Nach dem Essen ist es üblich, daß Tänzerinnen den bis zum Halse
vollgestopften Gästen ihre Künste zeigen. Diese Tänze werden für
den Europäer an Langweiligkeit nur durch die endlose Monotonie der
Begleitmusik übertroffen. Die Tänzerinnen, in wallende Schale,
anliegende glitzernde Mieder und weite, über den Knöcheln der
bloßen Füße zusammengebundene Beinkleider gehüllt, bewegen sich in
einem Rhythmus von unendlicher Einförmigkeit stundenlang auf einer
Stelle, heben und senken die Arme, biegen den Oberkörper bald nach
rechts, bald nach links, machen einige kleine Schritte vor- oder
rückwärts, drehen sich mit unglaublicher Langsamkeit um sich selbst
und machen mehr den Eindruck verschlafener Marionetten als den
lebender Wesen. Ihre Vorführungen sind nur auf den Ausdruck ganz
bestimmter Körperhaltungen berechnet, ohne daß sie darauf ausgingen,
in Linie und Haltung seelische Erregungen zu versinnbildlichen. Dazu
ertönt ein ohrenbetäubender Lärm ohne jeden, für europäische Ohren
erkennbaren Rhythmus, und hin und wieder ein fürchterliches Geschrei
der begleitenden Musikanten. Das Ganze muß mehr unter dem Gesichtspunkt
lebender Bilder beurteilt werden, was jedoch dadurch erschwert wird,
daß der Europäer sich erst durch mühevolles Nachdenken in die den
verschiedenen Haltungen zugrundeliegenden Vorstellungen rein indischer,
durchgängig dem Sinnlichen entnommener Phantasien, versetzen muß.
Doch der Inder kann den Tänzerinnen stundenlang zusehen und wird von
den Tanzvorführungen und der uns vollständig unverständlichen Musik
in das höchste Entzücken versetzt. Wahrscheinlich beruht dies auf der
viel geringeren Reizbarkeit seiner Nerven, die bedeutend langsamer
als europäische reagieren und die, um überhaupt in Schwingungen zu
geraten, eine ständige, langdauernde Wiederholung desselben Eindruckes
erfordern, also gerade das, was die Nerven eines Europäers am ehesten
ermüdet.
Die Tänzerinnen in Indien, die diese Vorstellungen geben, heißen
„Nautsch-Mädchen“ und erinnern in der Wertung ihrer gesellschaftlichen
Stellung sehr an das Ansehen, das den Hetären Griechenlands zuteil
wurde. Während die indische Durchschnittsfrau das unangesehenste,
vernachlässigtste, um nicht zu sagen verachtetste Geschöpf innerhalb
der indischen Gesellschaft ist -- abgesehen natürlich von den
Frauen der Fürsten, jedoch auch sie nur innerhalb gewisser Grenzen
--, ohne jedes Wissen, ohne irgendwelche Begriffe, so sind die
Nautschtänzerinnen nicht nur von den, überall den Frauen in Indien
aufgelegten Sklavenfesseln frei, sondern sogar die anerkannten
Herrscherinnen der indischen Gesellschaft.
Meistens stammen sie aus Tandschor und Travancor in Süd-Indien,
denn den Mädchen Zentral-Indiens, wie denen der Nordwest-Provinzen
und Kaschmirs oder gar Bengalens fehlt es an Schönheit und
Körperhaltung für die Aufgaben des Tanzes. Frühzeitig schon werden
sie für ihren Beruf ausgebildet; sie lernen lesen und singen und
haben große Bewegungsfreiheit, trotzdem sie in vielen Fällen der
Travancor-Brahminen-Kaste angehören.
Ein jeder Fürstenhof verfügt über ein besonderes Nautsch-Korps,
das etwa dreißig, auch vierzig oder fünfzig Tänzerinnen umfaßt und
ungefähr dem Ballet eines europäischen Hoftheaters entspricht. Die
Mädchen müssen von möglichst hellbrauner Hautfarbe sein und werden
von den mit ihrer Erwerbung oder Einkauf betrauten Beamten sorgfältig
ausgesucht. Ein zu dunkler Hautton würde ihn unweigerlich seine
Stellung kosten. Die indische Art, sich zu kleiden, oder besser den
Körper mit unförmlichen Gewändern zu Bündeln zu verunstalten, Ohren,
Nase, Fußknöchel, Arme und Hände mit goldenen und silbernen, dicken
Schmucksachen zu überladen, bringt ihre oft erstaunliche Schönheit
nicht vorteilhaft zur Geltung. Gewöhnlich tragen sie außer dem
faltigen Obergewand ein an der Wade festanliegendes Beinkleid, das, im
Oberschenkel weit geschnitten, in vielen Falten herabfällt.
Sie genießen ganz besonderes Ansehen und gelten im Tempel und im Hause
für unentbehrlich. Allen Festlichkeiten der Eingeborenen wird erst
durch ihre Gegenwart der rechte Glanz verliehen. Ein Nautschmädchen
schmückt die Braut am Hochzeitstage. Ihr Erscheinen genügt, ein im
Kastensinne verunreinigtes Haus wieder rein zu machen. Alle Kasten
verehren sie, und ganz allgemein haben sie stets das Recht, selbst in
Anwesenheit der höchststehenden Persönlichkeiten sich zu setzen.
In vielen indischen Gegenden werden sie wie Prinzessinnen geachtet.
Ihre Gehälter sind für indische Begriffe fürstlich, erhalten sie
doch bis tausend Rupien im Monat, mehr, als den meisten indischen
Ministerpräsidenten an offiziellem Gehalt zusteht. Daher haben sie auch
niemals Veranlassung, ihre Gunst zu verkaufen, sondern sind ganz im
Gegenteil frei, ihren Neigungen zu leben.