ZWÖLFTES KAPITEL.

Allgemeine Bemerkungen über die Provinzen von Venezuela. -- Ihre

verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima.

Die Wichtigkeit einer Hauptstadt hängt nicht allein von ihrer Volkszahl,

von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermaßen richtig zu

beurtheilen, muß man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist,

die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die

Verhältnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einfluß unterworfenen

Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstände

modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen

den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so groß

und die Handelsinteressen sind so zäh, daß sich voraussagen läßt, der

Einfluß der Hauptstädte auf das Land umher, auf die unter den Namen

_‘Reinos’_, _‘Capitanias generales’_, _‘Presidencias’_, _‘Goviernos’_

verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der

Trennung der Provinzen vom Mutterland überdauern. Man wird nur da Stücke

losreißen und anders verbinden, wo man, mit Mißachtung natürlicher

Grenzen, willkürlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander

verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem

gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru),

verbreitete sie sich von den Küsten ins Binnenland, bald einem großen

Flußthal, bald einer Gebirgskette mit gemäßigtem Klima nach. Sie setzte

sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie

sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder

Königreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen,

geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar berührten. Wüst

liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die

von der europäischen Cultur eroberten Länder. Sie trennen diese

Eroberungen von einander, wie schwer zu übersetzende Meeresarme, und meist

hängen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen.

Die Umrisse der Seeküsten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf

dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation,

undurchdringliche Wälder und bebautes Land an einander stoßen und einander

begrenzen. Weil sie die Zustände der erst in der Bildung begriffenen

Staaten der neuen Welt außer Acht lassen, liefern so viele Geographen so

sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der

spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern

durchaus zusammenhingen. Die Localkenntniß, die ich mir aus eigener

Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang

der großen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die

wüsten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr

oder minder bedeutenden politischen Einfluß, den sie als Regierungs- und

Handelsmittelpunkte äußern, zu schätzen.

*Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so groß ist

als das heutige Peru und an Flächengehalt dem Königreich Neu-Grenada wenig

nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania

general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heißt, hat gegen

eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfaßt längs den

Küsten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita),

Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die

Provinzen Barinas und Guyana, erstere längs den Flüssen St. Domingo und

Apure, letztere längs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro.

Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht

man, daß sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen.

Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der

Küstengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des

Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Ströme, die

hindurch laufen, zugänglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Wäldern

ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, könnte man sagen, die

drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen

ein Bild der drei Zustände und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in

den Wäldern am Orinoco das rohe Jägerleben, auf den Savanen oder Llanos

das Hirtenleben, in den hohen Thälern und am Fuß der Küstengebirge das

Leben des Landbauers. Die Missionäre und eine Handvoll Soldaten besetzen

hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen

Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Stärkeren und der

Mißbrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die

Eingeborenen liegen in beständigem blutigem Krieg mit einander und fressen

nicht selten einander auf. Die Mönche suchen sich die Zwistigkeiten unter

den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdörfer zu

vergrößern. Das Militär, das zum Schutz der Mönche daliegt, lebt im Zank

mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald

Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Städter als Naturzustand

preisen, näher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und

Weiden, ist die Nahrung einförmig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind

schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander

liegenden Städten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit

Häuten und Leder gedeckten Häuser, so meint man, sie haben sich auf den

ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs

niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die

Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und

Mensch enger knüpft, herrscht in der dritten Zone, im Küstenstrich,

besonders in den warmen und gemäßigten Thälern der Gebirge am Meer.

Man könnte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und

portugiesischen Amerika, überall, wo man die allmählige Entwicklung der

Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen

Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und dieß ist für

alle, welche die politischen Zustände der verschiedenen Colonien genau

kennen lernen wollen, von großem Belang, daß die drei Zonen, die Wälder,

die Savanen und das bebaute Land, nicht überall im selben Verhältniß zu

einander stehen, daß sie aber nirgends so regelmäßig vertheilt sind wie im

Königreich Venezuela. Bevölkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen

keineswegs überall von der Küste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und

Quito findet man die stärkste ackerbauende Bevölkerung, die meisten

Städte, die ältesten bürgerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in

den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Königreich Buenos Ayres liegt die

Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen

von Buenos Ayres und der großen Masse ackerbauender Indianer, welche in

den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand

macht, daß sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner

des Binnenlandes und der Küsten sehr verschiedenartig gestalten.

Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen

erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhängige Staaten von

Vicekönigen oder Generalcapitänen regiert wurden, so muß man mehrere

Punkte zumal ins Auge fassen. Man muß die Theile des spanischen Amerika,

die Asien gegenüber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean

bespült; man muß, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse

der Bevölkerung befindet, ob in der Nähe der Küsten, oder concentrirt im

Innern auf kalten und gemäßigten Hochebenen der Cordilleren; man muß die

numerischen Verhältnisse zwischen den Eingeborenen und den andern

Menschenstämmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europäischen

Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weißen

in jedem Theil der Provinzen angehört. Die andalusischen Canarier in

Venezuela, die _‘Montanneses’_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier

in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum

Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen

Beschäftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Stämme haben in

der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten

zukommt, die rauhe oder sanfte Gemüthsart, die Mäßigkeit oder die

ungezügelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum

einsamen Leben. In Ländern, deren Bevölkerung großen Theils aus Indianern

von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europäern

und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie

einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die

heiße Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das

Mutterland fast entfremdet, mußten sich ganz anders umwandeln, als die

Griechen, welche sich auf den Küsten von Kleinasien oder Italien

niederließen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder

Corinth. Daß der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische

Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstädte auf den

Hochebenen oder in der Nähe der Küsten, durch die Beschäftigung mit dem

Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewöhnung an das Speculiren im

Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich verändert hat, ist unleugbar;

aber überall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht

sich dennoch etwas geltend, was auf die ursprüngliche Stammeseigenheit

zurückweist.

Betrachtet man die Zustände der Capitanerie von Caracas nach den oben

angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, daß der Ackerbau, die

Hauptmasse der Bevölkerung, die zahlreichen Städte, kurz alles, was durch

höhere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Nähe der Küste findet.

Der Küstenstrich ist über 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der

Antillen bespült, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle

europäischen Nationen Niederlassungen gegründet haben, das an zahlreichen

Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der

Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im östlichen Theil des

tropischen Amerika sehr bedeutenden Einfluß geäußert hat. Die Königreiche

Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst

dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Häfen von

Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Länder

kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Küsten und der Zusammendrängung

der Bevölkerung auf dem Rücken der Cordilleren, mit Fremden wenig in

Berührung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen

der gefährlichen Nordstürme wenig besucht. Die Küsten von Venezuela

dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine

Menge Häfen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land

kommen, und so können sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der

Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den großen

Inseln und selbst mit denen unter dem Wind stärker seyn als durch die

Häfen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo,

nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu

halten. Ist es da zu verwundern, daß bei diesem leichten Handelsverkehr

mit den freien Amerikanern und mit den Völkern des politisch aufgeregten

Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten

Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach

Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen

Einrichtungen zur Aeußerung kommt, gleichmäßig zugenommen haben?

Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr

ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevölkerung, wo die Spanier bei der

Eroberung ordentliche Regierungen, eine bürgerliche Gesellschaft, alte,

meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien

südlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der

Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevölkerung des bebauten

Landstrichs, wenigstens außerhalb der Missionen, unbeträchtlich. Zur Zeit

großer politischer Zerwürfnisse flößen die Indianer den Weißen und

Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die

Gesammtbevölkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen

schätzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, während sie in

Mexico fast die Hälfte ausmachen.

Unter den Racen, aus denen die Bevölkerung von Venezuela besteht, ist die

schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Unglücks und mit

Furcht wegen einer möglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der

Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendrängung auf einen kleinen

Flächenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, daß in der ganzen

Capitanerie die Sklaven nur ein Fünfzehntheil der ganzen Bevölkerung

ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weißen

gegenüber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhältniß wie

1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000

Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das

Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehört, als ein

Binnenmeer mit mehreren Ausgängen, so ist es wichtig, die politischen

Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung

des neuen Continents zwischen Ländern entstehen, die um dasselbe Becken

gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterländer ihre Colonien

abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die

Elemente der Zerwürfnisse sind überall die gleichen, und wie instinktmäßig

bildet sich ein Einverständniß zwischen Menschen derselben Farbe, auch

wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Küsten

wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Küsten von

Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die

Antillen gebildet wird, zählt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen

Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, daß es im

Süden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in großen Massen finden sie

sich nur auf den Nord- und Ostküsten. Es ist dieß gleichsam das

afrikanische Stück dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an

auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgemäß auf die Küsten von

Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestörten Besitz dieser

schönen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstände leicht

unterdrückt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der für die

Unabhängigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende

Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenüberstehenden

Parteien furchtbar, und in verschiedenen Ländern des spanischen Amerika

wurde die allmählige oder plötzliche Aufhebung der Sklaverei verkündigt,

nicht sowohl aus Gefühlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil

man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewöhnten

und für sein eigenes Wohl kämpfenden Menschenschlags versichern wollte.

Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwürdige

Stelle gestoßen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind,

welche die Zunahme der schwarzen Bevölkerung einflößt. Diese Besorgnisse

werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern,

welche durch mildere Sitten, durch die öffentliche Meinung und durch

religiöse Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht,

ihrerseits durch die Gesetzgebung unterstützen. »Die Neger,« sagt Benzoni,

»haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, daß ich im Jahr 1545, als

ich auf Terra Firma (an der Küste von Caracas) war, viele Spanier gesehen

habe, die gar nicht zweifelten, daß jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der

Schwarzen seyn werde.« Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in

Erfüllung gehen und eine europäische Colonie in Amerika sich in einen

afrikanischen Staat verwandeln sehen.

Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so

ungleich vertheilt, daß auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen,

worunter ein Fünftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und

Barcelona kaum 6000. Um den Einfluß zu würdigen, den die Neger und die

Farbigen auf die öffentliche Ruhe im Allgemeinen äußern, ist es nicht

genug, daß man ihre Kopfzahl kennt, man muß auch ihre Zusammendrängung an

gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in

Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf

einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Küste

und einer Linie, die (12 Meilen von der Küste) über Panaquire, Yare,

Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua läuft. Auf den Llanos, den

weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zählt

man nur 4--5000, die auf den Höfen zerstreut und mit der Hut des Viehs

beschäftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr beträchtlich, denn

die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung

Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet,

die Freiheit nicht versagen, hätte der Sklave auch wegen des besondern

Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Fälle,

daß jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit

schenkt, sind in der Provinz Venezuela häufiger als irgendwo. Kurz bevor

wir die fruchtbaren Thäler von Aragua und den See von Valencia besuchten,

hatte eine Dame im großen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern

aufgegeben, ihre Sklaven, dreißig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergnügen

spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland

und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schönem Lichte

zeigen.

Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der

weißen Creolen, die ich _‘Hispano-Amerikaner’_(22) nenne, und der in

Europa gebürtigen Weißen zu kennen. Es hält schwer, sich über einen so

kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist

auch in der neuen die Zählung dem Volk ein Gräuel, weil es meint, es sey

dabei auf Erhöhung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die

Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt,

statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Rücksichten

einer argwöhnischen Staatsklugheit. Diese mühsam herzustellenden Ausnahmen

sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die

Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten

und von Zeit zu Zeit genaue Berichte über den zunehmenden Wohlstand der

Colonien verlangten, die Lokalbehörden haben diese guten Absichten in den

seltensten Fällen unterstützt. Nur auf den ausdrücklichen Befehl des

spanischen Hofes wurden den Herausgebern des »_peruanischen Merkurs_« die

vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen überlassen, die dieses Blatt

mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Vicekönig Grafen

Nevillagigedo tadeln hören, weil er ganz Neuspanien kundgethan, daß die

Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700

nur 2300 Europäer, dagegen über 50,000 Hispano-Amerikaner zählte. Die

Leute, die sich darüber beklagten, betrachteten auch die schöne

Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien

befördert, als eine der gefährlichsten Neuerungen des Grafen Florida

Blanca; sie riethen (glücklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem

Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureißen.

Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszählungen wecke man in den

Colonisten das Bewußtseyn ihrer Stärke! Nur in Zeiten des Unfriedens und

des Bürgerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative

Stärke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben

sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schätzte.

Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem

Königreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annähernd die Zahl der

weißen Creolen, selbst die der Europäer. Erstere, die Hispano-Amerikaner,

sind in Mexico ein Fünftheil, auf Cuba, nach der genauen Zählung von 1811,

ein Drittheil der Gesammtbevölkerung. Bedenkt man, daß in Mexico

drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den

Zustand der Küsten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weiße im

Verhältniß zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca

wohnen, so läßt sich nicht zweifeln, daß, wenn nicht in der _Capitania

general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhältniß stärker ist als

1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weißen sogar zahlreicher sind als in

Chili, gibt uns für die _Capitania general_ von Caracas eine »Grenzzahl«,

das heißt das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000

Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevölkerung von 900,000 Seelen

anzunehmen. Innerhalb der weißen Race scheint die Zahl der Europäer (die

Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht über 12,000--15,000 zu

betragen. In Mexico sind ihrer gewiß nicht über 60,000, und nach mehreren

Zusammenstellungen finde ich, daß, sämmtliche spanische Colonien zu 14--15

Millionen Einwohnern angenommen, höchstens 3 Millionen Creolen und 200,000

Europäer darunter sind.

Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmäßigen Erben des Reiches

der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen

mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befürchtungen aller

Weißen auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fühlten so gut wie die

in Europa geborenen Spanier, daß der Kampf ein Racenkampf zwischen dem

rothen und weißen Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der

selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der

europäischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines

Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er änderte sein Verfahren.

Aus einem Aufstand für die Unabhängigkeit wurde ein grausamer Krieg

zwischen den Racen; die Weißen blieben Sieger, es kam ihnen zum

Bewußtseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an faßten sie

das Zahlenverhältniß zwischen der weißen und der indianischen Bevölkerung

in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit

kam es nun dahin, daß die Weißen diese Aufmerksamkeit auf sich selbst

richteten und sich mißtrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste

umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhängigkeit und Freiheit

trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland

Herübergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere

eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von España angezettelten

Aufstand für sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto

schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden

Mißvergnügens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch

strenge Maßregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer

des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert

Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander

gegenüber.

Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem

Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so

starken Widerstand leisten konnten, und man vergißt, daß in allen Colonien

die europäische Partei nothwendig durch eine große Menge Einheimischer

verstärkt wird. Familienrücksichten, die Liebe zur ungestörten Ruhe, die

Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann,

halten diese ab, sich der Sache der Unabhängigkeit anzuschließen, oder für

die Einführung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhängigen

Repräsentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen

Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment

allgemach weniger drückend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend

mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der

Einführung einer religiösen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der

herrschende Cultus sich unmöglich in seiner Reinheit erhalten könne.

Andere gehören den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch

ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine

wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar

nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft wäre

ihnen lieber, als eine Regierung in den Händen von Amerikanern, die im

Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte

gegründete Verfassung; vor Allem fürchten sie den Verlust der

Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Mühe erworben, und

die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres häuslichen

Glücks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem

Lande vom Ertrag ihrer Grundstücke und genießen der Freiheit, deren sich

ein dünn bevölkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu

erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprüche auf Amt und Würden, und so

fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum

dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin wäre

ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das

alte Colonialwesen, aber diese Wünsche sind gegenüber der Liebe zur Ruhe

und der Gewöhnung an ein träges Leben keineswegs so lebhaft, daß sie sich

deßhalb zu schweren, langwierigen Opfern entschließen sollten.

Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Ständen entworfenen Skizze

der verschiedenen Färbung der politischen Ansichten in den Colonien habe

ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes

über Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war dieß die

Folge der Gewohnheit, des großen Einflusses einer gewissen Zahl mächtiger

Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen

Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegründete Sicherheit muß

erschüttert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privathaß

eine Weile ruhen läßt und im Gefühl eines gemeinsamen Interesses sich

verbündet, sobald dieses Gefühl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt

und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten

der Einfluß der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert.

Wir haben oben gesehen, daß die indianische Bevölkerung in den vereinigten

Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind

alle Städte derselben von den spanischen Eroberern gegründet. Diese

konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fußstapfen der alten

Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist

nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstädten des tropischen

Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemäßigten Klimas genießen

[Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten

gelegene. Da die Hauptmasse der Bevölkerung von Venezuela den Küsten nahe

gerückt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben

parallel läuft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico,

Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_

vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte

abfließen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder

starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den großen Antillen,

die Richtung der Gebirge und den Lauf der großen Flüsse betrachten, um

einzusehen, daß Caracas auf die Länder, deren Hauptstadt es ist, niemals

einen bedeutenden politischen Einfluß haben kann. Der Apure, der Meta, der

Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewässer aus den Llanos

oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana muß nothwendig

einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl

aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea

eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man

dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten

vorzieht. Es ist ein großer Vorzug der Provinzen von Venezuela, daß nicht

ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfließt, wie der von

Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern daß sie eine

Menge ziemlich gleich bevölkerter Städte haben, die eben so viele

Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden.

Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der

acht Erzbisthümer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die

Bevölkerung war, nach meinen Erkundigungen über die Zahl der Geburten, im

Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu

45,000 an, worunter 12,000 Weiße und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778

hatte man bereits 30--32,000 geschätzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen

blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766

hatte die Bevölkerung von Caracas und des schönen Thals, in dem es liegt,

durch eine bösartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt

starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwürdigen Zeitpunkt ist die

Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen

sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu

meiner Zeit seit fünfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, während man

in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit beständig bange hatte, weil

sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage

sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphärischen

Zustände und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende

Periodicität gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen

weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einführung der

segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit

meiner Rückkehr nach Europa hat die Bevölkerung von Caracas beständig

zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das große Erdbeben am 26. März

1812 gegen 12,000 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser begrub. Durch

die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die

Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden

bald wieder eingebracht seyn, wenn das äußerst fruchtbare und

handelsthätige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre

Ruhe genießt und verständig regiert wird.

Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach

Ost gegen Caurimare und Cuesta d’Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe

Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fließt. Sie liegt 414

Toisen über dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und

fällt stark von Nord-Nord-West nach Süd-Süd-Ost ab. Um eine richtige

Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, muß man die Richtung der

Küstengebirge und der großen Längenthäler zwischen denselben ins Auge

fassen. Der Guayrefluß entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen

dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhält bei las Ayuntas

nach der Vereinigung der Flüßchen San Pedro und Macarao seinen Namen und

läuft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d’Auyamas und dann nach Süd, um sich

oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige

Fluß von Bedeutung im nördlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er läuft

30 Meilen lang, von denen über drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus

von West nach Ost. Auf diesem Stromstück beträgt nach meinen

barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis

zur Mündung 295 Toisen. Dieser Fluß bildet in der Küstenkette eine Art

Längenthal, während die Gewässer der Llanos, das heißt von fünf

Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Süden nach,

sich in den Orinoco ergießen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklärt

sich die natürliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte

auf verschiedenen Wegen auszuführen.

Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch

laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen

Bergzug getrennt, über den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen

Savanen von Ocumare über le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen

liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer

liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Süd fast beständig

bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen

Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den nördlichsten und höchsten

Zug der Küstenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa

und Villa de Cura den südlichsten Zug. Wir haben schon öfter bemerkt, daß

die Schichten dieses gewaltigen Küstengebirges fast durchgängig von Südost

nach Südwest streichen und gewöhnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich

daraus, daß die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der

ganzen Kette unabhängig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt

man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der

Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann

Gneiß, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und

Conglomerate mit Seemuscheln.

Es ist zu bedauern, daß Caracas nicht weiter ostwärts liegt, unterhalb der

Einmündung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal

breit, und wie durch stehendes Gewässer geebnet, ausdehnt. Als Diego de

Losada die Stadt gründete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren

der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los

Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch

nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Küste.

Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals

zwischen zwei schönen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich hätte

anbauen können, wenn man die alten indianischen Bauten hätte wollen liegen

lassen.

Vom Zollhaus la Pastora über den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach

Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwärts. Nach meinen

barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen über dem Platze

Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe,

letzterer 8 Toisen über dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem großen

Platz, und dieser 32 Toisen über dem Guayrefluß bei la Noria. Trotz des

abschüssigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber

selten. Drei Bäche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und

Caraguata, laufen von Nord nach Süd durch die Stadt; sie haben sehr hohe

Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin

auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die

berühmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio

Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine

Meile weit südwärts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus

dem Gamboa gelten für sehr gesund, weil sie über Sassaparillwurzeln(25)

laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden

können; das Wasser von Valle enthält keinen Kalk, aber etwas mehr

Kohlensäure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Brücke über den

letzteren Fluß ist schön gebaut und belebt von den Spaziergängern, welche

gegen Candelaria zu die Straße von Chacao und Petara aufsuchen. Man zählt

in Caracas acht Kirchen, fünf Klöster und ein Theater, das 15 bis 1800

Zuschauer faßt. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Männer und Frauen

gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler

und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele

Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus

bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Straßen von

Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten

Winkeln, wie in allen Städten, welche die Spanier in Amerika gegründet.

Die Häuser sind geräumig und höher, als sie in einem Lande, das Erdbeben

ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Plätze Alta

Gracia und San Francisco sehr hübsch: ich sage im Jahr 1800, denn die

furchtbaren Erderschütterungen am 26. März 1812 haben fast die ganze Stadt

zerstört. Sie ersteht langsam aus ihren Trümmern; der Stadttheil la

Trinidad, in dem ich wohnte, ward über den Haufen geworfen, als ob eine

Mine darunter gesprungen wäre.

