Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewöhnliche
Meteore.
Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem
Orinoco und Rio Negro erforderte Zurüstungen aller Art. Wir mußten die
Instrumente auswählen, die sich auf engen Canoes am leichtesten
fortbringen ließen; wir mußten uns für eine zehnmonatliche Reise im
Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Küsten steht, mit Geldmitteln
versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war,
so war es mir von großem Belang, daß mir die Beobachtung einer
Sonnenfinsterniß nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich
blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schön und heiter
ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von
Caracas war für meinen Zweck minder günstig wegen der Dünste, welche die
nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Länge von Cumana genau bestimmte, so
hatte ich einen Ausgangspunkt für die chronometrischen Bestimmungen, auf
die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt,
um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten.
Fast hätte ein Unfall mich genöthigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben
oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der
Sonnenfinsterniß, gingen wir, wie gewöhnlich, am Ufer des Meerbusens, um
der Kühle zu genießen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an
diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll beträgt. Es war acht Uhr
Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war
bedeckt und bei der Windstille war es unerträglich heiß. Wir gingen über
den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries.
Ich hörte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen
hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Gürtel. Er
hielt fast über meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten
keulenförmig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage
aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging,
war nicht so glücklich; er hatte den Zambo später bemerkt als ich, und
erhielt über der Schläfe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir
waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer
weiten Ebene an der See. Der Zambo kümmerte sich nicht mehr um mich,
sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des
Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeußerste
erschrocken, da ich meinen Reisegefährten zu Boden stürzen und eine Weile
bewußtlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der
Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stürzten auf den Zambo
zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist,
oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und
dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und
baumartigen Avicennien. Zufällig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunächst
an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der äußersten Gefahr aus.
Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen
Kampfe wären wir sicher verwundet worden, wären nicht biscayische
Handelsleute, die auf dem Strande Kühlung suchten, uns zu Hülfe gekommen.
Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang
wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus
nachgelaufen, schlüpfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig
herausholen und ins Gefängniß führen ließ.
Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kräftiger Mann, voll der
Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem
Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner
Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut
gequetscht und er spürte die Nachwehen mehrere Monate während unseres
Aufenthaltes in Caracas. Beim Bücken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er
mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befürchten ließ, daß im
Schädel etwas ausgetreten seyn möchte. Zum Glück war diese Besorgniß
ungegründet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden
nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die rührendste
Theilnahme. Wir hörten, der Zambo sey aus einem der indianischen Dörfer
gebürtig, die um den großen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem
Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem
Capitän, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Küste
zurückgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen
lassen, um die Höhe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns
auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, daß er, nachdem er einen von
uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnügen schien? Im
Verhör waren seine Antworten so verworren und albern, daß wir nicht klug
aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht
gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung über die schlechte
Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns
eines zu versetzen, nicht widerstehen können, sobald er uns habe
französisch sprechen hören. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam
ist, daß die Verhafteten, von denen die Gefängnisse wimmeln, sieben, acht
Jahre auf ihr Urtheil warten müssen, so hörten wir wenige Tage nach
unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem
Schlosse San Antonio entsprungen.
Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am
28. October um fünf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur
Beobachtung der Sonnenfinsterniß zu rüsten. Der Himmel war klar und rein.
Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine
gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden
in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schönen
Tag um so mehr Glück zu wünschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der
Gewitter, die regelmäßig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
durch den Meridian in Süd und Südost aufzogen, die Uhren nicht nach
correspondirenden Höhen hatte richten können. Ein röthlichter Dunst, der
in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt,
verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr
ungewöhnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine
Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der
Sonnenfinsterniß vollständig beobachten. Das Ende der Finsterniß war um
2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniß
meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna
und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im
neunten Jahrgang) veröffentlicht. Dieses Ergebniß wich um nicht weniger
als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Länge ab, die der Chronometer mir
ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von
Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt
stimmten Sonnenfinsterniß und Chronometer bis auf 10 Secunden überein. Ich
führe diesen merkwürdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln
auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen,
wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstände bei ihren
einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die
vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den
Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle überzeugt,
hatten mir großes Zutrauen zu Louis Berthoud’s Uhr gegeben, so oft sie
nicht auf den Maulthieren starken Stößen ausgesetzt war.
Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniß boten sehr auffallende
atmosphärische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter,
das heißt in der Jahreszeit des bewölkten Himmels und der kurzen
Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der
Nacht ein röthlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten
einen mehr oder minder dichten Schleier über das blaue Himmelsgewölbe. Der
Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs größere Feuchtigkeit an, sondern
ging vielmehr oft von 90° auf 83° zurück. Die Hitze bei Tag war 28--32°,
also für diesen Strich der heißen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der
Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die
Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weiße Wolken im Zenith und
dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so
auffallend durchsichtig, daß man noch Sterne der vierten Größe dadurch
sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, daß es war, als stünde
die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten
Streifen, die, wie durch elektrische Abstoßung, in gleichen Abständen
fortliefen. Es sind dieß dieselben kleinen weißen Dunstmassen, die ich auf
den Gipfeln der höchsten Anden über mir gesehen, und die in mehreren
Sprachen *Schäfchen*, _moutons_ heißen. Wenn der röthliche Nebel den
Himmel leicht überzog, so behielten die Sterne der ersten Größen, die in
Cumana über 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr
ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Höhen, wie nach
einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den
Hygrometer an der Erdoberfläche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich
blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen großen
Theil des Horizonts übersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel
Anziehendes für mich, bei heiterem Himmel ein großes Sternbild ins Auge zu
fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstbläschen sich bilden, wie um
einen Kern anschießen, verschwinden und sich von neuem bilden.
Zwischen dem 28. October und 3. November war der röthlichte Nebel dicker
als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der
Thermometer nur auf 26° stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun
Uhr Abends die Luft abkühlt, ließ sich gar nicht spüren. Die Luft war wie
in Gluth; der staubigte, ausgedörrte Boden bekam überall Risse. Am
4. November gegen zwei Uhr Nachmittags hüllten dicke, sehr schwarze Wolken
die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rückten allmählich bis
ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an über uns zu donnern, aber ungemein
hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schläge. Im Moment, wo
die stärkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten,
erfolgten zwei Erdstöße, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut
auf der Straße. Bonpland, der über einen Tisch gebeugt Pflanzen
untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spürte den Stoß
sehr stark, obgleich ich in einer Hängematte lag. Die Richtung des Stoßes
war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Süd. Sklaven,
die aus einem 18--20 Fuß tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schöpften,
hörten ein Getöse wie einen starken Kanonenschuß. Das Getöse schien aus
dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die übrigens
in allen Ländern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, häufig
vorkommt.
Einige Minuten vor dem ersten Stoß trat ein heftiger Sturm ein, dem ein
elektrischer Regen mit großen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die
Elektricität der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kügelchen
wichen vier Linien auseinander; die Elektricität wechselte oft zwischen
positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im nördlichen Europa
zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm
folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der
Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke
Wolkenschleier zerriß dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne
erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein
stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die
Wolken waren vergoldet und Strahlenbündel in den schönsten
Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem
großen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das
Erdbeben, der Donnerschlag während desselben, der rothe Nebel seit so
vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniß zugeschrieben.
Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoß, weit schwächer als die
ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen
Geräusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewöhnlich, aber
der Gang der stündlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphärischen H
Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im
Moment, wo der Erdstoß eintrat, eben auf dem Minimum der Höhe; es stieg
wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr
Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen
Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der röthlichte Nebel
so dick, daß ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schönen Hof von
12 Grad Durchmesser erkennen konnte.
Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana
durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört worden. Das Volk sieht die
Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei
Nacht für sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die
sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stöße für den andern Tag
anzeigten. Besonders groß und allgemein wurde die Unruhe, als am
5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat,
dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es ließ sich
kein Stoß spüren. Sturm und Gewitter kamen fünf oder sechs Tage zur selben
Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die
Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung
gemacht, daß scheinbar ganz zufällige atmosphärische Veränderungen
wochenlang mit erstaunlicher Regelmäßigkeit nach einem gewissen Typus
eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemäßigten Erdstrich
vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Häufig sieht
man nämlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an
derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung
fortziehen und sich in derselben Höhe wieder auflösen, bald vor, bald nach
dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten
zur selben *wahren Zeit*.
Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um
so stärkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufällig, von so
auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine
wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenförmiger Stoß. Ich hätte
damals nicht geglaubt, daß ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen
von Quito und an den Küsten von Peru mich selbst an ziemlich starke
Bewegungen des Bodens so sehr gewöhnen würde, wie wir in Europa an das
Donnern gewöhnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran,
bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebrülle (_bramidos_) das
immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen
7--8 Minuten vorher) einen Stoß ankündigte, dessen Stärke nur selten mit
dem Grad des Getöses im Verhältniß steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner,
die wissen, daß in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstört worden
ist, theilt sich bald selbst dem ängstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist
es nicht so sehr die Besorgniß vor Gefahr, als die eigenthümliche
Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur
einen ganz leichten Erdstoß empfindet.
Von Kindheit auf prägen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein;
das Wasser gilt uns für ein bewegliches Element, die Erde für eine
unbewegliche, träge Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der täglichen
Erfahrung und hängen mit allen unsern Sinneseindrücken zusammen. Läßt sich
ein Erdstoß spüren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir für
unerschütterlich gehalten, so ist eine langjährige Täuschung in einen
Augenblick zerstört. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes
Erwachen; man fühlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine
scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geräusch, man mißtraut
zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuß
gesetzt. Wiederholen sich die Stöße, treten sie mehrere Tage hinter
einander häufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784
waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewöhnt, unter ihren Füßen
donnern zuhören, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch faßt sehr
schnell wieder Zutrauen, und an den Küsten von Peru gewöhnt man sich am
Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stöße, die
das Fahrzeug von den Wellen erhält.
Der röthlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog,
hatte seit dem 7. November aufgehört. Die Luft war wieder so rein wie
sonst und das Himmelsgewölbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den
Klimaten eigen ist, wo die Wärme, das Licht und große Gleichförmigkeit der
elektrischen Spannung mit einander die vollständigste Auflösung des
Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum
achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die
Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen.
Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstärke der schönen
Sterne am südlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See
sorgfältige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie später bei
meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphären
fort. Es war über ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den
Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die
Sterne nahe am Südpol werden meist so oberflächlich und so wenig anhaltend
beobachtet, daß in ihrer Lichtstärke und in ihrer eigenen Bewegung die
größten Veränderungen eintreten können, ohne daß die Astronomen das
Geringste davon erfahren. Ich glaube Veränderungen der Art in den
Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach
einem Mittel aus sehr vielen Schätzungen habe ich die relative Lichtstärke
der großen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius,
Canopus, α des Centauren, Achernar, β des Centauren, Fomalhaut, Rigel,
Procyon, Beteigeuze, ε des großen Hundes, δ des großen Hundes, α des
Kranichs, α des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich
anderswo veröffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je
50--60 Jahren Reisende die Lichtstärke der Sterne von Neuem beobachten und
darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgängen an der Oberfläche der
Himmelskörper oder von ihrem veränderten Abstand von unserem
Planetensystem herrühren.
Hat man in unsern nördlichen Himmelsstrichen und in der heißen Zone lange
mit denselben Fernröhren beobachtet, so ist man überrascht, wie deutlich
in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren
Schwächung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und
gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man
bessere Instrumente unter den Händen zu haben, so viel deutlicher, so viel
schärfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstände unter den Tropen. So viel
ist sicher, wird einst Südamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten
Cultur, so muß die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen,
sobald man einmal anfängt im trockenen, heißen Klima von Cumana, Coro und
der Insel Margarita den Himmel mit vorzüglichen Werkzeugen zu beobachten.
