St. Louis, den -- --

Teure, herzensgute, einzige Schwester!

Ich bin Dir -- -- und so weiter (jetzt kommt er auf Dich zu sprechen).

Sie ist eine Waise seit ihrem zehnten Jahr; das sind ~wieder~

zehn -- macht zwanzig. Die Eltern waren eingewanderte Skandinavier

und Eva deren einziges Kind. Sie ist ein Modell der nordischen

Rasse: sehr blond, sehr schlank, sehr hochgeschossen, schneeig,

eisig, frostig, gefroren, schier nicht zum auftauen. Hier ist kein

Hauch von Aussicht, zum Herzen vorzudringen, als mit brennender,

weißglühender, alles schmelzender Liebe! -- Sie ist ein Modell des

weiblichen Geschlechtes: keusch, züchtig, natürlich, häuslich, treu,

scheu; schüchtern, so schüchtern, daß sie nicht einmal haltmacht an

der Grenze der Ängstlichkeit. Ein solches Reh lebendig zu fangen,

muß der Jäger ein göttlicher Apollo sein und mit Rosen und Girlanden

seinen Speer verhüllen. Oder ein grausamer, blutsaugender Panther,

vom Baum springend auf das ahnungslose Opfer. -- Sie ist das Modell

einer Christin: religiös, gottvertrauend, duldend, entsagend, Gutes

leicht glaubend, Böses nicht begreifend. -- Sie ist das Modell eines

fleischgewordenen Engels: himmelschön, himmelrein, himmelhoch erhaben

-- über mich. Ich kann sie nicht und nie erobern -- ~ergeben~

muß ich mich ihr, das ist die einzige Möglichkeit, eins zu werden mit

diesem Engel Eva.

Das sind also die Lichtseiten meiner Braut. Jetzt gelange ich zu

Evas Schattenseiten. Wäre das Mädchen unsichtbar für irdische Augen,

ich ging' beschwören, es ~habe~ keine Schattenseiten, sondern

überstrahle an Reinheit Licht und Sonne; aber Eva ist sichtbar,

leibhaftig, körperlich und hat demgemäß ihre Dunkelheiten wie jedes

Ding der Welt.

Hier folgen sie: Eva ist sehr arm, sehr unerfahren, sehr -- -- jetzt

kommt der tiefste Schatten -- ach, er lastet wie die Winternacht ihrer

nordischen Heimat auf diesem Maienbild -- Eva ist ungebildet. Sie hat,

fürchte ich, kaum je ein Schulhaus gesehen von innen. Sie kann, fürchte

ich -- schreiben gar nicht und lesen nur im Schneckentempo. Daß Gott

erbarm! Das arme Kind mußte zur Fabrik, ihr Kostgeld verdienen --

anstatt zur Schule. Wer ist schuld? -- Und so weiter und so weiter.

Liebe Schwägerin!

Du siehst also, wie und wer mich auf den Wahn leitete, Du könnest

weder lesen noch schreiben und ständest vollständig seitwärts der

Korrespondenz, wie ich sie führe und liebe. ~Er~ ist es! Bezahl

ihm's heim! -- Eigentlich weiß ich ganz genau, warum er dieses Spiel

treibt: er möchte Dich so unumschränkt allein besitzen und ausnützen,

daß er eine Teilung fürchtet mit seiner ~Schwester~, auf tausend

Meilen Entfernung sogar. Es ist die verfluchte, höllische Eifersucht --

die schwarze, gelbe, grüne!

Doch genug darüber. Ich bin nur froh, daß ich von jetzt an meine

Waschfrauenkorrespondenz erweitern kann. Du sollst manchen Brief

erhalten von Jennie -- und Jennie erhält hoffentlich manchen Brief

von schön Evchen. Das wird ja eine prächtige Zukunft -- -- Ach! Hier

fällt's mir wieder ein, die klaffende Wunde der abgesägten Hand.

O, was hast Du leiden müssen, was wird noch kommen, Du arme Dulderin!

