Fürstliche Kaufgewohnheiten

Immerhin ist diese Art der Erwerbung von Gegenständen nicht die unter

indischen Fürsten allgemein übliche. Im Gegenteil, sie lieben es, zu

kaufen, und wenn sie kaufen, kaufen sie großzügig. So erschien einmal

der schon verschiedentlich erwähnte Maharadscha von Patiala in dem

großen Glasgeschäft von Osler & Co. in Kalkutta. Es ist Brauch, daß bei

so hohem Besuch die Verkaufsräume von allen anderen Besuchern geräumt

werden und während der Zeit der Anwesenheit des indischen Fürsten für

gewöhnliche Menschen gesperrt bleiben.

Der Maharadscha ging durch die großen Räumlichkeiten und fand viel

Gefallen an den meisten Dingen. Besonders schön erschienen ihm die

großen Kristall-Kronleuchter, die überhaupt in Indien hoch in Ansehen

stehen. Nicht nur haben sie als Beleuchtungskörper einen gewissen Wert,

so fraglich dieser auch vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt aus eingeschätzt

werden mag, sondern sie wirken vor allen Dingen höchst eindrucksvoll.

Daher können auch gar nicht genug dieser klingelnden Strahlenbrecher an

der Zimmerdecke aufgehängt werden.

Nachdem der Maharadscha mit Interesse alles, was es zu sehen gab,

besichtigt hatte, beschloß er einzukaufen. Er wendete sich also an den

ihn führenden Inhaber des Hauses und fragte, wieviel er wohl für die

Hälfte +aller+ vorhandenen Gegenstände fordere.

Schnell wurden die Bücher eingesehen, Preise ausgezogen, Summen

zusammengezählt und endlich der Preis für eine Hälfte der vorhandenen

Waren genannt. Der Maharadscha, der annahm, daß in dieser einen Hälfte

wahrscheinlich alle die Dinge eingeschlossen wären, die weniger Wert

hätten, glaubte äußerst geschickt und klug zu handeln, indem er

antwortete:

„Nun gut! Ich biete Ihnen die gleiche Summe, aber für die +andere+

Hälfte ihrer Warenbestände, unter der Bedingung, daß die Sachen sofort

an meine Residenz in Patiala gesandt werden.“

Da es sich um etwa zwei Lakh Rupien oder rund dreimalhunderttausend

Mark (Gold) handelte, nahm die Firma diesen Vorschlag sofort an.

Kurz nach dem einige Jahre später erfolgten Tode des Maharadscha habe

ich in Patiala die Kisten dieser Sendung noch stehen sehen. Sie waren

nicht einmal geöffnet, und die ganze Bestellung kam in die Konkursmasse

des starkverschuldeten Herrschers.

Warum hatte der Maharadscha nun all diese, zum überwiegenden Teil für

ihn ganz unbrauchbaren Dinge gekauft? Einfach aus der naiven Annahme,

daß allein auf diesem Weg er es für alle anderen Sterblichen verhindern

könne, in den Besitz der Gegenstände zu kommen. Denn selbstverständlich

muß ein Maharadscha in allen Dingen turmhoch über den anderen Menschen

stehen.

In ähnlicher Weise verfuhr der damals ungeheuer reiche Nisam von

Haiderabad. Als ich im Jahr 1893 zum Training einiger meiner Rennpferde

in Kalkutta war, begegnete mir in der Nähe der Bahn Seine Hoheit der

Nisam, begleitet von seinem Adjutanten Assur ul Mulk und gefolgt von

der ihm zustehenden großen Eskorte.

Bei dem Vorbeireiten hatte er mich besonders scharf angesehen, und ich

bemerkte, wie er kurz darauf haltmachte. Ich wandte mich um und sah

seinen Adjutanten auf mich zugesprengt kommen. Schon durchzuckte mich

der Gedanke, daß das Pferd, das ich ritt, aus irgendeinem Grunde dem

Nisam gefallen habe, und ich überlegte schnell, welche fabelhafte Summe

ich für das natürlich in jeder Hinsicht vollendete und wertvolle Tier

verlangen sollte, als der Adjutant sein Pferd neben mir parierte und

mich außerordentlich höflich bat, ihn bis zum Nisam zu begleiten.

