Der Actuar lachte. »Aber was wollen Sie

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Der Erbe.

Roman

von

Friedrich Gerstäcker.

Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

Dritter Band.

Jena,

Hermann Costenoble.

1867.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

1. Neue Fäden 7

2. Die Haussuchung 34

3. Das Verhör 72

4. Das gnädige Fräulein 98

5. Rathlos und Rath Frühbach 126

6. Auf dem Criminalamt 161

7. Nach allen Seiten 189

8. Vor den Geschworenen 218

9. Der Erbe 250

10. Bruno 277

11. Eine Scheidung 305

12. Schluß 324

1.

Neue Fäden.

Staatsanwalt Witte ging in einem wahren Sturmschritte auf das Amt

hinauf, denn er hatte in der That keinen Moment Zeit mehr zu versäumen.

Er kam dort auch wirklich im letzten Augenblick an, war aber heute --

und zwar ganz gegen seine sonstige Gewohnheit -- so zerstreut, daß er

sich ordentlich vor sich selber schämte und nur gewaltsam alle anderen

Gedanken abschüttelte, bis er sein Geschäft beendet hatte.

Es war freilich nicht zu verwundern, denn die eben gemachte Entdeckung

mit ihren nach allen Seiten hin auszweigenden Folgen wollte ihm

nicht aus dem Kopf, und jemehr er darüber nachdachte, desto größere

Schwierigkeiten schienen sich dem rechtmäßigen Erben in den Weg zu

stellen.

Wer wußte um die Sache? Niemand als das schlaue Weib, die Heßberger,

und jedenfalls ihr Mann, und von denen war kein Geständniß zu erwarten,

während sich der alte Baron und besonders seine Schwester erst recht

nicht so weit compromittiren würden, einen beabsichtigten Kindertausch

der Erbschaft wegen zuzugeben. Die Frau Baumann stand mit ihrer

Erzählung ganz allein, und wenn er auch jedes Wort davon glaubte, so

würde Herr Bruno von Wendelsheim doch sicher sein Recht fest behauptet

und die Erbschafts-Commission ihn dabei nur unterstützt haben. Es wäre,

beim Himmel, am Ende gar ein zweiter Fall geworden, wie der mit dem

Major und der Madame Müller aus Vollmers, und er konnte sich dabei als

Staatsanwalt unsterblich blamiren.

Und der eigentliche Erbe von fast einer halben Million, zu welcher Summe

das Capital durch die langjährigen Zinsen aufgelaufen war, saß

indeß fest hinter Schloß und Riegel, auf Verdacht eines Mordes oder

Raubanfalles hin, den er nie verübt hatte. Witte mußte wenigstens

wissen, wie es mit dieser Sache stand, und ging deshalb, sobald er seine

eigenen Geschäfte erledigt sah, zum Actuar Bessel, der die Leitung der

Angelegenheit übernommen hatte.

Als er zu diesem in das kleine Zimmer trat, fand er ihn nicht allein,

sondern den Rath Frühbach bei ihm, und dieser mußte ihm wahrscheinlich

schon eine Anzahl merkwürdiger Geschichten aus Schwerin erzählt haben,

denn Witte hörte gerade noch, als er die Thür öffnete, wie der Actuar

sagte:

»Aber ich bitte Sie, mein lieber Herr Rath, daß Sie zur Sache kommen,

denn ich bin wirklich beschäftigt.«

»Ja wohl, Herr Actuar, mit Vergnügen -- ah, unser Staatsanwalt, der kann

mir gleich seinen guten Rath in der Sache geben.«

»In welcher, wenn ich fragen darf?« sagte Witte, eben nicht besonders

erbaut von dem Begegnen, denn er wußte aus Erfahrung, wie schwer es

manchmal hielt, von dem gefährlichen Menschen wieder abzukommen, während

Alles, was er vorbrachte, selten oder nie das geringste Interesse für

irgend Jemanden haben konnte.

»Denken Sie nur,« fing der Rath an, »da kaufe ich mir neulich ein Stück

Hosenzeug, und meine Frau soll es zum Schneider geben, zu welchem

Zweck ich es hinaus in unsern Vorsaal lege; wie es aber die Henriette

fortbringen will, ist es nicht mehr da -- fort und gestohlen!«

»Und haben Sie Verdacht auf Jemand Bestimmtes?«

»Ja, hören Sie nur -- es waren uns in der letzten Zeit schon

verschiedene Sachen weggekommen: ein silberner Löffel, noch von meiner

ersten Aussteuer her, dann ein neusilberner Serviettenring, den aber der

Dieb wohl ebenfalls für Silber gehalten hatte, und verschiedene andere

Kleinigkeiten; aber es gehen so viele Menschen bei uns aus und ein, daß

ich eigentlich keinen bestimmten Verdacht fassen konnte.«

»Also wollen Sie hier blos die Anzeige machen, daß Ihnen ein Stück

Hosenzeug gestohlen oder abhanden gekommen ist,« sagte der Actuar, der

anfing ungeduldig zu werden.

»Bitte, hören Sie nur weiter,« fuhr Frühbach mit der größten Ruhe fort.

»Das Hosenzeug hatte ein sehr leicht kennbares Muster, blau, grün und

roth carrirt -- meine Frau liebt die Farben besonders --, und ich mache

mich also auf, um hieher auf die Polizei zu gehen und den Thatbestand

anzuzeigen. Wie ich nun so die Kreuzstraße heruntergehe und immer

noch an das gestohlene Hosenzeug denke, denn die Sache war mir sehr

ärgerlich, sehe ich plötzlich einen Menschen vor mir hergehen, der genau

dasselbe Zeug trägt.«

»Unter dem Arme?«

»Bitte um Verzeihung, an den Beinen; er hatte sich schon ein Paar Hosen

-- wie ich vermuthen mußte -- davon machen lassen, und ich eilte nun,

wie Sie sich wohl denken können, so rasch als möglich hinter ihm her.«

»Erkannten Sie denn den Mann? Wer ist es?«

»Ja, hören Sie nur weiter. Ich bin doch gewiß gut auf den Füßen, und ich

erinnere mich, daß mir einmal in Schwerin....«

»Aber ich muß Sie wirklich bitten, bei der Sache zu bleiben; ich habe

mit dem Herrn Staatsanwalt noch etwas Nothwendiges zu besprechen.«

»Nun, es fiel mir nur gerade ein. Also, wo war ich denn stehen

geblieben? Ja, ganz recht, wie ich hinter dem Manne herlief, und als ob

er's gewußt hätte -- er hatte sich aber noch nicht ein einziges Mal nach

mir umgedreht --, hob er die kurzen Beine und eilte, was er konnte,

die Straße hinunter, ich immer hinter ihm her; ich sage Ihnen, ich habe

transspirirt, der Rock klebt mir noch auf dem Leibe. Plötzlich bleibt er

vor einem Schuhmacherladen stehen, und wie ich herankomme, wer ist es?

Der Schuhmacher Heßberger.«

Der Staatsanwalt Witte, in aller Verzweiflung über die bodenlos

langweilige Erzählung, war an das Fenster getreten, sah durch die

Gitterstäbe nach dem düstern Hof hinunter und trommelte ungeduldig mit

den Fingern an den Scheiben. Erst wie der Name Heßberger genannt wurde,

drehte er sich wieder um; denn sonderbarer Weise hatte auch er gegen den

nämlichen Menschen, den er seiner bigotten Heuchelei wegen nicht leiden

konnte, einen Verdacht gefaßt. Jedes Mal wenigstens, wenn er gerade

im Hause gewesen war, fehlte irgend etwas, und wenn es auch nur eine

Kleinigkeit sein sollte, und daß der Schuster eine stille Leidenschaft

für silberne Löffel hege, war ihm mehr als einmal in den Sinn gekommen.

»Und hat der Heßberger überhaupt Ihr Haus betreten?« fragte der Actuar.

»Oft; jede Woche fast einmal,« rief der Rath, »und kurz vorher, ehe das

Zeug abhanden kam, war er bei uns gewesen.«

»Und haben Sie ihn zur Rede gestellt?«

»Ich werde mich hüten,« entgegnete Rath Frühbach mit einem Blick auf den

Staatsanwalt; »daß er nachher wieder hingeht und mich verklagt, nicht

wahr, und ich in die unangenehmsten Situationen komme? Alles schon da

gewesen, und in Schwerin einmal....«

»Aber machten Sie denn nicht wenigstens einen Versuch, etwas von ihm zu

erfahren? Redeten Sie ihn nicht an?«

»Nun, das können Sie sich doch wohl denken; aber ich versuchte der Sache

von der andern Seite beizukommen. Ich bewunderte seine Hose und fragte,

wo er das Zeug dazu gekauft habe.«

»Und da? -- wurde er verlegen?«

»Gott bewahre! Er nannte mir einen Kaufmann, ganz in der Nähe, und erbot

sich, mich hinzuführen«

»Sie gingen doch?«

»Gewiß ging ich mit ihm in den Laden. Dort berief sich der freche Mensch

aber ganz keck auf das Zeug, das er da gekauft hätte, zeigte das

Muster und verlangte von demselben für mich, und die Verkäufer im Laden

schienen ihn zu kennen und brachten mir richtig den nämlichen Stoff.«

»Nun,« sagte der Actuar, »dann ist die Sache sehr einfach und er hat

Ihnen das Hosenzeug _nicht_ gestohlen, sondern es wirklich in dem Laden

gekauft.«

»Bitte um Verzeihung,« sagte in diesem Augenblick der Staatsanwalt, der

aber hinter Frühbach's Rücken dem Actuar zublinzte, daß er ihn solle

gewähren lassen -- »die Sache kann sich denn doch anders verhalten,

und aufrichtig gesagt, glaube ich, daß Rath Frühbach dieses Mal auf der

richtigen Fährte ist.«

»Aber es schien wirklich, als ob er das Zeug dort gekauft hätte,« meinte

der Rath.

»Wie hieß der Kaufmann?«

»Tuchladen Magnus und Compagnie am unteren Markte.«

»Hm -- das sind die nämlichen Leute, die noch gar nicht so lange einen

sehr bedenklichen Concurs anzeigten.«

»Und Sie glauben wirklich....«

»Daß Sie durch einen höchst merkwürdigen Zufall den richtigen Mann

getroffen haben, allerdings, und das macht ihrem Scharfblick Ehre,

lieber Rath.«

»Mein bester Herr Staatsanwalt....«

»Ueberlassen Sie mir die Sache, um sie nach besten Kräften zu

verfolgen, und ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie Ihr Hosenzeug

wiederbekommen sollen.«

»Aber er hat sie ja schon an....«

»Nun gut, dann wenigstens den Werth des Stoffes ersetzt erhalten. Ich

glaube selber, daß dieser Heßberger ein nichtsnutziger Bursche ist, und

hat er den Diebstahl wirklich verübt, so wollen wir ihm dieses Mal schon

beikommen.«

»Und was habe ich dabei zu thun?«

»Gar nichts; sollte ich Sie noch brauchen, so schicke ich heute Abend zu

Ihnen hinaus. Sind Sie zu Hause?«

»Gewiß; gegen Abend gehen wir ein wenig im Garten spazieren und um halb

neun Uhr legen wir uns in's Bett.«

»Das ist früh; aber so spät schicke ich keinenfalls.«

»Und Sie meinen wirklich, Herr Staatsanwalt....«

»Daß Sie Ihr Hosenzeug ersetzt bekommen; ich habe es Ihnen garantirt.«

»Dann bin ich mit Allem einverstanden,« sagte Frühbach und streckte ihm

die Hand entgegen. »Und jetzt will ich gleich nach Hause gehen und es

meinem Frauchen sagen, daß ich den Dieb selber entdeckt habe -- die wird

sich freuen. Angenehmen Nachmittag, meine Herren!« Und vergnügt vor sich

hin schmunzelnd verließ der Rath das Zimmer.

Der Actuar hatte, seit ihm Witte zugewinkt, kein Wort mehr in die Sache

hineingesprochen, denn er konnte ja auch gar nicht wissen, welchen Zweck

der Staatsanwalt dabei verfolge. Er schüttelte aber vor sich hin mit dem

Kopf, denn wenn jener Heßberger wirklich einfach bewies, daß er das

Zeug in jenem Laden gekauft habe -- und das schien schon geschehen zu

sein --, so war es doch gar nicht denkbar, in dieser Sache gegen

ihn vorzugehen. Kaum hatte der Rath die Thür hinter sich in's Schloß

gezogen, als er sich deshalb auch an Witte wandte und ihn fragte, was er

in der unklaren Geschichte zu thun gedächte.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Actuar,« erwiederte der Staatsanwalt:

»daß der Heßberger das Hosenzeug gestohlen hat, glaube ich, nach der

Bereitwilligkeit, mit welcher er den Rath in den Laden führte, selber

nicht; aber meiner moralischen Ueberzeugung nach ist der Schuhmacher

ein vollkommen nichtsnutziges Subject, bei dem ich schon lange auf eine

Gelegenheit gewartet habe, um ihm einmal beizukommen, und die bietet

sich jetzt in vortrefflicher Weise durch unsern Rath Frühbach; der soll

mir die Kastanien aus dem Feuer holen.«

Der Actuar lachte. »Aber was wollen Sie thun?«

»Haussuchung bei Heßberger's halten, und zwar einfach auf Anklage

Frühbach's hin. Findet sich dann nichts, so mag er den Rath immerhin

wegen Ehrenbeleidigung oder sonst was verklagen.«

»Aber Sie können den armen Rath dadurch in schmähliche Verlegenheit

bringen, und er wird es Ihnen wenig Dank wissen.«

»Bah,« sagte Witte, »ich habe ihm erst neulich aus einer ganz ähnlichen

herausgeholfen, und da mag er denn Eins gegen das Andere abrechnen.

Uebrigens muß ich Ihnen gestehen, Actuar, daß gegen diesen Heßberger in

mir ein ganz eigener und schwerer Verdacht aufgestiegen ist. Ich habe

nämlich heute Morgen das Protokoll durchgeblättert, das Sie beim alten

Salomon aufgenommen haben und mir zuschickten. Seine Aussagen sind

allerdings vollständig unbestimmt, seine Personalbeschreibung des

Mörders würde auf tausend Menschen in der Stadt passen; aber etwas habe

ich darin gefunden, das mich stutzig machte. Er erwähnt, daß der Mann,

der schon ein paarmal bei ihm im Laden gewesen, sonderbare Ausdrücke

beim Reden gebraucht. Das thun nun allerdings ebenfalls viele Leute,

aber bei diesem Heßberger ist es mir besonders aufgefallen, und es wäre

doch merkwürdig, wenn wir dadurch auf die richtige Spur kämen.«

»Aber Sie glauben doch nicht, daß der kleine Heßberger....«

»Man kann keinem Menschen in's Herz sehen; übrigens weil ich eben nichts

Bestimmtes weiß, kam mir der Rath mit seiner Klage gerade recht.«

»Und Sie haben ihm den Erfolg schon garantirt....«

»Nichts weiter als den Ersatz seines Hosenzeugs,« sagte Witte, »das

sich nicht so hoch belaufen wird, wenn der Schuhmacher Heßberger den

nämlichen Stoff trägt. Das Schlimmste, das mir also passiren kann, ist,

daß ich dem Rath seine Hosen bezahle. Aber was ich Sie fragen wollte,

wie steht es mit dem jungen Baumann?«

Der Actuar zuckte mit den Achseln. »Der alte Salomon,« sagte er, »will

allerdings nichts von ihm gesehen haben und behauptet, daß er vollkommen

unschuldig wäre; aber ich kann mich noch nicht überzeugen, daß dessen

Aussage allein maßgebend sein sollte, da es doch nicht wahrscheinlich

ist, daß ein Mensch allein wagen sollte, etwas Derartiges zu

unternehmen. Baumann kann möglicher Weise draußen an der Thür Wache

gestanden haben.«

»Aber dann wird er doch wahrhaftig nicht selber an die Thür pochen und

um Hülfe rufen!«

»Es ist noch immer nicht ganz sicher festgestellt, daß er das auch

wirklich gethan hat, denn wir haben dafür nur seine eigene Aussage.«

»Und die Leute aus der Nachbarschaft? Sind sie denn nicht allein auf den

Hülferuf herbeigekommen?«

»Allerdings; aber es kann auch Jemand anders gerufen haben.«

»Sie sind unverbesserlich, Actuar, und indessen erzählen sich die Leute

in der Stadt, daß der junge Baumann am Freitag geköpft werden sollte.«

»Sie überschätzen die Eile unseres Gerichtsverfahrens,« sagte der Actuar

trocken; »wenn er wirklich verurtheilt wäre, könnte das noch immer sechs

Monate Zeit haben.«

»Und seine Familie -- was muß die dabei empfinden?«

»Mein lieber Staatsanwalt,« sagte der Actuar erstaunt, »Sie wissen doch

am besten, daß wir hier auf der Polizei keine Gefühlspolitik treiben,

sondern unsern ruhigen Geschäftsgang gehen.«

»Nein, Actuar, Sie haben recht,« sagte Witte; »entschuldigen Sie, daß

ich Ihnen Uebermenschliches zutraute!«

»Und wann wollen Sie die Haussuchung vornehmen?«

»Gleich heute Abend. Sie haben vielleicht die Güte, mir die Leute zu

besorgen; bis wann sind Sie Abends hier?«

»Jedenfalls bis sieben Uhr; später ist es ungewiß, obgleich ich heute

wahrscheinlich etwas länger aufgehalten werde.«

»Also auf Wiedersehen, Actuar!« sagte der Staatsanwalt und stieg, über

seinen neuen Plan brütend, die Treppe hinunter.

Daß er den Rath Frühbach, wenn sie wirklich nichts Gravirendes beim

Schuhmacher Heßberger fanden, in die Gefahr brachte, von dem Schuster

wegen Ehrenkränkung verklagt und nachher auch vom Gericht verurtheilt

zu werden, wußte er recht gut; aber das machte ihm nicht die geringste

Sorge. Frühbach selber hatte das mehr als reichlich durch sein Benehmen

bei der Wittwe Müller verdient, und wie die Sachen gegenwärtig standen,

ärgerte er sich, daß er damals auf so albern gutmüthige Weise den

Vermittler gespielt. Wie aber das Alles wunderbar zusammenhing! Der

Major, welcher schon seit Jahrzehnten an der Erbschaftssache bohrte und

die lange Zeit daneben getappt hatte, schien jetzt doch die, wenn

auch indirecte, Ursache zu sein, daß die Frau Baumann das Geständniß

abgelegt; denn die Angst hatte sie geplagt, daß die so lang

verheimlichte Sache nun doch vor Gericht käme. Wenn der jetzt wüßte, wie

Alles stände, in welche Aufregung würde er gerathen! Es war aber besser

so, denn möglicher Weise hätte er mehr verdorben, als gut gemacht. Was

konnte er auch in der Sache thun und welches Interesse hatte er dabei,

da es seine Ansprüche nicht im geringsten unterstützte? Ein Erbe war

jedenfalls da, ob der nun Bruno oder Friedrich hieß, und nur gegen

die Nachfolge einer Tochter würde er seine vermeintlichen Rechte haben

geltend machen können.

