Dein liebes

Kind.

* * * * *

Pilot Knob, den 1. Januar 1901.

Lieber Bruder mit Weib und Kind!

Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen

Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch

einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und

Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden.

Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch

könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen

Menschen -- wir armen Leute!

Also, Neujahr.

Als ordnungsliebende Hausfrau -- (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen

Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut

und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur

Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot -- hier

ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem

guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem

Hauptartikel der Haushaltung -- mit Peter.

Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier Wochen. Er kam also

herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen

in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige

Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in

Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock,

und -- die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie

ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt

ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf

nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet.

Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser

Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das

Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der

letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt,

Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts

weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt

der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild

zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine

Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen -- hahaha!

Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel,

raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für

drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik

ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern

Bergleuten, jedoch eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und

bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten.

Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und

geht's dem Alter nach, bin ich ~noch einmal~ Nächstes; ich bin

schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft

interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche

für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet

Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und

versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig

ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach

vornehmen.

Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht

abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt:

zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge

Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der

~andere~ der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester,

sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester ~Sohn~.

Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf

meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben,

mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe

allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott.

Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung aber endgültig

aufhört, sage ich: der ~kleine~ Peter. Der kleine Peter ist größer

als ich!

Er ist jetzt vierzehn Jahre alt -- und seines Vaters Ebenbild. Er hat

ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen -- aber auch

die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau

des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut

wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit

sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie --

Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle.

An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem

Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß,

schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so

weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an -- es dünkt mir

oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen.

Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So

war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben

opferte -- einem Wahn.

Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst

wird dann verdoppelt: Vater ~und~ Sohn; denn Bergmannsleben ist

ein gefährliches Leben. Ach!

Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum

zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte

die Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu

viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der

Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung,

Enttäuschung -- sag' ich es gerade heraus -- aus der markverzehrenden

Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie

ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt,

träumt, träumt -- --

Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich

aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der

Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend -- ungeliebt. Daß ich

~das~ überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der

Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. -- Ich bin

also auch eine Riesin und stärker noch als Peter!

Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das

Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist

das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung,

meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich

entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der

Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie.

Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel

zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form -- Gott! wie muß

dein ~Ganzes~ sein, ein Sonnenmeer!

Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird er Priester. Das ist

sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude

erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester

-- -- Aber ich will nicht sündigen, guter Gott -- ich will nicht zu

viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende

Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's,

Gott. -- Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr.

Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling.

Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch

Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn

Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner,

hahaha!

Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine

Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen

am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen

und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit

spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und

zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern.

Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten

sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte.

Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts

und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner,

frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge

und Wälder, Ruhe alles.

In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben

im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel.

Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und

kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen.

Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar

und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den

Raum zu wälzen -- geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht

-- anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig

flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das

Menschenherz -- die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben,

Hoffen.

Und wieder schloß ich meine Augen.

Da -- o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so

ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir:

»Stille Nacht! heilige Nacht!

Alles schläft, einsam wacht

Nur das traute, hochheilige Paar --«

O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn -- er

ist mein Kind! mein Kind! -- -- O, der Mutterfreuden höchster Berg, den

ich erstiegen habe -- nur ein Schritt vom Himmel -- nur noch sterben.

Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum

diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf

in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten

Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre,

rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren,

Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der

Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen,

in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut,

den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß

zur Kirche -- die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend

zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die

Waise -- und der Bruder ihr so fern -- sich anklammern an den Mann, der

jetzt ihres Kindes Vater ist -- -- Gott! wenn das der Plan war, dann

lob' ich das Schicksal und bet' es an!

Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen

und lächelte: »War's schön, Mama?«

Siehst Du, Bruder Tom, ich war ~auch~ für ein Stündchen in des

lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen.

Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten.

Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die

Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der ~Himmel~ zeigte durch

zerrissener Wolken Schleier das Bild der ~Unvergänglichkeit~.

Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf.

Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die

Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter.

»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten,

»hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?«

»Gar nicht, Mama.«

»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten,

»hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?«

»Sollt's meinen, Mama.«

»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?«

»Ja, Mama.«

»Willie! friert's dich?«

»Nein.«

Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie!

kannst du langsamer gehen, ein wenig?«

»Ja, Mama.«

»Nur ein wenig. So. -- Willie?«

»Mama?«

Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen -- und wendete sich

um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme.

»Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier

kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen -- aber

ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz

gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja und Nein, den Blick

nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß

mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich -- bitte -- bitte!«

Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke

Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein

die Seligen -- da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend,

liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« -- --

Tom! male weiter, wenn du willst -- ich muß schwenken. Die wilde Jagd

kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken,

und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie

tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister.

O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als

schönstes Träumen!

Jennie.

* * * * *

Brooklyn, den 14. Januar 1901.

Liebe Schwester!

Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze

ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann

gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter

und zähle die Pflastersteine.

Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt

»Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit

einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen.

Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den

Gefallen nicht tun und -- -- nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht

-- aber -- aber -- ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann

mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche

ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen!

Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht

fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube

kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne

Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die

Sorge, ~ich~ möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen,

die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt,

aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz.

Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne ~den~, den man sich

selber macht -- ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die

Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig,

ohnehin, um verrückt werden zu können.

Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine

Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie

geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! --

Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das

Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den

erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie

er zu uns spricht! Wenn wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir

jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an

mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was

komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt,

was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen

»Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer

wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh

nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch

alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg

von Mister Rouß' Sanktum -- der Einarmige sitzt dort!

Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner

Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt

neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen

könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« -- lache nicht -- geradezu

meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer,

ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und

Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und

einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur

all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische,

die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und

Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll.

Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den Mississippi

hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte

mit ihr ums Horn nach Frisco -- der Anschauungsunterricht damals kommt

mir trefflich zu statten jetzt.

»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom«

schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres

und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in

Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch

festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See

möcht' es ihm entführen.

Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält ~ihr~

Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker

das Ding beurteilen: »Mißgeburt -- Ohren zu lang -- Nase platt -- Augen

blöde -- Mund dumm.«

Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn

~ich~ zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll

es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht

beim allerersten Schuß? -- Ein schlechter Schütze verknallt sein

ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs

Vielschießen an -- nicht einmal so sehr auf Übung -- scharfes Auge

(des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für

Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank!

Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 22. Januar 1901.

Teure Schwester!

Die Geschwister · 第 20 / 22 题