Die Tochter der Riccarees.
Lebensbild aus Louisiana.
Eine glühende Septembersonne schoß ihre fast senkrechten Strahlen auf die
weiten Baumwollen- und Zuckerfelder und ausgedehnten Sümpfe und Prairien
Louisianas herab. Die ganze Natur ruhte, oder schien vielmehr matt und
kraftlos, verschmachtet und erschöpft zu liegen, und mit fieberheißen Poren
den Nachtthau herbeizusehnen, der die lechzenden Lippen der Erde tränken
und den Bäumen ihre Farbe, den Blumen ihren Duft wiedergeben sollte. Eine
glühende Septembersonne trieb den weichlichen Pflanzer in das Innere
seiner kühlen Wohnung zurück, und hinter verschlossenen Jalousien, den
claretgefüllten Krystallbecher neben sich, lag er träumend in seinem
geflochtenen Schaukelstuhl und vertrieb sich die Zeit dadurch, das in dem
Wein rubinartig funkelnde Eis mit dem langen, silbernen Löffel auf- und
niederzustoßen und zu zerschmelzen.
Draußen aber im Feld, der sengenden Glutenhitze ausgesetzt, die auf ihre
nackten Schultern niederbrannte, standen in langer Reihe die Negersklaven,
Männer, Frauen und Kinder mit großen leichten Spahnkörben und sammelten in
diese die Baumwollenflocken aus den holzigen Kapseln, und im Schatten eines
nicht fernen Pecanbaums, die große lederne Peitsche in der Hand, lehnte der
_Overseer_[1] und überschaute gähnend die keuchende Schar, dann und wann
nur einen flüchtigen Blick hinüberwerfend, nach der nicht fernen Piazza des
Wohngebäudes, wo allerdings ein freundlicheres, lieblicheres Bild sein Auge
fesseln konnte.
[1]: =Overseer=, die obersten Aufseher der Neger, meistens Weiße und
zwar Amerikaner, auch oft Creolen. Die ihnen untergebenen Aufseher,
gewöhnlich selbst Neger, werden nur =nigger drivers= genannt, wie
überhaupt =nigger= der verächtliche und sehr oft angewandte Ausdruck
für Neger ist.
Zehn Stufen führten zu der von hohen Chinabäumen und zwei duftigen
Magnolien umschatteten Galerie des Herrenhauses empor, und rankende weiße
Rosen schlängelten sich hier an den buntgeschnitzten Säulen hinauf, bis
sie oben die wilden Reben erreichten, die, unter dem niederen Schutz- und
Sonnendache hingezogen, ihre blauen vollen Trauben mitten zwischen den
zarten Rosenknospen hineinsenkten, als ob sie den Duft aus diesen ziehen
und ihnen dafür den kühlen Saft ihrer Beeren gewähren wollten. Seltene
tropische und nordische Gewächse waren dabei rings im Inneren des laubigen
Raumes aufgestellt und vermischten ihre Wohlgerüche mit denen der sie
umwuchernden Schlingpflanzen.
Doch nicht nur Blum' und Blüte schmückten den Eingang des reichen Beaufort
Haus, der als einer der wohlhabendsten Pflanzer am ganzen Fausse Rivière
bekannt und geachtet war, nicht allein Blum' und Blüte schwankte und wehte
in dem kaum bemerkbaren Westwind, der von der breiten Wasserfläche des
»falschen Flusses« herüberzog, sondern noch, aufgehangen zwischen den
knospen- und fruchtumdrängten Pfeilern schaukelte, durch die Hand
eines kleinen Negerkindes in Bewegung gehalten, eine bunte, wunderlich
geflochtene Hängmatte, und darin, das von rabenschwarzen Locken umwogte
Köpfchen auf den vollen weißen Arm gelehnt, während das zierliche Füßchen
eben unter dem weiten faltigen Kleide sichtbar wurde, lag des Pflanzers
holdes Kind, die reizendste Creolin Louisianas, und schaute halb
sinnend, halb träumend zu der Blütenpracht hinauf, die von buntfarbigen
Schmetterlingen und diamantfunkelnden Kolibris umflattert und beraubt
wurde.
Um sie lagen zerstreut theils frisch abgebrochene Blumen, theils große
sammetne Magnolienblätter, auf deren schneeige Fläche sie mit der Nadel
Figuren und Namen gezeichnet, und selbst einzelne französische Hefte und
Journale deckten die Hängmatte und das danebenstehende kleine Tischchen;
ein Zeichen, wie Mademoiselle _Alles_, selbst das Letzte versucht hatte,
die Langeweile zu tödten.
Und sandte der sonngebräunte, finstere Aufseher der Schwarzen nach dieser
holden Blume seine leidenschaftglühenden Blicke herüber? Wagte er es zu der
schönsten und reichsten Erbin des Landes das Auge zu erheben? Nein -- wohl
wußte er, wie diese ihn haßte und verabscheute, wohl kannte er die Kluft,
die zwischen ihm und der Jungfrau in jeder Hinsicht gähnte; nein; er wollte
nicht girren und schmachten, er wollte _genießen_, und ein anderes Wesen
als Gabriele Beaufort, hatte sich sein lüsterner Blick ersehen.
Neben der Gebieterin, den breitfaltigen Pfauenwedel in der Hand, mit dem
sie dem schönen Mädchen nicht allein Kühlung zufächelte, sondern auch die
umherschwärmenden Insekten verscheuchte, lehnte auf weichem Sitz ein fast
ebenso liebliches, wenn auch von dem ersten gar sehr verschiedenes Kind. Es
war eine Indianerin, die dunkle Bronzefarbe der Haut, das lebhaft funkelnde
Auge, die schneeweißen Zähne und das ganze Wesen, die ganze Haltung des
Mädchens kündete die Tochter der Wälder, nur das rabenschwarze, sonst lange
und _straffe_ Haar schien sich, leicht gekräuselt, jener bläulichen Färbung
nähern zu wollen, die den schönen Quadroonenmädchen, den Mischlingen der
Weißen und Mulatten, einen so eigenthümlichen Reiz verleiht.
Ihre schlanke Gestalt war in ein weites, luftiges Gewand, nach Art ihres
Stammes angefertigt, gekleidet, ein buntgestickter Perlengürtel hielt es
über der Hüfte zusammen und bildete mit zwei gleichen Korallenschnuren,
eine um den sammetweichen Nacken, die andere um die Schläfe geschlungen,
den einzigen Schmuck des holden Mädchens. Nur die aus zartgegerbten Fellen
bereiteten Moccasins, in denen die kleinen zierlichen Füße staken, trugen
noch die Zeichen der kunstfertigen Hand Nedaunis-Ais' (die kleine Tochter)
oder Saisens, wie sie der Kürze wegen von Gabrielen genannt ward.
So wunderlieblich und reizend aber auch das Bild der beiden, von einer
Blumenwelt umgebenen Jungfrauen war, so trübe, wehmüthige Gefühle schienen
Saisens Busen zu heben und einmal -- ach, sie wandte das Köpfchen ab,
daß es die Gebieterin nicht bemerken sollte -- streifte sie sogar mit dem
zarten Finger einen perlenden Tropfen von den langen, seidenen Wimpern und
ein leiser, leiser Seufzer entrang sich der Brust des armen Kindes.
Was war es aber, das ihr hier, von Pracht und Ueberfluß umgeben, das Herz
beengte? Dachte sie an das Schicksal ihres Stammes? ihres ganzen Volkes,
das, von dem Grund und Boden vertrieben der einst sein Eigenthum, durch
den Stahl und das Feuerwasser der Weißen fast vernichtet, jetzt im weiten
Westen, fern von den Gräbern der Lieben weilen mußte, während eine seiner
Töchter dem Abkömmling jener stolzen, trotzigen Race diente, wo sie selbst
doch eigentlich die Herrin dieses Landes nach Geburt und Recht war? Ach,
sie hätte Ursache gehabt, darüber zu trauern, und die zwei holden Wesen
lieferten ein treues, aber darum nur ein so wehmüthigeres Bild der beiden
Nationen, der Sieger und Besiegten. Doch es war nicht das, auch nicht das
Gefühl der Dienstbarkeit, denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine
Dienerin, sondern wie eine Freundin, nein es war wohl die Trennung von
den theuern Aeltern, denen sie durch teuflische List geraubt worden. Der
Gedanke an die daheim um sie Trauernden füllte auf's Neue ihre Wimpern und
diesmal tropfte die Thräne voll und schwer in ihren Schoos hernieder.
Gabriele bemerkte es.
»Saise, meine herzliebe Saise, was fehlt Dir? Warum bist Du immer so
traurig und willst mich nicht zur Mitwisserin Deines Kummers machen?« frug
theilnehmend die junge Creolin; »bin ich nicht Deine Freundin, und habe ich
nicht auch Dir alle meine kleinen Sorgen und Pläne entdeckt und um Deinen
Rath und Deine Hülfe gebeten?«
Saise drückte der Herrin Hand und schaute ihr wenige Secunden lang
wehmüthig lächelnd in die klaren treuherzigen Augen, dann aber fiel ihr
Blick auf das kleine, die Hängematte wiegende Negermädchen und Gabriele,
den Wink verstehend, sagte:
»Geh hinunter, Piccaninny[2], und zähle die Küchelchen, die im Hof
herumlaufen; komm aber nicht wieder, bis Du mir genau sagen kannst, wie
viel es sind«.
[2]: Piccaninny, ein afrikanischer Ausdruck und gewöhnlich für alles
das gebraucht, was klein und niedlich ist.
Das kleine runde Dingelchen zog den breiten Mund zu einem freundlichen
Grinsen auseinander und sprang schnell durch den schmalen Eingang die
Treppe hinab, den Befehl ihrer »Missus« auszuführen. Lächelnd sah ihr
Gabriele einen Augenblick nach, dann aber, sich theilnehmend zur Gespielin
wendend, sagte sie herzlich:
»Siehst Du -- das Kind ist fort, nun erzähle mir aber auch offen, was Dich
drückt -- gewiß kann ich Dir helfen.«
»Du sollst Alles erfahren,« flüsterte Saise, »vielleicht ist es überdieß
besser, _daß_ Du es weißt, denn wenn« -- sie schwieg plötzlich und barg
schaudernd ihr Antlitz in den Händen.
»Aber was ist Dir, um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich
Dich nie gesehen.«
»So höre denn,« sagte, sich fassend, die Indianerin, »mit wenig Worten
kann ich dir Alles vertrauen; ich habe, wenn auch noch jung, doch
schon Entsetzliches erduldet. Ich bin die einzige Tochter eines
Riccareehäuptlings, und ein kleiner Theil unseres Stammes -- deine Brüder
vertilgten fast unsere ganze Nation von der Erde -- hatte sich dicht unter
den Osagen, zwischen diesen und den Cherokesen niedergelassen. Mein Vater
war ein Freund der Weißen -- er sah, daß das Wild selten wurde, und fühlte,
wie uns die bleichen Gesichter an Klugheit und Kunstfertigkeit überlegen
waren; er glaubte aber auch die einzige Sicherheit für die schwachen
Ueberreste der Seinigen nur darin finden zu können, daß sich diese den
Sitten und Gebräuchen ihrer Sieger anschlössen, den Acker bebauten und
_ein_ Volk mit jenen machten. Deshalb war jeder Weiße in unserer Hütte
willkommen, und er benahm sich freundlich gegen Alle. Nur einmal erwachte
in ihm der alte, fast erstorbene Geist des Kriegers wieder, als einst ein
Weißer, ein rauher, unfreundlicher Mann, herzlich von uns aufgenommen,
frech und zudringlich gegen mich wurde und zuletzt behauptete, ich dürfe
gar nicht so spröde thun, denn ich sei ja doch nur, wie mein Haar auch klar
genug beweise ein kleiner -- Nigger.«
»Hätte ein Pfeil meinen Vater getroffen, er wäre nicht schneller von seinem
Sitze aufgesprungen. Er war Einer der ersten Krieger seines Stammes und
meine Mutter die Tochter eines Sioux-Häuptlings gewesen, die er einst bei
einem Ueberfall geraubt, liebgewonnen und zum Weibe genommen hatte; um so
entsetzlicher traf daher dieses Wort seinen Stolz, und von Wuth und Ingrimm
getrieben, riß er den Tomahawk von der Wand und schleuderte ihn nach dem
Haupt des -- _Gastes_.«
»Der weiße Mann stürzte besinnungslos nieder, aber in demselben Augenblick
ergriff auch meinen Vater mit peinlichem Schmerz der Gedanke, das Gastrecht
verletzt zu haben. Er sprang auf den Niedergestürzten zu, untersuchte die
Wunde und wartete und pflegte ihn nun wie einen Sohn, bis er sich wieder
erholt hatte und unsere Ansiedlung verlassen konnte.«
»Aber jener Mann war ein Teufel -- der erhaltene Schlag erfüllte sein
Herz mit Wuth und Rache. Während er noch bei uns seine Genesung abwartete,
erforschte er lauernd des Hauses und der Nachbarschaft Gelegenheit, und
schon nach drei Nächten kehrte er mit seinen Helfershelfern heimlich und
verrätherisch zurück. -- Sie überfielen still und geräuschlos unsere Hütte,
schlugen meinen alten Vater, der sich den Räubern entgegenwerfen wollte,
nieder, banden und knebelten mich, hoben mich auf ein Pferd und schleppten
mich in wilder, unaufhaltsamer Eile dem großen Flusse[3] zu.«
[3]: Mississippi.
