Ich streift' ihm den Schädel ganz nackt und baar,
Und hier ist sein Scalp, mit der Scalplockehaar,
Sein Fleisch ist in des Panthers Magen,
Seine blutigen Knochen die Wölfe nagen,
Huh, huh, huh, vom Muskokee,
Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!
»Bist Du ein Chocktaw, Indianer?« frug der Creole jetzt dringender, indem
er sich zu ihm niederbog und die Hand auf seine Schulter legte; »rede --
bist Du ein Chocktaw?«
Der Wilde murmelte einen nur halbverständlichen Fluch und fuhr fort:
Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
Wenn ich folge der einzelnen Feinde Spur,
Und es zittert der weibische Muskokee,
Wie ein Rohr im Orkan, vor dem Riccaree
Huh, huh, huh, vom Musko --
»Was beim Teufel habt Ihr?« unterbrach er sich da plötzlich selbst,
als St. Clyde, bei der Nennung jenes Stammes überrascht, mit dem
Ausruf freudigen Erstaunens: »Ha! Riccaree! -- Ihr seid ein Riccaree!«
emporzuckte.
»Ihr seid ein Riccaree?« wiederholte er dann nach kurzer Pause noch einmal.
»Nun gut -- was soll's?« war die kurze Antwort des Indianers, der
sich indeß bestrebte, die durch die Unterbrechung verlorene Melodie
wiederzufinden, während er gedankenlos dazu mit den Füßen auf dem Grasboden
trommelte.
»So müßt Ihr mit mir kommen und ein Kind Eures Stammes retten, das sich in
dringender Gefahr befindet.«
»Mein Stamm ist in Missouri,« murmelte der rothe Sohn der Wälder und summte
dann wieder leise vor sich hin:
Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
Wenn ich folge der flüchtigen Feinde Spur --
»Aber sie haben es geraubt!« rief St. Clyde in Verzweiflung. »Mensch, hat
denn dieser teuflische Whiskey Deine ganzen Sinne verbrannt, daß Du kein
Mitleiden, kein Gefühl mehr hast?«
»Keinen Whiskey mehr hast?« wiederholte mit lallender Zunge der Jäger --
»nein -- nichts mehr, nur ein bischen -- gebt welchen.«
»Ha,« sagte der Creole, von einem glücklichen Gedanken ergriffen, »Du
sollst Whiskey haben, ein ganzes Faß voll, aber komm jetzt mit mir und
stehe mir bei.«
»Faß voll Whiskey?« murmelte der Indianer, sich halb aufrichtend - »ganz
Faß voll?« Der Gedanke war zu großartig für ihn, er vermochte nicht ihn auf
einmal zu fassen. Das Chor der Gefährten brach zuletzt wieder in einen so
brüllenden Schlachtschrei aus, wobei sie mit den Armen wild in der Luft
herumfochten, daß ein alter Alligator, der sich kaum hundert Schritte von
ihnen entfernt auf einem im Wasser schwimmenden Stamme sonnte, erschreckt
emporsah und dann geräuschlos in das ruhigere Element zurückglitt.
»Faß voll Whiskey?« wiederholte der Indianer nach langer Pause. »Viel
Whiskey das -- kommt!« und er versuchte sich, wenn auch vergebens,
emporzurichten.
Der Creole unterstützte ihn nun zwar und brachte ihn mit genauer Noth
dahin, daß er aufrecht stehen blieb; was aber half ihm das? Was sollte er
mit dieser bewußtlosen Masse von Gier und roher Sinnlichkeit beginnen? War
das der Mann, der ihm helfen konnte die Geliebte zu befreien? Er ließ
ihn los und der junge Häuptling taumelte, mit auf die Brust gesenkter
Unterkinnlade, an den nächsten Baum an.
»Arme Saise!« seufzte St. Clyde.
»Ais?« stammelte der Indianer mit schwerer Zunge -- »Ais? Wer spricht von
Nedaunis-Ais? Sie ist todt -- Whiskey will ich -- Whiskey!«
»Whiskey!« jubelte die Bande, die das letzte laut ausgestoßene Wort
vernommen -- »Whiskey, hupih!«
»_Nedaunis-Ais?_ Du kennst sie?« rief der Creole und sprang auf den
Taumelnden zu.
»Laßt mich oder ich stoße Euch Eisen in Leib,« knurrte der Wilde -- »=dam
you=!«
»Nedaunis-Ais _lebt_,« donnerte aber Jener, die Drohung nicht achtend, fort
-- »sie _lebt_ und _Du_ sollst mir helfen, sie zu _retten_ --«
»_Lebt? retten? wo?_« rief der Trunkene, jetzt augenscheinlich bemüht, den
klaren Sinn der Worte zu fassen, während seine starren Augen fest auf dem
Fremden hafteten.
Mit kurzen Worten erzählte nun St. Clyde dem aufmerksam Lauschenden die
Geschichte der Indianerin, während dieser mit fest gegen die Schläfe
gepreßten Händen dastand und jede Sylbe von seinen Lippen sog. Endlich
aber, als er anfing zu begreifen, um was es sich handele, und als das
Schicksal der Unglücklichen in klareren, entschiedneren Farben vor ihm
auftauchte, da faßte er, von Grimm und Wuth entbrannt, die Flasche, die,
noch immer ein Drittheil gefüllt, neben ihm lag und schmetterte sie mit
wildem Wurf gegen den nächsten Stamm.
»Gift -- Gift -- Gift!« schrie er dabei -- »die Schwester verkauft und ich
trunken -- Gift -- Gift, der Weißen Feuerwasser -- Gift -- Whiskey!«
»Whiskey! hupih!« jubelten die von der Schaar, die noch Besinnung genug
übrig behalten hatten, die letzten Worte zu verstehen.
»Aber, halt -- halt!« rief der junge Indianer plötzlich, indem er sich die
langen, schwarzen Haare aus der Stirn strich, »noch ist nicht zu spät --
noch ist Zeit« -- und sein Jagdhemd und seine Leggins abwerfend, sprang er
mit einem Satz von dem, an dieser Stelle mehre Fuß hohen Ufer in das Wasser
hinab, tauchte mehrmals unter und kam dann ans Land geschwommen. Hier lief
er, ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Sachen erst wieder anzuziehen, in
den Wald hinein, aus dem er nach kaum einer Viertelstunde auf dem Rücken
eines kleinen schnaubenden Poneys zurückkehrte. Seine Kleider und Waffen
waren bald zusammengerafft und fast eher noch, als der Creole sein Pferd
besteigen konnte, winkte er ihm schon zu folgen.
»Aber Deine Kameraden,« sagte St. Clyde jetzt, »was können wir zwei allein
ausrichten!«
»Komm,« sagte der Sohn der Wälder, »komm; willst Du bis morgen bleiben,
um sie mit lallender Zunge sprechen zu hören -- _mehr Whiskey_ -- _mehr
Whiskey_? Es sind Chocktaws -- ich muß fort -- Du kommst mit -- wir zwei
genug --«
Er wartete gar keine weitere Antwort seines Begleiters ab, sondern sprengte
mit verhängten Zügeln dem Mississippi zu, warf sich hier noch einmal in die
Flut, die Wirkung des Feuertranks zu vernichten, und holte dann, nachdem
er seine wenigen Kleidungsstücke wiederangelegt, ein verborgen gehaltenes
Canoe aus dem Gebüsch. St. Clyde mußte sich in die Mitte desselben setzen,
und an beiden Seiten eines der Pferde mit dem Zügel unterstützen, während
er selbst das Boot schnell und geschickt über den breiten reißenden Strom
ruderte.
So lange aber war St. Clyde, zuerst von dem Indianer und dann durch das
Ueberfahren aufgehalten worden, daß die Sonne schon unterging, als sie
eben das westliche Ufer erreichten, und der Creole mußte nun die Leitung
übernehmen, und führte den so zufällig gefundenen Bruder Saisens zu dem
Richter. Unterwegs erzählte ihm dabei Wetako, der Name des Riccaree, daß er
damals seine entführte Schwester verfolgt und den schändlichen Räuber
auch eingeholt und erschlagen habe, vergebens aber war sein Monate langes
Umherstreifen gewesen, eine Spur der Geraubten selbst zu finden, die durch
die teuflische List jenes Buben seinem rettenden Arm entzogen worden.
In Verzweiflung darüber hatte er sich endlich einer Schaar von Chocktaws
angeschlossen, die in den Wäldern Louisianas jagten und das erlegte Wild in
die benachbarten kleinen Städte schafften. Durch Lebensüberdruß und Schmerz
aber gleichgültig gegen Alles gemacht, was er sonst hoch und theuer hielt,
ergab er sich dem Trunk und folgte dabei nur dem Beispiel seines ganzen
unglücklichen Stammes.
Das doppelte Bad und der jähe Schreck der theils freudigen, theils
schlimmen Nachricht von dem Leben und der Noth seiner Schwester hatte aber
jede Spur von Rausch verdrängt; der Indianer, der kalte, besonnene Wilde
war wieder in ihm erwacht, und mit schnellem Blick übersah er die Gefahren,
die das Wesen, das er auf Erden am meisten liebte, bedrohten. Zwar kannte
er nicht die Gesetze der Weißen, aber er wußte, wie schwer, ja wie für
einen Indianer fast unmöglich es sei, etwas zurückzuerhalten, auf das sie
erst einmal ihre Hand gelegt, und schien auch von vorn herein gar keinen
andern Gedanken gehabt zu haben, als Saise durch List oder Gewalt zu
retten; beides galt ihm gleich, so es nur zum Ziele führte.
Dunkele Nacht war's, als sie das Haus des Richters endlich erreichten;
wichtige Veränderungen schienen aber in den wenigen Stunden vorgegangen.
Von den Grenzen des nördlich liegenden Mississippistaates herüber hatten
sich einzelne Constabel eingefunden, die einen Pflanzer wie seinen
Helfershelfer verfolgten. Bis nach Waterloo mußten die Flüchtigen auch
zusammengeblieben sein, von da an schienen sie sich aber getrennt zu haben,
und zwei der Nachgesandten jagten am Ufer des Flusses hinab, dort alle
Anstalten zu treffen, ihre weitere Flucht aufzuhalten, während die Uebrigen
der allerdings stärkeren Spur stromauf folgten, um die Entflohenen wo
möglich daran zu verhindern, sich in das Innere des Landes zu wenden und
die texanische Grenze zu erreichen.
