolter irgend ein irdenes Gefäß zu Boden und das

plätschernde Geräusch verrieth mir, daß ich jedenfalls einen nicht

unbeträchtlichen Wasserkrug heruntergestoßen haben müßte.

Das fehlte mir noch -- ich watete jetzt förmlich; wie aber kam der Krug

hierher und wo hatte er --? wahrhaftig da stand auch ein Tisch; der mußte

dorthin gestellt sein seit wir fortgegangen und meine linke Kniescheibe

trug jetzt die Folgen. Doch hier half weiter kein Besinnen, im Dunkeln

konnte ich überdies nichts wieder gut machen und beschloß nur Meier, wenn

ich ihn zu Hause kommen hörte, aus dem Fenster hinaus zu warnen, daß er

nicht etwa über das indessen die Treppe hinabgeströmte und gefrorene Wasser

stürze.

Ich tappte jetzt an der linken Wand hin. -- Nun? -- Da sollte doch die

Thüre sein. -- Ich konnte nichts fühlen als die nackte kalte Mauer; auf

jeden Fall mußte ich sie gleich im Anfange übergangen haben und suchte

meinen Weg noch einmal zurück bis zur Treppe, aber keine Thüre war zu sehen

und ich wußte doch so genau, daß sie sich auf _der_ Seite befand. Wieder

begann ich meine Wanderung, und die Zähne klapperten mir vor Frost und

wieder mit nicht besserem Erfolge als zuerst, nur kam ich, als ich mich

immer weiter hinarbeitete, zu einem Fenster, das in irgend einen dunkeln

Hof hinausführte. -- Wo war ich jetzt? Was sollte ich thun, was beginnen?

Ich konnte doch wahrlich nicht die ganze Nacht auf der Treppe bleiben, wäre

ja auch in meinem dünnen Ballanzuge erfroren. Und sollte ich Lärm hier im

fremden Hause machen? -- mit was für einem Gesichte durfte ich mich dann

morgen -- ei zum Henker, Noth bricht Eisen, erfrieren konnte ich auch

nicht. Uebrigens mußte ja doch auch irgendwo eine Thür sein, und traf ich

nicht die rechte, so weckte ich wenigstens Menschen, die mir das richtige

Zimmer öffneten.

Rasch entschlossen ging ich an's Werk und kam glücklicher Weise endlich

an eine Klinke, die ich zu öffnen versuchte; doch umsonst, sie widerstand

allen meinen Bemühungen und auf mein mehrmaliges Anpochen erhielt ich

ebenfalls keine Antwort. Ich ging jetzt weiter, stolperte nochmals über

einen Stuhl, stieß an einen kleinen Tisch, über dem ich einen Spiegel

fühlte, und erreichte zuletzt eine zweite Thüre.

Obgleich auch diese mir den Eintritt versagte, so glaubte ich doch ein

Geräusch wie das eines Schnarchenden zu vernehmen. Ich klopfte herzhaft an

und horchte -- da regte sich etwas -- eine Bettstelle knarrte, als ob sich

Jemand darin umdrehe, dann war alles wieder still. -- Ich wiederholte

mein Pochen, da rief plötzlich eine allem Anscheine nach auf's Aeußerste

erstaunte Stimme:

»Was zum Henker giebt's denn da draußen? Wer klopft? Johann, bist Du das?«

»Ich bin's, Herr Meier!« erwiederte ich ihm mit schüchterner, aber nichts

desto weniger lauter Stimme, denn ich mußte natürlich in ihm den Vater

meines Freundes vermuthen. -- »Adolph Müller ist's, der Freund Ihres

Sohnes; ich kann meine oder vielmehr seine Stube nicht finden.«

»Donnerwetter, Herr, stören Sie die Menschen nicht im Schlafe!« rief aber

der vermeintliche Vater mit keineswegs freundlicher Stimme, »ich habe gar

keinen Sohn -- gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich in Ruhe --«

»Aber bester Herr,« bat ich ihn, »ich stehe hier draußen in der grimmigsten

Kälte und kann den Tod davon haben; wenn ich nur wenigstens ein Licht

hätte, daß ich meine Stube finden könnte. In welchem Zimmer wohnt denn nur

Herr Meier?«

»Ich kenne gar keinen Meier, Herr!« rief die Stimme mit einer

fürchterlichen Bestimmtheit, »hier im ganzen Gebäude existirt kein Meier.