Vater, Mutter verloren -- die Heimat zweimal verloren -- das

heißgeliebte, goldlockige Kind, die Elsie verloren -- dann Gesundheit

verloren -- und jetzt drückt mit diesem letzten, fürchterlichen Unglück

das Kreuz Dich auf den Boden. Und niemand hast Du, der Dich aufrichtet,

Dich tröstet, Dich ermutigt. Du armes Weib. Gott helfe Dir -- -- --

Ich muß so weinen, daß ich zittere. Ich werd' Dir ~später~

schreiben. Trösten kann ich Dich schwerlich, wenn ich weine und

schluchze wie ein Kind. Leb wohl, Schwester! und Gott sei mit Dir und

Deinen Schützlingen.

Jennie Daly.

* * * * *

Brooklyn, den 5. Oktober 1900.

Liebe Schwester!

So -- so -- hm! -- Hinter meinem Rüden also spielt mein Weibchen mit

Dir und Du mit ihr. Bertie hat's verraten. Bertie ist ein Schwerenöter.

Alles weiß Bertie, und was er nicht weiß, ~errät~ Bertie. Daß er

seine lose Zunge von mir geerbt hat, gehört ins Gebiet der Erbsünden.

Ich habe meine Zunge auch nicht selber gemacht -- und mein Vater

die seine ebenfalls nicht -- und wenn die »Pratts« (nach Darwin)

vom Spottvogel abstammen, dann wird das Sündenregister zu lang, den

Schuldigsten dieser allerletzten Schwätzerei zu finden.

Also, Bertie sagte: »Papa, Mama hat einen Brief bekommen vom Postmann

und hat den Brief versteckt, und dann hat Mama gesagt: Bertie, sag dem

Papa nichts von diesem Brief, sonst ist Mama bös mit Bertie; und dann

hab' ich Mama versprochen: ich werd' Papa nichts sagen von dem Brief.«

»Ja, warum erzählst du mir's jetzt?« forschte ich das Kind aus, »wenn

Mama dir's verboten hat?«

»Weil ich Angst hab', du möchtest böse werden, wenn ich nichts sage,

Papa. Und dann brauchst du ja der Mama nicht zu sagen, daß ich dir's

sagte, sonst sagt Mama, der Bertie sagt alles, und ich sagte, er soll

nichts sagen, aber alles sagt er.«

Das war allerdings genug gesagt. Warum auch Kindern Geheimnisse

eingeben, dieses Gift der heutigen Gesellschaft.

»Freiheit für jeden und jede!« Ich ließ die Sache ruhen; nur ein

klein wenig wunderte es mich, woher der Brief sein sollte; das ist ja

verzeihlich.

Du treue, gute Seele! -- »Mann und Weib sind ein Leib -- und eine

Seele« ruf' ich laut. Mein liebes Evchen gab mir, und mit strahlenden

Augen, Dein Schreiben zu lesen. Es war das erste nach dem Kuß, was ich

von ihr bekam, als ich ermüdet in die Küche trat.

Dann las ich Zeile für Zeile, und Eva berichtete mir gewissenhaft die

Nebenumstände der jüngsten Korrespondenz; ein ganzer Heuwagen voll

Neuigkeiten war es für das geschwätzige, alte Waschweib »Tom Pratt«.

Rache ist süß! Und weil ich gar viel Bitteres verschluckte in letzter

Zeit, so fühle ich unbändiges Verlangen, die Süßigkeit zu naschen.

Rache muß ich nehmen, süße, herzblutwallende Rache (an ~Dir~,

Schwester, ~später~ bei Gelegenheit) an meinem -- hinterlistigen

Weib, sofort, jetzt. Hinter ihrem Rücken werde ich ein Geheimnis

preisgeben, das sie wähnt nur selber zu besitzen, das sie verschlossen

hält in ihrem Busen wie der Tod das Leben.

Also -- Verrat Nummer eins.