Des Richters Verdacht aber, dem ebenfalls Meldung geworden, war
augenblicklich auf den Fremden gefallen und er hatte noch spät am
Nachmittag Boten an den Fausse Riviere gesandt, um diesen jetzt, nicht
wegen der Indianerin, sondern als Ausrede auf den Verdacht hin mit jenen
Negerdieben im Bunde zu stehen, verhaften zu lassen. Dadurch hoffte er zu
gleicher Zeit der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ob Saise Sklavin oder
nur schändlich ihrem Stamme geraubt sei.
St. Clyde drang nun darauf, einen Aufschub der Auslieferung Saisens zu
erhalten, wozu sich der Richter jetzt ebenfalls gern bereit zeigte,
nur mußte dazu die Rückkunft des Deputysheriffs erwartet werden, da der
Obersheriff stromauf, die beiden Constabel aber stromab beschäftigt waren,
und der Creole sah sich zu seinem größten Verdruß gezwungen, dessen Ankunft
zu erharren. Zwar erbot er sich, das Schreiben selber mit hinüber
zu nehmen; das wäre aber nicht rechtskräftig gewesen und der Richter
vertröstete ihn damit, wie die wenigen Stunden sicherlich keinen
Unterschied machen würden, da er ja trotzdem noch mit Tagesanbruch an
dem Fausse Riviere sein und das arme Mädchen vor dem Fortschleppen in die
Gefangenschaft bewahren könne. Aber der Deputysheriff kam nicht -- Stunde
auf Stunde warteten sie und ängstigten sich, und der Richter rief endlich
verdrießlich:
»Die Pest über den Burschen -- ich werde mich noch gezwungen sehen darauf
anzutragen, daß der Sheriff diesen liederlichen Fritz Haydt entläßt; es ist
gar nichts mehr mit ihm anzufangen; er trinkt sich voll, läßt sich von den
Mulattinnen an dem Fausse Riviere zum Narren haben und versäumt dann seine
Pflicht.«
»Ich will ihm entgegengehen,« bat St. Clyde, »vielleicht zögert er
unterwegs --«
»Das würde Ihnen wenig helfen,« meinte der Richter, »denn _wenn_ er zögert,
so finden Sie ihn nicht, seine Vergnügungsörter hält er ziemlich geheim.
Kommt er aber nicht bis morgen früh, so reite ich selbst mit Ihnen hinüber
und dann machen wir die Sache gleich zusammen ab.«
In Angst und peinlicher Erwartung verbrachten sie die Nacht, und nur der
Riccaree konnte nicht begreifen, weshalb sie eigentlich zögerten, und
wollte fortwährend aufbrechen, die Schwester zu befreien und zu rächen.
Da -- es mochte zwei Uhr vorüber sein und das Schweigen der Frösche
verkündete den nahenden Morgen -- klopfte etwas mit heftigen Schlägen an
die Thür der Wohnung; der wachthaltende Sklave öffnete, und die Treppe
herauf stürmte nicht der Deputysheriff, sondern der Constabel, mit wenigen
Worten jetzt meldend, daß, sicherer Kundschaft zufolge, jener Pitwell der
besoldete Entführer der sämmtlichen Plantagenneger sei, und auch an dem
Fausse Riviere nicht mehr gefunden werden könne. Aber Beaufort's Overseer
müsse ebenfalls mit ihm unter einer Decke stecken, denn auch er sei,
wahrscheinlich gewarnt, mitten in der Nacht nebst der erst angekauften
Indianerin aufgebrochen, die ihm aber keineswegs gutwillig gefolgt, sondern
in einer gewöhnlichen Negerkette forttransportirt wäre.
»Wah! --« rief Wetako, von der Erde emporspringend, auf der er
niedergekauert bis jetzt gesessen hatte -- »fort -- fort -- wir müssen
fort.«
Auch St. Clyde griff nach seinem Hut und wollte ihm folgen; der Richter
trat ihnen aber in den Weg und bat sie noch einen Augenblick zu verweilen.
Dann stellte er ihnen vor, wie sie durch Gewalt wenig oder gar nichts
ausrichten könnten, bis nicht eine hinlängliche Anzahl von Pflanzern
versammelt sei, die ihnen dann gemeinschaftlich folgen müßten; das würde
aber natürlich wenigstens bis morgen Mittag dauern, und er wolle sie
deshalb zugleich bitten, ihre Kräfte mit denen seiner Constabels zu
vereinen, um alle Pflanzungen so schnell wie möglich von dem Vorfall
in Kenntniß zu setzen. Werde die Rettung auch dadurch um wenige Stunden
verzögert, so sei sie aber auch mit so viel mehr Gewißheit vorauszusehen.
-- Davon wollte aber weder der Creole noch der Indianer hören.
»Nein,« rief der Letztere, »Nedaunis-Ais in Ketten, und Wetako mit Messer
und Büchse auf der Spur -- wir wollen fort!«
»Um Gottes willen -- begeht keinen Mord!« rief der Richter ihnen
erschrocken nach -- »Ihr kennt unsere Gesetze nicht -- lebenslange
Kerkerstrafe wäre die Folge.«
Der Indianer lächelte grimmig vor sich hin, als er die Worte hörte.
»Warum sperrt Ihr denn den Panther nicht ein, der Nachts Eure jungen Pferde
raubt?« höhnte er -- »Wetako ist ein Mann und seine Fährten sind tief.
Folgt ihm, wenn Ihr könnt!«
Er sprang rasch in den Sattel, der Creole ebenfalls, noch einen Gruß warf
der Letztere zu dem dabei auch ihn ängstlich warnenden Richter hinauf, und
fort flogen sie in gestrecktem Galopp die Straße entlang und dem Orte zu,
von wo aus der Overseer aufgebrochen, um dort zuerst die Spur aufnehmen zu
können.
Schon rötheten die ersten Sonnenstrahlen das dunkelgrüne Laub der
rauschenden Cypressen, als die Reiter Beaufort's Plantage erreichten; hier
war aber Alles in Aufruhr. Aus fast sämmtlichen benachbarten Ansiedlungen
hatten sich die Pflanzer, mit Doppelflinten, Messern und Harpunen
bewaffnet, eingefunden und _eine_ Abtheilung sollte schon, wie St. Clyde
hörte, vorausgesprengt sein, die Flüchtigen wenigstens aufzuhalten. Die
beiden Männer verweilten aber kaum lang genug hier, nur das Nothwendigste
zu erfahren, frugen schnell, welchen Weg die Gig des Overseers genommen,
und stürmten dann wie dunkele Rachegötter hinterdrein.
Eben diese Gig war aber die Ursache gewesen, daß man auf der Plantage,
früher als es Duxon gehofft, Verdacht schöpfte, da er seine Sachen noch an
demselben Tage, unter der Adresse eines texanischen Handelshauses und
mit einem gerade dort anlegenden Dampfboot, nach Houston gesandt hatte.
Einzelne der Neger, die er sonst stets grausam und unmenschlich behandelt,
meldeten dem Herrn ihre Vermuthungen, wie auch, daß eine gewisse Anzahl
ihrer Mitsklaven, von denen die meisten des Overseers Spione gewesen,
ebenfalls vermißt würden und allem Anschein nach entflohen wären.
Duxon war überdies noch am vorigen Tage genöthigt gewesen, seine
neuangekaufte Sklavin in der Obhut der alten Negerin zu lassen, da Gabriele
fest darauf bestanden, und er durch zu starres Weigern Verdacht zu erregen
fürchtete. Dies hielt in der Nacht seine Flucht auf, die er, durch einen
Boten Pitwell's gewarnt, beschleunigen mußte, und so kam es denn, daß er,
noch mehre Meilen von dem Versammlungsort entfernt, die gut berittenen
Verfolger in voller Hetze hinter sich hörte. Kaum vernahm er aber die
nachdonnernden Hufe auf der hartgetretenen Straße, als er, schnell das Bett
eines kleinen, ebenfalls trockenen Baches benutzend, von dem Wege abbog.
Die Neger waren nämlich schon auf Pferden, die sie ihrem Herrn oder den
Nachbarn geraubt, der ihnen bezeichneten Gegend zugesprengt, und Duxon
hatte gehofft sie schnell genug einholen zu können. Für den Augenblick
gelang ihm auch diese Kriegslist vollkommen, denn die Pflanzer, wenig damit
vertraut einer Fährte zu folgen, bemerkten die Abweichung der Wagenspuren
nicht eher, bis es zu spät war, und folgten dann der ihnen durch die Neger
selbst verrathenen Richtung, weil sie nicht umkehren wollten, die Zeit
zu versäumen. Am Versammlungsort mußten sie ja später doch Aller habhaft
werden.
Duxon nun, mit jedem Fußbreit Landes in diesen Waldungen und Sümpfen
vertraut, wußte, daß er, wenn er dem Rande eines kleinen Dickichts folge,
eine ziemlich offene Holzung finden und nur mit den hindernden Wurzeln
der Cypressen zu kämpfen haben würde. In kaum einer Viertelmeile von da
durchschnitt aber eine andere, ebenfalls nach dem Cutoff[8] hinaufführende
Straße den Sumpf, und sobald er diese erreichte, mußte ihn das aus der Spur
aller Verfolger bringen.
[8]: Eine Biegung des Mississippi ist so genannt, wo sich dessen
Strömung eine neue, nähere Bahn gebrochen hat.
Auf _einen_ Widerstand aber hatte er nicht gerechnet, auf den _Saisens_. So
lange er sich nämlich in der Straße hielt, gab die Unglückliche noch immer
nicht die Hoffnung auf, von dem Geliebten, denn auch sie hing mit ganzer
Seele an dem jungen Creolen, eingeholt zu werden; jetzt aber, als sie sich,
nur von den rauschenden Bäumen des Waldes umgeben, ganz in der Gewalt
des Menschen fand, den sie, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen, auch
gefürchtet und verabscheut hatte, da glaubte sie ihr Schicksal besiegelt,
und versuchte nun mit verzweifelter Anstrengung ihre Ketten zu zerreißen
und sich zu befreien.
