_Fürchtegott Wagner_.«
Mittelmarkt -- nordwestliche Ecke von Walnut street.
_Nachschrift._ »Louise läßt schönstens grüßen und Euch Allen Glück und
Gesundheit wünschen. Was kostet denn bei Euch die Butter -- hier ist sie
gestern auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber dafür noch
billiger geworden als wie damals, wie Du hier warst.
_Dein Vetter._«
Der Brief war verworren, der Inhalt desselben aber doch auch wieder einfach
und deutlich genug, und Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor
dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er
_das_ was hier mit klaren dürren Worten in dem Brief stand, seiner Frau
mittheilen? -- Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen, hätte sie am
Ende nicht gar geglaubt es wäre ihrem Kinde irgend ein Unglück zugestoßen?
_Der Verdacht_ übrigens, den er gegen Wagner hegte, wurde von Welbauer noch
bestätigt.
Dieser hatte sich nämlich, da er den Eltern doch versprochen, das Kind zu
bringen und nun dort, wo er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften
Widerstand gefunden, nach den Verhältnissen und dem ganzen Leben und
Treiben jener Leute genauer und näher erkundigt. Hier erfuhr er nun,
daß sie allerdings die angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut
behandelten, aber keineswegs so viel in die Schule schickten, als Jener
hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil mußte das arme Mädchen, wenn
es auch keine schwere Arbeit zu thun hatte, von Morgens früh bis spät
Abends auf dem Platze sein, während sich Missis Wagner fast ganz und gar
von jeder Arbeit zurückgezogen habe, und nur allein die Dame spiele.
Louise war ihnen dabei durch ihren unausgesetzten Fleiß von ungemeinem,
ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mädchen heraus, so mußten sie
jedenfalls eine fremde Haushälterin annehmen und diese nicht allein mit
theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch -- etwas besonderes Gefährliches
in Amerika, wo die Leute oft, Gott weiß woher, geschneit kommen -- Alles
und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen dagegen, die sich ihrer eigenen
Mutter kaum noch erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer
wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht nöthig, das Andere
nicht zu fürchten, und es ließ sich daher voraussehen, wie sie unter
diesen Umständen gewiß Alles thun würden, was in ihren Kräften stand, die
Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen Frist, also bis zu deren
einundzwanzigstem Jahr bei sich zu behalten.
Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls gut genug wußte, keine
Schritte mit nur irgend einer Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher
Kontrakt war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage kam, so wurde
dem Verklagten entweder die vorerwähnte gesetzliche Frist zugestanden, oder
der Kläger hätte eine Kostenberechnung zahlen müssen, die dieses eigene
Mittel jedenfalls weit überstiegen haben würde. -- -- Der Frau übrigens ein
Geheimniß daraus zu machen, ging nicht an, über kurz oder lang hätte sie
es doch erfahren müssen, und gemeinschaftlich konnten sie auch besser
berathen, welche Schritte jetzt am besten zu thun wären.
Er ging denn auch ohne weiters nach St. Francisville zurück, zeigte ihr
erst den Brief und ließ sie dann später Alles das, was sie noch zu wissen
wünschte, von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie nun, als sie die
Nachricht wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, außer sich, wollte ohne
weiters »an die Gerichte gehen,« und meinte, kein Gesetz der Welt dürfe
ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene Kind gewaltsam zurückhalten.
Schwabe hatte durch einen dreizehnjährigen Aufenthalt in Amerika die Sitten
und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt, und fürchtete nicht
ohne Grund, durch eine Klage erstlich einmal sein gutes Geld einzubüßen,
und dann nicht einmal etwas auszurichten.
»Selbst ist der Mann,« reifte endlich der Entschluß in ihm, »einen bloßen
Brief können sie Dir leicht mit »Nein« beantworten, gehst Du aber als
_Vater_, und forderst Dein eigenes Kind zurück, so werden sie es Dir,
wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze dürften, doch nicht länger
vorenthalten können.«
Jetzt hatte er gerade alle die Geschäfte, die ihm vor mehren Wochen
noch eine Reise unmöglich gemacht, beendet, er entschloß sich also kurz,
beruhigte seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen, und wenn
er es stehlen sollte, und rüstete sich fröhlich zur Fahrt nach Ohio.
