Hier begann Bertie, etwas unsicher wie mich dünkt, zu fragen: »Papa!«

»Was ist es, mein Kind?«

»Darf ich dich fragen, Papa?«

»Ja, mein Kind.«

»Was tätst du sagen jetzt, wenn der liebe Gott dich sterben läßt und

der Mann dich begraben tut da hinab und dann -- --« Er hielt inne.

»Und? -- Weiter.«

»Und der liebe Gott dich vergessen tut und drunten läßt, Papa. Was

tätst du sagen?«

»Du meinst, wenn der liebe Gott mich nicht von den Toten auferstehen

läßt?«

»Ja, Papa. Wenn er dich drunten läßt für immer und immer und immer, und

nie wieder 'raufkommen läßt -- was tätst du sagen?«

»Hm -- ich glaub', ich hielt 's Maul und sagte nichts.«

»~Ich~ tät's aber sagen, Papa.«

»Und was?«

»Ich mag's nicht sagen, es ist wüst.«

»Wüst? -- Mir kannst du's schon sagen, was ist es?«

»Ich würd' halt sagen zum lieben Gott: So -- -- du lügst ~auch~!«

Schwester, das ist stark; ist es nicht? -- Aber Bertie sagt's, Du

kannst Dich drauf verlassen, er sagt es dem lieben Herrgott ins

Gesicht, gerade so wie er's ~mir~ sagte.

(4 Uhr Nachts.)

Das ist die stillste, ruhigste Stunde in der Großstadt. Kein Geräusch

von nah noch ferne stört den Frieden. Keine Wagen rasseln über das

Straßenpflaster noch. Keine Dampfpfeifen heulen durch die Nacht. Uhus,

Hähne, Frösche und Moskitos gibt es nicht auf Manhattan.

Ich denke an Dich -- und mein liebes, teures Pilot Knob. Träume, ruhe,

gute Jennie!

(5 Uhr Morgens.)

Morgenstund' hat Gold im Mund. Schwester, wenn ich je so glücklich sein

werde, ohne Existenzsorgen meine ganze Energie und Seele konzentrieren

zu können auf den einzigen Punkt -- ich werde ein Gedicht schreiben,

einen Pegasus reiten, ein so wildes, rasendes, unbändiges Prärieroß

über den Büchermarkt klappern lassen, daß sich Händler, Agenten

und Rezensenten die herumfliegenden Papierschnitzel und den

Manuskriptenstaub nicht aus den Augen reiben werden, bis der Greif im

blauen Äther kreist -- unerreichbar für Speer und Bogen.

Schlag den Athleten mit Nervenfieber. Schlag den Poeten mit

Nahrungssorgen. Schlag dem Kondor die Flügel ab. Oooo! Es ist ein

Gefühl, das mich überkommt, wenn Dichtergedanken abprallen von

Sorgengedanken -- wie der Schreck eines Lebendigbegrabenen, dessen

Finger abprallen vom Deckel seines zugenagelten Sarges.

Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie der Ewige über den Sternen

sitzt, neben mir, und mir Gedanken einhaucht, die ich schreiben soll.

Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie die Fürchterlichen der

Finsternis mir ein Loch bohren durch die Gehirnrinde -- und all mein

Denken zischt ins Leere.

(6 Uhr Morgens.)

Bald ist es Tag. Ich habe mich eine Nacht lang mit Dir unterhalten. Was

würde werden aus mir ohne diese Unterhaltung? Gesegnet sei Feder, Tinte

und Papier!

(7 Uhr Morgens.)

Von jetzt an bis acht Uhr muß ich verschiedenes in Ordnung stellen, und

das Schreiben hört auf. Das Geschäft wird um acht präzis in Betrieb

gesetzt; eine halbe Stunde früher jedoch öffnet der Aufseher die Türen

von außen. Tom Pratt, der vierzehn Stunden lang sämtliche Spitzbuben

Neuyorks (und das sind viele, die in Wallstreet gar nicht gezählt) am

Einbrechen hinderte, wird herausgelassen.

Warum sie mich einschließen? Die Menschen sind heutigentags so

mißtrauisch, daß sie den Nachtwächter, der das Haus bewacht, durch

einen abermals bewachten Wächter wieder bewachen.

Tom.

* * * * *

Neuyork, Neujahrsnacht 1900-1901.

Teure, teure Schwester!

Da sitz' ich nun die halbe Nacht schon, eingeriegelt in der

unheimlichen Warenburg, und schüttle den Kopf in peinlicher

Untätigkeit. Ich kann absolut keinen zu meiner Dichtung brauchbaren

Gedanken fassen. Die Inspirationen, die mein Gehirn belagern, sind

wahnsinnig. Was soll ich tun? Singen, beten, Geister beschwören?