»Sitz' still, zum Teufel!« brummte der Overseer, ohnedies nicht in der
besten Laune, »oder ich klopfe Dir den Peitschenstiel auf den Schädel, daß
Du Dich ruhig verhältst -- hörst Du?«
Saise hielt einen Augenblick erschöpft inne, dann aber, auf's Neue ihre
letzte Kraft versuchend, gelang es ihr, wenn auch nicht ihre Ketten, doch
die Bande zu zerreißen, die ihre Hände niederhielt. In demselben Augenblick
befreite sie sich auch von dem Knebel, den ihr der Bube der Vorsicht wegen
angelegt hatte, und stieß nun, von Angst und Verzweiflung getrieben, einen
Hülfeschrei aus, der so laut und plötzlich in die Ohren des vor die Gig
gespannten Poneys dröhnte, daß dieses entsetzt zur Seite prallte und
waldeinwärts rannte. Duxon aber, durch den Hülferuf Saisens ebenfalls
erschreckt, konnte ihm nicht schnell genug in die Zügel fallen, ja diese
entglitten sogar seiner Hand, und im nächsten Augenblick schnellte auch
schon das leichte Fuhrwerk mit einem Rad an einer der Cypressenwurzeln
hinauf und schlug, den Herrn wie seine Sklavin in ein benachbartes Dickicht
schleudernd, um.
Zorn und Rache im Blick sprang der Bube empor, das Poney nahm aber zuerst
seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch -- die Gig enthielt Alles, was er an
Vermögen besaß, und wenn ihm das Pferd entlief, war er verloren. Dem wild
Stampfenden fiel er daher rasch in die Zügel, riß es auf die Hinterbeine
zurück, daß sich der weiße Schaum mit dem Blut des wundgerissenen Maules
vermischte, und richtete dann, während das erschreckte Pferd zitternd
stille stand, mit riesiger Kraft die Gig wieder empor.
Nun aber wandte sich auch seine ganze Wuth gegen die Ursache dieses
Unfalls, denn Saise, von dem Sturz erst fast betäubt, hatte sich jetzt
wieder gesammelt und ließ auf's Neue den gellenden Hülferuf erschallen.
»Donner und Tod!« schrie er, flog auf die Zurückspringende zu und führte
mit der umgekehrten und mit Blei gefüllten Peitsche einen Schlag nach ihrem
Kopfe, der ihr denselben zerschmettert haben würde, wenn er sie traf; die
gefesselten Arme aber emporhebend, fing sie den Streich auf, der an den
Kettengliedern unschädlich niederstreifte.
Duxon wollte den Schlag wiederholen, da tönte, wohl noch in weiter Ferne,
aber klar und deutlich ein scharf ausgestoßener, wilder Laut durch den
stillen Wald -- er hielt ein, um zu horchen, Saise aber schien in diesem
Augenblick wie aus Stein gehauen, so starr und regungslos blickte sie nach
jener Gegend hin, von woher der Ruf geklungen.
»Ha, da kommen ihrer mehr, aber sie sind auf der Straße,« murmelte der
Overseer vor sich hin; »Pest und Gift, die Sache wird gefährlich; komm,
mein Täubchen, und sei jetzt vernünftig, der erste Schrei, den Du wieder
ausstößt, ist Dein Tod!« Und mit den Worten bückte er sich, ergriff das
einer Statue ähnliche Mädchen und wollte sie in das wieder geordnete
Fuhrwerk tragen; bei seiner Berührung erwachte aber auch in dieses das,
durch jenen Ruf fast erstarrte Blut; mit aller Gewalt, deren sie fähig war,
schwang sie die leichte Kette, die ihre Handgelenke gefesselt hielt,
empor und schlug sie gegen den Kopf ihres Räubers nieder, daß dieser sie
halbbetäubt losließ und zurücktaumelte. Wieder aber erschallte da lauter
und dringender als zuvor der Hülferuf der Unglücklichen, und Duxon, jetzt,
durch Schmerz und Wuth zum Aeußersten getrieben, hörte kaum das antwortende
und näher kommende Signal, als er auch sein breites Messer aus der Scheide
riß, auf die entsetzt Zurückzuckende lossprang und ihr mit fest auf
einander gebissenen Zähnen den scharfen Stahl in die Brust stieß.
Zum Tode getroffen taumelte Saise nieder in das gelbe Laub, Duxon aber
flog mit wilden Sätzen zum Wagen, riß eine große Brieftasche heraus, die
er unter seiner Weste barg, schnitt die Stränge des Poneys durch, warf sich
die Doppelflinte auf die Schulter, sprang auf das Pferd und verschwand im
nächsten Augenblick im Dickicht.
Kaum hatten sich aber hinter ihm, auf der einen Seite des kleinen freien
Platzes die Büsche geschlossen, als auch schon an der anderen zwei Reiter
auf schäumenden Rossen hervorbrachen, doch hier, wie von einem Blitzstrahl
getroffen, entsetzt in ihre Zügel griffen. Sie hielten mehre Secunden an.
Während sich dann aber der Eine mit wildem Schmerzesschrei aus dem
Sattel und neben dem blutenden Körper des holden unglücklichen Mädchens
niederwarf, hob sich der Andere auf dem Rücken seines Thieres zu seiner
vollen Höhe empor und lauschte mit wild stieren, glanzlosen Augen in den
Wald. Plötzlich mußte ein fernes Geräusch sein Ohr getroffen haben, denn
ohne die Ermordete weiter eines Blickes zu würdigen, stieß er dem ängstlich
vor dem Geruch des Blutes zurückschaudernden Thier die Hacken in die Seite,
setzte mit diesem über das im Wege stehende Gig hinweg und folgte, lautlos
zwar, aber mit Tod und Verderben sprühenden Blicken dem flüchtigen Mörder.
Keine Sylbe kam über die zitternden Lippen, keinen Blick verwandte er
von der Spur in der weichen Erde, rasch, mit dem Zügel des Pferdes in der
einen, der Büchse in der andern Hand, flog er dahin durch den dichten Wald,
und kaum konnte er fünfhundert Schritte gesprengt sein, als er den Feind
ansichtig wurde, der eben damit beschäftigt war, einen der in dem Gebüsch
hängen gebliebenen Stränge loszuhauen, was seine Flucht kurze Zeit
aufgehalten.
Duxon schaute sich um und erkannte in der reißend schnell näherkommenden
Gestalt einen Indianer, war aber im ersten Augenblick wirklich ungewiß, ob
oder ob er nicht einen Feind in ihm zu fürchten habe, denn er selbst hatte
nie mit Nachkommen jener wilden Stämme verkehrt und wußte, daß sie
sich selten dazu hergeben, die Streitigkeiten der Weißen untereinander
auszufechten. Als aber eben der Gedanke an die gemordete Jungfrau, die ja
auch jenem unglücklichen Volke angehörte, sein Hirn durchzuckte, sah er,
wie der junge Indianer seinen Zweifeln schon ein Ende machte, denn er hielt
plötzlich sein Pferd an, hob die Büchse, und der rothe Feuerstrahl zuckte
durch das geheimnißvolle Dunkel des Urwalds.
Der Overseer fühlte sich verwundet, aber ihm blieb keine Zeit zum
Nachdenken, der Rächer brauste heran. Zwar hob er selbst jetzt das
Doppelrohr, diesen niederzuschießen, der vorausgeschleuderte Tomahawk
traf jedoch seinen linken Ellbogen, und wenn sein Schuß auch in demselben
Augenblick dem Rohr entfuhr, so erhielt doch dies dadurch eine falsche
Richtung; nur einzelne Schrote streiften Wetako's Schulter und ehe der
sich seiner Schuld bewußte Mörder den zweiten Hahn spannen konnte, flog
der Rächer herbei; der Schlachtruf des Riccarees schallte gellend durch
den Wald, das Bowiemesser zischte nieder, und heulend brach der Elende
zusammen.
Das bleiche Haupt der Geliebten an seiner Schulter, kniete indessen der
junge Creole neben dem verblutenden Körper des schönen, unglücklichen
Mädchens. Wohl hatte er schnell und vorsichtig die weite, klaffende Wunde
verbunden, aber es war zu spät und der Todesstoß ihr ins innerste Leben
gedrungen. Er hörte das Vorbeistürmen der Verfolger, die aus allen Theilen
der Gegend herbeiströmten, den Negerraub zu verhindern, er hatte den
Schlachtschrei des Riccaree vernommen, aber er achtete es nicht, sein Auge
hing an dem rothen entquellenden Lebensstrom des heißgeliebten Mädchens und
Nacht -- finstere Nacht ward es endlich vor seinen Blicken.
Als er sich wieder erholte, stand der Riccaree an seiner Seite; er hatte
den Leichnam der Schwester in seine Decke eingehüllt und hob ihn, da er das
Erwachen des Weißen bemerkte, vor sich auf das Pferd.
»Wetako -- was willst Du thun?« rief der Creole, erschrocken emporfahrend
-- »wo willst Du hin?«
»Will dem Stamme der Riccarees die Ueberreste von seines Häuptlings Tochter
bringen,« sagte der junge Indianer mit düsterem Lächeln; »ich will sagen,
es sei die Friedensgabe, die ihnen die Weißen senden. -- Unser Land haben
sie uns geraubt, hier ist Blut, das neue damit zu düngen -- lebe wohl!«
»Und der Räuber?« frug St. Clyde, immer noch in halber Betäubung auf den
blutigen Körper blickend, den jener im Arme hielt.
»Der Räuber?« höhnte der Riccaree, während er seinen hirschledernen
Ueberwurf zurückschlug -- »der gehört _mein_!« und der Creole erkannte mit
Entsetzen, an dem Gürtel des Wilden, den blutigen Scalp des Erschlagenen.
Ehe er aber noch ein weiteres Wort äußern konnte, schwang sich jener hinter
der Leiche in den Sattel, stieß dem schnaubenden Thiere die Hacken in die
Seite und war im nächsten Augenblick den Augen des Weißen entschwunden.
