Die Antwort lautete: »Morgens halb sieben Uhr.«

»Gut,« sagte Witte, »dann habe ich nur zu bemerken, daß die von

Heßberger angegebene Zeit des Tausches zwischen zwölf und ein Uhr in der

Nacht fällt.«

Andere Zeugen wurden jetzt noch herbeigerufen. Einer, der Gärtner,

hatte, wie er aussagte, Heßberger im Garten gesehen und wollte das

Schreien eines Kindes gehört haben; aber ganz sicher fühle er sich darin

nicht. Andere hatten nur darüber reden und die Vermuthung aussprechen

hören, daß nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Weitere,

schlagende Beweise wurden aber nicht vorgebracht. Der Advocat für das

gnädige Fräulein schien sich schon auf die Schlußrede vorzubereiten,

indem er den frevelhaften Uebermuth des Gegenparts hervorhob, auf solch

nichtige Beweisgründe hin ein altes, edles Haus mit Koth zu besudeln,

und dazu auch noch den Zeitpunkt zu benutzen, wo der Träger desselben,

der alte Baron, durch den Tod seines zweiten Sohnes unnatürlich

aufgeregt, gerade augenblicklich von einem Kopfleiden befallen sei und

nicht selber hier erscheinen könne, um seine Rechte zu vertheidigen.

Das gnädige Fräulein triumphirte. Recht wie höhnisch flog ihr Blick über

die Versammlung, als Witte ganz ruhig bat, ihm zu gestatten, noch eine

Zeugin vorzuführen. Die kleine Frau Müller, die Mutter des Schneiders

Müller, kam dann herein; sie sah sehr nett und sauber, aber auch sehr

ärmlich aus und schien im Anfang schüchtern; aber das gab sich bald,

denn für sie war dieser Proceß zum wahren Heil geworden.

Bis jetzt hatten die früheren Vorgänge in der Wendelsheim'schen Familie

noch immer mit drückender Schwere auf ihr gelastet und ihr manche

unruhige Stunde bereitet. Von heute an sollte das aufhören; sie brauchte

kein Geheimniß mehr vor den Menschen zu haben und dann auch keine Strafe

dafür zu fürchten, wenn sie nur Alles wahr und offen ausgesagt, was sie

wußte.

Von dieser Zeugin schien der gegnerische Rechtsanwalt aber gar nichts

erfahren zu haben, denn Witte hatte ihr Erscheinen sehr geheim gehalten.

Auch Fräulein von Wendelsheim sah die kleine Frau überrascht an, denn

sie kannte sie nicht wieder und konnte sich nicht besinnen, sie je

gesehen zu haben -- was wußte die von der Sache?

Die Frage richtete jetzt der Vorsitzende an sie, und anfangs mit leiser,

kaum hörbarer Stimme, so daß sie aufgefordert werden mußte, lauter zu

sprechen, sagte sie jetzt:

»Ach, ich war ja zu jener Zeit schon ein paar Tage vorher von der

Heßberger der gnädigen Frau Baronin als Wartefrau recommandirt! Kennen

Sie mich denn nicht mehr, gnädiges Fräulein? Ich bin ja die Lisbeth, und

_Sie_ waren immer so gut und freundlich gegen mich!«

Jetzt erkannte sie das gnädige Fräulein wirklich; aber die Ueberraschung

war keine freudige, denn sie wechselte die Farbe und winkte dann ihren

Advocaten heran, dem sie einige Worte zuflüsterte. Noch mächtiger

wirkte aber ihr Erscheinen auf die Schlossersfrau, die erst nur ziemlich

theilnahmlos zu ihr aufgesehen hatte, bei Nennung des Namens aber

emporzuckte und mit gefalteten Händen flüsterte: »O mein Gott, die

Todten stehen auf!«

»Und Sie müssen mich ja auch noch kennen, Frau Baumann,« nickte ihr die

kleine Frau zu, »wenn wir uns auch die langen, langen Jahre hindurch

nicht gesehen haben, denn die Heßberger wollte nicht, als ich hieher

zurückkam, daß ich zu Ihnen ging. Es schien ihr selber nicht recht; sie

hatte geglaubt, ich wäre nach Amerika gezogen.«

»Und was wissen Sie von der Sache, in welcher die Familie Wendelsheim

angeklagt ist, das erstgeborene Kind mit einem andern vertauscht zu

haben? Können Sie etwas Näheres darüber angeben?«

»Ach, es wird schon so sein,« seufzte die kleine Frau, »und manchmal

und manchmal hab' ich gewünscht, ich wäre gar nicht dabei gewesen, denn

recht war's nicht....«

»Ich möchte den Gerichtshof ersuchen,« sagte der Rechtsanwalt des

gnädigen Fräuleins, »die Identität dieser auf einmal herzugerufenen Frau

erst untersuchen zu lassen, ehe sie die Geschworenen durch irgend eine

Erzählung beeinflußt. Es scheint sie kein Mensch hier zu kennen, und da

ich....«

»Jawohl, jawohl,« rief es von mehreren Seiten, »das ist die Frau Müller,

die in Mecklenburg war!« -- Die Ruhe mußte erst wieder hergestellt

werden, und dann wurde Fräulein von Wendelsheim gefragt, ob sie die

Person kenne. Sie verneinte es. Die Frau Baumann dagegen bestätigte,

daß sie eine entfernte Verwandte von ihnen sei und zu jener Zeit als

Wartefrau auf dem Schloß Wendelsheim gedient habe. Der Gärtner vom

Schloß befand sich ebenfalls als Zeuge im Saal und erkannte sie jetzt

auch wieder; auch eine Frau unter den Zuschauern, die sie selber

bezeichnete. Außerdem brachte sie aber auch jetzt ihr altes Dienstbuch

zum Vorschein, aus dem sich deutlich genug ergab, daß sie nicht allein

die richtige Person sei, sondern auch gerade in jener Zeit im Schlosse

thätig gewesen wäre.

Ihr Zeugniß war schlagend. Die Heßberger hatte das Kind gleich

unmittelbar nach der Geburt gewaschen, eingewickelt und aus dem Zimmer

getragen, während sie selber an der Waschbütte stehen bleiben und in

dem Wasser plätschern mußte, als ob das Kind noch darin sei. Die Frau

Baronin hatte mit geschlossenen Augen im Bett gelegen, und nur das

gnädige Fräulein war noch in der Stube und stand meist immer neben dem

Bette.

Ob sie glaube, daß das gnädige Fräulein das Wegtragen des Kindes gesehen

habe?

Sie wüßte nicht gut, wie es anders möglich sei; das gnädige Fräulein

wäre allerdings nicht zu ihr an die Waschbütte gekommen und habe nicht

nachgesehen, es sei auch etwas dunkel in der Ecke gewesen; aber sie

habe doch das Weggehen der Heßberger bemerkt, und in der Zeit dürfe eine

Hebamme nicht aus dem Zimmer.

Der Advocat des gnädigen Fräuleins wollte jetzt die Frage an die

Schneiderswittwe gestellt haben, ob sie beschwören könne, daß Fräulein

von Wendelsheim gewußt, was die Heßberger beabsichtigt.

Schwören konnte sie nicht; man könne keinem Menschen in's Herz sehen.

Sie hätte allerdings viel mit der Heßberger gesprochen und sei oft nach

der Thür gelaufen, und sie hätte indessen in dem Wasser geplätschert,

als ob das Kind gewaschen würde. Endlich sei die Heßberger wieder

hereingekommen.

Ob das gnädige Fräulein mit ihr geflüstert habe, als sie in die Thür

getreten sei?

Das könne sie doch nicht so genau sagen; so viele Jahre wären darüber

verflossen, und sie möchte Niemandem Unrecht thun, denn das gnädige

Fräulein sei immer so gut mit ihr gewesen.

Und brachte die Heßberger das Kind zurück?

Das nicht, was sie mitgenommen hatte, sagte die Frau kopfschüttelnd; ein

viel stärkeres mit einem weit größeren Kopfe, und halb erfroren sei's

gewesen vor Kälte und Nässe; aber sie hätten es gleich in das warme

Wasser gesteckt, und da habe es sich bald erholt. Dann erst sei es zu

der Frau Baronin in's Bett gekommen, die es geherzt und geküßt hätte,

und der Baron wäre dann gerufen worden, und ein ungeheures Gejubel im

Hause über die Geburt eines Knaben losgegangen. Die Leute hätten alle

Wein bekommen, mitten in der Nacht, und sie und die Heßberger auch. In

der Nacht habe der Baron denn auch noch einen Wagen geschickt, um die

Amme abzuholen, welche gegen Morgen eintraf und das Kind überliefert

bekam, und sie selber sei nachher noch vier Wochen als Wartefrau der

Baronin im Schlosse geblieben.

Ob sie gewußt habe, daß der, wie sie meinte, untergeschobene Knabe das

Kind der Frau Baumann sei?

Ganz bestimmt gewußt eigentlich nicht, aber vermuthet hätte sie es, nach

Aeußerungen, welche die Heßberger darüber gethan, aber auch nie danach

fragen mögen, weil sie Angst gehabt, daß es herauskommen und sie auch

straffällig werden könne.

Der gegnerische Advocat suchte sie ein paarmal durch Kreuzfragen irre

zu machen; aber sie blieb fest bei ihrer einfachen Erzählung und

widersprach sich nicht ein einziges Mal.