»Als ich aus einer langen Ohnmacht erwachte, umgab mich tiefe Nacht und ich
fühlte nur, wie wir im vollen Galopp auf einem harten, schmalen Weg, unter
niederen Bäumen und Büschen dahinsprengten, denn der Hufschlag schallte
weithin durch die stille Wildniß, und dann und wann streiften kleine
Zweige meine Wangen. Was aber auch meine Räuber mit mir im Sinn gehabt,
wahrscheinlich fürchteten sie Verfolgung, oder wußten sich wirklich schon
verfolgt, denn rastlos, unaufhaltsam eilten sie weiter, und ruhten nicht
eher, bis sie einen, sicherlich schon vorher verabredeten Platz erreicht
und hier ihre schändlichen Genossen gefunden hatten.«
»Gott allein weiß was später aus meinem alten Vater wurde, ich sah ihn
nicht wieder, wohl aber einen fremden, finsteren Mann, der in meinem
Beisein, während ich noch gebunden am Boden lag, einen Handel über mich
abschloß, von meinem Räuber ein Schreiben -- einen _Kaufbrief_, wie jener
es nannte -- ausgestellt bekam, und dann Deine arme Saise in ein Canoe trug
und mit ihr davon ruderte.«
»Hülflos -- verlassen -- verloren lag ich auf dem Boden des schwankenden
Canoes, aber Alles, was mich bedrohte, stieg in fürchterlichen Bildern vor
meiner inneren Seele auf.«
»Ich fühlte, wie ich der Willkür dieses Mannes, der seine gierigen Blicke
fest auf mich gerichtet hielt, gänzlich -- wehrlos überlassen war, wußte,
daß ich als Sklavin verkauft, kein Erbarmen bei den Weißen mehr zu hoffen
hatte, und der Gedanke an Selbstmord zuckte da zum ersten Mal durch meine
fieberhaft schlagenden Pulse.«
»Arme Saise,« sagte Gabriele.
»Das Canoe war einer der gewöhnlichen, aus Holz roh gehauenen Kähne, schmal
und mit rundem Boden; wenn ich mich nur leise bewegte, fühlte ich wie
es schwankte, und sah die ängstliche Bewegung des Rudernden, der es im
Gleichgewicht zu halten strebte; -- ein Ruck -- ein plötzlicher Stoß von
mir -- es schlug um und ich -- war frei.«
»Kaum hatt' ich diesen Entschluß gefaßt, als ein kalter Schauer mir
fröstelnd durch die Adern rieselte -- und starr und entsetzt blickte ich zu
dem weißen Manne empor. Dieser aber, der den ängstlichen Ausdruck in meinen
Zügen der Furcht zuschreiben mochte, lächelte höhnisch und sagte: »Gräme
dich nicht, Püppchen; wenn du hübsch brav bist, sollst du meine kleine
Squaw[4] werden,« und dann lachte er so laut und teuflisch, daß er mir in
dem Augenblick wirklich wie ein böses, dem finsteren Abgrund entstiegenes
Wesen vorkam. Das aber befestigte nur noch mehr meinen Entschluß -- ich
wollte sterben. Nur dann und wann, wenn das Canoe ein wenig zur rechten
oder linken Seite hinüberschwankte, konnte ich das Ufer erkennen, und sah
jetzt, daß wir uns unweit einer langen Insel befanden, die, wie es mir
schien, gerade vor uns lag. Ich kann schwimmen wie ein Fisch, doch die
Bande, die meine Hände zusammenschnürten, versagten mir jede Bewegung; auf
keine andere Rettung durfte ich hoffen als die, die der Tod brachte.«
[4]: Der Indianische Name für »Frau«.
»Arme Saise.«
»Noch einmal sandte ich jetzt mein Gebet zu dem Manitou meines Volkes empor
-- noch einmal blickte ich auf zu dem freundlichen Sonnenlicht, das hell
und strahlend, ach für mich zum _letzten_ Male über die ferne Waldung
herübergrüßte; noch ein Mal sog ich in langem, langem Athemzuge die
balsamische Luft der schönen Welt ein -- schloß dann die Augen und warf
mich, mit plötzlichem Schwung, mit Anstrengung aller meiner Kräfte, gegen
die Seitenwand des schmalen Fahrzeugs.«
»Halt an! wir sinken! schrie entsetzt der Räuber und versuchte auf der
anderen Seite das Gleichgewicht wiederherzustellen, doch schnell folgte ich
seiner Bewegung und im nächsten Augenblick fühlte ich die kühle Fluth über
mir zusammenschlagen. Das Canoe war umgestürzt.«
»Ob jener Weiße schwimmen konnte, wußte ich nicht, auf jeden Fall wäre er
in diesem Falle im Stande gewesen, mich, deren Hände noch immer gefesselt,
zum nicht so fernen Ufer zu ziehn. Doch lebend sollte er mich nie mehr
berühren, ich tauchte unter und zwar mit dem festen Entschluß, nimmer zur
Oberfläche zurückzukehren.«
»Gott wollte es anders; von der quellenden Fluth emporgehoben, stieg ich
wieder dem Licht entgegen, fühlte aber plötzlich, wie ich mit dem Kopf
gegen einen festen Gegenstand anstieß. Im ersten Augenblick glaubte ich,
es sei das Canoe, der nächste überzeugte mich aber, daß ich unter Treibholz
gerathen wäre, und zwar gerade an einer Stelle, wo ich den Grund mit den
Füßen berührte, und wild übereinandergepreßte Stämme eine kleine Höhlung
gebildet hatten, in die ich den Kopf bringen und -- athmen konnte. Ich war
für den Augenblick gerettet; mußte aber nicht der gewaltige Andrang der
Strömung, die sich rauschend und schäumend nur eine kurze Strecke von
mir entfernt an den Stämmen und Aesten brach, diese schwache Schutzwehr
zusammendrängen und mich Zoll für Zoll in die Tiefe wieder zurückdrücken
und vernichten? Mit unverzagtem Muth hätt' ich dem _raschen_ Tod ins Auge
geschaut, hier aber langsam, langsam vielleicht zu sterben -- o, es war
fürchterlich.«
Saise barg wieder, von dem Gedanken ergriffen und zusammenschaudernd, ihr
Antlitz in ihren Händen.
»Du unglückliches Kind,« flüsterte Gabriele, des schönen Mädchens Stirn an
ihrem Busen bergend; »Du unglückliches -- liebes -- böses Kind, und warum
hast Du denn das Alles mir so lang verschwiegen? war das recht von Dir?
aber wie entgingst Du jener fürchterlichen Gefahr?«
»Stundenlang,« erzählte Saise weiter, »stundenlang harrte ich, denn noch
schrecklicher als der Tod war mir der Gedanke, das Licht des Tages und
mit ihm das Antlitz jenes finsteren Mannes wieder zu sehen, ehe ich einen
Versuch zu meiner Rettung wagte. Selbst dann aber blieb noch immer die
Ausführung schwer und gefährlich, denn im Wasser hatte ich natürlich die
Richtung verloren und mußte fürchten, daß ich, unter Wasser fortschwimmend,
gerade tiefer in das Treibholz hineingerathen würde, Gott da oben hatte
mich aber bis jetzt geschützt, und ihm vertraute ich. Als ich es überdies
nicht länger mehr im Wasser aushalten konnte und der Frost meine Glieder
schüttelte, horchte ich noch einmal genau, von welcher Richtung das
Anprallen der Strömung tönte, berechnete dann schnell, auf welcher Seite
der Insel ich mich befinden müsse, und versuchte nun mich der Bande zu
entledigen, die meine Hände noch immer gefesselt hielten. Und siehe da
-- es gelang. Es waren hirschlederne Riemen und die Nässe hatte sie
ausgedehnt, meine Hände schlüpften hindurch und -- ich fühlte mich frei.«
»Jetzt fürchtete ich Nichts mehr, jener Mann mußte mich lange ertrunken
geglaubt und die Stelle verlassen haben -- ich tauchte unter -- strich
kräftig aus und sah nach wenigen, dem Herzen den Schlag raubenden Secunden
das liebe herrliche Tageslicht wieder. Doch noch lange wagte ich nicht mich
zu erheben, denn ich wußte nicht, wie nahe jener Weiße sei; ich kroch nur
leise und vorsichtig an der flachen, von der Sonne warm beschienenen Bank
hin, und machte in einem brünstigen Gebet und einem lindernden Thränenstrom
dem so arg bedrängten Herzen Luft.«
»Alles Uebrige weißt du. Dein Vater fand mich fünf Tage später im Walde
-- ich war heimathlos, -- zu Hause durfte ich nicht wagen wieder zu
erscheinen, meinen eigenen Vater hatten sie vor meinen Augen erschlagen,
und wie konnten mich die ärmlichen Ueberreste meines Stammes vor den
Verfolgungen der Weißen schützen? Du nahmst mich auf, Gabriele, und an
Deinem Herzen habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«
»Aber weshalb denn dieser stete Gram, Du liebes Kind?« sagte die Jungfrau
schmeichelnd, »sei doch froh wie ich, Du bist ja bei Freunden, die Dir kein
Leid geschehen lassen; oder drückt Dich noch ein Schmerz?«
»Hast Du heute gesehen?« frug Saise mit ängstlich umherschweifenden
Blicken, »hast Du gesehen, wie sie das arme Wesen ihrem Herrn auslieferten,
dem es -- er sagte so -- entflohen war?«
»Aber das war eine Sklavin und er ihr Herr, liebes Kind.«
»Und woher weißt Du, daß er ihr Herr war? schwur sie nicht, sie habe ihn
ihr Lebtage nicht gesehen?«
»Er hatte ja den Kaufbrief, in dem ihre ganze Person beschrieben stand,«
lächelte Gabriele; »Du närrisches Kind, was quälst Du Dich denn mit so
trüben, ängstlichen Bildern ab; wie mag Dich das nur beunruhigen?«
»Er hatte den _Kaufbrief_, in dem ihre ganze Person beschrieben stand, und
die Leute hier -- großer Gott -- sie lieferten sie ihm aus --« schrie die
Indianerin, von ihrem Sitze emporspringend.
»Hilf Himmel -- Saise!« rief Gabriele besorgt, denn sie fürchtete für den
Verstand der Unglücklichen, »was fehlt Dir? was hast Du?«
»Gebunden führte er sie hinweg,« fuhr das Mädchen in entsetzlicher
Aufregung fort -- »gebunden! und auch über mich -- auch über _mich_ ist ein
solcher Kaufbrief ausgestellt; auch _meine_ Person, _mein_ Aussehn -- meine
Haare -- meine Augen -- sogar das Maal auf meiner Schulter beschrieben.
-- O du allgütiger Gott!« -- Sie brach schluchzend zusammen und barg ihr
Antlitz in den Kissen des neben ihr stehenden Sessels.
Gabriele war erschreckt aus der Hängematte gesprungen und bog sich leise
zu der Unglücklichen nieder; mit tröstenden Worten wollte sie dabei ihren
Kummer stillen, aber ach, sie kannte selbst nur zu gut die Gefahr, die
unter solchen Umständen, wenn sie von jenem Buben wirklich wiederentdeckt
würde, der armen Verfolgten drohte.