»Sei gutes Muthes, Mutter,« lachte er dabei, als er sich zu der rasch
beschlossenen Fahrt rüstete, »was ist's denn auch weiter! geben sie mir
mein Kind nicht gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das
Unabänderliche füge, verabrede mich aber heimlich mit Louisen, bringe sie
auf ein Dampfboot und gehe förmlich mit ihr durch. Nachher mögen sie uns
verfolgen oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen,
daß er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie es ihm auch vorher nicht
freiwillig zusprächen.«
Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen, es galt ja hier auch nur
eine kurze Fahrt und schnelle Rückkehr; nur etwas gab ihm die Mutter
noch mit, das sie schon seit vielen Jahren für ihr Kind bestimmt, dessen
Absendung sie aber bis jetzt noch immer verschoben hatte -- ihr Bild. Ein
junger deutscher Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang bei ihnen
gewohnt und dort krank geworden war, hatte aus Dankbarkeit für die treue
Pflege der guten Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und ihnen zum
Andenken zurückgelassen, und das ihre schickte jetzt die Mutter dem Kinde.
Warum? wußte sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heißgeliebte in
wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf, die Ablieferung desselben ja
nicht zu vergessen, und es war fast, als ob sie mit dem Bewußtsein, daß
es bald in den Händen ihrer Louise sein werde, auch ruhiger würde, und der
Zukunft gefaßter entgegensähe.
Schwabe schiffte sich auf dem nächsten, stromaufgehenden Dampfboote ein,
ging mit diesem bis nach Kairo, der Mündung des Ohio, benutzte von hier aus
ein anderes, das gerade Fracht für Pittsburg einnahm, und betrat neun
Tage später die Stadt wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer
heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst Schutz und Aufnahme
gefunden hatte.
Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber jetzt das Herz so bang und
ängstlich, als ob er irgend eine böse That begangen oder beabsichtige, und
doch wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt, als sein
Kind, sein eigenes liebes Kind zurück in die Arme der Mutter führen.
Das peinliche Gefühl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz
hinaufstieg, durch die Mainstraße ging und endlich links in den Mittelmarkt
einbog -- er mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst ordentlich
wieder Athem holen.
Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare Scheu endlich
überwunden hatte, das, ihm durch den Brief und von Welbauer bezeichnete
Haus betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind sehen und in die
Arme schließen konnte. Da kehrte der alte Muth zurück, frisch und frei
schoß ihm das Blut wieder durch's Herz und ohne Rückhalt wollte er schon
seinen Gefühlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten, Raum geben, als
er merkte, wie ihm die Thränen in die Augen traten -- sie liefen ihm hell
und klar an den beiden braunen Wangen herunter und das -- das brauchten
die fremden Menschen nicht zu sehen, die von allen Seiten des Hauses
herbeieilten und ihn jetzt umstanden. Er riß sich gewaltsam los, drückte
seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in die Stirn und zog
Wagner mit sich fort, in dessen Stube hinauf -- er schämte sich, daß ihn
die Leute sollten weinen sehn und hoffte sich später schon besser zusammen
nehmen zu können.
Ein Gespräch mit Wagner allein, wie er es im Anfang gewünscht, sollte ihm
aber nicht vergönnt werden, denn _Missis_ Wagner, welche behauptete, dieß
sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und innigsten betheiligt
wäre, schloß sich ihnen gleich darauf an, und brach augenblicklich jede
weitere und von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung dadurch
ab, daß sie die Absicht seines Besuchs ohne Umstände beim Schopf erfaßte
und an's Tageslicht zog.
Eines Theils war dieß nun gut, denn Schwabe hatte schon in aller
Verlegenheit gar nicht gewußt, wie er am Besten beginnen solle, anderen
Theils gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende Ueberzeugung,
daß hier, und dieser Frau gegenüber, ein _gütlicher_ Vergleich unmöglich
sein würde, denn Madame erklärte jetzt rund heraus, mit _ihrer_ Bewilligung
verließe das Mädchen ihr Haus _nicht_, und _ohne_ ihre Bewilligung wäre
noch weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen Vater auch ohne die
mindeste Schonung zu verstehn, wie freundlich er selbst und seine ganze
Familie bei ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie sich dann
später selbst eines Kindes angenommen, von dem sie bis seit ganz kurzer
Zeit, nur Sorge, Mühe und Auslagen, aber nicht den geringsten Nutzen
gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind das Alter erreicht habe, in
welchem sie hoffen durften, das zu erndten, was sie durch lange Zeit
hinausgesäet, jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht einmal nach
seinem Kinde _gefragt_, zurück und wolle es ohne weiteres abholen und
mit sich fortnehmen. Daraus würde aber Nichts, so lange noch Recht und
Gerechtigkeit im Lande existire, und so lange sie selber noch eine Zunge
zum Reden und eine Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen,
dafür stehe sie; »_Mister Schwabe_ müsse dann« wie sie mit beißendem Ton
hinzufügte, »die Kleinigkeit von 3500 Dollar übrig haben, um aufgelaufenes
Kost- und Schulgeld für seine Tochter zu bezahlen, dann möge er sie
ihretwegen mitnehmen und wenn das Mädchen nachher wirklich ginge, wirklich
die verließe, die ihr mehr als eine, wenigstens als _ihre_ Mutter gewesen,
so wolle sie denken, sie habe eben nur eine undankbare Natter an ihrem
Busen genährt und müsse sich, ob ihr auch das Herz blute, darüber zufrieden
geben.«
Was sagte aber die, um deren künftigen Aufenthalt, um deren glückliche oder
unglückliche Zukunft vielleicht, es sich hier handelte, was sagte Louise zu
alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr Herz und wie empfing sie den
Vater, dessen Ankunft sie überraschte, ja erschreckte?
