»Na, war's hübsch?« flüsterte das boshafte Geschöpf auch noch, als er,

ohne sie weiter zu beachten, an ihr vorüberschreiten wollte; aber er

hielt es natürlich nicht der Mühe werth, ihr eine Antwort zu geben, und

eilte, so rasch er konnte, die Treppe hinunter und auf den Stall zu, wo

er sich augenblicklich sein Pferd wieder einschirren ließ. Der Knecht

schien sich zu gern in ein Gespräch mit ihm einlassen zu wollen, um zu

erfahren, wie es oben abgelaufen. Witte fühlte sich aber nicht in der

Stimmung, drückte ihm ein gutes Trinkgeld in die Hand, setzte sich auf

und fuhr in einem scharfen Trab zum Thor hinaus. Er war auch dabei sehr

unzufrieden mit sich selber, denn er hatte bei dem ganzen verunglückten

Versuch, die Sache durch einen entscheidenden Schritt zu erledigen,

nicht allein nichts erreicht, sondern vielleicht eher Schaden

angerichtet, und gar nicht zu seiner besondern Erbauung fiel ihm in

dem nächsten Augenblick der Major und Rath Frühbach ein, die etwa in

ähnlicher Weise von Vollmers abgezogen waren. Jene handelten freilich

nur auf einen Verdacht, er selber aber auf die Gewißheit der Thatsachen

hin; doch was halfen ihm die, so lange es ihm an Beweisen dafür fehlte,

und mit denen sah er sich vollständig auf den Sand gesetzt.

Heßberger, total gebrochen und eingeschüchtert, hatte allerdings Alles,

was man von ihm wollte, gestanden, die Heßberger selber aber, bei

welcher er dann, aber auch noch ganz privatim, den Versuch gemacht, um

eine Zustimmung von ihr zu erhalten, kalt und höhnisch erwiedert,

sie wisse von nichts, und als er ihr endlich das Zeugniß ihres Mannes

vorhielt, geantwortet, dann erledige sich die Sache von selber. Möglich,

daß die verstorbene Frau Baronin die Absicht gehabt habe, einen solchen

Tausch zu machen, falls ihr eine Tochter geboren würde -- sie könne es

nicht sagen und die Frau auch nicht mehr fragen, denn sie wäre todt;

dann hätte sich das aber auch natürlich durch die Geburt eines Sohnes

unnöthig gezeigt und jede Mutter ihr eigenes Kind erzogen.

Dabei blieb sie, und dagegen würde selbst Heßberger's Zeugniß nichts

geholfen haben. Durch diesen konnte allerdings der Versuch eines Betrugs

constatirt werden, aber nie die Ausführung desselben und der wirkliche

Tausch. Die Kinder waren ihm im Dunkeln überliefert worden, und er

selber hätte nie im Leben beschwören können, ob er dasselbe Kind oder

ein anderes dafür zurückgetragen.

Aber jetzt half es nichts mehr; er war schon zu weit gegangen, um noch

zurück zu können. Auf der einen Seite drängte ihn der alte Baumann

selber, die Sache zum Abschluß zu bringen, auf der andern war er jetzt

der Gefahr ausgesetzt, daß dieses entsetzliche Fräulein von Wendelsheim

sogar eine ähnliche Klage gegen ihn richtete, wie die Frau Müller gegen

den Major. Bis zu diesem Augenblick hatte er Alles allein auf eigene

Faust und im Stillen betrieben, nun ging das nicht länger; er mußte

selber die Anzeige beim Gericht machen. Ueberdies war auch der Termin

der Erbschafts-Auszahlung so nahe herangerückt, daß er sich hätte

die größte Verantwortung zuziehen können, wenn er eine derartige ihm

gemachte Anzeige über denselben hinaus verheimlichte. Er durfte eben

nicht länger zögern und das Ganze auf die eigenen Schultern nehmen, und

mit dem Entschluß wurde er auch wieder ruhiger und selbstzufriedener.

Sein Pferd fühlte die Peitsche, und der leichte Wagen rollte rasch der

Stadt entgegen.

5.

Rathlos und Rath Frühbach.

In den letzten Tagen hatte ein so wunderliches Verhältniß im

Baumann'schen Hause geherrscht, daß selbst der Gesell und die Lehrlinge

darauf aufmerksam geworden waren und den Kopf darüber schüttelten. Sonst

war nichts als Friede und Freundlichkeit in der Familie, und wenn der

alte Schlossermeister mit seinem jüngsten Kind, seinem kleinen Liebling,

manchmal nach Feierabend spielte, lachte er oft so herzlich über dessen

kindischen Frohsinn, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und

unwillkürlich mitlachen mußten, wenn sie auch keine Ahnung hatten,

was da drinnen so Lustiges vorging. Jetzt war das anders, viel anders

geworden. Der alte Baumann stand den ganzen Tag bis Abends spät am Amboß

und hämmerte auf das Eisen ein oder feilte an seiner Arbeit; wenn er

sich aber noch vor wenigen Tagen ein lustig Lied dazu gepfiffen oder

gesungen, so verrichtete er jetzt sein Tagewerk stumm und mit düster

zusammengezogenen Brauen, und kein Wort wurde in der Werkstätte

gesprochen, das sich nicht auf die Arbeit bezog und nothwendig

gesprochen werden mußte.

Und welche Veränderung konnte erst mit der Meisterin vorgegangen sein?

Sie war nicht krank, denn sie schaffte den ganzen Tag in der Küche und

verrichtete alle ihre Besorgungen pünktlich, wie zuvor; aber sie kam

gar nicht mehr vorn in die Stube, außer wenn sie Morgens rein machte

und Mittags zum Essen, und selbst dann hatte sie einen andern Platz am

Tische, als früher, nicht mehr neben dem Meister, sondern zwischen ihrer

kleinen Else und dem Gesellen; und keine Frage that der Meister an sie,

keine Silbe wurde überhaupt bei Tische gesprochen.

Den Leuten war das natürlich unheimlich, aber keiner von ihnen, selbst

Karl nicht, der Sohn vom Hause, wagte nach der Ursache zu fragen.

Meister und Meisterin mußten sich mitsammen gezankt haben, wenn das auch

eigentlich nie vorfiel und Keiner von Allen etwas gehört haben wollte;

das aber blieb die einzige Erklärung, die sie darüber wußten, und

war das der Fall, dann versöhnten sie sich auch wieder und das alte

Verhältniß wurde hergestellt -- daß es nur so viele Tage dauerte!

Das Essen war vorüber; der Meister stand wieder draußen bei seiner

Arbeit und die Frau wusch das Geschirr auf, als ein Polizeidiener in die

Werkstätte kam und nach der Frau Baumann fragte.

»Was soll sie?« sagte der Schlossermeister, der todtenbleich geworden

war, indem er den Hammer auf dem Amboß ruhen ließ.

»Ich habe hier eine Vorladung für sie auf heute Nachmittag vier Uhr.«

»Schön; legen Sie das Papier nur dahin, es soll ausgerichtet werden.«

»Nein; ich muß es ihr selber geben.«

»Dann gehen Sie in die Küche,« sagte der alte Mann düster, drehte

sich ab und schob das Eisen in den Feuerherd, dessen Gluth, durch den

Blasebalg angefacht, emporloderte.

Die Leute in der Werkstätte sahen ihm verwundert nach. Sie begriffen

nicht, was die Meisterin mit der Polizei zu thun haben könnte. Der

Meister wußte es, aber er sagte kein Wort; er sah nicht auf, als der

Polizeibeamte seine Pflicht erfüllt hatte und die Werkstätte wieder

verließ; er ging nicht zu seiner Frau, um mit der zu sprechen. Er hätte

sich nicht weniger darum bekümmern können, und wenn die Bestellung im

Nachbarhause abgegeben wäre.

Da warf Karl plötzlich seine Feile hin, rief: »Der Fritz!« und sprang

der Thür zu, durch deren kleines, angelaufenes Glasfenster er den Bruder

erkannt hatte. Und die kleine Else hatte im Zimmer den Ruf gehört und

kam herausgesprungen, und wie er die Thür öffnete, klammerte sie sich an

ihn, ließ sich von ihm emporheben und herzte und küßte ihn.

Und das war jetzt ein Fragen und Jauchzen zwischen den jungen Leuten,

daß der Fritz wieder frei war und kein Verdacht der nichtswürdigen That

mehr auf ihm lastete; und die Kleine hatte nur immer ihre Aermchen um

seinen Nacken geschlagen und weinte und lachte: die bösen Männer dürften

ihren Fritz nun nicht wieder in's Gefängniß stecken, und er solle bei

ihr bleiben und nie wieder von ihr fortgehen.

Auch der Vater hatte seine Arbeit bei Seite gelassen und ihm die Hand

entgegengestreckt, die er derb schüttelte und drückte.

»Aber wo ist die Mutter?« rief Fritz. »Weshalb kommt sie nicht? Geh'

hin, Elschen, und ruf' sie; sag' ihr, der Fritz sei wiedergekommen.«

»Bleib', Else,« sagte der Vater; »sie ist in der Küche -- geh' dann zu

ihr.«

Fritz sah den Vater verwundert an und dann den Bruder. Karl machte ihm

aber hinter dessen Rücken ein Zeichen, das er zwar nicht verstand, aber

doch daraus ersah, es müsse etwas vorgefallen sein, und er thäte besser,

für den Augenblick nicht weiter nachzuforschen. Wie er aber nur in der

Werkstätte dem Vater und den Uebrigen flüchtig erzählt hatte, wie es da

oben gewesen und er heute Morgen freigelassen sei, ja, eigentlich schon

vor drei Stunden hätte hier sein müssen und nur durch ein Versehen

des albernen Schließers noch zurückgehalten wäre, da griff er sein

Schwesterchen wieder auf und sprang hinüber in die Küche zur Mutter, um

diese zu begrüßen.

Es dauerte lange, bis er wieder zurückkam, und jetzt ohne die kleine

Else, und als er in die Werkstatt kam, ging er auf den Vater zu und

sagte: »Vater, was ist denn eigentlich hier im Hause vorgegangen? Ihr

seht mir Alle so sonderbar aus, so fremd. Mir ist, als ob ich jahrelang

entfernt gewesen wäre und nicht nur kaum eine Woche oder etwas mehr. Was

habt Ihr nur? Wie ich in die Küche kam, fiel mir die Mutter um den Hals

und weinte, als ob ihr das Herz brechen müßte, wollte sich auch gar

nicht mehr beruhigen, und jetzt hat sie die kleine Else auf dem Schoß

und küßt das Kind in Einem fort und drückt es an sich.«

»Komm einmal mit herein, Fritz,« sagte der Vater ernst; »ich habe ein

Wort mit Dir zu reden.«

»Mit _mir_, Vater? Ist etwas vorgefallen?«

»Ja, und etwas, das Dir nicht länger ein Geheimniß bleiben darf,

eigentlich hätte nie ein Geheimniß bleiben sollen.«

»Aber willst Du nicht erst einmal zur Mutter gehen?«

»Nachher, mein Junge; zuerst komm einmal mit mir in's Zimmer hinüber,

denn mir -- hat's beinahe das Herz abgedrückt die letzten Tage, und es

ist Zeit, daß ich's los werde -- ich halt's nicht mehr länger aus.«

»Ich begreife Dich nicht, Vater.«

»Du wirst's bald begreifen lernen,« nickte der Alte still vor sich hin;

»komm nur mit, daß wir die Sache abmachen, denn ich muß wieder an die

Arbeit. Und Du, Karl, geh' einmal zur alten Bertram hinüber und frage

sie, ob sie Zeit hätte, ein paar Tage hier zu uns herüber zu kommen und

uns in der Wirthschaft zu helfen.«

»Ist die Mutter krank geworden, Vater?« rief Karl rasch.

»Nein,« sagte der Schlossermeister; »aber laß es auch lieber sein,

ich will nachher selber zu ihr gehen -- komm, Fritz!« Und ihm

voranschreitend, ging er in die Stube hinein, setzte sich dort in den

alten Lehnstuhl und winkte dem Sohn, auf einem andern Sessel Platz zu

nehmen.

Karl schüttelte mit dem Kopf; er konnte sich gar nicht denken, was »der

Alte« heute hatte und wie tief und langsam er da drinnen sprach, und

dann sein Bruder -- wie heftig. Die Worte freilich ließen sich hier

draußen nicht verstehen; aber etwas Besonderes mußte es sein. Und

weshalb erfuhr er nichts davon? Gehörte er nicht zur Familie?

Die Mutter _wußte_, was die beiden Männer mitsammen sprachen. Draußen

in der Küche saß sie niedergekauert an der Thür, die in die Stube führte

und deren Schwelle sie nicht mehr zu überschreiten wagte, das Gesicht in

den Händen geborgen, und zwischen den dünnen Fingern quollen die heißen,

brennenden Thränen vor. So saß sie, bis die Zeit kam, in der sie auf das

Amt gefordert war; sie wußte, daß sie von dort nicht wiederkehren

würde. Sie war aufgestanden und hatte ein kleines Bündel Wäsche

zusammengeschnürt, das Nothwendigste nur, das sie brauchte, und das

unter dem Arm, trat sie endlich in die Werkstätte -- sie vermied die

Stube --, um ihren schweren Weg anzutreten. Aber Fritz hatte sie durch

das kleine Fenster in der Wohnstube gesehen, und mit wenigen Sätzen war

er draußen bei ihr.

»Mutter!« rief er und schlang seine Arme um ihren Nacken.

»Und Du nennst mich Mutter?« sagte die Frau erstaunt und sah ihn mit den

großen, thränengefüllten Augen an.

»Meine liebe, liebe Mutter!« Und fest und herzlich drückte er sie an

sich; sie aber, während sie ihr Haupt einen Moment an seine Schulter

lehnte, sagte leise:

»Ich danke Dir, Fritz, ich danke Dir aus tiefstem Herzen; jetzt werd'

ich hingehen und für Dich sprechen -- verlaß Dich darauf, Dir soll Dein

Recht werden!«

»Und Du, Mutter...?«

»Sorge Dich nicht um mich, ich habe es nicht verdient. Leb' wohl!« Und

ihn noch einmal auf die Stirn küssend, machte sie sich von ihm los. Fast

unwillkürlich wandte sie sich dabei dem Mann zu, um auch Abschied von

ihm zu nehmen; aber der Schlossermeister hatte die Arme auf die

Brust gekreuzt und schaute finster zur Seite -- es war keine Spur von

Versöhnung in seinen harten Zügen zu erkennen.

»Leb' wohl, Gottfried,« sagte sie leise und streckte ihm die Hand

entgegen.

»Leb' wohl!« sagte Baumann, ohne sie anzusehen, drehte sich ab und

schritt wieder in die Stube zurück.

Seine Frau wagte nicht ihm dahin zu folgen. Karl war vorgesprungen und

wollte jetzt wissen, was sie habe, weshalb sie Abschied nähme. Sie küßte

ihm das rußige, ehrliche Gesicht, hob noch einmal die kleine Else auf,

die sich an sie hing und nicht von ihr lassen wollte, riß sich los und

eilte mit raschen Schritten auf die Straße hinaus und dem Polizeigebäude

zu, in dessen düsterem Thore sie verschwand. -- --

Der Staatsanwalt Witte befand sich an dem Tag in einer sehr

unbehaglichen Stimmung, denn er hatte etwas unternommen, von dem er

noch nicht recht klar sah, wie er es ausführen sollte. Wenn er sich auch

bewußt war, nur seine Pflicht dabei zu thun, und ihn gesetzlich -- der

Fall mochte entschieden werden, wie er wollte -- nicht die geringste

Verantwortlichkeit treffen konnte, so täuschte er sich auch nicht

einen Moment über das Aufsehen, das derselbe, besonders in den höheren

Schichten der Gesellschaft, erwecken würde, und er wußte dabei recht

gut, daß Alles für ihn nur von dem Erfolg dabei abhänge, denn nach dem

Erfolg allein urtheilt die Welt. Fiel er mit seiner Klage durch, so

konnte er sich erstlich darauf verlassen, daß Fräulein von Wendelsheim

Himmel und Erde in Bewegung setzen würde, um sich an denen zu rächen,

die es gewagt hatten, ihr entgegenzutreten. Aber das nicht allein: es

mußte ihm auch wesentlich in seinem Rufe als Staatsanwalt schaden, zu

einer dann als Schwindelei hingestellten Geschichte die Hand geboten zu

haben, und dagegen half ihm nicht einmal der gute Name, den er bis jetzt

als redlicher Mann in der Stadt hatte. Er kannte die Welt dafür viel zu

genau.

Aber es ließ sich nicht mehr ändern; der Stein rollte, und durch seinen

heutigen Besuch bei Fräulein von Wendelsheim hatte er überdies dem Faß

den Boden ausgestoßen. Jetzt kämpfte er so gut für sich selber, als für

die Rechte des wirklichen und leiblichen Wendelsheim'schen Erben, und

wußte überdies die gute Sache auf seiner Seite -- freilich noch immer

nicht genug gegen zwei böse Weiber, so lange diese einig waren. Wenn man

sie nur hätte entzweien können -- aber wie?

Einer seiner Schreiber steckte den Kopf in die Thür und meldete einen

Besuch.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich für Niemanden heute zu sprechen

bin?« fragte Witte scharf.

»Es ist der junge Baumann; er behauptet, er müßte Sie sprechen, und zwar

in einer wichtigen Angelegenheit.«

»Der junge Baumann, hm -- lassen Sie ihn hereinkommen. Der kann mir

nachdenken helfen,« brummte er halblaut vor sich hin.