Witte bat jetzt, das Protokoll zu verlesen, das der Actuar

niedergeschrieben und dem noch ein Nachtrag beigefügt war. In ihrer

Zelle war die Heßberger nämlich noch einmal befragt worden, den Ort

anzugeben, wo sie die Erbschaft erhoben haben wollte, und hatte dann

erklärt, sie sollten sie kein solches dummes Zeug fragen, sie wüßten nun

die ganze Geschichte. Das Geld habe sie von dem Baron für sich und ihre

Schwester bekommen.

»Jetzt aber,« fuhr dann Witte unter dem Eindruck dieser Enthüllung

fort, »muß ich um die Erlaubniß bitten, die betreffende Familie den

Geschworenen vorzuführen. Leider war der alte Baron von Wendelsheim

selber nicht im Stande, hier zu erscheinen: sein trauriges Leiden

verhindert ihn daran, und Krankheit wie Gewissensbisse haben den sonst

so kräftigen Mann gebrochen; aber ich glaube, es ist wenigstens nöthig,

daß Sie mit eigenen Augen bestätigt sehen, was Sie hier eben gehört

haben.«

Er erhielt die Erlaubniß, und wenige Minuten später, während jetzt eine

so lautlose Stille im Saal herrschte, daß man das Athmen der Einzelnen

hören konnte, öffnete sich die Thür, und der alte Schlosser Baumann,

begleitet von seinen drei Söhnen, mit ihnen aber der bisherige Baron

Bruno von Wendelsheim, traten in den Saal und nahmen den Platz vor den

Geschworenen ein.

Der alte Baumann war blaß, hatte aber die Zähne fest zusammengebissen,

und zu seiner Rechten und Linken standen Bruno und Fritz, während Witte

Karl, den zweiten Sohn, neben Bruno stellte -- der letztere natürlich

jetzt in Civil und in einen dunklen, einfachen Rock geknöpft.

Bruno hatte keinen Blutstropfen in den Wangen, aber er ertrug den für

ihn furchtbaren Moment wie ein Mann; er war fest und ruhig, und sein

Auge haftete ernst, aber nicht herausfordernd auf den Geschworenen.

Bemerkbar war aber der Eindruck, den sein Erscheinen neben der Familie

auf die Mutter selber machte. Mit weit geöffneten Augen und getrennten

Lippen, beide Hände wie krampfhaft auf dem eigenen Herzen gefaltet,

saß sie da, und ihr Blick hing fast mit Stolz, aber doch auch mit

furchtbarem Schmerz an dem Antlitz des Sohnes.

Bei dem Erscheinen der Familie herrschte anfangs, wie schon gesagt, eine

wahrhaft unheimliche Stille in dem großen Saal; aber das dauerte nicht

lange, denn bald erhob sich ein scheues, kaum hörbares Flüstern, das

aber stärker und stärker wurde, und selbst der Vorsitzende bog sich zu

dem neben ihm sitzenden Justizrath nieder und sagte ihm einige leise

Worte, wobei dieser mit dem Kopf nickte. Die Bewegung hatte aber ihren

Grund in der fast auffallenden Aehnlichkeit Bruno's mit dem nur um zwei

Jahre jüngeren Karl, und die Beiden standen da, unverkennbar als zwei

Brüder, als zwei Schößlinge von demselben Stock, neben einander. Bruno

mochte um eine Kleinigkeit größer sein, und sein Gesicht zeigte

etwas mehr Intelligenz, aber die Züge waren bis in das Kleinste hinab

unverkennbar die nämlichen, während das Antlitz von Fritz einen ganz

entschieden andern Charakter trug.

Fritz war braun von Haar, ja, fast zu Schwarz hinneigend, mit dunklen

Augen, Bruno, wie alle Söhne des Schlossermeisters, blond, mit blauen

Augen, und dabei etwas, wenn auch nur wenig abgestumpfter Nase,

während Fritz' Profil viel mehr Aehnlichkeit mit dem des Fräuleins von

Wendelsheim verrieth.

Da erhob sich die Mutter von ihrem Sitz -- ihre Kniee zitterten, und sie

mußte sich fast gewaltsam aufrecht halten. Ehe aber nur weiter ein Wort

gesprochen werden konnte, trat sie vor und begann erst leise, dann aber

mit immer festerer Stimme: »Ich weiß nicht, ob ich hier reden darf, aber

ich kann jetzt nicht länger schweigen. Jener böse Mann hat gesagt, ich

habe die Lüge nur ersonnen, um meinem Kinde, meinem Sohn eine große

Erbschaft zuzuwenden -- o, wenn er in mein Herz sehen könnte! Jahr nach

Jahr habe ich gejammert um das Kind und mich gegrämt und abgehärmt, aber

immer im Stillen, immer allein, denn es war keine Seele, der ich mich

vertrauen durfte. Ich hätte ihm auch ferner entsagt, denn die Sünde war

einmal geschehen, und ich fürchtete mich mit dem Geständniß dessen, was

ich gethan, vor meinen braven Mann hinzutreten, bis endlich die Angst

dazu kam, daß der Knabe, der durch meine Schuld seinen Eltern entführt

war, zu Unglück oder Tod kommen könnte, weil man seinen wahren Stand

nicht kannte. Da litt mich's nicht länger -- die Sehnsucht nach dem

eigenen Kinde preßte mir dabei fast das Herz ab -- ich begegnete ihm auf

der Straße, und er kannte mich nicht und ging kalt vorüber, wo ich ihm

hätte an die Brust fallen und weinen mögen -- o, nur einmal weinen! Wie

ich es je wieder gut machen soll, welches Herzeleid ich ihm in dieser

Stunde angethan, ich weiß es nicht -- ich verstehe auch Vieles von dem

nicht, was andere Leute hier gesagt haben, aber das -- das ist mein

Kind -- das hier!« stammelte sie und näherte sich Bruno, der ihr in

unbeschreiblicher Aufregung gegenüberstand -- »das mein Sohn, den ich

nicht an mein Herz drücken durfte, seit ihn mir die Schwester an

jenem entsetzlichen Abend aus den Armen riß -- das hier -- das...« Sie

vermochte nicht mehr, sie konnte sich nicht länger halten, und Alles

vergessend, was sie hier umgab, Richter, Geschworene, Kläger, Zuschauer,

umfaßte sie krampfhaft den Sohn, sank an ihm nieder, umklammerte seine

Kniee und schluchzte laut.

Da aber konnte sich auch Bruno nicht länger halten. Er erkannte in der

Frau dieselbe, die ihn so oft und schüchtern auf der Straße gegrüßt,

während er gleichgültig an ihr vorbeigeeilt; er vermuthete in ihr

dieselbe, die ihm oft mit rührender Sorge kleine Geldsummen gesandt,

welche sie sich am Munde abgedarbt, und die Frau fassend und

emporhebend, drückte er sie mit den Worten: »Mutter -- meine Mutter!« an

sein Herz.

Kaum ein Auge in der ganzen Versammlung blieb bei dieser Scene

thränenleer -- das gnädige Fräulein von Wendelsheim, ihr Sachwalter und

der alte Schlosser Baumann ausgenommen. Stumm und starr stand er neben

der Gruppe, mit keinem andern Bewußtsein, als dem der Schande und Scham,

sich an diesem Ort zu finden.

Die Verhandlung war durch diesen Zwischenfall fast gestört worden, und

der Sachwalter des Fräuleins protestirte dagegen; er fühlte und sah,

welchen Todesstoß es all' seinen Aussichten auf Erfolg versetzte. Witte

verzichtete übrigens von jetzt ab auf das Wort; er wußte recht gut,

daß er die Wirkung dieses Moments selbst durch das Beste, was er sagen

mochte, nur hätte abschwächen können, und der Advocat des Gegenparts

versuchte nun die undankbare Arbeit, in einer längeren Rede nicht allein

die vorgebrachten Zeugen zu verdächtigen, sondern auch die Aehnlichkeit

zwischen den Geschwistern abzustreiten. Schon dadurch, daß er sie

leugnete, bekannte er stillschweigend, daß er sie ebenfalls bemerkt.

Der Präsident des Gerichtshofes gab jetzt einen kurzen Ueberblick

über die Verhandlung und richtete seine Mahnung besonders an die

Geschworenen, auf ihren geleisteten Eid hin sorgfältig zu prüfen,

welche Ansprüche sie für die allein geltenden hielten, wer nach ihrer

wirklichen und festen Ueberzeugung der Erbe von Wendelsheim, und wer

in Folge der Verhandlung, sobald ein Betrug festgestellt worden, als

strafbar dabei betrachtet werden müsse. Er führte dabei die einzelnen

Angeklagten auf und formulirte das ihnen zur Last gelegte Vergehen, auf

das sie nun allein ihr Schuldig oder Nichtschuldig zu antworten.

Die Geschworenen zogen sich zurück, und wieder lief das Flüstern

durch den Saal, denn Alles wollte nun dem Nachbar seine eigene Meinung

mittheilen oder dessen Ansicht hören, und mit ihrem Urtheile waren die

Leute auch rasch genug fertig. Das gnädige Fräulein, welches noch dort

so stolz und hochmüthig als je stand, mußte in's Zuchthaus, denn sie

hatte die ganze Geschichte angezettelt und betrieben, und die Frau des

Schlossers Baumann wurde freigesprochen, weil sie Alles ehrlich bekannt

und den Betrug aufgedeckt habe. Der Fritz Baumann wurde dann ein

vornehmer Herr und der Lieutenant ein Schlosser...