Was konnte das arme Mädchen sagen? -- Von der Zeit an, wo sie ihre Mutter,
ein kleines, keines Nachdenkens fähiges Kind zurückließ, war sie stets
gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das elterliche -- wenigstens
als ihre Heimath -- zu betrachten. Hier _wurde_ sie auch heimisch, den
wirklichen Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr die Erinnerung
an frühere, einzelne Scenen in ihrem jugendlichen Herzen frischeren und
lebendigeren Eindrücken Raum geben mußte. Selbst den Namen _Mutter_ hatte
sie vergessen, und nur manchmal, wenn sie ihn von andern Kindern hörte, zog
es wie fernes liebliches Glockengeläute durch ihre Seele. -- Das war die
Erinnerung jener Zeit, wo sie den theuren Namen an dem Hals der
eigenen Mutter selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes
Glockengeläut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt, um ihm nähere,
erkennbarere Formen geben zu können.
Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und besonders seit Welbauers
Besuch, nicht versäumt, das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten
wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten Aeußerungen ahnen zu lassen,
daß dort, wohin man es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz
seiner harre, denn nie würde es irgend ein Mensch wieder so lieb haben,
wie man es hier, in seiner wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch
_Missis_ Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher und herzlicher mit
Louisen zu werden, nannte sie oft _Kind_ und _Tochter_, verbesserte die
zwar einfache aber doch sonst reichliche und anständige Garderobe derselben
und ließ ihr weit mehr Freiheit, als das bisher der Fall gewesen. Nichts
destoweniger klopfte der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater
wolle sie sehen -- hatte sie denn nicht schon früher gehört, ihre Eltern
verlangten sie zurück und war er denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck
jetzt nach Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft und eine Angst
überkam sie, als ob irgend ein gewaltiges Unglück sie bedrohe, das sie
nahen sehe, dem sie aber nicht entgehen könne.
Schwabe verließ indessen, nach seiner Zusammenkunft mit Wagners, sehr
betrübt und niedergeschlagen ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt
hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit recht schwerem Herzen
an die letzten Worte der gereitzten Frau Base -- »daß sie Louisen wie eine
Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genährt --« _Undankbar_ --
der Vorwurf schnitt ihm tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die
Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er die breite, sonnige
Straße entlang.
»Halloh, _Schwabe_ -- so wahr ich lebe -- und in tiefen Gedanken?« rief
ihn da plötzlich eine laute fröhliche Stimme an, »bist doch nicht etwa
Bankdirector geworden, daß Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst
und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?«
Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu seinem freudigen Erstaunen
einen alten Bekannten und Schiffsgefährten, der mit ihm von Deutschland
ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort aber, anstatt wie Schwabe
nach Louisiana zurückzukehren, die ganze lange Zeit geblieben war, hier
eine Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand und glücklich
fühlte. Er stand gerade in der Thür der Rehfußischen Apotheke und streckte
dem überrascht vor ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die Hand
entgegen.
»Aber nun sage nur einmal, Alterchen,« frug er den Niedergeschlagenen, als
die ersten Begrüßungen gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen
gezogen. »Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die Petersilie verhagelt,
oder sonst ein entsetzliches Unglück passirt wäre -- was giebt's, was hast
Du und wo willst Du jetzt hin?«
»Nirgends hin,« meinte Schwabe, »ich schlenderte nur hier in Gedanken fort
-- was es aber --«
»Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um!« rief der Brauer, und
schwenkte ohne weiters um. -- »Da draußen haben wir Nichts zu suchen, und
meine Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mußt Du beichten,
mein Bursche, und wenn das Uebel nicht gar so tief sitzt, so werden wir
schon Rath schaffen.«
Schwabe, dem es überdieß lieb war, seinen trüben Gedanken sowohl auf kurze
Zeit entrissen zu werden, wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal
unverholen sein Herz ausschütten konnte, lenkte willig mit ihm ein
und erzählte nun dem neugefundenen Freunde, in dessen Haus sie endlich
angelangt waren, umständlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten,
die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung, und die Verzweiflung, in
der seine Frau sein werde, wenn er _ohne_ dem Kinde zurückkehre.
