Wenn mir, wie als Tasildar in Phagwara oder auch in den Bungalows, die
ich in den verschiedenen Orten bewohnte, sei es der Gaekwar von Baroda,
der Maharadscha von Kapurthala oder einer der anderen Fürsten, an deren
Höfen ich zu tun hatte, Wohnung und Haushalt zur Verfügung stellten, um
meinen Obliegenheiten nachzugehen, wie Jagdtiere einzukaufen, Pferde
auszuwählen, Gebäude zu besichtigen, Bestellungen aufzugeben oder
Erkundigungen einzuziehen, so kam ich naturgemäß in enge Beziehung zu
allen Klassen von eingeborenen Indern. Minister und Priester, Bauern
und Händler, Jäger und Handwerker der verschiedensten Art und in den
verschiedensten Provinzen und Landesteilen des großen Indien kamen,
mich aufzusuchen, um in ihren eigenen indischen Angelegenheiten mit
mir zu verhandeln. Oft auch wurde ich von den Höherstehenden, die auf
Besuche fremder Gäste eingerichtet waren, das heißt, deren Häuser die
hierfür notwendigen, besonderen Gemächer hatten, zu Gaste geladen. Noch
öfter aber hatte ich Gelegenheit, Gäste aus den eingeborenen Kreisen
bei mir zu sehen, die ich, als Vertreter der hohen indischen Fürsten,
in deren Diensten ich stand, auf das beste bewirten mußte. Meistens
luden sich die Herren selbst zu Gaste bei mir.
Wohl waren die Erfahrungen, die ich am Beginn meiner Laufbahn im Palast
„Luxmi Vilas“ in Baroda bei den Einladungen des Gaekwar gesammelt
hatte, nicht dazu angetan, eine Tischgesellschaft von Indern für sehr
anziehend zu halten. Und hinsichtlich der allgemein üblichen indischen
Art, sich bei Tisch zu betragen, ist dies auch stets und überall das
Gleiche geblieben.
Jedoch die Schwierigkeiten der kastengemäßen Bewirtung waren bei
Einladungen in meinem eigenen Hause nicht so groß, wie am Hofe von
Baroda, wo keiner der Eingeladenen sich vor den anderen etwas vergeben
wollte. Solange die Vorschriften der Kasten formell beachtet wurden,
war es in dieser Hinsicht ziemlich gleichgültig, was ich meinen Gästen
vorsetzte. Nur achtete ich stets darauf, niemals von der wirklichen
Natur der Speisen zu sprechen, die ich den Gästen vorsetzen ließ,
sondern die Gerichte stets als ihren eigenen Kastengeboten entsprechend
zu bezeichnen.
So saßen an meinem Tisch, oftmals sogar zusammen: Maharatten,
Ratschputen, Buddhisten, Brahminen, Gutscheraten, Mohamedaner, Parsi,
Afghanen, Perser, Sikh und eine ganze Anzahl Angehöriger anderer
Kasten, Völker und Glaubensbekenntnisse.
Der eine durfte kein Fleisch, der zweite keinen Fisch und andere wieder
keins von beiden essen. Jenem war es untersagt, ein Ei anzurühren.
Dieser nährte sich nur von bestimmten Gemüsen, oder es war ihm nur
der Genuß des Fleisches ganz bestimmter Tiere gestattet, alle anderen
waren ihm verboten. Manche durften wieder nur Speisen genießen, die
auf genau vorgeschriebene Weise zubereitet waren, und oft spielte noch
dazu die Art des Tötens des betreffenden Tieres eine große Rolle.
Kurz, wenn ich je auf den Gedanken gekommen wäre, meine Gäste genau
ihren Kastenvorschriften entsprechend zu bewirten, so hätte ich mir
ebensoviele Köche halten können, wie ich Gäste bei mir sah.
In Wirklichkeit lief es allen Kastenvorschriften zuwider, überhaupt an
meinem Tische zu essen, ein Verstoß, der dadurch noch unverzeihlicher
wurde, weil ich bei diesen streng verpönten Mahlzeiten zugegen blieb.