Die nachsetzenden Pflanzer hatten indessen den schurkigen Negerdieb, jenen
Pitwell, eingeholt und mit der gewöhnlichen Schnelle, mit welcher alle
dem ähnliche Verbrechen bestraft wurden, an den nächsten Baum gehangen. In
seiner Brieftasche fanden sich übrigens hinlängliche Beweise, daß er diesen
Tod zehnfach verdient, denn auch die reine Abstammung der Indianerin ward
hier, durch einen Brief der Helfershelfer, außer allen Zweifel gesetzt.
Als man aber später der Spur des Wagens folgte, um dem Overseer ebenfalls
nachzusetzen, fand man die Zeichen des Kampfes, wie den kleinen Wagen
selbst. Unfern von dort aber, bleich und starr an dem Stamm eines jungen
Baumes gelehnt, lag, in der rechten Hand ein abgeschossenes Pistol, die
Leiche des Creolen.
Herr Schultze.
Ein Märchen.
Die Zeit der Wunder ist vorüber und die Welt glaubt nicht mehr an das
Ueberirdische, denn sie will Alles in nüchterner hausbackner Wirklichkeit
haben, um es so recht aus Herzensgrund begreifen, das heißt _betasten_ zu
können. Kommt dann wirklich einmal etwas Geisterhaftes, zeigt sich
einmal in stiller Mitternachtsstunde dem Einzelnen, dem Auserwählten,
ein anständiges ordentliches Gespenst, so könnte dieser später bei allen
Heiligen, und noch überdies Stein und Bein schwören, es glaubte ihm Niemand
ein Wort davon. Entweder hieße es: »der gute Mann hat mit wachenden
Augen geträumt,« oder die lieblose Bruder- und Schwesterschaar urtheilte
vielleicht noch strenger und sagte am Ende gar: »Er ist ein Narr, daß er
denken kann, vernünftige Leute sollten sich so etwas weiß machen lassen!«
Was um des Himmels Willen ist nun mit einer solchen Welt anzufangen? -- Gar
nichts.
In solch ähnlicher Verlegenheit befand sich vor noch nicht so langer
Zeit der liebe Gott selbst. Auf der Erde, und besonders in den deutschen
Bundesstaaten sah's in jeder Hinsicht windig und bös aus. Mit der Politik
der Kammern waren allerdings die Kammer_herrn_ und Kammer_diener_, sonst
aber auch Niemand zufrieden, die Religion drohte gleichfalls wieder eben
_aus_ Religion ganz irreligiös zu werden, denn selbst die Laien fühlten
sich nicht mehr sicher als ganz gewöhnliche Menschen schlafen zu gehn und
als Apostel wieder aufzustehen -- und was die Ernten betraf, da hörte denn
nun wirklich Alles auf. Einmal war es zu dürr, einmal zu naß, einmal fiel
Mehlthau, ein anderes Mal Hagel, kurz es kam in jedem Jahr etwas Anderes,
was die Getreidepreise hinauftrieb, Brot und Fleisch theuer machte und
die Armen -- =i. e.= solche, die nicht gewußt hatten reich zu werden -- so
bedrückte, daß des Betens und Bittstellens kein Ende mehr wurde und sich
die Nothleidenden theils persönlich an ihn wandten, theils die armen
Heiligen und Schutzpatrone bis auf's Blut plagten und peinigten.
Dazu kam nun noch, daß die Menschen wirklich anfingen ihm leid zu thun.
Er hätte ihnen so gern geholfen! -- Wie aber das anfangen? Die Gesetze der
Natur konnte und wollte er deshalb nicht ändern, und das ungeheure
Walten jener wirkenden und schaffenden Urkräfte zu stören, wäre, der
Paar Erdenbewohner wegen, auch etwas viel verlangt gewesen. Aber es gab
_natürliche_ Mittel und die sollten hier helfen.
Nichts war einfacher als die Religion -- er hatte das Ganze schon früher
einmal dem Moses in einer Viertelstunde dictirt -- in dieser Hinsicht
hoffte er bald Frieden zu stiften; auch die Politik mußte in Ordnung
gebracht werden -- es waren ja Alles seine Kinder und wenn auch die Einen,
wie das wohl die Geschwister häufig thun, die Anderen unterdrückt und
sich die Sachen zugeeignet hatten, die gar nicht für sie allein bestimmt
gewesen, so konnte das -- und dazu hatte er ihnen ja eben die _Vernunft_
gegeben, bald wieder geregelt werden.
Was denn endlich den vielen Mißwachs der Ernten betraf, so erzeugte die
Erde selbst in ihrem Inneren Mittel gegen diese Uebelstände, denn sie trug
und trägt ja in sich selbst den Keim, das Alles zu verbessern und zu seinem
höchsten Grad der Vollkommenheit zu führen. Nun frug es sich nur, wie es
möglich sei, dies den Menschen selbst bekannt zu machen, und auf welche Art
es sich hoffen ließ von ihnen verstanden zu werden?
Durch eine feurige Schrift am Himmel? -- Die Freigeister und Professoren
hätten eine solche als etwas Natürliches erklärt und die Theologen ihr
eine ganz andere Auslegung gegeben. Durch eine Stimme von oben? -- Das war
erstens schon dagewesen und dann würden auch die Leute höchstens gesagt
haben: »Heute hat es doch einmal gedonnert daß man ordentlich Worte
verstehen konnte.« -- Es war zum Verzweifeln.
Da beschloß denn Gott Vater, aus unendlicher Liebe für das
Menschengeschlecht, ein Buch über die zu verbessernden Verhältnisse, und
besonders über Ackerbau und Viehzucht, für welche beiden Zweige er sich
vorzugsweise interessirte, zu schreiben und damit selbst auf die Erde
hinabzusteigen.
Zeit hatte er ja für den Augenblick: die Welt lief im Allgemeinen in
ihren ewigen Kreisen ruhig fort, und wenn ihm nicht manchmal ein Komet
durchbrannte und einen Schweif roher Gesellen auf den Hacken, mit
offenen Laternen und Pechfakeln die stillen Straßen des Firmaments auf
staatsgefährliche Weise durchtobte, so war keine Unordnung zu fürchten.
Doch auch selbst hierüber hatten ihn die Berechnungen der besten Astronomen
beruhigt, die ja die Erscheinung des nächsten noch bis auf =x= Jahre
hinausgeschoben.
Sein Plan ward also, kaum gewollt, auch schon ausgeführt. Mit
Gedankenschnelle flogen die Zeilen mit der Enthüllung jener göttlichen, uns
noch unbekannten Urkräfte des Erdkörpers auf das Papier nieder, und wenn
sich der liebe Gott auch, seit er damals die zehn Gebote entworfen, nicht
mehr mit literarischen Arbeiten beschäftigt hatte, so ging die Sache doch
verhältnißmäßig ungemein schnell.
Das geschehen, rauschte er, die Liebe für seine oft unfolgsamen Kinder im
treuen Vaterherzen, auf unsere schöne Erde hernieder, um einen Verleger für
sein Werk zu suchen und stieg, wie sich das von selbst versteht, in Leipzig
und zwar im ersten Gasthof daselbst ab.
Um aber jedes Aufsehen zu vermeiden, mußte er natürlich die Gestalt des
Menschen -- die edle schöne Gestalt des Mannes, wie er ihn früher nach
seinem eigenen Bilde erschaffen, annehmen, und kleidete sich zwar sehr
einfach, aber doch nach der gerade bestehenden Mode. Vor dem Hotel hielten
mehrere Droschken und eine derselben brachte ihn denn auch bald zu dem
Buchhändler _Schmerz_, bei dem er ohne weitere Umstände eintrat und ihm,
nach wenigen einleitenden Worten, sein fertiges Manuscript anbot.
Herr _Schmerz_ -- ein langer hagerer Mann, mit tiefliegenden, dunkeln
Augen, nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel des
Manuscripts und frug, sich leicht gegen den Fremden verneigend:
»Mit wem hab' ich die Ehre?«
Das war nun allerdings eine sehr natürliche Frage; jeder Buchhändler
wünscht doch zu wissen, mit wem er es zu thun bekommt. Dem lieben Gott kam
sie aber nichts desto weniger unerwartet, denn er durfte dem Manne doch
nicht sagen wer er sei; Herr _Schmerz_ hätte ihm das auch im Leben nicht
geglaubt. Er faßte sich also kurz und antwortete, indem er, um nicht
unartig zu scheinen die Verbeugung erwiederte:
»_Schultze!_«
»Ah -- Herr _Schultze_ -- mir sehr angenehm. Und Sie wünschen also dies
hier drucken zu lassen?«
»Ich wünsche dadurch einem dringenden Bedürfniß abzuhelfen,« sagte der
liebe Gott, und Herr Schmerz schlug das Manuscript schnell auf, denn
er glaubte wahrscheinlich, es lauere der Antrag zu einem neuen
Theatergeschäftsbüreau oder zu einer Illustrirten Zeitung im Innern; bald
sah er jedoch daß er sich geirrt habe und frug -- schon etwas beruhigt:
»Und über was handelt es? Der Titel ist etwas -- etwas umfassend:
»Enthüllungen der geheimsten und segensreichsten Urkräfte des Erdballs« --«
»Ueber Alles -- Viehzucht und Ackerbau -- Religion und Politik.«
»Sie sind Literat?«
»Nicht eigentlich; ich bin mehr Oekonom, habe aber dieses Werk aus reiner
Liebe zur Sache geschrieben, denn ich liebe die Menschen und weiß welchen
Dienst ich ihnen damit erzeigen werde.«
Herr _Schmerz_ blätterte ein wenig im Manuscript herum, um einzelne Sätze
daraus zu lesen und schüttelte dabei bedeutend mit dem Kopfe.
»Sehr flüchtig geschrieben das, sehr, Herr -- Herr --«
»_Schultze_,« sagte der liebe Gott.