Ich verdoppelte in Gedanken sofort den Kaufpreis, den ich dem Herrscher

von Haiderabad für mein kostbares Tier abverlangen würde und folgte

Assur ul Mulk, den ich kannte. Der Nisam ritt einen prachtvollen

Araberhengst und begrüßte mich äußerst freundlich, erkundigte sich nach

den Fortschritten meiner Pferde und fragte plötzlich:

„Und bei welchem Schneider lassen Sie arbeiten?“

Zuerst sah ich den Fürsten ziemlich erstaunt an, bis er fortfuhr:

„Ich meine den, der Reitbeinkleider anfertigt, wie Sie sie tragen!“

Damit wurde mir der Zusammenhang klar. Mit dem Pferdekauf war es

nichts! Ich trug damals Reitbeinkleider eigener Erfindung, eine

Kreuzung zwischen englischen „~breeches~“ und den Reithosen der

Radschputsen, von ihnen „Pydschama“ genannt, die über dem Knie englisch

weit, unter ihm indisch-radschputsisch eng an der Wade anliegend bis

zum Fuße reichen und das Tragen von Reitstiefeln oder Gamaschen, eine

Qual in der feuchten Hitze Kalkuttas, überflüssig machen.

Ich nannte dem Nisam die Firma und erwähnte, daß es nur einen einzigen

Schneider in der Welt gäbe, der diese Beinkleider zu bauen verstünde.

Nun wird in Indien ganz sinnloser Wert auf Bekleidung, wie überall im

Orient, gelegt, und auch unter den indischen Beamten und Offizieren

ist man ganz besonders wählerisch in der Mode, so daß gewisse

Schneiderfirmen gradezu Künstlerruhm genießen.

Huldvollst entließ mich der Nisam, und etwas enttäuscht und im

Innern über die Unverschämtheit, mich wegen einer solchen Lappalie

aufgehalten zu haben, entrüstet, ritt ich weiter, als ich wiederum

Pferdehufe hinter mir näherkommen hörte. Assur ul Mulk erschien von

neuem an meiner Seite, um mich zu bitten, doch meinen Schneider zu

benachrichtigen, daß der Nisam am folgenden Morgen um zehn Uhr bei ihm

vorsprechen würde, um Reitbeinkleider zu bestellen.

Auch würde der Nisam mir bei dieser Gelegenheit nochmals die hohe

Ehre seiner erhabenen Gegenwart gestatten, um der Firma die nötigen

Anweisungen zu geben.

Das war allerdings besser als Pferdehandel. Ich ritt sofort zu dem

Künstler, der der Herstellung meiner Reit-Unaussprechlichen seine

Geschicklichkeit und Erfahrung zuzuwenden geruhte, und teilte ihm mit,

welchen Erfolg meine Kreuzung zwischen „~breeches~“ und „~pydschama~“

heraufbeschworen habe. Der Direktor der Schneiderfirma traute kaum

seinen Ohren.

Als er endlich begriffen hatte, daß ich ihm keine Märchen erzählte,

versprach er mir, mich bis zu meinem Sarge mit allen Kleidungsstücken

zu versehen, die ich nur wünschen möge, wenn der Nisam tatsächlich

das Licht seiner Gegenwart und seines Goldes in den Räumen seines

Geschäftes leuchten lassen sollte. Denn wenn einer dieser indischen

Halbgötter kauft, so ist ein gutes Geschäft sicher. Auch strömt dann,

und je höher der Halbgott in der indischen Eitelkeitsskala steht, desto

stärker auch der ganze Schwarm aller anderen Maharadschas, Radschas und

sonstigen Betitelten, sowie aller derer, die ihnen nachzueifern als das

höchste Ziel ihrer Existenz halten, in den so begünstigten Laden und

kauft, kauft, kauft.

Ich ermahnte den Geschäftsinhaber noch, während der Anwesenheit des

Nisam keinen Sterblichen außer mir und seinen Angestellten das Betreten

des Geschäftes zu gestatten.

Punkt zehn Uhr am folgenden Morgen fuhr Seine Hoheit der Nisam von

Haiderabad vor und betrat den Geschäftsraum. Als er mich zu bemerken

geruhte, sagte er nur:

„Ich wünsche Reitbeinkleider, von dem gleichen Schnitt, wie dieser Herr

sie trägt.“

Nun wurden ihm Stoffe zur Auswahl vorgelegt. Doch er wehrte kurz und

herrisch ab.

„Machen Sie mir Reitbeinkleider von +allen+ vorhandenen Stoffen, die

sich dazu eignen.“

Niemand durfte sich rühmen können, einen Stoff zu tragen, den er, der

Nisam, nicht auch besäße. Alle Stoffe überhaupt aufzukaufen, wie er

ganz sicher am liebsten getan hätte, war nun leider doch nicht möglich!

Also wurden ihm nicht weniger als zweihundertfünfundachtzig Paar

Reitbeinkleider geliefert! Natürlich war es undenkbar, den Nisam zu

ersuchen, sich Maß nehmen zu lassen. Ein Kammerdiener mußte bestochen

werden, der Firma ein entsprechendes Kleidungsstück des Herrschers zu

verschaffen.

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 65 / 85 题