Mit den Gedanken schlenderte Witte die Straße hinab und bog fast

unwillkürlich in die Seitenstraße ein, an welcher das Baumann'sche Haus

lag. Er hatte der Frau versprochen, dort vorzukommen, und wollte sein

Wort halten.

Welche traurige Veränderung war aber heute in dem sonst so thätigen

Hause vorgegangen.

Als Baumann seine Frau vermißte, lief er, mit der Todesangst im Herzen,

sie könne sich in der Aufregung ein Leid anthun, so rasch ihn seine Füße

trugen, nach dem Fluß hinunter und fragte dort hin und her, ob Niemand

ihr begegnet sei oder sie gesehen habe. Umsonst -- dorthin konnte sie

auch nicht gewandert sein, denn an der Brücke wurde gerade gearbeitet;

eine Menge Menschen gingen dort ab und zu, und unbemerkt wäre sie

keinesfalls vorüber gekommen. Aber wo war sie sonst? Karl mit dem

Uebrigen sollte die Stadt absuchen, vielleicht begegnete er ihr, und

Baumann machte sich indessen fortwährend die bittersten Vorwürfe, daß

er sie in dem Zustand allein gelassen habe. Was wußte der derbe

Schlossermeister aber auch von Ohnmachten und deren Folgen? Die waren

in seiner Familie nie heimisch gewesen und er kannte sie kaum dem Namen

nach.

Als er aber wieder nach Hause kam und Niemand dort etwas von ihr wußte,

als selbst Karl endlich heimkehrte, ohne auch nur eine Spur von ihr

gefunden zu haben, überlief es ihn ordentlich siedend heiß, und er

wollte eben wieder fort, und jetzt zwar direct auf die Polizei, um

dort die Anzeige zu machen und um Hülfe zu bitten, als seine Kathrine

plötzlich in die Thür der Werkstätte trat und erstaunt die Verwirrung

betrachtete, die in dem Raum herrschte.

»Kathrine, um Gottes willen, wo bist Du gewesen, Frau?« rief ihr der

alte Meister in Jubel und Angst zugleich entgegen. »Wie haben wir uns um

Dich gesorgt und in der ganzen Stadt nach Dir gesucht!«

»Nach mir?«

»Nun versteht sich; Du warst ja auf einmal wie von der Erde verschwunden

und kein Mensch wollte Dich gesehen haben. Wo warst Du denn?«

»Meine Elise, mein kleines, liebes Herz!« rief die Mutter, als das Kind,

welches ihre Stimme gehört hatte, jauchzend aus dem Zimmer heraus und

auf sie zu flog. Sie kauerte sich neben ihm am Boden nieder und küßte

ihm wieder und wieder das lockige Haupt. »Wo ich war, Vater?«

»Ja, Mutter, Du hast uns große Sorge gemacht. Als ich mit dem Arzt kam,

warst Du fort.«

»Mit dem Arzt?«

»Nun natürlich -- Du lagst ja wie todt, und ich wußte mir nicht zu

helfen.«

»Guter Gottfried,« sagte die Frau weich, »so viel Angst hast Du

meinetwegen ausgestanden, und ich...«

»Aber wo bist Du nur gewesen, daß Dir Niemand von uns begegnet ist?«

»Komm' mit hinein in die Stube, Gottfried, Du sollst Alles wissen, ich

habe Dir viel, sehr viel zu sagen; aber Niemand weiter darf es hören,

als Du...«

»Ich begreife Dich gar nicht,« sagte der Mann kopfschüttelnd, »seit

ein paar Tagen bist Du ganz wie verwandelt.« -- Die Frau antwortete ihm

nicht darauf.

»Weshalb ist die Else nicht in der Schule?«

»Aber wir haben ja heute Mittwoch, Mama,« lachte das Kind, das sich

rasch wieder beruhigt hatte; »weißt Du denn das nicht?«

»Ja so, Du hast recht; nun gut, Else, dann geh' einen Augenblick in das

Gärtchen, Kind, und sieh zu, ob Du für Mutter noch ein Veilchen finden

kannst. Du darfst auch in dem Sande spielen, den der Mann gestern

gebracht hat, und baue Dir wieder solch' einen kleinen Hof darin, wie

gestern Abend.«

»Ei, das ist prächtig!« rief die Kleine jubelnd aus und sprang hinaus,

um von der willkommenen Erlaubniß Gebrauch zu machen.

Baumann aber betrachtete indessen kopfschüttelnd seine Frau, denn so

ernst und feierlich war sie ihm noch nie in seinem Leben vorgekommen. Es

mußte etwas ganz Ungewöhnliches sein, daß sie so ergriffen hatte.

Aber die Frau ließ ihn auch nicht lange mehr auf die Erklärung ihres

sonderbaren Wesens warten. Sie folgte dem Kinde mit den Augen, so lange

sie es sehen konnte; kaum aber war es durch die in den Hof führende Thür

verschwunden, als sie den Mann an der Hand ergriff und mit sich in das

kleine Zimmer neben der Werkstatt führte.

Dort schüttete sie ihm ihr ganzes Herz aus; dort sagte sie ihm Alles,

Alles, was sie dem Staatsanwalt gebeichtet, nur noch ausführlicher,

noch klarer, noch mehr auf ihre eigenen Gefühle eingehend, aber

nichts verschweigend oder mildernd, voll so, wie sie das Gewicht ihres

Vergehens die langen Jahre niedergedrückt. Dort hing sie schluchzend an

seinem Halse, dort lag sie vor ihm auf den Knieen und preßte ihr Haupt

an seine Brust.

Und Baumann saß vor ihr, bleich und starr, als ob er aus Stein gehauen

wäre, beide Hände fest geballt auf die Lehne des Stuhles, und nur das

Zucken in seinem Antlitz, die kalten Schweißtropfen auf seiner Stirn

zeugten davon, daß er lebe. Er erwiederte ihr auch kein Wort, keine

Liebkosung; er richtete keine Frage an sie, beantwortete keine. Wie

in einem Starrkrampf hielt ihn das Furchtbare, das er eben vernommen,

gefangen, und als die Frau endlich still weinend aus dem Zimmer schlich,

folgte er ihr nicht einmal mit dem Blick, sondern hielt das Auge fest

und unbeweglich, wie er die ganze Zeit gesessen, auf die Stubenecke

geheftet.

So fand ihn Witte, als er fast zwei Stunden später das Haus betrat, nach

dem Meister fragte und in die Stube gewiesen wurde; und er allein konnte

sich denken, was vorgegangen war, was den sonst so starken, energischen

Mann so vollständig gebrochen, so vernichtet haben mochte.

»Baumann,« sagte deshalb der Staatsanwalt freundlich, indem er die Thür

wieder hinter sich zudrückte, dann auf ihn zuging und ihm die Hand

auf die Schulter legte, »Ihre Frau war heute bei mir und hat mir Alles

gestanden; ich begreife, daß Sie die Nachricht erschüttern mußte -- es

ist schlimm, aber doch nicht so schlimm, um gleich zu verzweifeln. Es

kann noch Alles gut werden -- die Sache ist in redlichen Händen; was ich

für Sie thun kann, soll geschehen. Sie dürfen sich darauf verlassen.«

Der Mann antwortete ihm nicht, regte sich nicht oder gab auch nur

das geringste Zeichen, daß er gehört hätte, es habe Jemand mit

ihm gesprochen oder sei Jemand bei ihm. Witte betrachtete ihn

kopfschüttelnd. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß der rauhe

Handwerker so furchtbar von der Entdeckung ergriffen werden konnte,

und doch saß er jetzt vor ihm wie ein Bild des starren, unbeweglichen

Schmerzes, regungslos, nur mit schwer athmender Brust und zuckenden

Lippen.

»Baumann,« begann Witte von Neuem mit freundlicher Stimme, »nehmen Sie

sich die Sache nicht so zu Herzen. Ihre Frau hat gefehlt, ja, aber sie

hat es aus freilich verkehrter Liebe zu ihrem Kind, und dann auch

noch mehr überredet, als aus freiem Willen gethan. Jenes nichtsnutzige

Geschöpf, die Heßberger, hat sie dazu getrieben. Und bedenken Sie,

was sie die langen Jahre dafür an Angst und Reue über das Geschehene

ausgestanden! Es liegt ja auch vielleicht den Gesetzen gegenüber noch

nicht einmal ein Verbrechen vor, da sie es selber eingestanden, ehe ihr

eigener Sohn den Nutzen der Täuschung ernten konnte. Wer weiß, ob

ihr nur irgend eine Strafe auferlegt wird, wenn wir den Beweis führen

können, daß sie in ihrem damaligen hülflosen Zustande wohl mehr

gezwungen, als aus freiem, selbstständigem Willen, die Hand zu der

Täuschung geboten hat. Wenn wir der Sache auf den Grund sehen, finden

wir vielleicht noch Manches, das die That nicht so schwarz erscheinen

läßt, als sie Ihnen vielleicht im ersten Augenblicke vorkam.«

Baumann rührte sich nicht. Wie er bisher gesessen, saß er noch, und eben

so starr hing sein Blick an der Stubenecke, als vorher. Der Staatsanwalt

kam wirklich in Verlegenheit, denn er war nicht einmal fest überzeugt,

daß der Schlossermeister nur gehört, was er zu ihm gesagt.

»Lieber Baumann,« bat er endlich, »hören Sie mich nicht? Ich bin hieher

gekommen, um Sie zu beruhigen; Sie sollen wissen, daß Sie noch einen

Freund in der Stadt haben.«

Dem alten Schlossermeister tropften die großen, schweren Thränen aus

den Augen, und als Witte jetzt seine Hand faßte, fühlte er den kräftigen

Druck des Mannes.

»Was muß die Welt von mir denken,« _hauchte_ er endlich mit vollkommen

lautloser Stimme, »was muß die Welt von mir denken! Und wenn sie mich

in's Zuchthaus stecken, hab' ich es nicht verdient?«

»Aber lieber, bester Baumann,« rief der Staatsanwalt, froh, nur erst

einmal ein Lebenszeichen von ihm zu hören, denn das frühere starre

Schweigen hatte ihn wirklich geängstigt -- »was machen Sie sich für

tolle, nutzlos tolle Gedanken! Glauben Sie, daß irgend ein Mensch in der

Stadt Ihnen auch nur einen Gran von Schuld beimessen wird?«

»Und meine Frau, mit der ich die langen, langen Jahre glücklich gelebt

-- die ich auf den Händen getragen und geliebt und verehrt -- Alles,

Alles vorbei -- Alles vorbei! Was hab' _ich_ denn gethan, daß ich so

hart gestraft werden mußte?«

»Es ist noch nicht vorbei, Baumann,« suchte ihn der Staatsanwalt zu

trösten, »es ist noch lange nicht vorbei, und danken Sie Gott, daß

Ihre Frau sich noch in der letzten Stunde ein Herz gefaßt hat, um ihr

Vergehen zu bekennen und es dadurch wieder, so weit es wenigstens in

ihren Kräften stand, gut zu machen. Wer kann sagen, wie sich noch Alles

zum Besten gestaltet? Ihr ganzes bisheriges Leben muß auch für sie

sprechen und sie entschuldigen oder dem Richter doch wenigstens

beweisen, daß er es, so weit es nämlich Ihre Frau betrifft, mit keinem

Verbrechen zu thun hat. Hoffen Sie das Beste, und meine Hülfe, mein

Beistand sind Ihnen dabei gewiß.«

»Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, indem er sich

mit der breiten, hornigen Hand über die Stirn fuhr -- es war die erste

Bewegung, die er machte -- »ich danke Ihnen von Herzen! Ich fühle,

daß Sie es gut mit mir meinen -- aber es hilft Ihnen nichts. Vor den

Gerichten könnten Sie die Frau vielleicht frei bringen, vor meinem

eigenen Gewissen nicht. Sie hat es gethan, und wenn sie es nicht gethan

hat, sie hat geduldet, daß es geschah, und mir, ihrem Manne, dem sie

gelobt, kein Geheimniß vor ihm zu haben, die langen, endlosen Jahre das

Furchtbare verschwiegen, daß sie ihm sein eigenes Kind verkauft!«

»Aber, Meister Baumann!«

»Verkauft -- ich habe kein anderes Wort dafür,« sagte der Mann tonlos;

»sie hat es verkauft, weil sie den Stand verachtete, in dem sie lebte

und großgezogen war, weil sie etwas Besonderes, etwas Vornehmes aus

ihrem Kinde machen wollte, und deshalb nur, deshalb allein wurde dem

Vater die falsche Brut untergeschoben und dessen Herz von dem eigenen

Sohne abgewandt!«

Der Staatsanwalt war selber in Verlegenheit, was er dem Mann darauf

erwiedern sollte. Er hatte nur zu sehr recht, und er fühlte auch, daß

ein Trost jetzt nach dem ersten Schmerz am unrechten Platz sein und

vielleicht mehr schaden als nützen würde.

Eine lange Weile schwiegen Beide; endlich sagte Witte wieder:

»Ueberdenken Sie sich die Sache diese Nacht; wir haben Zeit genug dazu,

denn vor der Hand darf doch Niemand weiter darum wissen.«

»Was?« rief Baumann, ordentlich erschreckt emporfahrend, »und mir muthen

Sie zu, das selber als Geheimniß zu bewahren, was...«

»Verstehen Sie mich nicht falsch,« unterbrach ihn der Staatsanwalt

rasch; »nur auf vernünftige Weise müssen wir vorgehen, um das wieder gut

zu machen, was gefehlt ist, und das kann nicht in der ersten Hitze und

Aufregung geschehen, oder wir verderben, was wir bessern wollten. Kommen

Sie morgen früh zu mir, so früh Sie wollen; ich stehe schon um sechs Uhr

auf und arbeite. Dann besprechen wir Alles mit kaltem Blut; vorher aber

geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie mit keinem Menschen weiter darüber reden

wollen.«

»Mit keinem Menschen weiter?«

»Nein. Glauben Sie mir, ich rathe Ihnen zum Besten und bin selber ein

alter Mann; ich werde von Ihnen nichts verlangen, was ich nicht mit

gutem Gewissen verantworten kann. Morgen früh kommen Sie zu mir, und ich

glaube bestimmt, daß wir einen Weg finden, um ehrlich und rechtschaffen

das von Ihrer Seele zu nehmen, was Sie jetzt zu Boden drückt. Sind Sie

damit einverstanden?«

Der Schlossermeister zögerte einen Augenblick mit der Antwort; endlich

sagte er leise: »Gut, ich will Ihnen folgen, Herr Staatsanwalt;

ich weiß, Sie meinen es ehrlich, und werden dafür sorgen, daß dem

rechtmäßigen Erben nicht ein Groschen seines Rechts verkümmert wird. So

weit ich selber mit meinem kleinen Vermögen ausreiche, etwa geschehenen

Schaden zu decken, stelle ich mich Ihnen zur Verfügung -- bis zu dem

letzten Ziegel meines Daches. So weit bin ich erbötig, Alles gut zu

machen, was fremde Leute betrifft. In meinem eigenen Hause werde ich

selber Rechnung halten.«

»Sie werden nicht zu hart mit Ihrer armen Frau sein, Baumann.«

»Ich werde thun, was ich vor Gott und meinem Gewissen verantworten

kann,« sagte der Mann ernst; »sorgen Sie sich deshalb nicht -- und damit

haben die Gerichte auch nichts zu thun -- oder doch nur wenig,« setzte

er leise und kaum hörbar hinzu.

»Also auf morgen früh!«

»Ich werde kommen -- verlassen Sie sich darauf!« Und still und brütend

sank er wieder in seinen Stuhl zurück.

Witte aber, der jetzt wohl einsah, daß heute mit dem Mann doch nichts

mehr zu reden, und es das Beste sei, ihn sich selber zu überlassen,

verließ langsam das Haus und schritt seiner eigenen Wohnung wieder zu.

2.

Die Haussuchung.

Zu Hause angekommen, überholte Witte auf der Treppe die Frau Räthin

Frühbach, die im Begriff stand, seiner Frau einen Besuch zu machen.

Sie war im höchsten Staat und strotzte von Seide, Sammetmanchester und

unechten Spitzen.

»Ach, Frau Räthin,« sagte der Staatsanwalt nach der ersten Begrüßung,

indem er eben in sein Zimmer abbiegen wollte, »kommen Sie von Hause, und

können Sie mir sagen, ob Ihr Herr Gemahl dort ist?«

»Ach nein, Herr Staatsanwalt, das weiß ich wirklich nicht,« erwiederte

die Dame; »ich habe noch einige Wege in der Stadt besorgt und bin dann

gleich hieher gegangen. Aber mein Männi kommt um diese Zeit immer nach

Hause -- Sie finden ihn sicher.«

Männi nannte sie den Fleischklumpen, und der Staatsanwalt schüttelte den

Kopf, erwiederte aber nichts, machte ihr eine halbe Verbeugung und

trat in sein Schreibzimmer, um inzwischen eingelaufene Geschäfte zu

erledigen.

Er wunderte sich allerdings im Stillen, die Frau Räthin hier zu sehen,

denn sie kam sehr selten zu ihnen, und da er dem Dienstmädchen unterwegs

begegnet war, das eine Düte mit Backwerk, das stete Zeichen einer

Kaffee-Visite, trug, so mußte seine Frau auch auf den Besuch vorbereitet

sein. Aber andere, wichtigere Dinge zogen ihm durch den Kopf, um sich

lange mit solchen Nebensachen zu beschäftigen, und er hatte sie auch

bald vergessen.

Sonderbarer Weise war aber von der Frau Staatsanwalt wirklich die Frau

Räthin heute, und zwar ganz allein, zum Kaffee geladen worden, und das

noch dazu einer wichtigen Besprechung und Unterredung wegen. Man wußte

nämlich ziemlich genau in der Stadt, daß die Frau Räthin, vielleicht

aus Mangel einer besseren oder andern Beschäftigung, sehr geschickt im

Kartenlegen sei, und die Frau Staatsanwalt war zu dem Entschluß gekommen

(von dem aber ihr Mann natürlich keine Silbe erfahren durfte), die

geheimnißvollen Blätter mit Hülfe einer »Wissenden« zu befragen, da

ihr die Polizei das gestohlene Silbergeschirr doch nicht wiederschaffen

konnte. Auch andere Dinge lagen ihr auf dem Herzen, über welche sie gern

Auskunft gehabt hätte: aber das Silber ging unter allen Umständen vor.

