Ich bin trotz meiner zwanzig Jahre in Indien, die mir Einblicke in
das einheimische Leben und in die Verhältnisse von Land und Leuten
gestatteten, wie sie wohl nur wenigen Europäern vor mir möglich
waren, nicht in der Lage, ein irgendwie abschließendes Urteil oder
auch nur eine vollständig objektive, wahrheitsgetreue Darstellung
dieser Dinge zu geben. Auch bei den sonderbarsten Vorfällen, über
deren Ursprung, Verlauf und Ende mir alle Einzelheiten bekannt waren,
mußte ich immer wieder sehen, daß letzten Grundes stets wieder eine
Tatsache, eine Anschauung, ein Begriff, ein Glaube mitspielte, deren
Vorhandensein mir unbekannt geblieben war. Dieses Unergründliche
der tausendfachen Verschlingungen und Verästelungen des indischen
Lebens, die heterogene Mannigfaltigkeit des Daseins dieser Hunderte
von Millionen Menschen, ihre vieltausendjährige, unbekannte und in
der seltsamsten Weise verwischte Geschichte, die außerordentliche
Verschiedenheit der geographischen Bedingungen, unter denen sie leben
und deren Auswirkungen in der unverständlichsten Weise sich kreuzen,
durcheinanderlaufen oder sich überlagern, machen das Leben der
einheimischen Inder zu einem dem Europäer vollständig unentwirrbaren
Irrgarten. Nur Einzelbilder, Ausschnitte können gegeben werden und auch
diese Schilderungen bleiben stets unvollständig, weil ihre wirklichen
Ursachen und ebenso ihre mittelbaren Folgen im Dunkel des Unbekannten
sich verlieren.
Es ist mir daher stets unbegreiflich geblieben, wie so viele
Weltreisende, die sechs oder zwölf Monate auf das „Studium“ Indiens
verwenden oder das Land zum Vergnügen durchquert haben, in den
Schilderungen ihrer Reiseerlebnisse gewissenhaft auch die Sitten und
Gebräuche, die Moral und Ethik seiner Bewohner ausführlich behandeln.
Selbst so berühmte Schriftsteller wie Rudyard Kipling oder die
vielgelesene Marion Crawford geben in ihren Büchern oft genug schiefe
Bilder auch der Einzelheiten des indischen Lebens.
So erwähnt zum Beispiel Kipling in seinem Buche „Kim“, wie ein
gewisser, von ihm Surkan Sahib genannter Mann, auf den ich später
noch zurückkommen werde, der indischen Regierung als Geheimagent die
größten Dienste geleistet habe. Dieselbe Person hat Marion Crawford zum
Vorbild des herrischen Helden ihres Buches „Mister Isaacs“ genommen.
In Wirklichkeit war dieser Mann, den ich selbst gekannt habe, ein
armenischer Eunuch aus Konstantinopel, ebenso häßlich wie habsüchtig,
dessen Gerissenheit in Indien nicht ausreichte, ihn davor zu schützen,
von der Höhe eines ergaunerten Reichtums wieder zurück in das tiefste
Elend zu sinken.
Wenn ich daher im folgenden einige Erzählungen aus dem Leben indischer
Menschen gebe, so sind die sich daraus ergebenden Rückschlüsse eines
Europäers niemals die, die ein Inder aus ihnen ziehen würde. Was
uns lächerlich, abstoßend, oft auch wohl direkt dumm und kindisch
erscheint, hat für den Inder nichts Auffälliges, da es sich für ihn
als natürliche Folge ganz selbstverständlicher Umstände ergibt. Ja, in
gewissen Fällen ist das, was uns wie ein mehr oder weniger guter Witz
berührt, dem Inder höchste Tragik.
Alle Vorkommnisse in Indien sind enger oder weiter stets mit dem
komplizierten Kastenwesen verbunden. Selbst mir nun, der ich als
Beamter in den Vasallenstaaten gezwungen war, mich so eingehend wie
nur durchführbar damit vertraut zu machen, um die religiösen Begriffe
der mich umgebenden Menschen, Vorgesetzte, wie Diener und Untergebene,
nicht zu verletzen, ist es nicht möglich, auch nur einigermaßen
verständliche Überblicke über diese verwickelten Verhältnisse zu
geben. Nur eins kann ich sagen: von allem, was ich in Indien gesehen
habe, haben mir die Kastenvorschriften den Inder am verächtlichsten
gemacht. Dies nicht so sehr deshalb, weil ich als Christ Vorschriften
ablehnend gegenüberstehe, die aus der Gleichheit aller Menschenkinder
vor den grundlegenden Pflichten des inneren Selbst eine Phantasmagorie
der unmöglichsten zwischen-menschlichen Beziehungen machen, sondern
besonders deshalb, weil sie meiner Überzeugung nach nur berechnete
und berechnende Heuchelei sind, um die Armen, die Unwissenden und
die Ungebildeten bis aufs Blut auszusaugen. Vielleicht mag ich
Unrecht haben, doch meine vieljährige Erfahrung hat mir die Meinung
aufgezwungen, daß der Hinduglaube dem Durchschnitt seiner Anhänger
jedes Gefühl für Ehre, für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit raubt und ihn
in Heuchelei, Lüge und Falschheit versinken läßt.