Schlafen darf ich nicht, und kann und möchte ich nicht. Und noch ist es

so lang', bis sie mich herauslassen hier -- und heim.

Die Uhr schlägt eins.

Wir feiern Neujahr. Soeben hat der Lärm nachgelassen, mit dem unsere

Durchschnittsbürger den Wechsel begrüßen. Sie haben wieder, wie in

jeder Silvesternacht, gewaltig getutet, geknallt, gebrüllt, getrunken.

Jetzt sind sie müd und legen sich aufs Ohr und saugen Sauerstoff ein

zum frischen Lachen und Lustigsein, morgen.

Ach, Schwester! Ich habe meinen melancholischen Anfall -- und bin

allein. Wär' ich unter Menschen, ich möchte meine Schwermut abladen

können durch überirdische Gutherzigkeit, aber hier bin ich aller

Linderung bar.

~Die Toten~ lassen mich nicht ruhen, bis ich ihnen meine Schuld

bezahlt!

Hier sitze ich. Die Pendeluhr tickt. Die Feder kratzt auf dem Papier.

Ein armes Mäuslein nagt an Brettern unterm Fußboden -- und die öde,

graue Nacht ist Silvesternacht. Und zwölf Monate zurück? Was kann ein

einzig Jahr verwüsten? Saß ich nicht ebenso still wie jetzt, aber am

Bettchen meiner noch ~lebenden~ Elsie, meiner noch ~gesunden~

Eva, und mit ~zwei~ kräftigen Armen, und zählte, bis ich müde war

vom Zählen -- mein Glück.

Da lagen herumgestreut, weiß wie Flocken, die Seelen, die Gott der

Allgütige mir schenkte zu meiner eigenen -- und saugten sich fester und

fester mit jedem Atemzug, Lächeln, Seufzen, Erwachen.

Draußen jagte der Wind in wildem Zug durch Finsternis und Häusermeer.

Kälte drückte an Türen und Fenster und wimmerte um Einlaß; und ich saß

und träumte, schwärmte, schwelgte, betrachtete wieder und wieder meine

Schützlinge: mein schönes, treues Weib, wie es hingebettet auf das

eigene Lockenpolster ausruhte von des Tages Last; meine Kinder, Bertie

schlafend sein Schwesterchen umarmend, als fürcht' er Raub, Elsie mit

dem wehen Zug um ihre Lippen, die im Traume mehr als sonst den Stempel

Gottes »Engel werden« trugen.

(3 Uhr Nachts.)

Dreimal drei ist neun -- das kann bewiesen werden. Dreimal drei ist

vier -- das kann ~auch~ bewiesen werden vor einer Versammlung von

Schafsköpfen. Beweis ist also nicht so unfehlbar, als er sich ausgibt.

Daß Advokaten das Gegenteil, sogar von bewiesenen Beweisen, beweisen,

beweist die Unzuverlässigkeit der ganzen Beweiserei. Es kommt also weit

mehr darauf an, wie der Kopf oder der Mensch beschaffen ist, der den

Beweis glaubt, als über was und wie da bewiesen und vereinbart wurde.

Sagt mir also einer: »Bruderherz! du hast eine unsterbliche Seele

in deinem Korpus,« und beweist mir, daß ich ein solches Ding

herumtrage, dann steigt (in meinem Schädel wenigstens) das Mißtrauen

auf, ich gehöre möglicherweise zu der Schafskopfkategorie, die sich

vorrechnen läßt: dreimal drei ist vier -- und unwillkürlich beginne

ich Selbstkritik zu üben an meiner geistigen Befähigung. Ich gelange

zu dem Schluß: daß ~ich~, ich selber die Unsterblichkeit meiner

Seele fühlen, spüren, wissen, beweisen muß -- nicht der andere. Er kann

wohl unterrichtet sein über ~seine~, aber über ~meine~? --

Sapperment! Wenn er nicht einmal weiß, ob ich Leibschmerzen habe, wenn

ich Gesichter schneiden muß, um ihn auf den Gedanken zu führen -- ---

Halt!!

Es gibt Philosophen, die beweisen, daß die Existenz Gottes und der

Seele nicht kann bewiesen werden mit den gegebenen Anhaltspunkten.