Die Geschworenen! tönte es plötzlich durch den Saal. Sie waren nur

ausnahmsweise kurze Zeit weggeblieben, und es schien deshalb, daß fast

gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen geherrscht habe (die

einzige in der That über Fräulein von Wendelsheim). Der Vormann theilte

das von ihnen gefällte Verdict mit; es lautet etwa:

Daß zwischen ihnen kein Zweifel bestehe; es habe allerdings ein Betrug

durch den heimlichen Umtausch der Kinder stattgefunden, und zwar so,

daß der von dem Schlosser Baumann erzogene Sohn Friedrich der Erbe des

Wendelsheim'schen Namens und zugleich aller damit verbundenen Vortheile

und Nachtheile sei, während der bis dahin unter dem Namen Bruno von

Wendelsheim gekannte Herr unfehlbar der wirkliche Sohn des Schlossers

Baumann wäre.

Die genannte Frau desselben, Katharina, sei ferner schuldig der

Wissenschaft und Beihülfe des Betrugs in der nämlichen Angelegenheit;

aber die Geschworenen empföhlen sie warm der milden Beurtheilung des

hohen Gerichtshofes.

Der Schuhmacher Heßberger schuldig, in jeder Hinsicht das Verbrechen

befördert zu haben.

Die Frau Lisbeth Müller schuldig, jene, eines gewaltsamen Todes

verstorbene Frau Heßberger wissentlich, wenn auch nur als untergeordnete

Dienerin, unterstützt zu haben.

Fräulein Aurelia von Wendelsheim nichtschuldig, da die Beweise über ihre

wirkliche Betheiligung oder Mitwissenschaft an dem Betrug zu unreichend

seien.

Wieder erhob sich das Flüstern, aber diesmal drohend und unwirsch, denn

die allgemeine Stimme war gegen das gnädige Fräulein, und man hatte

einen entschieden andern Ausspruch erwartet. Aber die Ruhe stellte sich

augenblicklich von selber wieder her, als sich der Vorsitzende erhob,

um nach dem von den Geschworenen gesprochenen Verdicte den eigentlichen

Urtheilsspruch zu verkünden. Derselbe trug den Gefühlen der Menge

Rechnung.

Frau Baumann wurde des Betrugs, ihr Kind gegen das einer andern Frau

heimlich, ohne Wissen der Mutter und um dem eigenen Sohne eine große

Erbschaft zu sichern, vertauscht zu haben, als überführt erklärt, aber

unter mildernden Umständen, da sie erstens ihr Verbrechen reumüthig

selbst gestanden, und dann auch, aus übergroßer Liebe für ihr erstes

Kind, und zwar innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, so gehandelt

habe, wo das Gesetz selber das Verbrechen des Kindesmordes gelinder

beurtheilt und richtet, als wenn es später verübt wäre. Die über sie

verhängte Strafe erkenne das Gericht, nach den betreffenden Paragraphen,

in mildester Form zu sechsmonatlicher Gefängnißhaft.

Der Schuhmacher Heßberger, als überführt erklärt, den Betrug seiner

Frau, mit Aussicht auf Gewinn, wissentlich und böswillig gefördert und

unterstützt zu haben, zu drei Jahren Arbeitshaus, ohne indessen

einer andern gegen ihn eingeleiteten criminellen Untersuchung dadurch

vorgreifen zu wollen.

Frau Lisbeth Müller sei zwar auch für schuldig erklärt; das hohe

Justizministerium habe ihr aber schon im Voraus, unter der Bedingung,

daß sie Alles reumüthig und der Wahrheit gemäß bekenne, im Falle ihrer

Verurtheilung die Strafe gnädig erlassen.

Fräulein Aurelia von Wendelsheim könne eben so wohl den Gerichtshof

straflos verlassen; die polizeiliche Aufsicht auf Schloß Wendelsheim

werde aber so lange fortbestehen, bis der rechtmäßige Erbe, Herr

Friedrich von Wendelsheim, die Besitzung -- was ihm von jetzt an jeden

Augenblick freistehe -- übernehme.

Fräulein von Wendelsheim schien nur auf den Moment gewartet zu haben.

Mit Sammet und Seide rauschte sie aus der Umfriedigung hinaus, denn

nicht mit Unrecht wünschte sie den Saal früher als die übrigen Zuschauer

zu verlassen, weil ihr die Stimmung derselben gegen ihre Person wohl

kein Geheimniß geblieben sein konnte. Aber so ganz unbemerkt und

unbegrüßt sollte sie sich doch nicht entfernen, denn Aller Augen

hafteten in diesem Augenblicke auf ihr, und kaum näherte sie sich der

Thür, an der ein paar Polizeidiener Wache hielten, als auch wie auf

gemeinsame Verabredung ein allgemeines Zischen, Pfeifen und Stöhnen

losbrach -- ja, ein paar der rohesten Burschen, mit zufällig einem Apfel

in der Tasche, um vielleicht den Hunger in einer zu langen Sitzung zu

stillen, opferten ihr Frühstück, und ein Glück für sie, daß sie nicht

mehr weit zu gehen hatte, denn kleine Dreierbrötchen, Endchen Wurst und

jene Früchte fingen schon an um sie hernieder zu hageln.

Kreidebleich vor Wuth, gewann sie endlich die Thür und rauschte hinaus,

um sich unten in den ihrer harrenden Wagen zu werfen und, fast außer

sich vor Gift und Galle, nach Schloß Wendelsheim zurückzufahren.

Aber die Verhandlung war noch nicht ganz geschlossen, denn die

Verurtheilte mußte erst erklären, ob sie sich der Strafe unterwerfen

wolle, und es hatte einige Mühe, die Ruhe wieder herzustellen. Katharina

Baumann aber, die jetzt wieder auf ihre Bank zurückgewankt war und dort

still weinend saß, dankte dem Richter für sein mildes Urtheil; sie hätte

ein weit strengeres erwartet -- und vielleicht verdient.

Da trat Fritz Baumann, der jetzige Friedrich von Wendelsheim, vor. Er

hatte bis dahin, die Brust von widerstreitenden Gefühlen bewegt, still

und fast regungslos an seinem Platze gestanden. Jetzt schilderte er mit

glühenden Worten die Liebe und Sorgfalt, mit der jene Frau, die er bis

dahin für seine Mutter gehalten, seine Jugend überwacht und für ihn

gesorgt und ihn geliebt habe wie ihr eigenes Kind. -- »Hier steht ihr

wirklicher Sohn,« fuhr er dabei bewegt fort -- »laßt ihn frei bekennen,

ob er in _seiner_ Heimath, in _seiner_ Familie solche Liebe fand, ob

Alles an ihn gewandt wurde, um ihn zu einem braven, tüchtigen Mann

heranzureifen! Ich hatte eine Jugend, so froh und glücklich, wie sie

ein Mensch nur haben kann -- ich lernte dabei arbeiten, um mir frei und

unabhängig von irgend wem meinen Lebensweg zu bahnen, und das dank' ich

nur diesem wackern Mann da -- dieser braven Frau -- dem besten Vater,

der besten Mutter, die es geben kann! Und wenn deshalb meine Bitten

etwas über Sie vermögen -- o, so erwirken Sie Gnade für die arme Frau!«

Ein beifälliges Gemurmel lief durch den noch immer dicht gedrängten

Raum, und selbst der Vorsitzende nickte ihm freundlich zu. Vor der

Hand war aber natürlich in der Sache weiter nichts zu thun, denn die

Gnadenbewilligung lag allein in einer höheren Hand.

Fritz wollte sich jetzt noch einmal an seinen Vater wenden; als er sich

aber nach ihm umdrehte, konnte er ihn nirgends mehr bemerken. Er hatte

mit seinen Söhnen, ohne Abschiedswort an ihn oder die Frau selber, den

Saal verlassen und war still und düster nach Hause zurückgekehrt, Bruno

ihm aber nicht gefolgt. Das Entsetzliche hatte ihn ja zu rasch erreicht,

um sich so gleich und plötzlich hinein zu finden -- er stand und zögerte

und schien seine Umgebung fast vergessen zu haben.

Fritz ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie;

aber dann sich abwendend, flüsterte er: »Nur jetzt nicht, nur jetzt

nicht -- ich kann nicht reden, nicht denken!« und eilte rasch aus dem

Saal.

9.

Der Erbe.

Welche Sensation das Resultat dieses Geschworenengerichts in Alburg

machte, läßt sich denken; es wurde fast von nichts weiter gesprochen,

und Fräulein von Wendelsheim mußte über sich das Schwerste ergehen

lassen, was Bierbänke oder Kaffeetische überhaupt zu leisten im Stande

sind. Es wäre für sie auch in der That nicht gerathen gewesen, sich in

der nächsten Zeit wieder in Alburg zu zeigen, denn keine Polizei oder

Gensdarmerie hätte sie vor Beleidigungen, ja, vielleicht persönlichen

Angriffen schützen können. Allerdings brach sich bei der gebildeten

Klasse bald die Ueberzeugung Bahn, daß die Geschworenen ihr Verdict kaum

anders abgeben konnten, als sie es gethan; denn allerdings war

durch keine einzige Aussage, als die der damals zur Wuth getriebenen

Heßberger, die Schuld der Dame entschieden festgestellt. Aber

Niemand zweifelte trotzdem daran, während der Handwerkerstand auf das

bestimmteste behauptete, der »adelige Drachen« sei nur deshalb ungerupft

davon gekommen, weil sie ein »von« vor ihrem Namen hätte und in einem

großen Schlosse wohne.