Des Rückens der Cordilleren erwähne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich
dürre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus,
auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der
Meeresfläche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veränderlich ist.
Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit
fast beständig vorkommt, bietet vollen Ersatz für die hohe Lage und die
verdünnte Luft auf den Plateaus.
Die Nacht vom 11. zum 12. November war kühl und ausnehmend schön. Gegen
Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost höchst merkwürdige
Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kühle
zu genießen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und
Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung
war sehr regelmäßig von Nord nach Süd; sie füllten ein Stück des Himmels,
das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Süd reichte. Auf einer
Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost über den
Horizont aufsteigen, größere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem
sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Süd niederfallen.
Manche stiegen 40 Grad hoch, alle höher als 25--30 Grad. Der Wind war in
der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war
keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der
Erscheinung kein Stück am Himmel so groß als drei Monddurchmesser, das
nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt hätte.
Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Größen
sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmöglich
eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore ließen 8--10 Grad lange Lichtstreifen
hinter sich zurück, was zwischen den Wendekreisen häufig vorkommt. Die
Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche
Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Größe der
Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die
Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die größten, von
1--1° 13′ Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und ließen
leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_‘trabes’_) hinter sich. Das
Licht der Meteore war weiß, nicht röthlicht, wahrscheinlich weil die Luft
ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter
den Tropen die Sterne erster Größe beim Aufgehen ein auffallend weißeres
Licht als in Europa.
Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor
vier Uhr aus den Häusern gehen, um die Frühmesse zu hören. Der Anblick der
Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgültig; die ältesten erinnerten
sich, daß dem großen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz ähnliches Phänomen
vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf
den Beinen; sie behaupteten, »das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts
begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurückgekommen, haben sie
schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen.« Sie
versicherten zugleich, auf dieser Küste seyen nach zwei Uhr Morgens
Feuermeteore sehr selten.
Von vier Uhr an hörte die Erscheinung allmählich auf; Feuerkugeln und
Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine
Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weißen Licht und dem
raschen Hinfahren erkennen. Dieß erscheint nicht so auffallend, wenn ich
daran erinnere, daß im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das
Innere der Häuser durch einen ungeheuer großen Meteorstein stark
erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein
über die Stadt weg. Am 26. September 1800, während unseres zweiten
Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die
Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich
die Sonnenscheibe über den Horizont erhoben, den Planeten mit bloßem Auge
deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewölk, aber Jupiter stand
auf blauem Grunde. Diese Fälle beweisen, wie rein und durchsichtig die
Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist
desto kleiner, je vollständiger der Wasserdunst aufgelöst ist. Dieselbe
Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert
auch die Schwächung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom
Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht.
Der 12. November war wieder ein sehr heißer Tag und der Hygrometer zeigte
eine für dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der
röthlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch
herauf. Es war das letztemal, daß man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke
hier, daß derselbe unter dem schönen Himmel von Cumana im Allgemeinen so
selten ist, als er in Acapulco auf der Westküste von Mexico häufig
vorkommt.
Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen
auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so
versäumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns
überall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden
seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner größtentheils im Freien
schlafen, konnte eine so außerordentliche Erscheinung nur da unbemerkt
bleiben, wo sie sich durch bewölkten Himmel der Beobachtung entzog. Der
Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen
der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Fällen des Orinoco und
in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das
Himmelsgewölbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen südwestlich von
Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phänomen mit einem schönen
Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewährt. Einige Geistliche
hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben
nach den nächsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der
Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Höhe. Nach der Lage der Berge
und dichten Wälder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das
kleine Dorf Maroa liegen, mögen die Feuerkugeln noch 20 Grad über dem
Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Südende von spanisch Guyana, im kleinen
Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos
Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in
diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel
das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14)
Ich wunderte mich sehr über die ungeheure Höhe, in der die Feuerkugeln
gestanden haben mußten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze
von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie
staunte ich aber, als ich bei meiner Rückkehr nach Europa erfuhr, die
selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Längegrade großen Stück
des Erdballs, unter dem Aequator, in Südamerika, in Labrador und in
Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach
Bordeaux fand ich zufällig in den Verhandlungen der pennsylvanischen
Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten
Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder
nach Berlin ging, auf der Göttinger Bibliothek den Bericht der mährischen
Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die
Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana,
die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben
Gegenstand betreffen.