Es fehle, was die Mathematiker heißen, die bekannte Größe, auf der

sich aufbauen läßt. Diese Herren sind die ~Vogelstrauße~ im

großen Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie rennen (vom Problem verfolgt)

unablässig im Kreis herum, am gleichen Punkt immer wieder anlangend,

wo sie absprangen, und glauben, weil sie (mit dem Kopf im Sand) nichts

sehen, können andere auch nichts sehen. Sie legen manches Mal ziemlich

große, vielversprechende Eier. Die Hauptsache aber, das Ausbrüten,

überlassen sie dem heiligen Licht und Feuer dort oben; und bis das

es fertig kriegt mit seinem natürlichen, langsamen Prozeß, da haben

Ratten und Käfer den Dotter gefressen. Daß Spatzen und Bachstelzen

sich hin und wieder erdreisten, die Eier ausbrüten zu können, ist die

~komische~ Seite. Daß die Strauße nicht ~gerader~ laufen

und so aus der Wüste heraus ins üppige Grenzland gelangen, ist die

~betrübende~ Seite.

Es gibt aber auch Philosophen, die so geradeaus laufen, daß sie mit

dem Schädel ein Loch durch jegliche Mauer rennen, die ihnen im Wege

steht. Durch dieses Loch schauen die Herren die allerübernatürlichsten

Dinge, und je nach dem Grad der gehabten Gehirnerschütterung beim

Mauerbrechen sehen sie den Himmel offen, die Zionsstadt mit Perlentor

und goldenem Straßenpflaster. Den Herrgott sehen sie im Wolkenpolster

ruhen leibhaftig, oder im Rollstuhl unter Blitz und Donner im Paradies

herumkutschieren wie ein preiswütiges Automobil. Die Engel sehen sie

tanzen, geigen und geschäftig die einlaufenden Seelen abwiegen, wie der

Krämer Butter und Kartoffeln. Kurzum, sie sehen das ewige Leben mit

Haut und Haaren als vollständig bewiesene Tatsache, und so weiter, Amen.

Diese Sorte Philosophen sind die ~Büffel~ im Wildpark der

Gelehrtenwelt. Sie sind hartköpfig, eisenstirnig. Mit gewalttätigen

Hörnern zerquetschen, was nicht zu ihrem Vaterunser schwört, das

nennen sie Kopfarbeit. Rote Farben, rote Lappen und Fahnen reizen

sie zum Schäumen; dafür stehen sie aber, ungleich den Straußen, bis

an den Bauch im Futter. Daß ihnen das üppigste Gras (während die

Herdenglöcklein läuten) zum Hals hineinwächst und gleichzeitig Stroh

zu den Ohren heraus, ist die ~komische~ Seite. Daß sie lebenslang

Gottesgelehrsamkeit studieren und gerade in diesem Fach Hornviecher

bleiben, ist die ~betrübende~ Seite.

Dann gibt es Philosophen, sogenannte Pessimisten, Weltschmerzapostel,

die vom Resignieren buchstäblich austrocknen, verdorren. Sie verlieren

Fleisch, Fett, Appetit, warmes, eisenhaltiges Blut, tätige Leber,

Galle, Magensäure, Zähne, Haare, Glauben, Hoffnung, Liebe, Freude am

Dasein. Arm in Arm mit dem Weltschmerz schreiten sie durchs Leben,

sorgfältig Dornen und Distelköpfe sammelnd -- Blumen zertretend --

Harmonien und Schönheiten ignorierend -- glücklichen, lachenden

Menschen ausweichend wie der Pest -- auf Kirchhhöfen herumgeisternd

-- mit Gerippen und Totenschädeln spielend. Dem Tantalus flogen die

gebratenen Tauben vom Munde weg, so oft er die Zunge reckte danach; der

Pessimist macht sich die Höllenqualen ~umgekehrt~, er beißt die

Zähne zusammen, wenn das Füllhorn sich ausleeren möchte in ihn. Das

ist jedoch nicht die betrübende Seite, sondern er sagt es selber, was:

»mein Geborenwordensein halte ich für das allergrößte Unglück«. Daß

ihm hierin jedermann beistimmt, sogar sein leiblicher Vater, ist die

~komische~ Seite. Verglichen mit Tieren können diese Sorte Denker

nicht werden: es gibt kein Tierchen, das sich nicht mehr oder weniger

wärmt und sonnt in Gottes herrlicher Natur.

Dann gibt es ~lachende~ Philosophen. Die Hälfte von ihnen ist

jedoch kindisch. Die anderen stehlen Witze und hängen ihre Marke dran.

Dann gibt es philosophische Piraten (Atheisten), die jeder

vorüberziehenden Seele Steuer, Anker, Segel, Kompaß, kurzum alles

rauben bis auf die leere Schale.