Der Staatsanwalt wäre allerdings sehr böse geworden, wenn er von diesem

Treiben etwas geahnt hätte; denn er haßte nichts mehr als solchen

»Unsinn«, wie er es nannte, nämlich zu glauben, daß irgend ein altes

Weib -- Witte brauchte manchmal Kraftausdrücke, wenn er ärgerlich

wurde --, mit irgendwelchen Hülfsmitteln auch immer, die Zukunft

vorhersagen oder Verborgenes ergründen könne. Ob die dahin

eingeschlagenen Wege nun in Bleigießen, Kaffeesatz, Kartenlegen oder

irgend einem andern albernen Vorwand bestanden, blieb sich gleich; ja,

er verachtete sogar das Tisch- und Geisterklopfen, wenn er es auch

in seinem eigenen Hause eine Zeit lang dulden mußte, bis es die Damen

selber satt bekamen und die armen Tische wieder ihren ruhigen und

bestimmten Eckplatz erhielten, wo sie hingehörten. Uebrigens war nicht

die geringste Gefahr vorhanden, daß er sie stören oder überraschen

könne; denn wenn seine Frau Kaffeegesellschaft hatte, dachte er gar

nicht daran, ihrem Zimmer auch nur nahe zu kommen. Er war nicht gern

genirt und ging dann immer ruhig seinen eigenen Geschäften nach. Die

Damen konnten deshalb ganz ungestört ihren geheimnißvollen Versuchen

obliegen, und gingen denn auch mit gutem Willen an die Arbeit.

Ottilie betheiligte sich übrigens nicht daran. Sie hatte anfangs ganz

still und lautlos am Fenster gesessen und sich mit einer Stickerei

beschäftigt; endlich stand sie auf und ging in ihr eigenes Zimmer, wo

sie den übrigen Theil des Abends blieb. Sie glaubte merkwürdiger

Weise nicht an Kartenlegen, und die Frau Räthin war ihr außerdem keine

angenehme Persönlichkeit, weil sie das ewige Schimpfen und Klagen über

Dienstboten und die Nachbarsleute, in dem sich jene Dame am liebsten

erging, nicht leiden konnte.

Solche Zu- oder Abneigungen sind aber gewöhnlich gegenseitig, und so

mochte denn auch die Frau Räthin das »schnippische Ding« nicht leiden,

wie sie es gewöhnlich in anderen Kaffeegesellschaften nannte. Sie fragte

allerdings die Frau Staatsanwalt, als Ottilie das Zimmer verließ, ob

»das liebe Kind« vielleicht nicht wohl sei, aber erwähnte sie nachher

nicht weiter, und die Kartenprocedur hatte ihren ungestörten Fortgang.

Merkwürdiger Weise wollte es aber heute Abend gar nicht so besonders

damit gehen. Die Karten fielen, wie die Frau Räthin bemerkte,

so ungünstig und verkehrt, und es war ihr immer bald einmal eine

Treff-Sieben, bald eine Carro-Zwei im Wege, daß sie sich selber nicht

hindurchfand und endlich erklärte, so gänzlich mißglückt sei es ihr noch

nie und es müsse irgend ein Hinderniß in der »Umgebung« liegen, das

man vielleicht beseitigen könnte, wenn man eben wüßte, was es wäre. So

erzählte sie der Frau Staatsanwalt, sie habe einmal bei sich zu Hause

die Karten legen wollen und ebenso wie heute nichts zuwege gebracht;

alle Versuche, obgleich immer und immer wiederholt, seien mißglückt, und

sie wäre schon im Begriff gewesen, die Sache aufzugeben, als das Mädchen

zufällig einen auf dem Tisch stehenden Blumentopf in das andere Zimmer

getragen hätte, und von dem Augenblicke an war es, als ob ein Bann von

den Karten genommen sei. Sie fielen ordentlich wie ein Buch, in dem man

ganz bequem lesen konnte.

Alle möglichen Versuche wurden deshalb jetzt auch hier gemacht: die

Blumen sämmtlich entfernt, die Stühle herumgedreht, der Tisch selbst

ward anders gestellt; aber es half nichts: die Kartenblätter wollten

keine Vernunft annehmen, als die Frau Räthin endlich der Sache müde und

zu einem verzweifelten Entschluß kam.

»Hören Sie, Frau Staatsanwalt,« sagte sie -- es war indessen auch dunkel

geworden, und das Mädchen hatte eben die Lampe hereingebracht -- »ich

wollte Ihnen schon lange einen Vorschlag machen, aber ich habe mich

immer nicht getraut. Ich wüßte Jemanden, der uns aus der Noth helfen

könnte.«

»Und wer ist das?« fragte die Frau Staatsanwalt.

»Die Heßberger, des Schusters Frau -- die versteht das aus dem Grunde,

und mir -- das versichere ich Ihnen -- hat sie schon merkwürdige Dinge

prophezeit.«

»Und ist es eingetroffen?«

»Auf's Haar, sage ich Ihnen, auf's Tittelchen. Nein, einmal -- das war

zu merkwürdig -- da fehlte mir ein silberner Theelöffel und ich ging

zu ihr, und blos aus den Karten sagte sie mir, daß ich morgen früh mit

Tagesanbruch in meinen Holzstall unten im Hof gehen sollte, dort würde

ich ihn finden -- und wahrhaftig, wie ich am andern Morgen hinuntergehe,

liegt er mitten drin, und wie er dahin gekommen ist, weiß ich bis auf

den heutigen Tag noch nicht!«

»Das ist in der That sonderbar....«

»Und ehe mein Männi neulich krank wurde, wo er sich so heftig übergeben

mußte, hat sie mir fast die Stunde vorhergesagt und mir auch gleich eine

Medicin mitgegeben, die ich ihm vorher heimlich in den Wein schütten

mußte, damit es ihm nichts weiter schadete, und ich sage Ihnen, nach

zwei oder drei Stunden war er wieder gesund wie ein Fisch und eben so

naß, denn ich hatte ihn tüchtig schwitzen lassen.«

»Ja, wenn wir die Frau nur einmal auf eine halbe Stunde hier hätten!«

sagte Frau Witte. »Aber ich darf es nicht wagen, denn wenn es nachher

durch einen Zufall mein Mann erführe, so könnte ich sicher sein, daß er

ein volles Jahr darüber zankte und raisonnirte.«

»Sie geht auch nicht zu den Leuten in's Haus,« bemerkte die Frau Räthin,

»eben der häufigen Störungen wegen, denen sie dort durch irgend einen

fremdartigen Gegenstand ausgesetzt ist. Wenn wir aber nun einmal zu

_ihr_ gingen -- bei ihr ist Alles darauf eingerichtet, und kein Mensch

brauchte ein Wort davon zu erfahren.«

»Um Gottes willen,« rief die Frau Staatsanwalt, schon von dem Gedanken

erschreckt, »nachher möchte ich meinen Mann sehen!«

»Und was braucht der davon zu wissen?« sagte Madame Frühbach. »Ich bin

oft und oft schon dort gewesen, es ist ein ganz anständiges Haus, und in

einer Stunde wäre die ganze Sache abgemacht.«

»Und wenn sie nachher darüber spricht und es weiter erzählt?«

»Da kennen Sie die Heßberger schlecht,« sagte die Frau Räthin;

»eher ließe sie sich todtschlagen. Die ist berühmt wegen ihrer

Verschwiegenheit, und das ja auch nur zu ihrem eigenen Vortheile; denn

sie weiß recht gut, daß sie ihre ganze Kundschaft verlieren würde, wenn

sie nur ein einziges Mal plauderte.«

»Aber, liebe Frau Räthin, ich kann doch nicht meiner Schustersfrau einen

Besuch abstatten?«

»Aber das ist ja doch kein Besuch, Frau Staatsanwalt; der Schuhmacher

Heßberger arbeitet ja auch für uns, und ich bin ebenfalls hingegangen.

Und dann braucht sie noch gar nicht einmal zu wissen, wer Sie sind --

Sie nehmen einen dichten Schleier vor und setzen Ihre Kapuze auf.

Sehr viele Damen kommen dort tief verschleiert hin -- Damen aus den

allerhöchsten Ständen, das kann ich Ihnen versichern. Ich habe selber

schon einmal die Frau Präsidentin dort getroffen, aber das ganz unter

uns, denn ich that natürlich gar nicht, als ob ich Sie erkannte; aber

Sie wissen wohl, sie hinkt ein bischen, hat wenigstens so einen krummen

Gang, und dann müßte ich auch blind sein, denn wir haben ja eine und

dieselbe Putzmacherin, und ich erfahre immer Alles, was sie sich machen

läßt.«

Das Mädchen kam herein, um das Kaffeegeschirr hinauszutragen.

»Ist mein Mann zu Hause?«

»Nein, Frau Staatsanwalt; er ist vor etwa einer halben Stunde

fortgegangen, und hat gesagt, Sie möchten heute Abend nicht auf ihn mit

dem Thee warten, da er etwas Wichtiges zu thun habe.«

Die Frau Räthin warf ihrer Freundin einen triumphirenden Blick zu, denn

das hätte gar nicht besser passen können. Die Frau Staatsanwalt war aber

noch lange nicht mit sich einig, denn der Schritt schien ihr zu gewagt,

wenn sie auch selber nur zu gern gegangen wäre. Wie viel und wie oft

hatte sie schon von der Schustersfrau gehört, die unter den Damen der

Stadt allerdings einen Ruf besaß; wie oft gewünscht, sie einmal selber

auf die Probe zu stellen, aber es trotzdem immer unterlassen -- und

jetzt auf einmal bot sich die Gelegenheit und schien auch in der That

Alles zusammenzutreffen, um ihr den Versuch zu erleichtern! Sie zögerte

freilich noch immer, aber die Frau Räthin hatte einmal, wie sie sagte,

»ihr Herz daran gesetzt,« und sie ließ nicht nach mit Bitten und

Zureden, bis sich die Frau Staatsanwalt endlich entschloß, ihr zu

willfahren und sie zu begleiten. Die Frau Räthin versprach ihr auch, die

Sache einzuleiten, indem sie zuerst für sich selber nach dem abhanden

gekommenen Hosenstoff fragte -- da sie ihren Mann noch nicht wieder

gesprochen hatte, konnte sie natürlich keine Ahnung haben, welche

Entdeckung er indeß gemacht und welchen Verdacht er hege.

So denn, während der Staatsanwalt oben auf dem Gericht war und eine

unmittelbare Haussuchung bei dem Schuhmacher Heßberger, auf die Anklage

eines Diebstahls hin, betrieb, rüsteten sich die beiden Damen, um

der Frau des nämlichen Mannes einen geheimen Besuch abzustatten, und

verließen auch, ohne selbst Ottilien ein Wort davon zu sagen, bald

darauf das Haus. Nur das hinterließ die Frau Staatsanwalt bei dem

Dienstmädchen, daß es ihrem Mann, wenn er nach Hause kommen und nach ihr

fragen sollte, nur ausrichten möchte, sie wäre »einen Sprung« mit der

Frau Räthin gegangen und würde bald wiederkommen. Abzuholen brauche er

sie nicht. -- --

Im Heßberger'schen Hause ging es an dem Abend und genau in der nämlichen

Zeit, in welcher die beiden Damen das Witte'sche Haus verließen, etwas

unruhig zu, denn Heßberger hatte seinen einen Lehrjungen auf frischer

That ertappt, wie er ihm an die Privatflasche gegangen war, um so

heimlich als unverschämt daraus zu kosten. Er machte auch nicht viele

Umstände mit ihm: in übler Laune war er außerdem, und seinen Knieriemen

nehmend, griff er dem armen Jungen mit der linken Hand in das struppige

Haar und bearbeitete ihm mit dem schweren Riemen den Rücken nach

Herzenslust. Er hörte auch wirklich erst auf, als er den rechten

Arm nicht mehr rühren konnte, schickte den Jungen dann mit einem

lästerlichen Fluch an seine Arbeit und setzte sich selber auf seinen

Schemel hinter die Glaskugel, wo er, wie um seine ruhige Fassung

wieder zu erlangen, fast unmittelbar danach in eines seiner gellenden

geistlichen Lieder ausbrach und, mit dem Buche neben sich, um manchmal

nach dem Text zu sehen, einen Vers nach dem andern abschrie.

Er mochte etwa bei dem sechsten angekommen sein, und der Junge saß noch

immer still weinend bei seiner Arbeit und wischte sich nur manchmal

die dicken Thränen mit dem Aermel von Augen und Nase ab, als es draußen

anpochte. Der eine Junge öffnete, um zu sehen, wer da sei. Es waren zwei

Damen -- die eine dicht verschleiert --, die nach der Frau

Heßberger fragten, und da das zu häufig vorkam, um nur die geringste

Aufmerksamkeit zu erregen, so wies sie der Bursche, indem er einfach mit

der Hand nach der Thür der Wohnstube deutete, um dort hinüber zu gehen,

und setzte sich augenblicklich wieder auf seinen Schemel nieder. Die

Jungen hatten strenge Ordre, nicht einmal den Kopf nach einem solchen

Besuch zu wenden, und Heßberger selber that gar nicht, als ob er

existire. Er unterbrach seinen Vers nicht einmal und schrie so ruhig

fort, als ob er draußen auf einer Haide und meilenweit von irgend einer

menschlichen Wohnung gesessen hätte.

Desto förmlicher wurde der Besuch dagegen drinnen bei der Frau Heßberger

selber empfangen, die, als die Damen das Zimmer betraten, bei einer sehr

hübschen Lampe an ihrem Tisch saß und in einer aufgeschlagenen Bibel

las.

»Frau Räthin,« sagte sie mit einer nicht ungeschickten Verneigung, »es

ist mir eine große Ehre, Sie bei mir zu sehen. Wollen Sie nicht ablegen,

und dürfte ich die fremde Dame nicht vielleicht ebenfalls bitten, Platz

zu nehmen? Es geht bei mir freilich ein wenig eng zu -- lieber Gott, wir

haben in unserer beschränkten Wohnung nicht viel Raum, und die Miethen

sind in den letzten Jahren so gesteigert, daß man gar nicht daran denken

kann, eine größere zu nehmen!«

Frau Staatsanwalt Witte fühlte sich anfangs unter ihrem Schleier etwas

unbehaglich: da aber die Schustersfrau nicht die geringste Notiz von ihr

zu nehmen schien, ja, sie wohl absichtlich kaum flüchtig ansah, so faßte

sie nach und nach mehr Muth, nahm den angebotenen Stuhl an und beschloß

nun, fest vermummt wie sie außerdem war, nur den stillen Beobachter zu

machen. Die Zwischenzeit aber, in der sich die Räthin noch mit der Frau

unterhielt, benutzte sie, um sich das Zimmer selber ein wenig genauer

anzusehen -- neugierig war sie lange genug darauf gewesen.

Hatte sie übrigens irgend etwas Absonderliches darin erwartet, so fand

sie sich getäuscht. Das Zimmer glich tausend anderen Wohnungen des

Handwerkerstandes auf ein Haar und war, wenn auch sehr sauber und nett

gehalten, doch einfach, mit Erlenholz-Möbeln ausgestattet. Nur ein paar

hochlehnige und ledergepolsterte Stühle aus geschnitztem dunkelbraunen

Wallnußholz schienen nicht hinein zu gehören und auch wirklich nur für

»vornehmen Besuch« bestimmt zu sein. An der Wand hingen in schwarzen

Holzrahmen ein paar schreckliche Oelgemälde, jedenfalls Familienbilder,

die aber nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit irgend einem bekannten

Gesicht zeigten, dann noch ein paar Silhouetten, und auf der Commode

standen einige Tassen mit Goldrand, die wohl kaum je im Gebrauch

gewesen, ein paar blaue Glasvasen mit Schilfblüthen und einige kleine,

buntbemalte Gypsfiguren; aber schneeweiße Gardinen hingen vor den

Fenstern, und die beiden, ebenfalls im Zimmer stehenden Betten des

Ehepaares waren mit reinlichen Ueberhängseln von buntem Kattun verhüllt.

Frau Heßberger brauchte keine lange Zeit zu ihren Vorbereitungen.

Sie wußte genau, was Damen, die sie zu dieser Zeit besuchten, von ihr

wollten, und versäumte nie, ihnen zu Willen zu sein. Fand sie ja doch

auch ihren reichlichen Nutzen dabei, da sie für ihre Bemühungen nie

unter einem Thaler bekam, sich aber auch wohl einzelner Fälle erinnerte,

wo ihr beim Abschied deren fünf in die Hand gedrückt wurden, und

wahrlich mit leichter Mühe, wenn auch nicht ganz ohne Scharfsinn, war

das Geld verdient!

Sie ging jetzt zu einem kleinen Seitenschrank, um von dort ihre Karten

vorzuholen. Hatte sie aber vorher, als sie sich beobachtet wußte, die

verschleierte Dame kaum angesehen, so haftete ihr Blick jetzt, hinter

dem Rücken des Besuches, um so viel forschender auf der Verhüllten, und

nichts an deren Anzug, nicht das kleinste, unbedeutendste Band entging

ihr. Ein spöttisches Lächeln zuckte auch um ihre Lippen, als sie den

Schrank endlich öffnete, hatte sie die Fremde etwa doch erkannt? Aber

es war nichts davon zu bemerken, als sie wieder zum Tisch trat und jetzt

vor allen Dingen die Bibel und dann auch eben so die Lampe entfernte.

Sie legte die Karten nur bei dem Scheine von Lichtern, von denen sie

zwei entzündete und auf den Tisch stellte. Dann nahm sie selber auf

einem hohen Rohrsessel ohne Lehne Platz, und das Spiel geschäftsmäßig

mischend, sagte sie freundlich:

»Nun, Frau Räthin -- bitte, heben Sie erst einmal ab -- so -- nun sagen

Sie mir gefälligst, mit was ich Ihnen dienen kann und was Sie zu wissen

wünschen.«

Die Frau Räthin überlegte sich die Sache erst einen Augenblick; dann

erzählte sie der Frau von dem abhanden gekommenen Stück Hosenzeug,

beschrieb genau, wo es gelegen hatte und wie es ausgesehen habe, und bat

sie dann, die Karten einmal zu fragen, wer es mitgenommen, und ob und

wie man es wohl wiederbekommen könne.