»Ach ja, Herr Schultze -- sehr flüchtig -- die Setzer beklagen sich so
immer!«
»Ich sollte denken, es käme hier mehr auf den Inhalt als die Schrift an!«
sagte der Fremde. »Wie unscheinbar sieht zum Beispiel eine Kartoffel aus,
und was schließt sie nicht Alles in sich ein? In ihrem Innern lebt und
wirkt eine kleine, für sich abgeschlossene, aber deßhalb nicht weniger
kunstvolle Welt; dem Menschen unbekannte Kräfte und Lebenstriebe
durchströmen sie, und athmende Wesen bewegen sich in dieser festen saftigen
Fleischmasse mit derselben Leichtigkeit, mit der sich die Menschen durch
die Luft bewegen, und wenn im Frühjahr die Keime --«
»Sie haben Phantasie, Herr Schultze« -- unterbrach ihn etwas ungeduldig
Herr Schmerz, -- »aber dürfte ich Sie wohl bitten, mir den Inhalt dieser
Schrift etwas näher anzugeben!«
»Recht gern. -- Es ist -- wie Ihnen auch der Titel sagt, eine Enthüllung
geheimer, bis jetzt noch nicht gekannter, vielleicht nicht einmal geahnter
Naturkräfte, zuerst dem Mißwachs und den Viehseuchen entgegenzuwirken und
gleichzeitig das moralische Schaffen und Treiben der Menschen -- von denen
der große Haufe nun doch einmal in den Tag hinein lebt, zu ordnen und
zu regeln. Was die ersten Kapitel -- Mißwachs und Seuchen betrifft, so
existirten in früheren Zeiten andere Verhältnisse; die Bevölkerung des
Erdballs war zu schwach und die Erde erzeugte mehr, als ihre Bewohner
consumiren konnten. Daher mußte ich diesem Uebelstand durch natürliche
Mittel abzuhelfen suchen.«
»Wer? Sie?«
»Ich -- meine die _Natur_. Jetzt aber hat jene Ursache aufgehört, und
deshalb soll auch die Wirkung nachlassen. Das Menschengeschlecht ist
an Zahl so gewachsen daß es, wenigstens in Europa, Alles braucht was es
erzeugen kann, und ich wünschte nun dieses zum Nachtheil werdende Hinderniß
gehoben zu sehen. Das können Sie aber nicht verlangen, daß ich deshalb die
ewigen Naturgesetze ändern sollte, um --«
»Nein!« sagte Herr Schmerz.
Der liebe Gott sah ihn im ersten Augenblick erstaunt an, besann sich aber
schnell und lenkte wieder ein: »Um solchen Uebelständen nämlich abzuhelfen,
kann man also, wie ich sagen wollte, doch nicht verlangen daß die einmal
bestehenden Gesetze der Natur geändert werden sollten. Dafür liegt aber
auch in ihren eigenen Kräften, in ihren geheimsten, innersten Lebensfasern
das Heilmittel gegen diese nicht mehr nöthigen Zuwachsminderungen und
ich habe das Alles hier kurz und bündig, aber auch leicht faßlich
niedergeschrieben. Drucken Sie es und geben Sie das dafür übliche Honorar
in die hiesige Armenkasse. -- Sie werden überdies Nutzen genug davon
haben.«
Herr Schmerz, vielleicht durch dies keineswegs gewöhnliche Benehmen
neugierig gemacht, oder auch, weil ihm das ganze Aeußere des Fremden eine
gewisse Ehrfurcht einflößte, scheute sich augenblicklich eine bestimmte
Antwort zu geben, und bat nur ihm das Manuscript bis morgen zu lassen, wo
er sich dann darüber zu entscheiden versprach. --
Zur verabredeten Stunde am nächsten Tag stellte sich der Fremde wieder ein
und bat um seine Antwort. Herr Schmerz machte indessen heute ein äußerst
bedenkliches Gesicht und blickte kopfschüttelnd und mit emporgezogenen
Augenbraunen auf das Manuscript herab, das er in der Hand hielt.
»Ich komme um Ihre Entscheidung über den Druck meines Werkes zu hören,«
sagte der Fremde.
»Ja sehen Sie -- bester Herr Schultze,« begann endlich der Buchhändler
nach kurzer Pause, -- »das ist so eine Sache mit dem Druck dieses Heftes.
Einestheils glaube ich -- aufrichtig gestanden -- gar nicht daß das
Buch etwas machen wird. Für ein rein wissenschaftliches Werk ist zu viel
Phantasie, -- für Phantasie zu viel Wissenschaftliches darin und dann --
druckten wir es nicht äußerst splendid daß es über zwanzig Bogen gäbe, so
striche uns der Censor die ganze Geschichte. Sie halten sich ja gar nicht
ein Bischen an das Bestehende, werfen Alles über den Haufen, was nun doch
einmal da ist und reden von Sachen die über menschliche Begriffe fast
hinausgehen. Ich habe darin herumgeblättert -- etwas altväterischer Styl
-- nun dergleichen ließe sich abändern -- aber -- das nehmen Sie mir nicht
übel -- ein Bischen zu prätentiös ist das Ganze auch noch geschrieben. Sie
reden da in einem fort: das muß _so_ sein und das _so_, hier thue _dies_
und da thue _das_, die Wirkung wird dann im ersten Jahre _so_ im zweiten
_so_, und im dritten und den folgenden _so_ sein; die Behandlungsart von A
wirkt auf B und die Unterlassung würde sich für drei Jahre wieder _so_, und
für andere zehn wieder _so_ gestalten. Nein, das geht nicht, mein bester
Herr Schultze, damit kommen wir nicht mehr durch. Ja, in alten Zeiten, da
ließ man sich das gefallen, damals gehörte nur eine etwas dreiste Stirn
dazu, der Welt glauben zu machen was man wollte; aber jetzt gehen wir der
Sache tiefer auf den Grund.«
»Ueberdies erlauben Sie sich auch über Politik und _besonders_ über
Religion Aeußerungen, die ich selbst nicht einmal unter dem Namen
_Schultze_ vertreten möchte. Am Ende brauchten wir ja gar keine Priester
und Prediger mehr; und dann die Beleuchtung Ihrer _socialen_ Verhältnisse
-- nein, mein guter Herr Schultze: würde ich das Buch, das allerdings Geist
verräth, wirklich drucken, so glaubte uns erstlich kein Mensch ein Wort
von dem was drinnen steht; dann kämen wir wegen des einen Theils in die
schönste Kriminaluntersuchung und über den andern Theil fielen nachher die
Recensenten wie wahnsinnig her. Das Wenigste was sie sagten wäre, ich hätte
einen neuen hundertjährigen Kalender verlegt. Und wenn sie's dann nur noch
kauften -- wenn es noch _ginge_! Ich käme aber wahrhaftig nicht einmal auf
die Kosten, denn ein Leihbibliothekenbuch ist das _nicht_.«
»Nein, allerdings nicht,« sagte der Fremde -- »aber verlegen Sie es nur;
ich garantire Ihnen daß Sie gute Geschäfte damit machen.«
»Sie garantiren mir das? Welche Bürgschaft könnten Sie mir denn dafür
geben?«
»Meinen Namen!«
»Bester Herr _Schultze_!« rief Herr Schmerz.
»Ja so!« sagte der liebe Gott -- »Sie wollen es also nicht? Sie weisen es
zurück?«
»Ich bin Ihnen wirklich für das Vertrauen das Sie in mich gesetzt, ungemein
verpflichtet, aber ich habe jetzt in der That so viel Manuscript daliegen,
-- eins drängt so das andere; -- mein Nachbar Beißig wird sich aber
sicherlich ein Vergnügen daraus machen, -- der hat überdies mehrere
landwirthschaftliche und wissenschaftliche Werke gebracht.«
»Und Sie glauben daß Herr Beißig --«
»Oh, ich bin es fest überzeugt; versuchen Sie es nur! -- Oh -- keine
Komplimente, bester Herr _Schultze_! -- _Jenes_ ist der Ausgang, wenn ich
bitten darf; _die_ Thüre hier führt in die Küche; -- habe die Ehre mich
gehorsam zu empfehlen!«
Der liebe Gott fand sich gleich darauf, mit seinem in Maculatur
eingeschlagenen Manuskript, auf welchem mit großen Rothstiftbuchstaben »Hr.
Schultze« geschrieben stand, auf der Straße und blieb im ersten Augenblick
wirklich etwas überrascht stehen. _Das_ hatte er nicht erwartet! --
Er wollte die Menschen glücklich machen und trifft dafür auf solche
Schwierigkeiten. Nun, Herr Beißig wird es auf jeden Fall nehmen!
Aber siehe da -- auch hier schien es als ob er vergebens angeklopft habe;
neue Schwierigkeiten, neue Entschuldigungen. Wieder wurde er zu einem
Anderen geschickt und Nachmittags nahm er sich eine Droschke auf eine
Stunde, um schneller aus einer Verlagshandlung in die andere kommen zu
können.
Volle sechs Tage hatte er so mit immer gleichem Erfolg auf dem Pflaster
gelegen, er beschloß also den siebenten zu ruhen und am nächsten Montag
die noch übrigen fünfundfunfzig Buchhändler aufzusuchen, um sich später
gar keine Vorwürfe machen zu dürfen. Da klopft es, als die Glocken eben zu
läuten begannen, leise an seine Thür.
»Herein!« rief er, gerade nicht in der besten Laune.
»Ich habe das Vergnügen mit Herrn Schultze zu sprechen?«
»So nennt man mich hier!«
»Ihren Paß, wenn ich bitten darf!«
»Ich habe dem Wirth schon gesagt daß ich keinen bei mir führe.«
»Dann muß ich Sie freilich bitten mir zu folgen!«
»Aber, mein Herr --«
»Ich bedauere recht sehr, -- aber Sie wissen -- meine Pflicht --«
»Ich gehe auf keinen Fall mit Ihnen!«
»Sie werden sich doch der Obrigkeit nicht widersetzen wollen?«
Was wollte der liebe Gott jetzt machen? An dem ihm selbst geweihten Tage
Skandal anfangen? Das ging unmöglich; welch ein Beispiel hätte er dadurch
gegeben! Er setzte seinen Hut auf und folgte.