-- Gute Nacht, schlafen Sie wohl --«

Und ich hörte, wie sich der Unmensch mit aller Gewalt auf die andere Seite

warf, seine Worte aber waren wie ein Donnerschlag für mich -- kein Meier

im ganzen Hause! Das konnte ja gar nicht sein -- hatte ich denn nicht die

Nummer mit eigenen Augen gelesen? -- Doch das Innere des Hauses selbst, die

ganze Einrichtung war mir in der That fremd -- sollte er recht haben? Doch

nein, auf jeden Fall wohnte mein Meier hier; der Droschkenkutscher hatte

mich ja auch gleich vor die richtige Thüre gefahren, ein Beweis, daß ich

doch damals die Nummer gewußt; an mir lag es daher einen zweiten Versuch zu

machen um mein Bett zu finden.

Ich schritt, immer weiter rechts, langsam an der Wand hin und erreichte

endlich einen von außen durch einen Wollbeschlag verwahrten Eingang, der

auf jeden Fall zu einer Wohn- oder Schlafstube führte; hier mußte übrigens

die Klinke auf der verkehrten Seite sein, denn ich fühlte erst vergebens

ringsherum und fand sie endlich in der Mitte. Kaum hatte ich sie jedoch

berührt und darauf gedrückt, als von innen heraus ein so fürchterlicher

markdurchschneidender Schrei erscholl, daß ich entsetzt zurückfuhr.

»Herr Meier,« rief ich aber gleich darauf rasch gesammelt und klopfte dabei

scharf an die Thüre; »mein guter Herr Meier!«

»Mörder -- Diebe -- Spitzbuben! Feuer! Feuer!« gellte als Antwort die

Stimme und nach dem Hofe zu wurde eine Klingel, die auf jeden Fall mit

dieser Stube in Verbindung stand, aus Leibeskräften gerissen.

»Aber bester Herr Meier,« bat ich und suchte dadurch den Sturm zu

beschwichtigen.

»Hülfe -- Hülfe -- Feuer -- Diebe!« tobte das Echo und überall im Hause

klappten Thüren und wurden ängstliche Stimmen gehört. Wieder, aber dies Mal

noch in viel ängstlicherer Hast, schlurrten die Pantoffeln des Hustenden

herbei und ich wußte für den Augenblick wirklich nichts Besseres zu thun,

als mich diesem auf Gnade und Ungnade zu ergeben.

Ich fühlte meinen Weg, so schnell das gehen wollte, an die Treppe zurück

und das Geländer hinunter, wo ich mit Freuden das eben wieder in die

Hofthüre hereinblitzende Licht des Hustenden begrüßte. Dieser aber gewahrte

kaum meine, wie er nach allem dem Hülfeschreien wahrscheinlich glauben

mochte, in höchst böswilliger Absicht auf ihn zueilende Gestalt, als

er blitzschnell, wie die Figur in irgend einer künstlichen Uhr,

zurückschnellte, die Thüre in's Schloß warf und den Zeter von einer Treppe

hoch mit

»Faß ihn, Türk, halt ihn fest, Packan, hu hetz hetz, Nero, hu hetz hetz!«

accompagnirte.