Wer sich am allerwenigsten um das Ganze kümmerte und doch eigentlich

das größte Interesse daran hatte, war der Erbe selber. An demselben

Nachmittage verbrachte er allerdings noch wohl zwei Stunden mit dem

Staatsanwalt in eifriger Unterhaltung und bei verschlossenen Thüren,

erhielt auch von diesem noch an demselben Abend ein Paket Papiere

ausgehändigt, mit denen er dann, den Nachtzug benutzend, in die Residenz

fuhr. Er hatte aber Niemanden weiter gesprochen, keinen Besuch gemacht

oder empfangen und auch in der That mit keinem Menschen sonst verkehrt.

Indessen war der Tag der Erbschaftszahlung herangerückt, und es schien

fast, als ob die Herren der Commission nicht übel Lust hätten, die

Auszahlung zu verzögern und den Urtheilsspruch der Geschworenen

anzufechten; der Sachwalter des gnädigen Fräuleins hatte sich wenigstens

die größte Mühe gegeben, um dahin zu wirken. Aber sie mochten doch wohl

am Ende einsehen, daß sie nicht durchdringen würden; die Beweise waren

zu klar geliefert worden, und nur auf die Vollmacht hin, die Witte in

Händen hielt, weigerten sie sich, die Summe auszuzahlen. Eine Clausel

des Testaments lautete, daß es der Erbe _selber_ in Empfang nehmen

müsse, was sie als »persönlich« interpretirten.

Das verzögerte die Auszahlung aber nur um einen Tag, denn am nächsten

Morgen kehrte Fritz schon zurück, und zwar selig über den Erfolg seiner

Reise.

Auch in der Residenz war seine Sache eifrig besprochen worden, und

es hatte dadurch -- da sich selbst die königliche Familie dafür

interessirte -- wenig Schwierigkeit für ihn, eine Audienz beim Könige zu

erlangen, um dort persönlich das Gnadengesuch für seine Pflegemutter

zu befürworten. Der Königin selber, die zugegen war, standen dabei die

Thränen in den Augen, und als er sich endlich verabschiedete, wurde

ihm die freundliche Versicherung, er solle nur ruhig zurück auf seine

Besitzung reisen, seine Bitte werde Erhörung finden.

Der Telegraph beförderte auch schon vor seinem Wiedereintreffen in

Alburg den Gnadenerlaß Sr. Majestät an das Criminalgericht daselbst.

Seine Pflegemutter wurde an demselben Tage freigelassen, an welchem er

die Stadt betrat.

Jetzt hatte er freilich genug mit sich selber und seinen Geschäften zu

thun, um an etwas Anderes denken zu können. Das Capital mußte erhoben

werden, und zugleich erschien eine Ankündigung des Staatsanwalts Witte,

daß Alle, welche eine Forderung an die Familie Wendelsheim hätten

oder zu haben glaubten, sich bei ihm in seiner Wohnung melden und die

Rechnungen einreichen sollten -- und wahrlich, er bekam dadurch Arbeit.

An dem Tage wurde ihm bald das Haus gestürmt, weil die meisten Gläubiger

schon gefürchtet oder vielmehr gar nicht erwartet hatten, daß der neue

Erbe die Schulden für den Eingeschobenen bezahlen werde.

Fritz selber befaßte sich nicht damit; er bat Witte, der die Annahme und

das Eintragen der Rechnungen einem seiner Schreiber übertrug, mit ihm

nach Wendelsheim hinaus zu fahren, denn er fürchtete sich ordentlich

davor, das alte Schloß, das von jetzt ab sein Eigenthum sein sollte,

allein zu betreten. Witte war dabei ein praktischer Mann, der ihm

den besten und vernünftigsten Rath über die künftige Verwaltung geben

konnte.

Er hatte auch geglaubt, seinen Einzug ganz still und unbeachtet halten

zu können, und sich vorgenommen, einfach in einem Miethwagen hinaus zu

fahren und beim Verwalter abzusteigen, mit dem er das Meiste ja bereden

mußte. Witte war indessen anderer Ansicht gewesen, und ohne ihm etwas

davon zu sagen, schickte er Morgens in aller Frühe einen reitenden Boten

nach Wendelsheim, der den Leuten im Schlosse das Eintreffen ihres neuen

jungen Herrn melden mußte; denn er hielt es für nicht in der Ordnung,

daß derselbe unbemerkt und unbeachtet wie ein Handlungsreisender das

Schloß seiner Väter, aus dem er so lange unschuldig verbannt gewesen,

betrete.

Der Bote brachte einen wahren Aufruhr im alten Schloß hervor, denn der

Zustand dort war auf die Länge der Zeit unerträglich geworden, und Alles

jubelte ja dem neuen Gebieter, den sie bei seinen seltenen Besuchen und

seiner freundlichen Theilnahme für den verstorbenen jungen Herrn immer

lieb gehabt, aus vollem Herzen ein Willkommen entgegen. Das ganze Dorf

wurde auch augenblicklich aufgeboten, um Blumen und Büsche zu pflücken

und Kränze zu winden; die Leute legten alle ihren Sonntagsstaat an,

und selbst der Schulmeister ließ sich die ganze Dorfschule noch einmal

frisch überwaschen und den letzten Choral repetiren, den sie neulich

mitsammen durchgegangen, denn etwas Neues in der Geschwindigkeit zu

lernen, wäre unmöglich gewesen. Vorposten wurden dazu mit Stangen

und Tüchern daran auf die nächste Höhe beordert, um die erste nahende

Extrapost, deren Postillon einen weißen Federbusch -- nach Anordnung

Witte's als Gala -- trug, gleich durch Schwenken der Tücher anzumelden.

Der Verwalter machte außerdem den kühnen Vorschlag, ein paar alte

Böller, die noch im Wagenschuppen standen, vorzuholen, zu laden und

abzuschießen, wenn die Extrapost in das Thor einfahren würde. Es stellte

sich nur die einzige Schwierigkeit heraus, daß kein Pulver da und die

Zeit zu kurz war, um deshalb noch einmal in die Stadt zu schicken. Der

alte Baron hatte allerdings, wie man recht gut wußte, Pulver oben

in seinem Gewehrschrank; aber den konnte man natürlich nicht darum

ersuchen, denn er ließ Niemanden vor und gab auch auf gar keine Frage

oder Bitte Antwort. Der Böllergruß mußte deshalb unterbleiben.

Und jetzt war Alles fertig; weißgekleidete Jungfrauen konnten allerdings

nur zwei im Dorfe aufgetrieben werden. Es fehlte nämlich an rein

gewaschenen weißen Kleidern, zwei ausgenommen, die rasch geplättet

werden konnten, und mit den Zweien mußte man sich denn auch begnügen, um

sie zum Blumenstreuen zu verwenden. Es sieht immer besser aus, wenn das

eine weißgekleidete Jungfrau verrichtet, und der Schulmeister besonders

hielt es für unerläßlich.

Die Leute standen dabei in größter Spannung auf dem Hof. Die Extrapost

hatte um eilf Uhr eintreffen sollen, und jetzt war es schon halb Zwölf

und noch keine Spur davon zu sehen, selbst nicht von der Höhe aus. Halt!

dort hob sich _eine_ Fahnenstange, das verabredete Zeichen, daß ein

Wagen in Sicht kam, wenn man ihn auch noch nicht genau unterscheiden

konnte. Alles drängte gespannt dem Thor zu -- jetzt ging die zweite

in die Höhe -- Hurrah, das sind sie! Und nun ging es an ein wahres

Durcheinander, um Jeden in der Geschwindigkeit auf seinen richtigen

Platz zu bringen.

Sogar ein paar Instrumente hatte man im Dorf aufgetrieben, Leute, die

manchmal, um Musik zu machen, auf die Jahrmärkte zogen: eine Trompete,

eine Posaune, eine Clarinette und eine Geige, und mit denen war

schon unten vor dem Wirthshaus ein Tusch einexercirt worden.

Unglücklicherweise hatte aber der Trompeter beim Heraufkommen sein

Mundstück verloren -- die alte Schraube hielt nicht fest -- und die

ganze Zeit in Todesangst danach gesucht. Er fand es nicht wieder, es

mußte irgendwo in das Gras gefallen sein, und Posaune und Clarinette mit

der Violine sollten jetzt den Tusch allein spielen.

Jetzt kam der Wagen in Sicht, voraus, was sie laufen konnten, die beiden

Jungen mit den Fahnenstangen, und wie der Wagen jetzt auf ein Zeichen

des Verwalters im Schritt in das Thor hineinfuhr, scheuten die Pferde,

denn die Posaune platzte, da ihr die Trompete fehlte, zu früh los und

die Clarinette setzte falsch ein, während die Violine mit ihrem Tusch

und ihrer feinen, piependen Stimme ordentlich durchging und schon fix

und fertig damit war, ehe die Posaune nur wieder ihr altes Messing

eingeholt hatte.