Die Frau hatte bei der Erzählung wieder langsam gemischt und ließ noch

einmal abheben. Dann legte sie die Karten aus und betrachtete sich

nun, den gebogenen Zeigefinger an den Lippen, die bunten Blätter wie

in tiefem Nachdenken. Endlich sagte sie sinnend: »Ja, meine liebe Frau

Räthin, das Zeug ist wirklich gestohlen, so viel ist richtig, und nicht

etwa verlegt oder in eine falsche Schublade gekommen -- da läuft der

Bursche noch, der es mitgenommen hat -- der Carro-Bube zwischen zwei

Dreien -- ein hagerer, aufgeschossener junger Mensch. Er hat es auch

nicht aus Armuth genommen, denn die über ihm liegende Zehn bedeutet

Geld; aber wo er jetzt ist, wird schwer heraus zu bekommen sein. Warten

Sie einmal, da geht Ihr Mann hinter dem Treff-Buben -- er hat auf irgend

Jemanden einen falschen Verdacht -- der ist es nicht, der hat's nicht

genommen, der ist ehrlich -- seh'n Sie, wie das Aß neben ihm steht --

aber die Carro zieht sich hier herüber, und hier ist die Treff-Sieben

und Fünf. Wenn sich Ihr Mann morgen Abend an die katholische Kirche

stellt -- um fünf Uhr, aber mit dem Glockenschlag --, dann wird der Dieb

dort vorüberkommen.«

»Das wäre in der That merkwürdig!« sagte die Frau Räthin. »Also morgen

Nachmittag um fünf Uhr?«

»Aber mit dem Glockenschlag, nicht früher, noch später, sonst verpaßt er

ihn; er muß genau aufmerken.«

»Nun, da bin ich doch wirklich neugierig,« sagte die Frau Räthin

kopfschüttelnd, »und da hätte sich mein Mann auch die Anzeige auf der

Polizei ersparen können.«

»Die hilft ihm nichts, die hilft ihm nichts,« erwiederte die Frau, immer

noch in die Karten sehend. »Die Polizei ist da ganz oben, weit von dem

Carro-Buben entfernt, und kommt ihm gar nicht in den Weg. Die findet ihn

nicht -- aber Ihr Mann wird ihn finden; doch er muß auch das Herz haben,

ihn anzufassen.«

»Das wird er schon,« nickte die Frau Räthin; »der fürchtet sich vor

Niemandem, und wenn er erst einmal heftig wird, kennt er sich selber

nicht mehr.«

»Und was war es noch, was Sie fragen wollten?«

»Ach, liebe Madame Heßberger,« sagte die Frau Räthin, »zuerst möchte ich

Sie bitten, meiner Freundin eine Frage zu beantworten.«

»Von Herzen gern.«

»Sie ist nicht von hier,« fuhr die Dame fort, »sondern erst heute aus

der Residenz angekommen, und hat dort so viel von Ihrer Kunst reden

hören, daß sie vor Neugierde brennt, Sie kennen zu lernen.«

»In der That?« lächelte die Frau, ohne den Blick aber von der

Sprechenden zu wenden. »Und ist ihr auch etwas gestohlen worden?«

»Ja -- über das möchte sie ebenfalls nachher Ihren Rath hören; vorher

wünscht sie aber Ihre Kunst recht auf die Probe zu stellen und den Namen

ihres künftigen Schwiegersohnes zu erfahren.«

»Das ist freilich viel verlangt,« sagte die Kartenschlägerin

kopfschüttelnd, »denn wirkliche Namen nennen die Karten nicht; sie

deuten nur Personen an, daß man sich danach ihre Beschreibung oder

vielmehr ihr Aussehen zusammenstellen kann. Außerdem wird es sehr schwer

sein, einem ganz Fremden solch eine Sache vorherzusagen. Die Dame muß

mir jedenfalls vorher erlauben, einmal die Linien ihrer linken Hand zu

betrachten; ein kleines Hülfsmittel muß ich haben, ich kann sonst nicht

für den Erfolg einstehen.«

Die verschleierte Frau Staatsanwalt zog schweigend ihren linken

Handschuh ab und reichte der Frau Heßberger die Hand, und diese schien

aufmerksam mehrere Minuten lang die Linien derselben zu betrachten. Aber

sie sagte kein Wort dabei, sondern nickte nur langsam mit dem Kopf,

und die Karten wieder aufgreifend, ersuchte sie die verschleierte Dame,

abzuheben -- aber mit der rechten, und zwar der vollen Hand, nicht nur

mit zwei oder drei Fingern, und ohne Handschuh. Das geschah auch, und

auf das sorgfältigste und genaueste legte sie dann die Blätter aus. Aber

sie kam nicht so rasch damit zu Stande, als bei der vorigen Antwort.

Bedeutend und wie in tiefem Nachsinnen schüttelte sie den Kopf; endlich

sagte sie:

»Die Dame muß aus einer sehr vornehmen Familie sein, denn Alles deutet

darauf hinaus. Hier steht ein armer Werber -- er hat rechts und links

nichts als Zweier und Dreier --, aber die Coeur-Dame geht weiter. Da

endlich laufen die Pfade von dem Coeur-König mit ihr zusammen -- das

trifft sich selten, daß Jemand seine erste Liebe bekommt -- der ist

reich und vornehm, und hier...« Sie horchte hoch auf, denn draußen

entstand ein ungewöhnlicher Lärm. Ihr Mann hatte auch aufgehört zu

singen; aber sie hörte eine tiefe Stimme, die sie nicht kannte und die

wie befehlend sprach.

»Um Gottes willen,« flüsterte die Frau Staatsanwalt der Räthin zu,

»ich glaube, da kommt noch mehr Besuch, und ich möchte hier nicht gern

gesehen werden -- daß sie nur Niemanden hereinläßt!«

Die Frau Heßberger war aufgestanden und horchte nach der Thür der

Werkstätte hinüber, nach der zu ihr einziger Ausgang lag. Was in aller

Welt ging da drinnen vor? -- Sie sollte nicht lange in Zweifel bleiben.

»Du, Thomas, stellst Dich an die Treppe,« sagte die Baßstimme wieder,

»und läßt Niemanden hinunter oder herauf. Ist Ihre Frau zu Hause,

Heßberger?«

Sie hörte die Antwort ihres Mannes nicht, aber sie mußte bejahend

ausgefallen sein.

»Nun gut,« fuhr der Baß fort, als noch eine andere Männerstimme zu ihm

gesprochen, »Niemanden hinunter oder herauf ohne meine Erlaubniß. Einer

von Euch bleibt bei dem Schuhmacher und läßt ihn nicht aus den Augen.

Gehören die Leute hier alle in's Haus?«

»Nein, Herr Geheimer Commissar,« hörte sie jetzt Heßberger sagen. »Nur

zwei von den Jungen schlafen hier, die beiden anderen sind auf der

Arbeit.«

»Gut, die mögen sich anziehen und ihrer Wege gehen; wir haben nichts

weiter mit ihnen zu thun. Die zwei Jungen bleiben da.«

Die Frau Heßberger schritt nach der Thür.

»Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Frau Heßberger,« sagte die Frau

Räthin rasch, »und schließen Sie die Thür zu, bis die Leute wieder fort

sind, oder wenn das nicht geht, lassen Sie uns hinten hinaus; wir kommen

lieber morgen Abend wieder.«

»Ich habe nur den einen Ausgang,« sagte die Frau; »aber gedulden Sie

sich einen Augenblick -- ich will nur sehen, was da vorgeht -- die ganze

Sache scheint ein Mißverständniß zu sein, und mein Holzkopf von Mann

weiß sich nie zu helfen.«

Damit verließ sie die Stube und trat in die Werkstätte; die Frau

Staatsanwalt aber, die aufgestanden war, sank in ihren Stuhl zurück und

stöhnte: »O Du barmherziger Gott, das war die Stimme meines Mannes! Er

ist mit Polizei gekommen, um mich abzuholen!«

»Aber, beste Frau Staatsanwalt,« bat die Frau Räthin, die viel ruhiger

bei der Sache blieb, »das ist ja gar nicht möglich! der Zufall kann ihn

hiehergeführt haben, wenn ich auch nicht begreife, wie; aber er wird

auch wieder fortgehen, und wir warten es hier ruhig ab.«

»Horchen Sie nur -- sie kommen hieher!« -- Sie hatte recht.

»Thut mir leid, Frau Heßberger, Sie stören zu müssen, kann Ihnen aber

nicht helfen -- muß meine Pflicht thun,« sagte der Baß wieder. »Ich

ersuche Sie vor allen Dingen, Ihre sämmtlichen Zimmer und Kammern

aufzuschließen.«

»Aber auf wessen Befehl?« rief jetzt die Frau Heßberger, empört über

eine derartige Behandlung. »Wer darf friedlichen Bürgern bei Nacht und

Nebel in das Haus fallen und ihre Wohnung durchsuchen?«

»Die Polizei darf Alles, Frau Heßberger,« sagte der Mann ruhig, »und

wenn Ihnen nachher Unrecht geschehen ist, so steht es Ihnen frei, Ihre

Klage anzubringen. Für jetzt haben Sie weiter nichts zu thun, als Folge

zu leisten.«

»Aber wessen sind wir denn angeklagt? Das darf man doch erfahren, um

sich vertheidigen zu können.«

»Jawohl, gewiß,« sagte der Commissar wieder; »der Herr Rath Frühbach hat

eine Klage gegen Sie anhängig gemacht und eine Haussuchung beantragt,

weil er behauptet, daß ihm von dem Schuhmacher Heßberger Zeug zu einem

Beinkleide und verschiedene Silbersachen gestohlen seien.«

»Was, der Herr Rath Frühbach hat das behauptet?« schrie die Frau,

während die Frau Räthin hinter der Thür vor Schreck fast in die Kniee zu

brechen drohte. »Der schlechte, nichtsnutzige Mensch will ehrliche Leute

zu Dieben machen, und indessen kommt seine Frau hier zu mir und thut

scheinheilig und freundlich, als ob sie von Gott und der Welt nichts

wüßte?«

»So? Die Frau Räthin Frühbach ist bei Ihnen?« sagte Staatsanwalt Witte,

der in diesem Augenblick vortrat. »Da bedauere ich allerdings, daß wir

so zur unrechten Zeit gestört haben -- aber jetzt kann's nichts mehr

helfen. Herr Commissar, bitte, thun Sie Ihre Schuldigkeit!«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt,« rief die Frau mit einem tiefen, spöttischen

Knix, indem sie die Thür zu ihrem Zimmer aufriß, »dann seien Sie nur

so gut und heben Sie das ganze Nest aus und können dann _Ihre_ Frau

Gemahlin auch gleich mitnehmen! Weiter werden Sie aber wohl nichts

finden -- bedauere sehr, daß sich die Herren umsonst bemüht haben!«

»Alle Teufel!« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin. »Aber das ist ja

gar nicht möglich!«

»Belieben Sie vielleicht gefälligst näher zu treten?« sagte die Frau

höhnisch. »Eine verschleierte Dame aus der Residenz, die zu wissen

wünscht, wer ihr Schwiegersohn wird! Bitte, Herr Commissar, geniren Sie

sich nicht, thun Sie, als ob Sie zu Hause wären! Aber da will ich doch

die ganze Welt fragen,« setzte sie boshaft hinzu, »ob das ein Betragen

von anständigen, ehrbaren Frauen ist, hier in der Nacht zu mir zu kommen

und sich an meinen Tisch zu setzen, während ihre beiden Männer gegen

mich ein Complot anstiften und mit Polizei in's Haus rücken!«

»Meine Damen,« sagte der Commissar, aber jetzt wirklich selber in

Verlegenheit, »es thut mir leid, so zur unrechten Zeit gekommen zu

sein. Uebrigens habe ich nicht den geringsten Auftrag, Sie hier

zurückzuhalten, und stelle Ihnen deshalb frei, den Platz zu verlassen,

wann es Ihnen beliebt.«

»Herr Commissar,« sagte die Frau Räthin, »wir werden von ihrer Güte

Gebrauch machen.« Und ohne den Blick rechts oder links zu wenden,

erfaßte sie den Arm ihrer Begleiterin und eilte mit dieser, so rasch

sie über das in der Werkstätte umhergestreute Leisten- und Lederwerk

hinwegkommen konnten, der Treppe zu. Dorthin begleitete sie aber noch

der Commissar, gab dem dort stationirten Polizeidiener, der schon

vortreten wollte, Befehl, die Damen durchzulassen, und kehrte dann in

die Stube zurück, um seine vorgeschriebene Haussuchung zu beginnen.

Heßberger selber zeigte sich dabei außerordentlich demüthig, aber doch

auch störrisch; er meinte, es solle dem Herrn Rath Frühbach theuer zu

stehen kommen, ihn auf solche Weise verdächtigt zu haben, noch dazu, da

er ihn heute Mittag selber in den Laden geführt hätte, wo das Hosenzeug

zu verkaufen wäre, auf das sich, wie er jetzt vermuthen müsse, seine

Nachfragen bezogen hätten. Dort aber könne ihm Jeder bezeugen, daß er

den Stoff da gekauft und gleich bezahlt habe, und er wolle doch einmal

sehen, ob er sich auf diese Weise als ehrlicher Mann brauche beschimpfen

zu lassen.

Die Frau Heßberger selber, die ihren ersten Zorn hinuntergekämpft,

benahm sich jetzt vollkommen vornehm gegen den Commissar und dachte gar

nicht daran, ihn im geringsten zu unterstützen. Da wären die Schlüssel,

sagte sie, zu allen ihren Schränken und Laden; nun möge er selber, wenn

es ihm Freude mache, nachsehen, ob er dort irgend etwas von des Herrn

Frühbach Sachen fände. Sie selber aber rühre keine Hand und sei auch

nicht dazu verpflichtet, bitte sich aber aus, daß Alles wieder so

ordentlich gelegt würde, wie man es gefunden.

Dem Commissar gefiel das nicht; die Leute betrugen sich nicht wie

ertappte Verbrecher, sondern handelten genau so, als ob sie in ihrem

guten Recht wären, und der Staatsanwalt besonders befand sich nichts

weniger als behaglich. Er wußte recht gut, welche Verantwortung er

übernommen, und zum ersten Mal stieg der Wunsch in ihm auf, die ganze

fatale Angelegenheit gar nicht berührt zu haben. Aber was half es! Die

Haussuchung hatte durch das polizeiliche Besehen der Wohnung factisch

begonnen und mußte nun auch durchgesetzt werden. Und wer konnte denn

überhaupt wissen, ob sie nicht doch etwas fanden, was sie in der

Ausführung entschuldigte und rechtfertigte!

Zuerst wurde die Werkstätte untersucht, aber nur leichthin, denn hier

war auch kein möglicher Platz, wo etwas hätte versteckt werden können,

den Ofen vielleicht ausgenommen; dann kam das Zimmer der Frau, was

schon mehr Schwierigkeiten bot. Aber trotz genauer Durchsuchung der

sämmtlichen Schränke und Commoden fand sich auch nicht das geringste

Verdächtige, eben so wenig in der Küche.

Der kleine Holzverschlag war fast leer und konnte mit einer Laterne

leicht abgeleuchtet werden; er enthielt nichts, als einst weiß gewesene

schmutzige Kalkwände mit vielleicht einem Korb Holz darin. Einen Keller

hatten die Heßbergers gar nicht, eben so wenig Bodenraum; nur noch ein

dunkles Käfterchen, in dem vielleicht zwei Scheffel Steinkohlen lagen.

Auch das wurde durchsucht und der Bestand zum großen Theile bei Seite

geschaufelt; aber auch dort fand sich nichts, und der Commissar sah den

Staatsanwalt an und zuckte die Achseln.

Staatsanwalt Witte befand sich in Verlegenheit. Die Sache war ihm

entsetzlich fatal, und noch fataler, daß sich Frau Heßberger auf einen

ihrer Lehnstühle gesetzt und ihn mit höhnischen Blicken betrachtete.

Aber was ließ sich thun! Daß Heßbergers jetzt den Rath Frühbach wegen

falscher Anklage vor Gericht belangen würden, verstand sich von selbst,

und er hatte eine heftige Scene mit dem Rath zu gewärtigen; aber das

ließ sich eben nicht ändern. Keinesfalls wollte er sich dem Hohn der

Schustersfrau hier länger aussetzen; der Commissar mochte sehen, wie er

mit der allein fertig wurde.

»Schön,« sagte er, »wenn nichts zu finden ist, brechen Sie die

Verhandlung ab!« Und ohne sich länger aufzuhalten oder das also

gekränkte Ehepaar weiter zu grüßen, schritt er durch die Werkstätte der

Treppe zu.

Dort an der Thür saß der Lehrjunge, den der Meister vorher so geprügelt

hatte; er schien sich die ganze Untersuchung schadenfroh betrachtet zu

haben und eben so wenig zufrieden zu sein, daß man nichts gefunden, wie

der Staatsanwalt selbst. Als Witte aber an ihm vorüberging, zupfte er

ihn plötzlich am Rock und flüsterte: »Kohlenkammer -- Meister geht immer

hinein!« und drehte sich dann scharf ab in die Werkstätte, wo er sich in

einem Winkel niederkauerte. Witte hatte auch die letzten Worte kaum oder

vielleicht gar nicht verstanden, aber das Wort »Kohlenkammer« war ihm

nicht entgangen, und mit einer letzten Hoffnung, seine Ehre als Ankläger

noch zu retten, drehte er sich scharf auf dem Absatz herum, ging auf den

Polizeimann zu und sagte: »Herr Commissar, ich wünsche die nochmalige

Durchsuchung der Kohlenkammer, ehe wir das Haus verlassen.«

»Aber, lieber Herr Staatsanwalt,« sagte der Mann, »wir haben fast die

ganzen Kohlen bei Seite geschaufelt.«

»Wir werden es mit dem Rest eben so machen,« sagte Witte, der sich an

diese letzte Hoffnung klammerte.

»Meinetwegen -- wie Sie es wünschen; ich bin Ihnen gern gefällig,«

erwiederte der Mann. »Aber ich fürchte, wir versäumen nur unsere schöne

Zeit -- wo ist die Laterne?«

»Hier, Herr Commissar.«

»Gut -- schaufelt noch einmal den letzten Kohlenrest bei Seite; es

könnte doch möglich sein, daß noch etwas darunter wäre.«

Die Leute gingen willig an die Arbeit, denn es war ihnen selber nicht

recht, daß sie unverrichteter Sache wieder abziehen sollten -- ist doch

das ganze Polizeileben auch nur eine Art von Jagd, und ohne Beute scheut

sich ein jeder Jäger heimzukehren. Aber selbst diese letzte Mühe schien

vergeblich; denn mit jeder Schaufel voll Kohlen, die bei Seite geworfen

wurde, stellte sich mehr und mehr heraus, daß der kleine Vorrath nichts

heimlich Verborgenes mehr verdecken könne; ihre ganze Mühe war vergebens

gewesen. Aber der Staatsanwalt beruhigte sich noch immer nicht. Er nahm

selber die Laterne und leuchtete an den Wänden herum, und als er dort

keine Möglichkeit eines Verstecks sah, auf der kohlengeschwärzten Diele.

Heßberger stand an der Thür und sah ihm zu.

»Aber, verehrtester Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte er, »glauben Sie

denn wirklich, was der böse Herr Geheime Rath über uns gesagt hat? Habe

ich Sie nicht immer bedient, wie sich's gehört und gebührt, und halten

Sie mich wirklich für einen so corrumführten Menschen, um den Zorn

Gottes auf mich zu laden?«

»Herr Commissar,« sagte Witte, der in der Diele, aber von Kohlenstaub

fast verdeckt, ein kleines Stück blanken Eisens bemerkt hatte. Es war

kaum sichtbar; nur dadurch, daß das Licht der Laterne einmal darauf

fiel, blitzte es ein wenig, und Witte's Auge haftete daran. Was der

Schuhmacher sagte, hörte er gar nicht. -- »Bitte, kommen Sie einmal

hieher.«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt; was wünschen Sie?«

»Sie haben mehr Praxis in derlei Dingen -- was ist das da auf dem

Boden?«

»Das hier?« sagte der Commissar, indem er sich dazu niederbog. »Hm, das

sieht beinahe aus wie der Riegel an einer Thür, und ich weiß eigentlich

nicht, was das hier auf dem Boden bezweckt.«

»Haben Sie kein Instrument bei sich, um es einmal zu versuchen?«

»Vielleicht finden wir etwas in der Werkstätte. Heh, Heßberger, was ist

das hier für ein Eisen?«

»Kann ich nicht sagen, Herr Geheimer Commissar,« erwiederte der

Schuster; aber dem Staatsanwalte entging nicht die Verlegenheit des

Mannes. -- »Hat vielleicht früher hier einmal ein Schrank gestanden. So

lange ich hier wohne, habe ich die Kammer immer nur zu Kohlen benutzt.