Dann gibt es egoistische, geizige Philosophen. Sie behalten alles,

sammeln mit eifrigem Betrachten Wissen, Weisheit, Urteilskraft -- geben

nie etwas von sich -- Schweigen ist ihr Grundsatz. Sie sterben wie alle

Geizhälse, reich an geistigen Schätzen, ohne übrigens jemand beschenkt

und glücklich gemacht zu haben.

Dann gibt es verschwenderische Philosophen, die mit Schwatzhaftigkeit

sich so entleeren, daß sie geistig schier zu den Bankerotten zählen.

Sie machen allerdings manchen um sich herum klug, vorsichtig, sterben

aber wie jeder Verschwender, ausgepumpt.

Dann gibt es -- -- Der Globus wimmelt von Philosophen. Die Luft ist

dick und schwefelsauer von ihrem Stöhnen, Seufzen, Lamentieren und

sogar Fluchen. Und ach, was haben die Herren zusammengedichtet? Das

Denkerregiment mit Sokrates am rechten Flügel und Spencerlein am

linken, was haben sie bewiesen, entdeckt, festgenagelt im Lauf von

vielen hundert Jahren? Andere Wissenschaften haben Wunder gewirkt. Was

kann die Philosophie am Tag der Prüfung zeigen? Bücher, tonnenschwer,

und leiht wie Spreu ihr Inhalt. Bücher, tausendzählig, und -- drei

Originalitäten nur -- kein einziger Beweis darin, der zieht und hält.

Es ist der wackeligste Turm von Babel, den sie in den Himmel bauen

möchten.

Und ach, was bin ~ich~ herumgeirrt in dieser Steppe der Irrenden,

und hab' gesucht nach Quellen und Oasen -- nach dem Körnchen Wahrheit

im Berg von Kleie -- in diesem Chaos von Einerseits und Anderseits

Beweise gesucht und ~keinen~ gefunden, mit dem der Zweifel nicht

Fußball spielen darf nach Lust und Vergnügen. Ach, was hab' ich

gelesen, geschluckt, studiert, mit philosophischen Rosinen, Zwiebeln,

Gurken und Limburgerkäsen mich so überfüttert, daß ich elendiglich

sterben müßt' an Verstopfung -- schluckt' ich nicht hin und wieder eine

Kontroverspredigt als Abführmittel.

* * * * *

Die Unterhaltung zwischen Gott und Mensch geschieht ~einzig~ durch

Gefühl.

Gefühl ohne Erfahrung bleibt die unterste Stufe des Leben.

Der Unterschied zwischen höchstem Geist und Geschöpf besteht in des

letzteren geringerer Erfahrung.

Ich zweifle nicht, daß mit höchster Erfahrung das Problem des ewigen

Lebens gelöst ist.

Die Bestimmung des Menschen ist: jenes Problem zu lösen. Daß er das

kann, ~wenn er will~, garantiert die ewige Gerechtigkeit.

-- Aber das ist ja wieder greulicher Quatsch -- mir wird ja selber übel.

Sonntag im Sommer. Sehr heiß, staubig. Sehr windstill. Die Straßen von

St. Louis glühen gleich einem Backofen. Jung und alt, was nur irgend

sich freimachen kann, flüchtet hinaus in die schattigen Vorstädte, die

Parks, oder treibt in Booten den großen Mississippi auf und ab.

Schon früh am Morgen warf ich mich in feiertäglichen Staat. Ich hatte

die Einladung meines Freundes, mit ihm und seiner Neuvermählten

nach deren Eltern Farm einen Ausflug zu machen, angenommen. Mit

verzeihlicher Eitelkeit putzte, frisierte und rasierte ich den damals

noch ledigen Tom Pratt.

Dann ging's los. Eigentlich ~nicht~: zu meinem Ärger und meines

Freundes noch viel größerem Leidwesen lag der Ärmste, als ich in seine

Behausung trat, im Bett und stöhnte. Er laborierte an den Nachwehen

einer in der Nacht gehabten Cholera.

Er behauptete, das Biertrinken bei der Hitze hab's verschuldet. Sein

Weibchen meinte, das ~Apfelmus~, das sie ihm kochte zum Abendbrot,

sei die Ursache. Zu dieser rührenden, in der Dissonanz sogar noch

wohllautenden Harmonie der Neuvermählten schlug ich Takt mit der

Bemerkung: »Bier ~und~ Apfelmus hat's getan -- Punktum!«

Nach dem Mittagessen (so lange nötigte die Gastfreundschhaft mich

auszuhalten) durfte ich endlich gehen. Der halbe Sonntag war nun

verbraucht, verpfuscht; meine Feiertagslaune ebenfalls. Ärgerlich

schritt ich nach der Avenue, um mit dem ersten mir begegnenden

Straßenwaggon irgendwohin zu fahren -- nur weg, weg vom bratenden

Weichbild der Häusermasse. Halbwegs mußte ich meiner blankgewichsten

Schuhe wegen einem Neubau ausweichen, ganz hinüber auf die sonnige

Seite der Straße; dann wieder herüber auf die schattige. Das kühlte

mich nicht; auch nicht, als mir ein nördlich fahrender Tramwaggon

entschlüpfte, den ich hätte erreichen können, wär' die verdammte

Kreuzung nicht gewesen.