Es war vor etlichen Wochen -- genau das Datum weiß ich nicht --

ich hatte eine qualvolle, schlaflose Nacht überstanden. Mein Arm,

mein armer Arm war vom Doktor verschnitten und verhackt worden wie

Karbonade, am Tag vorher, und die Schmerzen ließen mir keine Ruhe.

So schlummerte ich denn am folgenden Morgen gegen Mittag ein. Als

ich bald wieder erwachte, hörte ich Eva sprechen in der Küche, Es

konnte nicht Bertie sein, mit dem sie redete: den Knaben hatten sie

fortgeschafft nach Neuyork zu einem Freund von mir, während der

Operation und Krisis. Also mit wem redet mein Weib? Verstehen konnte

ich nichts, die Konversation wurde im Flüsterton gehalten; aber hin und

wieder vernahm ich ein Lachen, Kichern, allerlei unartikulierte Laute,

wie Schluchzen, Stöhnen -- sogar Küssen.

Ich bin ein ~Mensch~. Trotz des Blutverlustes der paar

vorhergegangenen Tage, die Eifersucht abzuzapfen war nicht gelungen;

und sage: wenn Othello eines lumpigen Taschentuchs wegen so bullenwütig

werden konnt', sein Weib totzudrücken im Bett -- -- Sapperment! ich

wär' ein Klotz Polareis, hätt' ich stillgelegen bei diesem Geflüster

nebenan in der Küche, bei diesem verdammten Kichern, Küssen, Stöhnen,

diesen Ohs und Ahs!

Plötzlich -- -- sah ich etwas an der Wand, das mich blitzesschnell so

mit Weh erfüllte, mit Schreck und Grauen, daß Feder und Tinte es nicht

beschreiben dürfen. Eigentlich sah ich es nicht. Wenn ich sagte, ich

sah es, ist das umgekehrt zu verstehen: das Bild meiner Elsie, das

immer dort gehangen hatte, es war fort -- verschwunden -- und die ganze

volle Ahnung, was das bedeute, kam in meine Seele.

Eva hat das Bild in der Küche und redet mit dem Kind.

So müd und krank ich war, unsägliches Verlangen gab mir Kraft, mein

Bett zu verlassen. Vorsichtig, mich festhaltend an Bett und Wand,

wankte ich zur halbgeöffneten Tür. Gott der Mutterliebe! es war wahr:

Eva kniete, mit dem Rücken halb nach mir gewendet, am Boden vor dem

Bild. Auf einem Stuhl hielt sie es mit beiden Händen; bald nah, bald

weit von sich. Dann wieder preßte sie das Bild an die Brust, und heftig

gegen das Gesicht. Ihr mageres, kreideweißes Gesicht -- im Profil so

unsäglich überirdisch, marmorgleich -- die scharfe, dünne Nase -- das

scharfe, dünne Kinn -- die merkwürdig tiefen Augen -- ich hatte Angst,

das Glas möchte zerbrechen an diesem Marmor ...

»Mein Kind!« kam es von den Mutterlippen. »Mein liebes Kind! Elsie!

Elsie! Wo ist Elsie? Ist Elsie im Himmel? Ist Elsie bei Gottes

Engelchen? -- Goldenes Hemdchen haben sie Elsie angezogen, die

Engelchen; goldene Schuh'. Und Elsie ist gern im Himmel -- sehr gern im

Himmel. Kind!!«

Das letzte Wort wurde geschrieen -- die vorhergehenden gestöhnt in

Grabestiefe -- abwechselnd mit Schluchzen, hysterischem Lachen und

einer Flüsterstimme, so übermenschlich zart wie das Zwitschern junger

Schwalben im Nest.

Gott der Mutterliebe!