Fritz trat ein; er sah erschöpft und bleich aus. »Herr Staatsanwalt,«

sagte er, »nach meinem letzten Hiersein hatte ich geglaubt, Ihre

Schwelle nicht wieder betreten zu dürfen; aber die Verhältnisse zwingen

mich dazu.«

»Lieber junger Freund,« sagte Witte, »Sie sind _mir_ stets angenehm

gewesen und werden es bleiben, wie sich auch immer die späteren

Verhältnisse gestalten; Frauen haben allerdings ihren eigenen Kopf, aber

-- reden wir nicht davon. Was führt Sie zu mir?«

»Mein Vater hat mir Alles gesagt....«

»Ich dachte es mir, und es ist vielleicht besser so, einmal mußten Sie

es doch erfahren.«

»Aber die Mutter ist auf's Amt gefordert und nicht wieder zurückgekehrt;

sie werden doch um Gottes willen die arme Frau nicht gefangen halten?«

»Mein lieber Herr Baumann -- erlauben Sie, daß ich Sie jetzt noch bei

Ihrem alten Namen nenne --, das läßt sich nicht ändern,« sagte Witte

achselzuckend; »die Gerechtigkeit muß ihren Lauf und in dem Laufe

ihre Form haben. Aber seien Sie versichert, daß sie sich nicht in

unfreundlichen Händen befindet. Ich war selber oben, als sie ankam

und verhört wurde; sie legte ein offenes, reumüthiges Geständniß ihres

ganzen Vergehens ab, aber so ohne jede Beschönigung für sich selbst, so

nur von dem Einen Gedanken durchdrungen, Alles wieder gut zu machen, daß

sie sich den Polizei-Director selber schon ganz gewonnen hat. Ich habe

auch mit diesem gesprochen; jede Erleichterung, die ihr die Hausordnung

des Gefängnisses verstattet, wird ihr werden. Aber in Freiheit kann

sie nicht wieder gesetzt werden, bis Alles auf die eine oder andere Art

erledigt ist.«

»Meine arme Mutter....!«

»Sie nennen sie Ihre Mutter?«

»Und ist sie es mir nicht gewesen die vielen, vielen Jahre lang? Hat

sie nicht mit treuer Liebe für mich gesorgt und nie, nie, so lange ich

denken kann, ein rauhes oder hartes Wort für mich gehabt?«

»Ich hoffe, es wird noch Alles gut gehen,« sagte Witte.

»Und glauben Sie wirklich, daß sie wahr gesprochen?« fuhr Fritz bewegt

fort, »daß nicht irgend eine fixe Idee sie erfaßt hat, in der sie jetzt

Sachen behauptet, die gar nicht existiren?«

»Ich glaube jedes Wort, das sie gesprochen hat,« sagte Witte ruhig und

bestimmt.

»Aber das Alles klingt so fabelhaft, so wild, so unmöglich; ich bin gar

nicht im Stande, mich hineinzudenken.«

»Das wäre gerade kein Wunder,« nickte Witte, »denn ähnliche Dinge kommen

sonst auch eigentlich nur in Feenmärchen vor, wo arme Hirten plötzlich

Prinzen werden und dann die übliche Königstochter heirathen. Uebrigens

gebe ich Ihnen mein Wort, junger Freund, daß kein Mensch in der Welt so

tolle, wahnsinnige Dinge erfinden kann, als wirklich existiren und zu

Tage kommen. Besonders jeder Rechtsanwalt wird Ihnen das bestätigen,

denn was der Welt sonst häufig verborgen bleibt, müssen sie mit allen

Verwickelungen und Einzelheiten stets erfahren.«

»Und wenn es wirklich so wäre, wer, glauben Sie, daß die größte Schuld

an jener Täuschung trägt? Doch nicht die Mutter?«

»Nein, sicher nicht; jedenfalls jenes bösartige Weibsstück, die

Schustersfrau, und Ihre Fräulein Tante.«

»_Meine_ Tante?« sagte Fritz, tief aufseufzend. »Die Natur scheint

wirklich nicht glücklich mit der Wahl meiner Tanten zu sein, denn

wenn ich mir zwischen beiden, der bisherigen und der zukünftigen, eine

auszusuchen hätte, ich wüßte nicht, welche ich nehmen sollte.«

»Ich würde für Beide danken,« sagte Witte trocken; »aber Eine ist Ihnen

sicher. Doch wir vergeuden unsere Zeit. Was führt Sie zu mir?«

»Weiter nichts, als die Bestätigung aus Ihrem Mund zu hören, daß nicht

vielleicht nur ein irrer Wahn, eine Einbildung meine Mutter zu dem

Geständniß getrieben hat, und wenn das nicht der Fall wäre, mit Ihnen zu

berathen, wie wir ihr helfen, wie sie retten können.«

»Da ist vor der Hand gar nichts zu thun,« sagte der Staatsanwalt, »als

dem Gesetz eben seinen Lauf zu lassen; von ihrer Untersuchungshaft kann

sie kein Mensch, und wenn es der Justizminister wäre, befreien.«

»Doch was soll jetzt geschehen?«

»Ja, das ist eben die Frage,« nickte Witte still vor sich hin, »und ich

gäbe selber viel Geld darum, wenn ich sie richtig beantworten könnte.

Geschehen kann sehr viel; aber daß das Richtige zuerst geschieht, das

ist der Hauptpunkt, und der Teufel weiß, was das Richtige ist -- ich

nicht?«

»Sie glauben nicht, daß meiner Mutter Zeugniß allein genügt?«

»Gott bewahre -- kein Gedanke daran! Die Erbschafts-Commission würde

sich nie davon bestimmen lassen, denn eine solche Behauptung könnte am

Ende jede Mutter aufstellen, um ihrem Kind eine Erbschaft von nahezu

einer halben Million zuzuwenden.«

»Und der arme Bruno von Wendelsheim...«

»Der arme Bruno von Wendelsheim?« meinte Witte. »Sagen Sie lieber: die

armen Leute, die dem armen Bruno von Wendelsheim auf seine Erbschaft hin

die vielen Tausende geborgt haben!«

»Er wird sie bezahlen.«

»Er denkt gar nicht daran, denn seinen »guten Willen« kann er nicht

wechseln lassen. Ich bin fest überzeugt, daß er über dreißigtausend

Thaler Schulden hat -- wenn das reicht.«

»Das wäre allerdings viel, aber er wird sie doch bezahlen,« sagte

Baumann bestimmt -- »er oder ich, wer nun die Erbschaft antritt.«

»Wollten Sie das wirklich?«

»Würden Sie nicht das Nämliche an meiner Stelle thun? Denn war er mehr

schuldig an dem Tausch, als ich selber? Aber welchen nächsten Schritt

beabsichtigen Sie -- darf ich ihn wissen?«

Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal in seiner kleinen

Stube auf und ab gegangen.

»Ich war heute in Wendelsheim,« sagte er, »und kam gerade zur rechten

Zeit, um einem heftigen Auftritt Ihrer Fräulein Tante mit dem jungen

Mädchen da draußen -- wie heißt sie doch gleich?«

»Mit Kathinka?«

»Ja, mit Kathinka beizuwohnen. Dann hatte ich eine Unterredung mit der

Dame selbst; ich wollte sie zu einem Geständniß bringen, aber es mißlang

gründlich.«

»Die Baronin von Wendelsheim hat also nie um den Tausch gewußt?«

»Es scheint nicht so; aller Vermuthung nach hat Fräulein von Wendelsheim

die Kleinigkeit, jedenfalls unter Mitwissen Ihres Vaters, besorgt.«

»Sie leugnete?«

»Sie ließ sich nicht einmal herbei, zu leugnen, denn damit hätte sie

sich auf der Defensive halten müssen, sondern sie ging augenblicklich,

wie ein tapferer Feldherr, zur Offensive über, und ich gebe Ihnen mein

Wort, sie leistete darin Außerordentliches. Von der Dame ist auch nie

ein Geständniß zu gewärtigen; eher verräth der Stuhl da, wo der Baum

gestanden hat, aus dem er einst geschnitten wurde.«

»Und wäre es denn nicht möglich, die ganze Sache zurückzuziehen? O,

Gott ist mein Zeuge, ich verlange den Reichthum nicht, und ehe so großes

Elend über so viele Menschen kommt....«

»Das ist zu spät, mein junger Freund,« sagte Witte, »und zwar nicht

allein der Gerichte, sondern vorzüglich Ihres eigenen Vaters -- des

Schlossermeisters, wollte ich sagen -- wegen; denn dessen Schädel ist

härter als das Eisen, das er schmiedet. Aber es ginge auch überhaupt

nicht, die Sache ist schon zu weit gediehen; wir könnten nicht mehr

zurück, selbst wenn wir wollten. Aber wir wollen auch nicht,« setzte er

hartnäckig hinzu, »und es ist eine Art von Zweikampf daraus geworden,

den ich schon ehrenhalber mit Ihrer Fräulein Tante auszufechten habe.«

»Und meine arme Mutter?«

»Sorgen Sie sich nicht um sie. Ihre Pflegemutter hat allerdings gefehlt

und wird dafür gestraft werden müssen; aber stellt sich die Untersuchung

so heraus, wie ich vermuthe, so wird die Strafe nicht überhart

ausfallen. Nicht so günstig möchte freilich das Urtheil für den Baron

lauten, der mit voller, ruhiger Ueberlegung dabei gehandelt haben muß

und nur von der noch schlaueren Schustersfrau überlistet wurde.«

»So wäre Benno mein Bruder gewesen!« seufzte Fritz. »Und o, wie lieb

hab' ich den Knaben gehabt, ohne es zu wissen, wie manche lange Stunde

an seinem Bett gesessen und ihm in die guten, klugen Augen gesehen!

Jenes arme Mädchen aber, das jetzt von dem gnädigen Fräulein so hart

behandelt wird, war seine treue Pflegerin, und Benno hing mit solcher

Liebe an ihr!«

Witte stand am Fenster und trommelte an den Scheiben. »Es ist eine ganz

verfluchte Geschichte,« sagte er endlich, »und es wird uns nichts übrig

bleiben, als den Stier bei den Hörnern zu fassen, wie man so zu sagen

pflegt, und der Stier ist dieses Mal kein Anderer, als die gnädige

Tante.«

»Ich habe kein Mitleiden mit ihr,« sagte Fritz.

»Ja, es ist nur das Schlimme, daß sie das auch gar nicht verlangt. Sie

zeigt die Zähne, und wenn wir die Sache, wie sie jetzt steht, vor die

Geschworenen bringen, deren Sitzungen in nächster Zeit beginnen, so ist

es undenkbar, daß sie sich hindurchfinden.«

»Aber wäre es nicht möglich, weitere Zeugen aufzutreiben?«

»Nein; das Frauenzimmer, das damals der Frau Heßberger hülfreiche

Hand geleistet hat und dessen Aussage jetzt allerdings von der größten

Wichtigkeit wäre, ist, wie ich von Ihrer Mutter, der Frau Baumann,

gehört habe, leider in der Zeit gestorben. Lieber Gott, es sind

vierundzwanzig Jahre her, und die erst später hinzugerufene Amme des

jungen Barons -- _die_ Geschichte kenn' ich genau -- weiß von nichts

und kann von nichts wissen, denn als sie eintraf, war die ganze Sache

abgemacht.«

»Kennt der Lieutenant von Wendelsheim schon die Gefahr, die seinen

Ansprüchen droht -- seine wirklichen Eltern?«

»Nein -- wird ihm auch eine angenehme Ueberraschung sein; aber wie bis

jetzt Alles liegt, schwebt er noch nicht einmal in übergroßer Gefahr,

sie zu verlieren, denn ich fürchte fast, wir fallen durch.«

»Und dann wird die Mutter wieder freigegeben?«

»Ich glaube nicht, daß dann eine Veranlassung sein kann, sie länger

festzuhalten; denn daß eine Täuschung beabsichtigt wurde, sind wir im

Stande zu beweisen, und wenn die übrigen Theilnehmer derselben frei

ausgehen, kann die Frau Baumann allein nicht dafür gestraft werden.«

»So mag es denn gehen, wie Gott will,« sagte Fritz Baumann; »läge es

in meiner Hand, durch Verzichtleisten auf die Erbschaft die Mutter zu

befreien, mit Freude thät' ich es den Augenblick und gäbe Ihnen dazu

jede Vollmacht; ist es aber nicht möglich, dann freilich muß ich dem

Schicksal seinen Lauf lassen, und hoffe nur, mit Allem nichts zu thun zu

haben, bis es vorüber ist.«

»Auch selbst das kann ich Ihnen nicht versprechen,« sagte Witte; »der

einzige, wenn auch schwache Beweis, den wir vielleicht haben, liegt in

der Familienähnlichkeit der verschiedenen betheiligten Personen, und

vor den Geschworenen kann der allerdings wichtig werden. Dann müssen

Sie aber sowohl als Lieutenant von Wendelsheim vor den Schranken

erscheinen.«

Fritz Baumann seufzte tief auf. »Ich kann's nicht ändern!« und dem

Staatsanwalt die Hand reichend, verließ er langsam das Zimmer.

Wie er die Thür hinter sich zudrückte, kam die Frau Staatsanwalt in

einem schwerseidenen Kleide über den Vorsaal gerauscht, gerade auf die

Thür des Arbeitszimmers zu.

»Ist mein Mann zu Hause?« wollte sie den Fremden fragen, als sie ihn

plötzlich erkannte und, bei den ersten Worten kurz abbrechend, ihn mit

einem so hochmüthigen, verächtlichen Blick über die eine Schulter ansah,

daß Fritz kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Es hat immer etwas

Komisches, wenn eine Dame künstlich vornehm aussehen will, denn die

wirklich vornehme Dame ist in ihren ganzen Bewegungen stets einfach und

natürlich und denkt gar nicht daran, den Kopf so weit zurückzuwerfen.

Frau Staatsanwalt Witte rauschte aber stolz, wie ein Schwan auf stiller

Fluth, und majestätisch an dem jungen Mann vorüber und tauchte in

das Büreauzimmer ein, wo die sitzenden Schreiber von ihren Stühlen

emporfuhren und die stehenden sich bückten.

»Mein Mann in seinem Zimmer?« fragte sie.

Der Eine deutete mit seiner Feder in achtungsvoll bejahender Antwort

nach der nächsten Thür, und die Dame, Sand, Papierschnitzeln, gebrauchte

Stahlfedern und was sonst noch auf der Erde lag, hinter sich drein

kehrend, verschwand in ihres Gatten Zimmer.

»Was wollte der Mensch wieder bei Dir?« war hier die erste Frage, die

sie that.

»Welcher Mensch, mein Kind?«

»Der Herr Baumann, wenn Dir das besser klingt.«

»Ah, der junge Baumann; er hatte Einiges mit mir zu besprechen.«

»Und wagt der noch, nach dem, was vorgefallen, unser Haus zu betreten?«

»Liebes Kind,« sagte der Staatsanwalt, der seit der letzten

Ueberraschung bei Heßbergers angefangen hatte sich zu emancipiren, und

dem das hochmüthige Wesen der Gattin, dem eigenen schlichten Charakter

gegenüber, höchst fatal war -- »wenn Du bei seiner Tante einen Besuch

machst, wird er mir den doch erwiedern dürfen!«

»Witte,« rief die Frau mehr empört als erschreckt, »Du weißt, daß ich

dazu nur durch die Räthin Frühbach verleitet wurde; es ist niedrig und

unwürdig von Dir, mir das vorzuwerfen!«

»Was wünschest Du, mein Schatz? Ich bin gerade im Begriff, auszugehen.«

»Ich wollte Dich in etwas um Rath fragen,« sagte die Frau, rasch

abbrechend, denn ihre Gedanken liefen allerdings in dem Augenblick auch

auf Anderes hinaus. »Der junge Baron von Weldern -- Du kennst ja den

alten Baron von Weldern mit dem reizenden Rittergut am Vorberge -- hat

uns heute Morgen seinen Besuch gemacht, und ich wollte Dich fragen, ob

Du es nicht vielleicht für passend hieltest, wenn wir ihn für morgen

Abend zu einer Tasse Thee bäten! ich hatte mir gedacht....«

»Ich will Dir etwas sagen, mein liebes Kind,« unterbrach sie der

Staatsanwalt, »und ich bitte, Dich für die Zukunft danach zu richten:

ich verbiete Dir also hiermit auf das strengste, von heute ab weder zu

Thee, noch Kaffee, Mittag- oder Abendessen je wieder einen Adeligen,

einen Baron oder Grafen, oder welchen Titel die Herren sonst führen

mögen, einzuladen!«

»Aber, Witte!« rief die Frau und schlug vor Erstaunen die Hände

zusammen.

»Du hast mich doch verstanden?«

»Du bist wohl wahnsinnig geworden?« rief seine zärtliche Gattin.

»Ich war noch nie so voll bei Verstande, als in diesem Augenblick,«

entgegnete der Staatsanwalt und griff nach seinem Hut, denn er wünschte

diese Scene doch so viel als möglich abzukürzen.

»Aber unsere Stellung im Leben....«

»Ist eine höchst ehrenvolle,« erwiederte Witte, »so lange wir uns

auf dem Boden derselben bewegen, und -- es werden uns nachher solche

Demüthigungen erspart werden, wie wir sie jetzt erfahren müssen.«

»Welche Demüthigung?« fragte die Frau erstaunt.

