Fritz ging auf ihn zu: »Vater, hast Du keinen Gruß für Deine Söhne?«

»Meine Söhne, Herr Baron?« sagte der alte Mann. »Ich _hatte_ einen,

aber...«

Er kam nicht weiter. Fritz hing an seinem Halse und küßte ihn. »Hab' ich

das verdient,« rief er dabei, »daß Du _mich_ Baron nennst?«

»Nein, zum Teufel, nein!« rief der alte Mann, den Hammer zu Boden

schleudernd und den Pflegesohn umarmend. »Sei mir nicht böse, Fritz, es

-- fuhr mir nur so heraus, und ich -- meinte den -- Andern,« setzte er

scheu hinzu.

»Und hat _er_ es verdient, Vater?« sagte Fritz vorwurfsvoll. »Haben sie

ihm da draußen in dem öden Schloß nicht seine ganze Jugend gestohlen?

Und wo er _Alles_ verloren, willst Du ihm selbst das vorenthalten, was

ihm allein noch gehört -- das Herz des Vaters und der Mutter?«

»Und der Mutter,« sagte der Alte düster -- »die ihn _verkauft_ hat --

wohl bekomm' die Liebe...«

»Vater, reich' ihm Deine Hand; er ist gut und brav geblieben trotz

alledem, und _wir_ Beide sind Brüder geworden. Wolltest Du Dich von ihm

lossagen? -- Hast Du selbst ein _Recht_ dazu?«

»Vater!« sagte Bruno leise und streckte ihm die Hand entgegen.

»Du hast recht, Fritz,« sagte der alte Mann, sich zornig mit dem oberen,

aufgekrämpten Theile des Aermels die Stirn wischend; »Scham, Schande

und Zorn haben mich ungerecht gegen Dich -- gegen ihn gemacht. Komm,

Unglückssohn,« fuhr er fort, ihm die Arme entgegenstreckend -- »komm,

sei mir nicht böse und vergiß den Empfang -- Du bist ja unschuldig, und

Gott mag es denen verzeihen, die so sündhaft, so schmählich sündhaft an

Dir gehandelt haben!«

»Mein Vater!« rief Bruno, und beide Männer hielten sich in heißer

Umarmung fest umschlossen.

»Und das ist Karl?« sagte Bruno, als er sich endlich wieder aus seinem

Arme wand und dem derben Burschen die Hand entgegenstreckte.

»Ja, Bruno,« sagte dieser treuherzig, »und will auch einen Kuß haben --

schwarz bist Du nun doch einmal auf der einen Seite. 's ist auch hübsch

von Dir, daß Dich der Titel nicht stolz gemacht hat, und wir wollen

schon gute Brüderschaft halten.«

»Und wo ist die Mutter?«

Die Brauen des Schlossermeisters zogen sich wieder finster zusammen, und

nur mit dem Daumen über die Schulter deutend, sagte er: »Dort hinten --

in der Küche.«

»Und darf ich zu ihr?«

»Ich führe Dich hin, Bruno!« rief Fritz, seine Hand ergreifend und ihn

mit sich fortziehend.

Und dort draußen saß sie verlassen und allein, verbannt aus den Räumen,

in denen sie sonst mit sorgender Hand gewirthschaftet, und nun, als ihr

Sohn, um den sie das Alles verschuldet und geduldet, zu ihr trat und sie

mit dem süßen, kaum gekannten Namen Mutter! rief, da flog sie empor, da

schlang sie die Arme um seinen Nacken und preßte ihn an sich, als ob sie

ihn nie im Leben wieder lassen wolle.

Fritz hatte sich zurückgezogen, um dieses erste Begegnen nicht zu

stören, und schritt zurück zum Vater. -- »Vater, zürnst Du der Mutter

noch?«

»Nein,« sagte der Mann finster; »weshalb auch -- ich habe nichts mehr

mit ihr zu thun.«

»Nichts mit ihr zu thun?«

»Nein -- nicht mehr -- in nächster Woche werden wir geschieden.«

»Vater!« rief Fritz erschreckt, »um Gottes willen nein -- das darf ja

nicht sein! Hat denn die arme Mutter nicht schon so viel ertragen?«

»Viel ertragen?« sagte der Mann finster. »Sie hat erst angefangen, und

mir indeß mein ganzes Leben vergiftet -- Du weißt, wie glücklich wir

zusammen gelebt haben,« fuhr er bewegt fort, »wie nie ein böses Wort

unter uns gefallen. Ich habe die Frau auf Händen getragen, immer und

immer, und nie glauben wollen, daß es eine bessere Ehe auf Erden geben

könne, als die unsere. Das ist jetzt Alles vorbei; denn nicht allein,

daß sie mich einmal betrogen hat -- das hätte ich ihr vielleicht

verziehen --, aber sie hat den Betrug beinahe ein Menschenalter durch

fortgeführt. Jedes freundliche Lächeln, das ich von ihr in der langen

Zeit gesehen, war gelogen -- jeder Kuß, jeder Händedruck ein Betrug, und

wie das mein Herz mit Gift und Galle überfüllt hat, da es endlich einmal

zu einem Ausbruch kam und kommen mußte, kann ich Dir nicht sagen. Ich

habe mir selber über das Gefühl Vorwürfe gemacht,« fuhr er rasch fort,

als er sah, daß Fritz etwas entgegnen wollte; »ich weiß, daß es nicht

christlich ist; ich habe mit selber gesagt, sie ist Dir die langen Jahre

eine treue Gattin, Deinen Kindern eine gute Mutter gewesen, und der

eine Fehltritt war schlimm, aber der liebe Gott wird ihr schließlich

verzeihen, so thu' Du es auch -- es ging nicht. Ich weiß, daß ich mich

selber damit unglücklich mache, mein ganzes Leben lang, aber ich kann's

nicht ändern. Ich habe es nicht verdient, aber ich muß es tragen, und --

werd's auch mit der Zeit tragen lernen.«

»Und der Mutter willst Du die Kinder, den Kindern die Mutter nehmen?«

»Sie hat das Nämliche gethan,« sagte der alte Mann finster; »sie mag

jetzt büßen, was sie damals verbrach. Rede mir nichts weiter davon,

Fritz -- Du kennst mich zur Genüge und weißt, daß Widerspruch mich nur

eher in meinen Vorsätzen befestigt, aber nie im Leben davon abbringen

kann. Da sieh,« fuhr er fort, indem er die Thür des kleinen Wohnzimmers

neben der Werkstätte aufstieß -- »da haus' ich jetzt, das ist meine

Heimath, wenn ich des Abends von der Arbeit so müde bin, daß ich die

Knochen nicht mehr rühren kann -- da steht jetzt mein Bett, und dort

schlaf' ich allein -- wie ein alter Junggeselle, der ich wieder geworden

bin.«

»Und die Mutter?«

»Hat das Schlafzimmer neben der Küche, wo sie mit der Else ist, bis --

die Scheidung einmal geregelt ist. Es dauert immer so lange, ehe man's

fertig bringt, und der Staatsanwalt Witte wollte erst gar nicht dran.

Jetzt hat er mir versprochen, es zu beeilen. Er weiß auch am besten mit

allen Wegen und Formen, die man bei solchen Sachen zu beobachten hat,

Bescheid und hat mir zugestehen müssen, daß dieser Fall hinreichenden

Grund zur Scheidung gäbe.«

»Und was werden die Leute in Alburg sagen?«

»Gerade damit die nichts sagen _können_, laß ich mich scheiden,« trotzte

der Alte. »Glaubst Du denn, daß auch nur ein Dienstmädchen durch die

Stadt liefe, das nicht stehen bliebe und uns nachsähe, wenn ich wieder

mit Deiner -- Pflegemutter ausginge? Nein, wahrhaftig nicht -- wir wären

das Gespött und der Klatsch der ganzen Stadt, und so lange ich das noch

vermeiden kann, werde ich mich ihm gewiß nicht muthwillig aussetzen.

Aber, was ich Dich fragen wollte, Fritz: was gedenkt der -- Herr

Lieutenant jetzt zu thun?«

»Vater!«

»Gut -- der Bruno also, wenn Dir das besser klingt. Was hat er gelernt,

womit er sich hier sein Brot verdienen würde? Denn daß er bei mir als

Lehrling in die Werkstatt eintreten möchte -- was das Natürlichste

wäre --, kann ich mir doch nicht denken.«

»Er will nach Amerika, Vater.«

»Nach Amerika?« sagte der Alte, still vor sich hin mit dem Kopf nickend.