Wahrscheinlich sind die Dielen damit zusammengefügt. Das Haus ist sehr

schlecht gebaut, es trocknet Alles zusammen, wenn es nicht genagelt und

geschraubt wird.«

»Geben Sie mir einmal irgend ein Instrument her,« sagte der

Staatsanwalt, der indeß den Kohlenstaub mit den Händen von der Stelle

weggewischt hatte -- »und wenn es ein krummgebogener Nagel ist. Ich gehe

nicht fort, bis ich den Platz hier untersucht habe.«

»Wenn Sie erlauben,« sagte der Schuhmacher, »werde ich Ihnen gleich

etwas holen; ich habe da unten noch etwas Werkzeug stehen.« Und ohne

eine Antwort abzuwarten, sprang er nach der Treppe.

»Halt,« sagte der dort stationirte Polizeidiener, »kein Mensch durch!«

»Aber ich will gerade für den Herrn Geheimen Staatsanwalt....«

»Laßt ihn nicht durch!« rief Witte. »Er soll herkommen -- wir kriegen

das Ding schon auf -- nur irgend etwas her, um damit zu heben!«

Der eine Polizeidiener hatte sich die Stelle jetzt ebenfalls angesehen

und brachte rasch einen der Haken herbei, mit denen die Leisten aus den

Stiefeln gezogen werden. »Können Sie das vielleicht gebrauchen, Herr

Staatsanwalt?«

»Wie dazu gemacht!« rief Witte vergnügt, indem er den Haken in die

Oeffnung brachte und daran hob. Er brauchte aber gar nicht etwa stark

zu ziehen, denn das von den Kohlen befreite Brett gab außerordentlich

leicht nach und zeigte jetzt an seinem unteren Ende sogar ein Charnier,

mit dessen Hülfe sich eine ordentliche Klappe bildete. Wie er aber den

Deckel hob, entstand draußen an der Treppe ein Lärm -- der Schuster

hatte mit Gewalt hinunterbrechen wollen, und der Polizeidiener wäre

beinahe von ihm die Treppe hinabgeworfen worden. Auf seinen Hülferuf

sprang aber einer der Kameraden hinzu, und wenige Minuten später hatten

sie den wüthend um sich schlagenden Schuhmacher überwältigt und fest

gepackt, und der Commissar, der nun allerdings vermuthen mußte, daß der

Bursche ein böses Gewissen habe, befahl, ihm die Hände auf dem Rücken

zusammen zu schnüren.

»Hallo, Commissar,« rief Witte jubelnd aus, »kommen Sie einmal hieher

und sehen Sie, was wir da haben! Hol's der Teufel, das ist ein ganzes

Nest von Sachen, und Sie werden ein paar Stunden Arbeit bekommen, um die

alle zu protokolliren!«

Die Frau Heßberger hatte in ihrer Stube auf dem Lehnstuhl gesessen

und wollte jetzt aufstehen -- aber sie konnte nicht; wie in einander

gebrochen sank sie zurück und war so weiß geworden wie ihre Gardinen.

Witte indessen, den Kohlenstaub und die Arbeit nicht achtend, sprang

fast jubelnd in die kleine Höhlung hinein, und die Gegenstände von dort

herauf gegen das Licht werfend, rief er: »Da, sehen Sie -- Heiland der

Welt, was sich der Schuft hier für eine ordentliche Schatzkammer von

Waaren angelegt hat -- silberne Löffel in Masse -- bei Gott, da ist

der Deckel zu meiner Zuckerdose und hier die Schalen -- Seidenzeug,

Meerschaumköpfe, alte, kostbare Goldsachen -- sehen Sie nur den

Reichthum!«

»Herr Staatsanwalt,« schrie da der Commissar erschreckt, »dabei sind

Sachen, die dem alten Salomon gehört haben!«

Der Staatsanwalt richtete sich empor; er war in dem Moment der Aufregung

todtenbleich geworden.

»Dem alten Salomon! -- Also wirklich?«

»Ich habe sie selber in seinem Laden gesehen.«

»Verwahren Sie den Menschen gut!« rief Witte, aus dem Loch

herausspringend. »Lassen Sie ihn um Gottes willen nicht fort!«

»Der ist gut genug verwahrt,« sagte der Commissar, »und keine Gefahr,

daß er uns entspringt.«

»Und die Frau?«

»Auf die werden wir noch besonders Acht geben. Haben Sie keine Angst;

das Pärchen ist sicher.«

»Schön,« sagte Witte; »dann haben Sie die Güte und schicken die beiden

Leute vor allen Dingen in Gewahrsam, damit sie Ihnen hier nicht mehr im

Wege sind, und packen dann den Waarenvorrath zusammen und lassen ihn auf

das Criminalamt schaffen, damit er dort geordnet und registrirt wird.

Haben Sie Leute genug?«

»Ich denke, wir werden mit der Gesellschaft fertig werden,« sagte der

Commissar. »Herr Staatsanwalt, ich glaube, wir haben heute Abend einen

guten Fang gemacht.«

»Ich denke es auch, Herr Commissar; aber kommt da nicht Jemand?«

Es fiel, allem Anscheine nach, irgend wer die etwas dunkle

Treppe herauf, denn es polterte furchtbar, und man hörte ein paar

halbverbissene Flüche; dann wurden wieder Schritte hörbar, und

zuletzt zeigte sich in dem Lichte der von dem einen Polizeidiener

emporgehaltenen Laterne eine menschliche Gestalt.

»Halt! Werda?« rief sie der Mann militärisch an.

»Gut Freund -- ich bin's,« antwortete eine fremde Stimme. »Ist Herr

Staatsanwalt Witte hier?«

»Hier bin ich. Wer ist da?«

»Mein lieber Staatsanwalt,« sagte Rath Frühbach -- denn als solcher

stellte sich der späte Besuch heraus --, indem er die letzten Stufen

emporklomm, »nehmen Sie mir das nicht übel: ich habe Ihnen die

Betreibung der Angelegenheit überlassen, aber doch nicht zu dem Zweck,

um mich in Teufels Küche zu bringen. Ich protestire gegen jedes weitere

Verfahren, in so fern es die brave Heßberger'sche Familie betrifft, und

überlasse Ihnen alle und jede Verantwortung für das Geschehene.«

»Aber, bester Herr Rath!« lachte Witte.

»Bitte,« sagte Rath Frühbach, »das ist kein Spaß: ich lag schon im Bett

und im ersten Schweiß, als meine Frau nach Hause kam und mir mittheilte,

daß Sie hier im Heßberger'schen Familienkreise auf _meine_ Veranlassung

mit Polizei wirthschafteten und Haussuchung hielten. Ich sage Ihnen, wie

ich war, fuhr ich aus dem Bette und in meine Kleider, und ich kann

den Tod davon haben, denn nichts auf der Welt ist schlimmer als eine

unterbrochene Transspiration....«

»Und Sie protestiren wirklich, Herr Rath?«

»Allerdings, soweit es den Ihnen gegebenen Auftrag betrifft. Ich ziehe

meine Klage vollständig zurück.«

»Dann bedauere ich, daß Sie zu spät kommen,« lachte Witte, »denn wir

haben das ganze Nest schon ausgehoben und einen wahren Schatz von

gestohlenen Sachen gefunden.«

»Von gestohlenen Sachen?« rief Frühbach erstaunt.

»Ueberzeugen Sie sich selber -- genug Silber, um eine fürstliche Tafel

auszustatten.«

»Nun, sehen Sie wohl, daß ich recht hatte?« bemerkte Rath Frühbach,

indem er auf die oberste Stufe trat und das Terrain mit seinen Blicken

überflog (der gebundene Heßberger stand dicht neben ihm). »Habe ich

es Ihnen nicht immer gesagt, daß der Heßberger ein ganz durchtriebener

Bursche ist? Aber Sie wollten es mir nie glauben! Und was wird jetzt?«

»Jetzt schaffen wir die Gefangenen auf die Polizei,« sagte der

Commissar, »und morgen früh ersuche ich Sie, mit Ihrer Frau Gemahlin auf

das Amt zu kommen, um die aufgefundenen Gegenstände in Augenschein zu

nehmen und zu erklären, ob etwas darunter Ihr Eigenthum ist. Auf Ihre

Veranlassung wurde die Haussuchung vorgenommen, und es versteht sich

von selbst, daß Sie zuerst über die Gegenstände, die wir Ihnen vorlegen

müssen, vernommen werden.«

»Und haben Sie das Hosenzeug gefunden?«

»Das allerdings noch nicht, aber es kann noch Manches in dem unteren

und sehr geschickt angebrachten Versteck liegen. Also versäumen Sie Ihre

Zeit nicht -- morgen etwa zwischen zehn und elf Uhr, wenn ich bitten

darf.«

3.

Das Verhör.

Das Versteck der gestohlenen Sachen war wirklich außerordentlich schlau

angelegt und die Klappe so genau gearbeitet, daß sie, noch dazu mit dem

Kohlenstaub überzogen, nur bei einer vollkommen gründlichen Untersuchung

entdeckt werden konnte. Selbst das Blitzen des Eisens im Lichte schien

Heßberger vorgesehen und abgewendet zu haben, denn dasselbe war mit

schwarzer Farbe überstrichen, diese aber durch den mehrfachen Gebrauch

des zum Heben benutzten Hakens an einigen Stellen abgescheuert worden,

was denn einzig und allein zur Entdeckung führte.

Heßberger, der zuerst einen verzweifelten Versuch gemacht hatte, zu

entkommen, saß jetzt wie völlig in einander gebrochen am Boden; er hatte

nicht mehr Kraft genug in den Knieen, um aufrecht zu stehen. Seine Frau

dagegen behauptete nach wie vor ihre starre Ruhe und Unschuld. Finster

blickte sie auf die vor ihr ausgebreiteten Waaren und Kostbarkeiten,

die nach und nach aus dem Gefach herausgearbeitet wurden und von denen

einzelne Stücke schon sehr lange dort unten gelegen haben mußten, denn

sie waren wie mit einer Staubkruste überzogen; aber sie leugnete, auch

nur das Geringste davon zu wissen. Sie sei, wie sie behauptete, eine

ehrliche Frau, die sich mit ihrer »Kunst«, mit ihrer Arbeit nähre, aber

noch nie daran gedacht habe, zu einem unehrlichen Erwerb zu greifen. Sei

das wirklich von ihrem Mann geschehen, so wisse sie nichts davon, oder

sie hätte es nie geduldet; er müsse es heimlich gethan haben, wie er

die Gegenstände ja auch, ihr selbst verborgen, heimlich versteckt und

weggebracht habe.

Dem Polizei-Commissar lag übrigens gar nichts daran, hier ein langes

Verhör anzustellen, und wie sie das Fach ordentlich ausgeräumt und

Alles, selbst das Letzte, heraufbefördert hatten, ertheilte er Befehl,

das gestohlene Gut fortzuschaffen und die beiden Eheleute ebenfalls in

sicheres Gewahrsam zu bringen. Er schärfte aber den Polizeidienern ganz

besonders ein, sie getrennt zu halten und unter keiner Bedingung zu

gestatten, daß sie auch nur _Ein_ Wort mit einander wechselten.

Unten im Hause war es indessen auch unruhig geworden, denn es konnte den

tiefer wohnenden Miethsleuten kein Geheimniß bleiben, daß in der oberen

Etage etwas Außerordentliches vorgehe. Schon der Kampf des Schuhmachers

an der Treppe, als er seinen Durchgang erzwingen wollte, hatte sie

alarmirt und auf den Vorsaal gelockt; allerdings staunten sie auch nicht

wenig, als sie den kleinen, »frommen« Schuhmacher in solcher Begleitung

die Treppe hinabsteigen sahen. Heßberger selber beeilte sich aber, ihnen

aus dem Weg zu kommen, und wenige Stunden später lag das Quartier da

oben, da man die beiden Lehrjungen ebenfalls für die Nacht wo anders

unterbrachte und die Thüren versiegelte, öde, dunkel und verlassen.

Witte indessen, mit dem gehabten Erfolge, der allerdings über Erwarten

reich und wichtig ausgefallen war, sehr zufrieden, schritt seiner

eigenen Wohnung zu. Dabei überkam ihn aber doch ein etwas unbehagliches

Gefühl, denn es war ihm entsetzlich fatal, seine eigene Frau in der

Gesellschaft überrascht zu haben. Und was die Frau Staatsanwalt nun wohl

dazu sagen würde? -- Sie sagte aber heute Abend gar nichts, denn sie

ließ sich vor ihrem Mann nicht mehr blicken, und er selber unterstützte

sie darin. Morgen, bei kaltem Blute, besprach sich die Sache weit

besser, oder sie wurde auch vielleicht total ignorirt; er wenigstens war

fest entschlossen, nicht wieder davon anzufangen.

Uebrigens sah er sich auch an dem Tag so beschäftigt -- oder machte sich

vielleicht absichtlich so viel zu thun --, daß er selbst zum

Mittagessen nicht nach Hause kam und absagen ließ, und während seiner

Geschäftsstunden störte ihn die Frau schon überdies nicht oder suchte

ihn auf.

Am Morgen, zur bestimmten Zeit, kam aber der alte Baumann zu ihm, und

mit diesem hatte er eine lange und ernste Unterredung. Baumann nämlich

wollte gleich hinauf auf's Gericht und selber Anzeige von dem Betrug

seiner Frau machen. Den Vorfall bei Heßbergers wußte er auch schon, und

er erklärte bestimmt, mit der ganzen Familie fortan zu brechen. Witte

hatte die größte Mühe, ihm das auszureden, und es gelang ihm wirklich

nur dadurch, daß er den Schlossermeister darauf aufmerksam machte, die

Verhaftung seiner Frau würde durch den Stadtklatsch nicht etwa mit

einer andern Angelegenheit, sondern augenblicklich mit dem Diebstahl

in Verbindung gebracht werden, und das mußten sie jetzt zu vermeiden

suchen.

»Also wollen Sie mich zu dem Hehler einer solchen Sünde machen?«

»Nein, lieber Baumann,« erwiederte Witte, »ich weiß, daß Sie ein

rechtlicher Mann sind, und Sie trauen mir hoffentlich das Nämliche zu.

Ich würde Ihnen also zu nichts rathen, was nicht Sie, was nicht ich vor

meinem Gewissen verantworten könnte; Sie sind von jeder Verantwortung

frei. Ihre Frau sowohl als Sie jetzt haben mir, dem Staatsanwalt, die

Erklärung abgegeben und mich aufgefordert, die Rechte des wirklichen

Erben vor Gericht zu vertreten; überlassen Sie mir also auch, den

Zeitpunkt zu wählen, den ich dazu für den richtigen halte. Außerdem

haben wir jetzt die beiden Leute, deren Zeugniß allein den Ausschlag

geben kann, ganz unerwarteter Weise hinter Schloß und Riegel bekommen,

und die Sache ist uns dadurch um ein Wesentliches erleichtert worden.

Aber beantworten Sie mir eine Frage: hat Ihr Fritz je mit seinem

vermeintlichen Onkel, dem Schuhmacher Heßberger, einen näheren Verkehr

gehalten?«

»Nie,« sagte der alte Mann; »sie konnten sich gegenseitig nicht leiden,

und ich glaube sogar nicht, daß sie seit Jahren ein Wort mit einander

gesprochen haben.«

»Das dachte ich mir. Aber wissen Sie, daß unter den gestern bei

Heßberger gefundenen Sachen werthvolle Gegenstände aus Salomon's Laden

sind?«

»Großer Gott, sollte denn der schuftige Schuhmacher auch das auf dem

Gewissen haben?«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach; aber das wollen wir bald herausbekommen,

denn Salomon, obgleich er den Namen des Diebes nicht weiß, kennt ihn von

Angesicht gut genug, und wenn er....«

»Aber der alte Salomon ist ja todt!«

»Denkt gar nicht daran,« lachte Witte -- »wieder frisch und gesund, nur

noch ein bischen schwach auf den Füßen. Wir glaubten durch das Gerücht

seines Todes den Mörder sicher zu machen; aber Heßberger, wenn er

es wirklich gewesen, war uns zu schlau, und hätte ihn nicht der

wunderlichste Zufall dem Gerichte in die Hände gespielt, so würde kein

Mensch geahnt haben, daß er mit dem Verbrechen in Verbindung stände.«

»Aber werden sie jetzt nicht erst recht glauben, daß der Fritz mit

seinem Onkel unter Einer Decke gesteckt habe, und müssen wir deshalb

nicht gerade beweisen, daß er gar nicht sein Onkel ist?«

»Das Erste habe ich auch gefürchtet, das Zweite wäre aber kein Beweis

für ihn, denn er konnte bis jetzt nichts davon wissen. Nein, überlassen

Sie mir getrost die Sache, Baumann, und Sie können sich versichert

halten, daß Sie nicht allein kein Vorwurf trifft und treffen kann,

sondern daß ich auch so rasch als irgend möglich damit vorschreite.«

Baumann war aufgestanden; aber er zögerte, er hatte allem Anschein nach

noch etwas auf dem Herzen.

»Drückt Sie noch etwas, Baumann?«

»Ja, Herr Staatsanwalt; eine Bitte...«

»Und was ist es?«

»Ich wollte Sie ersuchen,« sagte der Mann, »die -- Scheidungsklage mit

meiner Frau einzuleiten. Ich glaube, daß Sie das zu besorgen haben.«

»Baumann!«

»Wir haben sechsundzwanzig Jahre glücklich mit einander gelebt,« fuhr

der Schlossermeister fort, »so glücklich,« setzte er leise hinzu, »daß

ich bis jetzt glaubte, nur der Tod könne und werde uns auseinander

nehmen. Das ist vorbei. Nach dem, was sie mir angethan, daß sie mein,

daß sie ihr eigenes Kind verkaufte, kann ich nicht länger mit ihr leben

-- es muß sein!«

»Ueberlegen Sie sich die Sache noch, Baumann,« sagte Witte herzlich;

»das hat Zeit -- übereilen Sie nichts. Sie sind jetzt im ersten Schmerz

und Zorn.«

»Es ist nichts mehr zu überlegen, Herr Staatsanwalt,« beharrte der alte

Mann; »was ich gesagt habe, hab' ich gesagt, und dabei bleibt es. Kein

Mensch in der Welt wird mich davon abbringen können, wenn ich mit mir

selber erst einmal im Reinen bin, daß es geschehen muß!«

»Aber Ihre Frau ist sonst so brav und gut -- Sie haben nie eine Klage

wider sie gehabt!«

»Nie,« sagte der Mann feierlich, »nie ist selbst nur ein böses Wort

zwischen uns gefallen, und Gott mag ihr, das bitte ich recht von Herzen,

den Fehltritt vergeben -- _ich_ kann es nicht! Grund genug ist doch zu

einer Scheidungsklage?«

Witte sah, daß er mit dem alten, störrischen Manne jetzt doch nichts

ausrichten konnte. »Ich glaube, ja,« sagte er endlich nach einigem

Zögern, »und wenn Sie es nicht anders wollen, so läßt es sich wohl

durchsetzen.«

»Und wann darf ich wieder vorfragen?«

»Ich komme selber zu Ihnen, Baumann. Ich will jetzt auf das Criminalamt,

um bei der Untersuchung der gestohlenen Gegenstände gegenwärtig zu sein.

