Ebenso verachtet, wie die Nautschmädchen geachtet werden, ist der
schon als vorzüglicher Hindu-Schikari (Jäger) erwähnte Angehörige der
Baurikaste. Sein Gott ist der Gott der Diebe, zu dessen größerer Ehre
alle Beute- und Raubzüge unternommen werden. Sein Bild steht unter dem
großen, schattigen Maringenbaum des Dorfes, das nur von Mitgliedern
ihrer Kaste bewohnt wird, auf dem freien Platze vor dem Hause des
„Patel“, des Dorfältesten.
Aber auch die Bauri haben ihre Verehrer. Das sind die Polizisten. Aus
verschiedenen Gründen. Kein Bauri darf sein Dorf vom Untergang bis zum
Aufgang der Sonne verlassen, er sei denn bei einer Jagd beschäftigt.
Für die Einhaltung dieser Vorschrift soll der Patel mit seinem Kopfe
stehen. In den Vasallenstaaten nun wird es mit dieser Vorschrift nicht
so genau genommen, da die Polizei dort wenig Neigung zeigt, sich
mit Dingen zu befassen, die außer unangenehmen Handgreiflichkeiten
nichts einbringen. Dafür aber steht der Polizist gern in einem
nahen Verhältnis zu dem Bauri. Fängt er ihn als Dieb, ist er keines
besonderen Lohnes sicher. Fängt er ihn nicht, so hat er nur Arbeit
und Mühe mit ihm. Daher folgt er meistens liebevoll seiner Laufbahn
im verborgenen und versucht, mit dem Bauri auf gutem Fuße zu stehen,
der nicht abgeneigt ist, im Verhältnis zur allgemeinen Schlauheit des
Polizisten, ihn an den -- meist recht bescheidenen -- Gewinnen seiner
Unternehmungen teilhaben zu lassen.
Jedoch einen wird der Bauri nie bestehlen: seinen Jagdherrn. Lieber
stellt er sich ihm mit seinen scharfen Sinnen als eine Art Detektiv zur
Verfügung. So unterstand mir in Baroda ein ganz besonders gefürchteter
Bauridieb, namens Kalru. Wenn er der gewandteste Dieb und geschickteste
Gauner der nahen und ferneren Umgebung war, so war er auch unstreitig
der beste Jägersmann. Ich machte ihn daher zum „Dschamadar“ oder
Aufseher über seine Schikarigenossen, die in meinen Diensten als
Oberjagdmeister des Fürsten standen.
Hatte ich ihn so für mich und all die vielen Häuser, Gärten, Höfe,
Ställe und Landgüter, die mir unterstanden, als Dieb unschädlich
gemacht, so mußte er doch, obgleich er sich als Dschamadar für seine
Verhältnisse glänzend stand, seinem Gott zu Ehren und um seines
eigenen Ansehens bei seinen Kastengenossen, sowie um seines eigenen
Vorteils willen, noch immer auf Diebesfahrten ausgehen. Dabei stieß
er aber stets einige Meilen in das benachbarte britische Gebiet vor
und schonte die Umgebung von Baroda. Besonders erfolgreich sollte
er in der nächsten britischen Garnison gewesen sein. Jedenfalls war
er dem dortigen Polizei-Inspektor ein Dorn im Auge, dem er von dem
Polizeivorsteher in Ahmedabad als ganz gefährlicher Kunde aufgegeben
worden war.
Nun ist es eine der üblichen Ausreden der englischen Polizei auf
britischem Gebiete in Indien, stets zu betonen, der Grund, weshalb so
viele Verbrechen begangen und so wenige Verbrecher gehenkt würden,
liege darin, daß alle Diebesnester in den Vasallenstaaten gelegen
seien, wohin ihr eigener Arm nicht reiche.
Der fragliche Polizei-Inspektor war ein ebenso leidenschaftlicher Jäger
wie ich und mir befreundet. Eines Tages war er bei mir zu Besuch und
nahm an einer großen, von mir zur Weihnachtszeit veranstalteten Jagd
teil, zu der die Freigebigkeit des Gaekwar mir Gelegenheit gab.
Als die Gesellschaft abends im Meßzelte zusammensitzt, kommt die Rede
auch auf meinen Dschamadar Kalru, und es fällt dem Polizei-Inspektor
ein, daß dies doch der Mann sei, den man ihm von Ahmedabad aus als
so gefährlich aufgegeben habe. Er bittet mich daher, den schlimmen
Gauner doch einmal kommen zu lassen, um ihn sich anzusehen und ihm ins
Gewissen zu reden. Kalru, der natürlich im Jagdlager war, erschien
unterwürfig und unschuldig-bescheiden am Zelteingang.
Der Polizei-Inspektor hält ihm alle seine Schandtaten vor und droht,
bei dem Gaekwar seine Auslieferung zu beantragen, wenn er nicht von
seinen bösen Pfaden lassen wolle. Kalru beteuert seine vollkommene
Unschuld und verspricht alles, was der Polizei-Inspektor will. Ich
beruhige den Mann der öffentlichen Sicherheit mit Hinweisen auf Kalrus
vorzügliche Eigenschaften als Jäger. Alle Anwesenden beginnen,
Geschichten von der erstaunlichen Schlauheit und Gewandtheit der Bauri
im allgemeinen zu erzählen und wie sie jeden, wer es auch sei, zu
überlisten vermöchten.
