Wenn der Maharadscha Holkar von Indore seine Tochter in einem
plötzlichen Einfall einem Diener seines Haushaltes zur Frau geben
wollte, so griff dies vor allem auch in die Obliegenheiten einer in
Indien besonders wichtigen Klasse von Menschen ein, nämlich der der
Barbiere.
Zwar ist das Schneidenlassen der Haare den Sikh durch ihre
Kastenvorschriften auf das strengste verboten, was noch einen
besonderen Grund darin hat, daß die Sikh als Krieger in dem fest um den
dichten Knäuel ihrer langen Haare gewundenen Turban ihre Hauptwaffe
zu tragen pflegen. Es ist dies eine am Rande haarscharf geschliffene,
tellergroße Stahlscheibe, die, mit einem Loch in der Mitte versehen,
bei Gebrauch auf den Zeigefinger gesteckt wird.
Durch wirbelnde Bewegung in schnelle Drehung versetzt, wird sie auf den
Gegner geschleudert, der sie infolge ihrer Dünne kaum sehen und ihr
daher nur sehr schwer ausweichen kann. Bis auf dreißig Schritt ist der
getroffene Feind unfehlbar verloren, da die verhältnismäßig schwere,
scharfe Scheibe selbst die Schädelknochen glatt durchschlägt und im
richtigen Treffen einem Menschen ohne weiteres den Kopf vom Rumpfe
trennt.
Wenn daher auch das Haarschneiden nicht zu den Obliegenheiten eines
nordindischen Barbiers gehört, so unterstehen seiner Kunst doch alle
anderen Körperhaare, die überhaupt im Orient bei beiden Geschlechtern
vollständig entfernt zu werden pflegen, wie auch die Verschönerung von
Händen und Füßen. Infolgedessen kommt kaum jemand in so nahe und intime
Berührung mit den einzelnen Personen der indischen Welt, wie gerade der
Barbier. Außerdem betreibt er meistens noch das einträgliche Geschäft
des Geldverleihers.
Er ist daher auch die gegebene Person, um Heiraten zu vermitteln. Er
kennt die inneren Verhältnisse fast aller Familien und kann in der
Stille der dunklen Gemächer während seiner Verschönerungsarbeiten
Vorschläge machen, Aufträge entgegennehmen, unauffällig Erkundigungen
einziehen, wie sonst niemand.
Die Person eines „Hadscham“, eines Hofbarbiers, ist fast immer
erblich, und die sich dem Inhaber bietenden Gelegenheiten, zu Reichtum
zu gelangen, sind besonders groß. Kann er doch gegen entsprechende
Belohnung und Vorausbezahlung Bittgesuche befürworten, erwiesene
Dienstleistungen in Erinnerung bringen und im richtigen Augenblick
die Stimmung des Fürsten benutzen, um irgendwelche Gnadenbeweise
vorzuschlagen. Oft werden diese Hofbarbiere dem Fürsten so
unentbehrlich, daß sie zu Ministern gemacht werden, wie dies noch vor
kurzem in dem bedeutenden Staate des Radscha von Cotschin in Süd-Indien
geschah. Ebenso ist ein Barbier zum Mitglied des Staatsrates der
Provinz Pundschab, der größten Indiens, ernannt worden.
Daß diese im geheimen so einflußreichen Herren hin und wieder auch auf
ganz eigentümliche Gedanken kommen, wie man sie ebenfalls in Europa
besonders oft bei Haarkünstlern finden soll, ist nicht verwunderlich
und beweist, daß trotz aller Verschiedenheiten zwischen Ost und West
irgendwelche eigentümlichen Übereinstimmungen im Untergrund der
Menschen doch bestehen müssen.
So war der Hadscham von Kapurthala, Ischar Ram, von dem einen Wunsch
verzehrt, einmal in seinem Leben, wie der Maharadscha selbst, in einem
-- Extrazuge zu fahren. Er wußte aber nicht, wie er dies anstellen
sollte. Alles hatte er im Leben gerade wie sein Herr, der Maharadscha,
genossen, nur dies eine, die Fahrt in einem eigenen Extrazuge, fehlte
ihm noch. Ehe er sterbe, müsse er unbedingt auch noch dieses Vergnügen
gekostet haben.
Ein schlauer bengalischer Babu (Schreiber) bestärkte ihn ständig in
diesem sonderbaren Gedanken und bewog ihn endlich, ihm einen Vorschuß
von tausend Rupien zu geben, damit er mit der Bahnverwaltung wegen
eines Extrazuges von Katarpur nach Amritsar verhandeln könne.
Umsonst suchte ich Ischar Ram von seinem Gedanken abzubringen und ihm
wenigstens klarzumachen, daß, wenn er nun einmal wie der Herrscher von
Kapurthala reisen wolle, er zum Schluß weiter nichts zu tun brauche,
als den Zug bei der Bahnverwaltung zu bestellen. Der sei es ganz
gleichgültig, ob der Maharadscha oder irgend jemand anders ihn benutze,
vorausgesetzt sie erhielte ihr Geld.
Eine so einfache Lösung der Frage erschien Ischar Ram aber ganz
undenkbar. Um einen Extrazug zu erhalten, meinte er, müßten sicherlich
ganz besondere Vorkehrungen getroffen werden, und im übrigen traute er
mir als unreinem Europäer nicht zu, die Feinheiten der überragenden
Bedeutung eines indischen Maharadscha durchschauen zu können.
Er zog es daher vor, dem bengalischen Babu tausend Rupien
anzuvertrauen, um die sicherlich höchst schwierigen und geheimen
Verhandlungen mit der Bahn in die Wege zu leiten. Natürlich hatte
der Babu nichts Eiligeres zu tun, als mit den tausend Rupien in
der Tasche einen ganz gewöhnlichen Zug zu benutzen, und damit auf
Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Und bald darauf begab sich Ischar
Ram selbst ohne Extrazug ins Jenseits.
Der Barbier ist auch einer der wenigen Menschen, den der Hindu über
seine Schwelle in das Innere seines Hauses läßt. Denn besonders in den
höheren Kasten gibt es keinen größeren Frevel, als wenn Außenstehende
die Innengemächer des Hauses betreten. Noch entsetzlicher ist aber der
Gedanke, mit Weib und Kind das Heim zu verlassen und in unvermeidliche
Berührung mit Fremden zu kommen. Dies war auch der Hauptgrund, weshalb
es dem Maharadscha von Kapurthala so schwer fiel, eine Rani zu finden,
die ihn nach Europa begleiten wollte.
Zur Verhütung der ungeheure Opfer fordernden Pest oder doch wenigstens
der Einschränkung ihrer Folgen, ist von der Regierung vorgeschrieben,
daß Pestkranke und Pestverdächtige, sowie Familien, in denen ein
Pestfall vorgekommen war, isoliert werden müssen. Da dies das
Verlassenmüssen des Familienhauses bedingt, wird alles getan, die
Krankheit zu verheimlichen, mit der natürlichen Folge, daß meistens die
ganze Familie stirbt. Aus diesem Grunde wird zu Zeiten einer solchen
Epidemie der Polizei die Befugnis gegeben, die Häuser zu betreten und
dort nach verdächtigen Kranken Nachforschungen anzustellen.