Durch das enge Thal und die Nähe der hohen Berge Avila und Silla erhält

die Gegend von Caracas einen ernsten, düstern Anstrich, besonders in der

kühlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind

dann ausnehmend schön; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome

oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de

Avila vor sich. Aber gegen Abend trübt sich die Luft; die Berge umziehen

sich, Wolkenstreifen hängen an ihren immergrünen Seiten und theilen sie

gleichsam in übereinanderliegende Zonen. Allmählich verschmelzen diese

Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen

Thal und verdichtet die leichten Dünste zu großen flockigten Wolken. Diese

Wolken senken sich oft bis über das Kreuz von Guayra herab und man sieht

sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad

fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem

gemäßigten Thale der heißen Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den

mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn.

Aber dieser düstere, schwermüthige Charakter der Landschaft, dieser

Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist

mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Nächte hell und

ausnehmend schön; die Luft behält fast beständig die den Hochebenen und

hochgelegenen Thälern eigenthümliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so

lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener

Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die

Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schöner Beleuchtung

gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla

erscheinen in Caracas fast unter demselben Höhenwinkel(26) wie der Pic von

Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Hälfte des Bergs ist mit kurzem

Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergrünen Sträucher, die zur

Blüthezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth

schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform

empor. Sie sind völlig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im

gemäßigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, höher, als er wirklich

ist. Mit diesem großartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im

Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene

von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast.

Man hört das Klima von Caracas oft einen ewigen Frühling nennen, und

dasselbe findet sich überall im tropischen Amerika auf der halben Höhe der

Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen über dem Meer, wenn nicht sehr

breite Thäler und Hochebenen und dürrer Boden die Intensität der

strahlenden Wärme übermäßig steigern. Was läßt sich auch Köstlicheres

denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht

zwischen 16 und 18 Grad hält, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum,

der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben

einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch

Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Bächen

die vier Flüsse desselben.

Leider ist in diesem so gemäßigten Klima die Witterung sehr unbeständig.

Die Einwohner von Caracas klagen darüber, daß sie an Einem Tage

verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergänge von einer Jahreszeit

zur andern sehr schroff sind. Häufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht

mit einer mittleren Temperatur von 16° ein Tag, an dem der Thermometer im

Schatten acht Stunden lang über 22° steht. Am selben Tage kommen aber

Wärmegrade von 24 und von 18° vor. Dergleichen Schwankungen sind in den

gemäßigten Landstrichen Europas ganz gewöhnlich, in der heißen Zone aber

sind selbst die Europäer so sehr an die Gleichförmigkeit der äußeren Reize

gewöhnt, daß ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In

Cumana und überall in der Niederung ändert sich die Temperatur von 11 Uhr

Morgens bis 11 Uhr Abends gewöhnlich nur um 2--3 Grad. Zudem äußern diese

atmosphärischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus

stärkeren Einfluß, als man nach dem bloßen Thermometerstande glauben

sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten

von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, während der

andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heißt der »Wind von

Catia,« weil er von Catia, westwärts von Cabo Blanco, durch die Schlucht

Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen

Straße und eines neuen Hafens, statt der Straße und des Hafens von Guayra,

erwähnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind,

meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark bläst,

sich in der Quebrada de Tipe fängt. Von den hohen Bergen Aguas Negras

zurückgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des

Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser

schlägt sich auf ihm nieder, im Maaße als er sich abkühlt; der Gipfel der

Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal

dringt. Die Einwohner von Caracas fürchten sich sehr vor ihm; Personen mit

reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche

gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause

gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte während

meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, daß der Wind von Catia

reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich

meinte auch, seine reizende Wirkung möchte eben von dieser Reinheit

herrühren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverläßig.

Der Wind von Petare kommt von Ost und Südost, vom östlichen Ende des

Guayrethals herein und führt die trockenere Luft des Gebirgs und des

Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und läßt den Gipfel der Silla

in seiner ganzen Pracht hervortreten.

Bekanntlich sind die Veränderungen, welche die Mischung der Luft an einem

gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu

ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die

Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu

unterscheiden, von denen die eine während des Sirocco oder des Catia mit

Luft gefüllt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist

mir jetzt wahrscheinlich, daß der auffallende Effekt des Catia und aller

Luftströmungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem

Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen

Mischungsveränderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von

der ungesunden Seeküste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr

begreiflich, daß Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewöhnt sind,

es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die

Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas

heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die

Berührung mit kälteren Schichten sich abkühlt und einen bedeutenden Theil

ihres Wassers niederschlägt. Diese Unbeständigkeit der Witterung, diese

etwas schroffen Uebergänge von trockener, heller zu feuchter, nebligter

Luft, sind Uebelstände, die Caracas mit der ganzen gemäßigten Region unter

den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshöhe von 4--800

Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren

liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Beständig

heiterer Himmel einen großen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den

Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Höhen, auf

den weiten Hochebenen, wo die gleichförmige Strahlung des Bodens die

Auflösung der Dunstbläschen zu befördern scheint. Die dazwischen liegende

Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich über der

Erdoberfläche lagern. Unbeständigkeit und viele Nebel bei sehr milder

Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region.

Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewöhnlich weniger blau als

in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgelöst, und wie

in unserem Klima wird durch die stärkere Zerstreuung des Lichts die Farbe

der Luft geschwächt, indem sich Weiß dem Blau beimischt. Die Intensität

des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis

Januar im Durchschnitt 18, nie über 20 Grad, an den Küsten dagegen 22--25

Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, daß der Wind von

Petare das Himmelsgewölbe zuweilen auffallend blaß färbt. Am 23. Januar

war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der

heißen Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war

dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald

der starke Wind von Petare nachließ, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad.

Zur See habe ich häufig, wenn auch in geringerem Grade, einen ähnlichen

Einfluß des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel

beobachtet.

Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so

genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen

darthun zu können, daß sie nicht viel über oder unter 21--22° beträgt.

Nach eigenen Beobachtungen fand ich für die drei sehr kühlen Monate

November, December und Januar als Durchschnitt des täglichen Maximum und

Minimum der Temperatur 20°,2, 20°,1, 20°,2. Nach dem aber, was wir jetzt

über die Vertheilung der Wärme in den verschiedenen Jahreszeiten und in

verschiedenen Meereshöhen wissen, läßt sich annähernd aus der mittleren

Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres

berechnen, ungefähr wie man auf die Höhe eines Gestirns im Meridian aus

Höhen, die außerhalb des Meridians gemessen werden, einen Schluß zieht.

Das Ergebniß, das ich für richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege

gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von

der mittleren Jahrestemperatur nur um 0°,2 ab; in Mexico, also der

gemäßigten Zone schon sehr nahe, beträgt der Unterschied im Maximum 3°. In

Guayra bei Caracas weicht der kälteste Monat vom jährlichen Mittel um 4°,9

ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia)

durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so

erhält dasselbe dagegen einen größeren Theil des Jahrs hindurch die Ost-

und Südostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach

unmittelbaren Beobachtungen, daß in Guayra und Caracas die Temperatur der

kältesten Monate 23°,2 und 20°,1 beträgt. Diese Unterschiede sind der

Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von

der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome)

und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigeführt wird.

Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils

in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Nähe der Hauptstadt,

angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten

Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22°, bei Nacht zwischen 16

und 17°.(27) In der heißen Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei

Tag auf 25--26°, bei Nacht auf 22--23°.(28) Dieß ist der gewöhnliche

Zustand der Atmosphäre, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir

berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere

Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21°,5. Eine solche kommt aber

im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem

36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, daß dieser

Vergleich sich nur auf die Summe von Wärme bezieht, die sich an jedem

Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf’s *Klima*, das

heißt auf die Vertheilung der Wärme unter die verschiedenen Jahreszeiten.

Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden

lang auf 29° [23,°2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach

Sonnenaufgang schon auf 11° [8°,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in

Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25° und 12°,5. Die

Kälte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter

ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhöhen messen. Der

Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur völligen Dunkelheit erfolgt

so rasch, daß nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt

eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine

nächste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der

gemäßigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichförmiger als

in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied

zwischen den mittleren Temperaturen der wärmsten und der kältesten Monate

17°,3, während derselbe unter der nämlichen Breite beinahe am

Meeresspiegel 20--21° beträgt. Die Kälte nimmt auf unsern Bergen nicht so

rasch zu, wie die Wärme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren näher kommen,

werden wir sehen, daß in der heißen Zone das Klima in den Niederungen

gleichförmiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man

darf keine Orte anführen, wo die Nordwinde einige Monate lang das

Gleichgewicht der Atmosphäre stören) steht der Thermometer das ganze Jahr

zwischen 21 und 35°; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3

und 22° vor, wenn man, nicht die kältesten und heißesten Tage, sondern

Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der

Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4°; in Quito fand ich

diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus

4--5 Beobachtungen) gleich 7°. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch

und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und

December noch um 5--5°,5 wärmer als die Nächte. Diese Erscheinungen von

nächtlicher Abkühlung mögen auf den ersten Anblick überraschen; sie

modificiren sich durch die Erwärmung der Hochebenen und Gebirge den Tag

über, durch das Spiel der niedergehenden Luftströme, besonders aber durch

die nächtliche Wärmestrahlung in der reinen, trockenen Luft der

Cordilleren.

