Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« -- --

Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt

wie von diesem »Aber«.

»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im

Amt) -- sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen,

muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen

Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein

alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie

die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst.

Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.«

Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß,

von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein

solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im ~Barbierstuhl~ und

sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben

hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel

verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut

fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau

viel doktert und -- trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß er

seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither

abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen

für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß,

»verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist

der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat

ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger

Mann. Adieu!«

Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich

nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«,

dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen

herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit

beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe

suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein,

sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete

ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle

der Arbeitslosigkeit.

Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war

und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir

knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten

und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der

Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot

für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum

aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war -- die

ganze Himmelsharmonie von vorhin ausgellte in so schrille, wilde,

nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen

Weltordnung -- --

O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern.

Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein.

Was ich erbettle -- ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist

meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich

schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen,

totwürgen -- so will es die Ordnung hier auf Erden.

Und ich bin für Ordnung.

Tom.

* * * * *

Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.

Mein Bruder!

Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe

nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein

Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die

mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch;

und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein

rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen

genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben

bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese -- -- ~Versuch's!!~

War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig), wenn auch nur ein

hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur

und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll.

Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der

Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken.

O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten,

das zum -- Weinen wär' -- hahaha! -- --

Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema,

ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen,

übernatürlichen, aus der Hexenwelt -- irgend eins. Schreib einen

Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie

man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig

wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man

reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder

umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch

Fluchen, oder ~nicht~ umgekehrt.

Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche

stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein

Waschweib. Fort, Feder -- Seife her.

Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal.

Jennie.

* * * * *

Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.

Teure Schwägerin!

Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn

nie zu Gesicht bekommen, hörst Du -- nie! Dieser Brief ist nur an Dich

und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren.

Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer

grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; -- aber Notwendigkeit,

Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva -- mir

graut vor der Zukunft Deines Gatten -- meines Bruders. Nicht, weil er

seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim

zerstört werden kann -- mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe,

wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet -- sein schöner,

großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen

Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er

ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber

auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als

andere Männer -- aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider

Gottes, viel zu viel in ~einer~ Seele.

Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können --

gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom

betrügen -- um ihn zu retten.

Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott

und Menschen. Wo kann er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine

findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht

in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das

zuerst, einzig und allein -- vorläufig.

Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig

mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen

Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu

für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm

Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als

sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen -- was er denkt und leidet,

auszutoben mit der Feder aufs Papier -- schon das ist viel gewonnen.

Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut --

aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut.

So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet

zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn.

Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott

sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub.

Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat

er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele

wird zum tickenden Gewerke -- die Erscheinungen der Welt ziehen durch

die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr.

Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr erreichen. Sag ihm nie, was

ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die

Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach

ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß

Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er

dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit

der er das Hauswesen retten kann; -- denn aufrichtig gesprochen: ich

zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird.

Die Gelehrten haben ~auch~ ihre Angst und Not mit Konkurrenz.

Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im

Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es

besser kommen? -- Unsere armen Kinder! -- Die Nächte sind lang, auch

hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die

Stunden vor zwölf -- die Stunden nach zwölf -- das Ticken der Uhr

-- wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's

die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich -- draußen

vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am

Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach -- keine Mutter könnt's

ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden

Kleinen -- ohne Glauben an guter Geister Gegenwart.

~Ich~ habe ~ein~ Kreuz zu tragen -- das für Jennie. Sechs

mehr von meinen Kindern -- das für die Mutter. Peter legt auch noch

Holz auf meine Schultern -- das für die Gattin. Das schwerste aber,

das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der

Schwester aufbürdet.

Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich -- ebenso geduldig, stumm,

gottergeben -- und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten,

als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung,

Aufopferung.

Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre

Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt,

und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind

notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott!

So wäret Ihr doch wenigstens bei mir -- und tothungern lassen wir Euch

nicht. Sag das Tom.

Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit

weg zu sein, so weit weg.

Dann muß ich Dich ~noch~ etwas fragen, das ich immer vergeß beim

Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts

mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse

absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin!

Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig

liebenden Schwägerin, Schwester

Jennie Daly.

* * * * *

Brooklyn, den 4. Dezember 1900.

Liebe Schwägerin!

Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei

Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork.

Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der

Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen.

Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut.

O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel

schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst.

Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank

wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen.

Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein

und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn

krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als

Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt

zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der

andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete

daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist

hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass

sind große Schmerzen.

Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu

Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht

wegreisen weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen

wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob.

Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die

paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen

wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich

sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir

wollen hoffen zu Gott.

Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach

der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht

schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt.

Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben

mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut.

Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er

ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht

auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er

schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne

meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann.

