Einer der Fürsten, die in der rücksichtslosesten Ausbeutung
ihrer Untertanen vorbildlich waren, ist der bis 1900 regierende
Maharattenfürst, der Holkar von Indore, einer der bedeutendsten Staaten
Zentralindiens, gewesen.
Bei einem persönlichen Besuch bei ihm habe ich sein exzentrisches Wesen
selbst beobachten können, und von glaubwürdiger Seite habe ich manche
seiner erstaunlichen Tollheiten zu hören bekommen. Er war von seiner
eigenen Erhabenheit so eingenommen, daß es sehr schwer fiel, sich ihm
überhaupt zu nähern. Nur weil ich aus einem anderen indischen Staate
kam, ließ er sich zu einer Audienz von wenigen Minuten für mich herbei.
Indore war damals um vieler Dinge willen ein Schmerzenskind des
britischen Sirkar. Das Mißtrauen kam schon darin zum Ausdruck, daß man
in der Stadt Mhow, einige englische Meilen von Indore entfernt, stets
ein sehr starkes Kontingent englischer Truppen hielt. Dies war auch
nicht unnötig, da der britische Resident den Holkar hin und wieder sehr
scharf zurechtweisen mußte.
Als einer seiner Leibköche einmal den Reis nicht genügend weich gekocht
hatte, befahl er, ihn selbst abzubrühen, wobei der Unglückliche
gänzlich abgekocht wurde. Anstatt nun den Leichnam im geheimen zu
verbrennen, warfen ihn die Bediensteten, wahrscheinlich um das Geld für
das Holz in die eigene Tasche stecken zu können, in den Fluß „Nerbuda“,
der die Stadt durchfließt. Unterhalb Indore, in Dhar, einem anderen
Maharattenstaate, dessen Fürst aber in Grenzstreitigkeiten mit dem
Holkar lag, wurde die Leiche gelandet und nach der Herkunft geforscht.
Der Fall kam der britischen Behörde zu einer Maßregelung des Holkar
sehr gelegen, denn es war nicht schwer gewesen, den Zusammenhang
festzustellen.
Ein anderes Mal geriet der Holkar über einen seiner Palastdiener so in
Zorn, daß er ihn mit einem eisernen Ring an eine Hundehütte schmieden
ließ. Der Diener fügte sich der fürstlichen Laune und benahm sich, wenn
er des Holkar gewahr wurde, wie ein Hund.
Vielleicht hat dies den Holkar einen Schimmer von Reue empfinden
lassen. Denn als er einige Tage später von dem Angeketteten mit
heftigem Bellen begrüßt wurde, gab er den Befehl zu seiner Befreiung,
ließ ihn vor sich kommen und sagte:
„Freund! Du hast dich gut bewährt. Du sollst dafür belohnt werden“, und
wollte ihm seine Tochter zur Frau geben.
Er gab auch wirklich den Befehl, die Hochzeit zu richten. Die Maharani
und die Mutter des Mädchens beschworen aber den britischen Residenten,
einen solchen Übergriff des Holkar zu verhindern, und nur durch dessen
Hilfe scheiterte das sonderbare Vorhaben, das erst im Lichte der
indischen Kastenbegriffe seine ganze Tragik für das bedrohte Mädchen
erkennen läßt.
Als ihm die Bevormundung durch den englischen Residenten zu arg wurde,
wollte er sich kurzerhand bei der Königin Victoria beschweren. Mit
seinem Gefolge schiffte er sich in Bombay ein. Aber bald nach dem
Auslaufen überfiel ihn die Seekrankheit. Er verlor die Lust an der
Reise und befahl dem Kapitän des Dampfers, umzukehren, damit er wieder
in Bombay an Land käme.
Als er zur Antwort erhielt, daß das Schiff ein königlicher Postdampfer
sei und nur die Königin allein die Berechtigung habe, seinen Kurs zu
ändern, wurde er so aufgebracht, daß er in Aden die Reise abbrach,
um mit dem nächsten Dampfer nach Indien zurückzukehren. Er hätte dem
britischen Sirkar keinen größeren Gefallen erweisen können!
Der Vater dieses Maharadscha dagegen war ein sehr einsichtiger Mann
gewesen, der für die Zeiten einer Hungersnot einen recht bedeutenden
Betrag in den Gewölben eines Bergschlosses hatte verschließen lassen.
Vor seinem Tode hatte er den Schlüssel dazu dem britischen Residenten
ausgehändigt.
Der Holkar dachte nun, dieses Geld nützlicher für seine eigenen Zwecke
verwenden zu können und ließ sich einen Nachschlüssel machen.
Als der Resident dies erfuhr, bemühte er sich weiter nicht, den Holkar
von seinem Vorhaben abzubringen, sondern ließ in der Nacht vor dem
kritischen Tage in das Gewölbe einen offenen Korb mit Kobraschlangen
stellen. Er wußte, daß er damit für alle Zeit dem Maharadscha die Lust
an dem Besuch verleiden würde. Kaum hatte der Holkar die gewaltige Tür
der Schatzkammer geöffnet, als der Schein der Laternen auf den Knäuel
Schlangen fiel, die sich zischend dem Eintretenden entgegenreckten.
Erschreckt räumte der Holkar eiligst das Feld.
Es war eine große Erleichterung für den Sirkar, als nach erzwungener
Abdankung der Holkar bald darauf starb und in Ermanglung eines Sohnes
ein geeigneter Nachfolger aus der Verwandtschaft eingesetzt werden
konnte.