Als „Tasildar“ in der Peststadt

Gegen 1908 wütete nun in dem zu Kapurthala gehörenden Bezirke Phagwara,

in dessen gleichnamiger Hauptstadt etwa 14000 Einwohner leben, die

Pest besonders stark. Der Tasildar (der Bezirksvorsteher) hatte nichts

Eiligeres zu tun gehabt, als seinen Posten zu verlassen und nach

Kapurthala zu fliehen. Da Phagwara als Enklave im britischen Gebiet

liegt, nahmen die britischen Behörden Veranlassung, eine ärztliche

Kommission in das verseuchte Gebiet zu senden, wo sie jedoch außer

einigen Polizisten keine Beamten vorfand.

Diese Polizisten waren um des Gewinnes willen dort geblieben,

denn der Tasildar hatte vor seiner Flucht noch angeordnet, daß

jedes pestverdächtige Haus und jedes Haus, in dem ein Pestfall

vorgekommen war, geräumt werden müsse. Die ebenso rücksichtslosen wie

„gewissenhaften“ Polizisten benutzten nun den Befehl, um die Einwohner,

die auf Grund ihrer Kastenvorurteile lieber an der Pest sterben als

ihre Häuser verlassen, möglichst zu brandschatzen.

Die Stadt Phagwara ist ein blühender Handelsplatz und die Einwohner

zu einem ziemlichen Prozentsatz wohlhabend. Es gab genug „Bania“ und

„Schroff“ (Getreidehändler und Wucherer), die sich und ihr Haus vor

Verunreinigung durch das Betreten von Fremden schützen wollten und

dafür Opfer zu bringen bereit waren. Zu einer Verunreinigung genügt es,

daß ein Fremder einen Blick auf eins der weiblichen Familienmitglieder

wirft oder auch nur in ihren Schatten tritt.

Und den Polizisten stand das Recht zu, die Häuser zu betreten und zu

durchsuchen! Mancher der Betroffenen grub da seinen heimlichen Schatz

aus, um diese Schmach abzuwenden oder um nicht sein Haus verlassen zu

müssen. Der Polizist mit der offenen Hand stand schon vor der Tür.

So kam es, daß in den meisten Fällen die Armen ihre Häuser gegen den

Aufenthalt in den Isolierungslagern aufgeben mußten, während die

Reichen ungestört in ihren Wohnungen an der Pest sterben durften und

den Krankheitsherd fromm und wohlgesinnt im Gange hielten.

Die britische Regierung ließ den Maharadscha wissen, wie es

in Phagwara stand, und verlangte kategorisch entsprechende

Abwehrmaßregeln, widrigenfalls sie selbst die Angelegenheit in die Hand

nehmen werde.

Anstatt des geflohenen, pflichtvergessenen Tasildar wollte der

Maharadscha nun einen anderen senden, doch niemand fand sich dazu

bereit, den gefahrvollen Posten zu übernehmen. Also wurden mir die

erforderlichen Vollmachten in die Hand gedrückt, und ich reiste als

Tasildar nach dem Pestorte.

Ich fürchtete mich nicht vor der Krankheit, die die reinlich lebenden

Europäer nur selten befällt, und es gelang mir, etwas Ordnung in

den Verhältnissen zu schaffen, den geldgierigen Schacherhandel zu

stoppen und wenigstens etwas Hilfe zu bringen. Doch über ein Drittel

der Bevölkerung starb. Die Straßenzüge waren leer. Nur Leichenzüge

bevölkerten sie. Wer nicht im Isolierlager war, vergrub sich in seinem

Hause.

Ein solches Isolierungslager in Indien ist für einen Europäer ein

schrecklicher Anblick, denn die Leute müssen fast vollständig für sich

selbst sorgen. Da die übergroße Zahl zu den Ärmsten der Armen gehört,

liegen sie unter einer aus Schilfgras geflochtenen und auf vier Pfählen

befestigten Matte, die nur geringen Schutz gegen die unbarmherzige

indische Sonne und gar keinen gegen die recht empfindliche nächtliche

Kälte gewährt, eng zusammengedrängt, stumpfsinnig in ihr Schicksal

ergeben.

Als in Bombay 1895 die ersten Anzeichen der Pest auftauchten, hatte der

damalige städtische Polizeidirektor dort nichts Eiligeres zu tun, als

ein Syndikat zu bilden, um alle zur Zeit in Indien nur erreichbaren

Desinfektions- und Heilmittel, die gegen die Pest in Betracht kommen,

aufzukaufen.

Dann erschien die polizeiliche Bekanntmachung und der Befehl zu einer

sorgfältigen Desinfektion der Häuser und Straßen. Da die hierzu

notwendigen Mittel nur aus den Geschäften des Herrn Polizeidirektors

zu beziehen waren, ist es nicht weiter verwunderlich, daß dieser Herr

sich bald danach zur wohlverdienten Ruhe nach Schottland zurückziehen

konnte.

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 72 / 85 题