Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das
Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas.
Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um längs der
Küste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die
Einwohner von Venezuela den größten Theil ihrer Produkte ausführen. Es
sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt währt meist nur 36--40 Stunden. Den
kleinen Küstenfahrzeugen kommen Wind und Strömungen zumal zu gut; letztere
streichen mehr oder minder stark von Ost nach West längs den Küsten von
Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa.
Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so
ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit
allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsblöcke und
einer wuchernden Vegetation zu kämpfen; man muß unter freiem Himmel
schlafen, die Thäler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und über Ströme
setzen, die wegen der Nähe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen
Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende läuft, weil das Land sehr
ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Küstenkette und dem
Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die
von einem ungeheuren Gehölz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus
umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem dürren Boden
und dem Mangel an Regen.
Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas
nach Cumana zurückgeht und nicht gerne gegen die Strömung fährt. Der
Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen häufig Leute, die
sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen
Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel
gegen diese Fieber ist, wächst in denselben Thälern, am Saume derselben
Wälder, deren Ausdünstungen so gefährlich sind. Der kranke Reisende macht
Halt in einer Hütte, deren Bewohner nichts davon wissen, daß die Bäume,
welche die Thalgründe umher beschatten, das Fieber vertreiben.
Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir
wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort über die
großen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen
ungeheuren Strom südlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur
Grenze von Brasilien hinauffahren und über die Hauptstadt des spanischen
Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpaß geheißen,
nach Cumana zurückkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen,
wovon wir über zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen würden,
ließ sich unmöglich bestimmen. Auf den Küsten kennt man nur das Stück des
Orinoco nahe an seiner Mündung; mit den Missionen besteht lediglich kein
Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist für die Einwohner von
Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen
bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Süd
fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in
Verbindung; andere halten wegen der großen Sterblichkeit unter den Truppen
Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land südlich von
den Katarakten von Amtes für äußerst ungesund. In einem Lande, wo man so
wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenüber die
Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu
übertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten
mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht
gewöhnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefaßten Entschlusse fest. Wir
konnten auf die Theilnahme und Unterstützung des Statthalters der Provinz,
Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der
Franziscanermönche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen
Herren sind.
Zum Glück für uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in
Cumana. Dieser junge Mönch war nur ein Laienbruder, aber sehr verständig,
gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Küste
hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen
von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer große Aufregung
herrscht, das Mißfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei übte
eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen
konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern
Orinoco, berüchtigt durch die Unzahl bösartiger Insekten, welche Jahr aus
Jahr ein die Luft erfüllen. Fray Juan Gonzales war mit den Wäldern
zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt.
Eine andere Umwälzung im republikanischen Regiment der Mönche hatte ihn
seit einigen Jahren wieder an die Küste gebracht und er stand bei seinen
Obern in verdienter Achtung. Er bestärkte uns in unserem Verlangen, die
vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns
guten Rath für die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er
selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnügen auf
der Rückreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder
anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte,
übernahm er es gefällig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und
unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen
gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der
uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines
Ordens große Dienste hätte leisten können, kam im Jahr 1801 in einem Sturm
an der afrikanischen Küste ums Leben.
Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von
denen, die zum Handel an den Küsten und mit den Antillen gebraucht werden.
Sie sind dreißig Fuß lang und haben nicht mehr als drei Fuß Bord über
Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewöhnlich 200 bis 250 Centner.
Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie
ein ungeheures dreieckiges Segel führen, was bei den Windstößen, die aus
den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit
dreißig Jahren kein Beispiel, daß eines dieser Fahrzeuge auf der
Ueberfahrt von Cumana an die Küste von Caracas gesunken wäre. Die
indianischen Schiffer sind so gewandt, daß selbst bei ihren häufigen
Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den dänischen Inseln, die mit
Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehört. Diese
120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Küste mehr
sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne
Beobachtung der Sonnenhöhe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compaß
unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem
Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er
voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom
Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen
und des großen Bären zu finden wußten, und es kam mir vor, als steuerten
sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man
wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel
Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der
Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so glücklich. Wenn sich
die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande nähern, kommen sie gegen Ost gegen
Wind und Strömung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die
Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des
Octanten schwer zu büßen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen,
welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen,
in Sicht bekommen müssen, um ihres Weges gewiß zu seyn.
Wir fuhren rasch den kleinen Fluß Manzanares hinab, dessen Krümmungen
Cocosbäume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf
dem anstoßenden dürren Strande schimmerten auf den Dornbüschen, die bei
Tag nur staubigte Blätter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend
Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man
wird unter den Tropen des Schauspiels nicht müde, wenn diese hin und her
zuckenden röthlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre
Bilder und die der Sterne am Himmelsgewölbe unter einander wimmeln.
Wir schieden vom Küstenlande von Cumana, als hätten wir lange da gelebt.
Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach
dem ich mich seit meiner frühesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der
Natur im indischen Klima ist so mächtig und großartig, daß man schon nach
wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In
Europa hat der Nordländer und der Bewohner der Niederung selbst nach
kurzem Besuch eine ähnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von
der köstlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von
der wilden, großartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenäen scheidet.
Ueberall in der gemäßigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt
nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens
haben Familienähnlichkeit mit denen, die unter dem schönen Himmel
Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den
Tiefländern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur.
Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa
mahnt; denn von der Vegetation hängt der Charakter einer Landschaft ab;
sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast
zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und mächtiger
die Eindrücke sind, desto mehr löschen sie frühere Eindrücke aus, und
durch die Stärke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich
auf alle, die mit mehr Sinn für die Schönheiten der Natur als für die
Reize des geselligen Lebens lange in der heißen Zone gelebt haben. Das
erste Land, das ihr Fuß betreten, wie theuer und denkwürdig bleibt es
ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins höchste Alter, regt sich in ihnen
ein dunkles Sehnsuchtsgefühl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein
staubigter Boden stehen noch jetzt weit öfter vor meinem inneren Auge als
alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schönen südlichen Himmel wird
selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die
Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht
allein, sie färbt die Gegenstände, sie umgibt sie mit einem leichten Duft,
der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben
harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und über die Natur eine Ruhe
ausgießt, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen
Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kärglich bewaldeter
Küstenstriche zu begreifen, bedenke man nur, daß von Neapel dem Aequator
zu der Himmel in dem Verhältniß immer schöner wird, wie von der Provence
nach Unteritalien.
Wir liefen während der Fluth über die Barre, welche der kleine Manzanares
an seiner Mündung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die
Gewässer des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen,
aber der Theil der Milchstraße zwischen den Füßen des Centauren und dem
Sternbild des Schützen schien einen Silberschimmer auf die Meeresfläche zu
werfen. Der weiße Fels, auf dem das Schloß San Antonio steht, tauchte
zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht
lange, so erkannten wir die Küste nur noch an den zerstreuten Lichtern
fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und
das schmerzliche Gefühl, scheiden zu müssen. Vor fünf Monaten hatten wir
dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der
ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit
Zagen den Fuß setzend. Jetzt, da diese Küste unsern Blicken entschwand,
lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt dünkten. Boden,
Gebirgsart, Gewächse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden.
Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel
Araya zuhielten; dann fuhren wir dreißig Meilen nach West und
West-Süd-West. In der Nähe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und
bis zu den Bergölquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein
belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in
diesem Klima so häufig bietet. Schwärme von Tummlern zogen unserem
Fahrzeug nach. Ihrer fünfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand
von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf
die Wasserfläche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war,
als bräche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm ließ beim
Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurück. Dieß fiel
uns um so mehr auf, da außerdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag
eines Ruders und der Stoß des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken
gaben, so muß man wohl annehmen, daß der starke Lichtschein, der von den
Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herrührte, sondern
auch von der gallertartigen Materie, die ihren Körper überzieht und vom
Stoß der Wellen abgerieben wird.
Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie
Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und
Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerklüfteten,
kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera
bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land.
Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Trümmer der
alten Küste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West
lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die
sicher eines Tages stark besuchte Häfen werden. Das zerrissene Land, die
zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine große
Umwälzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge
gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom
Gneiß des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht
man in Cumana von den flachen Dächern, und dort zeigen sich an ihnen in
Folge der verschiedenen Temperatur der über einander gelagerten
Luftschichten die sonderbarsten Verrückungen und Luftspiegelungen. Diese
Felsen sind schwerlich über 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht
scheinen sie von sehr bedeutender Höhe.
Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heißen, so weit von der Stadt
dieses Namens, der Küste der Cumanagotos gegenüber zu finden; aber Caracas
bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen
Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe
hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale
Wasserfäden in der Strömung auf Boracha zu, das größte der Eilande. Da die
Felsen fast senkrecht aufsteigen, so fällt der Meeresgrund steil ab und
auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, daß
sie beinahe ans Land stießen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen,
seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein
erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Wärme durch
Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne über den Horizont stieg,
desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die
Meeresfläche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur
in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese
Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde,
braune, sehr große, schnellfüßige Ziegen mit -- wie unser Steuermann
versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreißig Jahren hatte
sich eine weiße Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc
gebaut. Der Vater überlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein
Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und dieß ward
sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen
verwilderten, nicht so die Kulturgewächse. Der Mais in Amerika, wie der
Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu
erhalten, an den sie seit seinen frühesten Wanderungen gekettet sind. Wohl
wachsen diese nährenden Gräser hin und wieder aus verstreuten Samen auf;
wenn sie sich aber selbst überlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die
Vögel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas
entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; für ein an so einsamem Ort
begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser
Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen
angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach
dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, daß er alle
Verhafteten aufknüpfte, gegen die längst das Todesurtheil gefällt war. Man
sollte kaum glauben, daß es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr
Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Händen diejenigen
abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben.
Wir verließen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knüpfen, und
ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Mündung
des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen
Inipiricuar lautet. Der Fluß wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis
auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehören zu
der Art, die im Orinoco so häufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so
sehr gleicht, daß man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht
ein, daß ein Thier, dessen Körper in einer Art Panzer steckt, für die
Schärfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta
sah, wie er in seinem kürzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzählt,
auf der Küste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am
Lande leben. Diese Beobachtungen werden für die Geologie von Bedeutung,
seit man in dieser Wissenschaft die Süßwasserbildungen näher ins Auge
faßt, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See-
und Süßwasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen.
Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt
seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden
größtentheils die Produkte der weiten Steppen ausgeführt, die sich vom
Südabhang der Küstenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind
an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die
Handelsindustrie dieser Länder gründet sich auf den Bedarf der großen und
kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden.
Da die Küsten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von
15--18 Tagereisen gegenüber liegen, so beziehen die Handelsleute in der
Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona,
als daß sie das Wagniß einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur
Mündung des Rio de la Plata übernähmen. Von der schwarzen Bevölkerung von
1,300,000 Köpfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zählt, kommen
auf Cuba allein über 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemüßen,
gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das
gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma führt, ladet 20 bis
30,000 Arobas, deren Handelswerth über 45,000 Piaster beträgt. Barcelona
ist besonders für den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei
Tagen aus den Llanos in den Hafen, während sie wegen der Gebirgskette des
Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den
Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und
1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere
nach den spanischen, englischen und französischen Inseln eingeschifft. Wie
viele aus Burburata, Coro und aus den Mündungen des Guarapiche und Orinoco
ausgeführt werden, weiß ich nicht genau; aber trotz der Einflüsse, durch
welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas
herabgebracht worden ist, müssen, nach meiner Schätzung, diese
unermeßlichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jährlich in
den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster
(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen
3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De
Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt
kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da
er als Agent der französischen Regierung sich fortwährend in der Stadt
Caracas aufhalten mußte, so mögen die Besitzer der *Hatos* bei den
Schätzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben.
Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines
Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen über dem Meere liegt. Es
ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Süd von einem
weit höheren Berge beherrscht, und Sachverständige behaupten, es könnte
dem Feind, nachdem er zwischen der Mündung des Flusses und dem Morro
gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden
Höhen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht über
die englischen Kreuzer, die längs der Küsten stationirt waren. Zwei
unserer Reisegefährten, Brüder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus
Spanien, wo sie in der königlichen Garde gedient hatten. Es waren sehr
gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem
Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurück.
Ihnen mußte noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica
geführt zu werden. Ich hatte keine Pässe von der Admiralität; aber im
Vertrauen auf den Schutz, den die großbritannische Regierung Reisenden
gewährt, die bloß wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich
nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad
geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Ländern suchte. Die
Antwort, die mir über den Meerbusen von Paria zukam, war sehr
befriedigend.
Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich
Mondshöhen auf, um die Länge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von
Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr
viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden
aus einander. Ich habe mich über diese Entfernung, über die damals viele
Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der
Magnetnadel fand ich gleich 42°,20; 224 Schwingungen gaben die Intensität
der magnetischen Kraft an.
Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und
zieht sich gegen Süden zurück; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei
Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser
25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberfläche war 25°,9,
als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu
mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24°,5. Der
Unterschied zeigte sich beständig; er wäre vielleicht bedeutender, wenn
die Strömung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbrächte,
und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhöhung der
Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Bänken, die bei
der Ebbe über Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll über den
mittleren Wasserstand. Ihre Oberfläche ist völlig eben und mit Gras
bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben.
Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball über der
Grasflur zu hängen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen
beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte.
Wenn aber auch in der heißen Zone an tiefen, feuchten Orten Gräser und
Riedgräser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem
Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen,
die nur eben über die Gräser emporragen und sich vom ebenen grünen Grunde
abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den
Tropen ein solcher Trieb in den Gewächsen, daß die kleinsten
dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Sträuchern werden. Man könnte sagen,
die Liliengewächse, die unter den Gräsern wachsen, vertreten unsere
Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie
nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut
aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhältniß
nicht aufkommen, das zwischen den Gewächsen besteht, die bei uns den Rasen
und die Wiese bilden. Die gütige Natur verleiht unter allen Zonen der
Landschaft einen ihr eigenthümlichen Reiz des Schönen.
Man darf sich nicht wundern, daß fruchtbare Inseln so nahe der Küste
gegenwärtig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die
Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Küsten waren,
gründeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald
die Eingeborenen unterworfen oder südwärts den Savanen zu gedrängt waren,
ließ man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter
Ländereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Lägen
die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel
der Antillen, so wären sie nicht unangebaut geblieben.
Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der
südlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre
Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren,
sehr gefürchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der
Mündung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still
gewesen, immer unruhiger, je näher wir Cap Codera kamen. Der Einfluß
dieses großen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen
weithin fühlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra hängt
davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt.
Jenseits dieses Caps ist die See beständig so unruhig, daß man nicht mehr
an der Küste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum
Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stürmen weiß. Der Stoß der Wellen
wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefährten litten
sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glück,
nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht über. Bei Sonnenaufgang am
20. November waren wir so weit, daß wir hoffen konnten das Cap in wenigen
Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra
zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort
vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im
kleinen Hafen Higuerote, über den wir schon hinaus waren, vor Anker zu
gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man
Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiß man zum voraus,
wofür sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man mußte nachgeben,
und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in
der Bucht von Higuerote, westwärts von der Mündung des Rio Capaya.
Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen
Fischern, Mestizen, bewohnte Hütten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die
auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, daß diese Gegend eine der
ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Küste
ist. Die See ist hier so seicht, daß man in der kleinsten Barke nicht
landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Wälder ziehen sich bis
zum Strande herunter, und diesen überzieht ein dichtes Buschwerk von
sogenannten Wurzelträgern, Avicennien, Manschenillbäumen und der neuen Art
der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _‘Romero de la mar’_ heißt.
Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausdünstungen der Wurzelträger oder
Manglebäume, schreibt man es hier, wie überall in beiden Indien, zu, daß
die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein
fader, süßlicher Geruch entgegen, ähnlich dem, den in verlassenen
Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verlöschen anfangen, das mit Schimmel
überzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in
Folge der Reverberation des weißen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk
und den hochgipfligten Waldbäumen hinzog. Da der Boden einen ganz
unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier
sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebäume bald
unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse
Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten
Blätter und die im angeschwemmten Seetang hängenden Weichthiere gleichsam
in Gährung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schädlichen Gase,
die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Küste zeigt
das Seewasser da, wo es mit den Manglebäumen in Berührung kommt, eine
braungelbe Färbung.
Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein
ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in
Caracas mit dem Aufguß des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der
Aufguß mit heißem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden
Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die
Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den
natürlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben
Eigenschaften. Der Aufguß des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwölf
Tage lang mit atmosphärischer Luft in Berührung gebracht; die Reinheit
derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein
kleiner flockigter, schwärzlichter Bodensatz, aber eine merkbare
Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des
Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei
nachahmen, was in der Natur auf der Küste bei steigender Fluth täglich
vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen
ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff
und Kohlensäure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an.