»Das ist eine kleine Ueberraschung, liebes Herz,« sagte Witte, »die Dir

noch vorbehalten bleibt; Du magst Dich aber immer darauf gefaßt machen.

Du nimmst es mir nicht übel, daß ich Dich verlasse, ich habe dringende

Geschäfte.«

»Aber ich werde doch als Frau vom Hause einladen dürfen, wen es mir

beliebt?« rief die Frau, empört über diese rücksichtslose und ganz

ungewohnte Behandlung.

»Doch nicht, mein Schatz,« sagte Witte, der heute gerade in der Stimmung

war, seinen einmal geäußerten Willen durchzusetzen, »oder Du könntest

in die unangenehme Lage kommen, daß weder ich noch Ottilie bei Deiner

Festlichkeit erschienen; und ich weiß, daß Du zu verständig bist, Dir

eine solche Blamage öffentlich aufzuladen!« Und damit griff er seinen

Stock aus der Ecke auf und schritt mit den Worten: »Ich gehe auf die

Polizei!« durch seine Schreibstube hin und die Treppe hinunter, seine

auf's äußerste empörte Frau heute sich selber überlassend.

Unten in der Straße sah er nach der Uhr -- es war noch zu früh; er hatte

noch über eine halbe Stunde Zeit, ehe er den Polizei-Director sprechen

konnte, denn die auf heute anberaumte Sitzung war, wie er recht gut

wußte, noch nicht aus. Aber er zog es doch vor, seine Zeit lieber auf

der Straße abzuwarten, als nach der letzten Erklärung die Scene mit

seiner Frau zu verlängern. Er konnte ja indessen eine kleine Promenade

durch die Anlagen der Stadt machen; in jetziger Tageszeit fand er wenig

oder gar keine Menschen dort, und vielleicht kam er dabei auf einen

guten Gedanken, die Sache, die ihm jetzt vor allen anderen am Herzen

lag, in der richtigen Weise anzugreifen und zu beenden. Aber es fiel

ihm nichts ein; welche Mittel er auch ersann, überall traten ihm mit

eiserner Stirn die beiden Frauen -- die Heßberger und das gnädige

Fräulein -- entgegen, und er sah keinen Ausweg aus diesem Labyrinth.

»Ah, mein lieber Staatsanwalt!« hörte er da eine Stimme, fühlte, wie

sich zu gleicher Zeit ein Arm in den seinigen schob, und als er sich

etwas überrascht danach umdrehte, erkannte er das dicke, gutmüthige

Gesicht des Raths Frühbach, der ihm freundlich über seine Brille

zunickte.

»Ah, mein lieber Rath!«

»Auch auf einem Spaziergang, lieber Freund? Ja, das ist auch meine

einzige Arznei, schon meiner Verdauung wegen. Ich sage Ihnen, wenn ich

mich Nachmittags recht in eine gesunde Transspiration gelaufen habe,

befinde ich mich Abends noch einmal so wohl. Aber was ich gleich sagen

wollte, wissen Sie nichts davon, was ist denn das für eine Geschichte?

Als ich vorhin an der Polizei vorüber ging, sagte mir der eine

Polizeidiener, dessen Frau einen kleinen Obstgarten hat und uns immer

Obst und etwas Gemüse bringt -- ich bin dadurch mit dem Mann bekannt

geworden, und Sie wissen, die Polizei muß man sich immer zu Freunden

halten --, daß sie eben die Baumann, die Schlossersfrau und die

Schwester der Heßberger, eingesperrt und auf Numero Sicher gebracht

hätten.«

»Der Polizeidiener hätte auch etwas Gescheidteres thun können, als aus

der Schule zu schwatzen,« sagte Witte.

»Aber mir, bester Freund,« sagte Frühbach, »mir kann er es doch

sagen; er weiß ja recht gut, daß ich mit keinem Menschen darüber rede.

Jedenfalls steht das mit der Diebesgeschichte in Verbindung und die

beiden Schwestern haben gemeinschaftlich gearbeitet. Das war doch ein

Glück, Staatsanwalt, wie? daß ich damals gleich auf einer Haussuchung

bestand und Ihnen die Vollmacht ausstellte? Wir wären der Bande sonst im

Leben nicht auf die Spur gekommen.«

»Allerdings nicht, lieber Rath, allerdings nicht,« sagte Witte, der sich

indessen nur auf einen Ausweg besann, um von seinem lästigen Begleiter

loszukommen, denn er schwatzte nicht allein jede Unterhaltung, sondern

auch die Gedanken selber todt.

»Da fällt mir dabei eine ganz ähnliche Geschichte aus Schwerin ein,«

fuhr der Rath fort, der jetzt mit geblähten Segeln in seinem Elemente

schwamm und noch einmal so breit und aufgedunsen zu werden schien. »Da

hatten wir auch ein Dienstmädchen, eine ganz brave, ordentliche Person,

wie wir glaubten, und deren Schwester kam manchmal auf Besuch zu ihr;

aber es fehlte uns immer etwas, bald ein Löffel, bald eine Serviette,

bald auch einmal etwas schmutzige Wäsche -- meine Seele dachte

aber nicht an das Mädchen oder ihre Schwester, denn es waren gar so

ordentliche Personen. Mein Frauchen aber, das darin außerordentlich

scharf ist -- ich sage Ihnen, Staatsanwalt, die Frau würde zu einem

Untersuchungsrichter passen, so genau kommt sie der Sache immer auf den

Grund, und die Heßbergers hat sie schon lange in Verdacht gehabt -- was

wollte ich denn gleich sagen -- ja, meine Frau sagte eines Tages zu mir:

Du, Männi, sagt sie, der Pauline trau' ich nicht, mit der ist's nicht

richtig! Nun denke ich schon 'was Anderes und sage: Ih bewahre, liebes

Kind, die Pauline muß ja schon wenigstens sechsundvierzig Jahr alt sein!

Aber meine Frau sagt: Ih, Gott bewahre, das mein' ich gar nicht, ich

meine wegen der silbernen Löffel! Ja so! sag' ich, und nun fällt mir

auch so Manches ein, das mir verdächtig vorkommen konnte. Zuerst wollte

die Pauline eine kleine Erbschaft gemacht haben, und ich traute der

Sache nicht, aber wir konnten ihr auch nicht beweisen, daß es nicht wahr

wäre.«

»Hm,« sagte Witte und sah den Rath an.

»Und dann,« fuhr dieser fort, »steckte sie immer mit ihrer Schwester so

durch. Nun hatte die Pauline eine böse Eigenschaft, das wußte ich: sie

horchte. Wenn ich mich manchmal mit meiner Frau vertraulich unterhielt

und von Dem und Jenem sprach, dann hatte sie immer das Ohr am

Schlüsselloch. Damit dachte ich sie denn auch zu fangen, daß sie sich

einmal selber verrathen sollte; und wie ihre Schwester wiederkam, rief

ich sie herein, ich hätte ihr 'was zu sagen, und fragte sie dann nach

einer Pauline Weber, die gar nicht existirte, und sagte ihr, daß uns die

Pauline früher so bestohlen hätte, und fing nun an, etwas lauter auf die

Pauline zu schimpfen, was das für ein schlechtes Frauenzimmer wäre

und uns silberne Löffel und Servietten und Wäsche und was sonst noch

weggenommen hätte. Auf einmal geht die Thür auf, und die Pauline stürzt

herein, und ich denke, sie soll mich und meine Frau in Stücke reißen, so

wüthend war sie. Wir konnten sie auch wirklich kaum beruhigen, daß wir

gar nicht sie, sondern eine ganz andere Pauline gemeint hätten, denn sie

drohte in Einem fort mit der Polizei. Aber es war auch ein Glück, daß

ich nichts weiter gesagt hatte, denn wie sich später herausstellte, war

sie's auch gar nicht gewesen, sondern eine Aufwärterin, die wir manchmal

im Hause hatten und die bei einer andern Dieberei erwischt wurde und

Alles eingestand.«

»Sonderbar, sonderbar,« sagte Witte und schüttelte in Einem fort mit dem

Kopf, »man sollte es nicht für möglich halten....«

»Nicht wahr?« sagte Rath Frühbach, nicht wenig durch die Anerkennung

geschmeichelt. »Ja, es passiren wirklich wunderbare Sachen auf der Welt;

aber man muß nur einen Blick dafür haben. Ich sage Ihnen, da begegnete

ich eines Tages dem Regierungs-Präsidenten Hesse, einem alten Freunde

von mir, auf dem Markte....«

»Sie entschuldigen mich gewiß, lieber Rath, ich muß hier abbiegen,«

unterbrach ihn Witte, dem eine Fluth von Gedanken durch den Kopf schoß.

»Das macht nichts,« sagte Rath Frühbach freundlich, »ich habe gar nichts

zu versäumen; ich begleite Sie. Also der Präsident....«

»Aber ich biege hier gleich in das nächste Haus ab; ich habe dort

Jemanden in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Sie erzählen mir

die Geschichte ein ander Mal, wie?«

»Gewiß, mit dem größten Vergnügen,« sagte Frühbach; »sie ist übrigens

gar nicht lang, und wenn Sie....«

»Hier ist das Haus -- ich danke Ihnen, lieber Rath. Auf Wiedersehen!«

Und damit ging Witte in ein vollkommen fremdes Haus, in dem er keine

Menschenseele kannte, und stieg dort, nur in dem Gefühl, den sonst nicht

abzuschüttelnden Rath los zu werden, und ganz in Gedanken eine Treppe

nach der andern hinauf, bis er sich plötzlich unter dem Dache vor einer

schmalen, mit einem Vorhängeschloß versehenen Bodenthür fand und nun

nicht weiter konnte.

»Herr Du mein Gott,« sagte er hier, ordentlich erstaunt, »wo bin ich

hingerathen? Die verdammten Treppen! Aber hieher ist er mir doch nicht

gefolgt -- jetzt kann ich nur machen, daß ich wieder hinunter komme.«

Ganz unbemerkt sollte das aber nicht geschehen; denn die Treppe war

steil und unbequem zu gehen, er hatte dabei etwas Geräusch nicht

vermeiden können. Wie er in der dritten Etage wieder ankam, öffnete

sich eine Thür, und eine Frau fragte, den Kopf herausstreckend: »Zu wem

wollen Sie?«

Witte mochte nicht sagen, daß er nur auf gut Glück hier hinaufgelaufen

sei, und nach dem ersten besten Namen, der ihm einfiel, fragte er:

»Können Sie mir nicht sagen, liebe Frau, ob hier der Schneider Müller

wohnt?«

»Ja wohl, der wohnt hier,« nickte die Frau, die Thür jetzt aufmachend;

»bitte, wollen Sie nicht näher treten?«

»Das ist Pech!« brummte Witte leise vor sich hin und las jetzt wirklich

zu seiner Ueberraschung auf einem an der Thür angehefteten Schilde die

zierlich geschriebenen Worte: »Karl Müller, Schneidermeister.« Es half

aber nichts, nach der Frage mußte er hineingehen und wußte auch in der

ersten Verlegenheit wirklich nicht, was er anders thun sollte. Er hätte

aber kein Advocat sein müssen, wenn er um irgend einen Ausweg verlegen

gewesen wäre, und kaum betrat er deshalb auch die kleine, entsetzlich

dumpfige Werkstätte, wo ein bleich genug aussehender junger Mann mit

zwei Lehrjungen arbeitete, als er auf diesen zuging und sagte: »Ach,

mein lieber Herr Müller, ich bin der Staatsanwalt Witte und suche einen

Schneider Müller mit dem Vornamen Chrysostomus, kann ihn aber im ganzen

Adreßkalender nicht finden. Wären _Sie_ vielleicht im Stande, mir

Aufklärung zugeben und zu sagen, wo ich ihn treffen kann?«

Der arme Schneider, dessen Gesicht sich ordentlich aufgeklärt hatte,

als er, wie er glaubte, einen neuen Kunden eintreten sah, schien etwas

niedergeschlagen, erwiederte aber doch, er bedauere, nicht dienen zu

können. Er selber sei noch nicht so sehr lange hier ansässig und kenne

keinen Chrysostomus Müller.

Witte sah sich in der Stube um; sie war unendlich sauber gehalten, aber

auch unendlich ärmlich und enthielt kaum das Nothdürftigste von Möbeln.

Neben dem Meister lag auch sein Vesperbrot, und in der That nicht mehr,

als um was er wahrscheinlich täglich bat, sein »täglich Brot«, eine

harte Kruste, ohne Butter oder andere Zuthat. Witte war schon im Begriff

zu gehen, als er noch auf der Schwelle stehen blieb und sagte: »Ich

bin mit dem Meister, der meine Kleider macht, nicht recht zufrieden und

möchte gern einmal wechseln; haben Sie Zeit, so kommen Sie morgen früh

um acht Uhr zu mir, aber nicht später, um mir Maß zu nehmen. Wenn Sie

ordentlich arbeiten, bekommen Sie nicht allein einen guten Kunden,

sondern ich werde Sie auch noch weiter empfehlen -- hier haben Sie meine

Karte.« -- Und mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, stieg

er die Treppe wieder hinab.

Er hatte den Schneider aber schon vergessen, ehe er nur das Haus

verließ, denn andere Dinge gingen ihm jetzt im Kopf herum: die Erbschaft

der Frau Heßberger! Daß er daran auch noch gar nicht gedacht! Da war

ein Anhaltspunkt, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß die Heßberger

darüber, wo sie das Geld damals erhoben, keine genügende Auskunft würde

geben können, und dann nun -- wenn er ein Mittel fand, die Heßberger zum

Reden zu bringen -- des Raths Erzählung, wenn sie auch, wie alle seine

Geschichten, einfach im Sande verlief, hatte eine wahre Fülle von Ideen

in ihm wachgerufen, und er brauchte Zeit, um die zu verarbeiten.

Vor allen Dingen mußte er noch eine Besprechung mit der Frau Baumann

haben, und raschen Schrittes eilte er jetzt auf das Polizeigebäude zu.

6.

Auf dem Criminalamt.

Witte hatte an dem Abend eine lange Besprechung mit dem die Untersuchung

führenden Justizrath und erfuhr darin Manches, was er zur Ausführung

seines immer erst flüchtig und noch unklar entworfenen Plans gebrauchen

konnte.

So hatte sich bei einer genaueren Nachforschung über die gestohlenen

und bei Heßberger gefundenen Gegenstände ergeben, daß viele Sachen von

Stellen herrührten, in welche Heßberger selber nie einen Fuß gesetzt, wo

aber seine Frau desto häufiger ein- und ausgegangen war, und es stellte

sich dadurch als ganz bestimmt heraus, das sie ebenfalls nicht allein

die Hehlerin gemacht, sondern auch einen Theil der Kostbarkeiten selber

entwendet haben mußte. Vieles war allerdings schon verkauft worden, und

da der Schuhmacher ein umfangreiches Geständniß abgelegt, so kam

man auch dadurch hinter einige gewerbsmäßige Hehler-Spelunken, die

aufgehoben wurden. Alles hatte er aber doch nicht untergebracht und

jedenfalls auf eine spätere, gelegene Zeit aufgespart. So fand sich auch

unter dem gestohlenen Gut noch verschiedenes Silberzeug, welches das

Wendelsheim'sche Wappen trug und ebenfalls nur von der Frau gestohlen

sein konnte, und auf dieses basirte Witte einige Hoffnung, um das

gnädige und allerdings leicht irritirbare Fräulein gegen die Frau

aufzubringen; aber stärkere Mittel mußten freilich noch mitwirken.

Der Untersuchungsrichter gab übrigens seine Zustimmung zu Allem, drängte

aber, rasch vorwärts zu gehen, um keiner der Parteien lange Zeit zur

Ueberlegung zu gestatten, denn dadurch würde oft, wie er behauptete, ein

nie wieder einzubringender Vortheil aus der Hand gegeben. Witte sträubte

sich allerdings dagegen; er war seiner Sache viel zu wenig sicher, um

nicht fürchten zu müssen, durch zu große Eile das Ganze zu überstürzen,

und ging der erste Anlauf verloren, so konnten sie sich nur als

geschlagen betrachten. Der Untersuchungsrichter, ein alter, sehr

tüchtiger Criminalist, bestand aber auf seinem Willen, und das gnädige

Fräulein von Wendelsheim wurde deshalb zu dem Zweck durch einen

expressen Boten auf morgen früh halb zwölf Uhr auf das Criminalamt

beschieden -- ein weiterer Grund der Vorladung war natürlich nicht

dabei bemerkt, der Gensdarme aber, der die Vorladung zu befördern hatte,

angewiesen worden, sich zugleich eine Liste von ihr über auf Wendelsheim

vermißte Silbersachen oder sonstige Gegenstände zu erbitten.

Von der Frau Baumann, die der Staatsanwalt sehr still und niedergedrückt

antraf, wollte er jetzt erfragen, welchen Platz ihre Schwester damals

angegeben habe, um die vermeintliche Erbschaft zu erheben. Daß beide

Schwestern die Zeit ihrer Abwesenheit nur in einer nicht sehr entfernten

kleinen Stadt zugebracht, hatte sie ihm schon erzählt. Die Frau

Baumann erinnerte sich auch, daß Berlin genannt gewesen, was der

Schlossermeister ebenfalls bestätigte, denn er hatte in jener Zeit fest

geglaubt, die beiden Schwestern wären dorthin gereist, aber, mit nicht

dem geringsten Verdacht einer Täuschung, nicht weiter danach gefragt.