»Komm,« sagte sie dann plötzlich zu der Indianerin, deren Angst sich in
einer lindernden Thränenfluth gelöst hatte -- »komm, fasse Muth, noch weiß
ich Rath Dir zu helfen. Du kennst unseren Freund,« fuhr sie fort, als das
Mädchen mit den großen dunkeln feuchten Augen zu ihr aufschaute, -- »Du
kennst den jungen Creolen St. Clyde -- er ist uns freundlich gesinnt,
-- Beiden -- Dir sowohl wie mir, und hat sogar selbst lange an den
südwestlichen Grenzen Missouris, zwischen den Cherokesen wie Osagen
gelebt -- der muß Rath schaffen; entweder kann er dorthin eilen und Zeugen
herbeiholen, oder er sendet einen Boten, um das zu bewerkstelligen. Auf
jeden Fall mußt Du selbst klagbar gegen den Verbrecher auftreten, das ist
der einzige Ausweg seinen Angriffen zu begegnen.« -- »Cöleste --
Cöleste,« rief sie dann ihrer kleinen Negerin, die noch immer eifrig unten
beschäftigt war, die toll und bunt durcheinander laufenden Küchlein zu
zählen -- »Cöleste, komm schnell herauf und schicke mir vorher Endymion.«
Die Kleine gehorchte dem Befehl und erschien gleich darauf selbst oben an
der Treppe; die großen dunkeln Augen standen aber voll Thränen, und das
Gesicht verzog sie zu einer entsetzlich weinerlichen und ernstkomischen
Miene.
»Was fehlt Dir, Cöleste?« frug Gabriele freundlich.
»O Missus« -- schluchzte nun das Kind, dessen Schmerz sich bei diesen
freundlichen Worten Bahn brach, »o Missus -- ich -- ich kann -- ich kann
nicht zählen -- zählen -- die Küchel -- Küchelchen -- sie laufen; -- huhuhu
-- sie laufen so geschwinde.«
»Komisches Kind,« lachte Gabriele -- »geh -- ruf Endymion schnell, und
laß die Hühner, Hühner sein.« Endymion brauchte aber nicht mehr gerufen zu
werden, er tauchte eben hinter der Gespielin auf und sagte dann leise:
»Missus will 'Dymion -- hier ist er.«
»Endymion,« rief Gabriele rasch -- »Du weißt, wo Mr. St. Clyde wohnt --
wie?«
»Massa Clyde -- jes« -- nickte der Schwarze -- »aber, Missus -- ein fremder
Gentleman ist unten« --
»Schon gut -- schick' ihn zum Vater,« fuhr die Creolin ungeduldig fort --
»Zu dem reitest Du, und bittest ihn so schnell als möglich, wenn es angeht
heute Abend noch -- verstehst Du mich, Endymion? heute Abend noch --
herüberzukommen, ich -- wir -- wir hätten etwas Wichtiges mit ihm zu
reden.«
»Aber der Fremde, Missus,« unterbrach sie etwas ängstlich Endymion -- »der
Fremde -- Massa schläft und arme 'Dymion kriegte viel Schläge, wenn ihn
weckte --«
»So laß ihn unten in die Halle treten, dort liegen Bücher und er mag sich
die Zeit vertreiben, so gut er kann. Du aber, Endymion, mach rasch und
füttere zugleich mein Reitpferd, es könnte sein, daß wir es schnell und zu
einem eiligen Ritt gebrauchten; mach fort, Endymion, und kehre recht bald
zurück.«
Das volle runde Gesicht des Knaben verschwand plötzlich unter der steilen
Treppe, und wenige Minuten später hörte man schon am Schallen der Hufe,
wie er auf flüchtigem Renner, den Fausse Riviere entlang, dem Mississippi
zuflog.
Saise hatte sich aber indessen durch die neue Hoffnung, bald jeder Furcht
überhoben zu sein, getröstet; sie wußte -- sie mußte es sich wenigstens
mit leisem Erröthen gestehen -- St. Clyde würde Alles thun was in seinen
Kräften stand, sie von jeder Sorge und Gefahr zu befreien, und konnte sie
selbst als Klägerin auftreten, dann hätte sich Jener erst, wäre er wirklich
erschienen, vor allen Dingen von jedem auf ihm haftenden Verdachte reinigen
müssen, und die Beweise ihrer reinen Abstammung konnte sie bis dahin
bringen. Sie ergriff der Freundin Hand, hob sie leise an ihre Lippen und
flüsterte:
»Du bist gut -- Du bist engelgut und hast mir mit Deinen freundlichen
Worten Trost und Ruhe in's Herz gegossen.«
Die Mädchen hatten sich eng umschlungen und Gabriele hielt erst lange das
Antlitz der holden Tochter der Wälder zwischen den zarten Händen, schaute
ihr herzlich und liebevoll in die großen dunkeln Augen und drückte dann
einen heißen, innigen Kuß auf ihre Stirn.
Der Overseer bemerkte von seinem Baum aus die Ankunft des Fremden, und
schlenderte langsam dem Hause zu.
»Was zum Teufel nur die beiden Mädchen heute so ernstlich zusammen zu
schwatzen haben,« murmelte er dabei vor sich hin -- »hol mich der Böse,
wenn ich nicht wünsche, das kleine rothe Ding wäre mein -- verdammt schade,
daß man rothes Fell nicht ebenso leicht kaufen kann wie schwarzes. -- Wer
der Fremde nur sein mag? -- Wahrscheinlich ein Baumwollenspekulant aus
New-Orleans. -- Nun Zeit wär's, daß er käme -- hat wohl gewittert, daß
unsere Baumwolle noch nicht verschifft ist -- muß die Nachlese nun auch
mitnehmen.«
Mit diesen leise vor sich hin gemurmelten Bemerkungen schritt er langsam an
den, in regelmäßigen Reihen errichteten Negerhütten vorbei, dem Herrenhause
zu, stieg die, zu diesem emporführenden hölzernen Stufen hinauf und stand
im nächsten Augenblick neben dem eben Eingetroffenen.
»Alle Wetter!« rief er aber hier erstaunt aus -- »Pitwell -- wo zum Henker
kommt _Ihr_ her?«
»Duxon? -- bei Allem was blau ist -- hier in Louisiana?« entgegnete der
also Angeredete, dem Overseer freundlich die Hand entgegenstreckend. --
»Seht, so finden sich alte Freunde nach langen Jahren immer doch einmal
wieder zusammen. Wo war's doch, daß wir uns zuletzt sahen?«
»Je weniger wir davon sagen desto besser,« lachte Duxon -- »ich meines
Theils habe wenigstens nie mit der Geschichte geprahlt.«
»Ach -- jetzt erinnere ich mich« -- lächelte Pitwell -- »ja ja, hätte
den Spaß bald vergessen; aber Unsinn, 's ist jetzt verjährt und der Mann
längst --« er schwieg plötzlich still und warf seinem Gefährten einen
schnellen, mißtrauischen Seitenblick zu. »Aber was macht Ihr jetzt?«
lenkte er in ein anderes Gespräch ein, »haltet Ihr Euch etwa hier zu Euerm
Vergnügen auf, wie die Loafer in der Kalebouse[5] sagen?«
[5]: Loafer ein Herumstreicher, und Kalebouse das Wachthaus in
New-Orleans.
»Ich bin Overseer auf der Plantage.«
»Gutes Geschäft das?«
»So ziemlich -- nährt seinen Mann.«
»Der Besitzer?«
»Mr. Beaufort.«
»Wie viel Ballen[6]?«
[6]: Eine gewöhnliche Frage in Louisiana, die sich stets auf die
Baumwolle bezieht, da der Reichthum der Besitzer nach dieser geschätzt
wird.
»Hundertachtzig.«
»Alle Wetter!« rief Pitwell erstaunt -- »läßt sich mit dem Mann kein
Geschäft machen? der muß ja Geld wie spanisch Moos haben --«
»Wenn Ihr Neger hättet -- wir brauchen ein paar tüchtige Arbeiter und eine
Dirne in's Haus; aber was Hübsches -- der Alte kann die häßlichen Gesichter
nicht leiden.«
»Neger? hm -- die ließen sich vielleicht anschaffen; bis wann müßt Ihr sie
haben?«
»Sobald als möglich!«
»Sind die Preise gut?«
»Das geht an; habt Ihr welche?«
»Hm -- ja -- aber apropos -- wer waren die beiden Damen da oben auf der
Gallerie? die Frau und Tochter vom Hause wahrscheinlich, eh?«
»_Beiden_ Damen? 's ist nur _eine_ Dame im Hause,« sagte der Overseer
verächtlich -- »das andere ist eine Indianerin, die sich auf Gott weiß
welche Art hier eingeschlichen hat, und noch dazu merkwürdig stolz und
spröde thut -- das dumme Ding.«
»So? kann man denn diesen Mr. Beaufort gar nicht einmal zu sehen bekommen?
ich möchte gern wissen, welche Art von Mann es ist, ehe ich ein Geschäft
mit ihm mache -- es handelt sich leichter.«
»Ihr könnt den Yankee nicht verleugnen,« lachte Duxon, »aber ich höre ihn
die Treppe herunterkommen. Unter uns gesagt, geht ihm ein Bischen um
den Bart mit seiner reizenden Plantage -- mit den herrlichen
Heerdeneinrichtungen und dergleichen. -- Ihr versteht mich schon.«
»Danke -- danke!« sagte der Fremde freundlich -- »werde nicht ermangeln.«
Mr. Beaufort trat jetzt in's Zimmer, begrüßte den Gast und hieß ihn
herzlich in seiner Wohnung willkommen. Bald hatte ihn dieser auch in ein
sehr interessantes Gespräch verwickelt und er lud ihn ein, da überdies der
Abend nahte, bei ihm zu übernachten, was von jenem bereitwillig angenommen
wurde.
Beaufort, ein Mann in den Vierzigen und, wie schon erwähnt, der reichste
Pflanzer am False River oder Fausse Riviere, gehörte mit zu jenen südlichen
Geldaristokraten, welche das Menschengeschlecht nur in drei Gattungen
eintheilen: in _Pflanzer_ nämlich, in _keine_ Pflanzer und in _Neger_. Die
ersteren zerfielen dann freilich wieder in zwei Unterabtheilungen und zwar
in solche, die über, und solche, die unter funfzig Ballen erbauten. Aus
der ersten Klasse wählte er sich seinen Umgang. Die zweite Gattung -- die
Nicht-Pflanzer -- betrachtete er nur als dazu erschaffen, dem Pflanzer
seine verschiedenen Bedürfnisse zuzuführen, und die dritte, die Neger --
verabscheute er wie ein ächter Creole. Selbst die fernsten Vermischungen,
Mestizen und Quadroonen, waren ihm ein Gräuel, und er duldete sie nur in
sofern um sich, als er sie zu seiner Bedienung bedurfte. Soweit ging dabei
diese Verachtung der äthiopischen Race, daß er einst in New-Orleans sein
Messer nach einem armen Teufel von Mestizen warf, den er in der Dunkelheit
für einen ihm befreundeten Creolen angesehen hatte und mit ihm Arm in Arm
durch mehre Straßen gegangen war. Die scharfe Klinge fuhr jedoch nur in
den Schenkel des zum Tode Erschrockenen, ohne diesem weiteren Schaden
zuzufügen.
_Das_ zur Charakteristik Beaufort's. Sein Gast dagegen stach sowohl im
Aeußern, wie in seinem ganzen Benehmen gar sehr und zwar keineswegs zu
seinem Vortheil gegen den Pflanzer ab. Dieser war wohlbeleibt, von gesunder
Gesichtsfarbe und hatte, den Stolz abgerechnet, ganz gutmüthige Züge; der
Fremde dagegen sah bleich aus, mit grauen stechenden, aber lebhaften Augen,
hoher Stirn und etwas gebogener Nase; doch that sein Blick nicht wohl --
er streifte stets unruhig von einem Gegenstande zum andern, und sprang
sicherlich im Nu ab, sobald er dem eines andern Auges begegnete. Ihre
Unterhaltung war aber lebhaft; -- Mr. Pitwell hatte viel gesehen, viel
erlebt, verstand, wie es schien, den Baumwollenhandel aus dem Grunde
und besaß selbst, seiner eigenen Aussage nach, am Alabama eine nicht
unbedeutende Plantage.
So rückte die Zeit des Abendessens heran. Die Sonne war noch nicht
untergegangen und der Tisch oben auf der Piazza, des kühlen Luftzugs und
der freundlichen Aussicht über die Felder und benachbarten Plantagen
wegen, gedeckt. Die Hängematte hing zurückgeschlagen an einem der Pfeiler,
Gabriele aber lehnte sinnend daneben, und blickte auf die Straße hinaus,
die dem Mississippi zuführte und auf welcher sie den Boten zurückerwartete.