Dann küßte die Unglückliche wieder das Glas. »Wird Elsie Mama

liebhaben, wenn ich komm'? Wird mich liebhaben? Und kennen? Papa ist

krank, Elsie -- sehr krank -- Papa und Mama werden bald kommen -- Mama

kommt gern -- Papa kommt auch gern -- Bertie will noch spielen, dann

kommt Bertie auch, dann sind wir beisammen wieder -- alle. Wie lieb hat

Elsie Mama? ~So~ lieb -- ~so~ lieb!«

Herzbrechendes Schluchzen hob und senkte ihren Busen. Der abgemagerte

Leib, durch dünne, ärmliche Kleider durch, zitterte wie im Fieber, und

Tränen auf Tränen rieselten hernieder in heißen Tropfen -- vom Marmor

auf das Glas.

Gott der Mutterliebe, hab Erbarmen!

Ich mußte weg. Ich hätte noch länger dort gestanden an Himmels Tür,

aber die Kräfte gingen mir aus. Ich suchte mein Bett. Dort gewahrte ich

die abgerutschte, verbrauchte Wandtapete, wo das Bild gehangen hatte.

Also oft -- oft schon hat die Mutter das Bild heruntergelangt.

Ich schlief ein.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 15. Oktober 1900.

Liebe Schwester!

Ich wartete lang', damit ich Dir zur Abwechslung eine Freudenbotschaft

mitteilen könnte. Die ist aber ausgeblieben -- wie alles, was man

wünscht, erwartet, hofft, ersehnt und so weiter.

Mein Arbeitgeber in Neuyork, den ich vor zwei Wochen etwa besuchte,

versprach mir eine Antwort zu senden auf mein Bittgesuch um Arbeit;

und diese Antwort blieb aus. Das ist ein so herbes Gefühl, daß man

zusammenhängende Gedanken nicht schreiben kann damit. Lies, wie es

kommt!

O, war die Welt schön; oder schien sie nur mir armem Gefangenen so

schön, dem Stubenhocker, Bettlieger? Kühl wehte die Seebrise über den

Sund, der plätschernd durchschnitten wurde vom Kiel des Fährboots.

Melodisch gurgelten die Wasser unterm Bug. Seegeier kreisten in der

Morgenluft, tauchten nieder auf die Flut, stiegen aufwärts zum Äther,

schwammen in der Freiheit. Wolken trieben hin am blauen, stillen Dach

dort oben -- Gedankenstriche ziehend durch die Schöpfung -- und die

Königin der Lichter, wegküssend gleichsam Sorgen, Sünden, Tränen der

Menschheit, küßte die Millionenstadt.

Und Tom wischte sich die Augen. Auf dem vordersten Rand des

pfeilschnell dahinschießenden Fährboots stand er und -- der Wind füllte

seine Augen mit Wasser. -- --

Ja, ja, so möchte ich den Brief beginnen und symmetrisch zum Himmel

bauen, bis Freude mich zum Sklaven heißer Tränen preßt. Aber die

Botschaft ist ausgeblieben. Ich habe bis zu dieser Stunde noch keine

Antwort auf mein Bittgesuch um Arbeit. Dass ist schlimm. Das ist ein so

herbes Gefühl. O! was haben wir drei arme Dulder durchgelebt in diesen

paar Wochen an Hoffnung, Glauben, freudiger Erwartung, Zukunftsplänen

-- Enttäuschung.

Doch ich will trocken erzählen, wie es dem Mann mit der abgesägten Hand

ergangen ist auf seiner Betteltour nach Arbeit.

Der Anfang war majestätisch. So majestätisch fing der Bettelsack am

Morgen an, sich in Staat zu werfen; sein bestes Hemd anzulegen, sein

bestes Gewand, Halstuch, Gesicht -- sein Bestes hinten und vorne.

Majestätisch stieg er die Treppe hinab auf die Straße, die Straße

hinab nach dem Fährboot. Hinab -- hinab, aber so majestätisch, daß es

geradezu Notwendigkeit wurde, den Bettelsack heimzuschicken Abends,

auf dem nämlichen Weg, so total verändert, verlottert, verdonnert,

in Bettelsacks allertiefunterster Gottverlassenheit. Das stellt das

Gleichgewicht wieder her!