Am nächsten Morgen um acht Uhr kam der von ihm bestellte Schneider

Müller, um ihm Maß zu nehmen. Er hatte schon gar nicht mehr an den Mann

gedacht, der sich aber mit dem Glockenschlag einstellte. Witte schickte

dann in den nächsten Laden hinüber, um sich einige Stücke Tuch herüber

bringen zu lassen, und bis die eintrafen, unterhielt er sich mit dem

Manne. Müller war ein geborener Mecklenburger, seine Mutter stammte aus

Alburg, und nach des Vaters Tode hatte sie das Heimweh bekommen und sich

hieher zurückgezogen, wo er sich dann mit der neuen Gewerbefreiheit eine

Werkstatt gründete. Aber das Geschäft ging noch schlecht -- er hätte

gern geheirathet, um seiner alten Mutter die Sorge für die Wirthschaft

abzunehmen -- aber es ging nicht, er mußte es auf spätere Zeiten

verschieben und sich erst etwas verdienen, ehe er daran denken

konnte, denn ein »reiches« Mädchen -- das heißt Eine, die an zwei- bis

dreihundert Thaler im Vermögen hatte -- nahm ihn ja doch nicht.

Es war die alte Geschichte, das Ankämpfen eines fleißigen, braven Mannes

gegen den täglichen Bedarf. Indessen kam das Tuch, wurde bestimmt und

überliefert, und der junge Schneidermeister versprach die Kleider auf

den angegebenen Tag pünktlich abzuliefern. Witte wußte, daß er Wort

halten würde, und wenn er hätte Tag und Nacht arbeiten sollen.

So rückte die Zeit heran, wo er auf das Criminalamt mußte. Das Verhör

der Heßberger war auf zehn Uhr festgesetzt, und etwa eine Viertelstunde

vor dem bestimmten Termin fand er sich oben ein. Bald darauf wurde die

Frau vorgeführt, aber auf ihr ganzes Wesen schien die bisherige Haft

nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. Sie sah finster und

verschlossen aus wie immer, und mit zusammengekniffenen Augen blickte

sie die drei Männer, den Untersuchungsrichter, den Protokollanten

und Witte, der seitwärts an einem Fenster stand, tückisch, aber auch

verächtlich an, als ob sie sich bewußt sei, daß diese, trotz aller

Kreuzfragen, nichts aus ihr herausbringen sollten, als was sie

selber Willens sei, ihnen zu sagen. Wer hätte sie zwingen können! Der

Untersuchungsrichter überraschte sie da einigermaßen, indem er begann:

»Heßberger, Ihr seid heute eigentlich zu keinem richtigen Verhör

herbeschieden, sondern nur um Auskunft über verschiedene, minder

wichtige Dinge in Hinsicht auf den verübten Diebstahl zu geben.«

Die Frau schwieg und schaute störrisch vor sich nieder; sie erwartete

das Weitere.

»Was die verschiedenen, bei Euch aufgefundenen Silbersachen betrifft,«

fuhr der Untersuchungsrichter fort, »so wißt Ihr, daß bei sehr vielen

der Beweis Eurer eigenen Thätigkeit geliefert ist. Alles hat sich

aber nicht gefunden, besonders einige Stücke, bei denen den früheren

Eigenthümern viel daran liegt, sie wieder zu bekommen. Euer Mann

versichert, daß nichts von Euch selber eingeschmolzen sei, und wir haben

keinen Grund, daran zu zweifeln; jedenfalls ist aber, wie der Beweis

vorliegt, ein Theil des gestohlenen Gutes von Euch verkauft worden

und Einiges davon auch wirklich wieder gefunden, Anderes natürlich

verschwunden. Nun hat sich bei den Gegenständen auch ein Theil derselben

als Eigenthum der Familie Wendelsheim herausgestellt. Das scheint aber

nur der kleinste Theil dessen zu sein, was Ihr dort bei Seite gebracht

habt, und es ist uns von derselben die Weisung zugegangen, auch nach

einem sehr schweren silbernen Teller mit dem Familienwappen zu forschen,

den Ihr bei Eurem letzten Besuche dort mitgenommen haben müßt, denn er

ist seit der Zeit verschwunden.«

»Und wer sagt das?« fragte die Frau finster.

»Das kann Euch einerlei sein,« fuhr der Untersuchungsrichter fort; »ich

sage es, und das ist genug.«

»Stellt mir den Baron gegenüber,« sagte die Alte trotzig, »und laßt

ihn mich nach einem gestohlenen Stück fragen, und ich werde ihm Antwort

geben -- Niemandem weiter.«

»Der Baron,« sagte der Untersuchungsrichter, »ist schwer krank,

körperlich nicht sowohl als geistig; er bekümmert sich um gar nichts

mehr, und das gnädige Fräulein von Wendelsheim hat jetzt im Schlosse die

alleinige Leitung der Geschäfte.«

»Das gnädige Fräulein von Wendelsheim hat mich nach einem gestohlenen

Teller fragen lassen?« rief die Frau, wild und zornig emporfahrend.

»Ich habe Euch schon einmal gesagt, daß Euch das einerlei sein kann,

_wer_ danach fragen läßt,« entgegnete der Inquirent; »ich frage Euch

jetzt danach, und mir habt Ihr zu antworten.«

»Ich weiß von keinem Teller,« sagte die Frau störrisch, »habe nie einen

in dem gottvergessenen Hause, das ich wollte, ich hätte es nie im Leben

betreten, gesehen.«

»Ihr seid eine hartgesottene Person,« sagte der Inquirent; »die

Herrschaft da draußen ist so freundlich und liebevoll gewesen, und aus

Dankbarkeit dafür stehlt Ihr derselben das Silber und die Wäsche selbst

aus dem Kasten heraus.«

»Wer hat behauptet, daß ich ihnen Wäsche aus dem Kasten genommen habe?«

rief die Frau mit blitzenden Augen. »Und liebevoll behandeln? -- Wenn

ich wüßte, daß das böse Geschöpf...« -- Sie biß sich auf die Lippen und

schwieg.

»Was wolltet Ihr sagen?«

»Nichts -- ich weiß von nichts.«

»Gut, dann hat hier der Herr Staatsanwalt Witte nur noch eine Frage an

Euch zu richten, die Ihr ihm hoffentlich besser beantworten werdet, als

mir die meinigen.«

»Der Staatsanwalt Witte?« sagte die Frau spöttisch. »Ich denke, der

_weiß_ Alles! Was hat denn der da noch zu _fragen_?«

»Ich will Euch 'was sagen, Heßberger,« erwiederte Witte, »ich weiß auch

mehr, als Euch vielleicht lieb und zuträglich ist, und was ich Euch

fragen will, hat, wie Ihr gleich hören werdet, mit nichts etwas zu

thun, was ich nicht wüßte -- es ist nur wegen einer von Euren Lügen. Ich

möchte deshalb hören, wie der Platz heißt, wo Ihr damals die Erbschaft

für Euch und Eure Schwester erhoben habt -- Ihr wißt doch, welche ich

meine -- und wo die Papiere sind, die Euch darüber ausgestellt wurden.«

»Ich habe keine Papiere,« knurrte die Frau; »es ist drei- oder

vierundzwanzig Jahre darüber hingegangen.«

»Das wäre möglich, daß die in der Zeit verloren gegangen wären,« nickte

Witte; »aber den Namen der Stadt werdet Ihr doch wohl noch wissen, wo

Ihr das Geld bekommen habt?«

Die Frau schwieg und sah finster vor sich nieder.

»Es hilft Euch nichts, Heßberger,« sagte Witte kopfschüttelnd. »Woher

Ihr das Geld wirklich bekommen habt, wollt Ihr nicht gestehen -- es ist

auch nicht nöthig, wir haben es schon erfahren; aber die Frau ist jetzt

todt, der Mann geistesschwach geworden und also von dem Arm des Gesetzes

nicht zu erreichen. Von der Familie Wendelsheim hat Niemand weiter mit

der schmutzigen Geschichte zu thun gehabt, denn das gnädige Fräulein

ist dazu eine viel zu achtbare Dame; also seid Ihr die, an die wir

uns allein halten können. Gebt mir nur blos einen Platz an, wo Ihr die

Erbschaft wollt erhoben haben, ich schreibe dann gleich hin, und Ihr

wißt selber recht gut, daß in acht oder vierzehn Tagen die Antwort

eintrifft: es wäre kein Wort von der ganzen Geschichte wahr. Aber Ihr

habt damit Euren Zweck erreicht und das Urtheil noch um ein paar Wochen

hinausgeschoben. Uebrigens hilft Euch das nicht einmal etwas, denn für

die von Euch verübten Diebstähle und die Hehlerschaft des Uebrigen kommt

Ihr schon vorher in's Zuchthaus. Also wo war Eure Erbschaft her?«

Die Frau hatte den Sprechenden mit ihren großen, lichtblauen Augen starr

angesehen und war anscheinend dem, was er sagte, mit der gespanntesten

Aufmerksamkeit gefolgt. Sie beantwortete aber die Frage nicht gleich,

sondern fragte im Gegentheil zurück:

»Der Baron von Wendelsheim ist geisteskrank?«

»Die Wendelsheim'sche Familie, habe ich Euch schon gesagt, hat mit der

Sache, den rechtmäßigen Erben ausgenommen, weiter gar nichts zu thun --

laßt die nur,« sagte Witte; »sie soll auch gar nicht belästigt werden --

Eure Schwester hat uns Alles ausführlich eingestanden -- beantwortet mir

also meine Frage...«

»Und was weiß meine Schwester davon?« knurrte die Frau.

»Wo also wollt Ihr die Erbschaft erhoben haben?«

»Sie glauben es mir doch nicht...«

»Nein, darauf kommt auch nichts an; es ist nur, daß der Form genügt

wird, und die muß beachtet werden.«

»Ich kann mich jetzt nicht darauf besinnen.«

»Gut, ich will Euch nicht drängen,« sagte Witte, nach seiner Uhr sehend;

»es sind jetzt gerade zehn Minuten über zehn Uhr -- ich gebe Euch eine

halbe Stunde Zeit. Ueberlegt Euch indessen, was Ihr mir sagen wollt; bis

dahin aber muß ich eine Antwort haben, oder das Gericht nimmt an, daß

Ihr dieselbe verweigert, und das ist dann, wie Ihr recht wohl wißt,

eben so gut wie ein stummes Eingeständniß, daß Ihr den Ort nicht nennen

_könnt_, weil er nicht existirt. -- Sie erlauben wohl, daß die Frau

die kurze Zeit in dem Nebenzimmer bleibt, damit wir sie nachher gleich

wieder bei der Hand haben?«

»Jawohl,« nickte der Untersuchungsrichter; »die anstoßende Stube ist

leer, sie kann dort warten.« -- Er klingelte, und als einer der

Leute eintrat, gab er Ordre, daß die Frau da nebenan einen Augenblick

eintreten solle, bis sie wieder in ihre Zelle geführt würde. Noch ehe

sie aber das Zimmer verlassen hatte, fragte er den Polizeidiener: »Ist

das gnädige Fräulein von Wendelsheim erschienen, um ihr Silberzeug

wieder in Empfang zu nehmen?«

»Jawohl, Herr Justizrath,« erwiederte der Mann, »sie ist eben

vorgefahren.«

»Schön. So ersuchen Sie die Dame, einen Augenblick zu warten -- oder es

ist auch nicht nöthig,« setzte er hinzu. »Führen Sie nur die Frau ab;

ich werde selber gehen.«

Die Heßberger war stehen geblieben, als sie den Namen hörte; jetzt biß

sie die Zähne fest zusammen und folgte dem Manne.

»So,« sagte sie, als sie in's andere Zimmer trat, »und ist das etwa

Gerechtigkeit? Das Frauenzimmer, weil sie hochadelig und vornehm ist,

wird _ersucht_ einzutreten, und fährt in ihrem Wagen vor, und mich

behandelt man wie einen Hund, der aus einem Kasten in den andern geführt

wird!«

»Wenn die gestohlen oder sonst ein Verbrechen begangen hätte, wie Ihr,«

brummte der Mann, »so würde sie gerade so behandelt, und jetzt haltet's

Maul und setzt Euch da auf den Stuhl hin, bis Ihr wieder gerufen

werdet!« Und damit ging er wieder hinaus, schloß von außen die Thür,

welche auf den Vorsaal führte, und ließ die Gefangene, mit Gift und

bitterer Galle im Herzen, allein zurück.

Und hatte dieser Staatsanwalt, den sie haßte -- haßte wie nur ein Weib

hassen kann, nicht recht, wenn er sagte, daß sie doch für das

Zuchthaus reif sei, mochte geschehen, was da wolle? Daß sie sich an den

Diebstählen betheiligt, war nicht mehr abzuleugnen -- die gefundenen

Gegenstände zeugten klar genug gegen sie --, und was dann? Sie wurde

eingesperrt und mußte Wolle spinnen, und wenn sie endlich wieder frei

kam, wiesen die Kinder mit Fingern auf sie und schrieen: »Die -- die

kommt aus dem Zuchthaus, die hat gestohlen!« Und das Fräulein von

Wendelsheim indessen fuhr in ihrer Kutsche vornehm an die Polizei heran,

und die Leute, welche _sie_ mit Verachtung behandelten, machten ihr eine

Verbeugung. -- Und für wen hatte sie Alles gethan? Für sich allein, für

die lumpigen paar Tausend Thaler etwa? Und zeigte sich ihr jetzt auch

nur Einer von Allen als Freund? Ihre eigene Schwester verrieth sie --

der Schlosserssohn, den _sie_ zum Baron gemacht, kannte er sie etwa nur,

wenn er ihr in der Straße begegnete -- und das gnädige Fräulein...?

-- Sie versank in dumpfes, grimmiges Brüten und hielt dabei die dünne

Unterlippe fest und unerbittlich zwischen ihren Zähnen eingeklemmt.

Draußen war Alles ruhig, sie hörte keinen Ton eine lange Zeit. Jetzt

wurde eine Thür geöffnet und gleich darauf eine Stimme laut, deren

scharfen Ausdruck sie nur zu gut kannte -- es war die des Fräuleins

von Wendelsheim -- und war die besser, als sie? Ja, abgewälzt hatte sie

Alles von sich und auf die arme, selige Baronin geschoben, die eher

ihr eigenes Leben als ihr Kind geopfert hätte -- und der Baron verrückt

geworden? -- Sie schauderte zusammen, wenn sie sich die Möglichkeit

dachte, denn das sah aus wie Gottes Strafgericht. -- Und hier der öde

Raum, die vergitterten Fenster, die Verachtung, mit der sie von allen

Menschen behandelt wurde! Die Brust wurde ihr so eng, sie konnte kaum

Athem holen und sprang wieder von dem Stuhl empor. Jetzt plötzlich

horchte sie hoch auf -- draußen hörte sie ihren Namen nennen, und wie

ein Schatten glitt sie nach der Thür, an die sie ihr Ohr preßte.

Das gnädige Fräulein war außerordentlich pünktlich und eigentlich noch

acht Minuten vor ihrer Zeit, aber auch mit schlecht verbissenem

Ingrimm eingetroffen, weil man gewagt hatte, ihr die Einladung auf das

Criminalamt auf einem der gewöhnlichen gedruckten Bogen, wie für gemeine

Verbrecher, zu senden. Der mußte denn natürlich den Leuten auf dem Hofe

in die Hände fallen, und schon darüber erbost, konnte sich ihre Laune

durch das lange Warten natürlich nicht verbessern.

»Was will man von mir?« fragte sie einen alten Polizeidiener, der auf

einem hohen Sessel an einem Stehpult saß und eine Liste vor sich hatte.

Der Mann zuckte nur die Achseln, deutete auf die eine Thür und meinte,

sie würde es da drin schon erfahren.

»Und weshalb werde ich nicht vorgelassen?«

»'s ist noch Jemand drin,« sagte der Polizeibeamte, ohne sie anzusehen.

»Hier geht Alles nach der Reihe. Wenn Sie dran kommen sollen, wird

geklingelt.«

Jetzt wurde die Thür aufgemacht und der Actuar rief heraus: »Fräulein

von Wendelsheim in Nr. 17!«

»Was?« schrie das gnädige Fräulein, in jähem Schreck emporfahrend, und

wurde in dem Moment todtenbleich. »Man will mich doch nicht einkerkern?«

»Ne,« lachte der alte Polizeidiener gutmüthig, »noch nicht -- die

Nummer 17 ist nicht gemeint, die Thür da gerade vor, da sollen Sie

hineingehen.« Und er deutete dabei mit der Hand auf die bezeichnete

Nummer.

Das gnädige Fräulein holte tief Athem -- die ganze Umgebung hatte doch

einen unheimlichen Eindruck auf sie gemacht; sie war dadurch so ganz aus

ihrer früheren Sphäre herausgerissen -- es _fürchtete_ sie hier

Niemand, und selbst die untersten Diener behandelten sie mit einer

Gleichgültigkeit, die sie empörte, die ihr aber auch imponirte.

Sie schritt auf das ihr angegebene Zimmer zu und öffnete die Thür --

es war ein großer, geräumiger, öder Saal mit einem grün beschlagenen,

langen Tisch in der Mitte von vielen Stühlen. Er diente jedenfalls zu

gewissen Zeiten als Sitzungszimmer. Auf dem Tisch aber lagen die von dem

Heßberger'schen Ehepaare gestohlenen Gegenstände ausgebreitet, und

durch die andere Thür trat jetzt der Untersuchungsrichter mit dem ihn

begleitenden Witte herein.