»Der Gedanke ist nicht so unrecht, und ich -- ich wollte, ich wäre auch

drüben, denn hier in Deutschland werde ich doch nicht mehr froh. Hol's

der Teufel,« setzte er hinzu, indem er seinen Hammer wieder aufgriff und

eine neue Eisenstange in's Feuer schob, »ich wollte, ich wäre todt

und läg' draußen unter dem kühlen Rasen, um nur einmal eine Weile

ausschlafen zu können von all' dem Grübeln und Denken, das Einem die

Stirn bald auseinander reißt! Aber da kommt der Bruno wieder -- nimm

ihn mit fort, Fritz -- mir ist jetzt so wunderlich zu Muthe -- ich muß

meinen Ingrimm erst eine Weile an dem Eisen auslassen, nachher wird's

besser -- nimm ihn mit fort.«

Fritz kannte den Vater zu gut, um nicht zu wissen, daß er recht hatte.

In solcher Zeit war es am besten, ihn allein zu lassen; sein ruhiger

Verstand und sein gutes Herz arbeiteten sich dann vielleicht wieder an

die Oberfläche; wurde aber von außen gestört, so loderte der heimlich

genährte Aerger auch oft lichterloh empor, und man verdarb jedenfalls

weit mehr, als man nützte. Sobald Bruno deshalb die Werkstatt wieder

betrat, nahm er ihn unter den Arm und führte ihn der Thür zu.

»Wir kommen wieder, Vater!« rief er dem Alten zu, »Bruno hat noch

Einiges zu besorgen, und ich auch -- auf Wiedersehen -- Adieu, Karl!«

Ein Wink für Bruno, und dieser folgte ihm vor die Thür, wo ihm Fritz

die Ursache ihres raschen Abschieds mit wenigen Worten erklärte. »Und wo

willst Du jetzt hin?«

»Den schwersten Gang von allen thun,« sagte Bruno leise. »Aber frage

mich nicht, wenigstens nicht jetzt -- morgen sollst Du Alles wissen,

morgen seh' ich Dich auch noch, um Abschied von Dir zu nehmen. Du kommst

doch in die Stadt? Ich möchte Wendelsheim nicht wieder betreten...«

»Gewiß -- und Du willst wirklich fort?«

»Ich muß. Glaubst Du, daß ich es hier ertragen könnte, zu leben, wo ich

jede Stunde einem früheren Kameraden begegnen und dann die kalten oder

gar höhnischen Blicke ansehen müßte? Nein -- nur über dem Meer drüben

giebt es noch eine Heilung für mich. Und jetzt lebe wohl, denn den Weg,

den ich heute zu gehen habe, muß ich allein gehen.«

Er hatte sich von dem Arm des jungen Mannes losgemacht und schritt

langsam und schweren Herzens die Straße nieder. Aber es mußte sein, und

er sich jetzt, wie er von Stand und Reichthum losgerissen worden, auch

noch von dem Letzten losreißen, was ihm geblieben -- von seiner Liebe.

Seine Bahn war schnurstracks dem Hause Salomon's zu, das er jetzt seit

Wochen, seit er das Furchtbare erfahren, nicht mehr betreten. Er

mußte noch einmal dorthin, um Abschied zu nehmen, um Rebekka ihr Wort

zurückzugeben. Ja, einmal hatte er mit Stolz geglaubt, die Geliebte zu

sich emporheben, sie mit Rang und Glanz umgeben zu können und keck dabei

den Vorurtheilen seines Standes zu trotzen -- das war vorbei. Er, der

arme, pfenniglose Wanderer, der Sohn eines armen Handwerkers, konnte

nicht mehr um die Tochter des reichen Juden freien, ja, Salomon selber

würde sich geweigert haben, sie ihm zu geben und sein Kind mit ihm in

die Fremde hinausziehen zu lassen. Also vorwärts! Mit seinem Entschluß

war er im Reinen, und jetzt galt es ja nur, dem Schweren noch das

Schwerste beizufügen; dann war Alles überstanden.

Wie in einem Traum schritt er aber heute durch die Judengasse, wie in

einem wüsten, bösen Traum; er hob die Augen nicht vom Boden, und nur das

Summen, Schreien und Toben, das Lachen und Kreischen der Kinder hörte

er, als er hindurchschritt, wie aus weiter Ferne.

Jetzt hatte er Salomon's Laden erreicht und sah zu seinem Erstaunen

den Alten emsig beschäftigt, einen Theil seiner Sachen zu ordnen, einen

andern einzupacken, und viele Kisten standen schon theils zugenagelt,

theils noch offen in dem Raum umher. Der alte Mann war auch nicht

allein; seit jenem Mordanfall hatte er den dunkeln Laden nie wieder

allein betreten und immer zwei Leute bei sich, damit, wenn er Einen

fortschicken mußte, wenigstens Einer bei ihm blieb. Diese halfen ihm

jetzt auch beim Packen. Kaum aber hörte er einen fremden Schritt und

erkannte, sich danach umdrehend, Bruno, als er, erschreckt emporfahrend,

ausrief:

»Gott der Gerechte, der Herr Baron! Ist er doch endlich gekommen, und

wie ist mir geworden die Zeit so lang in der langen Weile!«

»Lieber Salomon....«

»Warten Sie einen Augenblick, Herr Baron -- Ihr Beiden,« wandte er sich

dann an die Arbeiter, »hört für heute auf; werden wir doch nicht fertig

in einem Tag oder in einer Woche. Macht mir den Laden zu vorn und zieht

mir den Schlüssel hübsch ab -- und das Hofthor auch; wir werden gleich

hinaufgehen, Herr Baron, kann Ihnen dann auch Ihre Quittung geben

über Alles. Vor einer Stunde war der Mann hier, hat mir das ganze Geld

gebracht, Capital und Zinsen, bei Heller und Pfennig. Ein nobler

Herr, ein sehr nobler Herr, der Herr Staatsanwalt Witte -- hätte aber

wahrhaftig eine solche Eile nicht gehabt. Ich konnte warten, und würde

auch mit Geduld gewartet haben -- noch so lang.«

»Ihr wißt Alles, was vorgegangen ist, Salomon?«

»Soll ich nicht wissen, was die ganze Stadt weiß,« sagte der alte Mann;

»die Kinder sprechen davon auf der Straße und die Mädchen am Brunnen.

Es war ein trauriger Fall für die Frau Mutter. Soll ich leben -- ich

begreif's nicht -- sind jetzt auf einmal in die Verwandtschaft gekommen

-- Ihr Herr Onkel hat mir den Hieb über den Kopf gegeben....«

»Lassen wir das, Salomon,« sagte Bruno mit einem schweren Seufzer, denn

es war ihm furchtbar, das Entsetzliche gerade in diesem Augenblick noch

einmal durchzuleben. »Ich freue mich, daß das Geld von dem jetzigen

Erben so gewissenhaft ausgezahlt ist -- ich selber wäre es nicht im

Stand gewesen.«

»Ein Kunststück,« sagte der alte Mann, »wenn man eine halbe Million so

mit Einem Schlag verliert -- vor dem Mund weg.«

»Das also drückt mich wenigstens nicht mehr,« fuhr Bruno fort, »und nur

noch Eins bleibt mir zu thun übrig, Salomon -- Euch erstlich für alles

Liebe und Gute zu danken, was Ihr mir gethan, und dann -- Abschied zu

nehmen von Euch und Eurer Familie -- von Rebekka.«

»Abschied -- wie haißt?« sagte der alte Mann, der aber in vortrefflicher

Stimmung zu sein schien. »Sie wollen doch nicht fort von Alburg, Herr

Baron?«

»Und weshalb nennt Ihr mich noch immer Baron?«

»Gott der Gerechte, wenn ich Ihnen jetzt auf einmal sagte, ich heiße

nicht Salomon, ich heiße Isaak -- würden Sie nicht immer zu mir sagen:

Wie geht's, Salomon? und nicht: Wie geht's, Isaak? -- Es liegt einmal

auf der Zunge, und wenn man spricht, fährt's heraus.«

»Aber ich bin kein Baron mehr und -- bin es nie gewesen.«

»Wenn das das größte Unglück wäre, was Sie betroffen hat, man könnt's

ertragen. Aber wo wollen Sie hin, daß Sie kommen, um Abschied zu

nehmen?«

»Nach Amerika, Salomon,« sagte Bruno entschlossen. »Ich bin jetzt

arm, habe nichts mehr, und muß mir nun selber eine Existenz zu gründen

suchen. Früher wäre ich stolz darauf gewesen, Rebekka die Meine nennen

zu können -- jetzt bin ich hergekommen, um ihr das mir gegebene Wort

zurückzubringen; ich darf ihr Schicksal nicht an das eines Heimathlosen

binden. So laßt mich noch einmal zu ihr hinaufgehen -- es ist das letzte

Mal --, noch einmal ihr in das gute Auge schauen und ihre Hand drücken,

dann bin ich frei und -- werde Euch nicht mehr lästig fallen.«

»Was das für a Red' ist,« sagte der alte Mann, »lästig fallen! Der Herr

Baron -- wollt' ich sagen: Herr Baumann -- wissen recht gut, daß Sie uns

nicht lästig gefallen sind. Aber wir wollen hinaufgehen; der Laden

ist zu -- muß nur einmal nachsehen, ob das nichtsnutzige Volk seine

Schuldigkeit gethan. So, Alles in Ordnung; jetzt werd' ich hier

zuschließen, und nun kommen Sie, Herr Baron -- wollt ich sagen: Herr

Baumann --, daß wir noch einmal zur Rebekka gehen, ehe Sie reisen nach

Amerika -- Gott soll's behüten, Amerika -- und das viele salzige Wasser

dazwischen -- das wird eine Reise werden!«

Bruno erinnerte sich gar nicht, den alten Mann je so gesprächig gesehen

zu haben, wie heute; aber das eigene Herz war ihm zu schwer, um viel

darauf zu achten. Wie schwer wurden ihm die Füße, als er jetzt die

Treppe hinaufstieg, die er sonst so oft mit wenigen Sätzen überflogen --

fast so schwer als damals, da er Rebekka bitten wollte, sein Ehrenwort

einzulösen, und doch die Bitte dann nicht über die Lippen brachte. Heute

_mußte_ er reden, hier half kein Zögern mehr, denn die Würfel waren

gefallen, und Salomon schien ja auch seine Reise nach Amerika ganz

in der Ordnung zu finden. Was blieb einem armen, aus seiner Carrière

gerissenen Menschen überhaupt anders übrig, als das Vaterland zu meiden

und in einer neuen Welt ein neues Leben zu beginnen!

Jetzt waren sie oben. Salomon öffnete mit seinem kleinen Schlüssel die

äußere Saalthür, schloß sie dann wieder und hing die Kette vor. Dann

aber lachte er und rief: »Rebekkche, Rebekkche! Wir haben ihn gefangen

-- hier ist er!«

Drinnen in der Stube ertönte ein Freudenschrei, die Thür flog auf und

Rebekka weinend, jauchzend in Bruno's Arme.

»So,« rief der alte Mann, »das wird ein ordentlicher Abschied, fangen

gleich damit an! Soll ich leben und gesund sein, wenn ich's mir nicht

gedacht habe!«

Und jubelnd zog das junge, blühende Mädchen den Geliebten in die Stube

hinein, und an seinem Halse weinte und lachte sie, daß er so lange, so

ewig lange fortgeblieben, und dankte ihm, daß er jetzt wiedergekehrt

wäre und die Sorge von ihrer Seele genommen hätte. Bruno wollte

sprechen, aber er kam gar nicht zu Worte. Mit ihren Küssen erstickte sie

das Schwere, das er zu sagen hatte, und doch nur schwerer wurde es ja

gerade durch dieses Zögern, durch diese Liebkosungen, die ihm das Glück,

das er im Begriff war, von sich zu stoßen, nur wieder mit all' seinem

unwiderstehlichen Zauber um die Seele flochten.

Der Vater und die Mutter standen dabei. Da streckte Bruno endlich die

Hand nach ihm aus und bat den alten Mann: »Sprecht Ihr mit ihr, Salomon

-- ich kann es ja nicht! Ihr wißt Alles -- o, bitte, sagt ihr, was mich

hergeführt!«

»Gut,« nickte Salomon vergnügt, »werd' ich sprechen, und nun, Rebekkche,

wirst Du zuhören, was Dir der Herr Baron -- wollt' ich sagen: der Herr

Baumann -- mitzutheilen hat. Als er aber ist gekommen, um Abschied zu

nehmen, weil er nach Amerika will, muß er gerathen sein in ein falsches

Haus, denn da wir auch nach Amerika gehen und die Reise also zusammen

machen, braucht man nicht zu nehmen Abschied -- es ist kein Verstand

darin....«

»Aber, Salomon....«

»Außerdem will er zurückgeben dem Rebekkche ihr Wort, was sie ihm hat

gegeben als Baron -- wie haißt? Hat sie ihn dabei genannt Baron oder

Bruno, bei seinem Vornamen? Nun, den Bruno hat er doch behalten, muß er

nicht auch behalten das Wort?«

»Aber, Salomon....«

»Und als er ist nicht mehr Erbe von eine halbe Million -- mit Abzug der

Kosten --, ist er auch nicht mehr Baron, und die Sache wird sich heben.

Dem _Baron_ hatte ich mein Jawort gegeben -- ja, aber mit wie schwerem

Herzen -- der Himmel weiß es, denn ich sah nichts als Unglück darin für

mein Kind -- Demüthigung und Thränen und Zank in der Familie, wo soll

sein einig und Ein Herz und Eine Seele! Jetzt hat er abgeschüttelt den

Baron, und nun ist er der einfache Bruno Baumann, der Sohn von'm braven

Mann, dem Schlosser Baumann, und als das Rebekkche an ihm hängt mit

ihrem ganzen Herzen und sich zu Tode härmen würde, wenn sie ihn sollt'

verlieren, und als er bewiesen hat, daß er ist ein braver Mann wie sein

Vater, der alte Schlosser Baumann, und _kein_ Baron -- Soll ich leben,

mir geht der Odem aus -- so wollen wir machen kurzen Proceß und sagen:

der Gott unserer Väter segne den Bund Eurer Herzen -- seid glücklich und

macht uns alte Leute auch glücklich in Eurem Glück!«

»Aber, Salomon,« rief Bruno, betäubt von der auf ihn einstürmenden

Seligkeit, »ich bin arm, blutarm, und nicht im Stande, eine Frau zu

ernähren!«

»Wie haißt?« sagte Salomon. »Sie sind jung und geschickt und ein Meister

auf dem Instrument -- Amerika ist ein freies Land -- glauben Sie,

daß sich in einem freien Land ein junger, geschickter Mensch nicht

durchbringen kann _mit_ seiner Frau? Und sollt' es wo fehlen, hat der

alte Salomon nicht Geld genug und nur ein einziges Kind, was er will

glücklich machen, wenn's in seinen Kräften steht?«

»Und Ihr wollt Alle fort?«

»Alle,« sagte der alte Mann jetzt plötzlich ernst; »es ist kein Boden

hier für uns, und seit dem letzten Raubanfall hab' ich das Vertrauen zu

der Stadt verloren, in der ich heimisch war. Ich kann den Laden nicht

mehr betreten ohne Furcht und Grauen, ich sehe immer den kleinen Mann

hereinkommen, und seine häßlichen, stechenden Augen. Wir gehen mit dem

nächsten Schiff. Viel von meinen Sachen hab' ich schon hier verkauft

-- Manches billig, Manches theuer -- viel nehm' ich mit. Als es ist ein

neues Land, brauchen sie Antiquitäten; der alte Salomon kommt nicht zu

kurz. Sie aber, Herr Baron -- wollt' ich sagen: Herr Baumann --, Sie

meinen jetzt, Sie wollen dem Rebekkche ihr Wort zurückgeben, und ich

soll mein Kind mit nach Amerika nehmen und soll sehen, wie es sich

abhärmt und grämt und weint, blos weil Sie nicht mehr sind Baron -- hat

sie das um Sie verdient?«

»Rebekka,« rief Bruno in jauchzender Seligkeit, »ist es wahr, Mädchen?

Du stößt den armen, schlichten Sohn eines Handwerkers nicht zurück? Du

willst Dein Geschick an das seine ketten?«

»Dein bin ich, Bruno!« rief das schöne Mädchen, in Glück und Liebe

erglühend und ihn fest umschlingend. »Dein für immer, Dein in Freud' und

Leid -- bis in den Tod!«

»Rebekka -- meine Rebekka!«

»Gott der Gerechte, was ein Abschied!« sagte Salomon.

11.

Eine Scheidung.

Drei Tage waren nach den oben beschriebenen Vorgängen verflossen, als

der Schlossermeister Baumann eines Morgens zu dem Staatsanwalt Witte kam

und ihn dringend bat, die Scheidung mit seiner Frau zu betreiben, da

er willens sei, Alburg zu verlassen, und nicht mit dem Gefühl fortgehen

möge, noch eine Frau da zu haben. Er hätte mit seiner Frau, wie er

sagte, gesprochen, und sie füge sich in Alles; nur an Einem Punkt hänge

es, an dem jüngsten Kinde, das noch nicht ganz sieben Jahre alt sei und

das die Mutter nicht hergeben wolle. Mit dem siebenten Jahre, das wisse

er wohl, gehöre es sein; aber er könne und wolle nicht so lange warten

und bäte deshalb den Staatsanwalt, das zu vermitteln.