Der Brauer hörte ihm, den Kopf in beide, auf den Tisch gestemmte Arme
gestützt, aufmerksam zu, unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that
nur manchmal lange, mächtige Züge aus dem vor ihm stehenden riesigen
Blechmaaß, das an die alten deutschen Humpen erinnerte, dann aber, als
Jener geendet und nur noch das erwähnte, wie ihn der Vorwurf, _undankbar_
zu sein, so wehe thue und ihn ganz unschlüssig mache, was er thun oder
lassen solle, da schlug der Brauer so kräftig auf den Tisch, daß die
Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief: der Wagner sei
ein _Lump_, das wolle er ihm schriftlich geben, ihm aber werde er jetzt
beweisen, daß, wenn Jemand wirklich dankbar zu sein hätte, es Niemand
Anderer als in der That nur Wagner selbst sein müsse, der an dem Mädchen
die langen Jahre hindurch einen wahren Schatz besessen.
Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörenden
Vater mit, was das Kind seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe
ein Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet, wie es seit dem
eilften Jahre die Wirthschaft dort fast ganz allein geführt und bei dem
Allen fast in keine Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten
sei, um der sogenannten _Missis_ Bequemlichkeit nicht zu stören und zu
unterbrechen. Dabei habe sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem
wüthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und monatelang Tag und Nacht an
ihrem Bette gewacht, erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige,
wenn auch weniger gefährliche Krankheit bei ihr ausgehalten und überhaupt
das, was Jene vielleicht an ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war
und nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermaße vergütet. Wenn also
Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet sein sollte, so wären es Wagner's
selber, und daß sie damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das hätten
sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit gethan, denn selbst
kinderlos freuten sie sich des kleinen, muntern Wesens, während es den
Eltern wehe genug that, es zurückzulassen.
»Das Uebrige Alles bei Seite,« fuhr der Brauer plötzlich in seinen
Trostworten fort, und etwas leiser redend, bog er sich, die Hände
herunternehmend, näher zu dem Freund hinüber, »so giebt es doch noch einen
Grund, über den wir hier in der Stadt, wenn's uns auch nichts anging, schon
oft gesprochen, und der allein hinreichend wäre, es Euch, Schwabe, sogar
zur Pflicht zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.«
Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme zu einem Flüstern
herunterdrückend, sagte:
»Wenn ich Vater wäre, so nähme ich mein Kind, und besonders ein Mädchen,
heute noch mit mir fort, das in _dem_ Hause nichts Gutes lernen kann.
Wovon ist Wagner so rasch und plötzlich ein wohlhabender Mann geworden? Von
seinem Schenkstande etwa? -- Das soll mir Keiner weiß machen; nein, von
der heimlichen Spielhölle, die er in seinem Hause, klug genug, so versteckt
hält, daß ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und zwar ganz
unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht auf die Spur kommen können. Das
arme Mädchen nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimniß anvertrauen
kann, muß fast jede Nacht bis ein oder zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen
aufsitzen, und wenn auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hört sie
doch dort -- denn wie könnte sie's verhindern -- all die gemeinen wüsten
Reden einer Menschenklasse, die sich in der Leidenschaft des Spiels noch
unter das Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren daran
gewöhnt, weiß das nun freilich nicht besser; wäre ich aber Vater, mir
bliebe sie keine Stunde länger in dem Hause.«
»Aber lieber, bester Freund!« sagte Schwabe, hierdurch einestheils von der
ersten Besorgniß erlöst, aber dann auch wieder mit einer neuen, fast noch
schwereren auf der Seele -- »wie will ich sie fortbekommen? Fordere ich
sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht er mir nachher eine
Kostenberechnung, die ich nach dem, was ich schon von der Frau gehört, gar
nicht im Stande wäre zu bezahlen.«
»Nein, dahin darfs nicht kommen!« entgegnete rasch der Brauer, »wenigstens
müßtet Ihr erst den Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und das
ist -- das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner jetzt befindet. Wer eine
Sache einmal wirklich hat, dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer
aus den Zähnen zu reißen, selbst wenn er noch weniger anscheinendes Recht
darauf hätte, als Wagner hier in diesem Falle; verhielt sich aber die Sache
umgekehrt, wäre die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun wieder
haben, oder die Entschädigungssumme ausgezahlt bekommen, dann müßte er
klagen und Ihr, in St. Francisville könntet nachher eine Gegenrechnung für
geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.« --
»Dann bleibt mir weiter Nichts übrig, als mein eigenes Kind zu stehlen!«
rief Schwabe.