Ich gebe im Folgenden eine gedrängte Zusammenstellung der Beobachtungen:
1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad über
dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10° 27′ 52″,
Länge 66° 30′), in Porto-Cabello (Breite 10° 6′ 52″, Länge 67° 5′) und an
der Grenze von Brasilien in der Nähe des Aequators unter 70° der Länge vom
Pariser Meridian. 2) In französisch Guyana (Breite 40° 56′, Länge 54° 35′)
»sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden
lang schossen unzählige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten
ein so starkes Licht, daß man die Meteore mit den sprühenden Funkengarben
bei einem Feuerwerk vergleichen konnte.« Für diese Thatsache liegt ein
höchst achtungswerthes Zeugniß vor, das des Grafen Marbois, der damals als
ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhänglichkeit an
verfassungsmäßige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der
Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er
trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet
hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und
81° 50′ der Länge. Er sah am ganzen Himmel »so viel Meteore als Sterne;
sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht
niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff
herabkommen.« Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30° 43′
der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56° 55′) und
Hoffenthal (Breite 58°,4′), in Grönland zu Lichtenau (Breite 61° 5′) und
Neu-Herrnhut (Breite 64° 14′, Länge 52° 20′) erschraken die Eskimos über
die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Dämmerung nach allen
Himmelsgegenden niederfielen, »und von denen manche einen Schuh breit
waren.« 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstädt bei Weimar,
Zeising (Breite 50° 59′, östliche Länge 9° 1′), am 12. November zwischen 6
und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige
Sternschnuppen mit sehr weißem Licht. »Kurz darauf erschienen gegen Süd
und Südwest 4--6 Fuß lange, röthliche Lichtstreifen, ähnlich denen einer
Rakete. In der Morgendämmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu
Zeit den Himmel durch weißlichte, in Schlangenlinien am Horizont
hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kälter geworden
und der Barometer war gestiegen.« Sehr wahrscheinlich hätte das Meteor
noch weiter ostwärts in Polen und Rußland gesehen werden können. Ohne die
umständliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstädt
entnommen, hätten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen außerhalb der
Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden.
Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach
Herrnhut in Grönland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen
Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt dieß für dieselben eine
Höhe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen
gegen Süd und Südwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man könnte
deßhalb glauben, zahllose Aerolithen müßten zwischen Afrika und Südamerika
westwärts von den Inseln des grünen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn.
Wie kommt es aber, daß die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana
verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen
wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer
Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten
angestellten Beobachtungen fehlt. Ich möchte fast glauben, daß die Chaymas
in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen
in Brasilien und die Missionäre in Labrador; immer aber bleibt es
unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir höchst merkwürdig), daß in
der neuen Welt zwischen 46° und 82° der Länge, vom Aequator bis zu 64° der
Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und
Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flächenraum von 921,000
Quadratmeilen erschienen die Meteore überall gleich glänzend.
Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit über die
Sternschnuppen und ihre Parallaxen so mühsame Untersuchungen angestellt
haben, betrachten sie als Meteore, die der äußersten Grenze unseres
Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der
leichtesten Wolken(15) angehören. Es sind welche beobachtet worden, die
nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die höchsten scheinen
nicht über 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben häufig über 100 Fuß
Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, daß sie in wenigen
Secunden zwei Meilen zurücklegen. Man hat welche gemessen, die fast
senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen.
Aus diesem sehr merkwürdigen Umstand hat man geschlossen, daß die
Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich
Himmelskörpern durch den Raum gezogen, sich entzünden, wenn sie zufällig
in unsere Atmosphäre gerathen, und zur Erde fallen.
Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben mögen, so hält es
schwer, sich in einer Region, wo die Luft verdünnter ist als im luftleeren
Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Höhe) das Quecksilber im
Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stünde, sich eine plötzliche Entzündung
zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichförmige Gemisch
der atmosphärischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Höhe, folglich nicht über
die höchste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man könnte annehmen,
bei den frühesten Umwälzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt
ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die
Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen
von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, daß eine oberste, von
den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die
gasförmigen Körper mischen sich und durchdringen einander bei der
geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte hätte sich ein
gleichförmiges Gemisch herstellen müssen, wenn man nicht eine abstoßende
Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Körper
etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugänglichen Regionen
der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts
eigenthümliche luftförmige Flüssigkeiten an, wie will man es erklären, daß
sich nicht die ganze Schicht dieser Flüssigkeiten zumal entzündet, daß
vielmehr Gasausströmungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen?
Wie soll man sich ohne die Bildung von Dünsten, die einer ungleichen
Ladung fähig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer
Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250° unter Null beträgt, und
die so verdünnt ist, daß die Compression durch den elektrischen Schlag so
gut wie keine Wärme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten würden
großentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in
der sie sich bewegen, als Körper mit festem Kern, als *kosmische* (dem
Himmelsraum außerhalb unseres Luftkreises angehörige), nicht als
*tellurische* (nur unserem Planeten angehörige) Erscheinungen betrachten
könnte.
Hatten die Meteore in Cumana nur die Höhe, in der sich die Sternschnuppen
gewöhnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310
Meilen aus einander liegen, über dem Horizont gesehen werden. Wie
außerordentlich muß nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen
die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden
lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am
Aequator, in Grönland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht
die scharfsinnige Bemerkung, daß dieselbe Ursache, aus der das Phänomen
häufiger eintritt, auch auf die Größe der Meteore und ihre Lichtstärke
Einfluß äußert. In Europa sieht man in den Nächten, in denen am meisten
Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz
kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch
interessanter. In manchen Monaten zählte Brandes in unserem gemäßigten
Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die
Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter,
so kann man sicher darauf rechnen, daß hinter diesem glänzenden Meteor
viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so
ist es höchst wahrscheinlich, daß dieß mehrere Wochen anhält. In den hohen
Luftregionen, an der äußersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere
sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur
Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten.
Hängt die Periodicität dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der
Atmosphäre ab, oder von etwas, das der Atmosphäre von auswärts zukommt,
während die Erde in der Ekliptik fortrückt? Von alle dem wissen wir gerade
so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras.
Was die Sternschnuppen für sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner
eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen häufiger zu seyn als in
gemäßigten Landstrichen, über den Festländern und an gewissen Küsten
häufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberfläche des
Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der
Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich
ändert, ihre Einflüsse noch in Höhen äußern, wo ewiger Winter herrscht?
Daß in gewissen Jahreszeiten und über manchen dürren, pflanzenlosen Ebenen
der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf
hinzudeuten, daß dieser Einfluß sich wenigstens bis zur Höhe von 5--600
Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der
Hochebene der Anden ist vor dreißig Jahren eine ähnliche Erscheinung wie
die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an
Einem Stück des Himmels, über dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in
solcher Menge aufsteigen, daß man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer.
Dieses außerordentliche Schauspiel dauerte über eine Stunde; das Volk lief
auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die
höchsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe
vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, daß das
Feuer am Horizont von Feuermeteoren herrührte, die bis zur Höhe von 12 bis
15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schoßen.
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14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der südlichen Halbkugel in
Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen
hätte. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphäre, der in diesen
westlichen Ländern sehr veränderlich ist, daran Schuld.
15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Rücken der Anden in mehr als 2700
Toisen Meereshöhe über die *Schäfchen* oder kleinen weißen,
gekräuselten Wolken schätzte ich die Höhe derselben zuweilen auf
mehr als [] Toisen über der Küste.