Saise saß zu ihren Füßen, hielt schmeichelnd ihre Hand gefaßt, an die
sie die heiße Wange lehnte und -- folgte den Blicken der Gebieterin und
Freundin.
Die Schritte der Männer wurden jetzt auf der Treppe gehört.
»Er bleibt lange,« flüsterte Gabriele.
»Recht lange,« sagte Saise und sie fühlte plötzlich, wie der Freundin Augen
auf ihr hafteten -- aber sie begegnete ihnen nicht, sondern schmiegte sich
nur inniger und fester an sie an.
»Saise -- bist Du noch nicht beruhigt?« bat Gabriele -- »fehlt Dir noch
etwas? sieh nur wie feuerroth Du geworden.«
»Guten Abend, Ladies,« sagte die Stimme des Fremden.
»Um Gottes willen, Kind -- was ist Dir? alles Blut flieht aus Deinen
Wangen?« rief die Creolin erschrocken, die Veränderung in den Zügen der
Freundin bemerkend.
»Guten Abend, Kinder,« wiederholte Mr. Beaufort -- »Mr. Pitwell, meine
Tochter und ihre Freundin, eine junge Indianerin. -- Nun, Gabriele -- ist
Saise krank? was fehlt dem Mädchen?«
»Ich weiß in der That nicht, Vater -- sie erblaßte eben; und zittert jetzt
so heftig am ganzen Körper -- Saise!«
»Ja,« flüsterte das schöne Mädchen, richtete sich empor, wandte sich gegen
den Fremden um, blickte ihn einen Augenblick starr an und stürzte dann mit
einem Mark und Bein zerschneidenden Schrei ohnmächtig zu Boden.
Gabriele, die wie ein Blitzesschlag die Wahrheit durchzuckte, warf ihr Tuch
über das Antlitz der Freundin -- aber es war zu spät -- Pitwell, durch das
sonderbare Benehmen aufmerksam gemacht, sprang, kaum wissend was er that,
auf sie zu, riß das Tuch herunter und rief in höchstem Schreck und Staunen:
»Alle Wetter -- meine ertrunkene Sklavin!«
»Eure _was_?« schrie Beaufort, mit wildem Satz herbeispringend -- »Eure
_Sklavin_? Mann, seid Ihr des Teufels? -- das ist eine Indianerin, und die
werden nicht verkauft.«
»Es ist falsch!« stöhnte Gabriele in entsetzlicher Seelenangst, den
leblosen Körper der Unglücklichen unterstützend -- »es ist eine teuflische
Lüge -- dies Mädchen ist den Ihrigen geraubt -- ein niederträchtiges
Bubenstück ist begangen -- Saise ist so frei wie ich selbst -- Ihr dürft
Euch nicht an ihr vergreifen.«
»Ich fordere mein Eigenthum zurück,« sagte der Fremde finster, und griff
zugleich in die Tasche, aus der er ein Paket zusammengebundener Papiere
herausnahm. -- »Hier ist ihr Kaufbrief,« fuhr er dann, sich gegen den
Pflanzer wendend, fort -- »ihr Vater war Indianer, ihre Mutter war Mulattin
-- seht nur ihr Haar an. Und daß es die rechte ist, dafür bürgt Euch, wenn
nicht ihr jetziger Schreck, das hier verzeichnete Maal auf ihrer linken
Schulter.«
Beaufort durchlief schweigend die Schrift und schritt dann auf Saise zu.
»Zurück, Vater -- um Gottes willen zurück« -- rief Gabriele in höchster
Angst, »Du darfst den Worten jenes Mannes nicht glauben -- sie sind falsch,
bei dem ewigen Gott da oben.«
»Gabriele,« sagte der Vater freundlich, aber auch sehr ernst -- »dies ist
ein Geschäft, bei dem Du weiter keine Stimme hast; findet sich das Maal
_nicht_, wie ich hoffen will, -- denn den _Galgen_ verdient das Ding, wenn
es Niggerblut in den Adern hat und sich dabei untersteht, mit weißen Leuten
an einem Tisch zu essen -- so ist die Anklage überdies unbegründet; findet
es sich aber, dann bleibt die Person keine fünf Minuten mehr unter meinem
Dache, oder ich will nicht selig werden -- Du weißt, daß ich mein Wort
halte.«
»Vater -- bei allen Heiligen beschwör' ich Dich -- dieser Kaufbrief
ist verfälscht -- Saise hat mir Alles entdeckt -- sie ist den Ihrigen
schändlich geraubt -- ihr Vater erschlagen, sie selbst fortgeschleppt. --«
»Märchen,« lächelte Pitwell kopfschüttelnd. »Haben Sie schon je einen
weggelaufenen Nigger gesehen, mein Fräulein, der sich nicht irgend eine
solche glaubwürdige Geschichte ausgedacht hätte?«
»Vater -- Vater!« bat Gabriele, und versuchte ihn zurückzuhalten, er stieß
sie aber jetzt unwillig bei Seite und rief:
»Nun wird's mir bald zu bunt -- ich thue dem Ding ja Nichts; ist sie eine
Indianerin, so ist sie so frei wie wir selbst, findet sich aber -- ha --
beim Teufel -- das ist es -- Mr. Pitwell --«
»Halt!« schrie Gabriele -- deren Blick oft und ängstlich nach der nicht so
fernen Straße hinübergeschweift war -- »halt! dort kommt Mr. St. Clyde --
warten Sie seine Ankunft ab, er kann, er _darf_ das nicht zugeben.«
»Mr. St. Clyde soll zum Teufel gehen,« zürnte der alte Pflanzer -- »hat
sich der in die Rechte eines fremden Mannes zu mischen? Mr. Pitwell, das
Mädchen ist die Ihrige, und meiner Tochter mag sie's danken, daß sie nicht
noch vorher eine gehörige Anzahl Peitschenhiebe mitnimmt. Verdammt! ein
Nigger, der so frech ist sein Fell zu verleugnen!«
»Wir können sie ja bis morgen früh in irgend eine der Negerhütten
schaffen,« sagte Pitwell, auf sie zugehend und seine Hand nach der immer
noch Bewußtlosen ausstreckend, »morgen früh« --
Die flüchtigen Schritte eines Mannes wurden auf der Treppe gehört.
»Mr. St. Clyde -- zu Hülfe!« rief Gabriele in letzter Noth. In demselben
Moment aber daß die Creolin diesen Namen ausstieß und der junge Mann in der
Thüre erschien, schlug auch Saise die Augen wieder auf. Ein einziger Blick
sagte ihr Alles -- wenige Secunden lang barg sie ihr Antlitz an der Brust
der Freundin, dann aber hob sie sich, von Gabriele gehalten, empor
und schaute, die großen dunkeln Augen weit geöffnet, wild und leise
zusammenschaudernd im Kreise umher.
»Um Gottes willen -- was ist hier vorgefallen?« rief St. Clyde, indem
er auf das zitternde Mädchen zusprang und es unterstützte -- »was ist
geschehen, Miß Beaufort?«
»Retten Sie Saise,« rief die Jungfrau -- »retten Sie Saise vor jenem
Buben.«
Der Fremde wurde leichenblaß und starrte wild umher.
»Gabriele!« rief aber der Vater, »jetzt hab' ich's satt -- Mr. St. Clyde,
überlassen Sie den _Nigger_ sich selbst -- es ziemt einem weißen Manne
nicht --«
»Mr. Beaufort!«
»Allerdings -- das Mädchen ist eine, diesem Gentleman entflohene Sklavin.«
»Das ist eine Lüge,« sagte Saise plötzlich, sich hoch und stolz
emporrichtend; das Wort _Nigger_ hatte ihr ihre ganze Kraft und Stärke
wiedergegeben; sie fühlte, wie jetzt der Augenblick gekommen, vor dem sie
so lange schon gebebt; aber gerade da er gekommen, hatte er auch all' sein
Fürchterliches verloren. Ihre ganze Seelenstärke war zurückgekehrt und die
Indianerin, die freie Tochter der Wälder in ihr erwacht. --
Aber vergebens erzählte sie jetzt mit klaren, überzeugenden Worten das
ganze Bubenstück jenes Schurken, der lächelnd und achselzuckend daneben
stand, vergebens rief sie Gott zu ihrem Zeugen an -- sie war in _Louisiana_
-- ein _weißer Mann_ hatte sie als seine ihm entflohene Sklavin reclamirt
-- das krause Haar sprach für seine Aussage, mehr aber noch und unantastbar
fast der _Kaufbrief_ und ihre darin genau verzeichnete Gestalt. War doch
selbst vor nicht gar langer Zeit ein weißes Mädchen, mit blonden Haaren
und blauen Augen, aber als die Tochter einer Mestize, hier öffentlich
versteigert worden, und wenn diese selbst fast weiß sein mochte, blieb
sie Sklavin; wie viel mehr nun eine Indianerin, deren braune Hautfarbe der
Amerikaner überdies als der seinen untergeordnet hielt und nur wenig höher
schätzte, als die äthiopische Race selbst.
Gabriele wollte, als alle Bitten nutzlos blieben, dem Fremden die Freundin
_abkaufen_, dagegen aber protestirte St. Clyde und zwar mit einer Wärme,
die, wenn sie nur aus reiner Menschlichkeit entsprang, ihm alle Ehre
machte.
»Nein!« rief er, »nein -- das hieße bekennen, sie gehöre zu jenem
verachteten Stamm! rein und frei soll sie dastehen und wenn ich den Beweis
dazu mit meinem Blute führen sollte. Mr. Pitwell, Sie werden diesen Parish
nicht wieder verlassen, ehe Sie sich von der gegen Sie erhobenen Anklage
gereinigt haben --«
»Wer klagt ihn an?« rief Beaufort auffahrend, »wer klagt ihn an, Sir? Ein
_Nigger_ -- seine eigene Sklavin; sind Sie thöricht genug zu glauben, daß
das Gericht auf solche Klage eingehen würde? Sie sollten die Gesetze des
Staates besser kennen.«
»Ich selber klage diesen Mann an,« rief St. Clyde, »ich selber -- nicht
diese Unglückliche, die seinen Händen bis dahin nicht überliefert werden
darf.«
»Das möchte Ihnen schwer werden durchzusetzen,« hohnlachte Pitwell,
»glücklicherweise bin ich vertraut genug mit den hiesigen Gebräuchen. Sie
können mich anklagen, aber mein Eigenthum dürfen Sie mir indessen nicht
vorenthalten.«
»Herr, Sie müssen erst beweisen, daß Saise Ihr Eigenthum ist!« rief
St. Clyde.
»Das _ist_ bewiesen, Mr. St. Clyde!« entgegnete Beaufort kalt -- »und jetzt
würden Sie mich sehr verbinden, keine weitere Störung hier zu verursachen.«
»Mr. Duxon,« wandte er sich dann an den Overseer, der in diesem Augenblick
in der Thür erschien, »haben Sie die Güte, diese entflohene Sklavin -- und
er deutete auf Saise -- in einer der Negerhütten unterzubringen; Sie haften
mir aber für ihre Sicherheit.«
»Saise?« rief Duxon erstaunt und wollte kaum seinen Ohren und Augen trauen
-- »Saise -- ein Nigger? -- Ei, da muß ja der Teu... --«
»Herr!« rief St. Clyde entrüstet.
»Um Gottes willen!« flehte Saise, seinen Arm ergreifend, »kämpfen Sie jetzt
nicht gegen die Uebermacht an -- wenden Sie sich an die Gerichte -- die
müssen mir helfen, ich stehe ja unter dem Schutz der Vereinigten Staaten.
Mein Vater hat sein Land an diese abgetreten und sie haben versprochen,
ihm beizustehen. Man soll mich nur so lange gefangen halten, bis ich
einen Boten zu meinem Stamme schicken kann; Alle werden hierher kommen und
Zeugniß für mich ablegen, daß ich die Tochter ihres Häuptlings bin. O, wenn
mein Bruder nur wüßte --«
»Dazu braucht es keine Indianer,« lächelte Pitwell, »das kann ich selbst
bezeugen; wer aber war Deine Mutter? Eine Mestize -- steht es hier etwa
anders geschrieben? Diese Mestize gehörte meinem Freund, von dem ich Dich
gekauft, und wenn der Dich Deinem Vater so lange Jahre ließ, so geschah es
bloß deshalb, daß er Dich erziehen sollte; seine Sklavin bist Du deshalb
doch.«
»Meine Mutter war die Tochter eines Siouxhäuptlings,« rief Saise, sich
stolz emporrichtend, »und wer das Gegentheil behauptet, _lügt_!«
Die Faust des alten Beaufort fällte die Unglückliche mit einem Schlage zu
Boden.