Heute nimmt uns das vollständig in Anspruch, und wir müssen vor allen

Dingen sehen, daß wir den armen Teufel, den Fritz, aus seiner unbequemen

Lage befreien.«

»Der arme Junge,« sagte Baumann seufzend, »wie ist dem seine ganze

Jugend gestohlen worden!«

»Darüber möchten Sie ihn doch erst einmal selber fragen,« meinte der

Staatsanwalt, »und ich zweifle sehr, ob er -- nach Allem, was ich

wenigstens über das Leben auf Schloß Wendelsheim gehört habe -- mit dem

Lieutenant tauschen würde.«

Der alte Baumann seufzte tief auf. Er war bis dahin schlicht und

ehrlich, immer geradeaus durch das Leben gegangen und hatte in der That

gar keinen andern Weg für möglich gehalten. Jetzt fand er sich plötzlich

in lauter krummen und fremdartigen Gängen -- mit eigentlich zwei Söhnen

und keinem --, verwickelt und verworren, in Lug und Trug hineingebracht,

und sah dabei keinen Ausweg, wieder heraus und auf freien Boden

zu kommen. Aber er mußte eben stillhalten, es ließ sich mit seinen

arbeitsharten Fäusten, mit seinem schlichten Menschenverstand nichts in

der Sache thun; das erforderte feine Hände und einen spitzen Kopf, und

schon von dem Bewußtsein niedergedrückt, reichte er dem Staatsanwalt nur

noch die Hand und kehrte nach Hause zurück.

Witte eilte auf das Criminalamt, und dort erwartete ihn allerdings

heute eine so interessante als lohnende Beschäftigung, nämlich die

Besichtigung der gestohlenen Waaren, zu der man aber auch den alten

Salomon brauchte. Jetzt lag auch nichts mehr daran, das Gerücht seines

Todes im Publikum verbreitet zu halten, da man den wirklichen Dieb schon

in Händen zu haben glaubte, und als auch der Polizeiarzt versicherte,

Salomon könne ohne die geringste Gefahr für sich selber auf's Amt

kommen, und sich sogar erbot ihn abzuholen, so wurde eine Droschke

beordert, und der mitfahrende Doctor dirigirte sie der Judengasse zu.

Salomon hätte übrigens kaum mehr der Droschke bedurft, so rasch hatte er

sich, wie nur die erste Betäubung von ihm gewichen, wieder erholt. Die

beiden Wunden verlangten allerdings noch Pflege, aber es stellte

sich auch bald heraus, daß die Schläge, obgleich mit voller Kraft und

jedenfalls in der Absicht, zu tödten, geführt, doch beide mehr seitwärts

abgeglitten waren und den Schädel nicht zersprengt hatten, und danach

konnte die Heilung bald erfolgen.

Dem Alten ließ es auch selber keine Ruhe, und schon am zweiten Tage

drängte er, in seinem Laden nachzusehen, wie weit er an seinem Eigenthum

geschädigt worden. Aber Rebekka erlaubte es nicht. Er sollte sich noch

nicht aufregen, wenn er den Verlust vielleicht größer fand, als er

erwartet hatte. Am dritten Abend aber mußte sie ihm willfahren, und nach

Dunkelwerden, damit ihn nicht etwa Jemand aus den Hinterfenstern der

Nachbarhäuser bemerke, stieg er in Begleitung der Tochter hinunter und

nahm eine genaue Revision vor.

Der erlittene Diebstahl stellte sich aber demnach gar nicht so

beträchtlich heraus, denn mit Ausnahme eines Pakets von Kassenscheinen,

das mehrere Hundert Thaler betrug, fehlten ihm nur noch einige,

allerdings ziemlich werthvolle Silbersachen und eine goldene, mit

Diamanten besetzte Schnupftabaksdose. Der Dieb war, wie man ja wußte,

mitten in seiner Arbeit gestört worden, und hatte so eilig fliehen

müssen, um selbst den Sack mit Silberthalern, der sich noch an der Thür

gefunden, im Stich zu lassen.

Am vierten Morgen nach der That saß der alte Mann oben beim Frühstück,

als er draußen laute Stimmen hörte. In der Nachbarschaft herrschte

nämlich nicht geringe Aufregung unter seinen Glaubensgenossen, daß die

Beerdigung des lange Todtgeglaubten noch nicht stattfand und auch

keiner der sonst üblichen Gebräuche befolgt wurde. Die abenteuerlichsten

Gerüchte durchliefen dabei das Viertel, und eins der am stärksten

verbreiteten war, der Salomon wäre vor seinem Tode heimlich mit der

ganzen Familie zum Christenthum übergetreten und deshalb eben so

heimlich in der letzten Nacht auf einem christlichen Gottesacker

beerdigt worden.

Indessen war aber auch ein naher Verwandter von ihm, der in Berlin

wohnte und von dem Raubmord dort in den Zeitungen gelesen hatte,

eingetroffen und an dem nämlichen Morgen, trotzdem er seinen Namen

angab, nicht eingelassen worden. Die alte Magd hatte ihn abgewiesen,

weil sie natürlich nicht wagte, einem von der Polizei gegebenen Befehl

zuwider zu handeln. Der alte Salomon wurde aber böse, als er es erfuhr.

Gott der Gerechte, der Simon Levy abgewiesen von seiner Thür, seiner

einzigen Schwester einziges Kind, der die lange Reise gemacht hatte nur

seinetwegen!

Aber der Herr Actuar hatte so streng befohlen.

»Der Herr Actuar soll befehlen, wo er will,« sagte der alte Mann, »aber

nicht im eigenen Hause vom Salomon und in seiner Familie, so lange der

Salomon lebt und gesund ist; und wenn er todt wäre, hätte er erst recht

nichts zu befehlen, denn dann ist die Frau vom Salomon da, wo das Alles

besorgt, was zu befehlen ist.«

Der Simon Levy hatte sich aber ohnedies nicht so rasch abweisen lassen,

denn noch war er kaum zweihundert Schritt vom Hause entfernt und

immer mit sich selber im Zorn sprechend und vor sich hin gesticulirend

fortgegangen, als er auch plötzlich, auf dem Absatz herumfahrend, Kehrt

machte und jetzt fest entschlossen schien, das Haus von seiner Mutter

Bruder nicht eher zu verlassen, bis er wenigstens seine Tante gesehen

und gesprochen und von ihr die Bestätigung dessen gehört hatte, was

die Leute in der Judengasse erzählten. Nachher wollte er den Staub von

seinen Füßen schütteln und nach Berlin zurückfahren auf der Eisenbahn.

Wie er zum zweiten Mal in den Hof kam, begegnete er wieder der alten

Magd, die gerade ausgeschickt worden, um ihn aufzusuchen. Sie hatte aber

strengen Befehl bekommen, dem Simon Levy nicht zu sagen, daß der

Salomon noch lebe und gesund sei, sondern sie sollte ihn nur zu der Frau

bestellen und ihn dann in das Zimmer führen, wo Salomon noch immer bei

seinem Frühstück saß. Die Alte kam auch der Ordre genau nach.

»Herr Levy,« sagte sie, »ist mir lieb, daß ich Sie treffe; sparen Sie

mir doch einen langen Weg für meine kurzen Beine.«

»Ist die Madame Salomon zu Hause?«

»Ist sie,« nickte die alte Magd, »und sitzt oben in der Stube und wartet

auf den Herrn Levy, und die Fräulein Rebekka auch.«

»Und wozu hast Du mir vorgeschmust, ich dürfe nicht hinauf?« sagte

der kleine Mann ärgerlich. »Bin ich ein Landstreicher, daß ich werde

fortgewiesen von der Thür von meine nächsten Verwandten?«

»Als Sie wollen näher treten, wird Ihnen die Madame Salomon erklären;

in der großen Betrübniß darf man's verzeihen, und man soll keinen Zorn

bringen in ein Haus der Trauer.«

»Soll ich leben und gesund bleiben,« sagte Levy, »ob's nicht eine

schreckliche Geschichte ist! Aber, Rachel,« setzte er leise und scheu

hinzu, »bist Du auch geworden eine christliche Dienstmagd?«

Die Alte schmunzelte still vor sich hin, denn sie wußte gut genug, was

sich die Leute in der Nachbarschaft erzählten; aber sie beantwortete

die Frage nicht, sondern seufzte nur tief auf und eilte dann rasch

die Treppe hinan, um den Besuch zu melden. Der Simon Levy folgte ihr

langsamer. Er war auf die Tante böse gewesen; jetzt beschlich ihn ein

Gefühl der Trauer und Bekümmerniß, und mit gebücktem Haupt klopfte er an

und öffnete auf den feierlich gegebenen Anruf langsam die Thür.

»Gott der Gerechte, Simon, was schneidst Du für ein Gesicht!« sagte

schmunzelnd der alte Salomon, der, mit einem Glase alten Portweins in

der Hand, noch am Tisch bei seinem Frühstück saß. »Als Du kommst zu sein

bei der Leichenfeierlichkeit, wirst Du erst essen einen Bissen Brot und

trinken ein Glas Wein.«

»Will ich nicht gesund auf meine Füße stehen!« rief Levy, fast sprachlos

vor Staunen und Ueberraschung; »ist das Sitte bei die Christen, daß der,

wo begraben werden soll, erst mit frühstückt?«

Der alte Salomon lachte, daß ihm die Thränen an den Backen

herunterliefen, und jetzt kamen auch seine Frau und Rebekka hinzu, und

im Anfang konnte wirklich Niemand sein eigenes Wort verstehen, so rief

Alles durch einander und wollte fragen oder erzählen, bis denn der Neffe

endlich erfuhr, wie Alles gegangen und weshalb der alte Salomon beinahe

vier Tage lang den Todten gespielt hatte.

Noch während sie aber mit einander plauderten und der Simon Levy eine

ganze Menge Portwein trank, nur um den Schreck hinunter zu spülen, den

er, wie er sagte, von der »Erscheinung« seines alten Onkels gehabt, fuhr

der Wagen des Arztes vor; und der Doctor, der gleich selber heraufkam

und in großer Eile zu sein schien, sich aber augenblicklich mit an

den Tisch setzte und alten Portwein trank, berichtete indessen von dem

Fange, den die Polizei gestern Abend gemacht, und wie man die Gewißheit

habe, daß der Schuhmacher Heßberger, wenn nicht der Hauptthäter,

doch jedenfalls ein Genosse jenes Menschen sei, der an dem Abend den

Mordanfall auf Salomon gemacht. Jetzt sei es deshalb auch nicht mehr

nöthig, der Nachbarschaft die Wahrheit vorzuenthalten, und Salomon möge

deshalb mit ihm in die Droschke steigen und auf die Polizei fahren, um

die aufgebrachten Sachen selber zu besichtigen. Nachher solle ihm der

Gefangene vorgeführt werden, damit er bestimmen möge, ob er in ihm den

Räuber wiedererkenne.

Salomon war mit Allem einverstanden und mußte sich nur vorher ankleiden,

und jetzt ließ sich auch Simon Levy nicht mehr halten, um zuerst die

Neuigkeit von Salomon's Auferstehung in die Nachbarschaft zu tragen.

Und das gab einen Lärm im Viertel! Aus allen Häusern kamen sie

herausgestürzt, um die Wundermähr zu besprechen; die schmutzigsten

Spelunken spieen ihre Bewohner aus, und Toiletten kamen zum Vorschein,

wie sie bisher nur von »Nacht und Grauen« bedeckt gewesen, und auch nur

wirklich durch ein solches Ereigniß in das Sonnenlicht getrieben werden

konnten. Vor Salomon's Hofthor sammelte sich aber der Schwarm von

Israel's Nachkommenschaft: Männer, Weiber und Kinder, Alles bunt

durch einander; denn dort mußte er in den Wagen steigen und also auch

herauskommen. Salomon war auch wirklich unter seinen Glaubensgenossen,

besonders bei den ärmeren Klassen, allgemein beliebt, und kein Haus gab

es da, wo er nicht, sowie Frau und Tochter, schon Wohlthaten und Trost

gespendet und manche Thräne getrocknet hatten. Die Freude, den guten

alten Mann nicht todt, sondern lebend und gesund zu wissen, war deshalb

allgemein.

Endlich nahte der entscheidende Moment; das Hofthor wurde geöffnet, und

Salomon, in seinem gewöhnlichen braunen Rock, das Käppchen auf, wie er

immer ging, trat heraus. In demselben Augenblick aber entstand auch

ein Lärm, ein Geheul und Geschrei, Jubeln und Hurrahrufen, daß aus

den benachbarten Straßen die Menschen herbeigestürzt kamen, weil sie

glaubten, im Judenviertel sei eine Revolution ausgebrochen. Die Jungen

warfen dazu ihre schmierigen Mützen in die Höhe, die Frauen schwenkten

in Ermangelung von Taschentüchern ihre Halstücher, die Kinder schrieen,

die Hunde bellten, und es war in der That eine nicht zu beschreibende

Scene. Salomon wurde auch wirklich ganz gerührt davon; die Thränen

standen dem alten Mann in den Augen, und er winkte nur immer, während

sich der Arzt die Ohren zuhielt, nach rechts und links mit der

Hand hinüber, und eilte dabei, was er konnte, in den Wagen, nur um

fortzukommen. Aber das half ihm nicht einmal, denn der jugendliche

Schwarm folgte ihm, so weit seine Grenze reichte, mit Jubeln und

Hurrahschreien, und zog sich nur erst zurück, als die Droschke in eine

der Hauptstraßen der Stadt einbog, wohin sich die kleine Bande nicht

getraute.

Auf der Polizei erwartete ihn schon der Polizei-Director, der sich

selber von dem Thatbestand überzeugen wollte, da der Fall wirklich

Aufsehen im Lande gemacht hatte. War doch seit langer Zeit kein so

frecher Raubanfall in ganz Alburg vorgekommen und gerade dieser Ort von

schlechtem Gesindel bis jetzt verhältnißmäßig sehr wenig heimgesucht

worden! Die Sachen hatte man auch alle oben im Criminalamt auf einer

langen Tafel ordentlich ausgelegt, und es fiel dem alten Mann nicht

schwer, das darunter zu bezeichnen, was ihm gehört hatte und ihm an

jenem Abend geraubt worden, denn seit der Zeit war ja sein Laden fest

verschlossen gewesen. Auch die Summe der Banknoten gab er an, die ihm

gestohlen worden, und man hatte allerdings in einer silbernen Zuckerdose

eine Partie Banknoten, einen Theil derselben aber auch an Heßberger's

Körper gefunden, bei dem sich, als er visitirt wurde, ergab, daß er

einen breiten Gurt von wasserdichtem Zeug um den Leib trug.

Die Hauptsache blieb noch übrig, und zwar eine Confrontation mit dem

Verbrecher, der jetzt herbeordert wurde, während Salomon so lange in

ein Nebenzimmer treten mußte. Das erste Verhör sollte in Gegenwart

des gestohlenen Gutes stattfinden, und man wollte versuchen, ob man

vielleicht ein offenes Geständniß von dem Verbrecher erhalten könne.

Darin hatte man sich aber in Heßberger geirrt; denn mit einer ganzen

Nacht Zeit, um über Alles gehörig nachzudenken, schien er zu dem

Entschluß gekommen zu sein, Alles zu leugnen; es war das letzte

verzweifelte Mittel, um einen Urtheilsspruch von sich abzuwenden -- er

wußte wenigstens kein anderes.

Actuar Bessel führte heute das Protokoll, während einer der Justizräthe

das Verhör leiten sollte. Der Polizei-Director war nur als stummer Zeuge

im Zimmer geblieben.

Heßberger wurde vorgeführt; er sah ziemlich blaß aus, und die Hausjacke,

die er angehabt, als man ihn gefangen fortführte, war ihm bei dem

gestrigen Kampf an der Treppe zerrissen, so daß das eine Schulterblatt

herunterhing. Schmutzig und scheu, aber doch mit einer Art von

kriechender Höflichkeit trat er in den Saal, und die kleinen grauen

Augen flogen blitzschnell durch den inneren Raum und streiften nur

flüchtig über die ausgestellten Gegenstände, die er jedenfalls genau

genug kannte, aber doch nicht zu beachten schien.

Die gewöhnlichen Fragen wurden ihm jetzt vorgelegt: nach Namen und

Alter, wie lange er schon in Alburg wohne, lauter Dinge, welche die

Polizei genau so gut wußte, wie er selber -- und ob er schon jemals vor

Gericht gestanden. Das Letztere verneinte er auf das entschiedenste,

und wollte noch eben hinzusetzen, daß er ein ganz unbescholtener Bürger

wäre, als ihm der Untersuchungsrichter das Wort abschnitt und ihn

fragte, wie er zu den Sachen gekommen wäre, die dort auf dem Tische

ausgebreitet lägen.

»Herr Geheimer Justizrath,« sagte der Mann, indem er jetzt zu dem Tisch

trat und die Gegenstände dem Anschein nach aufmerksam betrachtete, »es

thut mir leid, darüber keine Wissenschaft zu besitzen; ich habe das

Logis jetzt lange Jahre, aber nie geglaubt, daß in meinem Kohlenkeller

ein solcher Schatz begraben läge, oder ich würde gewiß nicht versäumt

haben, dem Herrn Geheimen Polizei-Director davon die gebührende Anzeige

zu machen.«

»Ihr leugnet also, daß Ihr etwas von dem Erwerb dieser sämmtlichen

Gegenstände wißt und die Eigenthümer, denen sie früher gehört haben,

kennt?«

»Aber, mein bester Herr Geheimer Justizrath...«

»Ja oder Nein?«

»Bitte mich zu paddoniren, ich habe die Frage nicht verstanden,« sagte

der Mann ruhig.

Der Justizrath biß sich auf die Lippe. »Ich frage Euch, ob Ihr wißt,

woher die Sachen stammen, oder ob Ihr es nicht wißt.«

Staatsanwalt Witte trat in diesem Augenblick in's Zimmer und ging auf

den Justizrath zu, dem er etwas in's Ohr flüsterte.