»Sie sind ein alter Starrkopf, Baumann,« sagte Witte ernst. »Hat die

arme Frau nicht schon genug ertragen und ausgestanden und wollten Sie

Ihr auch noch den letzten Schmerz hinzufügen?«

»Ich kann das Kind nicht zurücklassen, Herr Staatsanwalt,« sagte der

Schlossermeister, »es ist meine ganze Seele; und die Mutter -- es wird

nicht so schlimm sein, als sie jetzt es denkt. Hat sie sich von dem

ersten Kinde, an dem jede Mutter mit ihrem ganzen, vollen Herzen hängt

und lieber den letzten Blutstropfen hergäbe, ehe sie es missen möchte,

trennen können, so wird es ihr bei dem letzten auch nicht so schwer

werden. Sie soll auch keine Noth leiden; ich lasse ihr das Haus und

Alles, was ich an Vermögen habe, nur die Reisekosten abgerechnet.

Ich will mit meinen Jungen nach Amerika; der Bruno geht auch mit und

heirathet des alten Salomon Tochter. Mir ist's auch recht, denn ich

kenne den alten Salomon als eine treue, ehrliche Seele, die mehr

christliches Gefühl für ihre Mitmenschen hat, als mancher Christ. Von

dem, was ihr bleibt, kann sie also recht gut leben, wenn sie das Kind

nicht mit zu versorgen hat, und deshalb wär' es nur vernünftig, daß sie

sich fügte.«

»Also sie weigert sich, das Kind herauszugeben?«

»Sie weigert sich gerade nicht,« sagte der Mann finster, »aber sie weint

und jammert den ganzen Tag, daß ich ihr doch nur das Eine lassen möchte,

wenn ich ihr alles Andere wegnehme, und zwingen möcht' ich sie gerade

nicht, kann aber auch das Kind nicht missen.«

»Und was soll _ich_ dabei thun?«

»Ihr zureden, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister. »Ich kann

nicht reden -- entweder werde ich zornig oder weichmäulig, und das paßt

Beides nicht. Sie verstehen das aber besser, es ist ja auch Ihr Amt

und Geschäft. Sie können ihr die Sache aus einander setzen und ihr klar

machen, daß die Kinder zum Vater gehören; mir glaubt sie's nicht und

bringt dann so hochstylige Redensarten hinein, daß ich gar nicht weiß,

was ich ihr darauf erwiedern soll -- und das paßt mir nicht.«

»Gut,« sagte Witte, »dann bringen Sie Ihre Frau mit her. Sie wollen doch

nur, was recht ist, nicht wahr?«

»Gott soll mich behüten, daß ich je 'was Anderes wollte!«

»Schön, dann hoffe ich Alles in Ordnung zu bringen. Ihre Frau ist ja

auch vernünftig und sonst gut und brav.«

»Das ist sie,« nickte der Schlosser, »und war es mir die langen Jahre

hindurch, bis auf den Einen Tag, die Eine Stunde, die unser Aller Glück

zerstört und zum Fenster hinausgeworfen hat.«

»Und doch wollen Sie sich von ihr scheiden lassen?«

»Ich habe es einmal gesagt, und jetzt muß es sein -- es geht nicht

anders!«

»Gut. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und meine Pflicht wohl,

Ihnen abzurathen, aber zwingen kann ich Sie nicht; also bringen Sie mir

die Frau. Aber noch Eins, auch das kleine Mädchen muß dabei sein, damit

gleich Alles abgemacht wird.«

»Das Kind -- die Else?«

»Gewiß.«

»Lieber wär's mir, sie hörte gerade nicht, was wir mitsammen

verhandeln.«

»Schämen Sie sich vor dem Kinde?«

»Schämen? Zum Teufel, nein; ich brauche mich vor keinem Menschen zu

schämen, am wenigsten vor meinem eigenen Kind!«

»Nun gut, dann bleibt es dabei. Wann wollen Sie kommen?«

»Je eher die Geschichte abgemacht ist, desto besser,« sagte der Mann,

»denn ich halt's so nicht mehr lange aus, und selbst der Karl fängt

mir an zu flennen -- da muß ein Ende dran. Ich hol' sie auf dem Fleck,

wenn's Ihnen recht ist.«

»Mir ist's recht, Baumann, ich werde zu Hause sein. Also sonst haben Sie

sich über Alles mit ihr vereinigt?«

»Ueber Alles; es war auch nicht schwer. Sie hat kein Wort dazu gesagt

und war mit Allem einverstanden. Es liegt auch nicht in ihrer Natur, zu

widersprechen.«

»Schön, dann holen Sie Ihre Frau und das Kind; ich hoffe, daß wir rasch

damit in Ordnung kommen.«

»Gott gebe es!« flüsterte der Mann und schritt starr und eisern aus der

Thür hinaus und seiner eigenen Wohnung zu.

Witte ging indessen in seine eigene Wohnung hinüber, um dort ein wenig

zu frühstücken. Als er das Zimmer seiner Frau betrat, stand diese am

Fenster und sah auf die Straße hinaus.

»War nicht eben der alte Baumann bei Dir?«

»Ja, mein Schatz.«

»Was wollte er denn?«

»Sich scheiden lassen von seiner Frau,« lautete die kurze Antwort.

»Von seiner Frau -- wegen der Geschichte?«

»Allerdings.«

»Da hat er recht,« sagte die Frau Staatsanwalt mit Emphase, »das

verdient sie nicht besser!«

»So?« sagte Witte und blickte Ottilie, die mit einer Arbeit

beschäftigt am Fenster saß, scharf an. Das Mädchen sah abgehärmt und

niedergeschlagen aus; aber desto mehr blühte dafür die Mutter und hatte

sich mit Bändern, Schleifen und Locken ordentlich herausgeputzt. »So?«

wiederholte Witte noch einmal. »Und was hat die Frau denn eigentlich

gethan, wenn ich fragen darf?«

»Was sie gethan hat?« rief im höchsten Erstaunen und sich rasch nach ihm

umwendend die Frau Staatsanwalt. »Nun, das nehme mir aber kein Mensch

übel -- und das fragst Du mich? Weiß nicht die ganze Stadt, daß sie ihr

eigenes Kind hergegeben hat, um es vornehm und adelig zu machen, und

hätte sie für eine solche Unnatürlichkeit nicht eigentlich das Zuchthaus

verdient?«

»Und was hast Du gethan, Therese?« sagte Witte, indem er ihr recht ernst

und fast wehmüthig in's Auge sah. »Hast Du Dein Kind nicht auch hergeben

wollen, um es recht vornehm und adelig zu machen?«

»Aber Witte!«

»Hast Du ihr nicht schon seit Jahren mit Deinen albernen Reden, wie

vornehm sie sei und was weiß ich Alles, und was für eine gute Partie

sie einmal machen müßte, das Ohr und Herz vergiftet, daß ich, wenn

ich beschwichtigen und dämpfen wollte, nur immer hinter dem Rücken

ausgelacht und verspottet wurde? Dein Vergehen war allerdings

nicht criminalrechtlicher Art; Du thatest nur, was tausend andere,

unvernünftige Mütter ebenfalls thun -- Du pflanztest einen Span von

dem Sparren, den Du selber im Kopfe trägst, in Deiner Tochter Herz, und

jetzt hast Du die erste Strafe dafür -- und sie auch; aber ich fürchte

fast, die Lection wird noch nicht scharf genug gewesen sein.«

»Du phantasirst wohl heute Morgen?« sagte seine Frau, den Kopf

verächtlich zurückwerfend.

»Die Phantasie ist dann ziemlich realistisch. Fritz Baumann, ein braver,

tüchtiger und anständiger Mann, der Ottilie liebte, wurde mit Hohn und

Verachtung abgewiesen, weil sich die Frau Mutter einbildete, der Erbe

von Wendelsheim bewerbe sich um sie. Die Sache hat sich jetzt gewandt;

aus dem Fritz Baumann ist der Erbe von Wendelsheim geworden und....«

»Wenn sie _den_ haben wollte,« sagte die Frau Staatsanwalt, »könnte sie

ihn noch alle Tage kriegen.«

»Und hat sich neulich,« fuhr Witte ruhig fort, »mit jener armen Waise

auf dem Schlosse, Kathinka von Stromsee, verlobt.«

»Verlobt?«

»Allerdings, während der frühere Lieutenant von Wendelsheim, jetzt Bruno

Baumann, die wunderschöne Tochter des alten Salomon heirathet und mit

ihm und den Seinigen nach Amerika geht.«

»Nun, und was interessirt das _uns_?« fragte die Mutter.