»Was?« schrie er, »will das Niggerthier noch in meiner Gegenwart einen
weißen Mann einen Lügner nennen? Ist's nicht genug, daß sie mich erst
selber anlügen und zum Narren haben mußte?«
Er würde seine Worte kaum so unangefochten beendet haben, denn mit einem
Racheschrei auf den Lippen sprang St. Clyde auf ihn zu, aber ihm entgegen
warf sich Gabriele und beschwor ihn bei Allem, was ihm heilig sei, bei
Allem, was er liebe, ihres Vaters zu schonen. Jetzt trat aber auch der
Overseer dazwischen und rief dem jungen Manne trotzig zu:
»Herr St. Clyde, ich will Sie hiermit wohlmeinend gewarnt haben, keine
überflüssigen Worte mehr zu reden. Die Mamsel steht von diesem Augenblick
an unter _meiner_ Wache und wer meine _Nigger_ gegen mich in Schutz nehmen
will, dem renne ich einen Fuß kalten Stahl in den Leib!« Und er zog,
während er diese Worte sprach, sein schweres Bowiemesser unter der Weste
vor.
Clyde war unbewaffnet, und wußte auch, wie die Gesetze einen Overseer oder
Sklavenbesitzer schützen, wenn sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten
ungerufen mischt. Noch kürzlich war auf solche Art ein Abolitionist aus
Ohio erschossen, ohne daß der Mörder mehr Ungelegenheiten als ein etwa
viertelstündiges Verhör deshalb gehabt hätte; für jetzt mußte er also der
rohen Gewalt weichen, aber retten wollte er Saisen, das schwur er sich, und
wenn es sein eigenes Leben kosten solle.
»Mr. Beaufort,« rief er, sich noch einmal an den Pflanzer wendend, »Sie
werden mir für die Mißhandlung dieser Unglücklichen Rede stehen; jetzt
habe ich keine Macht, Ihrer Gewaltthat zu begegnen; thun Sie mit dem armen
Mädchen, was Sie verantworten können, aber der ewige Gott da oben ist mein
Zeuge, daß ich mich von jetzt an für Saisens Schützer erkläre, und die
Gesetze des Staates müssen und werden mir beistehen. Leben Sie wohl,
Fräulein Beaufort, und oh -- verlassen Sie die Arme nicht -- gönnen Sie
ihr wenigstens den Trost, zu fühlen, daß sie nicht ganz allein auf der Welt
steht.«
Der Overseer hatte indessen zwei Negern, die eben Handwerkszeug zum Hause
schafften, heraufzukommen gewinkt und rief diesen nun zu: »Schafft das
Mädchen da in Mutter Betty's Hütte hinunter, und Du, Ben, stehst Wache
dabei, Dein schwarzes Fell bürgt mir für sie; ich zieh es Dir lebendig vom
Leibe, wenn Du sie entwischen läßt.«
»Keine Furcht, Massa« -- sagte der Neger grinsend, »aber welches Mädchen,
De Lor' bleß you, ich sehe kein Mädchen zum mitnehmen, Missus Saise?«
St. Clyde sprang die Treppe hinab, schwang sich auf sein Pferd und sprengte
mit verhängten Zügeln dem Mississippi zu; Gabriele bog sich schluchzend zu
dem armen Kinde nieder und band ihr das eigene Tuch um die blutende Stirn,
die beiden Neger aber starrten mit weit von einander gerissenen Lippen bald
den Einen, bald den Andern an und konnten das Vorgefallene nicht begreifen,
bis sie ihres Vorgesetzten erneuter Ruf und die drohend geschwungene
Peitsche an die Erfüllung des gegebenen Befehls erinnerte. Sie hoben die
Indianerin vom Boden auf und verschwanden mit ihr bald nachher in einer der
niederen, gleichförmigen Negerhütten, die in langen, regelmäßigen Reihen,
einer kleinen Stadt nicht unähnlich, das Herrenhaus umgaben. Gabriele zog
sich auf ihr Zimmer zurück, die Männer aber -- der Overseer wurde heute
ebenfalls von seinem Prinzipal eingeladen zu Tisch zu bleiben -- ließen
sich an der Tafel nieder, und Beaufort schien mit dem eisigen Claret allen
Aerger und Verdruß hinunterspülen zu wollen, bedankte sich aber, ehe er
sein Lager suchte, noch einmal bei dem Fremden, daß er ihn und sein Haus
von der Schande befreit habe, »verdammtes Niggerblut« neben Weißen zu
beherbergen.
Mr. Pitwell hatte seine Schlafstelle angewiesen bekommen; da aber die Luft
kühl war, wie er sagte, so zog er es vor, noch ein Viertelstündchen mit dem
Overseer am Flusse auf- und abzugehen, stieg also mit diesem hinunter, und
schritt zwischen einer Allee von China- und Tulpenbäumen hin, dem Eingang
der Plantage zu, der durch eine dichte Feigen- und Orangenhecke beschattet
wurde.
»Hört einmal, Pitwell« -- sagte Duxon, hier stehen bleibend -- »habt Ihr
wieder einen von Euren alten Streichen ausgeübt, he? Ist das Mädchen ein
Nigger oder ist's keiner?«
»Was geht's Euch an?« brummte Pitwell, sich ängstlich dabei umsehend -- »es
kann uns doch Niemand hier behorchen?«
»Keine Seele -- aber kommt -- Ihr müßt mir die Sache erzählen; verdammt
will ich sein, wenn das mit rechten Dingen zugeht. Oh zum Henker, Mann,
seid doch nicht so verschwiegen; von uns Beiden wird doch wahrhaftig keiner
den Andern verrathen?«
»Nun gut, Ihr sollt Alles wissen, aber kommt fort von hier, ins Freie
hinaus,« flüsterte Pitwell, »hier unter den Bäumen ist mir's so unheimlich
und kommt mir immer vor, als ob mich Jemand behorchte.«
Die beiden würdigen Leute schritten mitsammen an das Ufer des Fausse
Rivière und wanderten hier Arm in Arm herauf und herunter von der Plantage.
Pitwell erzählte nun dem Freunde und Bundesgenossen aufrichtig den ganzen
Hergang, erklärte ihm aber auch, daß er, trotz seiner Sicherheit, doch
nicht abwarten wolle, bis der junge Laffe -- St. Clyde -- seine Drohungen
wahr machen könne, sondern morgen mit dem Frühsten aufbrechen werde.
»Das trifft sich herrlich!« sagte der Overseer, »ich bin mit Beaufort
ebenfalls in Abrechnung begriffen und kann Euch vielleicht, wenn Ihr nur
noch ein oder zwei Tage bleibt, begleiten. Ueber die jetzige Nachlese läßt
sich dann leicht ein ungefährer Ueberschlag machen. Mir gefällt's nicht
mehr hier am Fluß, ich will nach Texas und eine eigene Plantage kaufen.«
»Wie? Schon so viel verdient? Das ist geschwind gegangen,« lachte der
Fremde.
»Da müßte Einer ein gewaltiger Thor sein,« meinte der Overseer lächelnd,
»wenn er auf einer _solchen_ Pflanzung nicht in drei Jahren ein Capitälchen
zurücklegen könnte.«
»Mir wär's recht, so lange zu warten,« sagte Pitwell, »aber ich kann nicht,
ich muß machen, daß ich das Ding verkaufe; erstlich fühl ich mich
hier nicht so recht sicher, und dann -- hab ich sonst noch Arbeit. Das
Wiederfinden hätte mir übrigens nicht gelegener kommen können; weiß nur
der Teufel, wie das kleine Geschöpf dem Ersaufen entgangen ist; mit
meinen eigenen Augen hab ich gesehen, wie es unterging, und noch dazu mit
gebundenen Händen.«
»Die Indianer können schwimmen und tauchen wie die Fische;« lachte Duxon;
»aber wißt Ihr was, Pitwell, ich kaufe Euch die Kleine ab?«
»Was -- Ihr? -- Aber jener Creole?«
»Mag zum Teufel gehen, ich übernehme jede weitere Verantwortung.«
»Und kauft Ihr sie so, wie ich sie verkaufen kann?« frug vorsichtig der
Yankee, »wollt Ihr den Verlust tragen, wenn die Indianer kämen und sie als
die Tochter ihres Häuptlings reclamirten?«
»Ja gewiß,« rief spöttisch der Overseer, »aber dafür muß ich sie auch
billig haben -- ich gebe Euch zweihundert Dollar.«
»Hallo -- das ist zu wenig -- bedenkt, das Mädchen ist achthundert werth.«
»Wenn ich Euch im Stiche lasse, keine funfzig Cent,« höhnte Duxon.
»Nein, Mann, zweihundert ist bei Gott zu wenig, da ließ ich es doch lieber
selber darauf ankommen; gebt mir _drei_ und sie ist Euer!«
»Topp -- kommt mit in mein Haus, schreibt den Kaufbrief auf mich über und
nehmt das Geld in Empfang.«
»Und glaubt Ihr, daß ich noch, ohne Gefahr zu laufen, ein paar Stunden hier
verweilen kann?«
»Ein paar Jahre, wenn Ihr wollt; hab ich erst einmal das Mädchen, so soll
sie mir ganz Louisiana nicht mehr entreißen können; die Gesetze müssen
in allen Sklavenstaaten auf meiner Seite sein, und es giebt dann
nichts Gefährlicheres auf der Welt, als ihnen, gerade in diesem Punkt,
widerstreben zu wollen. Kommt, Pitwell, in zehn Minuten muß die schöne
Indianerin mir gehören, und morgen schon mache ich meine Anrechte auf sie
geltend; nachher kann ihr ganzer Stamm kommen und schwören -- mir gleich.«
Die beiden Männer schritten eilig in das zwischen den Negerhütten
stehende, und sich nur durch ein höheres Dach und eine Galerie von diesen
unterscheidende Haus des Overseers zurück, und schlossen dort den beredeten
Handel ab. Pitwell empfing das Geld und Saise wurde dem Overseer als
alleiniges und rechtmäßiges Eigenthum überschrieben. Beaufort selbst sollte
am nächsten Morgen seinen Namen als Zeuge daruntersetzen.
* * * * *
St. Clyde hatte indessen sein Pferd mit Sporen und Peitsche so angetrieben,
daß es, als er vor des Richters Thür in Point-Coupee anhielt, ein paar
Secunden lang hin und her schwankte und dann, matt und aufgerieben, wie es
war, zusammenbrach; ohne es aber auch nur eines Blickes zu würdigen, flog
er die Treppe hinauf, stürzte in des Richters Zimmer und rief diesen, ihm
mit wenigen Worten die Frevelthat erzählend, um Beistand an.
Der Richter war ein wackerer Mann, streng rechtlich und in der Ausübung
seiner Pflicht menschlich, aber gar bedenklich schüttelte er mit dem Kopfe,
als er von dem nach Form Rechtens ausgestellten Kaufbriefe hörte. Er kannte
die Gewalt, die ein solches Schreiben hatte.
»Junger Mann,« sagte er nach langer Pause, während er sinnend, den Kopf
in die Hand gestützt, zu dem Creolen aufschaute, »das ist eine böse Sache.