Die Wasserfahrt von Brooklyn nach Neuyork währte zwanzig Minuten. In

Neuyork ging Tom die altgewohnte Straße entlang zu seiner ehemaligen

Arbeitsstelle; das währte nochmals zwanzig Minuten. Um zehn Uhr betrat

Tom das Fabrikgebäude und stand vor der Kanzlei seines Herrn.

Angst und Hoffen! Das Herz klopfte ihm hörbar vor Aufregung. Hier

liegt die Entscheidung. Wenn hier keine Anstellung wartet, wo er

bekannt ist, geachtet, wo er verkrüppelt wurde im treuen Dienst für die

Firma -- wenn hier nicht, wo dann? Dann ist er gerichtet, verloren --

arbeitslos. Gott der Armen, laß Tom nicht untergehen! Denk an sein Weib

und Kind, lieber Gott, und laß Tom nicht untergehen!

Ich klopfte an und trat ein. Wurde merkwürdig gut aufgenommen. Der

Empfang verblüffte mich. Das ganze Personal scharte sich teilnehmend

oder neugierig um meine abwesende Hand. Ich war so plötzlich,

unerwartet das Zentrum, die Hauptfigur, daß ich mir vorkam wie

eine steigende Rakete, nach der sich alle Blicke kehren. Ach! die

Himmelfahrt dauerte nicht. Die Rakete platzte an grauer, hängender

Wolke, und alles, was übrig blieb aus der glühenden Verklärung, war der

Stock -- Toms Bettelstab.

In der Kanzlei saß ich dann auf dem äußersten Rand eines Stuhls,

schier abrutschend vor Bescheidenheit -- und Angst -- und bettelte

alleruntertänigst, unterwürfigst um Anstellung, Beschäftigung.

Und -- wahrhaftig, ich bekam sie. Denke Dir, Schwester, ich bekam sie.

Im ersten Anlauf. Welche Überraschung. Mein Arbeitgeber gab mir --

~Hoffnung~, mich unterbringen zu können, irgendwo -- nicht gerade

in seiner Fabrik, das sei unmöglich, aber sonstwo -- wahrscheinlich

-- möglich -- allem Anschein nach -- immerhin -- kann ja sein -- so

oder so -- wollen's abwarten. Abwarten. Wissen lassen per Postkarte.

Hoffentlich.

Ja, ja, hoffentlich. Das war auch eine Litanei mit: »Herr, erbarme dich

meiner!«

Der Werkführer der Fabrik war sogar noch hoffnungsreicher als der

Prinzipal. Er hatte einen unerschöpflichen Vorrat und schmierte mir

unglaubliche Bilder vor, wie Leute untergebracht wurden in feinen

Anstellungen, die nur eine oder gar ~gar~ keine Klaue besaßen.

Meine Arbeitskollegen waren wiederum hoffnungsreicher als der

Werkführer. »Tom!« sagten sie, »du kannst schreiben, rechnen und

kannst einen Platz kriegen in der Kanzlei; du kannst einen Platz

kriegen als Wächter« und so weiter.

Der Fabrikjunge verstieg sich sogar zu der Äußerung: es könne mein

Glück sein, daß die Hand zum Schinder ging. Mit zwei Händen wäre ich

zeitlebens am Werktisch gestanden im Staub und Rauch, jetzt aber

dämmere mir eine neue, rosige, regenbogenfarbige Zukunft.

Je tiefer ich herabkam in der Rangstufe der Angestellten, je höher

stieg ich in der Hoffnung. Schade, daß sie keinen Hund halten in der

Fabrik, der Köter hätte sie alle übertrumpft und mir eine Anstellung

~gegeben~ -- und wär's auch nur bei seinem Lampenpfosten.

Auf meiner Rundreise machte ich meinem früheren Werktisch eine Visite.