In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel.

Die Gewitter kommen immer aus Ost und Südost, von Petare und Valle her. In

den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in

Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat

sogar in noch tieferen Thälern hageln sehen, und diese Erscheinung macht

dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei

uns nicht so selten als im heißen Erdstrich, trotz der häufigen Gewitter,

Hagel unter 300 Toisen Meereshöhe.

Im kühlen, köstlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die

tropischen Gewächse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch höheren

Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der

trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht

viele, aber ausgezeichnet gute Früchte gibt. In der Blüthezeit des

Strauchs gewährt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der

Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der große _Platano

harton_ sondern die Varietäten Camburi und Dominico,(29) die weniger Wärme

nöthig haben. Die großen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den

Haciendas von Turiamo an der Küste zwischen Burburata und Porto-Cabello.

Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den

Höhen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum

erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm überrascht,

neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Küchenkräuter, Erdbeeren,

Weinreben und fast alle Obstbäume der gemäßigten Zone zu finden. Die

gesuchtesten Pfirsiche und Äpfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang

des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fünf Fuß hoch wird,

ist dort so gemein, daß er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln

und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint,

ehe man Wasser trinkt, müsse man durch Süßigkeiten den Durst reizen. Je

stärker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den

Pflanzungen, die nicht älter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger

stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemüsebau die zerstreuten Apfel- und

Quittenbäume aus den Savanen verdrängt. Der Reisfelder, die man bewässert,

waren früher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser

Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Ländern der heißen Zone,

die Bemerkung gemacht, daß da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der

Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die

ausgezeichnet guten Äpfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei

Caracas auf ungeimpften Stämmen. Kirschbäume gibt es nicht; die

Olivenbäume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind

groß und schön; aber eben wegen des üppigen Wachsthums tragen sie keine

Früchte.

Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen

Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein günstig ist, so

läßt sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von

Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das äußerst unbeständige

Wetter und die häufige Unterdrückung der Hautausdünstung erzeugen

catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten.

Hat sich der Europäer einmal an die starke Hitze gewöhnt, so bleibt er in

Cumana, in den Thälern von Aragua, überall, wo die Niederung unter den

Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den

Gebirgsländern, wo der gepriesene beständige Frühling herrschen soll.

Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein

verbreiteten Meinung, daß diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig

von der Küste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Küste

von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung stützt sich auf die Erfahrung der

letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra

herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun,

wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus

ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht überzeugt, daß

der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf

der Küste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische

Verhältnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten könnte. Denn

die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, daß der

Thermometer sich in den heißesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad

[17--20° R] hält. Wenn sich nicht wohl bezweifeln läßt, daß dieser Typhus

in der gemäßigten Zone durch Berührung ansteckend ist, wie sollte man da

sicher seyn, daß er bei großer Bösartigkeit nicht auch in der heißen Zone

in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Küste die

Sommertemperatur die Disposition des Körpers noch steigert? Die Lage von

Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr

Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fünfmal weiter von der See

entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen höher liegt und ihre

mittlere Temperatur 3 Grad weniger beträgt. Im Jahre 1696 weihte ein

Bischof von Venezuela, Diego de Baños, eine Kirche (_ermita_) der heiligen

Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen,

_vomito negro_, erlöst, nachdem es sechzehn Monate gewüthet. Ein Hochamt,

das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist

zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen

Colonien auch die Tage, an denen große Erdbeben stattgefunden, durch

Prozessionen im Gedächtniß erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich

durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen

herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich

festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie

des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und

also die sehr kühle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13

Grade fällt, überdauert hätte? Sollte der Typhus im hohen Thale von

Caracas älter seyn als in den besuchteren Häfen von Terra Firma? In diesen

war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich,

daß die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der ächte amerikanische

Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern

häufig vor und sind an und für sich so wenig als das Blutspeien für die

schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwärtig in der Havana

und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue

Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, daß der amerikanische Typhus in

Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist

es leider nur zu gewiß, daß diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr

1802 eine Menge junger europäischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke

ist beunruhigend, daß mitten in der heißen Zone ein 450 Toisen hoch, aber

sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer

Seuche schützt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Küste zu

Hause ist.

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20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf

den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist dieß das

Ergebniß von Oltmanns Berechnung, wobei die Veränderungen zu Grunde

gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine

astronomischen Bestimmungen erlitten haben.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. · 第 9 / 37 题