Deine Dich liebende Schwester Schwägerin.

Eva Pratt.

* * * * *

Brooklyn, den 4. Dezember 1900.

Teure, liebe Schwester!

Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung

-- irgendwo in Indiana oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche

Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet,

wahrscheinlich aber gelesen jetzt.

Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder

Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen

kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen.

Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus

hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen

ziehen ab -- und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom.

Aber -- hm -- Schriftsteller werden? Bücher schreiben -- Romane --

Gedichte -- Dramen? -- Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich

tatsächlich erschrecken -- nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust

voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe.

Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er

oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie

geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort -- und bis die wieder anwächst,

wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe

ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie

wär's zum Beispiel -- --? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die

friedenstörenden Kobolde.

Soll ich's probieren? -- Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so

plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher,

soll Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder

werden es andere tun für mich?

Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in

die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle -- es ist Dein Werk.

Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich

hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne

dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um --

Inspiration!

Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt

sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder,

hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine

Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung

nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält,

eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine

Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es

nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder,

hörst Du, um aller Vernunft willen -- Jennie! Du mit sechs Kindern,

die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen

für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb

Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus.

Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück -- jeder Cent gesegnet von mir,

meinem Weib und Kind.

Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es

kaum Arbeit nennen, denn ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus

übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen,

herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen

als -- meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf!

Tom.

* * * * *

Pilot Knob, den 9. Dezember 1900.

Bruder Tom!

Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der

Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben.

Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage?

Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. ~Ich~

nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie

Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt -- oder ist es

nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich

werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde

Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen -- nur

umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie

ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. --

Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert

und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so

ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter, privilegierter

Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde.

Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und -- gegrüßt

seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister,

Teufel, Fledermäuse und -- Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht!

Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten

Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total

anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem

Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern,

fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution!

Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag,

zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir

eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium

und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können

mitteilen, aber -- nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu.

Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das

war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum

Tanzen ums Feuer.

Jetzt ist der Streik beendet und -- verloren. Ich habe nie etwas

Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel

Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten

nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber. Mäuler, Mäuler

-- ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen,

Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein.

Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich

ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und

schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon -- oder

nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll

verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine

Herren!« -- Ja, ja, ja.

Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler

in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei

diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird

der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit?

Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde --

besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch;

denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und

die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen

wie feuerspeiende Krater -- ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in

sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß

sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast

wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln

so über alle Maßen hündisch ängstlich vor dem Grubenverwalter, daß,

wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir

armen Mütter -- Gott steh uns bei mit solchen Männern -- wir sollen

eine Generation aufrichtiger Bürger gebären.

Und wie widerwärtig sie sind -- knurrig -- bissig beinah. Mein

Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen

Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht

(jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit

Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was

schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er

will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck)

mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum

Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden.

Der Rest ist -- Schnarchen!

Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm,

wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte

heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner -- der Vater meiner

sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter

Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig,

mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von ~meiner~ Seite. Meine

Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu

halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin

der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich jedoch bald aufgefressen

haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den

Knochen.

Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer,

die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die

Löwen sind selten -- und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher.

Die besten Männer sind die, welche ~Menschen~ sind -- wie Du,

mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so

begabt wie Du -- oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut,

ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben

könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette

mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm'

zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! --

Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat

sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte.

Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle

Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so

einem Schrei wie dieser.

Jetzt schläft er wieder -- und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die

Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort.

Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine

Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den

Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und

Unglück -- diese Extreme im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer

für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir

zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In

jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast

nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe

anheimgestellt).

Und in die Kirche gehst Du auch fleißig.

Und, und, und -- Lebt wohl und lang' und glücklich!

Jennie.

* * * * *

Neuyork, den 20. Dezember 1900.

Liebe Schwester!

(9 Uhr Nachts.)

Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel

regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als

Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine

per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und

Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf

gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als

wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der

einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil

tanzen möchte zur Unsterblichkeit.

Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult

und erwartet -- seinen Verwandlungsprozeß zum Dichter. Er nimmt

Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich

ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld)

und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht

zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen.

Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben

könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser

imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger,

sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm

Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem

verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das

Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer

der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den

Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum.

Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen

Verleger sucht, der's fressen soll -- das Ungeheuer nämlich.

O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen

Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die

sogar Genien ermattet -- den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft

behalten zur Hoffnung -- und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt

meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken

leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen

elf darbenden Kindern wird jeden Tag rüstiger -- und kommt Pat, dann

geht Pratt -- und wohin?

Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche

andre Gedanken -- wie die Liliputaner den Gulliver -- diesen Riesen

nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von

Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch -- der

Kampf ist begonnen -- die Geister stürmen -- ich werde geschleift -- --

Wohin??