Nach längerem Warten bestieg ich den nächsten, einen westlich

fahrenden Waggon. Der war jedoch zum Erdrücken vollgepfropft; die

Sitzenden erstickten schier, so tief saßen sie drunten; die Stehenden

schoben sich hin und her und schwankten wie Betrunkene, je nach dem

ungleichmäßigen Rollen des Fuhrwerks. Den außen am Geländer Hängenden,

den Allergemartertsten, zu denen ich gehörte, wirbelte Staub ins

Gesicht; die Sonne brannte ihnen Blasen auf die Haut; der Hut wollte

fortfliegen; und mit des Jammers stummen Blicken schauten die armen

Hühneraugen. Aber fort ging's, fort wenigstens, immer an den Häusern

vorbei wie geflogen.

Mit einem Mal tauchten Bäume auf, Grasflächen, Blumenbeete, lange

Eisengitter längs der Straße. »Ein Kirchhof!« zuckte es mir durchs

Gehirn wie Erlösung, und ich weiß nicht, wie noch warum ich

absprang von dem raschfahrenden Waggon. Graziös hüpfte ich einer

vorbeirasselnden Equipage aus der Fahrlinie, etwas ungeschickter einem

wahnsinnigen Radfahrer.

Dann trat ich durchs Gitterportal ins Reich der -- Schlafenden.

Welch labende Kühle fächelte mir der heilige Ort ums Haupt, das ich

ehrfurchtsvoll entblößte. Die Luft gewürzt mit tausend Düften; wie

Segen, wie ein Zug aus offener Himmelstür wehte es mich an.

»Gott sei mit euch!« grüßte ich die Anwesenden; »Gott sei mit euch!

Wie schön haben euch die Lebenden gebettet. Wie schön die Kinder ihre

Eltern -- die Eltern ihre Hoffnungen. Liebe und Verehrung haben sich

wund und augenmüde gesponnen an der Decke, die euch hüllt, bis Gott sie

hebt.« Wie nah sind doch die Lebenden den Toten; ein Pulsschlag ist die

Trennung. Wie innig nah verwandt ist Freud und Leid, Glück und Unglück.

Schmerz und Lust sind Bettgenossen. Haß und Liebe wohnen eng beisammen

in derselben Kammer; wenn eines wacht, legt sich das andere nieder. Und

~eine~ Wiege hat genügt für Myriaden Gegensätze, die sich stoßen,

reiben lebenslang, bis sie müde liegen wieder wie im Anfang so am Ende,

friedlich, eng beisammen -- ~aber hier~.

Langsam schritt ich die geschlängelten Pfade des Friedhofs entlang,

immer tiefer hinein ins Herz, bis wo die Kapelle steht mit geweihtem

Altar. Dort betete ich für die Toten -- für alle Toten. Dann schritt

ich weiter und weiter, zikzackig, planlos, rechts und links schwenkend,

über Hügel, Rasenplätze, Kieswege. Bald zog mich ein gigantisches

Monument, bald ein hölzernes Täfelchen, ein Blümchen »Einsam«, oder

ganze Garben Hyazinthen, Lilien und Maßliebchen, als liege dort ein

Heiliger und hauche sich durch Lehm und Sand hindurch zum Himmel.

Gott! Da, ein Weib! Ein Mädchen! -- Ich bebte vor Angst, mein Atem

könnte die Erscheinung verwehen, und hielt inne zu atmen. Keine zehn

Schritt von da, wo ich stand, kniete ein Mädchen auf rasenbewachsenem

Grab, das Kreuzlein als Stütze gebrauchend für Gesicht und Hände. Gott,

~das~ Bild, das mich bannte, als wär' mein ganzes Erdenwallen

hier am Ziel und machte halt: da kniete endlich leibhaftig vor mir

die, die ich suchte, träumte, wünschte -- ~so~ wünschte ich mir

die Begegnung, den Ort, den Zufall, Umstände, Zeit und alles -- so

träumte ich ihre Gestalt, Jugend, Kleider, ihre Verlassenheit, Armut,

Hilflosigkeit. Und ~ich~ ihr Retter jetzt! Ich der Auserkorene,

Gottgesandte, der diese auf ihrer Mutter Grab verzweifelnde, von aller

Welt verlassene Waise aufhebt, heimträgt, glücklich macht ...