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath, ohne es der Mühe werth

zu halten, sich zu entschuldigen, daß er sie so lange im Vorzimmer hatte

warten lassen, »es hat sich herausgestellt, daß Sie durch die Ihnen sehr

wohl bekannte Heßberger ebenfalls nicht unbeträchtlich bestohlen sind.

Es haben sich da besonders verschiedene Silbersachen gefunden, die noch

das Wappen Ihrer Familie tragen. Wollen Sie einmal gefälligst nachsehen,

ob Sie das Alles als das Eigenthum Ihres Herrn Bruders erkennen?«

Fräulein von Wendelsheim, deren Miene sich sehr verfinstert hatte, als

sie den Staatsanwalt erkannte, wollte schon fragen, weshalb man ihr

nicht eben so gut die Sachen hätte hinausschicken können, anstatt sie

selber hieher zu bemühen; der alte Justizrath sah aber so ernst und

würdig aus und schien sich dabei hier so in seinem vollen Recht zu

fühlen, daß sie die Frage wieder verbiß und der Aufforderung Folge

leistete. Sie erkannte und bestätigte auch bald die nach Schloß

Wendelsheim gehörenden Sachen und äußerte dabei, sie hätte der Person,

der Heßberger, wohl zugetraut, solche schlechte Handlungen begehen zu

können.

»Und doch haben Sie sich mit der Person so nahe einlassen können, mein

gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath kalt. »Bitte, treten Sie

hier in das andere Zimmer; die Sachen sollen Ihnen später, wenn die

Untersuchung geschlossen ist, verabfolgt werden.« Damit ging er ihr

voran zur andern Thür, wo Witte schon, die Hand auf der Klinke, stand.

»Mit der Person nahe eingelassen?« sagte Fräulein von Wendelsheim und

maß den alten Herrn mit ihrem Blick von oben bis unten. »Was wollen Sie

damit sagen?«

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiederte der Justizrath, »die Sache ist kein

Geheimniß mehr. Jene Frau Baumann, die ihren Sohn damals hergegeben, hat

Alles bekannt und ein reumüthiges Geständniß abgelegt...«

»Die Frau Baumann?« rief das gnädige Fräulein und wechselte in jähem

Schreck die Farbe. »Welche Baumann?«

»Die Schlossersfrau -- und das ist sonst eine vollkommen unbescholtene

Person...«

»Aber das nicht allein, mein gnädiges Fräulein,« sagte jetzt Witte,

der einen letzten, verzweifelten Versuch machte, die Dame zum Reden

zu bringen, »auch die gefangene Heßberger hat Alles eingestanden und

erklärt, daß sie nur mit Ihnen und Ihrer Hülfe den Tausch bewerkstelligt

hätte. Sie werden sich dagegen jedenfalls zu verantworten haben.«

»Die Heßberger?« rief Fräulein von Wendelsheim in ausbrechender Wuth,

und Witte öffnete rasch die Thür, während sie der Justizrath durch ein

Zeichen bat, dort hinein zu treten. »Und so eine schlechte Person, so

eine ganz gemeine Diebin durfte sich das unterstehen, und das Gericht

legt auf das Gewicht, was so ein Geschöpf sagt? Hören Sie, was die

Leute draußen auf dem Land über das Weib sprechen: da ist auch keine

Schlechtigkeit auf der Erde, die _der_ nicht zur Last gelegt wird, und

mir, der Schwester des Barons von Wendelsheim, wollen Sie...«

Sie kam nicht weiter; in dem Moment wurde die gegenüberliegende Thür

aufgerissen und wie eine Furie stürzte die Heßberger heraus.

»Was?« schrie sie, »das adelige Weibsbild will hier über mich herziehen

und _meine_ Sünden aufzählen? Und ich soll schweigen und das Maul

halten und mich einsperren und schlecht behandeln lassen, nur daß _sie_

großbrodig in ihrer Kutsche fahren und die Schandgosche über andere

Leute aufreißen kann? Ei, zum Henker, dann kann ich auch reden, und nun

ist's doch einerlei und die Geschichte hier aus.«

Fräulein von Wendelsheim erschrak. Sie war schlau genug, im Augenblick

die ihr gelegte Falle zu sehen, und wie sie sich einen Moment unbemerkt

glaubte -- denn die Blicke der Beamten hingen an dem gereizten Weibe --,

blinzelte sie ihr rasch mit den Augen zu. Aber das war gefehlt; sie

machte das Uebel dadurch nur wo möglich noch schlimmer, denn die

Heßberger, der das nicht entging, tobte nun erst recht heraus:

»Ja, jetzt haben Sie gut blinzeln, nicht wahr -- nun die Heßberger da

ist und auf einmal Alles gehört hat? Mir brauchen Sie aber nicht mehr

zuzuwinken und heimliche Zeichen zu geben -- mir nicht, das ist vorbei,

und jetzt hören Sie hier auch die ganze Geschichte: der Fritz Baumann

ist der Sohn vom Baron und der Bruno der Junge vom Schlosser -- die da

hat sie vertauscht und die ganze Sache abgekartet, weil sie glaubte, daß

es ein Mädchen wäre. Der alte Baron wollte erst nicht -- die Frau, die

selige Baronin, hat nie ein Wort davon erfahren. Alles, was die Baumann

gesagt hat, ist wahr, und wenn Ihr _mir_ nicht glaubt, dann lebt hier in

der Stadt noch Jemand, der es bezeugen kann -- die Frau, die damals als

Wartefrau bei der Baronin diente....«

»Aber die ist ja todt, denk' ich?« rief Witte rasch.

»Weil ich's der Baumann gesagt habe, hat die's geglaubt. Nein, sie lebt

hier in der Stadt; damals zog sie nach Mecklenburg und heirathete

einen Schneider, jetzt ist der Mann gestorben und sie mit ihrem Sohne

zurückgekommen. Wo sie gerade wohnen, weiß ich nicht, aber sie werden zu

finden sein. Und nun steckt die da auch ein, am liebsten zu mir in das

nämliche Loch, daß ich doch wenigstens die paar Tage, die ich noch auf

der Welt bin, eine Freude habe.«

Witte triumphirte im Stillen über die gelungene List, aber ihn

schauderte auch zugleich, wenn er die Megäre ansah, die mit den

fliegenden, grauen Haaren und den weit aufgerissenen, ordentlich

unheimlich lichten Augen eher einer von Macbeth's Hexen als einem

menschlichen Wesen glich. Starr vor Grimm und Entsetzen aber stand

ihr das gnädige Fräulein gegenüber -- vor Grimm über ihre eigene

Machtlosigkeit, vor Entsetzen über die ihr in die Zähne geschleuderte

Anklage, der zu begegnen sie im ersten Augenblick weder Worte noch

Gedanken fand.

Der Einzige in der That im ganzen Zimmer, der sein kaltes Blut bewahrt

zu haben schien, war der Actuar, der an seinem Tische mit ordentlich

fliegender Feder stenographisch die Worte nachschrieb, welche über die

Lippen des rasenden Weibes sprudelten. _Der_ Anblick gab aber auch das

Fräulein von Wendelsheim sich selber wieder, und mit einem höhnischen

Blick auf den Schreibenden sagte sie:

»Nun, Frau Heßberger, Sie haben wenigstens den Herren hier den Gefallen

gethan und Alles gesagt, was _Sie_ wußten oder zu wissen glaubten, und

demnach hat allerdings, wie es scheint, auf dem Schlosse ein Betrug

stattgefunden oder finden sollen -- _ich_ weiß es nicht; nur daß _ich_

damit nicht in Verbindung stand, hoffe ich zu beweisen. Für jetzt

ersuche ich die Herren, mir zu sagen, ob ich zu einem Verhör oder nur

dazu vorgefordert gewesen bin, um die Frau da zum Reden zu bringen.«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath trocken, »da noch keine

wirkliche Anklage gegen Sie formulirt ist, glaube ich, daß wir Sie heute

entlassen können. Die eine Frage beantworten Sie mir nur: Sie haben

gehört, was jene, allerdings wenig glaubwürdige Frau über Sie gesagt hat

-- in wie weit ist das begründet?«

»So weit es mich betrifft, eine faule, erbärmliche Lüge,« sagte die Dame

stolz.

»So leugnen Sie jedes Mitwissen an dem Vergehen ab?«

»Jedes.«

»Aber Sie bezweifeln das Vergehen selber nicht?«

»Ich bezweifle es allerdings, weil ich es nicht für möglich halte.«

»Sehr schön. Sie werden Ihre Vorladung erhalten, wenn Sie hier wieder zu

erscheinen haben.«

»Und die darf gehen und ich werde eingesperrt?« rief die Heßberger. »Und

wissen Sie, was _die_ ihrem Bruder gestohlen hat, seit sie ihm draußen

die Wirthschaft führt -- jedes Jahr mehr, als ich und mein Mann unser

ganzes Leben zusammengebracht haben!«

»Schaffen Sie die Frau wieder in ihre Zelle, Schultze,« sagte der

Justizrath zu dem Polizeidiener, der schon in die Thür getreten war, als

die Heßberger in ihr erstes Toben ausbrach.

»Und das ist Gerechtigkeit!« hohnlachte das Weib. »Verdreht und

gewendet, wie man's gerade braucht, gelogen und betrogen, nur nicht für

das vornehme Pack, dem man nicht zu nahe treten darf!«

»Schaffen Sie das Weib hinaus!«

»Komm, Heßberger!« rief der Polizeidiener, sie am Arm ergreifend.

»Faßt mich nicht an!« schrie sie aber auf, indem sie sich wieder von

ihm losriß. »Ich gehe schon von selber, mag den Spectakel auch gar nicht

länger mit ansehen -- pfui!« rief sie, vor dem Justizrath und Witte

ausspuckend, und schritt dann mit raschen, zornigen Schritten aus der

Thür.

Fräulein von Wendelsheim wartete noch einen Augenblick. Sie horchte nach

außen zu, um wahrscheinlich erst die Schustersfrau aus dem Vorsaal zu

lassen, ehe sie ihr selber dahin folgte. Wie draußen Alles ruhig war,

sagte sie: »Dann werde ich mich jetzt entfernen und das Weitere ruhig

abwarten.«

»Verziehen Sie noch einen Augenblick,« sagte der Justizrath, der

indessen mit Witte heimlich geflüstert hatte. »Ihr Bruder scheint

geisteskrank zu sein, nicht wahr?«

»Er hat wenigstens die letzten Tage viel phantasirt und ist völlig

theilnahmlos; aber ich hoffe, daß sich das in der nächsten Zeit geben

wird.«

»Dann werden Sie mir erlauben,« sagte der Justizrath, »Sie durch einen

von unseren Beamten begleiten zu lassen, dem Sie auf Schloß Wendelsheim,

bis die Untersuchung geschlossen ist und die Geschworenen ihren

Entscheid abgegeben haben, sämmtliche Schlüssel überliefern, wie er auch

die Verwaltung des Gutes bis zu der Zeit unter sich behält.«

»Herr Justizrath!« rief Fräulein von Wendelsheim emporfahrend.

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte dieser kalt, »Sie selber stehen unter

einer schweren Anklage, und ich wäre vielleicht berechtigt, Sie gar

nicht wieder fortzulassen. In der Voraussetzung aber, daß Sie zu jeder,

Ihnen bestimmten Zeit vor Gericht erscheinen, will ich davon absehen.

Die Verwaltung des Schlosses dagegen wird, entweder bis der alte Baron

wieder hergestellt oder der wirkliche Erbe unzweifelhaft festgestellt

ist, der von mir mitgegebene Beamte übernehmen. Assessor Schuster wird

das besorgen und Actuar Bessel mag ihn begleiten, um gemeinschaftlich

Alles, die Wohnungsräume ausgenommen, unter Siegel zu legen.«

»Sie verlangen doch nicht, daß ich unter Polizeibedeckung nach Hause

fahren soll?«

»Nein, die beiden Herren werden _vor Ihnen her_ fahren und Sie mit Ihrem

Kutscher ihnen folgen. Es versteht sich, daß indessen auf dem Schlosse

Alles unverändert im =Status quo= bleibt, Niemand entlassen, Niemand

Fremdes zugemiethet und nichts verkauft oder verborgt wird. Herr

Staatsanwalt Witte, Sie thäten mir einen besondern Gefallen, wenn Sie,

als Vertreter der Regierung, die Herren heute Abend begleiteten und der

Ausführung selber beiwohnten.«

Fräulein von Wendelsheim war todtenblaß geworden; sie wollte sprechen,

aber sie konnte nicht. Es wurde hier auch Alles so geschäftsmäßig

betrieben -- was hätte es ihr geholfen! War es dabei das Bewußtsein

ihrer Schuld, das sie mit niederdrückte? Sie wagte aber kein Wort der

Widerrede, und nur die Lippen zusammengepreßt, daß sie weiß aussahen,

wankte sie aus dem Zimmer und auf den Vorsaal hinaus.

»Wissen Sie, Justizrath, was das Merkwürdigste bei der Geschichte ist,«

sagte Witte, der die letzten Minuten im Zimmer auf und ab gegangen war

und sich vor innerlichem Vergnügen die Hände gerieben hatte, indem er

vor dem Angeredeten stehen blieb -- »daß ich eben jenen Schneider Müller

und seine Mutter, von der die Heßberger vorhin sprach, gestern Abend

zufällig aufgefunden habe, ohne Ahnung natürlich, daß sie dieser

Angelegenheit so nahe standen.«

»Aber wie?«

»Rath Frühbach, der langweiligste Mensch seines Jahrhunderts, hat mich

aus Verzweiflung in ein fremdes Haus hinaufgejagt -- doch die Geschichte

erzähle ich Ihnen ein andermal -- kurz, der Müller arbeitet jetzt für

mich.«

»Und wissen Sie bestimmt, daß es der rechte ist? Der Name Müller.«

»Gar kein Zweifel, und _jetzt_ wollen wir der Sache schon auf den Grund

kommen, verlassen Sie sich auf mich -- aber nun bitte, eilen Sie auch

unsere Abfahrt, denn dem gnädigen Fräulein wird sonst die Zeit zu lang.«

Der Justizrath war ein Mann von wenig Worten, aber ziemlich rasch

im Handeln. In sehr kurzer Zeit war Alles geordnet, und hinter dem

gemietheten Fiaker fuhr, sehr zum Erstaunen des herrschaftlichen

Kutschers, die Carrosse des Fräuleins von Wendelsheim her, das sich, wie

sie nur das Schloß erreichten, augenblicklich auf ihr Zimmer verfügte

und sich dort einriegeln wollte. Die Erlaubniß wurde ihr aber nicht

gleich. Vor allen Dingen versiegelte Assessor Schuster, der nichts halb

that, sämmtliche Papiere der Gnädigen selber, so wüthend und aufgebracht

sie sich darüber auch zeigte. Er hatte dazu allerdings keinen besondern

Auftrag, that es aber auf Witte's Rath, weil sie nicht wissen konnten,

wie sie vielleicht einmal später gebraucht werden und von Werth sein

könnten. Dann mußte sie ihm sämmtliche Schlüssel übergeben. Silber

und Wäsche, wie alles Derartige, so weit es nicht zum täglichen Bedarf

diente, wurde versiegelt, über das Andere ein flüchtiges Inventar

aufgenommen, und Nachts um zwölf Uhr erst verließ Witte das Schloß

wieder, um nach Hause zurückzukehren.

Der alte Baron wurde gar nicht belästigt; er erfuhr auch nichts oder sah

nichts von der Veränderung im Schlosse. Oben im Zimmer saß er an seinem

Tisch, auf den ihm der Diener, als es dunkel wurde, die Lampe stellte;

er hatte sich aus seiner Bibliothek ein paar Bücher genommen und

beschäftigte sich jetzt damit, einzelne Seiten aus den Bänden zu reißen

und die Blätter zu verschiedenen komischen Figuren mit einer Schere

auszuschneiden. Er besaß darin wirklich eine Gewandtheit, und es war

auch in der That das Einzige, was er in seinem ganzen Leben gelernt

hatte.

7.

Nach allen Seiten.

Am nächsten Morgen war Witte in voller Thätigkeit; denn jetzt wußte

er sich der Erreichung seines Zieles gewiß, und es galt nur noch, die

verschiedenen Fäden fest in die Hand zu nehmen. Vor allen Dingen ging

er zum Untersuchungsrichter, um diesem mitzutheilen, daß er für jene

frühere Wartefrau völlige Straflosigkeit vom Justiz-Ministerium

erbitten wolle, vorausgesetzt nämlich, daß sie Alles, was sie über die

verwickelte Sache wußte, aufrichtig gestand. Er glaubte auch, er würde

den Herrn noch im Bette finden und herausklopfen müssen; der war

aber schon auf und fertig angezogen und kam ihm gleich mit den Worten

entgegen:

»Wissen Sie das Neueste, Staatsanwalt? Eben bekomme ich die Meldung, daß

sich die Heßberger diese Nacht in ihrem Gefängnisse erdrosselt hat --

eine verfluchte Geschichte!«

»Bah,« sagte Witte, den die Todesnachricht ungemein ruhig ließ, »die

kann jetzt abkommen, denn was wir brauchen, haben wir von ihr; ja,

im Gegentheil bekommt das von ihr abgelegte Geständniß durch ihren

freiwilligen Tod nur um so größeres Gewicht.«

»Und was führt Sie so früh zu mir?«

Witte theilte ihm seine Absicht mit, und der Justizrath erklärte

ebenfalls, daß er keinen Augenblick zweifle, die Bitte werde

zugestanden, noch dazu, da jene Person, während sie im Stande war ein

wichtiges Zeugniß abzulegen, jedenfalls eine sehr untergeordnete Rolle

bei dem Betrug gespielt hatte.