Heßberger warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte dann entschieden:

»Nein!«

»Herr Staatsanwalt,« fragte der Justizrath, »ist Ihnen nicht auch in der

letzten Zeit Silberzeug weggekommen? Ich dächte, Sie hätten die Anzeige

gemacht. Wollen Sie einmal gefälligst dort auf dem Tisch nachsehen, ob

Sie da vielleicht einige der Ihnen gehörenden Sachen finden?«

»Sie haben da eine ganze Collection,« lachte Witte, indem er der

Aufforderung Folge leistete; »aber ich fand schon gestern Abend an Ort

und Stelle einige alte Bekannte unter den Silbersachen -- da hier die

Löffel gehören mir, ebenso dieser Deckel, und diese Zuckerzange kommt

mir ebenfalls so vor, als ob ich sie früher schon in der Hand gehabt;

aber zu der möchte ich nicht schwören -- meine Frau wird sie jedenfalls

besser kennen.«

»Und wann waren Sie noch im Besitz dieser Sachen?«

»Vor einigen Wochen.«

»Und wer glaubt Ihr wohl, Heßberger, daß Euch da die Sachen in dieser

Zeit in die Kohlenkammer getragen hat, wenn Ihr selbst nichts davon

wißt?«

»Thut mir leid, Herr Geheimer Justizrath, Ihnen darüber keine genügende

Auskunft geben zu können,« sagte Heßberger verstockt; »vielleicht

einer von meinen Lehrjungen -- es ist nichtsnutzige Bande, und der eine

besonders ein ganz concaver Mensch.«

»Dann leugnet Ihr auch vielleicht, daß Ihr vor drei Abenden, oder

vielmehr an jenem Abend, an welchem der alte Salomon überfallen und

erschlagen wurde, in der Judengasse waret?«

»So viel ich mich erinnere,« sagte Heßberger, »bin ich an jenem Abend

gar nicht ausgewesen; es wäre aber möglich, daß ich eine oder die andere

Besorgniß irgendwo gehabt hätte.«

»So? Ihr seid aber bestimmt dort gesehen worden, und ich kann Euch einen

Zeugen stellen, der sogar mit Euch gesprochen und Euch gemahnt hat, ihm

seine Stiefel bald zu schicken -- den Kürschnermeister Peters.«

»Ach Gott, ja, Herr Geheimer Justizrath,« sagte Heßberger, »es könnte

doch am Ende sein -- wer denkt aber an solche Kleinigkeiten! In der Nähe

der Judengasse ist allerdings eine Apotheke, wohin ich manchmal gehe und

mir etwas gegen meine Beschwer hole. Ich habe immer solche Concessionen

nach dem Unterleib.«

»Und Ihr habt des alten Salomon Haus an dem Abend nicht betreten?

Besinnt Euch wohl!«

»Da brauche ich mich nicht zu besinnen,« sagte der Schuhmacher mit

einem frommen Blick nach oben. »Ich sehe wohl, daß Sie mich in einem

schrecklichen Verdacht haben; aber wollte Gott, der alte Salomon lebte

noch, so würde er selber auftreten und bezeugen, daß er mich nie und

nimmer in seinem Laden, ja nicht einmal in seinem ganzen Leben gesehen

hat!«

Der Justizrath hatte dem Staatsanwalt, der wieder neben ihm stand, leise

etwas gesagt, und dieser ging jetzt nach der nahen Thür, die er öffnete.

Im nächsten Augenblick stand der alte Salomon selber in der Thür. Die

Wirkung aber, die der Anblick des Todtgeglaubten auf den Verbrecher

ausübte, war so zauberschnell als furchtbar. Ob er nun dachte, daß er

eine Erscheinung vor sich sähe, oder ob ihn das Bewußtsein zu Boden

warf, mit diesem Zeugen gegen sich doch rettungslos verloren zu sein,

mit einem jähen Aufschrei brach er in die Kniee, die Arme gegen das

Furchtbare ausstreckend, winselte er: »Gnade, Gnade!« und stürzte dann

mit dem Gesicht auf den Boden nieder.

»Bei dem Gott meiner Väter,« sagte der alte Salomon feierlich, »das ist

der Mann, der mich an jenem Abend überfallen und geschlagen hat; das

ist der Mann, der schon vorher in meinem Laden war und mich verleiten

wollte, Silberzeug von ihm zu kaufen!«

Als er schwieg, herrschte lautlose Stille in dem weiten Raum, so

ergreifend, so tief erschütternd war der Moment, und Aller Augen

hafteten schweigend und erwartungsvoll an dem Elenden, der gebrochen,

zerknirscht am Boden lag.

Witte ging endlich zu ihm, um ihn aufzuheben; aber er rührte sich

nicht. Er war keineswegs ohnmächtig geworden, denn seine ganze Stellung

verrieth das; aber er scheute sich, das Auge wieder zu erheben, um nicht

noch einmal den entsetzlichen Anblick zu haben.

Der Justizrath klingelte, und als einer der Sicherheitsdiener in das

Zimmer trat, sagte er ruhig: »Schaffen Sie den Mann in seine Zelle;

aber daß Niemand zu ihm gelassen wird, ausgenommen er verlangt den

Geistlichen.«

»Heßberger,« sagte der Mann, indem er ihn an der Schulter rüttelte,

»Heßberger, steht auf, Ihr sollt mitkommen; hört Ihr nicht?«

Der Schuhmacher hob sich langsam auf die Kniee, aber er nahm den Blick

nicht vom Boden. Er stand auf, blieb aber wie in einander gebrochen, und

als er sich der Thür zuwandte, mußte ihn der Polizeidiener unterstützen,

daß er nicht wieder zusammenknickte und zu Boden fiel.

4.

Das gnädige Fräulein.

Draußen im Schlosse Wendelsheim war es ein trostloses, ödes Leben, denn

mit dem Hinscheiden des jungen Barons Benno schien es fast, als ob dem

alten Platz auch der letzte freundliche Lichtblick genommen sei, der ihn

bis dahin doch wenigstens auf Momente erhellte. Benno mochte wohl immer

krank, recht krank gewesen sein; aber sein mildes, liebreiches Wesen,

das er auch dem niedrigsten Tagelöhner gegenüber bewahrte, hatte doch

Allen wohlgethan, die mit ihm in Berührung kamen, und flackerte sein

junges Leben zu Zeiten -- wo die Krankheit auf Tage, ja auf Wochen oft

gänzlich zu weichen schien -- wieder einmal auf, dann belebte er durch

seine kindliche Heiterkeit den ganzen Platz und glättete selbst -- was

sonst unmöglich schien -- für kurze Zeit die Stirn der harten, stolzen

und herzlosen Tante.

Jetzt war auch er dahingegangen, und hinten im Park, neben der kleinen

Capelle, wo das Erbbegräbniß derer von Wendelsheim stand, beigesetzt

worden. Aber mit ihm schied der letzte freundliche Stern des alten,

öden Herrenhauses. Die Tante zeigte sich unnahbarer als je, und der alte

Baron ging die nächsten Tage nach der Beerdigung wie in einem wilden,

wüsten Traum umher. Wenn ihn der Verwalter nach irgend einem die

Wirthschaft betreffenden Gegenstand fragte, winkte er ihn rasch und

hastig mit der Hand fort, und stundenlang konnte er allein draußen im

Park auf und ab gehen, mit den Händen in der Luft herumfechten und laut

und heftig dazu mit sich selber sprechen. Aber Niemand durfte dann in

seine Nähe kommen, selbst nicht Kathinka, gegen die er sich noch am

freundlichsten oder wenigstens am stillsten zeigte; denn er duldete,

daß sie ihm das Essen auf sein Zimmer brachte, ihm den Stuhl nachher

zum Fenster rückte und den Kaffee auf den kleinen Tisch daneben stellte.

Aber er sprach auch nicht mit ihr. Nur manchmal war es, als ob er sich

zu ihr wenden, sie um etwas fragen wolle; aber er seufzte dann immer

tief auf, schüttelte den Kopf und versank wieder in sein altes Brüten.

-- Die Tante durfte sein Zimmer gar nicht betreten und kam auch von

selber nicht, schien aber jede Gelegenheit abzulauern, wo sie über das

arme Mädchen herfallen und sie auszanken konnte, und sagte ihr dabei oft

die härtesten, grausamsten Sachen.

Bruno war bis jetzt jeden Tag herausgekommen, um nach dem Vater zu

sehen, dessen Zustand ihn in der That besorgt machte; aber der alte

Baron verkehrte auch nicht mit ihm. Er nickte ihm wohl zu, wenn er in's

Zimmer trat, und duldete es, daß der Sohn seine Hand nahm und drückte;

aber dann war es auch jedesmal, als ob er danach zusammenschaudere, und

das Gesicht in den Händen bergend, stöhnte er wohl: »Mein Sohn, mein

Sohn!« und sank bleich und vor sich niederstarrend in den Lehnstuhl

zurück.

Bruno suchte ihn zu trösten; er hatte nie geglaubt, daß der Verlust

des Knaben den Vater so furchtbar ergreifen würde. So natürlich es auch

dabei schien, daß er in dem andern Sohn Ersatz für den verlorenen suchen

solle, so wenig wandte er sich dem zu, und wenn er ihn auch nicht von

sich stieß, so duldete er doch nur gewissermaßen seine Gegenwart, und

schien befriedigt, wenn er ihn wieder verließ.

Mit der Tante verkehrte Bruno gar nicht: er grüßte sie, wenn er sie im

Hause traf, aber er suchte sie nie auf, und doch schien gerade sie seit

Benno's Tode freundlicher gegen ihn geworden zu sein, als sie es je

gewesen. Sie sorgte sogar, woran sie früher nie gedacht, Morgens, wenn

er kam, für sein Frühstück und schickte die Knechte von der Arbeit fort,

um nach seinem Pferd zu sehen.

Die Leute im Schlosse lachten darüber, denn die Ursache lag auf der

Hand. Der alte Baron war so auffallend geistesschwach geworden, daß er

der Leitung des ganzen Anwesens nicht einmal mehr vorstehen konnte,

und der junge Baron bekam jetzt in wenigen Wochen die große Erbschaft

ausgezahlt, wo er denn doch von selber Herr des Ganzen wurde. _Ihre_

Macht hatte dann aufgehört, wenn sie sich nicht selber gut mit ihm

stellte, und sie wunderten sich nur, daß sie nicht schon lange gegen

ihn eingelenkt und ihn sich zum Freund gewonnen hatte. Sie kannten den

Charakter ihres verbissenen, keiner Zuneigung fähigen Wesens noch viel

zu wenig, sie wußten nicht, welche furchtbare Gewalt sie sich selbst

diesem Wenigen gegenüber, zu dem sie sich zwang, anthun mußte. Bruno

nahm aber selbst das Wenige dankbar an; sie hatten ihn im Schlosse

wahrlich nicht verwöhnt, und durch den Tod des Bruders ohnedies weich

gestimmt, sehnte sich sein Herz nach einem freundlichen Wort und Blick.

Allerdings hatte er heute noch Manches mit dem Vater besprechen und ihm

zugleich mittheilen wollen, daß er den ersuchten Abschied, und zwar

als Hauptmann, erhalten habe; aber es war mit dem alten Mann nicht zu

sprechen, und sowie er nur davon beginnen wollte, winkte er schon mit

der Hand; er wollte nicht gestört sein und malte nur in einem fort mit

einem Bleistift wunderliche Zeichen auf ein Stück Papier.

Bruno hoffte allerdings, daß sich diese geistige Schwäche, wenn nur der

erste Schmerz überwunden wäre, geben würde, sah aber auch, daß er vor

der Hand auf jede ernste Besprechung mit ihm verzichten müsse. Er ließ

also sein Pferd satteln und wollte eben zurück nach der Stadt reiten,

als Kathinka zu ihm trat und mit leiser, zitternder Stimme sagte: »Ach,

Herr Baron, erlauben Sie mir eine Frage....«

»Ja, Kathinka,« sagte der Officier freundlich; »was ist es?«

»Es gehen hier so böse Gerüchte im Schloß,« fuhr das junge Mädchen

schüchtern fort -- »und die Tante hat es nur bestätigt --, daß nämlich

der junge Herr Baumann, der immer so gut mit Ihrem seligen Bruder war

und ihn so lieb hatte, einen Mord begangen habe und jetzt im Gefängniß

sein Urtheil erwarte -- ist das wahr? -- Die Tante,« fuhr sie scheu

fort, als Bruno noch schwieg und sie nur aufmerksam betrachtete, »meint

sogar, er sei ein recht böser, heuchlerischer Mensch, der jetzt seine

verdiente Strafe erleiden würde.«

Bruno hatte sie wirklich staunend angesehen, denn das junge, scheue,

gedrückte Wesen des Mädchens hatte ihn, wenn er wirklich einmal

herauskam, sie eigentlich nie beachten lassen. Sie war auch meist immer

auswärts beschäftigt gewesen, und traf er sie einmal, als sein Bruder

noch lebte, in dessen Krankenzimmer, so verließ sie dasselbe gewöhnlich

immer, sobald er es betrat. Jetzt stand sie vor ihm, die großen,

bittenden Augen in Angst und Mitleiden fragend zu ihm erhoben, die

Wangen leicht erröthend, als sie dem überraschten Blick des jungen Herrn

begegnete. Wie schön sie war -- und welche trübe Jugend verbrachte sie

hier in den öden Mauern des alten Schlosses!

»Ist das wahr, Herr Baron?« fragte das junge Mädchen noch einmal und

schlug den Blick jetzt scheu zu Boden.

»Nein, Kathinka,« sagte Bruno herzlich, »das ist _nicht_ wahr. Fritz

Baumann ist allerdings durch zufällige Umstände in den Verdacht

gekommen, bei jener dunkeln That betheiligt gewesen zu sein, aber der

wirkliche Mörder jetzt entdeckt, und wie ich noch heute Morgen hörte, so

hat er ein volles Geständniß über seine That abgelegt, nach dem Baumann

entweder schon freigelassen ist oder jedenfalls in der allernächsten

Zeit freigelassen wird. Er hat mit der Sache nicht allein nichts zu

thun gehabt, sondern sogar, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch sein

plötzliches Erscheinen den Dieb verjagt und verhindert, den alten Mann

völlig umzubringen.«

»Gott sei Dank!« flüsterte Kathinka leise. »Es würde mir recht weh

gethan haben, so Böses von ihm zu glauben -- auch Ihnen dank' ich für

das gute Wort!«

Bruno wollte noch etwas erwiedern, aber der Tante keifende Stimme rief

sie fort, und wie ein gescheuchtes Reh floh sie über den Hof hinüber

nach dem Schlosse zu.

Bruno stieg seufzend in den Sattel und ritt langsam zum Thor hinaus.

Wozu nur das ewige Schelten und Keifen -- wozu der ewige, unausgesetzte

Unfriede daheim, der Jedem das Haus zu einer Hölle machte?

Dicht vor dem Thor, und noch mit seinen trüben Gedanken beschäftigt,

begegnete er dem Staatsanwalt Witte, der eben in das Schloß wollte. Der

Staatsanwalt fuhr in einem Einspänner und ließ halten, so daß Bruno sah,

er wünsche ihn zu sprechen. Er zügelte deshalb sein Pferd ein und ritt

an das kleine Fuhrwerk heran.

»Ach, lieber Baron,« sagte Witte nach der ersten Begrüßung, und es

kam Bruno fast vor, als ob der sonst so ruhige und seiner Sache stets

sichere Mann in einer Art von Verlegenheit sei -- »ist Ihr Herr Vater

wohl zu Hause und könnte ich ihn sprechen?«

»Mein Vater ist allerdings zu Hause,« seufzte Bruno, dessen Gedanken

rasch wieder abgeleitet wurden, »aber ich glaube kaum, daß Sie ihn

sprechen, wenigstens keinesfalls etwas mit ihm besprechen können, wenn

Sie zu dem Zweck herausgekommen sind.«

»Ist er krank?«

»Nein; er befindet sich körperlich wohl, aber geistig so niedergedrückt,

daß er an nichts Antheil nimmt und besonders auf keine Frage antwortet.

Ich fürchte, der Tod meines Bruders hat ihn so angegriffen, und er wird

einer langen Zeit der Ruhe bedürfen, bis er sich wieder vollständig

erholt. Ich würde Sie jedenfalls dringend bitten, nicht über Geschäfte

mit ihm zu reden.«

»Hm, das thut mir ja herzlich leid -- Gemüthsbewegung also,« sagte Witte

sinnend -- »aber Ihre Fräulein Tante ist zu sprechen?«

»Wenn sie erledigen kann, was Sie abzumachen haben -- gewiß. Sie ist

daheim; sie verläßt in der That das Schloß selten oder nie.«

»Doch nicht auch etwa von Gemüthsbewegung afficirt?« fragte Witte, denn

der Charakter der Dame war in Alburg gut genug bekannt.

Bruno lächelte. »Von keiner wenigstens, die sie untauglich zu Geschäften

machte. Sehen Sie, wie Sie mit ihr fertig werden -- =à propos!= haben

Sie etwas Näheres über Fritz Baumann's Freilassung gehört?«

»Ich komme gerade daher: sie ist eben erfolgt. Der alte Salomon hat

selber so dringend für ihn gebeten und so entschieden verneint, daß auch

nur die Möglichkeit eines Einverständnisses mit seinem Onkel sei, daß,

nach Heßberger's vollem Geständniß, das Gericht ihn wohl freigeben

mußte.«

»Das freut mich -- dann bitte, sagen Sie es doch Kathinka, dem jungen

Mädchen, das Sie im Hause finden -- meines verstorbenen Bruders

Krankenpflegerin. Sie kennen sie ja wohl -- es wird sie freuen.«

»Allerdings; ich werde es ausrichten.« Und dem jungen Mann freundlich

zunickend, gab er seinem Pferd die Peitsche und fuhr in das Schloß

hinein, wo er aber eine Zeit lang warten und knallen mußte, bis Jemand

kam, der ihn der Sorge für das Thier enthob.