Ob ich einen Schrei ausstieß? -- Das Mädchen richtete sich erschrocken

auf, sah mich an und -- -- der Traum war aus. Das Bild verwischt.

Das arme, hilfesuchende Waisenkind mit den flehenden Augen -- das

schutzlose Wesen, dem ich Retter wollte sein -- ach! das herrliche

Idyll von naiver Jugendschwärmerei, das ich mir malte mit so stillem

Blau, als nur die Sehnsucht noch vom kälteren Blau des Himmels

unterscheiden kann, fort war es -- fort.

Und vor mir stand an seiner Statt ein Cherub, der mich anblickte, so

majestätisch, daß ich zum Bettler schmolz -- so überirdisch, daß ich

nackt in aller meiner Sinnlichkeit mich fühlte. Ein Cherub, der die

Schlüssel trug zu meinem Himmelreich -- den Zutritt zur Glückseligkeit

mir gestatten konnte oder verwehren, je nach seiner Willkür. Jetzt

war ~ich~ der Arme, Hilflose, Bettler und Verzweifelte. Hier

blieb nichts mehr zu retten für mich, nichts als mit letztem Atem aus

gepreßter Brust zu wimmern: »Gnade!«

Ich tat's -- und sank zu Füßen meiner -- ~Eva~.

* * * * *

Goldorangengelb am wolkenlosen Horizont stieg die Abendsonne in die

Nacht hinab. Das himmlische Licht, das mit blendender Majestät den Tag

beherrscht, daß aller Augen Blicke sich verhüllen müssen --- es ist

doch nur der Venus Vorgespann.

So viel sie auch singen und dichten mögen, predigen und beweisen vom

Höchsten, das eine Sonne über allen Sonnen ist -- laß sie nur predigen

und blinzeln, weil es Tag ist: des Abends magnetische Schatten führen,

ohne auf Widerstand zu treffen, auch sie zu dem Hochaltar, auf dem die

Schöpfung opfert -- zum ~Weib~. -- --

Ich konnte keine Stunde lang leben, das fühlte ich. Meine Kammer war

eng, jetzt war sie tatsächlich ein Sarg, der sich zu schließen drohte.

Ich kniete nieder und versuchte zu beten; aber die Verbindung war

gerissen zwischen Gott und mir -- irgend jemand stand zwischen mir und

Gott. Ich ging ein wenig hin und her -- aber das brachte mich nicht

näher. Ich setzte mich ans Fenster -- aber das machte mich unruhiger.

Ich stand wieder auf -- kniete nochmals. Die letzten Küsse eines

Mädchens, das ich vom Kirchhof nach ihrem Kosthaus geleitet hatte,

brannten meine Lippen, meine Wangen, meine Stirne wie glühende Kohlen.

»Ich ersticke!« schrie ich, und Hut und Rock ergreifend eilte ich

hinaus ins nächtliche Gewühl der Stadt, von dem wahnsinnigen Gedanken

gerissen, eine unbescholtene Jungfrau mitten in der Nacht aus ihrem

Bett zu rufen.

Ein vorübersausender Straßenbahnwagen schnappte mich jedoch weg vom

Erdboden, und fort ging's auf rollendem Gefährt -- entgegengesetzt aber

von »~Ihr~«.

Eine Stunde später, im Norden, wo die Großstadt sich malerisch auflöst

in Landschaft, wankte ein Mensch, offenbar ziellos, durch Farmland.

Auf Augenblicke blieb er stehen und reckte die Arme aus, als wollte

er die Welt mit allem, was sie birgt, umfangen. Dann setzte er seine

Wanderung wieder fort. Wer ihn nicht kannte, würd' ihn für einen

Verirrten halten, oder gar für einen jener Unglücklichen, die dem

Dasein entfliehen möchten. Plötzlich machte er halt -- warf sich platt

ins Gras, mit dem Gesicht nach unten -- und so blieb er liegen.

Dicht an ihm vorüber rauschte ein mächtiger Strom, unerschöpfliche

Wassermassen wälzend. Ringsum wogten, wie die Wasser dort, die Felder

und Wälder hier. In eifersüchtigem Wettstreit, sich gegenseitig

überragen zu können, reckten sich die Bäume über Sträucher, diese

über Blumen und Gräser. Lauwarm wehte die Nachtluft um das Ganze, des

Stromes züngelnde Wellen, des Waldes wogende Wipfel, das Weben und

Leben der Welt hier unten, hinauftragend in die lichtgefüllten Höhen

als Schlummerlied der Sommernacht.