[Illustration: Ein typisches indisches Straßenbild: Barbier auf der
Straße]
[Illustration: Indischer Gaukler mit Pariahund und Affen]
Der Polizei-Inspektor, der nichts auf seine und seiner Leute
Überlegenheit jedem Diebe gegenüber kommen lassen will, bestreitet das
Lob und behauptet, daß, solange seine Sachen unter der Obhut seiner
selbst und seiner braven Polizisten seien, ihm niemand etwas stehlen
könne.
Diese Gelegenheit benutze ich zu einem Versuch, meinen Dschamadar zu
schützen, und trage daher dem Polizei-Inspektor eine Wette an, daß
Kalru ihm noch in dieser Nacht irgend etwas aus seinem Zelte entwenden
werde, wenn ich ihm den Auftrag dazu gäbe. Natürlich müsse er straffrei
bleiben, und alle seine Missetaten in der Vergangenheit sollten im
Buche der hohen Polizei gelöscht und ausgestrichen werden. Es handelte
sich dabei nur um Diebstähle ohne große Bedeutung, die mehr mit
Schlauheit und Geschicklichkeit ausgeführt worden waren, als daß dabei
irgendwelche besonderen Werte Kalru bereichert hätten.
Gegen den Freispruch meines Dschamadars auf dieser etwas eigentümlichen
Grundlage setze ich eine Kiste Champagner. Die Wette wird unter
Gelächter eingetragen und abgeschlossen. Da wir am nächsten Morgen
wieder früh zur Jagd aufbrechen wollen, geht ein jeder bald darauf
in seinem Zelte zu Bett. Ich aber lasse mir Kalru kommen, rede ihm
meinerseits ins Gewissen und stelle ihm vor, welchen Vorteil er in
dieser Nacht erringen könne, wenn es ihm gelänge, den Polizei-Inspektor
zu bestehlen: Vergessen aller seiner Straftaten und Ehre und Ansehen
bis nach Ahmedabad!
Kalru natürlich schwört bei dem Seelenheil seines Vaters und seiner
Mutter, daß er niemals das geringste gestohlen habe und weist, wegen
vollkommener Unerfahrenheit in solchen Sachen, meine Zumutung entsetzt
von sich. Übrigens, wie könne er es wagen, einen so hohen Beamten,
wie den Polizei-Sahib, auch nur anzusehen, geschweige denn einem so
gewaltigen und mächtigen Manne etwas, und sei es das geringfügigste, zu
entwenden.
Ich schätzte nun aber Kalru als Dschamadar sehr, und es lag mir viel
daran, die Wette zu gewinnen, um ihn so wenigstens von den begangenen
Sünden rein zu waschen. So drohte ich ihm denn mit der Auslieferung an
die britischen Behörden und versprach ihm zum Schluß vor Zeugen, daß
ich alle Folgen selbst auf mich nähme, wenn er in derselben Nacht noch
irgend etwas aus dem Zelte des Polizei-Inspektors zu stehlen vermöge.
Endlich stellte ich ihm noch eine ganze Flasche Eingeborenen-Schnaps in
Aussicht, und er versprach mir, sein Bestes zu tun, um mir meine Wette
zu gewinnen.
In der Frühe des nächsten Morgens kommt er, mit tausend Bitten um
Vergebung und sich vor Unterwürfigkeit auf der Erde wälzend, an mein
Bett. Dabei hält er mir ein weißes Bündel hin, von dem er sagt, daß
er nur auf meinen ganz ausdrücklichen Befehl hin gewagt habe, es aus
dem Zelte des Polizei-Inspektors zu entwenden. Es war das Betttuch des
Inspektors, das Laken, auf dem er am vergangenen Abend fest und sicher
eingeschlafen war!
Niemand begriff, wie es möglich gewesen sei, einen so außerordentlich
frechen Diebstahl auszuführen. Endlich gestand Kalru, daß er auf meinen
Befehl in das Zelt des Polizei-Sahib geschlichen sei -- dies war für
einen geschmeidigen Jäger kein so großes Kunststück, sobald er unter
der Zeltwand ein Loch zum Durchschlüpfen gegraben hatte --, als der
Polizei-Dschokitar, der Wächter des Zeltes, tief geschlafen habe. Im
Zelt habe er sich neben das Bett des Inspektors auf den Boden gesetzt
und sich überlegt, was er nun wohl am besten mitnehmen könne? Ein
indisches Zeltbett ist schmal wie eine Schiffskoje. Statt der Matratze
liegt man auf einem „Ressai“, einem dünnen, kühlen Kissen, das von
einem Gurtnetz getragen wird, und über das das Laken gebreitet ist.
Kalru setzte sich nun neben den im Nachtanzug schlafenden
Polizei-Inspektor und begann, behutsam das Laken der Länge nach
bis an den Rücken des Schläfers zu einer dünnen, festen Rolle
zusammenzurollen. Diese etwa einen Zentimeter dicke Rolle mußte vom
Schläfer bei einer Bewegung lästig empfunden werden, und Kalru rechnete
damit, daß er sich aus diesem Grunde im Schlafe auf die andere Seite
drehen würde.
Er wartete geduldig, bis diese von ihm vorausgesehene Bewegung gemacht
war, worauf er das Laken nur auf der anderen Seite bis zum Rande
zusammenzurollen brauchte, um mit seiner Beute das Zelt verlassen zu
können.
[Illustration]