Und der Säge. Ein Mann, doppelt so alt, doppelt so verwahrlost,

doppelt so ungeschickt wie ich, quälte sich jetzt an dem Platz. Er

schüttelte mir die Hand und sagte: er danke Gott, daß Tom Pratt die

»Linke« verlor, oder die »Rechte«; welche von beiden, sei ihm übrigens

gleich. -- Nein, das sagte er nicht; aber daß er sieben Wochen lang die

Straßen Neuyorks abgelaufen hätte nach Arbeit, und total bankrott sei

mit seinem Hauswesen -- ~das~ sagte er. »Mister Pratt, hätt' ich

diesen Platz nicht gekriegt damals, ich hätt' den Strick genommen.« Er

machte eine knotenschürzende Handbewegung um seinen Hals herum, damit

ich die Meinung seiner Worte leichter begreife. Also ~das~ hat

dem das Leben gerettet! Sag einer, es herrsche keine Weisheit dort

oben, die für jeden Hilfe findet zur rechten Zeit! -- Aber -- hm --

so nebenher und hintenrum gesagt: allmächtig sein ist doch nicht gar

so schwierig, wie es ausschaut, wenn man's dem einen erst nehmen muß,

soll's der andre bekommen.

Dann nahm ich Abschied vom Platz, auf Wiedersehen -- hoffentlich.

Im Glauben ging ich hinein -- in der Hoffnung heraus. Wär' ich ein

Frauenzimmer, ich müßt' zur Hebamme laufen mit der Last.

Was nun? Die Tür ist zu. Ich steh' auf der Straße. Und das ist alles,

was ich erbetteln konnt'? Ooo! -- Am Sonntag noch war ich zur Meß

gegangen, und Bertie betete mit seinen Kinderhändchen und -lippen zum

Vater der Armen, mein Weib betete.

Neben der Fabrik steht eine Kapelle. Ich fühlte mich so müd, so mutlos,

daß ich eine Zeitlang überlegte, ob es angenehmer wär', wenn ich mich

zuerst ertränkte im nahen East River, oder die paar Stufen hinaufginge

zum Kirchlein. Ich wählte das letztere. »Du lieber Gott!« seufzte ich

beim Eintreten in den Tempel, »auch du hast deine Sorgen.« Da stand

groß und leserlich an die Wand geschrieben: Betender, hilf mit einer

Gabe die Hypothek tilgen, die auf dem Hause Gottes lastet.

Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht

fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken

war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine

Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche Schnorrerei muß ich

erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen --

und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das

hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt

ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter

Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken -- es könnt'

ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine

Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der

Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die

Verwandlung ist fertig!«

Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht

ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen.

Wohin jetzt -- zuerst? -- Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße

brachten mich auch nicht näher gen Himmel. -- Wohin jetzt? -- Langsam

schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos --

zwecklos.

An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine

Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete

mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir

ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine

Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug

einen Lumpensack, so groß wie -- -- pah! warum meinen Humor vergraben,

eh er stinkt -- raus!! -- -- die trug einen Lumpensack so groß wie

der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug

falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener,

der trug einen falschen -- nein! einen aufrichtigen -- nein! einen

beneidenswerten -- ja! Rausch.

Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime

Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf

dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! ~Tragen~ ist

die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen -- jeder, jede,

jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt

den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das

Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat

muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die

Krone tragen; und ich -- die Verzweiflung.

An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und

das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von

Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen

Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der

Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele

nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den

Brustkorb -- das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt -- gelt,

Bruder Mensch, das hält dich kalt.

An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der

andern, und alle waren sie sperrangelweit offen. Schräg über sah ich

eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem

festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der

Schnapshöhle geworfen -- und hier nicht hereingelassen.

Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in

jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger

fronen.

Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen

Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik

Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen -- anstatt Hände und

Gewissen.

Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem

Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer

als Jesus Christus, und heute -- bist du ein Heros außer Arbeit. ~Ich~

bin ein ~Feigling~ außer Arbeit; aber ich werde begraben und dann

vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben.

Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend

arme, arbeitsslose Menschen und -- warten auf den Messias. Wären

~mehr~ Parkbänke da, dann säßen ~Zehn~tausende fest und

warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den

Messias.

Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich

dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über

sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel unter

sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum

Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das

sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im

Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott

geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder

sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich

spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher

und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich -- und ganze

Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen.

Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen

verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach

Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten

schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht,

aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein

Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich.

Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das

Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie ~das~ Schiff den

Hafen finden kann -- das seh' ich nicht.

Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des

Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im

hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung -- das seh' ich.

Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber.

Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum

Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen -- das seh'

ich nicht.

Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen,

ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer

dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut,

Menschenelendsgrenzen -- das seh' ich.

Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum,

Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram,

Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer,

Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis

herab zum geilen Rattenfänger -- und Pferde, mehr im Wert als

tausend Arbeitswochen eines armen Tom -- sie alle führen hier ein

Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und

Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte

Vieh. Aber ~eine~ Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen

Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer

armer Leute geweint -- das seh' ich nicht.

* * * * *

Schwester!

Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des

Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere,

wenn ich allein gelassen bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir,

mein teures Weib, und diktiert die Zeilen.

»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe

Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der

liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so

eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes

Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige,

Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß.

Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit.

Vater unser, der du bist im Himmel.«

O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden.

~So~ darf ich schließen, Schwester. Leb wohl!

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 22. Oktober 1900.

Meine Schwester!

Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben -- und das ist

vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit

stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den

Dämpfer auf.

Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß

ich mich ändern muß -- total ändern. Nicht reformieren, sondern

revolutionieren muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament

wenigstens, auf das sich bauen läßt.

Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft

schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig

Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen

Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die

meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher

Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es

geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem

früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die

Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz,

den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste

Segen. So geht's.

Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er

kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden

Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel

aber -- der Himmel helf!

Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück

soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das

Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde

soviel Geduld gebären -- eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee

bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und -- selber angreifen. Jeden

Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber. Kommt

das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag'

ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und

glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam

eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das

lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich.

Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus,

von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab,

den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer

Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist

einträglicher als -- -- ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den

Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag.

Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern

ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der

Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung

besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das

Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist

also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das

Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung

füttere -- es schleift mich fort am Halfter.

In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende

Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu

schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf die

Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß

das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf

seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die

Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker

das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er

sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall

lockt damit.

Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem

billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der

Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's

beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas

stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen

Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und

Schweinefüß'.

Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich

erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern,

die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte

am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses

Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als

Bezahlung.

Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie)

Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen

Platz durch Hausarrest am folgenden Tag.

Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich

finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage

ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal

verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal

waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei

lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden,

Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine

Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere

hinten.

Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings

bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends

heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen ~später~ wahnsinnig

-- und das ist auch was wert.

Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein

Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle

ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe

jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer

Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und --

'raus mit dem Bock! --

So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen!

Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat

besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die

unruhige Seele, so ohne Salz und Schmalz -- -- aber ich will nicht

murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche

Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein

toller Stier -- aber Tom ist nicht verrückt.

Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr

Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen

von Dreck -- wir werden nicht verhungern.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 3. November 1900.

Teure Schwester!

Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur

Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine

Familie, dann -- brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat

er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als

er hungrig wird beim Fasten.

Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über

den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten

kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann.

Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen

Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der

Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen

Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf er vor dem Unglück

bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder

nagendes Gewissen.

Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich

aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig

ist oder kein Krüppel.

Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete

meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?«

frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir

keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben

retten kannst du auch nicht -- -- aber stehlen kannst du -- stehlen --

sogar schwören, einen falschen Eid schwören -- einem reichen Protzen

die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren --

die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere

~auch~ verzweifeln.«

Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom

Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 12. November 1900.

Teure Schwester!

Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur ~eine~ Hand zu haben, als

nur ~einen~ Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie ~geht's~,

Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.«

Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon

fragen: »Wie ~steht's~, Mister Pratt?«

Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen

begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen

mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten

Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte --

wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister

Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit

einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient

nichts; und verdient er nichts, dann -- nun ja, dann hört alles auf!

Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu

werden, ist im stande und verwildert zum ~Bettler~. Der Bettler

aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit

nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in

Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr,

ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der

Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv

genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut

des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden,

abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze

gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein -- dann macht die christliche

Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt sich auf

den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich

die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme

Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus

wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere

Gangart -- das kommt vom Saufen! -- Ist der Bettler jedoch ein

Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann -- ja, hier

beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom

Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt

wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt,

wimmert -- ~lügt~. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem

Bettler -- nach einem Wagen, dem er ausweichen muß -- nach einem

Regentropfen, dem er entfliehen muß -- nach einem irgend Etwas -- nach

einem scheuen Gaul -- tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen,

was er ~lügt~) mit der Hand die Herzgegend reibt -- als hätt'

er eins -- -- --. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit,

Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der

Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn

mehr fürs Detailgeschäft. Fertig!

Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben -- mir ekelt.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 15. November 1900.

Liebe, gute Schwester!

Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten

Brief -- und werde abbitten.

Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe.

Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand.

Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und

einen Laib Brot für uns drei.

Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest -- Gott wird dich finden

und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset.

Es gibt doch noch gute Menschen.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 20. November 1900.

Liebe Schwester!

Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und

gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren.

Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt

des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben.

Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte

Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist.

Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch -- aber

rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus

vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den

Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen

bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm

Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige

Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn -- oder gar keinem Lohn.

Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine

Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn

der Monat fällig ist.

Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein

Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank

(Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach--O--Weh«

so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf -- ~der~ weiß, wie

schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu

Tag!

Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine

Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium,

daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand,

und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen.

Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste -- daß sich

die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des

Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare

Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und

Sonnenbrand ...

Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen; der Arbeitslose darf

sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen,

auf und ab. Ist er durstig -- dort steht ein Wassertrog für ihn, ein

Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen

plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig -- zahllose

Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten

Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die

Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger,

Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara.

Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung -- am

Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen

Tag. Der Arbeitslose darf -- stehen darf er nicht dort -- sitzen

auch nicht lang' -- aber scheu durch die Hecken blicken und sehen:

wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche

tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln;

Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen,

Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die

Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn

sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden

vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender,

dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die

Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder

Madames Hut das Wagnis wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher

Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen.

Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die

kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten.

Und um und um drehen sich die Räder.

Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und

Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren

Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren,

ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer

verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu

streuen -- bis Erbrechen folgt?

Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig

wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann

ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt

und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der

Unabhängigkeitserklärung. -- Aber die Gesellschaft kann sich schützen

gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel

geführt -- der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen.

Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria«

schreien -- oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den

Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 25. November 1900.

Schwester!

Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten

uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der

Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet,

keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und

Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn.

Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die

er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht,

bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen

wünscht und keine findet.

Ich klagte über meine Not.

Über die Menschen ~er~.

Ich betete ihn an.

Er hauchte mich an.

Wir gelobten uns ewige Treue.

So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die

Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben -- wie

nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann.

Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken:

»ja« -- die Riesen schütteln: »nein«.

Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen

der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand,

dem Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der

Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün

und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis -- und weinen

Wasserfälle.

Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der

Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer -- und auf Wolken

wieder aufwärts bis zur Quelle -- hin und her. Die Blumen hauchen ihre

Seelen aus vor Lust und Sehnen -- die Blumen weinen Tau -- die Blumen

sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer -- und

nimmer wieder.

Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als

Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir -- --

mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts -- mit einer

Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust -- mit Sonnen -- Sonnen -- --

Sonnen -- -- --

Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom.

Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die

Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht

nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's,

schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins

Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die

Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein

tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer.

Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den

Seraphs Harfen spielte -- mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über

blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf

die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind.

Die Geschwister · 第 13 / 22 题