»Ganz meiner Meinung!« sagte der Brauer und leerte den letzten Rest des
Blechmaaßes auf einen Zug -- »ganz meiner Meinung,« wiederholte er, als
er fertig war, und das Gefäß klappernd auf den Tisch zurückstellte --
»und Nichts leichter als das! Ich bin heute Morgen mit dem Mailboot von
Louisville gekommen, und habe unten an der Landung das Sternwheelboot[10]
Raritan getroffen, das, wie mich der Capitän fest versicherte, morgen früh
mit dem Schlage Acht, Cincinnati verläßt. Der Raritan geht allerdings nur
bis zur Mündung des Arkansus, den Mississippi hinunter; das schadet aber
Nichts, dort langen täglich wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote
an, und Ihr Beide könnt in fünf bis sechs Tagen in Louisiana sein.«
[10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewöhnlich mit zwei
Maschinen, nur _ein_ großes Rad hinten am sogenannten _Stern_ hat, und
von diesem also gänzlich vorwärts _geschoben_ wird. Diese Art Boote
scheinen aber nicht besonders praktisch, und es giebt deren nur sehr
wenige auf den Amerikanischen Flüssen.
»Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's Händen, ohne daß dieser etwas
davon merkt?«
»Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort, denn Wagner läßt sich nie
Morgens vor neun Uhr unten sehen -- so lange schläft er, weil er die Nacht
so spät aufbleibt, und das arme, junge Mädchen muß schon von sechs Uhr an
Frühstück und Alles besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier oder
vielmehr die Bäkereien in Ordnung halten, und Gott weiß, was sonst noch für
Sachen und Geschäfte verrichten. Du siehst also zu, daß Du heute Abend
noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner Tochter zu sprechen, und das
Uebrige überlasse mir -- ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter Hund,
und werde das Alles schon besorgen. Jetzt aber, damit Du keinen
unnöthigen Verdacht erregst, oder einen vielleicht schon erregten wieder
beschwichtigst, gehst Du zu Wagner's Haus zurück, und erklärst dorten, daß
Du sie -- Wagner's, bittest, Deinen Wunsch nochmals zu überlegen und zu
prüfen, stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst grämen wird etc.
-- das hilft doch Alles nichts, aber es macht sie sicher -- hiernach theile
ihnen mit, daß Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben und
nach Ablauf dieser Frist wünschest, eine bestimmte Antwort von ihnen zu
hören -- das sagst Du ihnen übrigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist,
verstehst Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen. Apropos, haben sie Dich
schon eingeladen, bei ihnen zu wohnen?«
»Nein -- sie wissen ja gar nicht, wie lange ich hier bleiben wollte.«
»Gut, desto besser -- thun sie es jetzt, so sagst Du, Du hättest es mir
schon versprochen; morgen früh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in
_dem_ Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf bekomme, daß das Boot
die Springkette losläßt, Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein
Wagen für Euch stehn, und daß sie unten nicht eher abfahren bis Ihr an Bord
seid, dafür will ich auch schon Sorge tragen.«
Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch nicht recht fest
Entschlossenen, machte übrigens der wackere Brauer zu Schanden, bewies
ihm, daß er, wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wäre, sein Kind mitnehmen
_müsse_, und redete ihm so in's Herz hinein, daß sich Schwabe, dessen
heißester Wunsch das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu gern
überreden ließ, in jeder Hinsicht dem Rath seines neugefundenen Freundes zu
folgen, mit dem er auch jetzt die näheren Vorsichtsmaßregeln besprach und
festsetzte.
Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach Wagner's Haus zurück; so
sehr er sich aber auch bemühte, seine Tochter, und sei es nur auf wenige
Minuten, allein zu sprechen, so gelang ihm das doch keineswegs, denn
eine direkte Unterredung mochte er nicht gern verlangen, weil er dadurch
Verdacht zu erregen fürchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen Vetter
ganz sicher zu machen, diesem gesagt, daß er, da er sich doch jetzt einmal
in Cincinnati befinde, einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm
über See gekommen sei, und etwa zwei Stunden Wegs von der Stadt entfernt
wohne, er würde daher auch wohl nicht vor morgen früh zehn Uhr zurückkehren
können. Kaum vermochte er dabei mit dem fortwährend beschäftigten Kinde
ein paar flüchtige Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn, und
dafür schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer sollte nämlich, sobald ihm
das nicht selbst gelang, den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter
bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf die beabsichtigte
morgende Flucht vorbereiten. Der Klugheit Louisens hofften sie dabei
ebenfalls viel vertrauen zu können und glaubten jetzt die ganze Sache auf
das vortrefflichste und zweckmäßigste eingeleitet und berathen zu haben.