(10 Uhr Nachts.)

Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich

so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in

greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht,

weint, -- es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne.

Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel.

(11 Uhr Nachts.)

Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt.

Ich denke viel an Dich -- und schreibe. Ich denke an mein Kind --

und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge -- aber ich

schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder

die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit

krallenden Fingern erdrosseln?

Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der

feigste Knabe und erst wieder ruhig werden kann, wenn ich mein Weib

und Kind umarme.

(12 Uhr Nachts.)

Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und

jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich

bete. Das ist meine Gebetstunde.

(1 Uhr Nachts.)

Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten,

öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine

Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal

jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß

schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte.

Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an

dem die Schöpfung hängt -- die Räder, die sie treiben -- die Walzen,

Formen, Pfannen, Feilen, Zangen -- die Drehbank, auf der Planeten rund

geraspelt werden -- die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft

-- das Sternensieb -- Seiher für die Nebelflecken -- und hundert

Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit

unbeschreiblicher Geduld und Güte. ~Eine~ Frage nur, und sie

dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf

Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor

dieser Frage -- ~du~ allein kannst sie beantworten.«

(2 Uhr Nachts.)

Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem was dran, drin und drauf

klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte

nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst --

ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva.

Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die

Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche

Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden,

das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber

küssen -- nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt

schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber,

Schwester! wenn Du sie sehen könntest -- schlafen -- und ein Mann

wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und

sie anbeten. -- Ich tu's oft.

In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge,

vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß

oder kniete ich oft vor ihrem Bett -- mit einer Andacht wie der Pilger

vor dem Bilde der Madonna.

Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken

brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde.

Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt

Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher,

idealer, vom Dulden, Entsagen -- sogar Hungerleiden.

Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu

beichten, ich rechne felsenfest auf Verschwiegenheit (Du bist mir eine

schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut.

Also:

Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit

Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann.

Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl

überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie.

Drittens: Gott segne euch Frauen.

Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder -- eure

wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize.

Fünftens: Ich liebe euch ~alle~ -- sehr, oder weniger -- aber alle.

Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich

jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich

nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche

Freundinnen mitbringen -- ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu

allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es,

wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht!

Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was

werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer

Krönung? Denn ~ihr~ seid die Krone der Schöpfung -- nicht der

Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit

Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht

vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte

wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder)

geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das

Messer schliff und Ketten schmiedete. -- Er wird seine Handlungen

Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt

ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten

auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch

nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er

sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib.

Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch

der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit -- aus Angst vor ihrer

Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart;

sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie

ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach

den Wolken -- hahaha!

Ist das zu viel gesagt? -- Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an,

den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser

von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst -- aber das sind

nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den

er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten

Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht

und freien Wahlzettel -- hahaha!

Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend von allem, was

Menschen befriedigen kann -- Wohlstand förmlich gebärend -- und

Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben,

verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es,

nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er

selber.

(3 Uhr Nachts.)

Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen?

Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der

ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns

wird das andere überdauern? ~Eins~ sind wir nicht, sie und

ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist,

führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable

Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch

Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort.

Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte

leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos -- das andere nötigt dem

ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom

Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es

Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht

eins von beiden weggetragen wird als Leiche.

Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es

mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener

Kerze durch ein grenzenloses Labyrinth -- durch die Mammuthöhle. Der

einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein ~eigener~ Atem; der

Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn

ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert -- wie Echo -- das

Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« -- Manchem Geist und Gespenst

begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich,

der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach --

nach -- was? Dem Eingang, dem Ausgang.

Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort

draußen. Wiesen, blumenbesät -- Wälder, duftend von Harz und Blättern

-- spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den

Ausgang -- oder hätt' ich nie gesucht, gefunden -- den Eingang. -- --

»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das

Himmelreich nicht eingehen.«

»Und was kein Verstand der Verständigen sieht,

Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!«

Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen

Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke.

Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben,

wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner

lahmen Theorie.

Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der

jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und

Unverschämtheit zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der

Allmächtige sich verneigen muß.

Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du

bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten -- was

ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe

auch anheimgestellt).

Am Dekorationstag waren wir zwei auf dem Kirchhof und schmückten

Klein-Elsies Grab. Als das geschehen war, setzte ich mich, Bertie aufs

Knie hebend, dem Hügel gegenüber und begann mit jeder Faser meines

Geistes Garantien zu sammeln: ob je wieder eine Zeit kommen werde,

wo das liebe Kind, das hier vor mir vergraben liegt, ebenso mich

umhalsen wird und ich es küssen auf die purpurroten Lippchen, auf die

goldlockige Stirne, wie wir's taten so oft und oft.

Die Geschwister · 第 18 / 22 题