Aber mit donnerndem Jubel brach jetzt das Hurrahgeschrei der Dorf- und

Schloßbewohner aus, ein Hurrah, das aus voller Kehle und volleren Herzen

laut und jubelnd herausgestoßen wurde; und die Mädchen warfen ihre

Blumen den Pferden vor die Hufe, die Frauen schwenkten ihre Tücher,

die Männer ihre Mützen und Hüte, und die Luft bebte ordentlich von den

Jubelrufen.

Fritz saß im Wagen, die Thränen liefen ihm an den Wangen nieder -- er

konnte kaum danken und winken vor innerer Bewegung; aber Witte besorgte

das für ihn. Er schwenkte seinen Hut nach allen Seiten, sein ganzes

Gesicht strahlte vor Freude, denn nicht mit Unrecht betrachtete er dies

Alles als sein eigentliches Werk; und als der Choral jetzt begann und

die Schuljungen vor Angst und Rührung nicht singen konnten und

der Schulmeister, aus Furcht, daß sie sich blamiren würden, allein

hinausbrüllte, und dann der Trompeter plötzlich jubelnd mit dem endlich

gefundenen Mundstücke zurückkam und nun den Tusch, freilich etwas

verspätet, mitten in den Choral hinein schmetterte, wollte er sich rein

ausschütten vor Lachen.

Der Verwalter hatte sich vorgenommen gehabt, dem jungen Herrn, wenn er

aus dem Wagen stieg, eine Rede zu halten; aber es war ihm gegangen, wie

dem Trompeter mit seinem Instrument, er hatte das Hauptende davon: den

Anfang, verloren und blieb stecken, ehe er nur begann. So war denn wohl

alles Einstudirte vergessen, aber was ihm im Herzen und auf der Zunge

lag, doch nicht, und wie der junge Mann aus dem Wagen sprang, streckte

er ihm die breite Hand entgegen und sagte: »Gott sei Dank, daß Sie da

sind, daß Sie's sind, Gott segne Sie und Ihren Eingang!« Und das war die

beste Rede, die er hätte halten können.

Fritz war froh, als er sich dem Lärm und Jubel da draußen in dem stillen

Stübchen des Verwalters entziehen konnte. Er wollte noch nicht in's

Schloß hinaufgehen, er mochte seiner Tante nicht begegnen, bis Alles

geordnet und besprochen war.

Der Beamte, der bis jetzt die Controle im Schlosse gehabt, kam hieher

und übergab ihm die Schlüssel, und bald hatte er sich mit dem alten

Verwalter über die nächst zu nehmenden Schritte in der Bewirthschaftung

des Gutes vereinigt oder vielmehr Alles gut geheißen, was der Alte, mit

der Führung überhaupt betraut, bis dahin unternommen. Ueberall nöthige

Verbesserungen konnten natürlich erst in ruhigerer Zeit vorgenommen

werden; der Verwalter bekam aber unbeschränkte Vollmacht, Alles

anzuordnen und vorzubereiten, was er für dringend nöthig halte, damit

nicht so viel Zeit versäumt würde, denn in den letzten Jahren war ja

fast das Ganze in Verfall gerathen.

Gern hätte Fritz seinen Vater gesehen; aber der Verwalter rieth ihm

dringend ab, auch nur den Versuch zu machen, da sich der Zustand des

alten Barons in den letzten Tagen sehr verschlimmert haben sollte.

Kathinka und der Arzt waren die einzigen, die zu ihm durften; das

Mädchen, dem das Reinmachen der Zimmer oblag, mußte sich Morgens nur

hineinstehlen und mehrmals selbst flüchten, wenn er es nur gewahrte.

Fremde Menschen duldete er gar nicht um sich. Der Arzt hatte eines

Tages, da er selbst verhindert war zu kommen, seinen Famulus zu ihm

gesandt; auf den aber stürzte er augenblicklich los, so daß er sich gar

nicht schnell genug aus dem Zimmer retten konnte. Seit der Zeit war

es auch ernstlich besprochen worden, ob man ihn nicht einer Anstalt

übergeben müsse, um bei einem einmal plötzlich ausbrechenden Wuthanfall

Unglück zu vermeiden.

Und wo war Kathinka, daß er sie noch nicht gesehen, denn im Hofe konnte

sie nicht gewesen sein? Der Verwalter wußte es nicht; sie hatte

vorhin, als die Extrapost einfuhr, oben an einem der Fenster gestanden,

wahrscheinlich befand sie sich noch oben.

Indessen kam die Meldung, daß für den jungen neuen Herrn das Frühstück

oben aufgetragen sei; aber Fritz hatte vorher noch eine andere Pflicht

zu erfüllen: er mußte das Grab seines armen Benno, seines Bruders,

besuchen, und bat deshalb den Staatsanwalt, alles noch Nöthige unter der

Zeit mit dem Verwalter zu besprechen. Er wollte dort draußen ungestört

und allein sein.

Er kannte ja auch den Weg dahin gut genug! oft und oft war er in

früheren Zeiten, manchmal mit seinem kranken Bruder, manchmal allein,

durch den Park gewandert, mit keiner Ahnung damals freilich, daß er auf

seinem eigenen Besitzthum stehe. Eigenthümliche Gefühle durchzogen ihm

deshalb auch heute die Brust, als er das Laub der alten Bäume wieder

über sich rauschen hörte und die grotesk verschnittenen Taxushecken sah,

die den Gemüsegarten auf der einen Seite einfriedigten. Wie wunderbar

war das Alles gekommen, wie unbegreiflich, ungeahnt, und so rasch dabei,

daß er noch immer wie in einem Traum dahinschritt und in dem Traum

doch wieder das jubelnde Willkommen hörte, das ihm seine künftigen

Untergebenen zugerufen, doch wieder die glücklichen, freundlichen

Gesichter sah, die ihm von allen Seiten entgegen lachten.

Die Augen auf den Boden geheftet, nur mit den Bildern beschäftigt,

durchwanderte er den langen, etwas gewundenen Gang, der zu dem

Erbbegräbniß der von Wendelsheim führte, bis er den offenen Platz

erreichte, der die stille, freundliche Ruhestätte umgab.

Die kleine Capelle, in der das Todtenamt gehalten wurde, stand rechts,

und dicht daran geschmiegt lagen die Gräber, nicht in dumpfer

Gruft, sondern in der Mutter Erde, unter grünem Rasen und schattigen

Trauer-Eschen und Weiden -- und dort drüben?

Sein Fuß zögerte -- an dem letzten, noch mit Blumen reich geschmückten

Grabe kniete eine weibliche Gestalt und betete; es war Kathinka, er

erkannte sie im Augenblick. Sie konnte ihn auch nicht gehört haben, denn

sie veränderte ihre Stellung nicht im geringsten, und er blieb stehen,

um sie nicht zu stören. Aber sein Auge haftete fest auf ihr, und

unwillkürlich faltete er die Hände und schämte sich dabei der Thränen

nicht, die ihm die Wangen netzten; aber es waren nicht allein Thränen

der Trauer um den so früh geschiedenen Bruder -- es waren auch Thränen

des Glücks. Jetzt erhob sie sich; sie hatte ihre Andacht wohl beendet

und wollte zu dem Schlosse zurückkehren, als sie den Fremden auf dem

freien Platz bemerkte und erschreckt zusammenzuckte. Aber sie mußte ihn

erkannt haben, denn scheu wich sie ihm aus, grüßte ehrfurchtsvoll und

wollte den andern Weg einschlagen, der an dem Gitter des Parks hinlief.

»Kathinka,« sagte Fritz herzlich, »bin ich Ihnen so fremd geworden, daß

Sie mir nicht einmal mehr, wie sonst, die Hand zum Gruß bieten?«

»Ich weiß nicht, Herr Baron,« sagte das junge Mädchen ängstlich und

wurde dabei purpurroth; »ich wußte nicht, daß Sie so bald hieher kommen

würden, und war nur hier, um -- Abschied zu nehmen.«

»Abschied, Kathinka?«

»Ja; das gnädige Fräulein hatte mir schon vor einiger Zeit befohlen, das

Schloß zu verlassen; aber ich durfte nicht fort. Der fremde Herr, der in

den letzten Tagen den Befehl hier führte, litt es nicht; Niemand

durfte den Platz verlassen, wie er sagte, bis der rechtmäßige Besitzer

eingetroffen sei, der dann selber zu bestimmen haben würde.«

»Und Sie haben noch einmal an meines armen Benno Grab gebetet?«

»Er war der einzige Freund, den ich auf der Welt hatte,« sagte das junge

Mädchen weich; »ich durfte den Platz nicht verlassen, ohne wenigstens

von ihm Abschied zu nehmen.«

»Und gehen Sie gern, Kathinka?«

Das junge Mädchen schwieg; ein eigenes, wehes Gefühl preßte ihr das Herz

zusammen, und sie brauchte Minuten, um sich zu sammeln. Endlich sagte

sie leise: »So lange der -- so lange Ihr Bruder lebte, würde ich mich

schwer vom Schlosse Wendelsheim getrennt haben; jetzt bedarf man meiner

nicht mehr, und -- das gnädige Fräulein sieht auch meine Gegenwart nicht

gern.«

»Aber wohin wollen Sie sich wenden?«

»Ich -- weiß es noch nicht; ich -- habe Aussicht, als Lehrerin in ein

Institut zu treten.«

»Unter fremden Menschen?«

»Unter fremden Menschen?« wiederholte Kathinka wehmüthig. »Ich war die

Fremdeste im Schlosse von Allen. Aber Sie entschuldigen mich wohl, Herr

Baron; ich möchte meine Sachen packen, und glaube doch nicht, daß meiner

Abreise noch etwas im Wege steht.«

»Herr Baron?« wiederholte Fritz unwillkürlich leise; »wie sonderbar, wie

unnatürlich das klingt!«

»Aber es ist doch Ihr Titel!«

»Und glauben Sie, Kathinka, daß mich der Titel freuen würde, wenn ich

dadurch alte Freunde verlieren sollte?«

»Sie werden keine alten Freunde dadurch verlieren, Herr Baron, aber

viele neue wohl dadurch gewinnen.«

»Aber Sie habe ich doch dadurch verloren, Kathinka,« sagte Fritz

herzlich; »Sie waren sonst so einfach unbefangen, so gut mit mir und

sind jetzt auf einmal so entsetzlich kalt und höflich geworden.«

»Waren Sie nicht Benno's treuester Freund?«

»Also nur Benno's wegen?«

»Herr Baron!« sagte das arme Mädchen, und wieder schoß ihr das Blut in

Strömen in Wangen und Schläfe.