So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber auch sein mochte, und so gut
er's sicher in diesem Falle meinte, so war er doch -- das ließ sich kaum
läugnen -- nichts weniger als ein Diplomat und kam fast nie zum Ziele, wo
es einiger List und Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade
ohne weitere Umstände hinein tappen durfte. So hatte er es denn auch in
diesem Falle wohl eine volle Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter
nur so viel merken zu lassen, daß er ein Paar Worte an sie allein zu
richten wünsche. Vergebens blieb er mitten in der Schenkstube, allen Gästen
im Wege stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich verstopfte
er über eine Viertelstunde durch seine breite, vierschrötige Gestalt die
Hofthür, sie kam nicht _ein_mal hinaus, und er wurde endlich durch die
vereinten Bemühungen des Barkeepers und der schwarzen Köchin bei Seite
geschoben, und bedeutet, daß dieser gerade der allerletzte Platz wäre,
wo man ihn gern sähe. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gäste zu
erregen, und beschloß nun einen andern, weniger gefährlichen aber gewiß
sichern Plan zu verfolgen.
Zu diesem Zwecke ließ er sich in einer der am wenigsten beobachteten
Ecken des Zimmers nieder, und drückte sich hier, seinen Blechkrug und das
brennende Licht -- denn es war indessen dunkel geworden -- dicht vor sich
geschoben, fast gewaltsam zwischen die scharfe Tischkante und die hier
angebrachte, mit mächtigem Gehäus umschlossene Wanduhr. Dadurch gewann er
den Vortheil, daß er, ohne den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer übersehen
konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber unbeachtet sah,
schlug er mit der Lichtschere gegen das Blech, was, wie er recht gut wußte,
Louise im Nu an seine Seite brachte.
Das junge Mädchen sprang rasch auf ihn zu, und streckte die Hand nach dem
Blechmaaß aus, um es wieder zu füllen; der Brauer hielt das aber mit der
linken fest, während er mit der rechten ihren Arm ergriff, sie ein wenig zu
sich hinüberzog und leise, aber schnell flüsterte:
»Erschrick nicht -- er kommt morgen früh!«
Louise erschrak aber über das Plötzliche dieser Warnung und fast eben so
über das sonderbare Gesicht, das der Brauer dabei machte, dermaßen, daß sie
einen nur halbunterdrückten Schrei ausstieß.
Eigenthümlich war die Wirkung, die dieser Schrei auf den Brauer ausübte.
In demselben Momente fuhren die Gäste nach dem ziemlich hörbaren Ausruf
herum und natürlich richteten sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke
Sitzenden, dieser aber riß mit einem plötzlichen Ruck beide Hände zurück,
saß starr und steif da, zog die Backen ein, preßte dabei die Lippen fest
aneinander, und schnitt ein so ungemein gleichgültiges und nichtsagendes
Gesicht, daß Louise, die solch wunderbare Veränderung mit Blitzesschnelle
vor sich gehen sah, in ein lautes Gelächter ausbrach, in das jetzt viele
der Umstehenden mit einstimmten.
Der Brauer ließ sich nun allerdings nicht durch solche Kleinigkeiten außer
Fassung bringen, damit war ihm aber auch für den Augenblick der ganze
Anlauf verdorben, und er mußte wohl eine halbe Stunde vorübergehen lassen,
ehe er einen neuen Versuch wagen durfte.
Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah sich Louise allerdings
wieder nach ihm um, blieb aber stehen, und des Brauers rasch und seltsam
verzerrte Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grübchen in die Wangen
zurück, denn sie konnte doch wahrlich nicht ahnen, daß dieses gräuliche
Gesichterschneiden irgend einen bedeutsamen Zweck für sie haben sollte. Und
dennoch war das so; der Brauer gab sich die nur erdenklichste Mühe,
irgend einen mimischen Eindruck auf sie hervorzubringen, sobald er das nur
irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen, halb ängstlichen
Seitenblicke, die er dazwischen im Zimmer und besonders nach rechts und
links hinüber warf, waren so unwiderstehlich komisch, daß die, zu deren
Besten der sonst so ernste Mann all diese Muskelverzerrungen vortrug,
endlich in allen Freuden und dem festen Glauben, »der Brauer habe heute
einmal einen Schluck über den Durst gethan,« ihren Pflegevater darauf
aufmerksam machte, und dadurch den ganzen, so schön und pfiffig
ausgedachten Plan unseres Bierfabrikanten zerstörte. Wagner setzte sich
bald darauf zu ihm, und der Brauer verließ eine Stunde später, höchst
ärgerlich auf sich und die ganze Welt, die »=City of München=.«
Dadurch war es den Verbündeten freilich unmöglich geworden, die Tochter
gehörig vorzubereiten, um am nächsten Morgen nicht zu viel Zeit zu
verlieren. Nichtsdestoweniger trafen sie alle nöthigen Vorkehrungen, und
kauften besonders mehre Kleidungsstücke ein, denn Louise sollte unter
keiner Bedingung auch nur ein Stück der ihr von Wagner geschenkten
Kleidungsstücke mitnehmen; selbst ein Bonnet und das Nöthigste, was sie
für den Augenblick brauchte, konnten sie leicht in dem 150 Miles entfernten
Louisville bekommen, wo sie genug Zeit behielten, Einkäufe zu machen,
während das Dampfboot langsam durch die Schleusen des Canals gelassen
wurde.