»Sieh Deine Tochter an und frage sie, ob es sie interessirt,« sagte

Witte finster. »Mit bescheidenen Ansprüchen ist es vielleicht möglich,

daß sie noch ein treues Herz, wie es ihr Fritz Baumann brachte, findet,

um ihr Schicksal zu theilen, aber mit Deinem jetzigen Wahnsinn nicht;

und wer die Schuld daran trägt, wenn sie einmal allein und freudlos

durch's Leben gehen muß, das warst Du mit genau demselben Hochmuth, der

jene arme Frau zum Kindertausch trieb.«

»Du bist unausstehlich heute, Witte!«

Der Staatsanwalt seufzte recht aus tiefster Brust und sagte kein Wort

weiter. Eher hätte sich seine Frau, das wußte er gut genug, die Zunge

abgebissen, ehe sie eingestand, daß sie Unrecht gehabt; aber möglich ja

doch, daß die Warnung Wurzel in dem Herzen der Tochter schlug. Er konnte

nichts weiter dabei thun und ging wieder in sein Arbeitszimmer hinüber,

um dort die Familie Baumann zu erwarten.

Baumann war auch schon unterwegs. Er selber ging voran, die Frau hinter

ihm her und hatte fast krampfhaft das Handgelenk der Kleinen mit

ihren dünnen Fingern umschlossen. Sie trug ein einfach dunkelblaues

Kattunkleid _ohne_ Crinoline, ein weißes Tuch um den Hals und eine weiße

Haube auf und ging mit niedergeschlagenen Augen den ganzen Weg. Sie

wußte ja recht gut, daß sie von allen Menschen angesehen wurde, wußte

auch, weshalb, und Scham und Schmerz drückten sie fast zu Boden nieder.

Jetzt hatten sie das Haus des Staatsanwalts erreicht, ohne unterwegs

auch nur Eine Silbe mit einander zu sprechen. Der Mann ging vorauf,

langsam und finster, die Frau folgte ihm mit dem Kinde; aber sie hatte

es auf und in den Arm genommen und bedeckte es hinter dem Rücken des

Gatten mit ihren Küssen -- es waren vielleicht die letzten, die sie

ihm ja im Leben gab. An der Thür klopfte er an und trat ein; die Frau

schritt hinter ihm her, als ob sie zur Richtbank geführt würde.

»So, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, als sie durch die Schreiberstube

hindurch das hintere Zimmer betreten hatten, »hier ist die Frau, und die

Else haben wir auch mitgebracht; und nun seien Sie so gut und reden Sie

mit ihr, daß wir mit der Geschichte zu Stande kommen -- ich habe das

ewige Hin- und Herzerren satt.«

Der Mann sah mürrisch aus, die Frau still und ergeben in Alles, was man

über sie verfügen würde.

»Nun, liebe Frau,« begann Witte -- »bitte, nehmen Sie sich den Stuhl,

denn Sie scheinen müde zu sein und wir werden vielleicht nicht sogleich

fertig --, die Hauptsache ist, ob Sie in die Trennung von Ihrem Mann

gewilligt haben, denn ich glaube, daß in diesem Fall das Gericht das von

Ihnen verübte Vergehen als hinlänglichen Scheidungsgrund ansehen würde.«

»Ja,« sagte die Frau leise, ohne die Augen vom Boden zu nehmen, »mein

Mann hat seit dem Unglückstag einen Haß auf mich geworfen, und er würde

nie wieder glücklich mit mir leben können. Ich will nicht an seinem

Unglück schuld sein; er ist gut und brav und muß für die Kinder sorgen.«

»Sie sind also auch mit dem zufrieden, was er Ihnen, wenn er fort geht,

zu Ihrem Lebensunterhalt läßt?«

»Ich brauche es nicht Alles -- ich werde sehr eingeschränkt leben --

ich brauche für mich nur sehr wenig und gehe auch jedenfalls, wenn mich

Jemand aufnehmen will, wieder in Dienst -- vielleicht als Warte- oder

Krankenfrau.«

Witte sah Baumann an; der Mann stand aufgerichtet, die Brauen fest

zusammengezogen, die Zähne auf einander gebissen, und starrte finster

vor sich nieder.

»Also scheint ja so weit Alles geregelt,« meinte der Staatsanwalt, »und

die Sache wird keine großen Schwierigkeiten haben. Nur sagt mir Ihr

Mann, daß Sie ihm das jüngste Kind -- die Kleine da ist's, nicht wahr?«

»Ja, Herr Staatsanwalt,« flüsterte die Frau, aber so leise, daß er die

Worte kaum verstand.

»Daß Sie ihm also das Kind nicht überlassen wollen, und das Gesetz

spricht dem Vater dasselbe allerdings erst im siebenten Jahre zu.

Glauben Sie aber nicht, daß es für das Kind selber besser ist, wenn es

unter der starken Leitung des Mannes erzogen wird?«

»O Du lieber Gott,« seufzte die Frau, »es ist noch so jung; es bedarf

noch so der Pflege der Mutter und hängt so mit ganzer Seele an mir...!«

»Und an mir auch,« sagte Baumann düster; »nicht wahr, Else, Du hast

Deinen Vater lieb?«

»O, so lieb!« flüsterte die Kleine, die bis jetzt scheu den Worten

gelauscht hatte und wohl gar noch nicht recht verstand, um was es sich

hier eigentlich handle.

»Wäre es denn da nicht besser, Baumann,« sagte Witte, »daß Sie

wenigstens das halbe Jahr noch hier in Deutschland blieben? Das Kind ist

dann so viel älter und es könnte nachher gar keine weitere Uneinigkeit

stattfinden.«

»Es geht nicht, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister, »es geht

wahrhaftig nicht! Mir brennt der Boden hier unter den Füßen, denn

kein Mensch hat mir je im Leben etwas nachsagen können; ich habe

meine Pflicht und Schuldigkeit gethan wie ein Mann, und keine Seele

übervortheilt und geschädigt, und trotzdem jetzt, wo ich mich irgendwo

sehen lasse, bleiben die Leute stehen, deuten mit Fingern auf mich und

sagen: Da, das ist der Schlosser, dessen Frau die Kinder vertauscht hat,

und sein Sohn ist der Baron von Wendelsheim! -- Das ertrag' ich nicht

länger; es frißt mir das Herz ab, und ich komme mir immer so vor, als ob

ich am Pranger stände.«

Die Frau hatte ihr Gesicht in den Händen geborgen und weinte still, und

Else schmiegte sich furchtsam an sie.

»Aber Ihre Frau hat auch viel, recht viel ausgestanden die langen Jahre

hindurch,« sagte Witte, »und eigentlich Strafe genug für ihr Vergehen

erlitten. Wenn sie nun auch das letzte Kind hergeben soll...«

»Und wollen Sie, daß ich die Strafe dafür erleide?« beharrte der Mann.

»Das Kind ist mein ganzes Leben; wenn ich den ganzen Tag schwer und hart

gearbeitet habe, ist es meine einzige Erholung, daß ich die Kleine

auf den Schooß nehme und mir von ihr vorplaudern lasse. Wenn ich das

entbehren müßte, würd' ich verrückt -- und die Else selbst, sie freut

sich den ganzen Tag auf die Zeit.«

»Ja, liebe Frau,« sagte Witte, »wenn das Kind so an dem Vater hängt,

würde ich Ihnen selber rathen, es ihm zu überlassen. Sie sind ja dann

auch jeder Sorge für dasselbe überhoben, und ich weiß außerdem gar

nicht, wie Sie es sich hier einrichten wollten, wenn Sie wieder in

Dienst gehen, denn Sie müßten doch die Kleine in der Zeit sich selber

überlassen.«

»Sie braucht nicht in Dienst zu gehen,« sagte finster der Mann, »sie hat

so viel, daß sie davon, mit ein bischen Arbeit nebenbei, leben kann; und

ich möchte auch nicht, daß sie wieder in Dienst ginge. Es paßt nicht,

und sie -- würde sich auch nicht glücklich darin fühlen.«

»Glücklich,« seufzte die Frau leise.