Erstlich scheint es mir freilich, als ob Sie das Ganze ein bischen zu
romantisch ansähen, dann aber, wäre auch wirklich Alles so, wie Sie es
schildern, so sehe ich doch nicht ein, auf welche Art es gehoben werden
könnte; wir dürfen nicht _gegen_ die Gesetze handeln und wenn wir wirklich
den festen Glauben hätten, dem armen Mädchen geschähe Unrecht.«
»Aber Sie werden doch nicht zugeben, daß eine freie Indianerin aufgegriffen
und verkauft wird?« rief St. Clyde erzürnt, »dasselbe könnte ja jedem
Weißen begegnen, wenn sich zwei Buben vereinigten, einen Kaufbrief über ihn
zu schreiben und zu schwören, daß seine Mutter eine Mestize gewesen sei.«
»Das nun wohl nicht,« lächelte der Richter; »ehe ein Weißer verkauft würde,
müßten gewaltige Beweise vorliegen, daß er wirklich aus Negerblut abstamme;
aber Sie dürfen auch nicht allen solchen Erzählungen weggelaufener Neger
glauben; großer Gott, die lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel
herunter.«
»Wär es denn nicht möglich, die Indianerin den Händen jenes Mannes zu
entziehen, bis man Zeugen aus ihrem Stamm herbeischaffen könnte?«
»Bester Freund, der Stamm lebt an die sieben bis achthundert Meilen von
hier entfernt, Mr. Beaufort selbst hat sie über vierhundert Meilen den
Fluß heruntergebracht; nein, da könnten ja nur alle derartigen, Indianern
ähnliche Personen, wie zum Beispiel Mulatten und Mestizen, behaupten, es
flösse rein indianisches Blut in ihren Adern, und uns dann ersuchen, nach
den Eskimos hinaufzuschicken und Zeugen herunter zu holen. Nein, das geht
nicht. Hätten wir aber auch wirklich die Zeugen hier, so sind das immer nur
-- Indianer. Das Gescheidteste wäre, Sie _kauften_ das Mädchen, wenn Ihnen
wirklich so viel daran liegt, als mir vorkommt.«
»_Kaufen?_« rief St. Clyde mit schmerzdurchbebter Stimme, »_kaufen?_ -- und
sie ist dann wirklich Sklavin? Ist denn kein Ausweg, die Unglückliche von
dieser Schande zu retten?«
»Ich fürchte -- nein -- auf jeden Fall aber wäre dies das Sicherste, sie
doch wenigstens für den Augenblick zurückzuhalten. Vielleicht läßt sich
jener Fremde auch bewegen, vorher nur einen Theil der Zahlung zu nehmen,
und man kann dann sehen, was weiter in der Sache zu thun ist; was sagen Sie
dazu?«
»Ach, bester Richter,« seufzte der junge Creole wehmüthig, »Sie wissen
recht gut, daß ich _arm_ bin. Mein einziges Pferd ist mir eben gestürzt,
und ich werde kaum Geld genug übrig behalten, mir ein neues zu kaufen. Wie
sollte ich die Summe auftreiben, die jener Bube für Saise fordern wird?«
»Hören Sie, St. Clyde, ich will Ihnen einen Vorschlag machen, ich selbst
will das Mädchen kaufen und bei mir behalten; haben Sie sich das Geld
verdient -- so -- überlaß ich sie Ihnen.«
»_Kaufen_ und immer nur _kaufen_!« stöhnte der Creole.
»Nehmen Sie meinen Vorschlag an,« sagte der Richter herzlich, »sie soll in
meinem Hause wie eine Tochter behandelt werden.«
»Gut denn, es sei,« rief St. Clyde, »ich muß mich fügen; es rettet sie
ja wenigstens für den Augenblick; dann aber schaffe ich die Zeugen
ihrer freien Geburt und wenn ich sie aus den Eisregionen des Nordens
herunterholen müßte.«
»Es wird Ihnen nicht viel helfen; wollen Sie übrigens schlechterdings nach
jenem Stamme einen Boten haben, so kann ich Ihnen zufällig die Anweisung
geben, den zu finden. Heute Morgen waren sieben oder acht Indianer aus
dem Parish West-Feliciana, von drüben über dem Mississippi, hier in
Point-Coupee; sie haben Hirschfleisch verkauft und dafür Pulver, Blei und
Whisky mit hinüber genommen.«
»Von welchem Stamme waren sie?«
»Wahrscheinlich Chocktaws, von denen halten sich stets einige hier in der
Nähe auf. Doch erst bringen Sie den Handel in Richtigkeit; denn ist dem
wirklich so, wie Sie glauben, und hat der gute Mann kein recht reines
Gewissen, so wird er sich schwerlich lange in der hiesigen Nachbarschaft
aufhalten, sondern seine Beute in Sicherheit bringen wollen. -- So --
hier dieses Papier geben Sie nur an Mr. Beaufort, er mag den Kauf für mich
abschließen; meine Frau ist doch jetzt ganz allein und kennt die Indianerin
auch schon, die Beiden werden sich sicherlich recht gut vertragen.«
»_Doch_, bester Richter, ich muß ein anderes Pferd haben; können Sie mir
ein's verkaufen?«
»Was wollen Sie d'ran wenden?« frug dieser; denn ein Amerikaner läßt nie
eine Gelegenheit ungenutzt vorüber, wo er hoffen darf einen Pferdehandel zu
machen.
»Vierzig Dollar bleiben mir, das Nothwendigste abgerechnet, über.«
»Gut -- ich schaffe Ihnen ein Pferd, aber heute Abend können Sie unmöglich
noch fort.«
»Gleich! --«
»Unsinn, verderben Sie sich jetzt ihr Spiel nicht selbst durch Ihre Hitze;
Abends acht Uhr hat der alte Beaufort seine Ladung Claret und geht zu Bett;
erstlich ist es nachher ein Ding der Unmöglichkeit, ihn munter zu bringen,
und geläng es Ihnen wirklich, so möchte ich die Laune sehen, in der er sich
befindet. Vor neun Uhr morgen früh ist er nicht zu sprechen, und reiten Sie
um acht Uhr hier fort, so treffen Sie ihn gerade beim Frühstück -- das ist
die beste Zeit. Uebrigens habe ich Beaufort ersucht, die Zahlung drei Tage
zu verzögern und Saise indessen an sich zu nehmen; vielleicht gelingt es
mir doch noch, sie zu retten. Ich will morgen mit Beatty, einem unserer
besten Advokaten hier, sprechen; giebt es eine Art und Weise, auf welche
wir die Identität der Häuptlingstochter beweisen können, so wird der sie
schon ausfinden.«
Von neuen Hoffnungen erfüllt, ließ sich St. Clyde endlich durch die Gründe
des Richters bewegen, auf seine Vorschläge einzugehen und die Nacht bei ihm
zuzubringen. Als er aber am nächsten Morgen mit dem Brief, der Saise aus
den Klauen jenes Buben retten sollte, auf der breiten Straße dahinsprengte,
da ward er es sich erst selbst so recht bewußt und klar, wie er jenes
unglückliche Mädchen liebe und wie es für ihn auf dieser Welt keinen
weitern Frieden gebe, als den, den er an ihrer Seite finden konnte. Wohl
war er arm und hatte Nichts, als seine eigene Kraft und Ausdauer; die
Tochter der Wälder aber, an Entbehrungen von Jugend auf gewöhnt, würde sich
wohl schwerlich zu dem civilisirteren Leben der Ansiedlungen zurückgesehnt
haben, wenn er ihr wirklich, wie er es hoffte und glaubte, nicht
gleichgültig war; nur erst frei mußte sie sein, frei wieder, wie der Vogel
der Luft und der Hirsch der Prairie, und diese Angst von ihr genommen
werden.
Zu schnellerem Trab spornte er sein wackeres Thier an, als er des armen
Mädchens gedachte, und unter den hohen, schattigen Magnolien flog er
rasch und fröhlich dahin. Endlich erreichte er die Ansiedlungen des Fausse
Riviere, durch das kleine Städtchen sprengte er mit verhängten Zügeln --
an Plantage nach Plantage brauste er vorbei -- schon war er am
»Poydras-College« vorüber und dort -- dort schimmerte ihm jetzt das hohe,
glänzende Dach aus dem grünen, schwellenden Laub entgegen. Er hatte die
Orangenhecke erreicht, sprang vom Pferd, hing den Zügel desselben über
einen alten, halbverdorrten Feigenbaum und flog die Stufen hinauf, wo er
wußte, daß Mr. Beaufort allmorgendlich sein Frühstück halte.
»Hallo, St. Clyde,« rief ihm dieser freundlich entgegen, »das ist hübsch
von Euch, daß Ihr wiederkommt, ich war gestern Abend ein bischen brummig,
aber der verdammte Nigger hatte mich so geärgert. Nun, kommen Sie her
-- dahinten steht noch ein Stuhl -- Scipio, Canaille, kannst Du nicht
aufpassen, wenn Gentleman einen Stuhl sucht,« unterbrach er sich dann
selbst, um einem kleinen, bei Tisch aufwartenden Negerknaben vorher diese
freundliche Ermahnung zukommen zu lassen.
St. Clyde blickte ängstlich in dem Raum umher, in dem sonst zu dieser Zeit
Gabriele und Saise nie gefehlt hatten.
»Sie suchen meine Tochter?« frug Beaufort, den Blick bemerkend -- »ist
nicht recht wohl heute Morgen, läßt sich entschuldigen.«
»Und -- und Saise!«
»Hören Sie, St. Clyde,« sagte der alte Beaufort, sein Messer niederlegend,
»wenn wir gute Freunde bleiben sollen, so verderben Sie mir mein Frühstück
nicht und lassen Sie die alte Geschichte ruhen. Die Sache ist abgemacht.«
»Abgemacht? Um Gottes willen, wie? Ist Saise fort?«
»Noch nicht, aber nun thun Sie mir den Gefallen und setzen Sie sich. Der
Claret ist ausgezeichnet und das Beefsteak vortrefflich.«
»Mr. Beaufort, ich habe diesen Brief vom Richter an Sie abzugeben; er läßt
Sie dringend bitten, seinem Wunsche zu willfahren!«
»Schön,« sagte Beaufort, das Schreiben, ohne es weiter anzusehen, unter den
Teller schiebend, »wollen's nachher einmal untersuchen.«
»Es hat Eile, Mr. Beaufort, es hängt das Glück eines Lebens davon ab,« bat
St. Clyde.
»Nun hab' ich's bald satt,« rief Beaufort halb lachend, halb ärgerlich;
»glauben Sie denn, ich ließe der ganzen Welt zu Gefallen, mein Beefsteak
kalt und den Claret warm werden? Was nicht bis nach dem Frühstück Zeit
hat, bleibt ganz, das ist _mein_ Sprichwort, und nun setzen Sie sich, sonst
werd' ich ernstlich böse.«
St. Clyde sah wohl daß hier keine weiteren Vorstellungen halfen, er ließ
sich also neben dem Pflanzer nieder, aber nicht möglich war es ihm einen
Bissen über die Lippen zu bringen; ein paar Gläser Wein trank er, sein
kochendes Blut abzukühlen, und ging dann unruhig in der von Blumen und
Blüten durchdufteten Galerie auf und ab. Mr. Beaufort beendete indessen
sein Frühstück in aller Behaglichkeit, schlürfte noch langsam den letzten
Rest Wein hinunter, wischte sich dann den Mund ab, lehnte sich ein wenig im
Stuhl zurück und sagte mit einem tiefen Athemzug:
»So -- jetzt wollen wir ein bischen hinuntergehen und zusehen, wie --«
»Aber der Brief --«
»Ach ja so -- den hätt' ich beinahe vergessen, nun, was schreibt denn der
Richter -- -- Lieber Freund -- interessire mich -- da ich dringend bedarf
-- Frau allein -- bitte Sie herzlich mir -- Saise -- beim Himmel wieder
der verwünschte Nigger -- anzukaufen -- Unsinn, kommt zu spät -- wichtige
Ursachen -- Auslieferung zu verschieben -- Unsinn, kommt zu spät, sag ich
-- ungemein verbinden -- vollkommenste Hochachtung und Freundschaft -- ja,
thut mir leid -- kommt zu spät --«
»Aber Sie sagten ja erst vor wenigen Secunden, daß Saise noch nicht fort
sei? Wie ist es da möglich?«
»Mein Overseer hat sie gekauft,« entgegnete ihm Beaufort, sich die Zähne
stochernd; »jetzt wenden Sie sich an den und lassen Sie mich mit der Sache
ungeschoren -- ich hab' es satt, noch länger mit dem Geschöpf geplagt zu
werden.«
»Aber, Mr. Beaufort, was um des Heilands willen hat Sie nur gegen die
Unglückliche so hart machen können? Sie behandelten sie ja doch bis jetzt
immer mehr wie ein Vater, als ein Fremder.«
»Das ist es eben, Herr!« rief der alte Pflanzer entrüstet -- »das ist es
eben; die Schande vor allen meinen Niggern erleben zu müssen; glauben Sie
denn nicht, daß sich die Schufte halb todt lachen, weil ihr Herr mit einem
von ihrer Race so lange an einem Tisch gegessen hat?«
»_Wenn_ aber nun Saise wirklich aus rein indianischem Blute entsprossen
wäre und Sie, ohne es zu wissen, ein Bubenstück unterstützt hätten?« frug
St. Clyde, den alten Mann fest ins Auge fassend, »wenn nun jener Fremde
mit schurkischen Genossen und der Hülfe eines Richters diesen Kaufbrief
_geschmiedet_ hätte und durch Sie eine Unglückliche, die Sie bis jetzt für
ihren zweiten Vater hielt, in namenloses Elend gestoßen wäre?«
Beaufort sah den jungen Mann einen Augenblick starr an, dann aber
schüttelte er ärgerlich mit dem Kopf und rief:
»Thorheit -- Unsinn -- kommen Sie da mit einem ganzen Packet voll _wenn_
und _aber_ und -- zum Donnerwetter, Herr -- lassen Sie mich jetzt mit
ihren Lamentationen zufrieden, die Dirne ist verkauft -- ich habe den Brief
selbst unterzeichnet und damit basta. -- Gehen Sie zum Overseer, wenn Ihnen
so viel d'ran liegt, mit funfzig Dollar Profit wird er sie wieder ablassen
-- oder -- gehen Sie lieber einmal ins Feld und schicken Sie ihn mir
herauf, ich habe etwas mit ihm zu sprechen.«
Der alte Mann schritt ins nächste Zimmer und warf ärgerlich die Thüre
hinter sich ins Schloß. Aber nicht mehr auf den jungen Creolen zürnte er,
sondern auf sich selbst; zum ersten Mal wurde jetzt der Gedanke in ihm
wach, daß er doch wohl zu voreilig gewesen und sich von seinem Jähzorn zu
sehr habe hinreißen lassen. Das Geschehene ließ sich freilich nicht mehr
ungeschehen machen, aber versuchen wollte er nun, ob er es nicht wenigstens
verbessern könne. Er gedachte Saise zu kaufen und dann nachzuforschen,
ob wirklich schwarzes Blut in ihren Adern rolle; bis dahin konnte sie ein
kleines Haus für sich beziehen, und brauchte mit ihm und seiner Tochter
nicht in Berührung zu kommen.