Noch während sie zusammen sprachen, kam ein reitender Bote von

Schloß Wendelsheim mit einer Anfrage an den Justizrath. Fräulein von

Wendelsheim bestand nämlich darauf, einen Besuch in der Stadt zu machen,

und fragte an, ob der Justizrath ihr die Erlaubniß dazu geben wolle.

Der Justizrath schrieb einfach unter den Brief selber: »Fräulein von

Wendelsheim hat Hausarrest!« und sandte den Boten wieder damit zum

Schlosse.

Witte kehrte langsam nach Hause zurück; in der Sache war allerdings

nichts zu thun, bis die Rückantwort vom Justiz-Ministerium eintraf; es

schien aber dabei kaum möglich, daß die wirkliche Thatsache, von der

schon so viele Leute unterrichtet waren, länger ein Geheimniß bleiben

konnte. Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn dabei, wenn er an den

bisherigen Baron, den Lieutenant von Wendelsheim, dachte, der, als

eigentliche Hauptperson des Ganzen, noch wahrscheinlich keine Ahnung

von dem über ihn hereinbrechenden Unheil hatte. Einmal faßte er wohl den

Entschluß, ihn rufen zu lassen und ihm Alles mitzutheilen; aber wer von

uns macht sich gern muthwillig zum Träger einer bösen oder schmerzlichen

Nachricht? Und Witte besaß zu viel Zartgefühl, noch aus manchem andern

Grunde, um eine solche Enthüllung freiwillig auf sich zu nehmen. Er that

deshalb auch, was man gewöhnlich in einem solchen Fall thut: er verschob

die Ausführung seines Vorhabens auf den Nachmittag oder vielleicht auf

morgen früh, wie es sich gerade passen würde, denn zu versäumen war ja

doch nichts dabei.

Zu Hause fand er auch so viel zu thun, daß er kaum zur Besinnung kam,

und sein Mittagessen beseitigte er rasch, denn seine Frau sprach bei

Tische kein Wort; sie spielte noch die Beleidigte des neulich erlassenen

Verbots der Adeligen wegen, und selbst Ottilie war kleinlaut und hatte

rothe Ränder um die Augen. Witte aber that, als merke er das gar nicht,

verzehrte seine Mahlzeit, trank, wie gewöhnlich, seine Flasche Wein dazu

und ging dann wieder in sein Arbeitszimmer hinüber.

Die Schreiber waren noch nicht von ihrer Eßstunde zurückgekehrt, als es

plötzlich anklopfte und auf sein »Herein!« Lieutenant von Wendelsheim,

aber in Civil -- denn er hatte seinen Abschied schon erhalten -- zu ihm

in's Zimmer trat.

»Stör' ich Sie, Herr Staatsanwalt?«

»Mich? Gewiß nicht,« sagte der alte Herr, aber fast erschrocken, denn

Bruno von Wendelsheim sah so bleich aus wie die Wand. »Bitte, treten Sie

näher, lieber Baron -- hier herein, wenn Sie so gut sein wollen; meine

Leute kommen bald zurück und haben da ihre Plätze. Mit was kann ich

Ihnen dienen?«

»Herr Staatsanwalt,« sagte Bruno, der der Einladung Folge leistete, »ich

kenne Sie als einen Ehrenmann....«

»Lieber Herr Baron, aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen?«

Wendelsheim wehrte mit einer dankenden Bewegung der Hand ab und fuhr

fort: »Ich komme deshalb, um eine Frage an Sie zu richten, Mann zu

Mann.«

»Wenn ich im Stande bin, sie Ihnen zu beantworten,« sagte Witte und

wünschte sich in dem Augenblick zehn oder zwanzig Meilen fort von da.

»Niemand weiter in der ganzen Stadt so gut als Sie,« sagte der junge

Mann, »denn wie mir versichert ist, haben Sie die Leitung der ganzen

Affaire in der Hand. So sagen Sie mir denn: in wie weit ist das Gerücht

begründet, daß bei meiner Geburt ein Kindertausch mit der Frau eines

hiesigen Handwerkers stattgefunden hat und ich demnach nicht der

leibliche Sohn des alten Baron von Wendelsheim, sondern der des

Schlossers Baumann wäre?«

»Alle Teufel,« rief Witte überrascht, »und wo haben Sie das schon

gehört?«

»Beantworten Sie mir erst die Frage, Herr Staatsanwalt.«

»Wenn Sie mich drängen,« sagte Witte achselzuckend, »so muß ich Ihnen

allerdings, was Sie mich eben gefragt haben, bestätigen. Aber woher

Sie....«

»Und ich bin nicht das, als was ich erzogen worden, der Erbe des Hauses

von Wendelsheim, sondern eines Schlossers Sohn?«

»Mein lieber, junger Freund,« sagte Witte verlegen, denn es that

ihm weh, das dem armen jungen Manne so mit nackten dürren Worten zu

bestätigen, »vor allen Dingen ist ja noch kein Urtheilsspruch in der

Sache gefällt, und nur der allerdings gegründete Verdacht....«

»Aber ich frage Sie ja nicht nach einem Urtheilsspruch,« sagte Bruno

bewegt; »Ihre Meinung, nach eigener, fester Ueberzeugung, will ich nur

wissen, und glauben Sie um Gottes willen nicht,« setzte er rasch hinzu,

»daß Sie mich dadurch etwa schlimmer kränken, als wenn Sie mir die

Wahrheit vorenthalten. Muß ich es denn nicht wissen, wenn etwas

Derartiges im Werke ist, und denken Sie etwa, daß fremde Menschen

zartfühlender in ihrer Enthüllung sein werden -- oder gewesen sind?«

»Sie haben recht,« sagte Witte entschlossen, »und nun bitte, erzählen

Sie mir, was Sie gehört haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie

dann die reine Wahrheit von mir hören sollen.«

Bruno erzählte jetzt, aber Alles so ausführlich, daß Witte eigentlich

gar nichts mehr hinzuzusetzen fand. Er wußte in der That Alles, und der

Staatsanwalt konnte ihm nur bestätigen, daß die Sache allerdings

bis jetzt so stehe, ein wirklicher Entscheid aber erst durch das

Geschworenengericht stattfinden würde, dessen nächste Sitzung in etwa

acht oder neun Tagen fiel.

»Aber nun,« fuhr er fort, »bitte ich Sie auch dringend, mir zu sagen,

durch wen Sie das Alles erfahren haben, denn ich gebe Ihnen die

Versicherung, daß ich es nicht begreife.«

»Ich begreife nur nicht, daß ich es nicht schon früher gehört habe,«

sagte Bruno, »denn meine Quelle ist wahrlich nicht geheimnißvoller Art.

Ich erfuhr es heute Morgen durch Rath Frühbach.«

»Durch Rath Frühbach?« rief Witte, den Kopf schüttelnd. »Dann brauchen

wir auch allerdings kein Geheimniß mehr daraus zu machen, denn wenn

_der_ Herr es weiß, ist es schlimmer, als ob es in der Zeitung gestanden

hätte. Aber lieber junger Freund,« fuhr er fort, als er sah, daß Bruno

zum Fenster getreten war und die glühend heiße Stirn gegen die Scheibe

preßte, »nehmen Sie sich um Gottes willen die Sache nicht so zu

Herzen. Erstlich ist das Ganze noch gar nicht entschieden. Eine feste

Behauptung: es sei so oder so, steht noch Keinem von uns zu, und im

allerschlimmsten Falle -- ei, zum Wetter auch, im Unglück bewährt sich

erst der Mann, im Glück können wir Alle oben schwimmen, und Sie sind

jung und kräftig und haben die Welt noch vor sich -- sehen mir auch

wahrhaftig nicht aus, als ob Sie so leicht verzagen würden.«

Bruno schwieg; er stand am Fenster und sah über die Gärten und

Hintergebäude der Nachbarhäuser hinaus, aber in Alledem kein festes,

bestimmtes Bild. Das Ganze flimmerte und flatterte ihm vor den Augen.

All' die Luftschlösser, die er sich seit seiner Jugend gebaut und in

bunten Farben aufgethürmt, stürzten polternd zusammen, und Alles, was

ihm im dunkeln Hintergrund blieb und sich zu fester Form gestaltete, war

-- eine Schlosserwerkstatt und das von den Bälgen aufgewühlte Feuer.

Er hörte auch nicht, was der Staatsanwalt sprach -- wenigstens nur mit

halbem Ohr --, in seinem Innern trug er eine vergeudete Jugend zu Grabe,

und schwarz und düster nur lag die Zukunft vor ihm da.

Rebekka -- sein schöner Traum -- er war stolz darauf gewesen, ihretwegen

allen Vorurtheilen Trotz zu bieten und sie zu sich emporzuheben -- und

wie anders stand jetzt der arme Schlosserssohn dem reichen Juden, dem er

noch dazu ohne Aussicht auf Hülfe bös verschuldet war, gegenüber! Es war

doch ein schwerer Schlag, so mit einem Male Alles zu verlieren, was

man bis dahin fest und sicher sein geglaubt -- Familie, Namen, Eltern,

Vermögen, Braut, Heimath, und dafür nichts zu bekommen, nichts, als die

Berechtigung, in eine Familie einzutreten, die ihn als Säugling vor die

Thür gesetzt.

Witte war in peinlicher Verlegenheit. Der arme junge Mann, der so

unverschuldet das Alles mußte über sich ergehen lassen, that ihm

wirklich leid, aber er fühlte auch, daß er ihn gerade dadurch, wenn er

ihm Mitleid zeige, am tiefsten verwunden könne. Und Trost einsprechen?

Da fiel ihm selber nichts ein, was er ihm hätte sagen können.

Draußen kamen die Schreiber vom Essen zurück und nahmen ihre Plätze

wieder ein. Das Geräusch weckte Bruno aus seinen Träumen; er sah sich

scheu um und sagte endlich:

»Entschuldigen Sie mein wunderliches Wesen, Herr Staatsanwalt, ich

fühle, ich werde Ihnen lästig; aber es ist noch Alles so neu, so fremd

für mich, ich muß mich erst hinein gewöhnen, wie in diese neuen Kleider,

die ich trage.«

»Lästig? Aber lieber, bester junger Freund, glauben Sie das um Gottes

willen nicht!«

»Und was rathen Sie mir, jetzt zu thun? Was _kann_ ich thun?«

»Vor der Hand nichts auf der Welt, als die Entscheidung ruhig abwarten.

Weiß übrigens Rath Frühbach um die Sache, so wird sie auch heute

Nachmittag in allen Kaffeegesellschaften besprochen, und wenn Sie dann

meinem Rath folgen wollen, so machen Sie indessen eine kleine Reise nach

der Residenz oder in die Berge, oder wohin Sie wollen. Lassen Sie mich

nur wissen, wo Sie sind, damit ich Ihnen rechtzeitig schreiben kann,

wann Sie hier eintreffen müssen, um vielleicht auch Ihre eigenen Rechte

zu wahren. Niemand kann vorher sagen, wie sich Alles gestaltet.«

»Ich glaube, es ist das Beste, was ich thun kann,« sagte Bruno nach

kurzem Zögern; »ich wäre jetzt auch nicht im Stande, Jemanden zu sehen

oder zu sprechen. Ich muß erst selber Zeit haben, mich zu sammeln und

das Weitere zu überlegen.«

»Aber Sie vergessen nicht, mir zu schreiben?«

»Sie sollen augenblicklich Nachricht erhalten, sobald ich nur erst

selber weiß, wo ich mich die Zeit über aufhalten werde. Wahrscheinlich

auf dem Wald; ich kenne dort oben einen alten Förster und gehe

vielleicht mit ihm auf die Jagd. Auch die Einsamkeit wird mir wohl thun,

ich bedarf jetzt derselben.«

Witte drückte ihm herzlich die Hand.

»Und nun leben Sie wohl bis dahin. Wenn Sie mich wiedersehen, hoffe ich,

daß ich gefaßter und vernünftiger sein werde, als heute. Es ist mir nur

noch Alles zu fremd, zu neu.« -- Er erwiederte den Druck der Hand und

verließ das Zimmer, wollte auch augenblicklich die Treppe hinabeilen,

als er der Frau Staatsanwalt in den Weg lief, die gerade aus der Küche

kam.

»Ach, mein lieber Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie kommen wohl

gerade von meinem Manne? Geschäftssachen -- immer Geschäftssachen. Ja,

wenn man bald ein so großes Vermögen übernimmt, giebt es allerdings viel

zu thun. Aber wollen Sie nicht einen Augenblick näher treten?«

»Sie sind unendlich gütig, gnädige Frau,« stammelte Bruno verlegen;

»aber -- ich bin gerade in großer Eile -- die Post...«

»Ja, dann freilich will ich Sie nicht aufhalten.«

»Bitte, empfehlen Sie mich Ihrer Fräulein Tochter!«

Die Frau neigte huldreich das Haupt, und Bruno war froh, als er sich

gleich darauf wieder auf offener Straße und in frischer Luft fand.

Witte hatte selber keine Ruhe; es gab noch so Manches für ihn zu

besorgen, daß es ihn nicht in seinen vier Wänden ließ. Durch die rasche

Verbreitung des Gerüchts, deren Ursprung er sich immer noch nicht zu

erklären wußte, war er auch in seinen Schritten mit der Schneiderswittwe

gedrängt, damit sie nicht erst von anderer Seite aufmerksam gemacht und

eingeschüchtert wurde. Er beschloß deshalb, augenblicklich zu ihr zu

gehen und ihr Alles zu sagen; denn daß das Justiz-Ministerium eine

zustimmende Antwort geben würde, verstand sich eigentlich von selbst.

Im Anfang fand er die Frau allerdings scheu und zurückhaltend. Sie

schützte Gedächtnißschwäche vor; die Sache sei so lange her und sie

habe in der Zeit so viel durchgemacht, daß sie sich auf Einzelheiten aus

jenen Jahren gar nicht mehr erinnern könne. Witte sagte ihr darauf, es

würde auch kein Mensch in sie dringen, aber sie möge sich in der

Zeit besinnen. Komme das Schreiben zurück, das sie jeder Strafe oder

Verantwortung über Vergangenes entbinde, dann versprach er ihr nur,

falls sie getreu und wahr Alles berichten wolle, was sie noch wisse,

eine namhafte Summe, mit der ihr Sohn hier, oder wo er wolle, ein

Geschäft eröffnen könne. Außerdem dürfe sie sich versichert halten, daß

er zu ihr stehen werde und sie seiner Protection gewiß sei. Komme ihre

Freisprechung von jeder Verantwortung aber nicht, dann brauche sie ja

kein Wort zu sagen und nur dabei zu bleiben, daß sie sich auf nichts

mehr besinne, und es könne ihr eben so wenig etwas geschehen.

Nachdem er die Frau solcher Art, so gut es gehen wollte, beruhigt und

auch ihren Sohn überzeugt hatte, daß er wirklich keinen Hinterhalt habe,

sondern es ehrlich meine, schlenderte er, in Gedanken die Vorfälle der

letzten Tage noch einmal recapitulirend, langsam um die Promenade herum;

er hatte für den Moment kein bestimmtes Ziel und wollte nur allein mit

sich selber sein.

»Ah, mein lieber Staatsanwalt,« sagte da plötzlich die bekannte Stimme

des überall und nirgend herumfahrenden Frühbach, »so pensiv? Wissen Sie

schon die Neuigkeit?«

»Ach, mein lieber Rath!« sagte Witte, ordentlich emporfahrend, denn

er hatte sich eben in Gedanken ganz allein mit dieser nämlichen

Persönlichkeit beschäftigt. »Wo kommen Sie auf einmal her?«

»Lieber Gott,« sagte der Rath, »ich bin ja das geplagteste Menschenkind

auf der Welt, denn ich muß lediglich meiner Verdauung wegen den halben

Tag auf den Füßen sein und spazieren laufen! Ihr gesunden Menschen wißt

gar nicht, wie gut Ihr daran seid -- aber haben Sie schon die Neuigkeit

gehört?«

»Welche Neuigkeit, lieber Rath?«

»Nun, daß der Baron von Wendelsheim gar nicht der Baron von Wendelsheim

ist, sondern der Sohn vom Schlosser Baumann, und umgekehrt; die ganze

Stadt ist ja voll davon.«

»Die ganze Stadt?« rief Witte wirklich in Erstaunen. »Aber durch wen, um

des Himmels willen, kann nur die ganze Stadt das erfahren haben?«

»Durch mich, Freundchen,« lächelte der Rath, indem er den Staatsanwalt

scherzhaft mit dem einen Finger auf die Rippen stieß, »durch mich; ich

bringe Alles heraus, sage ich Ihnen, Alles, die Polizei mag es geheim

halten, wie sie will -- ich hab's.«

»Das ist in der That merkwürdig,« sagte Witte; »aber ich begreife nur

nicht, wie? denn so viel ich davon gehört habe, ist die Sache noch nicht

einmal bei den Gerichten genau bekannt.«

»Sehen Sie wohl, und ich weiß sie doch,« schmunzelte Frühbach.