»Ja, Leutchen, damit kommen wir nicht zum Ziel,« sagte der

Staatsanwalt, dem die arme Frau von Herzen leid that, der aber auch den

Schlossermeister viel zu genau kannte, um ihm direct zu widersprechen;

er hätte dadurch jedenfalls viel mehr verdorben, als gut gemacht. »Auf

die Weise können wir noch eine Stunde hin und her reden und bleiben auf

demselben Fleck. Ich will Euch deshalb einen Vorschlag machen. Das Kind,

so jung es ist, hat doch auch eine Stimme; Sie, Baumann, behaupten,

daß es mit voller Liebe an Ihnen hängt, ebenso die Mutter. Die Mutter

_hätte_ das Recht, die Kleine noch etwa ein halbes Jahr bei sich zu

behalten, dann müßte sie es doch dem Vater übergeben, und wie schnell

vergeht ein halbes Jahr. Wenn Ihr also meinem Rath folgen wollt, so laßt

das Kind selber entscheiden, bei wem es bleiben will, bei dem Vater oder

der Mutter, und der andere Theil fügt sich dann geduldig in das nicht zu

Aendernde. Sind Sie damit einverstanden, Frau Baumann?«

»Ich habe kein Recht mehr, mitzusprechen,« sagte die Frau leise und

mit von Thränen fast erstickter Stimme; »ich darf auch vielleicht diese

letzte Hoffnung nicht einmal annehmen. Ich habe meinem Mann ein so

großes und schweres Herzeleid angethan, daß ich ihm kein weiteres

zufügen darf. Wenn sein Herz so an dem Kinde hängt, daß er glaubt, er

wird unglücklich, wenn er es missen soll -- so mag er es nehmen --

jetzt nehmen -- heute noch. Ich habe jede Strafe verdient und will mich

geduldig fügen.«

»Nein,« rief der Mann barsch, aber mit fest auf einander gebissenen

Zähnen -- die Worte kamen ihm auch dabei sehr schwer aus der Kehle --,

»der Staatsanwalt hat recht -- so will ich das Kind nicht. Die Else

soll selber entscheiden, mit wem sie gehen will -- mit mir oder mit

der Mutter, und wenn sie dann...« Er schluckte ein paarmal heftig und

schwieg; endlich fuhr er fort: »So machen Sie's fertig, Staatsanwalt,

ich halt's nicht mehr länger aus!«

»Gut; also komm einmal her, mein liebes Kind. Siehst Du, Dein Vater und

Deine Mutter, die jetzt so lange zusammen gelebt und Dich beide so lieb

haben, wollen sich nun trennen. Der Vater wird fort von hier ziehen und

die Mutter dableiben. Sie möchten Dich beide gern haben, aber das geht

doch nicht; also sollst Du jetzt sagen, ob Du, wenn beide von einander

gehen, mit dem Vater ziehen oder bei der Mutter bleiben willst.

Verstehst Du, was ich sage?«

»Ja,« flüsterte die Kleine, die halb erschreckt, aber die großen, klugen

Augen weit geöffnet zugehört und dabei bald den Vater, bald die Mutter

angesehen hatte, als ob sie zwischen beiden wähle.

»Also bei wem willst Du bleiben, mein Herz?«

»Bei Beiden,« sagte die Kleine, während ihr volle Thränen in die Augen

traten, indem sie zum Vater sprang und seine Hand ergriff; »Du darfst

nicht fortgehen, Vater, oder Du mußt die Mutter mitnehmen. Ich will bei

Euch Beiden bleiben und Euch immer recht, recht lieb haben und recht gut

und brav sein, und dann wirst Du auch wieder lachen und die Mutter nicht

mehr so viel weinen.«

»Baumann,« sagte Witte, dem selber die Thränen in die Augen traten,

»hört Ihr das Kind? Hört Ihr, was es sagt? Eure Frau ist Euch

sechsundzwanzig lange Jahre eine gute, treue Gattin gewesen; sie hat

den einen Fehltritt begangen, ja, aber auch furchtbar dafür gebüßt. Der

Gerichtshof hat ihr Vergehen nicht für so entsetzlich strafbar gefunden,

der König selbst, in Betracht dessen, was sie sonst gelitten und welche

Reue sie gezeigt, ihr die ganze Strafe geschenkt, und denen allen war

sie nur eine _fremde_ Frau! Wollt Ihr härter und unerbittlicher sein,

als selbst der Richter und der König? Seht die Frau an -- dreht Eure

Augen nicht ab, denn Euer Herz zieht Euch doch hin --, seht sie an, wie

der Gram und Kummer sie gebrochen hat, und für ihr ganzes Leben wollt

Ihr _die_ Frau dem Jammer, der Reue überlassen?«

»Geh' nicht von der Mutter, Vater,« bat Else und hing sich an seinen

Arm; »Du würdest nie wieder lachen und froh sein können und die arme

Mutter immer, immer weinen!«

Der Mann drehte den Kopf noch nicht; er sah nur starr und wie mit

gläsernen Augen auf sein Kind nieder, auf seine kleine Else. »Geh' nicht

von der Mutter, Vater!« bat sie -- und jetzt drehte er das Antlitz

ihr zu -- ihr, die er die langen, langen Jahre geliebt und im Herzen

getragen und die ihn so glücklich gemacht hatte, daß er sich gar kein

Leben ohne sie denken konnte. Und als sein Auge sie traf, als er die in

Demuth und Schmerz gebeugte Frau vor sich kauern sah, mit keinem Wort

des Widerspruchs, keinem Gedanken, als sich nur seinem ausgesprochenen

Willen zu fügen, da brach plötzlich das Eis.

»Katharina,« sagte er, und das Wort rang sich ihm ordentlich von seiner

Brust los -- »wollen wir -- bei einander aushalten?«

»Gottfried!« rief die Frau, ihrem Glück kaum trauend und die gefalteten

Hände zu ihm erhebend.

»Die Else hat recht,« fuhr Baumann fort, »es geht nicht; wir haben Beide

schwer getragen, aber jetzt -- Alles vergessen und vergeben!«

»Gottfried,« schrie die Frau, emporspringend, »Du wolltest...«

»Bei Dir aushalten in Freud' und Leid, wie ich es Dir einst

zugeschworen. Nach Amerika geh' ich, das ist bestimmt -- aber Du gehst

mit, und die Kinder alle mit einander, und der alte Gott -- wird dort

weiter helfen!«

Die Frau hing an seinem Halse, sie schluchzte und jauchzte, und die

Schreiber drin in der Nebenstube unterbrachen ihre Arbeit und horchten

nach den fremdartigen Tönen in der sonst so stillen und geschäftsmäßigen

Stube hinüber; und als nachher die Schlossersleute heraus kamen, Arm in

Arm, und der Mann das Kind trug, und der alte Staatsanwalt hinter ihnen

die Augen selber voller Thränen hatte, da wußten sie erst recht nicht,

was sie aus der Sache machen sollten.

12.

Schluß.

Draußen im Schlosse Wendelsheim waren dem jungen Herrn der Besitzung die

wenigen Tage wie in einem glücklichen Traum verflossen, und während eine

Unzahl von Handwerkern in den alten Räumen wirthschaftete, um sie neu

und wohnlich wieder herzurichten, damit Fritz sein liebes Bräutchen bald

heimführen könne als züchtige Hausfrau, schien auch ein ganz anderes

Leben mit den Arbeitern eingekehrt. Das summte und brummte nur so den

ganzen Tag von lustigen Liedern und Lachen und Scherzen, wo früher Einer

dem Andern scheu ausgewichen war und seine Arbeit gethan hatte, nicht

als eine freudige Beschäftigung, sondern wie nur, um sie los zu sein.

Aber Grund genug dazu war auch vorhanden, denn das gnädige Fräulein,

die steinerne Tante, hatte den Platz geräumt und war, wüthend über die

erlittene Beschimpfung, wüthend über den Neffen, über Kathinka, über die

ganze Welt, schon am nächsten Tage abgefahren mit Sack und Pack, und das

allerdings konnte ihre Laune dabei nicht verbessern, daß die Leute und

Arbeiter vom Hofe, als sie endlich in den Wagen stieg, in lauten Jubel

und ein nicht enden wollendes Hurrah ausbrachen, mit dem sie aus dem

Schlosse begleitet wurde. Aber sie hatte es sich auch freilich selber

zuzuschreiben, denn sie ließ _keinen_ Freund zurück, da Keiner im ganzen

Schlosse war -- von ihrem eigenen Neffen bis zu dem letzten Kuhjungen

herunter --, der nicht die Stunde gesegnet hätte, wo sie dem Platz den

Rücken kehrte.

Wohin sie ging? Niemand kümmerte sich darum, da man wußte, daß sie hier

nie wieder einziehen würde.