»Ich hatte mich so darauf gefreut, Sie wieder hier zu finden,« fuhr

Fritz herzlich fort, »mit Ihnen mich der Zeiten zu erinnern, wo Benno

noch lebte; jetzt, da ich komme, wollen Sie das Schloß verlassen.«

»Ich muß, Herr Baron.«

»Aber selbst wenn mein gnädiges Fräulein Tante gar nicht mehr den

Oberbefehl hier hätte -- ein Zustand, der _sehr_ wahrscheinlich ist --,

würden Sie dann immer noch fort wollen?«

»Ja, Herr Baron -- ich würde doch gehen.«

»Dann haben Sie einen andern Grund.«

Kathinka schwieg; sie war jetzt eben so bleich geworden, als sie vorher

roth gewesen.

»Und darf ich ihn nicht wissen?«

Noch immer stand das junge Mädchen und sah still und lautlos zur Erde

nieder.

Da trat Fritz ihr näher, nahm ihre Hand und sagte leise: »Kathinka,

ich kenne Ihr ganzes Leben, ich weiß, was Sie hier in dem alten Schloß

ausgehalten, weiß, mit wie himmlischer Geduld Sie Alles ertragen

haben nur des Bruders wegen, und lebte Benno noch, nie, nie hätte er

gestattet, daß Sie Schloß Wendelsheim verlassen dürften. Ich bin sein

Erbe, nicht allein der Erbe seines Gutes, nein, auch seiner Liebe

-- gehen Sie nicht fort. Sie haben Schloß Wendelsheim als eine Hölle

gesehen, machen Sie es selber zu einem Himmel.«

»Herr Baron!« rief Kathinka, bestürzt zu ihm aufsehend.

»Erschrecken Sie nicht darüber, Kathinka,« rief Fritz, sie mit seinem

linken Arme umfassend -- »werden Sie mein Weib -- ich war Ihnen gut vom

ersten Augenblick an, wo ich Sie gesehen, und suchte doch das Glück an

anderer Stätte, wo ich es wahrscheinlich nie gefunden hätte. Jetzt bin

ich zurückgekehrt...«

»Um Gottes willen,« rief Kathinka beinahe außer sich, »Ihren Scherz

können Sie ja doch an Benno's Grab nicht mit einer armen Waise treiben

-- und Ernst? Es ist ja nicht möglich, nicht denkbar!«

»Werden Sie mein Weib, Kathinka,« bat Fritz noch einmal und sah ihr so

treu, so liebend in die Augen, daß ihr schwindelte. »Einen heiligeren

Platz für Ihr Jawort, als des Bruders Grab, finden wir nicht auf der

weiten Welt, und daß sein Geist mit Jubel unsern Bund segnet -- glauben

Sie es nicht?«

»Aber es ist -- es ist ja doch nicht möglich!«

»Bist Du mir gut, Kathinka?« drängte Fritz, indem er sie fester an sich

preßte; »o, sage nur das eine Wörtchen: Ja!«

»Gut?« rief das junge Mädchen, und während sie ihr Haupt an seiner Brust

barg, machte ein Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft. Fritz aber,

ohne sie loszulassen, in Glück und Seligkeit, führte sie zu dem Grabe

des Bruders, und dort, sich fest umschlingend, beteten Beide still und

heiß.

»Und nun komm,« sagte Fritz endlich, sie mit sich vom Boden hebend; »mir

bleibt noch viel daheim im Schloß zu thun, denn von heute ab hab' ich es

übernommen. Du wirst so lange, bis unser Bund gesegnet werden kann, zu

der alten Verwalterin hinüberziehen, und daß Dich die Tante nicht mehr

kränkt, dafür laß mich sorgen. Aber eine Frage beantworte mir noch,

Kathinka, ehe wir den Park verlassen: Weshalb wolltest Du doch das

Schloß meiden, auch wenn die Tante da nicht mehr zu befehlen hätte?«

Kathinka war wieder blutroth geworden; sie richtete sich von der Brust

des Geliebten, der sie noch immer umschlungen hielt, auf und sah ihm in

die Augen.

»Und darf ich es wissen?«

Und wieder barg sie ihr Haupt an seiner Schulter und flüsterte: »Weil

ich elend geworden wäre, wenn ich Dich in den Armen einer andern Gattin

gesehen hätte!«

»Mein Lieb, mein süßes, herziges Lieb! Und so warst Du mir schon lange

gut?«

»O, von ganzem Herzen und von ganzer Seele!« rief die Jungfrau und

umschlang zum ersten Male den Geliebten mit beiden Armen.

Es waren selige Augenblicke des Glückes, in denen die beiden Liebenden

langsam durch den schattigen Park zurück dem alten Schlosse zuwanderten,

und erst als sie in Sicht des unmittelbar daran stoßenden offenen

Platzes kamen, wand sich Kathinka von ihm los, warf noch einmal die

Arme um seinen Nacken, begegnete seinem heißen Kuß, und floh dann scheu

seitab durch die Büsche, um den Hof von einer andern Seite zu erreichen.

Als Fritz ihn betrat, kam ihm Witte entgegen und sagte ihm, das gnädige

Fräulein habe schon zum dritten Mal nach ihm geschickt und erwarte ihn

beim Frühstück.

»Welches gnädige Fräulein?« fragte Fritz zerstreut.

»Welches?« lachte der Staatsanwalt; »nun, Ihre Fräulein Tante. Wenn die

aber die Honneurs macht, will ich lieber nicht mit hinüber gehen, um ihr

den Appetit nicht zu verderben.«

»Ich fürchte, lieber Staatsanwalt,« nickte Fritz, »ich werde ihn ihr

selber verderben müssen; aber kommen Sie, denn ich habe nachher noch

etwas sehr Wichtiges vor, bei dem ich gern wünschte, daß Sie Zeuge

wären.«

Beide Männer schritten jetzt dem Portal des Schlosses zu, wo sie oben

den alten Verwalter trafen, der, mit ein paar Flaschen Wein beladen, aus

dem Keller stieg.

»Haben Sie keinen Champagner unten, Wunting?«

»Ja gewiß, Herr Baron.«

»Schön, der darf heute nicht fehlen; aber bringen Sie ihn selber in's

Zimmer und frühstücken Sie mit uns. =A propos=, wo steckt denn Fräulein

Kathinka?«

»Wie ich in den Keller ging, stieg sie die Treppe hinauf; ich glaube,

sie wird in ihrem Zimmer sein.«

»Dann schicken Sie Jemanden hinauf, ich ließe sie bitten, in das

Frühstückszimmer zu kommen. Es sind doch Gedecke genug aufgelegt?«

»Ja, mein bester Herr Baron,« sagte der Verwalter etwas verlegen, »das

ließe sich wohl gleich besorgen, aber -- die Sache hat einen Haken. Sie

-- kennen die Hausordnung auf Schloß Wendelsheim noch nicht. Das gnädige

Fräulein ißt weder mit mir, noch mit der Kathinka an einem Tisch,

und als das der alte Herr Baron einmal einführen wollte, hat es einen

Hauptspectakel gegeben. Ich möchte doch nicht die Ursache sein, daß es

gleich am ersten Tage zu Zank und Unfrieden käme -- der wird so nicht

ausbleiben,« setzte er leise hinzu.

»Haben Sie keine Furcht, Wunting,« nickte ihm Fritz zu, »mein gnädiges

Fräulein Tante soll, was das Frühstück betrifft, nicht in ihren Gefühlen

verletzt und auch kein Zank und Unfrieden hervorgerufen werden. Erfüllen

Sie nur meine Bitte und besorgen mir Alles nach der angegebenen Art; das

Andere überlassen Sie mir.«

Damit stieg er langsam, Witte unter den Arm fassend, die Treppe hinauf,

betrat aber das ihm bezeichnete Frühstückszimmer noch nicht, sondern

zuerst den großen Saal, von dessen Balcon aus er den ganzen Hof und

einen großen Theil des Parkes übersehen konnte. Und das Alles war jetzt

_sein_ -- sein Eigenthum, sein Erbe von Eltern her, die er nie gekannt,

oder, wenn gekannt, nur scheu und fremd betrachtet, an deren Herzen er

nie gelegen, nie ein freundliches Wort nur von ihnen vernommen hatte. Es

war ihm recht weich und weh zu Sinn -- und doch auch wieder so wohl, so

glücklich, daß er hätte weinen mögen, aber zugleich aufjubeln vor Lust

und Seligkeit.