»Und können Sie mir Ihre Quelle nicht mittheilen?« fragte Witte. »Ich

versichere Ihnen, ich gäbe manchmal etwas darum, so rasch berichtet zu

sein, und auf ein kleines Opfer sollte es mir dabei nicht ankommen.«

»Ich werde Ihnen den Mann recommandiren,« sagte Rath Frühbach gutmüthig

-- »ein paar Cigarren manchmal, ein Glas Bier oder Wein, wie es trifft,

und ein bischen Freundlichkeit, das ist die Hauptsache. Man muß mit den

Leuten thun, als wenn man ihres Gleichen wäre; das schmeichelt ihnen,

und ich sage Ihnen, sie sind dann um den Finger zu wickeln.«

»Und wer ist der Biedermann, der Ihnen so vortreffliche Dienste

leistet?«

»Mein alter Polizeidiener,« lachte Frühbach, »ich habe Ihnen ja schon

von ihm erzählt, der Schultze; Christian heißt er mit Vornamen -- ein

famoser Kerl, und so gefällig. Die Polizei muß man sich überdies zu

Freunden halten.«

»Also Christian Schultze? Danke Ihnen,« sagte Witte, »den Namen werde

ich mir merken. Es ist allerdings sehr angenehm, Jemanden auf der

Polizei zu haben, der an den Thüren horcht und die Sachen dann weiter

erzählt.«

»Und wie sollte man's anders erzählen?« lächelte Frühbach. »Die

Herren vom Gericht selber erzählen nichts, denn die haben -- ich bitte

tausendmal um Entschuldigung!« unterbrach er sich selber, denn in dem

Augenblick klang es gerade, als ob ein Stück Baumwollenzeug von einander

gerissen würde, und Rath Frühbach fand sich mit seinem breiten linken

Fuße voll und schwer auf der Schleppe einer fremden Dame, die würdig

vorüberrauschen wollte. Jetzt ging es nicht mehr -- der ganze hintere

Theil des Kleides hing herunter, und Frühbach, in aller Verlegenheit,

rief: »Ach Gott, das thut mir doch unendlich leid! Aber bitte, warten

Sie einen Augenblick, meine Frau steckt mir doch immer Stecknadeln in

den Rock -- wenn -- einmal -- unterwegs -- wo sind sie denn nur....«

Die Dame schleuderte ihm einen Blick zu, der ihn rettungslos zu Boden

geschmettert haben müßte, wenn er die Gewalt besessen hätte, die sie

hineinlegte; dann wandte sie sich kurz ab und drehte um, wahrscheinlich

um irgend ein bekanntes Haus aufzusuchen und den Schaden wieder

auszubessern.

»Das ist eine verzweifelte Geschichte mit den jetzigen Damenmoden,

lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, als er, noch einen verlegenen

Blick hinter seinem Opfer her werfend, neben Witte hin und jetzt zwar in

die Stadt hinein schritt; »ich sage Ihnen, man weiß gar nicht mehr, wo

man hintreten soll, und eine Treppe hinter einer Dame hinunter zu

gehen, ist, wenn man in Rufsnähe bleiben und sie nicht aus dem Gesicht

verlieren will, rein unmöglich.«

»Ja,« lachte Witte, der sich über den kleinen Zwischenfall sehr amüsirt

hatte, »aber machen Sie einmal etwas dagegen; da hilft alles Reden

nicht. Die Mode sieht sehr elegant an den Stellen aus, worauf sie

berechnet ist: im Salon oder in der eigenen Equipage; auf der Straße

aber fegen die feinsten Damen ebenso wohl allen Staub wie jeden Schmutz

und Unrath zusammen, der in ihrem Wege liegt. Und nicht einmal die

feinsten,« fuhr er fort; »sehen Sie die Dame da vor uns. Mit einer

schweren, spitzenbesetzten Sammetmantille trägt sie, wie es scheint,

einen Marktkorb unter derselben, und wie sieht sie dabei um die Füße

herum aus -- wie schlumpig.«

»Alle Teufel,« sagte der Rath, der sich seine Brille etwas in die Höhe

geschoben hatte, um die bezeichnete Dame besser betrachten zu können,

»das ist ja meine Frau!«

Der Staatsanwalt biß sich auf die Lippe; aber das Unglück war geschehen,

und wenn man etwas Derartiges verbessern will, macht man es eher noch

schlimmer. Er opferte deshalb lieber seine eigene Gattin und sagte: »Sie

machen es alle so, die meinige ebenfalls.« -- Es war ein großes Glück

für den Staatsanwalt, daß sich seine Frau nicht in Hörweite befand.

»Aber, Frauchen, wo kommst Du denn her?« sagte der Rath zärtlich, als

sie die Dame überholten, und Witte hielt den Moment für günstig, sich

seitab zu drücken. Frühbach ließ aber seinen Arm nicht los.

»Vom Markt, Männi,« erwiederte die Dame in der Sammetmantille. »Und

wohin willst Du? Kommst Du nicht mit nach Hause?«

»Ich wollte nur einmal zum Major hinausgehen und mit ihm über die

bewußte Sache sprechen.«

»Ah, Herr Staatsanwalt,« sagte die Dame, eine Verbeugung nach einer

ganz verkehrten Seite hin machend, »sehr angenehm!« Sie suchte dabei den

Marktkorb zu verheimlichen, aber es ging nicht. »Hat Ihnen Männi schon

erzählt?«

»Ja,« nickte Witte; »ich war auf's äußerste erstaunt.«

»Und Sie wußten von gar nichts? Merkwürdig! Weiß es denn Ihre Frau

Gemahlin schon? Ich werde gleich nach Tische einmal zu ihr gehen. Aber

mit dem Essen könnte es heute spät werden, Männi -- lieber Gott, man

trifft unterwegs so viele Bekannte; aber ich biege hier ab.« Und sich

wieder wenigstens drei Strich aus der Linie verbeugend, nickte sie ihrem

Manne zärtlich zu und -- fegte weiter.

Witte hatte sich erst von dem Rath losmachen wollen; da er aber den

Major als sein Ziel nannte, besann er sich eines Besseren. Er hatte doch

für den Augenblick nichts Wichtiges vor und wollte sich das Vergnügen

nicht entgehen lassen, Zeuge von der Ueberraschung des Majors zu sein.

Frühbach sollte wenigstens _den_ Genuß nicht allein haben. Mit _der_

Voraussicht ließ er sich selber unterwegs Mittheilungen aus der

Schweriner Chronik machen.

Im Hause des Majors sah es übrigens, als sie dasselbe erreichten,

wahrhaft trostlos aus. Der alte Major selber saß in seinem Lehnstuhl,

das eine Bein lang ausgestreckt und dick mit Tüchern verbunden und in

eine wollene Decke eingeschnürt -- Frau von Bleßheim lag, ihren Kopf

unter Kreuzband, mit geschlossenen Augen auf dem Sopha und tastete nur

manchmal nach einer riesigen Schale mit Kamillenthee, die vor ihr auf

einem zum Sopha gerückten Stuhl stand und mit ihrem unangenehmen Duft

das ganze Zimmer erfüllte.

Aber auch die Liese hatte wieder Zahnschmerzen und winselte und

erklärte, sie hielt's nun nimmer aus, und der Christian kam gerade

mit einer großen Flasche Medicin, die er aus der Apotheke geholt, in's

Zimmer gekrochen und kündete dem Major an, er müsse sich in's Bett

legen, denn er hätte hinten am Kreuz eine große Beule, und die würde

jetzt wohl aufgehen oder der ganze Knochen mit herauskommen.

»Gott soll mich bewahren, Major,« rief der Staatsanwalt, als er einen

Blick in der Krankenstube umher geworfen hatte, »in Ihrem Lazareth

sieht's ja schlimmer aus, als je! Wie, um des Himmels willen, halten

Sie's nur aus?«

»Ich halt's auch nicht mehr aus,« stöhnte der Major, »jetzt ist's vorbei

und am Ende. Hier am Bein kommt's mir immer weiter herauf, und so wie's

in den Leib tritt, dann thut der Mensch noch ein paar Schnapper, und

nachher ist Schicht -- dann geht der lange Urlaub an.«

»Aber Sie sehen wohl aus -- nicht wahr, Rath?«

»Vortrefflich,« bestätigte dieser -- »ordentlich rothe Backen.«

»O Du mein Jesus,« stöhnte der Kranke, »das auch noch -- ich kann kein

Glied mehr rühren! Der Lump, der Christian, jammert in Einem fort über

sein Kreuz mit einer Beule dran -- wollte Gott, ich hätte nur eine

Beule, damit das Elend da einmal an die Luft käme; aber so sitzt's

innerlich und frißt sich immer weiter hinein.«

»Versündigen Sie sich nicht,« sagte Christian feierlich, »so 'ne Beule,

wie ich habe, soll sich wahrhaftig kein Christenmensch wünschen -- ich

wünschte sie wenigstens meinem ärgsten Feinde nicht -- und das Stechen,

o Du mein blutiger Heiland, ich wollte, ich wäre todt!«

»Von mir red't Keiner was,« winselte die Liese, »und wenn's mir auch die

Kinnbacken aus einander reißt. Ja wohl, das ist ja nur die alte Liese,

und so lange die nur herumkriecht und ihre Arbeit thut, mag's sie in

den Zähnen reißen, so viel wie's will -- wer schiert sich drum?« --

Und damit ging sie hinaus und schlug die Thür hinter sich zu, daß die

Fenster klirrten.

Aber den Rath Frühbach litt's nicht länger; das Geheimniß drückte ihm

fast die Seele ab.

»Haben Sie's schon gehört, Major?« rief er, »die Wendelsheim'sche

Geschichte ist zum Ausbruch gekommen?«

»Was für eine Wendelsheim'sche Geschichte?« stöhnte dieser. »Ich weiß

von nichts. Was soll ich hier hören? Mir erzählt kein Deubel 'was.«

»Aber deshalb sind wir Beide ja gerade zu Ihnen herausgekommen!« rief

der Rath.

»Wegen der Wendelsheim'schen Geschichte? Hat sich das alte -- o mein

Bein! -- hat sich das alte Frauenzimmer noch nicht beruhigt? Daß sie der

Henker hole! Und auf der Fahrt damals, Rath, habe ich mir meinen letzten

Rest geholt. Die Erkältung ist mir in dasselbe Bein geschlagen, mit dem

ich damals an dem offenen Leder saß -- und Ihr verfluchter Aepfelwein!«

Er biß die Zähne zusammen und schlug mit der Faust auf die eine Lehne

seines Stuhles.

»Ob sich die noch nicht beruhigt hat?« lachte der Rath. »Na, ich denke,

die wird beruhigt werden. Hatte ich denn nicht etwa Recht und ist es

jetzt anders gekommen, als ich es mir die ganze Zeit gedacht?«

»Hol' Sie der Teufel, Rath!« rief der Major, vor innerlichem Schmerz die

Zähne zusammenbeißend und ein jämmerliches Gesicht ziehend. »Ich liege

hier so schon auf der Folter, und Sie kommen nun auch noch, um mich zu

langweilen. Ich verstehe kein Wort von Allem, was Sie sagen.«

»Sie verstehen nicht, was ich sage? Die Wendelsheim'sche Geschichte

ist zum Ausbruch gekommen, sag' ich, der Kindertausch constatirt und

festgestellt. Das Fräulein von Wendelsheim steckt mit drin und war

gestern schon deshalb im Verhör, und die Frau Müller ebenfalls. Polizei

auf dem Schlosse draußen, bis der richtige Erbe ermittelt ist -- der

Lieutenant von Wendelsheim abgesetzt -- die ganze Stadt in Aufruhr...«

»Hurrah!« schrie plötzlich der Major, von seinem Stuhl emporspringend

und Gicht, Umschläge, Beine, Rücken, Kreuz und wie die Schlachtfelder

seiner verschiedenen Krankheiten alle hießen, ganz vergessend, »hurrah,

hurrah, hurrah hoch!«

»Und der Baron von Wendelsheim ist verrückt geworden,« sagte der Rath.

»Und noch einmal hurrah!« schrie der Major, daß Frau von Bleßheim von

ihrem Sopha emporfuhr und die Liese den verbundenen Kopf erschreckt

wieder in die Thür hereinsteckte und rief: »Na um des Erlösers willen,

was ist denn nu los?«

»Liese,« rief der Major, der einen allerdings nicht recht glückenden

Versuch machte, auf dem einen Bein zu stehen und das andere, kranke,

emporzuheben, »kommen Sie 'mal herein.«

»Was soll ich denn?«

»Was hab' ich Ihr versprochen, wenn die Wendelsheim'sche Lumperei an den

Tag kommt und die ihr Recht kriegen, denen es gebührt?«

»Fünf Thaler, Herr Major; aber die stehen im Schornstein,« knurrte

die alte Magd. »Wenn ich das Alles kriegen sollte, was _Sie_ mir schon

versprochen haben!«

»Hier sind sie, Liese,« rief der Major und schleppte sein linkes Bein

dem Tische zu, in dessen Schieblade er seine Brieftasche liegen hatte;

»da -- da sind die fünf Thaler, und noch einmal hurrah!«

»Und ich kriege wieder gar nichts!« ächzte Christian.

»Ihr sollt auch einen haben, alter Schwede -- damit geht in die Apotheke

und laßt Euch Euer erbärmliches Kreuz einreiben. Und hier, reißt mir

einmal den alten wollenen Fetzen herunter und gebt mir die Tuchstiefel

her, und meinen Rock, Liese, und die Mütze.«

»Aber wohin willst Du denn nur, um alle Heiligen,« wimmerte Frau von

Bleßheim. »Was hast Du nur vor?«

»Auf's Amt, natürlich,« rief der Major, »die Erbschaft augenblicklich

mit Beschlag belegen! Witte ist ja deshalb nur herausgekommen. Nicht

wahr, Staatsanwalt, Sie gehen mit?«

»Wenn Sie es wünschen, warum nicht?« erwiederte dieser, der sich im

Stillen nicht wenig über den sehr nutzlosen Jubel des Majors gefreut

hatte. »Aber ich glaube, Sie können sich den Weg sparen.«

»Nein,« sagte der Major entschieden, indem er sich wieder auf seinen

Stuhl setzte und die Decke abzuschälen anfing -- »muß selber dabei sein

-- halte ich für meine Pflicht, so lange ich nur noch kriechen kann.«

»Aber was wollen Sie oben?«

»Sie haben es ja eben gehört. Protest einlegen, daß die Erbschaft nicht

an die Wendelsheim'sche Familie ausgezahlt wird, nicht einen Groschen

sollen sie jetzt kriegen, nicht einen rothen Heller!«

»Aber bester Major, wie wollen Sie das hindern?«

»Wie ich das hindern will? Lautet die Erbschafts-Clausel nicht, daß nur

in dem Fall männlicher Nachkommenschaft -- ehelicher, versteht sich --

das Vermögen an diese Familie ausgezahlt werden soll? Wenn aber jetzt

bewiesen wird, daß der Sohn gar nicht der Sohn des Barons ist -- und

habe ich es Ihnen nicht immer und immer gesagt, Staatsanwalt? --

wenn ein Kindertausch stattgefunden hat, an und für sich schon ein

Verbrechen, so ist die Gesellschaft futsch! Meinen Stiefel, Christian!«

»Ja, lieber Major,« sagte der Staatsanwalt, »da das vertauschte Kind

aber ebenfalls ein Sohn ist, so geht doch sicherlich die Erbschaft auf

diesen über.«

»Ein Sohn?« schrie der Major und blieb vor Schrecken halb in seinem

Stiefel stecken.

»Aber das ist ja gar nicht möglich,« rief Frühbach, »die Frau Müller hat

ja nur eine Tochter!«

»Die Frau Müller,« sagte der Staatsanwalt, »hat mit der Sache gar nichts

zu thun; sie ist vollkommen unbetheiligt dabei und _jene_ Frau Müller

eine ganz andere. Ihr Polizeidiener hat da nicht richtig aufgepaßt. Die

Heßberger hat die beiden Söhne, den der Schlossersfrau Baumann und

den der Baronin, ausgetauscht und den Baron glauben machen, es sei ein

Mädchen gewesen, um den Lohn zu bekommen. Das ist die ganze Geschichte.«

»Aber ein Schlosserssohn,« sagte Rath Frühbach ganz verwirrt, »kann

unmöglich Baron werden und eine halbe Million erben!«

»Und warum nicht? Eben so gut, wie schon mancher Baron Schlosser

geworden ist; gehen Sie nur einmal hinüber nach Amerika.«

»O Gott, mein Bein!« stöhnte der Major und sank mit dem halb angezogenen

Stiefel wieder in seinen Stuhl zurück. »Christian, Esel, so zieht mir

doch den verdammten Stiefel ab; Ihr seht ja, daß ich es vor Schmerzen

kaum aushalten kann -- ah, wie das brennt!«

»Aber ich begreife gar nicht,« bemerkte Rath Frühbach, der Witte

verwundert ansah -- »ich glaubte, Sie wüßten noch gar nichts von der

ganzen Sache, und jetzt...«

»Weiß ich mehr davon, als Ihr Christian Schultze, wie?« lachte Witte.