Aber eine andere Sorge lag den Leuten und besonders dem jungen Herrn auf

dem Herzen, und das war die Sorge um den Baron selber, dessen Zustand

sich mit jedem Tag verschlimmerte, und in völlige Wuthausbrüche

überzugehen schien. Seit zwei Tagen hatte er schon Niemanden mehr

in sein Zimmer gelassen; das Essen war ihm, mit Lebensgefahr für den

Bringenden, in die Stube hineingeschoben worden, und die Voraussicht,

daß noch Alles ein übles Ende nehmen könne, steigerte sich so, um Fritz

zu veranlassen, selber in die Stadt zu fahren und einen Arzt mit

ein paar Wärtern der dortigen Irrenanstalt, die mit solchen Kranken

umzugehen wissen, herauszuholen; aber er kam trotzdem zu spät.

Als er in den Hof einfuhr, hörten sie plötzlich eine dumpfe Explosion

und sahen gleich darauf aus den zertrümmerten Fenstern der Stube des

alten Herrn dichte, weiße Rauchwolken hervorquellen. Alles stürzte

natürlich hinauf, die Spritze wurde augenblicklich in Gang gesetzt und

Wasser von allen Seiten herbeigeschleppt, um einem möglichen Brand zu

begegnen. Als sie seine von innen verriegelte Thür einschlugen,

bedurfte es dabei einer geraumen Zeit, ehe sie nur in das Gemach selber

vordringen konnten, denn Pulverdampf drang in dicken, gelblich-weißen

Schwaden so dicht wie eine Mauer heraus, und nicht das Geringste war in

dem ganzen Raum zu erkennen. Durch das Oeffnen der Thür aber und mit den

zersplitterten Fenstern bildete sich ein Zug, der nach einiger Zeit Luft

gab, und wie sich der Rauch endlich verzog, fanden sie unter brennenden

Trümmern und unter einem Theil der eingestürzten Zimmerdecke den

Leichnam des alten, unglücklichen Mannes, der hier und auf solche Weise

den Tod gefunden.

Erklärt war die Sache leicht. Der Baron hatte, wie man recht gut wußte,

in seinem Gewehrschrank Pulver liegen, aus dem er sich, wenn er früher

manchmal auf die Jagd ging, selber seine Patronen machte. Wie viel es

gewesen, ließ sich nicht bestimmen, und daß er absichtlich Feuer dazu

gebracht, war kaum anzunehmen. Wahrscheinlich hatte er in einem von

seinen Anfällen die Idee gefaßt, frische Patronen zu machen -- wie

sich dann das Pulver entzündet, wer konnte es sagen! Aber der ganze

Gewehrschrank war aus einander gesprengt und ein Theil der Waffen durch

den Luftdruck an die entgegengesetzte Wand des Zimmers geschleudert, wo

sie verbogen oder zertrümmert lagen.

Einzelne Möbel brannten auch, aber des Feuers wurde man bald Herr und

der Leichnam dann in einen andern Theil des Schlosses getragen und dort

auf sein letztes Bett gelegt.

Schloß Wendelsheim war jetzt zu einem Hause der Trauer geworden, wenn

auch Fritz selber keinen so tiefen Schmerz über den Tod eines Vaters

fühlen konnte, den er eigentlich kaum gekannt und der ihn nie geliebt,

nie Liebe von ihm verlangt hatte. Aber Freude und Jubel war zugleich

in die ärmliche Wohnung des Schlossers Baumann eingezogen -- Glück und

Seligkeit in die Herzen und ein heiteres Lachen und ein frohes Singen

durch alle Räume. Selbst dem alten, starren Schlossermeister schien eine

wahre Last von der Seele genommen zu sein, die er sich freilich selber

aufgebürdet und mit seinem Trotzkopf auch vielleicht das lange Leben

durchgeschleppt hätte bis zum Grabe. Jetzt war das vorbei, und was ihn

dabei heiter und froh machte: daß nicht _er_ das Glück wieder hatte

einkehren lassen in sein Haus, oder seine Frau -- das Alles wäre ihm

fort und fort ein drückendes Gefühl geblieben -- nein, daß es sein Kind

gewesen, seine kleine Else, und er ließ die Kleine fast nicht mehr aus

den Armen.

Indessen wurden jetzt aber alle Vorbereitungen zur baldigen Abreise

scharf betrieben. Der Entschluß, nach Amerika auszuwandern, stand

felsenfest bei ihm, und hier in Alburg hätte ja auch Alles die

Erinnerung an das Ueberstandene fast stündlich wieder wachgerufen. Ueber

den Verkauf seines Hauses trat er augenblicklich mit einem Nachbar, der

ihm schon lange darauf ein Gebot gethan, in Unterhandlung. Das beste

Werkzeug wurde eingepackt, um es mitzunehmen -- denn drüben wollten sie

genau wieder so beginnen, wie sie hier aufgehört --, Amboße und alles zu

Schwere natürlich hier verkauft, und in kaum acht Tagen konnte schon mit

der Fortschaffung der Effecten begonnen werden.

Auch Salomon hatte nicht gesäumt seine Abreise zu betreiben, und die

beiden Familien waren entschlossen, nicht allein die Reise zusammen zu

machen, sondern sich auch in Amerika gemeinschaftlich einen passenden

Platz auszusuchen und dort eine Niederlassung zu gründen.

In diese selbe Zeit fiel die Bestätigung von Heßberger's Urtheil. Er

hatte sich an die Gnade des Königs gewandt, aber ohne Erfolg. Er war zu

zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt und wurde an dem nämlichen

Tag in die Strafanstalt abgeliefert, als die Auswanderer die Stadt

verließen.

Fritz kam jetzt fast alle Tage in die Stadt, um seine Pflegeeltern, über

deren neu gewonnenes Glück er selige Freude fühlte, noch recht oft

zu sehen, und hatte auch den Vater dringend gebeten, eine nicht

unbedeutende Summe von ihm anzunehmen, um damit sein Fortkommen in dem

fremden Welttheil zu sichern; aber der alte, starrköpfige Mann wollte

nicht. So lange er seine Fäuste und seine Jungen hätte, meinte er, so

lange sei er auch selber Manns genug, sich durch die Welt zu bringen;

würde er einmal alt und schwach -- was aber wohl noch eine Weile dauern

könne -- und sollte er es nothwendig brauchen, na, dann wollte er an

Fritz schreiben und es ihn wissen lassen, eher nicht.

Es war nichts mit ihm anzufangen.

Die Hochzeit des jungen Erben von Wendelsheim mußte übrigens, durch

den Todesfall des alten Barons aufgehalten, natürlich noch eine Weile

hinausgeschoben werden, sonst hätte Fritz die Eltern auch gar nicht

früher fortgelassen. So aber beschloß er, wenigstens sie bis Hamburg,

als den Ort der Einschiffung, zu begleiten.

Morgens war das sämmtliche Passagiergut, da man die Frachtgüter lange

vorausgeschickt, aufgegeben worden, und die Reisenden hatten schon ihre

Plätze im Coupé genommen. Witte, der sie bis dahin begleitet, um noch

einen letzten Abschied von ihnen zu nehmen, stand draußen auf dem Perron

am Wagenfenster, als Rath Frühbach, den linken Arm wie gewöhnlich auf

dem Rücken, langsam angeschlendert kam und, durch den davor stehenden

Staatsanwalt aufmerksam gemacht, zu seinem Erstaunen die ganze

Gesellschaft erkannte.

»Alle Wetter,« rief er überrascht aus, »ich habe es schon in der Stadt

an verschiedenen Orten gehört, aber immer nicht glauben wollen! Also

soll es wirklich nach Amerika gehen?«

»Nach Amerika, lieber Rath!« rief Bruno, der selig neben seiner Braut

im Wagen saß, da der alte Salomon bestimmt hatte, der vielen

Schwierigkeiten wegen, die ihnen hier in Deutschland bei einer solchen

Trauung gemacht würden, dieselbe aufzuschieben, bis sie New-York

erreichten. -- »Nach Amerika -- und wenn Sie etwas dahin zu bestellen

hätten....«

»Hm,« sagte der Rath, »da fällt mir eine Geschichte ein. In

Schwerin....«

In dem Moment pfiff die Locomotive. »Wagen frei, meine Herren!« rief der

Schaffner. »Es geht fort!« Die Wagen thaten einen Ruck, setzten sich

in Bewegung, und fort brauste der kleine Schnellzug, seinem Ziel, der

fernen Hansestadt entgegen.

In Hamburg angekommen, sahen sie sich, wie das gewöhnlich geht,

noch genöthigt, einige Tage auf die Abfahrt des als »segelfertig«

angekündigten Schiffes zu warten, und das konnte Baumann doch

nicht verhindern, daß ihnen Fritz nämlich statt der genommenen

Zwischendeck-Billets bequeme Kajütenplätze ausmachte. Aber er hatte

dabei auch außerordentlich viel und geheimnißvoll mit dem alten Salomon,

den er selber schon von früher als einen braven und rechtlichen Mann

kannte, zu verhandeln und zu besprechen und war oft stundenlang mit ihm

abwesend. Was es aber gewesen, erfuhr Niemand, selbst nicht, als das

Schiff endlich seine Abfahrt signalisirte und die Passagiere an Bord

mußten.