Im Polizeibureau wurde er freilich mit der größten Artigkeit behandelt,
denn in seinem ganzen Wesen lag etwas so Edles, Ehrfurcht Einflößendes, das
ihm überall Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sicherte; gegen die einmal
bestehenden Gesetze ließ sich aber, das wußte er ja aus eigener Erfahrung,
nichts thun -- einen Paß hatte er nicht -- der von ihm angegebene Ort woher
er stamme, »Himmelsburg in Engelland,« ließ sich auf keiner Karte Albions
entdecken und somit mußte ihm denn, wie sich das vorhersehen ließ, die
Weisung werden, binnen vierundzwanzig Stunden einen Paß zu schaffen oder --
die Stadt zu verlassen.
Jetzt bekam der liebe Gott die Sache aber auch satt. Blos der Menschen
wegen hatte er sich alle Diesem unterzogen und nun traten ihm aus jeder
Ecke neue Hindernisse entgegen. Zwar hätte er sich im Augenblick selbst
einen Paß herstellen können; durfte er aber das auf einen fremden Namen
thun? -- Das wäre wieder gegen seine eigenen Gesetze wie die der Menschen
gewesen. -- Nein, er sah jetzt ein daß es die Sterblichen gar nicht besser
verdienten; sie _wollten_ das Alles was sie drückte und quälte behalten --;
sie _wollten_ kein Licht haben, und wenn sie sich die Schädel an den Wänden
einstießen. So beschloß er denn in den Himmel zurückzukehren und das von
den Blinden verschmähte Werk im Feuer zu vernichten.
Sein Wille war That. In lodernder Gluth verzehrte sich das göttliche
Manuscript, -- dieser allein Millionen werthe Autograph -- und jauchzend
wirbelten die boshaften Luft- und Feuergeister die Aschenatome in das
reine sonnige Blau des Firmaments, und spielten und tanzten damit im tollen
wilden Uebermuth hoch, hoch auf zu der endlosen Höhe. Der liebe Gott aber
schaute ihnen sinnend nach und murmelte endlich gutmüthig lächelnd vor sich
hin:
»Das hätt' ich mir, wenn ich nicht allwissend wäre, allenfalls denken
können!«
Dann in Licht zerfließend, stieg er wieder empor zu den reinen, göttlichen
Räumen des Lichts, zu dem Urquell des strahlendurchflutheten Alls. Rosige
Wolken drängten sich um ihn her, und hoben und trugen den Gott, Freude
glühend und Frieden leuchtend hinan -- hinan in das Aethermeer der
Unendlichkeit, in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins.
Der Deutsche und sein Kind.
Aus dem Amerikanischen Leben.
Mit dem »gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster _Rose Bertram_,«
-- wie die Anzeige im Hamburger Börsenblatt gelautet -- das von dieser
Stadt aus am 15. April 1839 nach New-Orleans in den Vereinigten Staaten
von Nord-Amerika abging, war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und
zwei Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen und Träume das zu
finden, was ihnen die eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten --
eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte Zukunft.
Die Reise lief ziemlich glücklich ab, denn sobald sie nur erst einmal den
englischen Canal hinter sich hatten und in ein südlicheres Klima kamen,
zeigte auch der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so daß sie, mit
einem ebenfalls ziemlich günstigen Wind, nach etwa achtwöchentlicher Fahrt,
die sieben Mündungen des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und
hier von dem Schleppboot _Herkules_, gegen die mächtige Strömung des
Riesenflusses an, der »_Königin des Südens_« zugeführt wurden, wie die
Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen.
Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern, staunte aber nicht wenig, als
er in dem Amerika -- das er sich bis dahin fast nur als eine einzige große
Wildniß, _mit Farmen_, gedacht, eine Stadt fand, wie er sie in seinem
ganzen Leben noch nicht gesehen. Häusermassen dehnten sich ohne erkennbares
Ende am Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen Kette
aller Arten Fahrzeuge eingefaßt und umschlossen wurde, während dort wieder
Omnibus-Wägen und zahllose Güterkarren mit lebensgefährlicher Schnelle
ein wildes geschäftiges Menschengedränge zu durchschneiden und zu theilen
schienen.
Trotz dieser Menschenmasse aber, fühlte er sich recht verlassen und allein
-- kein einziges Gesicht war unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge,
das er gekannt -- keine Hand streckte sich ihm hier zum freundlichen
Willkommen entgegen und Alle gingen kalt und theilnahmlos an ihm vorüber.
Es machte einen recht wehmüthigen Eindruck auf ihn, einen Eindruck, der
nicht beschrieben werden kann, der gefühlt sein will, und obgleich ihn das
Drängen und Treiben der südlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was
ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant war, so eilte er
doch soviel als möglich, wieder fortzukommen, und den Ort zu erreichen,
wo er Freunde zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen hatte, auf
deren Briefe er all sein kleines Eigenthum in Europa verkaufte, um mit dem
daraus gelösten Geld einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen.
Dieser Verwandte, ein weitläufiger Vetter von ihm, wohnte in Cincinnati am
Ohio, und Schwabe mußte jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden, das
ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem neuen Ziele entgegen führte.
Das war aber nicht schwer -- in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen des
gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fünf bis sechs Boote stromauf
und zwei oder drei von diesen sind dabei gewiß für den Ohio bestimmt: bald
hatte er denn auch -- wenn gleich unter nicht geringen Schwierigkeiten, da
er kein Wort Englisch verstand -- seiner und der Seinigen Passage akkordirt
und noch an dem nämlichen Nachmittag glitten die Auswanderer auf dem
keuchenden mächtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche rasch
dahinströmende Fluth des »Vaters der Wasser« an.
Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin, deren graue Schindeldächer
gar freundlich zwischen dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbüschen
hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und Baumwollenfeldern
vorüber, wo unglückliche Sklavenschaaren den sengenden Strahlen der Sonne
ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern überwacht, ihre lange
Tagesarbeit verrichten.
Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die offenen Plantagen mehr und
mehr ab -- der Wald, der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit
durch die urbar gemachten Felder zurückgedrängt wurde, näherte sich immer
auffallender dem Ufer, und endlich, nach einzelnen waldigen Strecken
besonders an der linken Seite, drängte er sich ganz dem Rande des
Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing in langen düstern Streifen
von den weitgespreitzten Aesten herunter und schwankte und schaukelte in
dem scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch dieses nahm nach und
nach ab -- flaches monotones Sumpfland, von riesigen Bäumen bestanden und
nur hie und da von einem kleinen Städtchen oder einzeln liegenden Holzhaus
unterbrochen, bildete die Scenerie beider Seiten des Flusses, bis endlich
oben, von der Mündung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz anderen
Charakter bekam und jetzt mit Hügeln und Bergen das klarere Wasser des
»schönen Stroms« einschließend, die an Bord befindlichen Deutschen
fast wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterländischen Rheins
zurückversetzten.
Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorüber; passirten vor
Louisville -- um die Stromschnellen zu umgehen, den durch Fels gehauenen
Canal, und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags vier Uhr,
in Cincinnati an.
Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges Treiben. Viele stattliche
Dampfboote lagen an der Landung und schnelle Fährboote, mit kleinen
rasch puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und Covington an der
Kentuckyseite und Cincinnati im Ohio hin und wieder. -- Unmassen von Gütern
lagen am Ufer aufgehäuft und die Mannschaften der verschiedenen Boote waren
gar eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen
Fahrzeuge wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise.
Der Deutsche konnte sich übrigens, so interessant ihm das auch zu
jeder andern Zeit gewesen wäre, nicht lange bei der Betrachtung des ihn
Umgebenden aufhalten, denn der Abend rückte heran und es mußte noch vorher
für ein Obdach auf die Nacht gesorgt werden. Jetzt galt es daher vor allen
Dingen, die Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen Adresse stand
deutlich genug in dem erhaltenen Briefe angegeben.
»Fürchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt München, nordöstliche Ecke der
siebenten und Sycamorestraße Nr. 41 Cincinnati Ohio.«
Das war nicht zu fehlen -- der Brief hatte ihm überhaupt auf dem ganzen Weg
zum Leitstern gedient, und er überflog auch jetzt noch einmal mit stiller
Zufriedenheit die Zeilen.
»Komm nur nach Amerika,« stand darin, »Du glaubst gar nicht, wie schnell
und geschwind es ein armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weißt doch,
daß ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging, und jetzt habe ich in
Cincinnati, eine der größten Städte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das
sie hier =coffeehouse= nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und bin
mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert, bis ich mir das Alles
erarbeiten konnte -- anderthalb Jahr -- so lange hab' ich auf der Eisenbahn
geschafft, mit 16 Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz bequem in
Cincinnati und thue gar nichts mehr.«
Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte Schwabe, was muß der
Mensch für ein Glück gehabt haben -- wie lange müßte man sich da in
Deutschland schinden und quälen, daß man nur erst eine _Concession_ kriegt
-- Gott sei Dank, daß ich in Amerika bin, jetzt arbeite ich auch ein paar
Jahre an der Eisenbahn, und dann mache ich's grade so. --
Mit dieser löblichen Ansicht war er vom Boot heruntergegangen, um einen
Karrenführer zu finden, der ihm sein Gepäck an Ort und Stelle schaffen
konnte; denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen, da in einem
Kaffeehause doch auch Raum für sie und ihre paar Kasten sein würde. Es bot
sich ihm auch bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach seiner
ganzen Tracht und Manier für einen Landsmann erkannt hatte, lud seine
Siebensachen auf, und während Schwabe mit seinem Jungen und seiner Frau,
die das kleine Mädchen auf dem Arme trug, neben der sogenannten »Dray«
hergingen, schlenderten sie langsam die berganlaufende Sycamorestraße, die
neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumündete, hinauf. Schwabe, der
sich natürlich nicht mit der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen
konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und nach die vierte,
fünfte und sechste Straße hinter sich gelassen, ein großes stattlich
aussehendes Backsteinhaus im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe
gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste von einem
amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es konnte auch fast kein anderes
Gebäude von den vier Eckhäusern sein, denn zwei von diesen waren Kaufläden
und das dritte -- Heiliger Gott -- an dem kleinen, weißangestrichenen
Breterverschlag klebte ein großes schwarzes Schild, auf dem mit weißen
Buchstaben -- wachte er denn oder träumte er? --
_=Coffeehouse= zur Stadt München_
stand. Die Buchstaben selber ließen gar keinen Zweifel -- das halb
Englische halb Deutsche gehörte einem Landsmann an und diese _Breterbude_
war -- das erwartete Asyl.
»Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus?« -- stammelte er fast
unwillkürlich und ergriff den Arm des Karrenführers, als ob er durch das
Aufhalten der Fracht auch sein Geschick verzögern könne. --
»Es trifft« -- meinte der Andere trocken, und schien in dem Aeußeren des
Gebäudes gar nichts Außerordentliches zu finden, -- »hier ist der Ort
-- der Gentleman wird wohl zu Hause sein!« und mit dieser lakonischen
Bemerkung ließ er die lange Peitsche um des Pferdes Ohren sausen, das,
theils hierdurch, theils durch das gleich darauf ausgestoßene Tschü
-- Tschü -- wo -- ah! vor die fragliche Thüre einlenkte und mit einem
plötzlichen Ruck dort Halt machte.
»Fremder Besuch!« rief der Draymann dann, und stieß die kleine niedere
Pforte auf -- »sollen die Sachen hier hereingeschafft werden?«
Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses fähig, auf der Straße und
konnte die Augen nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: =Coffeehouse=
-- das also war ein amerikanisches Kaffeehaus. Die Mutter drückte ihr
Kind leise an sich, und es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine
Ahnung von dem dämmern, was aus ihren, bis dahin wild aufgebauten Plänen
wohl etwa werden könne. In der Thür des _Kaffeehauses_ erschien in diesem
Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber des so folgeschweren
Briefes, und anstatt nun, -- wie es Schwabe, seit er das wirkliche
Kaffeehaus gesehen, gar nicht anders erwartet hatte -- bestürzt und
vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen Moment bereit zu sein
in die Erde zu sinken, erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh
erstaunt die Hände entgegenstreckte, dem Mann dann um den Hals fiel und ihn
und seine Frau herzlich willkommen hieß. Schwaben blieb denn auch jetzt gar
keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestürzung auszudrücken,
er sah sich nur gleich darauf mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach
hineingedrängt und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen über
die alte Heimath bestürmt, daß er endlich nur froh war, als er erst wieder
einmal frei und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versäumte er auch
weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen Raum, der sie umgab, umher zu
schauen, und die natürlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele
auf die Lippe drängte war --
»Und das nennst Du ein Kaffeehaus?«
»Jawohl,« sagte der schon etwas amerikanisirte Vetter ganz unbefangen --
»das ist hier so Sitte -- wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt,
da wird's gleich _Kaffeehaus_ getauft, und wenn auch ein paar Gläser und
Flaschen mit Doppelkümmel, Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn --
gerade wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch nichts weiter. Das
laßt Euch aber nicht kümmern, und daß Ihr große Rosinen im Topf gehabt,
geht anderen Leuten auch nicht besser -- damit kommen sie Alle von
Deutschland herüber. Jetzt heißt's nun fleißig geschafft und gearbeitet,
und die Hände gerührt, nachher macht sich das Uebrige von selbst.«
Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht -- es sieht Manches in Amerika,
von Deutschland aus betrachtet, wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir
nachher hin, so schreien wir -- »Ach du lieber Gott -- das sind ja lauter
Lügen und Erfindungen -- das waren Prahlereien und Märchen, das ist ja
gar kein Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewöhnliche Breterbude!« Für den
Augenblick, und nach _unseren_ Ansichten haben wir auch allerdings recht,
sobald wir aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den alten
deutschen Staub aus den Augen geschüttelt haben, dann sehen wir die Sache
von einer ganz anderen Seite an, und finden nun plötzlich, daß es doch
wirklich ein Kaffeehaus ist, oder daß wir's wenigstens _dazu machen dürfen
und können_, wenn wir nur den recht festen und kräftigen Willen haben, es
auszuführen. Dann sehen wir ein, daß uns dort nicht, wie hier, die Hände
gebunden sind zu freier That und lernen uns gern und freudig in das fügen,
was uns im Anfang, als die Kruste und äußere Schale des Ganzen so herb und
bitter, so hart und unverdaulich geschienen.
Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehäusern so, nein fast
durchgängig mit all' den dortigen Verhältnissen und Einrichtungen;
gewöhnlich werden _übertriebene_ Berichte hierher geschickt, oder wenn auch
nicht einmal übertriebene, doch wenigstens so gestellte, daß sie, wenn sie
auch vielleicht _buchstäblich_ wahr sind, der Einbildungskraft einen zu
freien Spielraum, alles Gute und Vorzügliche ahnen lassen und die Fehler
und Mängel dabei nicht andeuten. Der Deutsche und besonders der, in dessen
Kopf die Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu gern
geneigt, sich Alles das was er hört, in den schönsten, buntesten Farben
auszuschmücken und zu putzen und kommt er dann an Ort und Stelle und findet
das Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht, nicht wirklich
realisirt -- was beiläufig gesagt, _nie_ geschieht -- so wird er muthlos
und macht sich selbst und denen, die solche Berichte geschrieben, die
bittersten Vorwürfe. Es ist schon gefährlich genug, wenn man die dort
bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur erwähnt, und nicht recht besonders
heraushebt, denn in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darüber
hin, und denkt -- a bah, das sind Kleinigkeiten, die sich schon geben
werden -- sind auch vielleicht nicht einmal so schlimm wie man sich's hier
denkt.
Deßhalb sollten es sich die, welche Berichte über Auswanderungen
schreiben, zur besonderen Pflicht machen, Alles -- auch das Kleinste und
Unbedeutendste, was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen Landes wissen,
nicht allein anzuführen, sondern sogar hervorzuheben, und lieber in
dieser Hinsicht etwas übertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der
Auswanderungslustigen glättet doch die rauhen Kanten ab. Der Europäer
wird dann nicht, oft gleich bei seinem ersten landen, zurückgeschreckt
und gerade zu einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie
und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb Manche den Tadel
verschweigen, weil sie wissen, daß alles dieß doch immer eigentlich nur
Unannehmlichkeiten und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie gerade im
Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen, denn Amerika bietet dem deutschen
Auswanderer solche ungeheuere Vortheile, daß man getrost Alles das nennen
und aufführen kann, was dem Land oder den Sitten jenes Welttheils zum
Nachtheil gereicht, ohne befürchten zu müssen, den Ackerbauer, den
eigentlichen Mann für Amerika, dadurch zu schrecken. -- Bleiben nachher die
geschniegelten und gebügelten Herrchen drüben in Europa, weil sie tausend
Bequemlichkeiten nicht haben können, tausend Genüsse -- was nämlich für sie
Genüsse sind, entbehren, ei, so ist das auch nur wieder ein Vortheil
für Amerika, denn derlei Gesellen, mit parfümirten Taschentüchern und
wohlfrisirten Locken brauchen sie drüben nicht, die mögen hier ausharren,
bis sie später einmal, mit dem alten Schlendrian selbst, zu Grunde gehn.
Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs hinauszielenden Erzählung
ab und will lieber wieder so schnell als möglich in's »Kaffeehaus zur Stadt
München« zurückkehren.
Hier saßen indessen die Deutschen ganz gemüthlich -- nicht etwa bei einer
Tasse Kaffee, denn der war nur Morgens zum Frühstück zu bekommen, sondern
bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen und plauderten und besprachen
ihre gegenseitigen Aussichten.
Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem Vetter geschrieben recht
gehabt; durch eigener Hände Arbeit wußte er sich ein kleines Capital zu
verdienen und that damit, was in allen Städten Amerikas, besonders aber in
Cincinnati, die Deutschen nur zu oft thun, er errichtete einen Schenkstand
-- was dort nun einmal ohne seine Schuld _Kaffeehaus_ genannt wird. Wohl
war der Verdienst jetzt, der ungeheueren Concurrenz wegen, nicht mehr so
besonders wie früher, er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da
er gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte, immer noch
jährlich eine Kleinigkeit zurücklegen.
Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so beschränkt war, daß sie die
ersten Nächte alle mit einander in einem Zimmer schlafen mußten, so dachte
er gerade daran, ein größeres Lokal zu nehmen, wie auch sein Geschäft etwas
mehr auszudehnen, und bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit
bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschäft bei allen vorkommenden
Arbeiten mitzuhelfen. Dafür sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen
kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner hatte darin aber auch
ganz recht, daß sie nicht gleich hoffen dürften von vorn herein viel zu
verdienen, denn sie begännen jetzt eine ganz neue Lauf- und Lebensbahn,
und darin müsse nun Jeder einmal, es möge sein wer es wolle, sein Lehrgeld
bezahlen.
Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen Anblick des Hauses die Sache
weit schlimmer gedacht, als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern
damit einverstanden und schon in den nächsten Tagen, wo ein Tischler kam
und den Boden etwas mehr erweiterte, da Wagner seine Wohnung in dem dicht
danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen die verschiedenen, bei
solchem Ausräumen nicht zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide
Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch mit ihren Verwandten im
besten Einverständniß blieben.
* * * * *
So vergingen wohl sechs Monate und nichts trübte die Freundschaft und das
gute Vernehmen der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben ließ ihnen
keine Zeit, auf irgend etwas anderes als ihre Geschäfte zu denken; gar
verschieden gestaltete sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst
einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das gleichförmige ruhige
Leben wieder begann, bei dem sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte,
Alle nun gleichmäßig beschäftigen zu können. Jetzt fielen zuerst, und zwar
besonders zwischen den beiden Frauen kleine unangenehme Scenen vor und
einzelne bittere Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man jedoch noch
leicht darüber hin, eine Versöhnung ward entweder gar nicht für nöthig
gehalten oder doch bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, daß sie
ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten, was sie suchen mußten
wieder gut zu machen, hielt Schwaben's noch manche Woche in einer Stellung,
die vielleicht weniger drückend für sie gewesen wäre, hätten sie sich nicht
immer sagen müssen: »das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren,
während wir die Knechte machen sollen.«
Schwabe bekleidete nämlich, während der, seinen Leichnam jetzt auf das
Beste pflegende Wagner ruhig in den Ecken herumsaß und sein eigenes Bier
trank, die Ausschenkerstelle, und war somit ein förmlicher »=Barkeeber=«
geworden, die Frau aber, die auch noch nebenbei ihr zweijähriges Kind zu
besorgen hatte, mußte waschen und bügeln, nähen und stricken, ausbessern
und alle nur möglichen übrigen häuslichen Arbeiten verrichten, indeß
_Missis_ Wagner, wie sie sich nur zu gern nennen hörte, nur selten mit
angriff und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon manchmal begann
statt des früheren freundlichen Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin
anzunehmen.
