Das arme Mädchen war kaum im Stande, den Tag über ihre Geschäfte zu
besorgen; das Hirn brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie
fortwährend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden Augenblick erwachen
müsse. Ihr Vater? -- das war ihr _Vater_ gewesen, der sie hatte mitnehmen,
zur _Mutter_ mitnehmen wollen -- ihr lebte eine Mutter, aber weit von hier,
eine Mutter, die sie vielleicht lieb hatte, die ihrer harrte und _sie_?
O wie dem armen Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glühten und
schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten und Wagner, dem ihr
verändertes Aussehen auffiel, schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf
ihre Kammer.
Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett werfen, da fiel ihr das
kleine Paket in die Augen, das ihr der Vater heute beim Abschied gegeben.
Sie zündete ihr Lämpchen an und bei dem matten Schein desselben öffnete sie
den Faden, der es umschlossen hielt -- Ha -- ein kleines Bild blitzte ihr
entgegen und ein dicht zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor
ihre Füße nieder. Das Bild? -- das, das mußte ihre Mutter sein -- ihre
_Mutter_ die sie mit den treuen blauen Augen so freundlich anlächelte
-- und diese Augen -- mußten die sich nicht mit Thränen, mit heißen,
schmerzlichen Thränen füllen, wenn der Vater, _ohne_ das Kind zurückkehrte,
und der Mutter sagte -- daß die Tochter -- Nichts von ihr wissen wolle --
daß sie sich geweigert habe, ihm zu folgen?
Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete lange und sinnend die
theueren Züge, zu denen sie als Kind liebend emporgeschaut und den Namen
»Mutter« hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen füllten sich mit Thränen --
da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete Blatt, sie hob es auf und
entfaltete es.
»Mein liebes Kind,« lauteten die Zeilen -- »ich kann zwar nicht selber
schreiben, denn erstens hab' ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch
recht krank und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper hat
mir aber den Gefallen gethan, und die paar Zeilen aufgesetzt. Hätte
ich schreiben gekonnt, ach wie oft hätt' ich an Dich, Du liebes Kind,
geschrieben. Doch nun schadet es Nichts mehr -- nun kommst Du bald zu uns,
und dann soll uns Nichts auf der weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst
gar nicht, wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich stürbe, wenn ich
Dich nicht bald in meine Arme schließen könnte. Ich habe Dich wohl recht
lange ohne Nachricht von mir gelassen, aber nicht wahr -- Du bist Deiner
_Mutter_ nicht böse darüber, ach ich will Dich ja jetzt so lieb dafür
haben. Das dabei ist mein Bild -- es ist _recht_ ähnlich -- ich habe ihm
tausend Küsse für Dich gegeben -- es mag sie Dir wieder geben, bis ich Dich
selbst an's Herz drücken kann. Aber jetzt lebe recht wohl -- recht wohl
meine liebe Tochter und möge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine
Arme führen. Es grüßt und küßt Dich viel hundert tausendmal