Aber keiner der Herren war so kastentreu oder so wählerisch, wenn
er sich bei mir zum Essen einlud. Zuweilen nur wurde mein Koch aufs
Gewissen gefragt: es käme doch kein Rindfleisch auf den Tisch? Er
schwor mit allen Eiden, daß seine eigene Kaste es ihm verbiete, eine
derartige Todsünde, wie das Braten etwa eines Filets, überhaupt mit
anzusehen, geschweige denn, selbst dabei Hand anzulegen.
Dabei war er ein Kastenloser, der den katholischen Glauben angenommen
hatte. Auch dies war meinen Gästen genau bekannt. Doch voreinander
gaben sie sich den Anschein, als ob sie der Versicherung des Koches
Glauben schenkten, selbst wenn der betreffende Fragesteller eben im
Begriff stand, sich ein saftiges Stück Rinderbraten auf den Teller
zu legen. Die Hauptsache war, daß sie sich gegenseitig vorspiegeln
konnten, sie handelten in gutem Glauben, und was das Essen selbst
anbelangte, daß ich ihnen recht viel vorsetzte.
Daran fehlte es ja nun nie. Der Meister im Vertilgen von Speisen war
ein Parsi-Arzt in Baroda, ein gewisser Doktor Bahrutscha, der niemals
verfehlte, sich einzufinden, wenn ich Gesellschaft bei mir hatte, eine
Tatsache, die ihm seine Leute, die es wieder von den meinen wußten,
stets mitteilten.
Dieser Heilkünstler der Parsisekte, die, aus Persien stammend,
wenigstens an keine Unmenge verschiedener Götter glaubt, sondern
das Feuer als reinigende Emanation des Göttlichen betrachtet und in
ihren religiösen Anschauungen transzendental genug gerichtet ist, um
auch nach europäischen Begriffen philosophische Gespräche führen zu
können, pflegte die Gesellschaft mit seinen Anekdoten zu unterhalten.
Wie alle Parsi war er regeren Geistes, als die meisten Inder, was
sicherlich damit zusammenhing, daß seine Begriffe nicht von Jugend
auf in die Zwangsjacke der jedem vernünftigen Denken unzugänglichen
Kastenvorschriften gepreßt worden waren.
Doch während des Essens gab er sich nicht mit Anekdotenerzählen ab
und stieß, angeredet, nur ein unwilliges: „~Tairo~“ (Abwarten!) durch
die Nase hervor. Als er zum ersten Male bei mir zu Tisch war, sah er
mit schreckhaftem Bedauern, daß nicht ganz geleerte Platten wieder
in die Küche getragen wurden. Beim nächsten Male ersuchte er meinen
„Kansama“, den Aufseher der Tischdiener, doch darauf zu achten, daß
man ihn als letzten bediene. Dies hatte jedoch nicht das geringste mit
Bescheidenheit zu tun. Sondern, wenn er gesehen hatte, daß keiner der
Anwesenden zu kurz gekommen war, häufte er sich alles, was er noch
auf der Platte vorfand, ganz gleich, ob Braten oder Geflügel oder
Fisch oder eins der tausend Reisgerichte, in deren Zubereitung sich
die indische Küche auszeichnet, auf den Teller und machte sich an die
Arbeit. Koteletten stopfte er sich ganz in den Mund, wie überhaupt
alle diese Herren es bei weitem vorzogen, mit den Fingern zu essen.
Solange er zu meinen Gästen gehörte, gab es keine Reste.
Alle anderen beneideten ihn um seine unermüdbare Eßfähigkeit. Wie
üblich, wurde von den Indern nie etwas zu den Mahlzeiten getrunken.
Bier verschmähten sie überhaupt. Um den Durst zu löschen, genüge
Wasser. Der Zweck des Trinkens liege in seinen berauschenden
Folgen, ist die indische Auffassung. Dazu ist Bier aber ein viel zu
langweiliges und mühevolles Mittel. Portwein, Sherry, Liköre, durch
Zusatz von Kognak verstärkt, entsprechen dieser ersten Anforderung
besser. Doch das vornehmste ist Sekt. Er erregt die schlaffen indischen
Nerven noch am schnellsten und kräftigsten und gibt ihnen vorübergehend
die vom Inder am meisten geschätzte jugendliche Spannkraft und
organische Betätigungslust, die ihm, wohl auch infolge seiner früh
einsetzenden Ausschweifungen, schon in jungen Jahren abhanden zu kommen
pflegen.