Wohl sprang ich jetzt an die Hausthüre und schob den Riegel zurück, denn es

wurde mir nun doch klar, daß ich durch das unseligste Mißverständniß in ein

falsches Gebäude gerathen sei, die verwünschte Thüre ließ mich gegenwärtig

aber ebensowenig hinaus, als sie mich vorhin hereingelassen hatte und zu

der Aufregung, in der ich mich überhaupt befand, kam auch noch die Furcht,

daß der schwindsüchtige Barbar am Ende gar zu guter Letzt eine Meute

Kettenhunde auf mich losließe, wo ich dann in der engen Hausflur eine Scene

aus den altheidnischen Thiergefechten hätte aufführen können. Glücklicher

Weise mußte aber kein Hund auf dem ganzen Hof sein und die drohenden

Laute sollten wohl blos dazu dienen die vermeintlichen frechen Diebe

zurückzuschrecken. Ehe ich jedoch im Stande war einen festen Entschluß

zu fassen und einmal schon wirklich im Begriffe die jetzt ebenfalls

verschlossene Hofthüre zu sprengen, um mir wenigstens Bahn in des Hausmanns

warme Stube zu brechen, flog das Thor plötzlich auf und drei entsetzte

Gestalten mit Heugabeln, Schaufeln und einem großen Küchenmesser bewehrt,

rückten in verzweifelter Tapferkeit heran und forderten mich mit grimmer

Stimme zum Niederlegen der Waffen auf.

Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ich im Stande war ihnen meine

gänzliche Harmlosigkeit darzuthun, noch dazu da die früher gehörte Stimme

von oben herunter ununterbrochene Drohungen von Galgen, Rad, Zuchthaus und

Galeeren niederrief, und dadurch das Trifolium natürlich in dem Glauben

erhielt, es sei Fürchterliches geschehen. Endlich mochte sie mein

Ballcostüm, in dem ich mich producirte, beruhigen; es war wenigstens nicht

wahrscheinlich, daß irgend ein vernünftiger Mensch bei solcher Kälte in

schwarzem Fracke, weißen Glacéhandschuhen und Schuh und Strümpfen versuchen

solle einzubrechen. Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder,

wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den Leuten in soweit

verständigte, daß sie mich für keinen Raubmörder hielten, in keinerlei

Weise weiter mit mir einlassen, versicherte, daß er keinen Menschen Namens

Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe, schloß, dabei immer noch mit

mißtrauischem Seitenblicke, die Hausthüre so schnell als möglich wieder auf

und ich fand mich wenige Secunden später -- und noch froh nicht etwa gar

als fremder Ruhestörer irgend einem freundlichen Nachtposten überliefert

zu sein -- gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze Zeit früher Gott

weiß was darum gegeben hätte, um nur gleich und schnell hineinzukommen.

Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und während innen noch der

unausbleibliche Riegel mit größter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von

der Identität der Hausnummer zu überzeugen; die letzte Laterne war jedoch

indeß verlöscht, die Straße menschenleer und der Schnee fiel in großen

kältenden Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an allen

Gliedern und fürchtete wohl nicht ohne Grund eine bösartige Erkältung, wenn

ich, so leicht bekleidet, auch nur eine Minute länger auf freier Straße

blieb, als ich nothgedrungen mußte. Unter diesen Umständen blieb mir denn

also nichts weiter übrig als den Versuch, in solcher Dunkelheit und Kälte

das rechte Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die Straße hinab,

das erste Hôtel oder Gasthaus zu benutzen, was sich mir bieten würde.

Glücklicher Weise brauchte ich nicht lange zu suchen; wenige hundert

Schritte weiter unten erkannte ich die goldglänzenden Riesenbuchstaben

eines Schildes, die Hausglocke saß an der richtigen Stelle und ich fand

-- wirklich kaum noch im Stande mich auf den Füßen zu erhalten -- ein

eiskaltes Zimmer, aber ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und

Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschöpft schlief ich natürlich

augenblicklich ein und erwachte erst wieder, als mir das helle Tageslicht

in die Fenster schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten Kaffee

in die Thüre trat.

Wie ein düsteres Traumgebilde lag die Erinnerung der vergangenen Nacht auf

meinen Nerven, der Kaffee übte jedoch seinen wohlthätigen Einfluß auch

auf mich aus; ich schüttelte alle bösen Gedanken ab und mit dem festen

Entschlusse Emilien auf immer zu meiden -- ich bin bis jetzt noch nicht

recht mit mir im Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die

bedauernswerthe Ansicht über meine Gedichte am meisten dazu bestimmte --

zog ich meinen Burnus wieder über, setzte den Hut, den mir das tückische

Spiel des gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine Rechnung und

öffnete meine Thüre, die auf einen schmalen Gang hinausführte.