Witte betrachtete sich indeß die Bilder an den Wänden und das ganze

alte, außerordentlich reiche, aber verwitterte und verblichene

Ameublement, das genau so aussah, als ob es einer Ritterfamilie gehört

und ein paar Jahrhunderte unbenutzt hinter verschlossenen Thüren

und verhangenen Fenstern gestanden habe, bis der Verwalter sie hier

aufsuchte und meldete, es sei Alles bereit, Fräulein Kathinka fürchte

sich aber, in das Zimmer zu gehen, bis der Herr Baron mitkäme.

Ein leichtes Lächeln flog über das Antlitz des jungen Mannes und er

sagte freundlich: »So kommen Sie, Staatsanwalt, kommen Sie, lieber

Wunting, denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich hungrig geworden bin, und

der Champagner darf ebenfalls nicht kalt werden.«

Und damit eilte er leichten Schrittes hinaus über den Gang, auf dem

Kathinka harrend am Fenster stand. Aber er redete sie nicht an, nur

einen lächelnden Wink gab er ihr, und betrat jetzt, von den Uebrigen

gefolgt, das Frühstückszimmer, in dem ihn seine Tante, in eine

schwerseidene, violettblaue Robe gekleidet, stehend erwartete. Wie sie

ihn sah, ging sie auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Erlaube mir, Fritz, Dich auf Schloß Wendelsheim willkommen zu heißen!

Ein wunderliches Geschick hat Dich so lange davon fern gehalten, und

jetzt -- nun, nimmst Du meine Hand nicht?« rief sie, ihn erstaunt

ansehend. »Ist das Dein erster Gruß auf unserem alten Stammsitz?«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Fritz kalt und fest, »was Sie thun

_konnten_, um sich diesen »ersten Gruß« zu ersparen, haben Sie redlich

gethan. Gott hat es anders gewollt, und ich bin in die Mauern, aus denen

ich heimlich und in einen Mantel gewickelt in stürmischer Nacht nicht

verbannt, nein, verstoßen wurde, bei hellem Sonnenschein zurückgekehrt;

aber nicht mehr als Kind, sondern als Mann und Herr -- von jetzt ab

keine Gemeinschaft mehr zwischen Ihnen und mir!«

»Fritz,« rief das gnädige Fräulein erschreckt, denn bis zu diesem

Augenblick hatte sie noch gehofft, ihre Autorität im Schlosse nicht

ganz zu verlieren, »und glaubst auch Du jenen faulen Zungen, die mich

verdächtigten?«

»Die Stimme des _Volkes_ gegen Sie ist Ihnen bekannt,« sagte Fritz

ruhig, »Sie haben sie wenigstens bei Ihrem Austritt aus dem Saal der

Geschworenen erfahren. Ich theile dessen Glauben, daß _Sie_ gerade die

Hauptschuldige des Verbrechens waren. Aber wie dem auch sei, ich will

nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Dieses Schloß, das Sie die langen

Jahre zu einem Fegefeuer Ihrer Untergebenen machten...«

»Herr Baron!« rief das gnädige Fräulein, emporfahrend.

»Soll Ihnen nicht verschlossen werden. Bleiben Sie, wenn Sie es

wünschen, hier wohnen, und ich werde Ihnen in dem neuen Flügel Ihre

Zimmer herrichten lassen. Im Schlosse selber wirthschafte ich aber von

diesem Augenblicke an _mit meiner Hausfrau_ als unumschränkter Herr,

und meine Hausfrau,« fuhr er fort, sich nach dem schüchtern zur Seite

stehenden Mädchen umdrehend und ihre Hand ergreifend, »wird Kathinka

werden.«

»Kathinka?« rief Fräulein von Wendelsheim entsetzt, während der alte

Verwalter mit einem dankbaren Blick nach oben seine Hände faltete und

Staatsanwalt Witte leise vor sich hin mit dem Kopf nickte.

»Ich weiß, daß Sie ein nicht unbedeutendes Vermögen haben,« setzte Fritz

hinzu, »hinlänglich wenigstens, um bequem davon leben zu können; sollten

Sie deshalb vorziehen, Schloß Wendelsheim zu verlassen, so steht Ihnen

nichts im Wege, ja, ich erlaube mir sogar, Ihnen noch einen jährlichen

Zuschuß von tausend Thalern anzubieten. Bleiben Sie aber hier, so

verbiete ich Ihnen hiermit auf das strengste, unsern Theil des Schlosses

je zu betreten, oder...«

»Genug, genug, Herr Baron von Wendelsheim,« unterbrach ihn die Dame,

in zornigem Grimm emporfahrend, »übergenug, um mir zu beweisen, daß Sie

Ihrer Erziehung Ehre machen! Schloß Wendelsheim hat bis jetzt seinen

alten Namen in Schmuck und Stolz bewahrt; ich will nicht Zeuge sein, wie

er in den Staub getreten wird!«

Und sich rasch abwendend, eilte sie nach der Thür, durch die sie in Hast

verschwand.

»Ich hätte nie geglaubt,« sagte Witte trocken, »daß ich noch in meinen

alten Jahren ein solches Vergnügen empfinden würde, einen Drachen

fliegen zu sehen; Fräulein von Wendelsheim's beste Seite ist aber

entschieden ihr Rücktheil. Und das Ihre Braut, Baron?«

»Meine liebe, süße Braut!« rief Fritz, das tief erröthende Mädchen an

sich ziehend. »Es ist rascher gekommen, als ich eigentlich glaubte; aber

sie wollte uns hier entfliehen, und da wußte ich kein besseres Mittel,

um sie zu halten, als sie zu bitten, mein braves Weib zu werden.«

»Und tausend Gottes Segen über Sie Beide,« rief der alte Verwalter

jubelnd, »denn jetzt geht eine neue Sonne über Wendelsheim auf!«

10.

Bruno.

Staatsanwalt Witte hatte auf den nächsten Morgen Bruno Baumann bitten

lassen, zu ihm zu kommen und einiges Geschäftliche mit ihm zu regeln. Es

war nöthig, daß er die verschiedenen eingelaufenen Rechnungen wenigstens

durchsah, um so viel als möglich eine Uebervortheilung von Seiten der

Gläubiger zu vermeiden.

Bruno kam zur bestimmten Zeit und sah in Witte's Hinterstübchen die

eingelaufenen Papiere durch, die sich allerdings auf eine ziemlich

bedeutende Summe beliefen, aber dennoch die Ziffer noch lange nicht

erreichten, die der Staatsanwalt erwartet oder vielmehr gefürchtet

hatte.

Bruno war natürlich in einer sehr gedrückten Stimmung, aber doch ernst

und gefaßt, und Witte wirklich von der Resignation gerührt, mit der er

Alles über sich ergehen ließ.

»Mein lieber junger Freund,« sagte er auch endlich, als sich jener mit

einem kaum unterdrückten Seufzer von seinem Stuhl erhob und die Papiere

zurückschob, »lassen Sie den Kopf nicht sinken. Es hat Sie allerdings in

der Täuschung aller Ihrer Erwartungen ein harter Schlag getroffen, aber

er ist doch nicht so schlimm, als Sie vielleicht jetzt glauben mögen.

Daß Friedrich von Wendelsheim alle die Schulden bezahlt, welche sein

Vater oder Sie auf den Namen gemacht haben, ist eine Sache, die sich

von selbst versteht; denn wäre _er_ an Ihrer Stelle gewesen, so hätte

er ebenfalls Schulden machen müssen und -- mit einer andern Erziehung

-- möglicher Weise noch ganz anders gewirthschaftet. Er fühlt aber auch,

daß Sie, und noch dazu ganz unverschuldeter Weise, in einem Alter in das

Leben hinausgeworfen werden, wo man nicht mehr anfangen kann zu lernen,

um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und hat mich deshalb

gestern beauftragt, Ihnen ein Capital von dreißigtausend Thalern

auszahlen zu lassen, das Sie also jeder Sorge für Ihre künftige Existenz

überhebt und Sie vollkommen frei und unabhängig in die Welt stellt. Sie

können jeden Augenblick darüber verfügen.«

Bruno war feuerroth bei dem Anerbieten geworden, und er bedurfte einiger

Zeit, ehe er etwas erwiedern konnte. Endlich sagte er leise: »Herr

Staatsanwalt, der Erbe von Wendelsheim ist ein Ehrenmann, und sagen Sie

ihm für sein großmüthiges Anerbieten meinen herzlichsten Dank -- wie ich

auch Ihnen für die freundliche und zarte Weise danke, mit der Sie es mir

mitgetheilt -- aber ich kann es nicht annehmen.«

»Den Henker auch,« rief Witte ordentlich erschreckt, »dreißigtausend

Thaler wirft man doch bei Gott nicht mit einer Handbewegung aus dem

Fenster!«

»Hören Sie mich ruhig an,« sagte Bruno. »Dafür schon, daß er die

Schulden bezahlt, die ich, ohne es zu wissen, auf einen fremden Namen

gemacht, bin ich ihm dankbar, und nehme das mit Freuden an, weil ich

weiß, daß ich an seiner Stelle ebenso gehandelt hätte. Ich muß es auch

-- nicht meinetwegen, sondern der armen Leute wegen, die ihr Vertrauen

auf den alten Namen nicht so theuer bezahlen dürfen. Dadurch zahlt er

es theilweise für sich selber ab -- weiter darf es nicht gehen. Ich kann

kein Almosen von einem Fremden nehmen.«

»Das sind die unglückseligen, überspannten Vorurtheile von Ehre, die

Ihnen noch aus Ihrem früheren Stande ankleben!« rief der Staatsanwalt.

