Der Nisam von Haiderabad

Überhaupt war dieser Nisam von Haiderabad wohl einer der sonderbarsten

unter den vielen sonderbaren Fürsten Indiens, wie er ja der

angesehenste und im Range am höchsten stehende ist.

Im Jahre 1894 kam der schon in Verbindung mit Rudyard Kiplings Roman

„Kim“ und Marion Crawfords Heldenschauermär „Mister Isaacs“ erwähnte

Armenier Jakob, der in Indien unter dem Namen „Jacob of Simla“ bekannt

war, nach Haiderabad.

Durch Vermittlung des vertrauten Kammerdieners „Abid“, der ebenfalls

ein Armenier war, hatte sich Jakob in die Gunst des Nisam von

Haiderabad einzuschmeicheln verstanden. Der Fürst, der heute schon

lange tot ist, war stets etwas tiefsinnig und in manchen Zügen dem

König Ludwig von Bayern vergleichbar. Sein Stolz auf seine Stellung war

grenzenlos. Er dünkte sich in jeder Weise über alle anderen Menschen

erhaben. Um von ihm in Audienz empfangen zu werden, mußte selbst sein

erster Minister die Fürsprache des Kammerdieners Abids einholen, so

groß war Abids Einfluß auf seinen Herrn. Er wich aber auch nicht von

seiner Seite, und wie er mir selbst erzählt hat, konnte es keine

schwierigere Aufgabe geben, als den Nisam bei Laune zu erhalten.

Zuweilen mußte er eine halbe Stunde unbeweglich vor seinem Herrn

stehen, ehe er ihm das Gewünschte, einen Becher Wasser oder dergleichen

geben konnte.

Der Armenier Jakob behauptete nun, mit magischen Kräften begabt zu

sein. Beschlagen in Astrologie und ähnlichen Dingen, die er in seiner

Jugend, als Sklave in Konstantinopel, erlernt haben wollte, fand er in

dem Nisam einen gutwilligen Zuhörer.

Ein englisches Syndikat hatte damals einen sehr wertvollen Diamanten,

für den es so leicht keinen Käufer finden konnte, erworben, und es

gelang Jakob, den Auftrag zu erhalten, diesen kostbaren Stein, den

„Imperial Diamant“, dem Nisam anzubieten.

Wenn ich mich recht entsinne, belief sich der Preis auf fünfzig Lakh,

das sind ungefähr acht Millionen Mark (Gold). Der Nisam willigte ohne

Feilschen ein, den Edelstein zu diesem Preise zu erwerben.

Im Vertrauen auf den ihm versprochenen großen Gewinn trieb nun Jakob

großen Aufwand. Man hätte glauben können, er sei der größte Nabob des

indischen Kaiserreichs. Dies mußte auffallen, zumal er die von ihm

gegebenen festlichen Gelage im Hotel „Esplanade“ in Bombay, wo ich ihn

öfter traf, nicht im Verborgenen abhielt. Der Besitzer dieses Hotels

hieß Sirdar Abdul Hugh und war im Hauptberuf -- Minister des Innern im

Staate von Haiderabad.

Jakob prahlte viel mit seiner Freundschaft und seinem Einfluß auf

den allmächtigen Nisam und pflegte zu sagen, daß, wenn erst der Kauf

perfekt sei, er einen Dampfer chartern und seine guten Freunde zu einer

Vergnügungsreise nach Europa einladen werde.

All dies kam natürlich auch zu den Ohren der anglo-indischen Regierung

und erregte ihre Aufmerksamkeit, bis dann zu guter Letzt auch noch die

Verwaltung des Nisam bei der Bengal-Bank um einen riesigen Vorschuß

einkam, was der Regierung ebenfalls nicht verborgen blieb.

Damals standen die Finanzen des Staates von Haiderabad sehr schlecht,

weil das Land und besonders die ertragsreichste Provinz, Behar, von

einer schweren Hungersnot heimgesucht worden war.

Der Resident am Hofe des Nisam, Sir William Clichele Plowden, setzte im

Einverständnis mit dem Vizekönig, der traurigen Lage des Landes wegen,

alle Hebel in Bewegung, den Kauf des „Imperial Diamant“ rückgängig

zu machen. Um den Nisam, der ungeheuer viel auf seine Würde als

allmächtiger Herrscher hielt, nicht zu einem Rücktritt von dem Kauf

zu zwingen, was für ihn beleidigend gewesen wäre, suchte der Resident

ihm beizubringen, daß er einem Schwindel zum Opfer gefallen sei. Im

Verhältnis zum Wert sei der Diamant viel zu hoch bezahlt.

Man vertraute endlich, mit Zustimmung des Nisam, die Prüfung der

Angelegenheit einer Kommission an, die ihn mit 23 Lakh gut bezahlt

fand, also etwas weniger als die Hälfte des dem gerissenen Jakob

bewilligten Kaufpreises. Das englische Syndikat jedoch ließ sich nicht

darauf ein, sondern brachte die Sache vor Gericht, wo es aber zum

Schluß abgewiesen wurde.

Die Aussagen des Nisam mußten in seinem Palast angehört werden,

da er sich weigerte, vor Gericht zu erscheinen. Er empfand es als

Erniedrigung, daß er nun für weniger als die Hälfte des verlangten und

von ihm selbst zugesagten Preises in den Besitz des Diamanten gelangen

sollte, so daß er nichts mehr von ihm oder der ganzen Sache wissen

wollte.

Der Stein blieb viele Jahre hindurch bis zum Tode des Nisam in der Bank

von Kalkutta in Verwahrung.

Der Kammerdiener Abid wollte nach dieser unangenehmen Angelegenheit

-- hatte er doch seinen Stammesgenossen eingeführt -- nicht länger im

Dienste bleiben. Er kam um seine Entlassung ein, denn während der zehn

Jahre, die er beim Nisam war, hatte er es zum Millionär gebracht. Er

kaufte ein großes Landgut in England und lebte dort mit seiner Familie

von seinen Renten und der reichlichen Pension des Nisam.

Ob durch das Vorgehen des Sirkar der Not in Haiderabad wirklich

gesteuert wurde, ist mehr als fraglich, wenn man allein die Kosten

des Riesenprozesses in Rechnung zieht. Für Jakob aber bedeutete der

Prozeß-Ausgang den vollständigen Ruin. Nicht zum wenigsten hatte er

aber sein Unglück eigener Unvorsichtigkeit und seinem Übermut zu

verdanken.

Der Sirkar Abdul Hugh, der Minister des Innern in Haiderabad, wurde

auf Drängen des britischen Residenten zur Demission gezwungen, weil er

nachweislich seine Hände in dem unsauberen Geschäft gehabt hatte. Der

Sturz kränkte ihn so sehr, daß er bald darauf in der Verbannung starb.

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 66 / 85 题