»Nun, da hätte ich mir allerdings bis heute Morgen die Hände vor meinem

Fenster wund klatschen können,« sagte in diesem Augenblicke eine Stimme

dicht neben mir und aus der benachbarten Thüre trat ebenfalls mit Hut und

Mantel, wer anders als Meier selbst heraus.

»Meier!« rief ich und stand ganz verdutzt über solche wunderbare Begegnung,

»jetzt bitte ich Dich um Gotteswillen --«

»Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom Balle fort?« brummte aber

dieser. »Emilie hat tausend Mal nach Dir gefragt.«

»Emilie!« -- der Name gab mir meine ganze Kraft und Energie wieder. --

»Meier,« sagte ich, griff ihm unter den Arm und führte ihn mit mir die

Treppe hinab. »Meier, glaubst Du an ein böses Geschick?«

»Ich fange an zu glauben, daß _Du_ eine eigene Fertigkeit besitzest Alles,

was Du angreifst, verkehrt zu machen,« lautete die mürrische Antwort.

»Weshalb bist Du denn nicht wie ein anderer vernünftiger Mensch nach

Hause gegangen, anstatt mit dem einzigen Hausschlüssel in der Tasche in's

Wirthshaus zu laufen und mich selbst dabei auszuschließen, daß ich nicht

einmal in mein eigenes Zimmer konnte?«

»Glaubst Du an ein böses Geschick, Meier?«

»Ach laß den Unsinn -- wo hast Du denn eigentlich meinen Schlüssel, und --

hahaha, wessen Hut trägst Du denn?«

Ich nahm den Hut ab und sah jetzt zum ersten Male, daß eine kleine Cocarde

mit silbernen Schnüren an der Seite saß; ich hatte gestern Abend in aller

Eile den Hut irgend eines Bedienten aufgegriffen.

»Meier,« sagte ich und blickte, dadurch nur noch mehr in meinem Entschlusse

bestärkt, auf den Hut nieder, »weißt Du wem der fremde Reisesack gehört?«

»Einer Dame auf jeden Fall, die sich über die verbrannte Rosenguirlande

ungemein freuen wird -- wahrscheinlich einer Schauspielerin, weil sie

Schminke und Perrücken bei sich führt.«

»Hm,« sagte ich und schritt, immer noch den Hut in der Hand, an seiner

Seite die Straße hinauf seinem Hause zu; da erkannte ich plötzlich die

Thüre, an der ich gestern Abend gestanden, die Klingel -- ich hatte

den dicken runden Knopf noch nicht vergessen -- an der ich so fabelhaft

geläutet und -- Pest und Gift! -- von dem weißen runden Schildchen lächelte

mir höhnisch eine 13 entgegen, die ich in Nacht und Dunkelheit jeden Falls

für meine 15 gehalten. Das Maaß meines Ingrimms war gefüllt.