Eine Stunde später stand Duxon mit Pitwell wieder am Ufer des Flusses.
»Pitwell,« sagte der Erstere, »ich glaube doch, es ist besser, wir brechen
schon morgen auf; den alten Beaufort scheint die Sache zu wurmen -- er wird
bedenklich.«
»Sollte er etwas merken?« frug Pitwell ängstlich.
»Ein Wunder wär's nicht,« knirschte Duxon zwischen den zusammengebissenen
Zähnen durch, »der Laffe war ja wieder hier und hat ihm wahrscheinlich in
den Ohren gelegen. Denkt nur, er wollte mir die Dirne wieder abkaufen.«
»Wer? Mr. Beaufort?«
»Ja -- Beide -- erst der Gelbschnabel und dann, wie ich zum Herrn kam,
dieser selbst. -- Er hatte, während ich mit ihm sprach, einen Brief in der
Hand, und meinen Hals wollt ich verwetten, daß er vom Richter war. Da ich
nun hier manche Kleinigkeit an der Kreide habe, so sehe ich gerade nicht
ein, weshalb wir noch länger zögern sollten. Als ich ihm die Indianerin
nicht verkaufen wollte, lief ihm wieder, wie gewöhnlich, die Galle über die
Leber und er sagte, ich möchte in einer Stunde zu ihm kommen und mit ihm
abrechnen, die Gelegenheit will ich benutzen; eine so schnelle Abrechnung
erspart überhaupt manches Unangenehme. Meine übrigen Angelegenheiten kann
ich alle bis morgen früh geordnet haben; bis dahin haltet Ihr Euch auch
fertig; in vier Tagen müssen wir in Texas sein.«
»Gut!« sagte Pitwell nachsinnend, »aber, Duxon, wir gehen dann in
Gesellschaft -- ich -- ich habe noch einige Freunde, die mich hinter
Fischer's Landung erwarten -- Ihr -- Ihr macht Euch ja doch wohl nichts
daraus, ein wenig schnell zu reisen?«
Duxon sah ihn scharf von der Seite an und frug nach kleiner Pause: »Darf
ich dann aber auch wissen warum?«
»Und gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, daß Ihr schweigen wollt?« flüsterte
Pitwell, sich vorsichtig umschauend.
»Braucht Ihr mein _Ehrenwort_ dafür?« lächelte der Overseer.
»Nun, ich sehe, Ihr versteht mich, Duxon,« fuhr der Yankee leise fort;
»ich habe wieder ein kleines Geschäft im Gang, gerade so wie wir es damals
betrieben. Ein reicher Pflanzer, vom andern Ufer des Mississippi, will
seine Sklaven gern nach Texas schaffen, da sie in Louisiana zu vielen Werth
für andere Leute haben, und er bezahlt mir hundert Dollar für den Kopf.
Unterhalb Waterloo sind wir gestern morgen übergesetzt, und mit Hülfe
zweier Gefährten habe ich sämmtliche Neger, hundert und funfzehn Mann, in
den zwischen Fischer's Laden und dem Cutoff liegenden Sumpf gebracht
-- saht Ihr die drei, die heute Morgen hier vorbeizogen? Das waren die
letzten. Sie haben sämmtlich falsche Pässe. Jetzt wißt Ihr Alles und seid
Ihr gescheidt, so schließt Ihr Euch nicht allein an uns an, sondern nehmt
Euch auch noch ein paar -- Begleiter mit. Hat denn Beaufort gar keine
Neger, denen das Leben in Louisiana nicht länger gefällt? Ihr könnt ihnen
ja sagen, es ginge in ein besseres Klima.«
»Das wohl,« murmelte Duxon, in tiefem Sinnen vor sich hinstarrend; »aber
Pitwell, die Sache hat einen andern und zwar sehr bösen Haken. Daß wir
glücklich fortkommen, daran zweifle ich keinen Augenblick, für Waffen
werdet Ihr auch schon gesorgt haben, doch -- wenn sich Texas nun an die
Vereinigten Staaten schließt, wie es überall heißt, wie dann? Dann liefert
uns die Regierung aus.«
»Du lieber Gott,« lachte Pitwell, »wenn die Regierung darauf eingehen
wollte, alle die auszuliefern, die irgend etwas verbrochen haben, wer
sollte denn da das Land bebauen, Heerden ziehen oder gegen die Mexikaner
und Cumanches fechten? Nein, Duxon, laßt Euch darüber keine grauen Haare
wachsen, davor sind wir sicher. Das wissen die wackern Burschen auch
recht gut, sonst hätten sie ja nie selbst für einen Anschluß an die Union
gestimmt.«
»Ich glaube, Ihr habt Recht,« sagte Duxon, »auf keinen Fall dürfte es
schwer halten, weiter westlich zu ziehen, wo uns weder Texas, noch Onkel
Sam[7] etwas anhaben kann; beistehen wird uns, sollte es so weit kommen,
Mancher.«
[7]: =Uncle Sam=, Scherzname der Vereinigten Staaten nach den
Anfangsbuchstaben =United States=!
»Sieben Achtel von Texas,« lachte Pitwell.
»Nun gut denn, es sei; ist dem aber so, dann brechen wir morgen früh lieber
vor Tagesgrauen auf, so daß wir etwa um zehn oder elf Uhr Alle beisammen
sind. Verfolgung brauchen wir von hier aus nicht zu fürchten, denn Beaufort
steht nicht so früh auf und ich werde schon dafür sorgen, daß er die
Fehlenden irgendwo beschäftigt glauben soll. Wird aber Saise gutwillig mit
uns gehen?«
»Ist das eine Frage von einem Overseer; habt Ihr keine Peitsche?«
Duxon lächelte und sagte höhnisch: »Ihr scheint nicht zu verstehen, wie man
mit _Damen_ umgeht; doch -- ich habe ein anderes Mittel, ich nehme unsere
kleine Gig und fahre. Als Entschuldigung mögen die Zurückbleibenden nachher
dem Herrn sagen, natürlich nicht eher, als er darnach frägt, ich hätte
meine Sachen an Fischer's Landung geschafft, wo stets Boote anlegen. Aber
Pest und Gift, ich wollte doch heute bei meiner kleinen -- _Frau_ bleiben
und werde nun bis morgen früh zu rennen und zu laufen haben, daß ich
nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Nun beim Teufel, in Texas kann ich's ja
nachholen, hahaha, sie wird wohl nicht böse darüber werden.«
»Schwerlich!« sagte Pitwell trocken; »also jetzt an's Werk -- habt Ihr
Waffen?«
»Zwei Büchsen, ein Bowiemesser und drei paar Pistolen -- Ihr wißt, ein
Overseer muß immer eine kleine Burg aus seinem Haus machen können.«
»Gut, wenn Ihr einen Wagen nehmt, so mögt Ihr nur das Alles mitbringen
-- solche Sachen sind immer nützlich; aber dort kommt der junge Laffe die
Allee herunter, der sich so gewaltig um die Indianerin anstellt. Die Dame
vom Haus ist bei ihm; wie heißt sie?«
»Gabriele, ein prächtiges Mädchen, schade, daß Ihr keinen Kaufbrief auf
_die_ fabriciren könnt, die nähme ich auch.«
Der Yankee warf ihm einen warnenden Blick zu und ging, um nicht weiter mit
dem Overseer zusammen gesehen zu werden, am Fluß hinauf, während jener
sein Pferd satteln ließ und auf's Feld hinausritt, dort eine gewisse Anzahl
Neger aussuchte und diesen befahl, ihre Aexte zu nehmen, um an einem etwas
entfernteren Theil des Waldes, den er ihnen bezeichnen würde, Holz
zu fällen. Bald darauf verschwand er mit ihnen in dem die Plantage
begrenzenden Sumpfland.
St. Clyde und Gabriele schritten neben einander dem Flusse zu.
»Um Gottes willen, Sir!« sagte die Jungfrau, als sie sich der äußeren
Einfriedigung näherten, »was ist Ihnen? Sie scheinen in fürchterlicher
Aufregung, so habe ich Sie nie gesehen.«
»Ich muß fort,« flüsterte der junge Mann, die bleiche Hand fest gegen die
heiße, fieberglühende Stirn gepreßt -- »ich muß fort -- muß Hülfe haben.
Erst seit dieser unglückseligen Katastrophe fühle ich, wie ich --« er
schwieg und wandte sich ab --
»Wie Sie Saisen lieben,« flüsterte Gabriele mit leiser, tonloser Stimme
und blickte starr zu dem Creolen auf, »nicht wahr, St. Clyde -- Sie -- Sie
lieben die Indianerin.«
»Ja, Miß Beaufort -- ja -- warum sollt ich es Ihnen auch verschweigen,«
sagte da plötzlich St. Clyde, der stehen blieb und fest in die Augen der
erbleichenden Jungfrau schaute, »warum sollt ich mich, Ihnen gegenüber,
scheuen es zu gestehen. Sie waren der Unglücklichen Freundin, so lange
sie unter Ihrem Schutze stand -- Sie sind selbst gegen mich, den fremden,
heimatlosen, armen Wanderer immer nur gütig und liebevoll gewesen -- Ihnen
will ich vertrauen und Sie werden mich auch, so weit es in Ihren Kräften
steht, unterstützen.«
»Gewiß -- gewiß,« sagte mit kaum hörbarer Stimme Gabriele -- »aber -- aber,
wenn nun Saise -- doch eine -- eine Negerin wäre? Wenn nun -- ach Gott --
zürnen Sie mir nicht, ich weiß nicht, was ich rede; nein, nein -- Saise ist
frei -- muß frei werden und -- glücklich.«
Sie barg ihr Angesicht in den Händen und die hellen, klaren Thränentropfen
quollen zwischen den zarten Fingern hindurch.