* * * * *

Als ich mich von langem, erlösendem Weinen endlich wieder aufrichtete

und umsah, war es mir, als wäre ~ich~ das Leben und alles andere

tot. Mir war, als sei die Welt ein Nebelbild, Schein, und ich der

Zweck, der Mittelpunkt, der rote Faden, der die beiden Enden knüpft;

als sei ~ich~ das Bild und dieser unermeßlich weite Raum nur der

Rahmen zum Bild. Vor mir lag in weitem Becken ein Wasser; ich bemerkte

nicht, daß es der große Mississippi war, der gurgelnd und plätschernd

am Ufer vorbeimarschiert durchs Tal, zum Meer, und unablässig Wasser

auf Wasser drängend ewig sich verändert. Ringsherum standen Gebüsche,

Fruchtbäume, Schilf und wilde Blumen, wie leblose tote Dinge; ich

bemerkte nicht, daß sie alle grünen, wachsen, blühen, ewig sich recken

und dehnen, sich verändern. Hoch über meinem Scheitel pendelten die

Sterne als eine Welt über der Welt. Mir schien sie regungslos, immer

gleich, auf dunkelblauem Samt die edelsteingestickte Bettgardine einer

eingeschlafenen Natur. Ich bemerkte nicht, daß alles dort oben wie hier

unten sich dreht und treibt und stößt und zieht -- Leben saugt und gibt

-- mit gleichem Recht und Grund wie ich Unendlichkeit und Ewigkeit

benützt als Tummelplatz für der Liebe Maientanz, für der Sehnsucht

Herbstgefühl, für sommerschwüle Lust -- und Wanderung durch winterkalte

Nacht.

Dort stehen sieben Sterne und spiegeln sich auf dem Wasser. Das ist

der Orion. So strahlte er in stiller Majestät über dem Griechischen

Meer, während Homers Lieder die gottgeschwängerten Lüfte tränkten. So

strahlte er in stiller Majestät über der Urwelt dampfendem Morast,

während giftig hauchendes Gestöhn der Drachen durch das Schweigen

banger Nächte ging.

Es gab eine Zeit, wo jenes Licht dort oben nicht am Firmamente glänzte,

wo andere Lichter oder keine jene Kohlensäcke füllten, und keine Erde

hier am Boden lag, kein Meer noch Land.

Senkrecht über meinem Scheitel hängt ein grüner, magisch reiner

Stern und schaut herab aus seiner Welt in meine. Welch ein Weg von

dort zu mir? von jener Sonne, von jener Welt in Brand und Glut, die

feuerlodernd ihre Fackeln wirft, als gält' es Untergang der Finsternis

und Kälte. Welch einen Raum zum Denken, Staunen -- Beten hat der

Schöpfer aussgespannt zwischen hier und dort?

Aus all den kreisenden Systemen und den ungezählten Wesen, die sich

decken und verstecken hinter Kohlenstaub und Eis, die heute sind und

morgen nicht; aus allem, was da oben und hier unten den Raum erfüllt --

nur ~einer~ hat den Platz behauptet -- nur ~einer~ hat sich

durchgerungen, durchgelebt. Aus diesem Chaos von Atomen ~einer~.

Von allem, was sich regt im Kampf ums Dasein -- ~einer~ war der

Stärkste, Zäheste -- der Glückliche, der Sieger aus der Schlacht

einer halben Ewigkeit, mit Feinden wie der Sand am Meer so viele --

~einer~, ~einer~ nur. Und dieser eine, der bin ~ich~! --

Ich bin der Unbezwingliche, der einzig Lebensfähige, das Meisterwerk,

der Schöpfung Krone, dem Schöpfer nah -- und drücken sie das Universum

durch ein Sieb, sie treffen nichts, das ebenbürtig zwischen uns sich

stellen kann und darf.

Ist das hochmütig geredet? Ist das Gotteslästerung?

O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! --

Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche

~Opfer~?! -- Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr

Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt

von tausend Mühen ~meinetwegen~ ihr Leib zu Grabe sinkt -- das

erste Opfer. Arme, arme Mutter du! -- Und hinter dir, zum gleichen

Zweck verwendet, ~deine~ Mutter. Und hinter ~ihr~ ~ihre~

Mutter. Und ~ihre~ Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie

im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter,

marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der

Vergangenheit heraus -- vorbei an mir.

Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer?

Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's

keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? -- Ach,

es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die

andere hin.

Und diese Blicke all auf mich geheftet -- dieser Augen Trillionenzahlen

starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der

Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je

weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden,

Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang -- und so mein Ekel.

Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der

Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter

ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen

Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen

Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der

Eingeweide Gift gemischt.

Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit

mir? Gibt's keine andere Leiter?

Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die

viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest

du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen

Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten,

die um Rache schreien -- Bastardmischung zwischen Tier und Menschen

unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel -- mußtest du

vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später«

überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen;

Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all

die Klagen, Seufzer -- der Schlachten Brüllen -- der Folterkammern

schrilles Schreien -- der Kerker hohles Heulen -- der Krankenstuben

Stöhnen -- den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem

andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen

Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch

Teil an mir zu Kot zermahlt.

Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie

du, o Ewiger, dein Ebenbild?

-- -- -- Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als

seh' ich ein reibend Schwefelholz an meiner Kerkerwand und find' die

Tür -- -- Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es

möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, ~auch

du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein~? -- Die gleiche Scheu

vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken,

Sehnen ist uns eigen -- nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche

Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand

der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen

-- mich im engen Zirkel meines Selbst -- dich im unermessenen Raum,

mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du

mit Licht -- er mit Nacht. Du mit Wärme -- er mit Kälte. Du mit Leben

-- er mit Tod. Du mit Geist und Willen -- er mit Körperträgheit. Du

mit Liebe, Wahrheit, Schönheit -- er mit allen Gegenteilen. -- -- Und

dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder

links, Ewiger! ~das kann ich~?? -- Ich kann dir trotzen und deine

Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit

verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit

Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes?

O, daß du mir diese Waffe zeigst -- scharfgeschliffen wie sie ist, sie

mir anvertrauest -- welch ein Vertrauen! -- Nach langer, langer Nacht

gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus

der Mutter Augen Liebe trinkt und ~dann~ die Milch der Brust --

~ich liebe dich, Gott~! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich

ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an --

mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät -- aber lieben? -- Leere

Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch

Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst.

Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst -- ist

~Vater~ schöner, inniger als Gott -- »Vater, ich liebe dich!

~Vereint~ sind wir allmächtig. ~Vereint~ sind wir die ewige

Glückseligkeit -- ~getrennt verloren~.«

Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und

flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre --

lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht -- »Vater, ich

liebe dich!«

Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich

will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn

ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von

dir -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«

Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib

-- hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall,

wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und

rauhem Wetter; die Felsen ~mich~ vor allzuviel Besuch. Ist Gott

nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir

viermal passend neue Kleider schenkt« -- -- »Vater, ich liebe dich!«

Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten,

Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend

Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn

Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft,

und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand

abgerungen in der Zeiten Lauf -- und jeder Blick in jene sternenvollen

Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt -- -- »Vater, ich liebe dich!«

Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt

zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies

von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt

sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und

Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit

deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf

trillionmeilenhohe Leuchter -- ich kann mir das Denken verhalten --

die Vernunft schänden -- bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein

Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr

dich höhnen? -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«

Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht -- mit vollster Seele

liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten

im Meisterwerk. O, dieser ~Spiegel~ -- und der Rahmen zu dem

Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich

und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber

so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen

Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier

sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die

er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und

Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus

dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in

langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel,

bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum

verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und

triumphierender Genugtuung -- gemischt mit weher Sorge, der Spiegel

möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben -- denn Schöneres kann

er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom

Tod -- das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod

auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste.

~Der Spiegel ist das Kind!~ Des Kindes Seele, des Kindes Augen --

Leib und Seele widerspiegelnd.

»Vater, ich liebe dich!«

Schaudere -- -- was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser

hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit

Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe?

Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du

aufgebaut.

»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist

der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes

Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion,

Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine

Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und

fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer

höheren Höhen -- aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem

Leben, zu reinerer Erkenntnis -- aus des Daseins Sturm und Drang

die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes

Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann -- ~von dannen es kommen wird

am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die

Lebenden und Toten~!

»Vater, ich liebe dich!«

Und nahet mir des Lebens letzte Stunde -- und jenes Ding, das Blut

gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt -- --

Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück

und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im

Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die

ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die

erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken

Brücke. Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch

einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie

nie zuvor -- und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin -- und Heimweh,

eh ich abgereist -- und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach!

durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang

und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis

wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen.

Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in

die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel

Blumen sind zertreten worden -- viel ist herumgestritten und gerissen

worden -- Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen

schier in Fetzen -- wild war sein Spiel im langen Tag -- doch, gebe

Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus

Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann --

-- ist Schlafenszeit.

»Vater, ich liebe dich!«

Ob ich unsterblich bin? -- Unwiderruflich, ja! ~wenn ich will~.

Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? -- Unwiderruflich, ja!

O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und

deiner Küsse Seligkeit!

Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom ersten Werden bis hierher

und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend

Die Geschwister · 第 19 / 22 题