»Meier,« sagte ich, und winkte einer gerade vorbeifahrenden Droschke zu,

»es giebt Dinge in der Welt, die sich nicht gut mündlich verhandeln lassen,

ich will Dir meine Geschichte lieber schreiben. Es ist jetzt aber gerade

ein Viertel auf Zehn; um _halb_ zehn geht der Frühzug ab, sei doch so

gut und schicke mir mit nächster Gelegenheit mein Gepäck nach. Deine

Beinkleider kannst Du mir so lange borgen, ich würde sonst, was ich um

keinen Preis der Welt möchte, den nächsten Zug versäumen.«

»Was? Jetzt willst Du auf einmal wieder fort?« rief Meier nicht wenig

erstaunt aus, »das geht ja gar nicht, was würde auch Emilie dazu sagen?«

»Die -- grüße schönstens,« murmelte ich mit einem halbverbissenen boshaften

Lächeln, »grüße sie und -- bitte sie, mir doch gefälligst den Reisesack

umzutauschen. Halt -- noch eins -- thue mir doch auch die Liebe und

sieh zu, daß Du den Eigenthümer dieses Hutes wiederfindest, der dafür

wahrscheinlich den meinigen zurückbehalten hat.«

»Wache ich denn oder träume ich,« rief Meier, »Emilien gehörten jene

Apparate? -- Aber Adolph, Du kannst doch wahrhaftig nicht im bloßen Kopfe

reisen --«

»Nein,« erwiederte ich ihm, »auf keinen Fall -- Kutscher -- schlesischer

Bahnhof -- sind wir in zehn Minuten und noch vor der Abfahrt dort, so

bekommst Du einen Thaler Trinkgeld -- also adieu Meier -- sei nicht böse,

daß ich Dir so viele Umstände gemacht, übermorgen spätestens hast Du einen

Brief von mir.« Damit drückte ich ihm einen herzlichen Kuß auf den Mund,

nahm ihm den eigenen Hut vom Kopfe und schlug ihn mir selber in die Stirn,

sprang in den Wagen und im nächsten Augenblicke rasselten wir, ehe Meier

durch das Schnelle des auf ihn Einstürmenden vielleicht nur eine Ahnung

dessen hatte, was ich beabsichtigte, in lebensgefährlicher Schnelle über

das holperige Pflaster dem fernen Bahnhofe zu.

Wir kamen eben noch zur rechten Zeit -- die letzte Glocke läutete als

wir vor die Thüre des Bureaus klapperten; rasch löste ich mein Billet

und wenige Secunden später setzte sich der Zug mit schrillem

markdurchschneidendem Pfeifen in Bewegung. Dann aber erst, als ich in

die Ecke des warmen Coupées gedrückt, den Schauplatz dieser Nacht mit

flüchtiger Schnelle verließ, als Feld und Flur und Berg und Wald an mir

vorbeischwirrten und Meile nach Meile den Raum vergrößerte, da erst fand

ich mich selbst und meine Ruhe wieder.

An Emilien schrieb ich noch an demselben Abend und von zu Hause aus ein

Paar Zeilen, gestand ihr meine Unwürdigkeit sie zu besitzen und bat um

ihre Freundschaft. Meier aber machte ich ebenfalls und versprochener Maßen

ausführlich mit dem ganzen Umfange meiner damaligen Abenteuer bekannt und

erhielt drei Tage später durch seine Vermittlung meinen Reisesack mit all'

meinen früher an Emilien geschriebenen Briefen zurück. --

Nur eines fehlte -- meine Gedichte; ich hatte das Weib gereizt und sollte

ihre Rache fühlen. -- Drei Wochen später standen sie unter meinem eigenen

Namen in der Didascalia.

Civilisation und Wildniß.

Skizze aus dem amerikanischen Leben.

Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri, unfern vom Flusse

gleiches Namens, dem =roaring river= oder _rauschenden Strom_, und etwa

nur zwanzig englische Meilen von der östlichen Gränze des »indianischen

Territoriums« entfernt, wo nördlich die Kickapoos und südlich von ihnen

die Delawaren durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Wohnsitze

angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines, unscheinbares Waldstädtchen,

in früherer Zeit wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegründet, jetzt

aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene entdeckt worden, auch

wieder von einem großen Theile der ersten Ansiedler verlassen.

Das Städtchen selbst bestand eigentlich nur aus einer einzigen Straße und

darin sich gegenüber liegenden zwölf oder vierzehn Häusern, von denen das

umfangreichste das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst eingerichtete das

des Händlers oder Krämers, und das kleinste, einfachste das einer armen

Witwe, Mrß. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter Rosy still und

zurückgezogen, aber auch von allen Nachbarn geliebt und geachtet, lebte.

Da sich übrigens meine kleine Erzählung gerade um diese Personen wendet, so

ist es vielleicht dem Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen

Worten als möglich das zu erfahren, was zur Verständigung des Ganzen nöthig

ist und was er nun einmal überhaupt wissen muß.