Schwaben's wären schon lange fortgezogen und hätten ihr Glück allein, in
dem weiten fremden Lande gesucht; es kommen ja so Viele glücklich durch,
warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines nur hielt sie bis
dahin noch immer von einem solchen Schritt zurück und bannte sie an die
Stelle, wo sie anfingen, sich recht unbehaglich zu fühlen -- ihr Kind
-- die kleine zweijährige _Louise_ und die Zuneigung die _Wagners_ Frau
wirklich zu der Kleinen zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz
wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da schon manches ertragen
zu müssen, wo es der armen Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr
zehnjähriger Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der griff schon
ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod, das er aß, durch dausend kleine
leichte Arbeiten die er verrichtete, oder Wege die er lief, und wäre ihnen
auch, so sie wirklich selbstständig in das Leben hinaustraten, gewiß nicht
zur Last geworden.
Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr in dem Hause gewesen, das
jetzt, da sich des Eigenthümers Geschäfte verbesserten, auch seinerseits
einen etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen »Stadt München«
zu einem »=city of München=« avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden
Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der besonders in den letzten
Monaten schon so schwankend und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst
mochten das fühlen und es konnte ihnen dabei auch nicht verborgen bleiben,
was es eigentlich noch sei, das sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage
zurückhielt, und _Missis_ Wagner hatte endlich wenig genug Takt, ihrer Base
auf halbem Wege entgegenzukommen. Sie bot dieser nämlich eines Morgens an,
ihr kleines Töchterchen, da sie selbst kinderlos sei, für sie aufzuziehn --
heißt das natürlich, wenn Schwaben's überhaupt einmal fortziehen sollten --
und so lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere Umstände,
und vielleicht zu eigener Selbstständigkeit gelangt, im Stande wären, sie
wieder abzuholen.
Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu entschließen, das Kind,
wenn auch wohl versorgt, doch gewissermaßen unter fremden Menschen
zurückzulassen, endlich aber siegten die äußeren, keineswegs günstigen
Umstände. Schwabe sprach mit seinem Vetter offen über das, was ihn drücke
und hemme, dieser gab sich keine besondere Mühe ihn zurückzuhalten, und
nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher einen sehr wehmüthigen Abschied
von dem Kinde nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern auf
das dringendste und wärmste an's Herz legend, auf dem Dampfboot »General
Harrison«, den Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo ihnen, von
einem Deutschen, der sich kürzlich einige Zeit in Cincinnati aufgehalten,
günstige Anerbieten gemacht waren.
Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir sie im letzten Abschnitt
verließen. Schwabe fand in St. Francisville, einem kleinen Städtchen unfern
vom Mississippi, der Ansiedlung von =Pointe coupée= gegenüber, gute und
lohnende Arbeit; sein Sohn wuchs zu einem kräftigen Burschen heran, der ihn
bald gar wacker unterstützen konnte, und durch die sparsame Sorglichkeit
der Frau sah er, wie sich seine Lage mehr und mehr verbesserte und er
zuletzt sogar darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um, ohne
gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu kommen.
Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte viel dazu beitragen ihn auf
solche Gedanken zu bringen; die Zeiten schienen ebenfalls günstig, --
Kaffeehäuser gab es in St. Francisville nur sehr wenige und so säumte er
dann auch nicht lange und schaute bald darauf, wenn er auf der andern
Seite der Straße an seinem eigenen kleinen Haus vorüber ging, mit ganz
absonderlichem Vergnügen nach dem großen blauen Schild hinüber, das mit
goldenen Buchstaben verkündete, wie _Hermann Schwabe_ hier, nicht allein
ein _Kaffeehaus_, sondern auch »kalte und warme Getränke, frische gebackene
und marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten,« und überdieß
noch ein »Lager von ächten, in Boston verfertigten Schuhen und Stiefeln und
Penitentiery Filzhüten« halte.
Was er mit eigener Hände Arbeit, und zwar mit harter, schwerer Arbeit
begonnen, führte er mit Hülfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation
weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, für einen wenn auch nicht
reichen, doch sicherlich wohlhabenden Bürger des kleinen Städtchens.
Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis dahin oft gewaltsam
unterdrückte Wunsch, ihr Kind, ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen,
von der sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal etwas
erfahren hatten.
Das Briefschreiben gehörte nämlich zu einer von Schwabes schwachen Seiten,
er fällte lieber einen vier Fuß im Durchmesser haltenden Baum, als daß er
eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher sein Entschluß gewesen,
lieber gleich hinauf nach Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber
abzuholen; dringende Geschäfte, wie eine plötzliche Krankheit seiner
Frau, nöthigten ihn aber endlich, entweder seine beabsichtigte Reise noch
aufzuschieben, oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind, unter
lauter fremden Leuten glücklich nach St. Francisville zu bringen? --
Durfte man wagen, es Einem der tollkühnen Dampfboots-Capitäne zu übergeben?
Amerikanische Eltern hätten das augenblicklich gethan, aber die Deutschen
waren zu ängstlich, und Schwabe fürchtete schon, er würde den so lange
genährten Wunsch noch länger müssen unbefriedigt lassen, als sich ihm ganz
unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel bot, das er und seine Frau auch
mit dankbarer Freude ergriffen.
Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde entfernten Bayou
Sarah, reiste zufälliger Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati,
um dort indeß von Deutschland gekommene Verwandte zu treffen und nach
Louisiana mit zu nehmen. Eine bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern
wieder zuzuführen, ließ sich kaum denken; Schwabe setzte sich denn auch
augenblicklich hin und brachte endlich mit vieler Noth und Mühe einen
ziemlich ausführlichen Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit den
eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt machte, ihm für die treue
Wahrung seines Kindes dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer
dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend und guten Freund von
ihm selber, den sich herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurückzuschicken.
Welbauer, wie der junge Mann hieß, ging mit dem nächsten, noch an demselben
Abende in Bayou Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe erwartete
nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der, seit dreizehn Jahren von
ihnen getrennten Tochter, denn so lange war es schon, daß sie Cincinnati
verlassen und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und später angesiedelt
hatten. Vor dem Ablauf von wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum
wieder zurück sein, denn die Entfernung zu Wasser, zwischen Bayou Sarah und
Cincinnati beträgt 1350 englische Meilen; die Eltern benutzten aber
diese Zeit, ein kleines, freundliches Stübchen für das erwartete Kind
herzurichten, damit es sich gleich vom Anfange an recht wohnlich und
zufrieden im elterlichen Hause fühlen möge und schafften All und Jedes
herbei, womit sie nur glauben durften, dem lieben, so lange elternlos
gewesenen Kinde, eine Freude zu machen.
Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer aber noch immer nicht
zurückgekehrt; ja, noch eine vierte Woche verging sogar, ohne daß weder
ein Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich Erwarteten
eingetroffen wäre. Schwabe, der bis jetzt seine Frau immer nur gebeten
hatte, Geduld zu haben, da man ja gar nicht wissen könne, was die Rückkehr
des jungen Mannes vielleicht verzögert hätte, fing nun selber an, ängstlich
zu werden, und lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah hinunter,
um zu hören, was für Boote angekommen wären, und welche man, und woher man
sie erwartete.
Endlich, in der fünften Woche traf der so heiß Ersehnte mit der »Diana«
wieder ein, aber -- Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde
todtenbleich -- _allein_ war er -- das Kind war nicht bei ihm und der
zitternde Vater fürchtete schon das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das
Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich jedoch als unbegründet.
Welbauer beruhigte ihn bald über das Befinden und Wohlergehen seiner
Tochter -- er hatte das junge Mädchen gesund und heiter angetroffen,
sie war gar rasch in die Höhe geschossen, und sollte kräftig und blühend
aussehen -- das Uebrige aber verkündete ein Brief, den er -- statt dem
Kinde -- als Antwort mitbrachte.
Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben enthielt -- in letzter Zeit,
als die Erwarteten immer und immer nicht kommen wollten, waren ihm so
allerlei trübe und häßliche Gedanken durch den Sinn gefahren, die er sich
ordentlich gefürchtet hatte seiner Frau mitzutheilen, weil er sie doch
nicht mit nur bloßen vielleicht sogar unbegründeten Vermuthungen ängstigen
wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und sah hier seine schlimmen
Besorgnisse bestätigt. Das Schreiben lautete also:
»Lieber Freund und Vetter« --
»Recht sehr hat es mich gefreut zu hören, daß es Dir wohl geht und Du Dir
durch Arbeit und Sparsamkeit, wodurch man in Amerika nur allein zu etwas
kommen kann, ein kleines Vermögen erworben hast. Uns geht es auch hier
recht gut, und viel besser als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen
Häuschen an der Ecke der Sykamore-Straße aufsuchtest. Ich bin jetzt auf dem
Mittelmarkt -- Du weißt ja schon, in der fünften Straße -- gezogen, habe
ein gutes Boardinghaus[9] errichtet, und mache sehr gute Geschäfte, habe
aber auch sehr viel zu thun, und weiß kaum wie ich fertig werden soll.«
[9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel.
»Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist die recht gewachsen,
und ein braves gutes Mädchen geworden, meine Frau hat sich aber so an sie
gewöhnt, daß sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu trennen. Seid
deshalb auch nicht böse, daß ich Euch Euren Wunsch nicht erfülle und sie
mitschicke. Eigentlich kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh,
wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit dem kleinen Kind gehabt und
sollen es jetzt, da es groß geworden ist und anfängt, uns für alle die Mühe
und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben. Meine Frau hält es dabei wie
ihre eigene Tochter. Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und geben
ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du mehr? Aber trennen möchte
sich meine Frau nicht wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht
dringend es uns zu lassen.«
»Mit dem Wunsche, daß es Euch in St. Francisville Allen gut geht und Ihr
manchmal unser gedenkt, unterschreibe ich mich als Dein