»Wollte Gott,« sagte Bruno, »jener Stand hätte keine schlimmeren

Vorurtheile, wie Sie es nennen, als das innige Gefühl für seine Ehre --

es wäre dann Manches besser.«

»Aber Sie sagen, Sie hätten, was die Rechnungen betrifft, das Nämliche

an seiner Stelle gethan -- hätten Sie nicht ebenso in Betreff einer

Summe gehandelt, die dem unschuldig Ausgestoßenen wenigstens den Schmerz

der Abhängigkeit erspart?«

»Ich glaube, ja,« sagte Bruno nach einigem Zögern. »Ich glaube, ich

würde ihm ein ähnliches Anerbieten gemacht haben; aber ich bin eben

so fest überzeugt, daß er es aus den nämlichen Gründen zurückgewiesen

hätte, als die sind, welche mich jetzt dazu bestimmen.«

»Aber lieber, bester Herr...«

»Lassen Sie uns enden. Ich trage das drückende Gefühl, ihm zu Dank

verpflichtet zu sein, schon jetzt mit mir fort, wenn er es auch selber

gesucht hat auf freundliche Art zu mildern, indem er Sie zum Vermittler

machte. Ich werde morgen die Stadt verlassen, um nie mehr hieher

zurückzukehren, und nur noch zwei schwere Wege stehen mir bevor.«

»Haben Sie Ihre Eltern noch nicht besucht?«

»Nein, ich bin jetzt im Begriff dorthin zu gehen -- erlauben Sie

vielleicht, daß ich mich vorher bei Ihrer Familie verabschiede, die mir

immer so viel Freundlichkeit bewiesen?«

»Hm -- ja -- gewiß!« rief Witte rasch, und dann die Thür öffnend, rief

er hinaus: »Gehe einmal einer von Ihnen hinüber zu meiner Frau und sage

ihr, der Herr Lieutenant Bau--, der Herr Lieutenant von Wendelsheim

wünsche ihr seine Aufwartung -- seinen Abschiedsbesuch zu machen!«

»Es paßt Alles nicht mehr, lieber Staatsanwalt,« lächelte Bruno

wehmüthig, als er die Thür wieder schloß, »weder der Lieutenant, noch

der Name. Ich bin der schlichte Bruno Baumann geworden, und wenn mir

der Name auch noch eben so unbequem ist, wie mir die ungewohnten

Civilkleider sitzen, so werde ich mich doch mit der Zeit hineinfinden

müssen.«

»Ich kann mir's denken,« nickte der Staatsanwalt, horchte aber doch

dabei unruhig nach der Thür -- er hatte so eine Ahnung. Jetzt hörte er

Jemanden kommen, und der junge Schreiber steckte gleich darauf den Kopf

in's Zimmer und sagte:

»Frau Staatsanwalt läßt unendlich bedauern: sie hat Kopfschmerzen, und

Fräulein Ottilie sind noch nicht angekleidet.«

Der Staatsanwalt nickte still vor sich hin -- genau so, wie er erwartet.

Bruno sah ihn an und seufzte:

»Die Damen haben recht,« sagte er; »ich hätte mir die Abweisung ersparen

können. Aber Sie dürfen es mir nicht so übel nehmen, lieber Herr -- man

findet sich ja nicht so rasch in die neuen Verhältnisse.«

Witte war aufgestanden und lief einmal durch's Zimmer; jetzt blieb er

vor Bruno stehen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte herzlich:

»Wir bleiben Freunde -- was auch kommen möge, und wenn Sie je im Leben

Rath oder Hülfe brauchen, Baumann, so kommen Sie zu mir, und -- Sie

sollen Ihren Mann an mir finden....«

»Staatsanwalt Witte zu Hause?« hörten sie draußen eine Stimme -- es

war Fritz, der im nächsten Augenblick in der Thür stand. Als er Bruno

bemerkte, streckte er ihm herzlich die Hand entgegen: »Ich habe mich

lange danach gesehnt, Sie zu treffen, Bruno.«

»Auch ich freue mich,« sagte Bruno zurückhaltend, »um Ihnen meinen Dank

für das -- Geschehene auszusprechen, Herr Baron....«

»Herr Baron,« rief Fritz unwillig -- »und das von Ihnen? Eben so gut wie

es _mir_ unmöglich ist, Sie mit dem Namen zu nennen, den ich so lange

getragen habe, so wenig dürfen Sie sich dabei Gewalt anthun! Wir sind

Leidensgefährten, alte, langjährige Leidensgefährten, die sich zum

ersten Male im Leben in jener stürmischen Nacht im Parke von Wendelsheim

begegneten und, selber willenlos, in fremde Bahnen geworfen wurden. Wie

feindlich auch damals die Welt gegen uns auftrat -- wir selber müssen

Freunde bleiben, und dazu biete ich Ihnen die Hand. Aber dann auch

kein Baron mehr, sondern Fritz und Bruno und ein herzliches Du, wie es

solchen Unglücksbrüdern ziemt.«

Bruno preßte die ihm gereichte Hand herzlich, und der Staatsanwalt rief:

»Aber er will das Geld nicht nehmen...«

»Kein Wort mehr darüber,« bat aber Bruno -- »alles Andere nehme ich an,

vor Allem am liebsten Deinen Brudergruß, Fritz, und damit Du siehst, daß

ich auf Deine Liebe zähle, trete ich gleich vor Dich mit einer Bitte...«

»O wie gern wenn ich sie erfüllen kann!«

»Begleite mich zu den Eltern -- ich war noch nicht dort und fürchte den

ersten Schritt in meines Vaters Haus.«

»Armer Bruno,« sagte Fritz mit tiefem Gefühl -- »so komm; wir wollen

gehen, und unterwegs erzählst Du mir Deine Pläne für Dein künftiges

Leben -- ich Dir die meinigen.«

Die Straße hinab gingen die beiden jungen Leute Arm in Arm, und wer

ihnen unterwegs begegnete und sie erkannte, blieb stehen und sah ihnen

nach; und Bruno erzählte dem neu gewonnenen Freund, daß er beabsichtige,

morgen nach Hamburg und von da nach Amerika zu gehen, um dort ein neues

Leben zu beginnen, und Fritz dagegen sagte ihm von der Veränderung auf

Schloß Wendelsheim, dem trostlosen Zustand des Vaters, der Bestrafung

der Tante und seiner glücklichen Liebe, bis sie die alte Werkstätte

Baumann's erreichten und unwillkürlich an der Schwelle stehen blieben.

»Wie manche glückliche Stunde habe ich hier verlebt,« sagte Fritz weich,

»und darin, Bruno, bist Du weit glücklicher als ich, denn Du findest

brave, wackere Eltern, deren Liebe ich Dir die langen Jahre gestohlen

-- o wenn Du mir nur verstatten wolltest, das im kleinsten Theile wieder

gut zu machen!«

»Laß es sein, Fritz,« sagte Bruno trübe; »es war uns Beiden nicht

verstattet, am Herzen der eigenen Mutter zu ruhen -- aber es ist vorbei.

Dir war es zum Heil -- mir, dem es zum Glücke gereichen sollte, wurde es

zum Verderben. Also vorwärts -- es hilft nichts mehr, zurückzuschauen.«

In der Schlosserwerkstatt gingen die Hämmer fleißig, wie in alter Zeit;

aber es wurde nicht dabei gepfiffen und gesungen wie in alter Zeit. Ein

trüber Geist lag auf dem alten Hause. Nicht das Unglück -- das würde

_diese_ Herzen einander nicht entfremdet haben --, nein, die _Sünde_

war hindurch geschritten und hatte ihre dunkeln Spuren hinterlassen. Ein

böser Geist war eingezogen -- das Mißtrauen, und das Unglück hatte sich

in einer Stätte unter Thränen und Seufzern behaglich eingerichtet,

wo sonst nur das Glück, wenn auch mit harter Arbeit, seinen Wohnsitz

aufgeschlagen.

Der alte Baumann stand am Amboß wie gewöhnlich und formte mit kundiger

und geschickter Hand seine Arbeit; neben ihm arbeitete Karl mit den

Lehrlingen, und als Fritz zuerst in der Thür erschien, warf Karl seinen

Hammer hin, sprang auf ihn zu und reichte ihm treuherzig die rußige

Hand. Auch dem Vater zuckte es einmal im Arme, als ob er ein Gleiches

thun wolle. Da bemerkte er den eigenen Sohn, der hinter dem Pflegesohn

die Schwelle betrat, und er schlug in dem Augenblick auf die dünne,

rothglühende Stange, die er in der Zange hielt, mit solcher Gewalt ein,

daß er sie zu Fasern breit aus einander schmetterte.

Der Erbe: Roman. Dritter Band. · 第 3 / 6 题