Endlich ließ ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stöpsel eine bestimmte
Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphärische Luft einwirken.
Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch
kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur
0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem
absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch flüchtigen
Untersuchung war ich der Ansicht, daß die Luft in den Manglegebüschen
durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark
gelb gefärbte Schichte Seewasser, die längs der Küste einen deutlichen
Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie,
auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche
Reisende den eigenthümlichen Geruch unter den Manglebäumen zuschreiben.
Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren
Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen
Strand- und Seegewächsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff
entbunden; ich glaube aber vielmehr, daß Rhizophora, Avicennia und
Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den
sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Sträucher gehören zu den drei
natürlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die
reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, daß
dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nußbäume mit
Gallerte verbunden ist.
Uebrigens würde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schädliche
Ausdünstungen Verbreiten, wenn es auch aus Bäumen bestände, die an sich
keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo
Manglebäume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und
Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und
im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter über dem Wasser
steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften
sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Stämme, der
Tang, den Wind und Fluth an die Küsten treiben, bleibt an den sich zum
Boden niederneigenden Zweigen hängen. Auf diese Weise, indem sich der
Schlamm zwischen den Wurzeln anhäuft, wird durch die Küstenwälder das
feste Land allgemach vergrößert; aber während sie so der See Boden
abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maaß, als sie
vorrücken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebäume und die andern
Gewächse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden
trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit
Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Stämme bezeichnen nach
Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die
Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen.
Die Bucht von Higuerote ist sehr günstig gelegen, um das Vorgebirge
Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem
daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch
seine Höhe, die mir nach Höhenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht
über 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West fällt es steil
ab, und man meint an diesen großen Profilen die fallenden Schichten zu
unterscheiden. Die Schichten zunächst bei der Bucht strichen Nord 60° West
und fielen unter 80° nach Nordwest. Am großen Berge Silla und östlich von
Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben,
und daraus scheint hervorzugehen, daß die Urgebirgskette dieser Landenge,
die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez
und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera
wieder auftritt und gegen West als Küstenkette fortstreicht.
Meinen Reisegefährten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern
unseres kleinen Schiffes so bange, daß sie beschlossen, den Landweg von
Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe führt durch ein wildes,
feuchtes Land, durch die Montana de Capaja nördlich von Caucagua, durch
das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, daß auch
Bonpland diesen Weg wählte, auf dem er trotz des beständigen Regens und
der ausgetretenen Flüsse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst
ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir
zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus
den Augen zu lassen.
Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr
günstig und wir hatten viele Mühe, um Cap Codera herum zu kommen; die
Wellen waren kurz und brachen sich häufig in einander; es gehörte die
Erschöpfung durch einen furchtbar heißen Tag dazu, um in einem kleinen,
dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu können. Die See ging um so
höher, als der Wind bis nach Mitternacht der Strömung entgegen blies. Der
zwischen den Wendekreisen überall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen
ist an diesen Küsten nur während zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu
spüren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor,
daß die Strömung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon
öfter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die
Strömung, die von West nach Ost ging, nicht bewältigen, obgleich sie den
Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmäßigkeiten ist bis
jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stürmen aus Nordwest im
Golf von Mexico zu, aber diese Stürme sind im Frühjahr weit stärker als im
Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, daß die Strömung nach Osten geht,
bevor der Seewind sich ändert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach
einigen Tagen geht auch der Wind der Strömung nach und bläst beständig aus
West. Während dieser Vorgänge bleiben die kleinen Schwankungen des
Barometers auf und ab in ihrer Regelmäßigleit durchaus ungestört.
Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwärts vom Cap
Codera dem Curuao gegenüber. Der indianische Steuermann erschrack nicht
wenig, als sich nordwärts in der Entfernung einer Seemeile eine englische
Fregatte blicken ließ. Sie hielt uns wahrscheinlich für eines der
Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles
organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete
Lizenzscheine führten. Sie ließ uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen
schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Küste felsigt und
sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und
malerisch. Wir waren so nahe am Land, daß wir die zerstreuten von
Cocospalmen umgebenen Hütten unterschieden und die Massen von Grün sich
vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge
drei, viertausend Fuß hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite
Schlagschatten über das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und
geschmückt mit frischem Grün daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen
großentheils die tropischen Früchte, die man auf den Märkten von Caracas
in so großer Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich
mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thäler hinauf, die
Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne
fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und
Schatten.
Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die höchsten Gipfel dieser
Küstenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenäen; es
ist als stiegen die Pyrenäen oder die Alpen, von ihrem Schnee entblöst,
gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die
Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei
Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Hügel mit sanftem Abhang
erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel
Zuckerrohr und die barmherzigen Brüder haben daselbst eine Pflanzung und
200 Sklaven. Die Gegend war früher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man
behauptet, die Luft sey gesünder geworden, seit man um einen Teich, dessen
Ausdünstungen man besonders fürchtete, Bäume gepflanzt hat, so daß das
Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda
läuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von
geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das hübsch
gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra
mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken über einander und in duftiger
Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelförmigen, blendend weißen
Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnußbäume säumen das Ufer und geben ihm
unter dem glühenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit.
Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um
meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich
empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe
Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehört hatte, sondern über dem Dorfe
Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhöhe, das dem kühlen Luftzug
mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier
Tage früher als meine Reisegefährten, die auf dem Landweg zwischen Capaya
und Curiepe durch die starken Regengüsse und die ausgetretenen Bergwasser
viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht öfters auf dieselben Gegenstände
zurückzukommen, schließe ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des
merkwürdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas führt, alle
Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco
zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat,
sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich
mich auf eine nähere Beschreibung der Gegenstände, die er ausführlich
behandelt hat, nicht ein.
Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig
und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbänken, vom schlechten
Ankergrund und den Bohrwürmern(18) zumal gefährdet. Das Laden ist mit
großen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann
man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere
einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der
Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie
waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwürdig ist,
sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so häufig sind, nichts
zu fürchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie
die Beobachtung, die ich unter den Tropen häufig an Thieren aus andern
Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe.
In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die
Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, daß die von gewissen Inseln leicht zu
zähmen sind, während Affen derselben Art, die auf dem benachbarten
Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie
sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache
in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, während
die aus einer andern Lache äußerst unerschrocken angreifen. Aus den äußern
Verhältnissen der Oertlichkeiten wäre diese Verschiedenheit in Gemüthsart
und Sitten nicht leicht zu erklären. Mit den Haifischen im Hafen von
Guayra scheint es sich ähnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenüber der
Küste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefährlich
und blutgierig, während sie Badende in den Häfen von Guayra und Santa
Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklärung der
Naturerscheinungen zu vereinfachen, überall zum Wunderbaren, und so glaubt
es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen
ertheilt.
Guayra ist ganz eigenthümlich gelegen; es läßt sich nur mit Santa Cruz auf
Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem
hochgelegenen Thal von Caracas stürzt fast unmittelbar in die See ab und
die Häuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen
dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener
Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Straßen,
die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf
dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt
und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes,
Trübseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Wäldern bedeckten
Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und
Pflanzenwuchs. Außer Cabo Blanco und den Cocosnußbäumen von Maiquetia,
besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen
Himmelsgewölbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei
Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht für heißer als das von Cumana,
Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwächer ist und durch die
Wärme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt,
die Luft erhitzt wird. Man machte sich übrigens von der Luftbeschassenheit
dieses Ortes und des ganzen benachbarten Küstenlandes eine unrichtige
Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie
angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht
eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Berührung stehende Luft wirkt
auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener
Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds
nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muß aber
doch bemerken, daß ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg
von den Häusern und über 300 Toisen von den Gneißfelsen, mehrere Tage lang
kaum schwache Spuren von positiver Elektricität bemerken konnte, während
in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem
Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkügelchen 1--2
Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten über
die regelmäßigen täglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der
Luft unter den Tropen, ein Verhältniß, das mit den Schwankungen in der
Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht.
Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten
thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich
in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz
zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der
Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese
Länder besuchen, ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in
diesem Falle das Zeugniß der Sinne ungemein leicht täuscht, so läßt sich
über die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhältnissen
urtheilen.
Die vier eben genannten Orte gelten für die heißesten auf dem Küstenstrich
der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon öfters von
uns gemachte Bemerkung zu bestätigen, daß im Allgemeinen nur das lange
Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die übermäßige Hitze oder die
absolute Wärmemenge den Bewohnern der heißen Zone lästig wird.
Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November
war in Guayra 31°,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29°,3, in
Vera Cruz 28°,7, in der Havana 29°,5. Die täglichen Abweichungen betrugen
zur selben Stunde nicht leicht über 0°,8--1°,4. Während dieser ganzen Zeit
regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Dieß ist der Zeitpunkt,
wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der
Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhört, sobald die Tagestemperatur auf
24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heißesten Monats war in
Guayra etwa 29°,3, in Cumana 29°,1, in Vera Cruz 27°,7, in Cairo, nach
Rouet, 29°,9, in Rom 25°,0. Vom 16. November bis 19. December war die
mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24°,3, bei Nacht 21°,6. Um
diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube
übrigens, daß man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21°
fallen sieht; in Cumana fällt er zuweilen auf 21°,2, in Vera Cruz auf 16°,
in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8° und selbst darunter. Die
mittlere Temperatur des kältesten Monats ist an diesen vier Orten: 23°,2,
26°,8, 21°, 21°,0; in Cairo 13°,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur
ist, nach guten, sorgfältig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefähr
28°,1, in Cumana 27°,7, in Vera Cruz 25°,4, in der Havana 25°,6, in Rio
Janeiro 23°,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28° 28′ der Breite, aber
wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21°,9, in Cairo 22°,4, in
Rom 15°,8.(19)
Aus diesen Beobachtungen geht hervor, daß Guayra einer der heißesten Orte
der Erde ist, daß die Summe der Wärme, welche derselbe im Laufe eines
Jahres erhält, etwas größer ist als in Cumana, daß sich aber in den
Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei
Durchgängen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra
stärker abkühlt. Sollte diese Abkühlung, die weit unbedeutender ist, als
die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht
von der westlicheren Lage von Guayra herrühren? Das Luftmeer, das für den
oberflächlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Strömungen bewegt,
deren Grenzen durch unabänderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur
desselben ändert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Länder
und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken
abtheilen, die sich in einander ergießen, und wovon die unruhigsten (wie
das über dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem
Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluß auf Erkältung und Bewegung der
benachbarten Luftsäulen äußern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im
südwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und
Gegenströmungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma
hin herabdrücken.
Während meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geißel des gelben
Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die
Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Küste von Caracas weit
weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte
hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, plötzlich an gewissen
unregelmäßig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte
Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome
einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren
meist Menschen, die das anstrengende Geschäft des Holzfällens trieben, zum
Beispiel in den Wäldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am
Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte häufig in
Städten, die für sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europäer in
Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen
worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Küsten von Terra Firma war der
eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen)
und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu
betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa
Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und
beschrieben hat. Die kürzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des
Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man
beklagte sich nur über die drückende Hitze, die einen großen Theil des
Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man
höchstens die Haut- und Augenentzündungen zu befürchten, die fast überall
in der heißen Zone vorkommen und die häufig von Fieberbewegungen und
Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kühlen, aber
äußerst veränderlichen Klima von Caracas das heiße, aber beständige von
Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die
Rede.
Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern
Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geöffnet. Matrosen aus
kälteren Ländern als Spanien, und daher empfindlicher für die klimatischen
Einflüsse der heißen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das
gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den
spanischen Spitälern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der
Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer
aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf
die Rhede gekommen. Der Capitän der Brigantine stellte solches in Abrede
und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs
eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgängen in Cadix
im Jahr 1800 weiß man, wie schwer es ist, über Fälle ins Reine zu kommen,
die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu
sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren
über das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so
gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen
sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, daß der
Typhus von außen gekommen, die andern, daß er im Lande selbst entstanden.
Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, daß das Austreten des Rio de
la Guayra eine Veränderung der Luftbeschaffenheit herbeigeführt habe.
Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach
sechzigstündigem Regen im Gebirge so furchtbar an, daß es Baumstämme und
ansehnliche Felsblöcke mit sich fortriß. Das Wasser wurde 30--40 Fuß breit
und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken
ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu
urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Häuser wurden von der Fluth
weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr
Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfließen
konnte, sich zufällig geschlossen hatte. Man mußte in die Mauer der See zu
ein Loch schießen; mehr als dreißig Menschen kamen ums Leben und der
Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende
Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewölben des Gefängnisses
mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als prädisponirende
Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben können;
indessen glaube ich, daß das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die
erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir,
des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren
Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigeführt haben. Ich habe das
Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als dürren
Boden und Blöcke von Glimmerschiefer und Gneiß mit eingesprengtem
Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts,
was die Luft hätte verunreinigen können.
Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa
Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein groß war) hat das
gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wüthete nicht
allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch
unter denen, die fern von der Küste in den Llanos zwischen Calabozo und
Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiß als
Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand würde uns noch mehr auffallen,
wenn wir nicht wüßten, daß sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause
den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in
den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen
am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro
(in 476 Toisen Meereshöhe), wo mit den Eichen ein kühles, köstliches Klima
beginnt, eine unübersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber
nicht leicht über den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas
hinüber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man
darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den
Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine
treffliche Schutzwehr für die Stadt Caracas, die etwas höher liegt als der
Encaro, die aber eine höhere mittlere Temperatur hat als Xalapa.
Bonplands und meine Beobachtungen über die physischen Verhältnisse der
Städte, welche periodisch von der Geißel des gelben Fiebers heimgesucht
werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue
Vermuthungen über die Veränderungen in der pathogonischen Constitution
mancher Städte zu äußern. Je mehr ich über diesen Gegenstand nachdenke,
desto räthselhafter erscheint mir alles, was auf die gasförmigen Effluvien
Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _‘Keime der Ansteckung’_
nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kälte
zerstört werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Wänden der
Häuser haften sollen. Wie will man erklären, daß in den achtzehn Jahren
vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von »Vomito« vorkam,
obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europäern und Mexicanern
aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen
überließen, über die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich
war, als sie seit dem Jahr 1800 ist?
Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck
gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heißen Erdstrichs, der bis
jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele
in kälterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der
amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt
vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist
hier eine Veränderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich
in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform
entwickelt?
Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in
südlicheren Ländern geborenen Europäern. Theilt er sich durch Ansteckung
mit, so ist es zu verwundern, daß er in den Städten des tropischen
Festlandes keineswegs sich an gewisse Straßen hält, und daß die
unmittelbare Berührung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als
Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein,
namentlich an kühlere, höhere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa,
stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit
an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die prädisponirenden Ursachen,
die sich an der Küste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur
bedeutend ab, so hört die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewöhnlich
auf. Mit Eintritt der heißen Jahreszeit, zuweilen weit früher, fängt sie
wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen
und kein Schiff eingelaufen ist.
Der amerikanische Typhus scheint auf den Küstenstrich beschränkt, sey es
nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier
die Waaren aufgehäuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen
haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthümliche gasförmige Effluvien
bilden. Das äußere Ansehen der Orte, wo der Typhus wüthet, scheint oft die
Annahme eines örtlichen oder endemischen Ursprungs völlig auszuschließen.
Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen
Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Ländern, deren Klima
früher für sehr gesund galt. Die Fälle von Verschleppung des gelben
Fiebers ins Binnenland sind in der heißen Zone sehr zweideutig; die
Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt
worden seyn. In der gemäßigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus
entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit
vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden
ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach
Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche
nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der prädisponirenden
Ursachen, nach der längeren oder kürzeren Dauer, nach den Graden der
Bösartigkeit muß uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt,
den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein
einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre
1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit
auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat,
ist mit mir der Ansicht, daß der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber
nicht immer.
Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet,
hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu
übertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von
Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt,
fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar
Tropfen Regen fallen, können der Ursachen der sogenannten schädlichen
Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Straßen von Guayra schienen mir im
Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die
Schlachtbänke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich
zersetzte Tange und Weichthiere anhäufen, aber die benachbarte Küste nach
Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist äußerst
ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und
Caravalleda häufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind
Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge
oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine
mit faulen Dünsten geschwängerte Luft auf die Küste von Guayra.
Da die Reizbarkeit der Organe bei den nördlichen Völkern so viel stärker
ist als bei den südlichen, so ist nicht zu bezweifeln, daß bei größerer
Handelsfreiheit und stärkerem und innigerem Verkehr zwischen Ländern mit
verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich über die neue Welt verbreiten
wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen
von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, können
möglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der
Lebenskräfte sich ausbilden. Es ist dieß eines der nothwendigen Uebel im
Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wünscht darum
keineswegs die Barbarei zurück; ebensowenig theilt er die Ansicht der
Leute, die dem Verkehr unter den Völkern gerne ein Ende machten, nicht um
die Häfen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem
Eindringen der Aufklärung zu wehren und die Geistesentwicklung
aufzuhalten.
Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen
Meerbusen führen, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen
Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der großen
Beständigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva
Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befürchten, der Typhus möchte dort
einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs
sehr bösartig aufgetreten ist. Glücklicherweise hat sich die Sterblichkeit
vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der
Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen
Stadien der Krankheit, die Periode der entzündlichen Erscheinungen, und
die der Ataxie oder Schwäche, besser kennt und auseinander hält. Es wäre
sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, daß die neuere Medicin gegen dieses
schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese
Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hört
ziemlich allgemein die Aeußerung, »die Aerzte wissen jetzt den Hergang der
Krankheit befriedigender zu erklären als früher, sie heilen sie aber
keineswegs besser; früher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei,
außer einem Tamarindenaufguß; gegenwärtig führe ein eingreifenderes
Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode.«
Wer so spricht, weiß nicht ganz, wie man früher auf den Antillen zu Werke
ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, daß zu Anfang des
achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so
ruhig sterben ließen, als man meint. Man tödtete damals nicht durch
übertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und
Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlässe und übermäßiges Purgiren. Die
Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, daß
sie, sehr treuherzig, »gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar
am Krankenbett erschienen.« Gegenwärtig bringt man es in reinlichen, gut
gehaltenen Spitälern dahin, daß von 100 Kranken nur 15--20 und selbst
etwas weniger sterben; aber überall, wo die Kranken zu sehr auf einander
gehäust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Hälfte, wohl gar (wie im
Jahr 1802 bei der französischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile
der Kranken.
Ich fand die Breite von Guayra 10° 36′ 19″, die Länge 69° 26′ 13″. Die
Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42° 20, die Declination
nach Nordost 4° 30′ 35″; die Intensität der magnetischen Kraft
= 237 Schwingungen.
Geht man an der aus Granit gebauten Küste von Guayra gegen West, so kommt
man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschützte Rhede ist, und
dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die
Schiffe vortrefflich ankern können. Es sind die kleinen Buchten Catia, los
Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata
und Patanebo. Alle diese Häfen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem
man Maulthiere nach Jamaica ausführt, werden gegenwärtig nur von kleinen
Küstenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten
Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter
Blickenden, legen einen großen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich
von Cabo Blanco. Diesen Küstenpunkt untersuchten Bonpland und ich während
unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen
Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich
von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Längst geht man mit
dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte
Straße von Guayra, die beinahe dem Uebergang über den St. Gotthard
gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan könnte der Hafen von Catia, der so
geräumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist
dieser ganze Küstenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbäumen
bewachsen und höchst ungesund.
Fast nirgends auf der Küste ist es so heiß als in der Nähe von Cabo
Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des
dürren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die übermäßige Einwirkung
des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen für uns. In
Guayra fürchtet man die Insolation und ihren Einfluß auf die
Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber
sich zu zeigen anfängt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres
Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem
Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter
mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdrängen, den er fertig
in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit
einer halben Stunde in bloßem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er
versicherte mich, da ich ein hoher Nordländer sey, müsse ich nach der
Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen
Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Präservativ nehme. Diese
Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da
ich mich längst für acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine
Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich
verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben
haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet.
Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen
wir die Küste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rückkehr von
den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem
Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000
Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Pässen in den Alpen, dem
Weg über den St. Gotthard oder den großen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft
in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte
nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von
Caracas liegen möge. Man hatte längst bemerkt, daß es von der Cumbre und
las Vueltas, dem höchsten Punkt der Straße, nach Pastora am Eingang des
Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da
aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu
vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von
Caracas kann man sich von der Höhe desselben unmöglich einen richtigen
Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftströme
abgekühlt, sowie einen großen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel,
welche den hohen Gipfel der Silla einhüllen. Ich habe den Weg von Guayra
nach Caracas mehrere male zu Fuß gemacht und nach zwölf Punkten, deren
Höhe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich
hätte gerne gesehen, daß meine Vermessung durch einen unterrichteten
Reisenden, der nach mir dieses malerische und für den Naturforscher so
interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden wäre; mein
Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen.
Wenn man zur Zeit der stärksten Hitze die glühende Luft Guayras athmet und
den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, daß
in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine
Bevölkerung von 40,000 Seelen einer Frühlingskühle genießen soll, einer
Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Daß auf diese Weise
verschiedene Klimate einander nahe gerückt sind, kommt in den ganzen
Cordilleren der Anden häufig vor; aber überall, in Mexico, in Quito, in
Peru, in Neu-Grenada muß man weit ins Binnenland reisen, entweder über die
Ebenen oder auf Strömen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die
großen Städte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als
Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstädten des
spanischen Amerika, die mitten in der heißen Zone ein köstlich kühles
Klima haben, liegt Caracas am nächsten an der Küste. Nur drei Meilen in
einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo
der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind
bedeutende Vortheile.
Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schöner als der von
Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser
unterhalten als die alte Straße, die aus dem Hafen von Vera Cruz am
Südabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote führt. Man braucht mit
guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas
und zum Rückweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fuß Vier bis fünf
Stunden. Man kommt zuerst über einen sehr steilen Felsabhang und über die
Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem großen
Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen über dem Meere liegt. Der Name
»verbrannter Thurm« bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhält,
wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswände und
vollends die dürre Ebene zu den Füßen ausstrahlen, ist drückend zum
Ersticken. Auf diesem Wege und überall, wo man auf starken Abhängen in ein
anderes Klima gelangt, schien mir das Gefühl von gesteigerter Muskelkraft
und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in kühlere Luftschichten über einen
kommt, nicht so stark als umgekehrt die lästige Mattigkeit und
Erschlaffung, die einen befällt, wenn man in die heißen Küstenebenen
hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, daß der Genuß, wenn uns
irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines
neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso.
Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die
Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten
Straße über den Mont Cenis. Der Salto, »der Sprung,« ist eine Spalte, über
die eine Zugbrücke führt. Auf der Höhe des Bergs sind förmliche Werke
angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19°,3, in
Guayra zur selben Zeit auf 26°,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit
in den spanischen Häfen zugelassen wurden, Fremde häufiger nach Caracas
gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den
Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schönen Lage berühmt. Und
allerdings hat man hier bei unbewölktem Himmel eine prachtvolle Aussicht
über die See und die nahen Küsten. Man hat einen Horizont von mehr als
zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der
Masse Licht, die der weiße, dürre Strand zurückwirft; zu den Füßen liegen
Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die
Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit
überraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen,
die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der
unermeßlichen Meeresfläche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Höhen
bilden Mittelgründe zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen,
und durch eine leicht erklärliche Täuschung wird dadurch die Scenerie
großartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom
Winde gejagten und sich ballenden Wolken Bäume und Wohnungen zum
Vorschein, und die Gegenstände scheinen dann ungleich tiefer unten zu
liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man
sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa)
in derselben Höhe befindet, ist man noch zwölf Meilen von der See
entfernt; man sieht die Küste nur undeutlich, während man auf dem Wege von
Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem
Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf
einen machen muß, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum
erstenmal das Meer und Schiffe sieht.
Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt,
um die Entfernung derselben von der Küste genauer angeben zu können. Die
Breite ist 10° 33′ 9″; die Länge des Orts schien mir nach dem Chronometer
etwa 2′ 47″ im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser
Höhe die Inclination der Magnetnadel 41°,75, die Intensität der
magnetischen Kraft = 234 Schwingungen.
Von der Venta, auch _‘Venta grande’_ genannt zum Unterschied von drei oder
vier andern kleinen Wirthshäusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle
zerstört.], geht es noch über 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Dieß ist
beinahe der höchste Punkt der Straße, ich ging aber mit dem Barometer noch
weiter, etwas über die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla.
Da ich keinen Paß hatte (in fünf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der
Landung), so wäre ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden.
Um die alten Soldaten zu besänftigen, übersetzte ich ihnen in spanische
Vares, wie viel Toisen der Posten über dem Meere liegt. Daran schien ihnen
sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen ließen, so verdanke ich es
einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge
seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel höher als
alle Berge in der Provinz Caracas.
Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa
150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt
Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei
einander liegen, hätten Bonpland und ich gerne ein paar Tage
hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in
einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der
Meeresküste beobachtet; aber die Luft war während unseres Aufenthaltes an
diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besaß ich auch nicht den
dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung
erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen,
empfehlen möchte.
Als ich zum erstenmal über diese Hochebene nach der Hauptstadt von
Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele
Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen ließen. Es waren Einwohner von
Caracas; sie stritten über den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz
zuvor stattgefunden. Joseph España hatte auf dem Schaffot geendet; sein
Weib schmachtete im Gefängniß, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich
aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der
Gemüther, die Bitterkeit, mit der man über Fragen stritt, über die
Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein
auf. Während man ein Langes und Breites über den Haß der Mulatten gegen
die freien Neger und die Weißen, über den Reichthum der Mönche und die
Mühe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte,
hüllte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen
schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein
Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein
bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern
darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo überall
Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, über politische
Gegenstände zu verhandeln. Diese in der Bergeinöde gesprochenen Worte
machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf
unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten.
In Europa, wo die Völker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten,
steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der
neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwölftausend Fuß Meereshöhe
bewohnt. Die Menschen tragen ihre bürgerlichen Zwiste, wie ihre
kleinlichen, gehässigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Rücken der
Anden, wo die Entdeckung von Erzgängen zur Gründung von Städten geführt
hat, stehen Spielhäuser, und in diesen weiten Einöden, fast über der
Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste höheren Schwung
geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, daß der Hof ein Ordenszeichen
oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glück der Familien gestört.
Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Südost, nach
dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet,
während die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, überall bewundert
man den großartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine
halbe Stunde über ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses
Stück des Wegs heißt der vielen Krümmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter
oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa,
während der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr
ausschließliches Monopol war, an einem sehr kühlen Ort hatte errichten
lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt
dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebäumen und europäischen
Obstbäumen üppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewöhnlich
Halt bei einer schönen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf
fallenden Gneißschichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die
Temperatur derselben 16°,4, was für eine Höhe von 726 Toisen bedeutend
kühl ist. Dieses klare Wasser müßte denen, die davon trinken, noch kälter
vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemäßigten
Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entspränge. Ich habe
aber die Bemerkung gemacht, daß an diesem, dem Nordabhang des Bergs die
Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest,
sondern nach Südost fallen, was Schuld daran seyn mag, daß die
unterirdischen Gewässer dort keine Quellen bilden können. Von der kleinen
Schlucht Sanchorquiz an geht es beständig abwärts bis zum Kreuz von
Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen über dem Meere steht, und
von da an, bei den Zollhäusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in
die Stadt Caracas.
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16 Die _‘cortex Angosturae’_ unserer Pharmacopöen, die Rinde der
_Bonplandia trifolia_
17 Man bezahlt 120 Piaster für die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot
zur Verfügung hat.
_ 18 La broma; teredo navalis_, Linné
19 In Paris ist das Mittel des heißesten Monats 19--20°, demnach um
3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kältesten
Monats in Guayra.