»O, Miß Beaufort!« rief St. Clyde gerührt, »Sie sind so gütig gegen die
Unglückliche, wie werde ich Ihnen das je danken können?«
Gabriele sammelte sich gewaltsam. »Was wollen Sie thun -- was ist Ihr
Plan?« frug sie schnell; »wie glauben Sie Saise retten zu können, da Sie
mir selber sagten, jener Bube habe sie an Duxon verkauft und dieser sich
mit meinem Vater überworfen. Was können Sie gegen jene Elenden ausrichten,
die die Gesetze auf ihrer Seite haben?«
»Nichts mehr _durch_ die Gesetze,« sagte St. Clyde mit unterdrückter
Stimme -- »Alles _ohne_ sie. Der Richter hat mir gestern gesagt, daß am
Mississippi ein Trupp von Chocktawjägern lagere, die müssen mir beistehen;
kann ich sie nicht dadurch gewinnen, daß sie eine Tochter ihrer eigenen
Race von Sklaverei retten sollen, sind sie so verderbt, daß selbst _das_
keinen Eindruck mehr auf sie macht, dann steht mir ein anderes, für sie
kräftigeres Mittel zu Gebote -- der _Whiskey_. Ein Grenzindianer ist ja
durch Whiskey zu jeder Schlechtigkeit zu bewegen, warum nicht auch einmal
zu einer guten That -- es ist das _letzte_ Mittel.«
»Aber die Gefahr, der Sie sich aussetzen?«
»Gefahr? Giebt es denn eine Gefahr, wo ich nur sterben kann? Nein,
Miß Beaufort -- _ohne_ Saise, wenn ich sie glücklich wüßte, hätte ich
vielleicht leben können; mit dem Gefühl aber, daß sie, dem entsetzlichsten
Verderben preisgegeben, in schmachvollen Fesseln schmachten, die freie
Tochter der Wälder eine Sklavin -- nein -- nein -- Leben wäre da Wahnsinn.
-- Aber ich muß fort -- die kostbare Zeit verfliegt -- Duxon hat sich mit
Ihrem Vater gezankt und will fort; die ganze Ansiedlung spricht davon,
wie er ihn betrogen und sich in den wenigen Jahren, die er hier sei, ein
Vermögen gewonnen, er wird deshalb nicht säumen, das in Sicherheit zu
bringen, und geht er zu Schiffe, vielleicht nach New-Orleans, dann wäre
es unmöglich, den Einzelnen in der ungeheueren Stadt wiederzufinden. Doch
jetzt meine Bitte, wollen Sie sich Saisens annehmen?«
»Wie kann ich es?« erwiederte mit ängstlich gefalteten Händen Gabriele --
»Sie ist Duxon's Eigenthum.«
»Ich weiß es, aber Sie haben vielen Einfluß auf Ihren Vater, selbst auf
jenen Buben; es ist die Gewalt, die stets die Tugend über das Laster übt,
die Scheu, die der Böse dem Guten gegenüber nicht überwinden kann. Dringen
Sie darauf, daß Saise ihm heute noch nicht ausgeliefert werde, oder daß
sie, wenn Sie das nicht verhindern können, diese Nacht noch bei Ihnen, oder
wenigstens unter dem Schutze jener alten Negerin zubringe.«
»Sie wollen sie entführen?« frug Gabriele bestürzt.
»Nein,« sagte St. Clyde düster, »ihr Kaufbrief würde in den Händen jenes
Buben, Saise aber in dem Gedanken daran stets elend bleiben; nein -- ich
muß den _Brief_ in meine Gewalt bekommen; die Gesetze wollen mir nicht
beistehen, so mag Gott es thun. Versprechen Sie Saisen so lange zu
beschützen?«
»Ja,« flüsterte Gabriele und reichte ihm mit abgewandtem Antlitz ihre Hand
-- »und Sie wollen?«
»Saise retten oder -- sterben,« erwiederte fest der junge Creole.
»Und dann -- wenn Sie -- wenn Saise die Ihrige ist? --«
»Such ich ein fernes Land, wo nicht Menschen wie Thiere verkauft und
mißhandelt werden; ich stamme aus Frankreich -- meine Familie soll zu den
edelsten des Landes gehören; dorthin kehre ich zurück.«
»Mit Saise?«
»Mit meinem Weibe.«
»So leben Sie wohl, St. Clyde, leben Sie wohl; möge Gott Sie schützen und
schirmen!«
Sie rief's und eilte schnellen Schrittes zum Hause zurück. Auf der Stelle
aber, wo sie gestanden, lag die weiße Rose, die noch eben an ihrer Brust
geruht. St. Clyde hob sie auf, küßte sie, barg sie an seinem Herzen, eilte
dann zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und sprengte in schnellem
Galopp die Straße am Strom hinauf. Dort aber angelangt, hielt er sich
nicht länger auf, als nöthig war die gewöhnliche Flatbootfähre in Stand zu
setzen, um ihn und sein Roß ans andere Ufer zu bringen, und bald schwamm
das kleine Boot, von vier rüstigen Armen getrieben, auf der breiten Fläche
des gewaltigen Stromes dem östlichen Ufer zu.
»Sind gestern Indianer auf dieser Fähre übergesetzt?« frug er nach einer
Weile den älteren der Beiden, der der Eigenthümer des Fahrzeugs zu sein
schien.
Dieser sah ihn an und lachte.
»Nein,« sagte er, »habt Ihr schon einmal davon gehört, daß sich ein
Indianer auf einer Fähre übersetzen läßt? ich nicht; _das_ Geld können sie
besser gebrauchen; dafür giebt's Whiskey, und wo das rothe Volk für _den_
Zweck einen Cent ersparen kann, da quält es sich lieber tagelang auf seine
eigene Art -- das heißt nicht etwa mit Arbeit.«
»Also sie sind nicht hier herüber?« frug St. Clyde erschreckt.
»Doch, allerdings,« entgegnete ihm der Jüngere, »nur nicht auf der Fähre
-- sie saßen Alle in zwei kleinen Canoes, die sie mit von drüben
herübergebracht, und ließen ihre Pferde am Zügel oder Stricken
hinterherschwimmen.«
»Und glaubt Ihr, daß ich sie finden werde?«
»Ich sollte nicht denken, daß es schwer halten wird. Sie hatten, wie mir
Ben sagte, der von oben herunterkam, eine große Menge Whiskeyflaschen bei
sich, und da sind sie heute wahrhaftig nicht mehr auf die Jagd gegangen.
Ein kleines Stückchen weiter oben landeten sie, und wenn Ihr Euch nur
zu dem Haus dort, was Ihr da durch die Weiden und Baumwollenholzbäume
schimmern seht, bemühen wollt, so denk ich, werden sie Euch da wohl auf die
rechte Spur bringen.«
Das Boot legte sich in diesem Augenblick am Ufer an, St. Clyde führte sein,
vorsichtig mit den Hufen nach festem Grund suchendes Pferd hinaus, drückte
dem Jüngeren, der ebenfalls ans Land gesprungen war, um mit dem Tau die
Fähre zu halten, das Ueberfahrtsgeld in die Hand, schwang sich in den
Sattel und trabte rasch dem nicht fernen niederen Wohngebäude zu, das,
dicht am Fluß errichtet, für den Augenblick noch von hohem üppigen
Waldwuchs umgeben war, aus welchem aber der neue Ansiedler gerade die
künftigen Mittel seiner Existenz -- Klafterholz für Dampfboote heraushauen
wollte.
Der Backwoodsman stand in der Thür.
»Guten Tag, Sir,« rief ihm St. Clyde entgegen, »habt Ihr Nichts von den
Indianern gesehen, die gestern, unfern von hier, übersetzten?«
Jener horchte, ohne ein Wort auf die Frage zu erwiedern, in den Wald hinein
und verharrte in dieser Stellung wohl mehre Minuten. St. Clyde jedoch, der
glauben mochte, daß er seine Frage ganz überhört habe, wiederholte dieselbe
und bat um Antwort. Wie aus Stein gehauen blieb aber der Amerikaner stehen,
bis der junge Mann endlich ein ungeduldiges »aber Sir« nicht länger zu
unterdrücken vermochte.
»Könnt Ihr einen Mann finden, wenn er im Walde sitzt und schreit, was aus
der Kehle will?« kam jetzt die Gegenfrage, das ziemlich sichere Zeichen des
Neuengländers.
»Wenn ich nahe genug bin, es zu hören, warum nicht?« rief der Creole
unmuthig; »aber ich frug Euch, ob Ihr die Indianer --«
»Dort, drin im Walde schreien sie,« sagte der Amerikaner trocken und
deutete mit seiner kurzen, aus Schilf geschnitzten Tabackspfeife einen
schmalen Kuhpfad entlang, der gerade in das Dickicht hineinlief.
»Die Indianer?« frug St. Clyde erstaunt.
»Ahem!« nickte jener und fuhr dann, ohne des Fremden weiter zu achten, mit
Rauchen fort. Der Creole aber, der jetzt einen Augenblick in den stillen
Wald hineingelauscht hatte, glaubte ebenfalls wild verworrene Töne zu
hören, rief dem Manne einen kurzen Dank zu und sprengte, so schnell es
ihm das ziemlich dichte Unterholz gestattete, auf das Toben zu, das immer
lauter und deutlicher zu ihm herüberschallte. Nach kurzem Ritt erreichte er
eine Waldblöße, dicht am Rande eines kleinen seeartigen Sumpfes, der durch
die Ueberschwemmung des Mississippi zurückgeblieben und noch nicht
ganz wieder ausgetrocknet war, und sah hier ein so pittoreskes als
eigenthümliches Schauspiel vor sich.
Auf dem üppigen Grasboden ausgestreckt, von einem Halbkreis glimmender,
qualmender Feuer umgeben, deren Rauch über sie hinzog und dazu dienen
sollte, die unzähligen auf sie einstürmenden Musquitos abzuhalten, Manche
mit, Andere ohne ihre Jagdhemden, jeder aber eine ziemlich geleerte
Whiskeyflasche in der Hand, lagen jubelnd und schreiend, alte Schlacht-
und Kriegslieder und neu gelernte französische und englische Melodien mehr
brüllend als singend, sieben rothhäutige Jäger unter den riesenhaften,
himmelanstrebenden Baumwollenholzbäumen der Niederung und der Eine, der
der Führer der Bande und noch am nüchternsten zu sein schien, hatte zum
Tactstock sein spitzes Scalpirmesser genommen, und stach damit fortwährend
in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen in den grünen Rasen, auf dem er,
das Antlitz den luftigen Wipfeln zugekehrt, lag, während ihn die Uebrigen
nicht allein mit ihren Stimmen, sondern auch, ziemlich Alle in derselben
Stellung oder Lage, mit Hacken und Faust accompagnirten; jeder natürlich
seiner eigenen ohrenzerreißenden Melodie dabei folgend.
Der Führer der Bande entdeckte, wie es schien, den Fremden zuerst; ohne
sich aber weiter zu regen, als nöthig war, ihn mit einem flüchtigen Blick
von oben bis unten zu messen, hielt er ihm, während ein mattes, trunkenes
Lächeln seine Züge überflog, die Flasche entgegen und stammelte:
»Hier -- Fremder -- hier -- trin -- trinkt einmal!«
»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die halbbewußtlosen
Gestalten der Wilden blickend, »großer allmächtiger Gott -- sind das die
Menschen, von denen ich mir Hülfe versprach? -- Verloren -- verloren --
Alles -- Alles verloren!«
Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und saß mehre Secunden lang in
stillem, sprachlosem Schmerz versunken.
»Trinkt -- =dam it=,« rief der Führer noch einmal -- »denkt Euch zu gut mit
Indian aus einer Flasche zu trinken, mit armen Indian, eh? Armer Indian
ist großer Häuptlings Sohn -- =go to Hell=!« Er sank wieder zurück an die
Wurzel des Baumes und begann seinen Gesang von Neuem.
Der Creole sprang vom Pferde und schritt mit untergeschlagenen Armen und
fest auf den Boden gehefteten Blicken neben den trunkenen Jägern auf und
ab, während der wilde Führer mit gläsernen stieren Augen zu dem grünen
Waldesdom emporblickte und die Verse eines indianischen Schlacht- oder
Siegesliedes sang:
Ich erschlug den Häuptling der Muskokee;
Sein Weib -- dort am Stamme verbrannt' ich sie,
Und bei den Hinterbeinen darauf
Hing ich den Lieblingshund ihm auf.
Huh -- huh -- huh, vom Muskokee
Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!
Bei dem Namen der Muskokee blieb St. Clyde lauschend stehen -- er wußte,
daß die Riccarees, selbst noch in letzterer Zeit, manche blutige Schlacht
mit diesem Stamme geschlagen hatten; aber auch die Chocktaws und Muskokees
bekämpften sich -- das Kriegslied mußte von diesen sein; dennoch wandte er
sich an den jungen Häuptling und sagte:
»Welchem Stamm gehörst Du an, bist Du ein Chocktaw?«