»Ja, lieber Major, beruhigen Sie sich. Allerdings hatten Sie mit Ihrem

Verdacht, daß in der Familie Wendelsheim falsches Spiel getrieben wäre,

vollkommen recht; der einzige Fehler war nur, daß dieser Verdacht -- und

sehr natürlicher Weise -- nach einem ausgetauschten Mädchen suchte. Sie

wissen ja, wie wir damals selbst bei Baumanns nachgeforscht haben, aber

wer dachte an so etwas?«

»O, mein Bein!« stöhnte der Major; »Christian, das zieht hier -- wickelt

mir doch die Decke um. Liese, die fünf Thaler hat Sie auf der Straße

gefunden -- o Gott, die Schmerzen!«

Frau von Bleßheim lag schon wieder ausgestreckt auf dem Sopha, und nur

die Liese schien ihre Zahnschmerzen vergessen oder wenigstens für den

Augenblick bei Seite geschoben zu haben, denn sie betrachtete sich immer

verstohlen die fünf Thaler, die wahrscheinlich nicht so häufig in diesem

Hause des Jammers abfallen mochten.

Witte hatte aber jetzt seinen Zweck erreicht, und der Rath Frühbach saß

ebenfalls wie auf Kohlen, da er sich von seiner Neuigkeit einen ganz

andern Erfolg versprochen. Ehe er sich aber nur so weit entschließen

konnte, ob er gehen oder bleiben sollte, hatte Witte seinen Hut

aufgegriffen, dem Major -- der ihm aber gar nicht antwortete -- einen

kurzen Gruß zugerufen und war auch gleich darauf im Freien draußen, wo

er tüchtig ausschritt.

Frühbach mußte es doch ebenfalls für das Beste gehalten haben, sich

zu entfernen; als er aber auf die Straße trat, sah er den Staatsanwalt

schon in weiter Ferne und mußte den Versuch aufgeben, ihn einzuholen und

sich noch weiter mit ihm auszusprechen, denn auf sein Rufen drehte sich

der Davoneilende gar nicht um.

8.

Vor den Geschworenen.

Am nächsten Morgen überraschte der Polizeidiener Christian Schultze

den Rath Frühbach noch im Bett und jammerte und klagte, daß er aus

dem Dienst gejagt wäre, und zwar nur seinetwegen. Er verlangte auch

Schadenersatz, bekam aber natürlich nichts, brachte jedoch den Rath in

eine unbeschreibliche Aufregung und verdarb ihm das ganze Frühstück.

Witte war indessen ungemein thätig, und als nach zwei Tagen ein Rescript

des Justizministeriums eintraf, wonach der Frau Müller, als keiner

Hauptschuldigen bei dem Betruge, völlige Straflosigkeit zugesichert

wurde, falls sie frei und wahr Alles bekennen wolle, was sie über den

Fall wisse, so stand auch nach dieser Seite nichts mehr im Wege.

_Eine_ Scene hatte er allerdings noch im eigenen Hause, als seine Frau

den wahren Thatbestand erfuhr; Ottilie wurde ohnmächtig, und die Frau

Staatsanwalt würde ebenfalls Krämpfe bekommen haben, wenn das Mädchen

nicht gleich bei der Hand gewesen wäre. Witte selber bekam aber dadurch

Oberwasser. Seine Frau war nie so kleinlaut gewesen, als nach der Zeit;

er konnte sie jetzt um den Finger wickeln und fühlte sich überzeugt, daß

es eine heilsame Lehre für sie sein würde.

Indessen rückte der Tag heran, an welchem der Fall vor die Geschworenen

gebracht werden sollte; denn Witte hatte sein Möglichstes gethan,

um jede Schwierigkeit zu beseitigen, damit der Termin der

Erbschafts-Auszahlung nicht versäumt wurde, was nachher nur noch wieder

Umstände gemacht hätte. Von Bruno erhielt er ebenfalls einen Brief

und schrieb ihm umgehend Tag und Stunde, in welcher er hier eintreffen

müsse, und wie der Morgen endlich herannahte, läßt es sich denken, daß

die Bevölkerung von Alburg einen lebhaften Antheil an der Sache nahm.

Schon stundenlang vorher drängte sich das Publikum vor der Thür des

Sitzungssaales, und die Polizei hatte nicht geringe Schwierigkeit, um

nur einigermaßen Ordnung in die Masse zu bringen und Unglücksfälle zu

verhüten.

Die Tribünen waren natürlich überfüllt; was an Menschen in den Saal

hineinging, preßte hinzu, und selbst hochstehende Damen wurden trotz

ihrer Crinolinen zu einem Minimum zusammengedrückt. Es war aber auch in

der That ein Fall, der in alle Schichten der Bevölkerung eingriff, und

der ärmste Handwerker nahm nicht minder Theil daran als die »Crême« der

Gesellschaft, denn er war eben so viel bei dem Erfolge betheiligt und

freute sich dazu schon im voraus auf den Entscheid der Richter, während

die =haute volée= dadurch daß solche »Schwächen« der höheren Stände vor

die Oeffentlichkeit gebracht wurden, einen noch größeren Widerwillen

gegen das überhaupt zu liberale Institut der Geschworenengerichte faßte.

Aber hingehen mußten sie trotzdem; sie hätten nicht um die Welt, die

Untersuchung versäumen mögen!

Und wie lange dauerten ihnen die Vorbereitungen, bis die Geschworenen

gewählt waren und ihre Plätze eingenommen hatten und der Richter die

Verhandlung mit einer kurzen Einleitung eröffnete! Dann erst trat

Staatsanwalt Witte als Kläger auf und beschuldigte in kurzer, aber

kerniger Rede den Baron von Wendelsheim und dessen Schwester, Fräulein

Aurelia von Wendelsheim, mit Hülfe der damaligen Hebamme, der bekannten

Frau Heßberger, zwischen der Frau des Schlossers Baumann und der Frau

Baronin die Kinder vertauscht zu haben. Er legte dabei klar das Motiv

der ersten Anregung dazu vor: die Furcht des Barons, keinen männlichen

Erben zu bekommen und dadurch der Erbschaft verlustig zu gehen, während

er sich, da er wußte, daß seine Gemahlin nie ihre Einwilligung dazu

geben würde, der Hülfe seiner Schwester versicherte, ja, möglicherweise

von dieser erst dazu getrieben wurde. Daß die Heßberger nachher, als

sie sich durch die unerwartete Geburt eines Sohnes der Gefahr ausgesetzt

sah, den versprochenen, bedeutenden Lohn zu verlieren, nicht allein

die Mutter des Kindes, sondern nun auch den Vater und dessen Schwester

betrog, indem sie die Thatsache, daß es ein Sohn sei, verheimlichte und

sie in dem Glauben bestärkte, es sei wirklich ein Mädchen gewesen, war

leicht zu erklären.

Die Heßberger täuschte dann auch später nochmals den Baron, indem sie

ihn durch irgend einen gleichgültigen Todtenschein eines weiblichen

Kindes glauben machte, seine Tochter sei gestorben. Dadurch vermied sie

jede, sonst doch mögliche Nachforschung des Vaters. Der Todtenschein

hatte sich unter den Papieren des Fräuleins von Wendelsheim gefunden und

Witte nach genauer Untersuchung herausbekommen, daß jenes Kind auf einem

entfernten Dorfe von völlig unbescholtenen Eltern geboren und auch

dort kurze Zeit danach verblichen sei. Bei dessen Geburt waren die

Schwiegermutter und zwei Verwandte zugegen gewesen, und das Kind, vom

ersten Moment an kränkelnd, von dem dortigen Wundarzte behandelt und die

ganze Zeit, bis zu seinem Tod, nicht aus den Augen gelassen worden.

Ruchbar sei die That durch die Frau Baumann selber geworden, die, von

Gewissensbissen gepeinigt und in der Angst, den damals auf falschen

Verdacht hin gefänglich eingezogenen Erben an seinem Leben geschädigt zu

sehen, ein offenes Bekenntniß abgelegt habe. Es gehe daraus hervor, daß

sie selber nur höchst ungern und halb von ihrer Schwester gezwungen,

fast unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes, jedenfalls innerhalb der

ersten vierundzwanzig Stunden, ihren Sohn in der Hoffnung hergegeben

habe, ihn und die Familie, in die er eingeführt wurde, glücklich zu

machen. Als ihr ein Sohn, aber nicht der ihrige, dafür zurückgebracht

wurde, gerieth sie außer sich; es war jedoch zu spät. Die Heßberger

drängte in sie, und sie schwieg -- schwieg bis jetzt.

Daß die Heßberger die Hauptschuldige sei, habe sie nicht allein auf dem

Criminalamt, nach dem dort aufgenommenen Protokoll, was nachher verlesen

werden solle, selber erklärt, sondern auch durch ihren Selbstmord, weil

sie die Strafe fürchtete, erhärtet. Gleich schuldig mit ihr sei wohl der

Vater des Kindes, der Baron von Wendelsheim, aber von Gott selber außer

den Bereich menschlicher Strafe gebracht, da sein Geist wandere und

völlige Besinnung ihm, nach dem Ausspruche der Aerzte kaum je wieder

zurückkehren würde.

Daß die Frau Baronin selber nichts von dem Tausche der Kinder gewußt,

stehe fest; desto stärkerer Verdacht, ja, fast die Gewißheit der That

ruhe aber dagegen auf jenem Fräulein von Wendelsheim, die, in der

Furcht, den alten Glanz des Hauses erlöschen zu sehen und selber ohne

hinreichende Mittel, das Zusammenbrechen desselben zu verhindern, zu

diesem Verbrechen ihre Zuflucht genommen habe, um es abzuwenden.

Sie allein sei auch strafbar, da sich die Hauptschuldige der Strafe

entzogen; denn sie, als hochstehende, gebildete Frau wußte genau, was

sie that, und handelte dabei mit vollem Vorbedacht. Die Geschworenen

ersuche er daher, die Rechte des wirklichen Erben, des bisher von dem

Schlosser Baumann unter dem Namen Friedrich erzogenen Sohnes, zu prüfen,

und er hoffe, der Gerichtshof werde dann jener Dame die härteste Strafe

zuerkennen, die das Gesetz überhaupt in diesem Falle gestatte.

Witte hatte außerordentlich ruhig gesprochen, und die einzelnen

Thatsachen, die übrigens schon seit den letzten Tagen im Publikum

ziemlich genau bekannt waren, nun so klar und deutlich als möglich

vorgelegt. Er wollte jedenfalls erst den Advocaten des Gegenparts

veranlassen, dagegen aufzutreten. Das Publikum selber achtete aber

nur wenig auf seine Rede, denn Aller Blicke hingen an den beiden

Angeklagten, der Schlossersfrau und dem gnädigen Fräulein, die ihren

Platz auf der Seite der Verklagten hatten, und ein größerer Unterschied

wäre zwischen zwei weiblichen Wesen kaum denkbar gewesen, als die Beiden

zeigten.

Die Frau Baumann, in ein blaues, einfaches Kattunröckchen gekleidet,

eine schneeweiße Haube auf, das milde, gute Gesicht bleich und

eingefallen, die Augen niedergeschlagen in Scham und Angst, saß auf der

Bank, während neben ihr, hoch aufgerichtet und stolz, aber bis auf's

Innerste über den Schimpf empört, der ihr hier angethan, in Putz und

Schmuck von Sammet und Seide strotzend und aus den bös blickenden Augen

giftige Blitze nach allen Seiten, besonders aber auf den Staatsanwalt

Witte schleudernd, das gnädige Fräulein stand. In dem Zuschauerraume, wo

besonders eine Gruppe von Handwerkern beisammen standen, flüsterten die

Leute auch schon miteinander, und manche Bemerkung wurde laut: »Das ist

die Rechte, das ist ein böser Drachen; seht nur, wie hoch sie die

Nase trägt; sie schämt sich gar nicht -- und wie sie die Leute daheim

behandelt -- ein Hund hat's besser, als ihre Dienstboten!«

»Pst! Pst!« flüsterten indessen wieder Andere, denn jetzt begann der von

dem gnädigen Fräulein angenommene Advocat nicht allein seine Clientin zu

vertheidigen, sondern die ganze Klage als einen aus der Luft gegriffenen

Verdacht anzufechten. Das gnädige Fräulein schilderte er dabei wie eine

Heilige, die, während sie noch nie einem Menschen Ursache zur Klage

gegeben, hier auf eine unwürdige Weise angegriffen und verdächtigt

würde. Aus der Selbstanklage der Frau Baumann geht allerdings hervor,

daß eine Täuschung in der Familie beabsichtigt gewesen sein könne,

obgleich auch selbst darüber jetzt, nach dem Tode jener Heßberger,

der Beweis fehle. Es sei die Unwahrscheinlichkeit aber auf das Höchste

gesteigert, wenn man annehmen wolle, daß zwei Knaben gegen einander

ausgewechselt wären. Ein Resultat würde die Sache nicht weiter gehabt

haben, als daß sich zwei Mütter von ihren Kindern trennten, und die

Anklage mache der Phantasie seines geehrten Vorredners allerdings viel

Ehre, aber an dem gesunden Verstand der Geschworenen würde sie machtlos

abprallen.

Als er das gnädige Fräulein so außerordentlich lobte, wurden von

mehreren Seiten höhnische Rufe laut, als: »Hoho! Jawohl, so sieht sie

auch aus!« -- Die Beamten stellten aber augenblicklich die Ruhe wieder

her, und als er endlich damit schloß, indem er nur noch in einer

längeren Phrase das Motiv der Frau Baumann hervorhob, jetzt, durch eine

solche Erklärung, ihrem eigenen Sohn die reiche Erbschaft zuzuwenden,

bat er die Geschworenen, den Fall ruhig zu überlegen, und sie würden

dann selber zu der Ueberzeugung gelangen, daß die ganze Klage -- als zu

absurd zur Verhandlung -- zurückgewiesen werden müsse.

Staatsanwalt Witte ließ jetzt den gefangenen Heßberger als Zeugen

vorrufen, und ein traurigeres Bild menschlicher Erniedrigung konnte es

kaum geben, als der Verbrecher zeigte. Die kurze Zeit seiner Haft hatte

ihn bleich und hohlwangig gemacht; die Augen starrten wild und fast

blödsinnig umher, und eingeschüchtert durch die vielen Menschen, kroch

er ordentlich zusammen unter der Last seiner Sünde, seines Jammers.

Er machte auch als Zeuge keinen besondern günstigen Eindruck auf die

Geschworenen; trotzdem mußte er gehört werden, und von dem Vorsitzenden

befragt, legte er denn auch ein unumwundenes Geständniß ab. Er

verheimlichte oder beschönigte nichts. Er erzählte, daß er den

neugeborenen Sohn der Baumann, warm in wollene Tücher eingeschlagen,

in das zu dem Zweck geheizte Gartenzimmer des Parks getragen, bis

seine Frau ihm durch ein in ein bestimmtes Fenster gestelltes Licht ein

Zeichen gegeben habe. Dann sei er zu dem Schlosse gegangen, wo er sein

Weib mit dem fremden Kinde getroffen hatte. Sie nahm ihm das, was er

gebracht, dort ab, gab ihm das andere und flüsterte ihm dabei zu, er

solle nur ihrer Schwester sagen, er brächte ihr Kind wieder mit, der

Tausch sei nicht nöthig gewesen. Aber seine Schwägerin habe gleich

gesehen, daß es ein fremdes Kind sei, und geweint und geschrieen, und er

hätte sie kaum beruhigen können.

Der Advocat des Gegenparts fragte jetzt den Schuhmacher, ob er

beschwören könne, daß er nicht wieder dasselbe Kind zurückgetragen, was

er mitgenommen, und woher er wissen wolle, daß es ein anderes gewesen

sei, noch dazu, da ihm seine Frau selber gesagt hätte, es wäre das

nämliche.

Heßberger, der jetzt im Reden etwas mehr Muth faßte, erwiederte, wenn

seine Frau nicht die Kinder austauschen wollte, so würde sie das

dem Baron gehörige nicht aus dem Wochenzimmer auf die kalte Treppe

hinuntergetragen haben. Ueberdies hätte er deutlich genug gefühlt, wie

ihm das getragene weggenommen und ein anderes dafür gegeben sei; das

zweite sei auch leichter gewesen, als das erste.

Der Advocat des gnädigen Fräuleins, dem der ungünstige Eindruck

nicht entgehen konnte, welchen Heßbergers ganze Erscheinung auf die

Geschworenen gemacht, benutzte den augenblicklich, um die Aussage des

Zeugen zu verdächtigen. Er war außerdem, wie alle Welt wußte, ein Dieb

und Einbrecher, und sein Zeugniß verlor dadurch jedenfalls an Werth.

Die dagegen von seiner Seite aufgerufene Zeugin Frau Barbara Müller aus

Vollmers, als Amme des Kindes, trat desto respectabler auf, denn sie

machte gleich von vorn herein den Eindruck einer achtbaren, durchaus

rechtlichen Frau, und Alles, was sie über die Wendelsheim'sche Familie

sagte, zu der sie fast unmittelbar nach der Geburt des Kindes als

Amme gerufen, klang außerordentlich lobenswerth. Auch über die »Tante«

äußerte sie sich; sie sei wohl ein bischen »scharf und knapp« gewesen,

aber sonst ganz gut, und was das alberne Gewäsch von einem Umtausch

der Kinder betreffe, so wisse sie wohl, woher das komme, und _die_

Gesellschaft sei auch schon bei _ihr_ gewesen; aber sie sollten nur

wiederkommen, sie wolle ihnen heimleuchten.

»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte Witte, »die Frau zu fragen, zu

welcher Stunde sie auf Schloß Wendelsheim eingetroffen ist.«

Der Erbe: Roman. Dritter Band. · 第 2 / 6 题