Mrß. Rowland war die älteste Ansiedlerin im ganzen Orte, und zwar hatte

ihr Mann hier die ersten Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten

unter, damals feindlichen, Indianern als kühner Pionier und Vorzügler der

Civilisation die Arbeit begonnen. Aber nicht warnen ließ er sich durch das

Schicksal tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der Wälder in

seiner Heimath aufgesucht und durch Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und

geschickte Führung der Büchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr, die

ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte, und -- fiel. Ein Häuptling der

Delawaren war von ihm beleidigt worden -- wenige Tage später hörte er

Morgens dicht bei seiner Hütte, den Lockton einer Truthenne, er nahm seine

Büchse, die vermeintlich leichte Beute zu erlegen, und -- kehrte nie mehr

zurück. Der Ton mußte eine Schlinge der listigen Wilden gewesen sein --

wenige Minuten später überfielen die dunkeln entsetzlichen Gestalten das

jetzt unbeschützte Haus, und als die unglückliche Frau aus ihrer Ohnmacht,

in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte, lag sie vor den qualmenden

Ueberresten ihrer Hütte unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges

liebes Kind war verschwunden.

Umsonst durchwühlte sie den ganzen langen Tag mit blutenden verbrannten

Fingern die qualmenden Trümmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die

Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein Grab zu gewähren.

Halb wahnsinnig floh sie damals, allein und schutzlos, durch den Wald

der meilenweit entfernten nächsten Hütte zu, und zog später, in ihrem

hoffnungslosen Schmerze, nach St. Louis zu einer da wohnenden Schwester.

Hier lebte sie vierzehn lange Jahre in stiller Zurückgezogenheit; wenn

aber auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so vergaß sie doch nie und

nimmer die theuren Lieben, die ihr durch Mörderhand entrissen worden, und

das besonders ließ ihr weder Ruhe noch Rast, daß sie nie Gewißheit von des

_Kindes Tod_ erhalten. Wenn sie _der_ Ueberzeugung auch Raum geben mußte,

ihr Gatte sei ein Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie

sich weder wachend noch träumend des Gedankens erwehren, wie der Knabe,

vielleicht nur geraubt, vielleicht entflohen, verirrt gewesen und von

anderen Farmern -- Reisenden möglicher Weise -- aufgenommen sei.

Als sie daher von der Gründung des kleinen Städtchens Boonville hörte, das

spätere Bleisucher kaum eine Viertelstunde von ihrem früheren Wohnorte ab

angelegt, da beschloß sie, weil ihre Schwester indessen auch gestorben

war und sie nun doch allein auf der Welt stand, mit deren hinterlassener

Stieftochter, einem lieben, holden, damals zwölfjährigen Kinde, nach

Boonville zu übersiedeln. Dort war sie wenigstens in der Nähe jener Stelle,

auf der sie fast Alles verloren, was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen,

und dort, meinte sie, müsse auch, wenn je, ihre Hoffnung erfüllt werden.

Sechs volle Jahre waren aber wieder verflossen, ohne daß sie auch nur eine

Spur des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner des kleinen

Ortes, mit dem Schicksale der armen Mutter bekannt, sich die größte Mühe

gegeben hatten, ihre Nachforschungen zu unterstützen, so schien doch Alles

Umsonst -- der Verschwundene blieb verschwunden, und die arme alte Frau

siechte endlich mit mehr und mehr abnehmenden Körperkräften dem Grabe

zu, nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten Jahren, als dem

einzigen Orte, die Ihren wieder zu finden, so heiß und brünstig gesehnt.

* * * * *

Es war ein freundlicher, sonniger Abend im August; von Nord-Osten her wehte

ein kühler, labender Luftzug, und vor den Thüren der einzelnen Wohnungen,

theils im Schatten fruchtbeladener Hickorys oder Chesnuts, nicht selten

auch von Töpfen mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lästigen Mosquitos

zu verscheuchen, saßen hier und da die Bewohner von Boonville -- die

Frauen mit irgend einer Nadelarbeit beschäftigt, von der sie nur manchmal

aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden Abendessen zu schauen, und

die Männer im =dolce far niente= an Stücken Holz schnitzelnd, oder auch auf

ein über freie Erde hingebreitetes Büffelfell müßig ausgestreckt.

Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. Gesammelte Erzählungen · 第 13 / 21 题