»Zieht das Pferd einen Augenblick in den Stall, lieber Freund,« sagte er

zu dem Mann, »ich habe etwas mit dem gnädigen Fräulein zu reden. Was ist

denn das für ein furchtbarer Skandal da oben?«

»Was wird's sein,« sagte der Mann mürrisch, »das tägliche Elend -- sie

hat's wieder mit dem armen Ding, der Mamsell. Vorher war sie um den

Finger zu wickeln, sie fraß ordentlich aus der Hand -- jetzt, nun der

Baron fort ist, scheint der Teufel wieder loszugehen!«

»Mit _wem_ hat sie's?«

»Mit der Fräulein Kathinka, die ihr thut, was sie ihr an den Augen

absehen kann -- nun wird's aber bald ein Ende haben, sie hat ihr eben

angekündigt, daß sie heute über acht Tage das Schloß verlassen soll --

das arme junge Blut! Nun muß sie zu fremden Menschen dienen gehen,

denn sie hat nichts, als was sie auf dem Leibe trägt -- aber immer noch

lieber bei fremden Menschen, als bei dem Drachen!«

Der Staatsanwalt hatte den geschwätzigen Mann ruhig reden lassen und nur

dabei nach dem Schloß hinüber gehorcht, von dem noch immer die keifende

Stimme der Alten herübertönte. »Und sollte es gar nicht möglich sein,

den Drachen zahm zu machen?« sagte er nach einer Weile, indeß der Mann

das Pferd noch ausschirrte. »Was meint Ihr?«

»Den?« rief der Mann und sah den Staatsanwalt verwundert an. »Und wenn

der Teufel selber aus der Hölle käme und eine ganze Compagnie kleiner

Teufel mitbrächte, von der müßt' er die Finger lassen und machen, daß er

wieder in seinen Pfuhl käme! Die zeigt's ihm!«

»Na, versuchen kann man's ja immer,« lachte Witte, »den Hals wird sie

Einem doch nicht gleich umdrehen.«

»Hören Sie,« sagte der Mann ernsthaft, »wenn Sie auf so einen Versuch

aus sind, dann möchte ich das Pferd lieber gleich wieder einschirren

und den Wagen umdrehen und vor's Thor fahren, damit Sie nachher gleich

hineinspringen und auskneifen können. Sie ist heute gerade in der

Laune.«

»Nun, es muß nicht gleich sein,« lächelte Witte; »aber wunderlichere

Dinge sind schon in der Welt passirt. Gebt nur unterdessen dem Pferd ein

Maul voll Heu, sonst beißt es Euch die Krippe zu Schanden; es hat sich

das so angewöhnt.« Und damit legte er seine Peitsche in den Wagen und

ging langsam dem Portal des Schlosses zu, wo er noch immer die zankende

Stimme des gnädigen, oder vielmehr sehr ungnädigen Fräuleins hörte. Er

ließ sich aber nicht dadurch abschrecken, und während ihm der Knecht

ganz verwundert nachschaute -- denn von ihnen kam ihr bei solcher

Gelegenheit Niemand freiwillig in die Nähe --, betrat er das Schloß

selber und stieg die Treppe hinauf.

Auf der halben Treppe kam aber Kathinka schon dem Staatsanwalt bleich

und mit rothgeweinten Augen entgegen und erschrak sichtlich, als sie

einen Fremden erblickte. Sie schämte sich jedenfalls, so von ihm gesehen

zu werden, und stand einen Moment unschlüssig, als wenn sie nicht wisse,

ob sie an ihm vorbeieilen oder die Treppe wieder hinaufflüchten

solle. Witte ließ ihr aber keine Zeit, weder das eine noch das andere

auszuführen.

»Mein liebes Fräulein,« sagte er, »laufen Sie nicht vor mir davon -- ich

bin ein alter Mann und kenne die Verhältnisse hier im Hause gut genug --

wo kann ich denn wohl Fräulein von Wendelsheim antreffen, denn ich höre

merkwürdiger Weise ihre Stimme nicht mehr oben?«

»Sie wird in ihrer Stube sein,« sagte Kathinka, sich scheu und hastig

die Thränen abtrocknend. »Sie entschuldigen mich wohl...«

»Den Augenblick -- nur noch einen Auftrag habe ich an Sie auszurichten.«

»Für mich?«

»Der junge Baron gab ihn mir draußen; er erfuhr von mir, daß der

Mechanikus Baumann freigesprochen und seiner Haft entlassen ist, und bat

mich, Ihnen das zu sagen.«

»Ich danke Ihnen,« flüsterte Kathinka, ließ sich aber jetzt nicht länger

halten, sondern eilte, so rasch sie konnte, die Treppe hinab.

Witte sah ihr kopfschüttelnd nach; aber andere Dinge gingen ihm auch

im Kopf herum, und die Treppe hinansteigend, traf er oben ein

Dienstmädchen, das Fenster putzte. »Können Sie mir sagen, liebes Kind,

wo ich das gnädige Fräulein von Wendelsheim treffe?« fragte er dieses.

»Jawoll,« sagte das Mädchen, »gleich da drin ist sie.«

»Schön,« erwiederte Witte, indem er seine Brieftasche vorholte und eine

Karte herausnahm, die er dem Mädchen hinhielt. »Möchten Sie dann wohl so

gut sein und diese Karte zu dem gnädigen Fräulein hineintragen und ihr

sagen, der Herr, dessen Name darauf stehe, sei hier draußen und wünsche

mit ihr zu sprechen?«

»Jawoll,« entgegnete das Mädchen wieder, aber ohne die Hand nach der

Karte auszustrecken, »das möchten Sie woll, nicht wahr? Ne, einmal

gemacht und nicht wieder. Wenn Sie mit ihr sprechen wollen, gehn Sie

selber hinein -- ich aber nich.«

Witte lachte. »Das gnädige Fräulein,« sagte er, »scheint sich hier sehr

in Respect gesetzt zu haben -- beißt sie?«

»Ne, aber sie kratzt,« sagte die Magd.

»In der That? Nun, dann werd' ich mein Glück auf eigene Hand versuchen!«

Und damit schob er Karte und Brieftasche wieder zurück, ging dann auf

die bezeichnete Thür zu und klopfte herzhaft an.

Ein scharfes, zorniges »Herein!« wurde fast augenblicklich gerufen, und

der Staatsanwalt, der nur noch sah, daß das Mädchen ihr Fensterputzen

unterbrochen hatte und neugierig hinübersah, um wahrscheinlich Zeuge des

Empfanges zu sein, trat auf die Schwelle und sagte:

»Mein gnädiges Fräulein, ich konnte Niemanden finden, der mich anmelden

wollte -- Sie entschuldigen, daß ich Sie störe...«

»Was wollen Sie?« lautete die kurze, barsche Gegenfrage.

»Nur Sie sprechen -- ich bin der Staatsanwalt Witte,« sagte dieser,

indem er die Thür wieder hinter sich zuzog.

»Und was wollen Sie von _mir_?«

»Um Ihnen das zu sagen, bin ich ganz besonders von Alburg

herausgekommen,« erwiederte der Staatsanwalt, stellte seinen Hut auf die

nächste Commode und zog sich die Handschuhe aus, die er hineinwarf.

»Aber woher wissen Sie,« fragte Fräulein von Wendelsheim, empört über

die Freiheit, die sich der Fremde nahm, »daß ich überhaupt jetzt Zeit

und Lust habe, Sie anzuhören?«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte aber Witte trocken, »die Sache ist viel

zu wichtig, um lange vorher mit Worten um eine Form zu streiten. Ihres

eigenen Selbst wegen _müssen_ Sie mich anhören, um sich einen Weg vor

das Gericht zu ersparen.«

»_Mir_?« rief die Dame empört. »Habe ich etwas mit den Gerichten zu

thun?«

»Bitte, nehmen Sie Platz,« erwiederte Witte, der fest entschlossen

schien, sich nicht einschüchtern zu lassen, indem er sich selber einen

Stuhl zum Tisch rückte. »Wir werden nicht sogleich fertig sein; ich

komme in der Erbschafts-Angelegenheit -- oder vielmehr in der Sache der

Erbfolge.«

»Und weshalb gehen Sie da nicht zu meinem Bruder?«

»Ihr Herr Bruder ist, wie mir der junge Baron vorhin sagte, geistig so

abgespannt, daß er mir augenblicklich nichts helfen kann, denn was _ich_

jetzt mit Ihnen zu reden habe, erfordert einen klaren und ungetrübten

Verstand. Wir können doch nicht behorcht werden?«

Fräulein von Wendelsheim sah ihn staunend an; der Mann trat aber so

entschieden und bestimmt auf und machte so entsetzlich wenig Umstände

mit ihr -- er mußte einen wichtigen Grund dafür haben, oder er war einer

der unverschämtesten Menschen, die ihr im ganzen Leben vorgekommen.

»Nein,« sagte sie, ihn staunend betrachtend, »rechts und links sind

unbewohnte Zimmer.«

»Das Mädchen auf dem Vorsaal wird horchen.«

»Das wagt keine von meinen Dienstboten -- aber ich wüßte auch nicht,

welches Geheimniß wir Beide mit einander zu besprechen hätten.«

»Haben Sie gar kein Geheimniß, mein gnädiges Fräulein?« sagte der

Staatsanwalt und sah sie dabei starr an. »Bitte, besinnen Sie sich.«

»Und wenn ich es hätte,« sagte finster die Dame, »wer gäbe _Ihnen_ ein

Recht, danach zu fragen?«

»Gut,« fuhr Witte ruhig fort, »dann setzen Sie einmal den Fall, daß ich

Mitwisser desselben geworden wäre.«

Fräulein von Wendelsheim faßte fast krampfhaft die Lehne des Stuhls,

neben dem sie stand, und Witte täuschte sich wohl nicht, wenn er zu

bemerken glaubte, daß sie erbleichte, als ihr Blick dem fest auf sie

gehefteten Auge des Juristen begegnete. Aber Fräulein von Wendelsheim

hatte keine schwachen Nerven, und während schon im nächsten Moment

ein trotziges, verächtliches Lächeln um ihre Lippen spielte, sagte sie

scharf: »Sie haben eine merkwürdige Art und Weise, sich bei einer Dame

einzuführen; da Sie aber einmal da sind und mein Bruder in der That

nicht wohl ist, so reden Sie. Doch muß ich Sie bitten, sich kurz zu

fassen, denn ich habe weder Lust noch Zeit zu einer langen Unterredung.

Also was ist es?«

Witte machte eine leise Verbeugung, und während sie sich selbst auf das

ihm gegenüberstehende Sopha setzte, sagte er: »Ich werde mich _sehr_

kurz fassen. Die Sache bedarf auch keiner weiteren Vorrede. Sie

wissen, daß heute über vierzehn Tage die Erbschaft für den männlichen

Leibeserben der Familie Wendelsheim fällig ist und an dem Tage mit

den zu dem Capital geschlagenen Zinsen, einige unbedeutende

Verwaltungskosten abgerechnet, ausgezahlt werden wird.«

»Sind Sie deshalb gekommen, um mir das zu sagen?« fragte das gnädige

Fräulein kalt.

»Ich sage, Sie wissen das,« fuhr Witte ruhig fort; »aber der

eigenthümliche Fall besteht dabei, daß Sie _nicht_ wissen, wer der

wirkliche Erbe des Wendelsheim'schen Vermögens ist.«

»Mein Herr!« fuhr die Dame von ihrem Sitz empor.

»Bitte, behalten Sie Platz, mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte

trocken; »ich bin noch lange nicht fertig, und Sie mögen Ihr Erstaunen

für einen späteren Punkt meiner Relation aufsparen.«

»Wenn ich erstaunt bin,« sagte Fräulein von Wendelsheim mit einer

Stimme, die genau so klang wie der grollende Donner vor Ausbruch eines

Sturmes, »so war es nur über Ihre Unverschämtheit!«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte, »soll ich Sie vielleicht

daran erinnern, daß das Kind der Baronin von Wendelsheim unmittelbar

nach der Geburt mit einem andern vertauscht wurde?«

Die Dame stand dem Staatsanwalt gegenüber; ihre ganze Gestalt zitterte,

ob vor Aufregung und Schreck, oder verhaltener Wuth, ließ sich freilich

kaum bestimmen; aber gewaltsam faßte sie sich -- sie mußte erst hören,

was der Mann noch zu sagen hatte -- und nur mit vor Zorn bebender Stimme

zischte sie: »Das faule Märchen, das damals im Mund des Volks war, aber

als erbärmliche Lüge verstummen mußte!«

»Man hatte keine Beweise,« sagte Witte, »und die Sache schlief die

langen Jahre. Das Wunderbare aber dabei ist, daß selbst _Sie_ den

_wahren_ Thatbestand nicht kannten. Ja, mein gnädiges Fräulein, wenn Sie

auch noch so höhnisch lächeln, ich bestehe doch auf meiner Behauptung.

Sie glaubten nämlich damals, daß die Baronin von Wendelsheim eine

_Tochter_ geboren habe, die wenige Tage oder Wochen später gestorben

sei; die Thatsache aber ist, daß sie einen _Sohn_ geboren hat, der

bis zu dieser Stunde noch _lebt_ und wohl und gesund ist, und jenes

nichtswürdige Weib, die Heßberger, nur den Tausch vollbrachte und

Ihnen einen andern Knaben unterschob, um sich den reichen, in Aussicht

gestellten Gewinn nicht entgehen zu lassen.«

Die Wirkung, welche diese Worte auf das Fräulein von Wendelsheim

machten, war merkwürdig. Ihr Gesicht nahm eine fast erdfahle Färbung an,

die Augen traten ihr aus den Höhlen, ihre Lippen öffneten sich, und

den magern rechten Arm, der wie in Fieberfrost hin und wieder flog,

vorstreckend, stand sie so für einen Augenblick dem Staatsanwalt

gegenüber. Endlich stammelte sie: »Eine Lüge -- eine schändliche --

teuflisch erfundene Lüge!«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte, »ich bin nicht besonders

empfindlich und verzeihe Ihnen in der jetzigen Aufregung gern ein hartes

Wort, aber Sie werden auch einsehen, daß Sie dadurch Ihre Sache nur

verschlechtern, nie verbessern können. Erlauben Sie mir deshalb, Ihnen

einfach zu sagen, weshalb ich hergekommen bin, und seien Sie versichert,

daß ich Ihnen nichts mittheile, was ich nicht durch lebende Zeugen

beweisen kann. Ich verlange von Ihnen vor der Hand kein Eingeständniß

des Geschehenen, und bitte Sie nur, die Thatsache im Gedächtnisse zu

behalten, daß der Familie Wendelsheim ein wirklicher, leiblicher Erbe

_lebt_ und der bisherige Baron, Bruno von Wendelsheim genannt, ein

untergeschobenes Kind ist. Ich kenne Sie dabei als Frau von klarem,

ruhigem und sehr scharfem Verstand , und bin einzig und allein deshalb

hier herausgefahren, um mit dem Baron und Ihnen -- oder unter den

jetzigen Umständen mit Ihnen allein -- zu überlegen, wie und auf welche

Art der wirkliche Erbe am besten wieder in seine Rechte einzusetzen und

der vermeintliche auf irgend eine zu arrangirende Art zu entschädigen

sei, ohne dabei Ihren Namen zu compromittiren. Ich muß Ihnen dabei

gestehen, daß ich selber um einen Ausweg verlegen bin; aber ich möchte,

wenn es irgend möglicher Weise anginge, den Eclat von Ihrem Hause

abwenden. Sie sehen daraus, daß ich nicht als Feind, sondern als Freund

zu Ihnen komme.«

Witte hatte sich in der Frau vollständig verrechnet. Er war ihr mit der

festen Ueberzeugung gegenübergetreten, daß er sie mit den nach einander

aufgehäuften Thatsachen jedenfalls zerschmettern und augenblicklich zu

einem Bekenntniß ihrer Schuld bringen würde, wenn er sie eben um gar

nichts fragte, sondern ihr im Gegentheil zeige, daß er schon Alles

wisse. An wen anders konnte sie sich dann nachher um Hülfe anklammern,

wenn er selber ihr die Hand dazu bot? Aber er hatte in seiner Berechnung

einen Factor zur Geltung gebracht, der in dem Nervensystem des gnädigen

Fräuleins gar nicht existirte: das Gewissen -- und darum stimmte das

Facit nicht.

In den Zügen des Fräuleins war schon, während er noch sprach,

eine auffallende Veränderung vorgegangen; das erst vor Schreck und

Ueberraschung weitgeöffnete Auge hatte sich wieder zusammengezogen,

der Mund geschlossen; aber die rechte Hand blieb noch wie krampfhaft

geballt, und erst als er geendet, sagte sie, aber jetzt mit ruhiger, wie

spöttischer Stimme: »Und war das Alles, was mir der Herr Staatsanwalt

mitzutheilen hatte?«

Witte erschrak; er glaubte schon Grund gefaßt zu haben, und fühlte

jetzt, daß ihm der Boden wieder unter den Füßen wegging. »Nein, mein

gnädiges Fräulein,« sagte er rasch, »denn Sie scheinen noch immer an

meinen Worten zu zweifeln; aber Sie wissen vielleicht nicht, daß das

Heßberger'sche Ehepaar hinter Schloß und Riegel sitzt und...«

»Wollen Sie etwa behaupten,« fuhr die Dame auf, »daß jenes Weib etwas

gegen mich aussagt? Aber,« setzte sie plötzlich kalt und höhnisch hinzu,

»wie ich eben so gut weiß, daß das unmöglich ist, so sehe ich auch an

Ihrem Gesicht, daß es nicht geschehen ist! Sie selber spielen dabei

jedoch eine klägliche Rolle, Herr Staatsanwalt, wie Sie wohl einsehen

werden, und fallen mit Ihrem Versuche, einer Familie ein Geheimniß

aufdrängen zu wollen, in der gar keins besteht, sehr traurig ab -- ich

glaube, Ihr Geschäft ist jetzt hier erledigt.«

»Und verlangen Sie nicht einmal den _Namen_ des rechtmäßigen Erben,

ihres eigenen Neffen, zu wissen?« sagte Witte, wirklich ganz durch diese

starre Ruhe außer Fassung gebracht.

»Es wird sich gleich bleiben,« erwiederte Fräulein von Wendelsheim,

selbst nicht einmal die Schwäche der Neugierde verrathend, »ob Sie

beabsichtigten, uns einen Schuster oder Schneider unterzuschieben.

Ich will nichts weiter von der Sache hören und ersuche Sie jetzt ganz

ernstlich, mich zu verlassen.«

»Auch noch hinausgeworfen für meinen guten Willen -- versteht sich!«

lachte Witte bitter vor sich hin, indem er von seinem Stuhl aufstand

und seinen Hut nahm. »Aber, mein gnädiges Fräulein, Sie haben sich jetzt

auch die Folgen selber zuzuschreiben -- ich hatte gehofft, die Sache...«

»Da mich Ihre Hoffnungen nicht im mindesten interessiren, Herr

Staatsanwalt,« sagte die Dame, »so ersuche ich Sie, das Gespräch draußen

fortzusetzen -- ich habe Ihr Geschwätz jetzt satt.«

»Sehr schön, mein gnädiges Fräulein!« rief Witte, dem das denn doch

zu arg wurde, indem er sich aber vorsichtiger Weise nach der Thür

zurückzog, denn der in diesem weiblichen Unhold schlummernde Drache

schien sich zu regen. »Von meinem _Geschwätz_ sollen Sie nicht länger

belästigt werden, aber vielleicht gefällt Ihnen dann eine Vorladung vor

Gericht besser, die...«

Die Dame fuhr mit so zornsprühenden Augen auf ihn ein, daß er es für

das Beste hielt, das Zimmer zu verlassen; denn er hielt sie in ihrem

jetzigen Zustand, gereizt und zum Aeußersten getrieben, auch zu Allem

fähig. Er mochte aber dabei die Thür wohl etwas rascher auf- und wieder

zugemacht haben, als das in der gewöhnlichen gesellschaftlichen Form die

Sitte erheischt, und als er draußen aufblickte, sah er durch den einen

Fensterflügel durch, den sie in der Hand hielt und gerade abputzte, in

das vergnügt grinsende Gesicht der Magd, die etwas Anderes gar nicht

erwartet zu haben schien.

Der Erbe: Roman. Dritter Band. · 第 1 / 6 题