Der Abschied war herzlich. Fritz hatte noch nicht vergessen, die alten

Baumanns als seine wirklichen Eltern zu betrachten, und die kleine Else

trug er selber in's Boot und von dort in seinem Arm an Bord hinauf.

Jetzt noch ein Händedruck, noch ein Kuß -- dann blähten die Segel aus

-- Tücher winkten nach, und fort mit einer günstigen Brise glitt

das Schiff, das glückliche Menschen einer neuen Heimath

entgegenführte. -- --

* * * * *

Ein volles Jahr war vergangen, aber Fritz, längst mit der Geliebten

vereinigt und im Besitz alles dessen, was einen Menschen wirklich

glücklich machen kann, hatte noch immer nichts von seinen Lieben in

Amerika gehört und sehnte sich doch so nach einem Brief.

Von Salomon erhielt er allerdings einmal, nach kaum sechs Monaten,

ein paar geschäftliche Zeilen, die ihm anzeigten, daß sie glücklich da

drüben gelandet wären und ihre neue Heimath bezogen hätten, daß es auch

Allen gut ging, er aber weiter nichts schreiben wolle, da es ihm der

alte Baumann verboten. Der nämlich habe selber die Absicht, ihm einen

langen Brief zu schicken, und dem möge er deshalb nicht vorgreifen.

Aber der versprochene Brief kam nicht, und Monat nach Monat verging,

so daß Fritz schon anfing sich zu sorgen. Da brachte der Postbote eines

Tages den ersehnten, und das war wirklich ein _Brief_.

Auf grobes Schreibpapier geschrieben, reichlich vier Bogen davon

zusammengefaltet und mit einer Unzahl von Siegeln beklebt, wog er in das

Unglaubliche und kostete ein Heidenporto. Fritz aber jubelte laut auf,

als er ihn erhielt. Das waren die starren, ehrlichen Züge seines alten

Pflegevaters, und mit wenigen Sätzen sprang er hinauf in das Zimmer

seiner kleinen Frau, um mit dieser das Schriftstück gemeinschaftlich zu

genießen.

Beide lachten auch hell auf, als sie den Brief öffneten und die

Buchstaben sahen, die wie durch einander geworfenes Werkzeug auf dem

Papier umher lagen; aber Fritz traten doch die Thränen in die Augen,

denn in den rauhen Zügen sah er das Bild des braven, wackern Mannes

wieder, so klar und deutlich, als ob er vor ihm stände.

Kathinka würde freilich lange gebraucht haben, bis sie die wunderlich

zusammengestellten Zeichen entziffert hätte; Fritz aber, der seines

Vaters Handschrift schon von früher kannte, fand sich leicht hinein, und

wie er nur einmal die ersten Zeilen bewältigt, las er die Hieroglyphen

frisch vom Blatte weg. Der Brief lautete:

»Mein lieber Fritz! Eigentlich habe ich mir schon seit sechs Monaten

jeden Tag vorgenommen, an Dich zu schreiben, aber es kam immer 'was

dazwischen, und dann geht es mit Schreiben hier in Amerika gar nicht so

leicht wie daheim, denn die Dinte trocknet Einem immer ein, und wenn man

nachher Wasser dazu gießt, ist nichts drin.

»Aber ich muß Dir vor allen Dingen danken für Deine Liebe und Güte!

Böser Junge, hatte ich Dir nicht gesagt, daß wir uns hier unser

Fortkommen selber gründen wollten? Und was machst Du nun für Streiche?

Wie wir herkommen, reise ich mit dem alten Salomon, der ein ganz

tüchtiger Kerl ist, und mit Bruno in's Land hinein, um uns etwas

auszusuchen. In Indiana fanden wir eine prachtvolle Farm mit einem

herrlichen, großen Backsteinhause, fünfzig Acker urbar gemachtem und ich

weiß gar nicht wie viel Holzland und Prairie, mit Vieh und Pferden

und Allem, was dazu gehört; aber wir übernachteten da blos, um einen

Nachbarplatz anzusehen, denn ich konnte natürlich nicht daran denken,

eine solche Farm zu kaufen; mein Capital hätte nicht einmal für das Haus

allein ausgereicht, das groß genug ist für drei Familien, und noch

dazu eine kleine Stadt ganz dicht dabei, als ob sie dazu gehörte. Daran

gränzte aber ein kleines Häuschen mit ein paar Acker Feld, das noch

beinahe mit zur Stadt gehörte, und der alte Salomon beredet mich

richtig, das kleine Nest zu kaufen; er wolle dann dicht daneben in die

Stadt ziehen, damit wir hübsch bei einander wohnten. Das thu' ich denn

endlich, obgleich mir das kleine Nest nicht besonders gefiel; aber es

war doch ein Obdach, und wir verzehrten doch nicht so viel Geld, als in

der Stadt, und ich bekam vielleicht auch aus der Stadt heraus, wo gar

kein Schlosser war, Arbeit. Wir reisen also zurück und holen die Frauen

und Kinder ab, und nur Salomon blieb selber dort, um Alles herzurichten.

Aber denke Dir, wie wir zurückkommen und in das kleine Haus ziehen

wollen, will sich der alte Jude vor lauter Vergnügen todtlachen und

behauptet, daß das große Haus mit allem Feld und Vieh und weiß Gott, was

sonst noch, mein gehöre! Ich wollt's erst gar nicht glauben, und wie er

mir sagte, daß er es in Deinem Auftrage für mich gekauft hätte, wollt'

ich fuchsteufelwild werden -- aber es war gar so hübsch und herrlich da

und die Frauen und Kinder so glücklich und selig in dem Gedanken, und

geheult haben sie vor Rührung und Dir tausend und tausendmal für Deine

treue Liebe gedankt! Da überlegte ich mir denn endlich die Sache. Es ist

ja doch Dein Junge, wenn er's auch nicht wirklich ist -- Du hast ihn

auf den Armen großgezogen und die Mutter hat sich um ihn gesorgt und

geängstigt -- er hat's auch, es thut ihm nicht weh, und von ihm kann

ich's nehmen. Und da sitzen wir jetzt -- die glücklichsten Menschen, die

es auf der Welt geben kann -- und das größte Glück, daß ich die Mutter

mitgenommen habe, sonst hätt' ich's hier im Lande nicht ausgehalten, und

Du solltest nur sehen, wie sie wirthschaftet und schafft, und wie heiter

und glücklich sie geworden ist!

»Ich habe mir jetzt eine kleine Werkstatt eine Strecke vom Hause ab

gebaut, damit sie drinnen das arge Klopfen nicht hören, denn Arbeit

giebt's heidenmäßig viel, und ich werde manchmal mit dem Karl gar nicht

fertig. Der Franz ist noch als Gesell in New-York geblieben; er soll

erst 'was Tüchtiges lernen und dann auch zu uns herkommen, und Bruno,

der mit seiner jungen Frau und dem alten Salomon'schen Paare bei uns im

Hause wohnt, bis sein eigenes fertig ist, was er für sich baut, führt

uns die ganze Feldwirthschaft und hat sich tüchtig hineingefunden.

»Wenn wir Dich nur noch hier hätten, so wäre Alles gut; aber wenn es

irgend angeht, so mußt Du uns einmal besuchen.

»Und jetzt lebe wohl! Wir sind Alle gesund und wohl, und Bruno ist ganz

selig mit seiner jungen, hübschen Frau, die ein ganz braves, fleißiges

Weibchen ist -- und der alte Salomon reist im Lande umher und handelt;

das können die Art Leute nun einmal nicht lassen.

»Karl will auch nächstens heirathen -- eine Nachbarstochter --

meinetwegen -- wir haben's Alle nicht besser gemacht.

»Aber nun leb' noch einmal wohl -- hab' nochmals tausend Dank, mein

braver Fritz, für Deine Liebe! Grüße Deine liebe Frau und den Herrn

Witte schön von mir und sage ihm, auch ihm wären wir Alle recht von

Herzen dankbar. Und nun habe ich noch zahllose Grüße und Küsse von Allen

zu bestellen; sie wollten selber noch etwas mit in den Brief schreiben,

aber ich habe Niemanden hineingucken lassen, denn er sieht ein bischen

wild aus und es sind viele Klexe drin -- die Feder ist mir immer zu dünn

und zu leicht zum Halten.

»Gott segne Dich, mein guter Fritz, und Dein braves Weib!

Der Erbe: Roman. Dritter Band. · 第 4 / 6 题