Der von Schwabe in ängstlicher Ungeduld so sehnlichst herbei gewünschte
Morgen brach endlich an, und unten an der Landung waren die Feuerleute und
Deckhands des Raritan schon emsig beschäftigt, die Kessel zu heizen und die
Verdecke mit unzähligen heraufgeholten Eimern Flußwasser zu scheuern und
abzuspühlen. Oben in der fünften Straße öffnete der Barkeeper des deutschen
Kaffeehauses die Laden, fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine
gewöhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt liegende Spielzimmer
nach seinem nächtlichen Besuch zu reinigen und zu lüften und zum nächsten
vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten, mit welchem
Geschäft er selten vor neun oder halb zehn Uhr fertig wurde.
Louise war indessen vorn in der Bar beschäftigt, staubte die Flaschen und
Tische ab, spülte und wischte die Gläser aus, breitete neue Servietten auf
die verschiedenen Kaffeebreter, füllte die kleinen Flacons mit Staunton
Bittres und Pfeffermünzessenz, putzte die blind gewordenen Fensterscheiben
und that überhaupt Alles, um die Schenkstube in ihrer gewöhnlichen
Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war so emsig dabei beschäftigt,
daß sie gar nicht bemerkte, wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der
geöffneten Thüre stand und ihrem thätigen Schaffen und Treiben sinnend aber
aufmerksam zuschaute.
Dem armen Mädchen gingen aber auch gar viele trübe und ernste Gedanken im
Kopf herum -- war nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen,
und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen Heimath entreißen,
um sie einer andern -- wie ihre Pflegeeltern sagten -- traurigen und
freudlosen Existenz entgegen zu führen? war sie gezwungen ihm zu folgen,
oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm verweigert wurde? -- Ja -- _durfte_
sie in dem Fall wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht,
dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste Recht auf sie erhalten
hatte? Ach, wer half ihr aus diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth
ihr, was sie thun, was sie meiden sollte? --
»Louise!« sagte da eine leise -- zärtliche Stimme -- »mein Kind -- meine
Tochter.« --
Und Louise, als sie die bekannten Laute hörte, fuhr zusammen, daß ein Glas,
an welchem sie gerade putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend
zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber stand, die Arme
freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt -- ihr _Vater_. Das arme Kind
wurde todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte kein Wort
über die Lippen zu bringen; Schwabe aber ergriff ihre Hand, zog die kaum
Widerstrebende langsam an sich und flüsterte, indem er ihr liebkosend die
Haare aus der Stirn strich:
»Mein Kind -- mein liebes, gutes Kind, nicht wahr, jetzt läßt Du mich nicht
wieder allein zu Deiner Mutter zurückkehren? der bräche das Herz darüber;
nein, jetzt, jetzt verläßt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir
beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise, Du gehst mit mir zu
Deiner Mutter nach Louisiana?«
»Aber wird mich Missis Wagner fortlassen?« murmelte in Angst und
Unentschlossenheit das arme Mädchen -- »wird sie --«
»Das sind böse Menschen, die Dich Deinen Eltern vorenthalten wollen,«
drängte der Vater -- »Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben,
der Brauer hat mir Alles erzählt. Doch davon später. Jetzt drängt die
Zeit, in wenigen Minuten geht das Dampfboot ab -- die Ketten sind schon
eingenommen, es hängt nur noch an einem einzigen Tau und wartet auf uns.«
»_Jetzt?_« rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm frei zu machen --
»jetzt soll ich fort -- heimlich fliehen?«
»In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise -- zu den Deinigen, die Dich
auf den Händen tragen und für Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so
lange Jahre gewünscht.«
»Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen Eltern, fort aus diesem
Hause?« bat, immer ängstlicher werdend, die Arme -- »Niemand ist hier im
Laden -- sie haben mich wie ihr Kind behandelt -- sie haben mich lieb und
ich -- ich --«
Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte sie wieder empor und
gleich darauf steckte ein kleiner Negerbursche den Wollkopf in die noch
offene Thüre herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme: »Raritan
geht, Massa -- haben schon =steam= 'nausgelassen, soviel -- Wagen steht an
der Ecke.«
»Siehst Du, mein Kind -- es ist alles vorbereitet,« flüsterte der Vater
und zog die Tochter der Thüre zu, »in wenigen Minuten können wir auf dem
Dampfboote, in fünf Tagen kannst Du in den Armen und an dem Herzen Deiner
Mutter sein -- komm, komm, Louise!«
»Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht wie ein Dieb hier aus dem
Hause entfliehen, das mir so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, -- ich
möchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber -- so -- so nicht, so auf keinen
Fall.«
»Louise -- mein Kind!« bat noch einmal der Vater, und die Heftigkeit seiner
Gefühle drohte ihm die Stimme zu ersticken -- »Du wirst und darfst mich
nicht allein zu Deiner Mutter zurückkehren lassen -- Du _mußt_ mit mir
gehen -- ich befehle es Dir als Dein Vater.«
»Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrücken mir den Arm -- ich darf wahrhaftig
nicht fort.«
»Holla da, wer will Dich zwingen?« rief plötzlich eine rauhe, finstere
Stimme, und Wagner, noch im Morgenkostüm, mit verschlafenen Augen und
hoch aufsträubenden Haaren, trat in die Thüre, wo er -- sobald er sah,
daß Schwabe bei seinem Erscheinen den Arm der Tochter fast unwillkürlich
losließ und sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit höhnischem
Tone in seiner Rede fortfuhr. »So, Sir -- also ordentlich Versteckens
wird gespielt, um denen, die uns das eigene Kind lange und schwere Jahre
hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn man nachher anfängt seine
Freude daran zu haben, förmlich zu rauben und zu stehlen? -- da werde ich
wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht gehe und die saubere
Bescheerung anzeige -- ich bin Bürger hier und will doch einmal sehen, ob
mich das Gesetz nicht in meinem Eigenthum schützen wird.«
»Wagner,« murmelte Schwabe, und hielt noch immer den finsteren Blick auf
sein Kind geheftet, das, keiner weiteren Bewegung fähig, jetzt, da sich
sein Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und weinte, als ob
ihm das Herz brechen wollte -- »Wagner, möge Gott Dir verzeihen, daß Du den
Eltern das Kind verweigerst -- die Summe, die Du verlangst, bin ich aber,
das weißt Du recht gut, nicht im Stande zu bezahlen; Du weißt aber auch,
daß Du die Summe nicht _verdienst_, daß mein Kind mehr für Dich gearbeitet,
als das Wenige beträgt, was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott
nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch die Mittel bekannt sein,
die Du angewandt, sein junges Blut gegen mich zu kehren. Daß ich mein Kind
heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich nicht, und hättest Du es
verhindert, so würde mich das arg geschmerzt haben, aber -- es weigert sich
selber mitzugehen -- es will von seinen Eltern Nichts mehr wissen, und das
ist hart, das hatte ich nicht erwartet, und _das_ -- thut auch recht weh,
weher, als mir je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt denn hier
Alle recht wohl -- ich kehre nun wieder nach Cincinnati zurück, Dir aber,
mein Kind, meine Louise« -- und die herausquellenden Thränen machten seine
Worte fast unverständlich -- »Dir wünsch ich, daß Du nie fühlen, nie ahnen
mögest, welchen Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die, Gott ist mein
Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen waren, Dich so lange fremden Händen zu
überlassen -- lebe wohl, und möge Gott Dich segnen, ich kann nicht böse auf
Dich sein. Aber halt, hier, das hat mir Deine Mutter für Dich gegeben, ich
hatte einmal geglaubt, ich würde es nicht abzuliefern brauchen -- gut so,
es hat so sein sollen -- Deine arme Mutter.«
Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines Paket neben sie auf den
Schenktisch, drückte sie dann noch einmal rasch und heftig in die Arme,
einen Kuß auf ihre Stirn und verließ, ehe Louise kaum wußte daß er sie
losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem eben wieder, jetzt aber mit breitem
Erstaunen in den dunkeln Zügen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht
war.
Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden Wagen kam, wußte er nicht
-- in eine Ecke gedrückt, die Hände krampfhaft gegen das Gesicht gepreßt,
fühlte er nur, wie die leichte _Gig_ blitzesschnell mit ihm die steile
Straße hinunterrasselte, und bald darauf vor dem wild schnaubenden und
keuchenden Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur Besinnung
als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag aufriß und ganz verblüfft
stehen blieb, als er den Freund _allein_ zurückkehren sah. Hier war aber
nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige Ruf des Capitäns, der
nun mit ganz außergewöhnlicher Gefälligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn
an Bord --
»_Sie wollte nicht mit!_« rief der arme Vater nun trauernd dem Freunde zu,
riß sich von diesem, der ihn noch zurückhalten wollte, los, sprang an Bord
und keuchend und puffend drängte der Dampfer rückwärts in den Strom hinein,
und warf die aufgerüttelten Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In
der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen Augenblick und das Fahrzeug
trieb eine kurze Strecke mit der Strömung hinunter, schwenkte dann nach der
Seite hinüber, kehrte den Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon,
während das eine mächtige Sternrad schäumende und zischende Wassermassen
hinter sich hinaus schleuderte.