Trotz allen Erzählungen von und über Tigerjagden in den Dschungeln
Indiens ist aber die gefährlichste und aufregendste Jagd unstreitig
„~Pigsticking~“, auf Deutsch: Schweinestechen. Die Schweine jedoch,
um die es sich hier handelt, sind die wilden Warzenschweine, und die
Jagd findet zu Pferde mit der Lanze als einziger Waffe statt. Es ist
die alt-germanische Jagd auf den „mächtigen Eber“ -- den starken,
blitzschnellen, gewandten und tapferen Keiler.
[Illustration: Eberjagd (Pigsticking)]
[Illustration: Strecke einer Jagd in Bahraich
† Maharadscha, †† Rani Kanari, ††† Der Verfasser]
Nichts Herrlicheres kann es geben, als an einem frischen, indischen
Morgen auf einem Vollbluthengst, der selbst die Jagd liebt, die Lanze
in der Faust, zur Jagd auf den wilden Eber aufzubrechen. Der Ritt
hinter dem Keiler, der hartnäckige Kampf mit dem wendigen, gelenken
Tiere ist mit irgendeiner Parforce-Jagd überhaupt nicht zu vergleichen.
Dort fehlt alle Spannung, jede Gefahr, und der Wettstreit zwischen den
Reitern, als Erster zum Lanzenstoß auf den wehrhaften Eber zu kommen.
Doch es ist eine Jagd, die nur wenigen in Indien möglich ist. Nur auf
Einladung eines Fürsten oder des Offizierskorps eines der vornehmsten
Kavallerieregimenter oder aber als Mitglied des Zelt-Klubs -- des
„~tent-club~“ -- kann man Gelegenheit dazu erhalten. Und Mitglied
des Zeltklubs zu werden, ist außerordentlich schwer, ganz abgesehen,
daß man den Besitz von wenigstens drei guten, ausdauernden Pferden
nachweisen muß.
Denn als erstes und wichtigstes für die Jagd kommt das Pferd in Frage.
Es muß so fußsicher sein, wie nur möglich. Das Gelände ist überall
stark zerklüftet, uneben, mit Fallen und Löchern besät, besonders
wenn die Jagd durch Gestrüpp geht. Das gefährlichste sind die
Elefantenspuren, von den schweren Tritten dieser Tiere verursachte, im
dichten Gras ganz unsichtbare Löcher, die bis zu zwei Fuß Tiefe haben
und die die Elefanten im Dschungel hinterlassen, wenn sie während der
Regenzeit zum Grasholen ausgeschickt werden.
Die beste Zeit zur Eberjagd ist die Zeit nach der Ernte, die schon
in den Anfang der heißen Jahreszeit fällt. Daher muß man ganz früh
aufbrechen, denn nach neun Uhr beginnt die Hitze Mensch und Tier zu
erschlaffen. Der Gaekwar von Baroda hielt die Hofjagden von Ende
Dezember bis Anfang Februar ab. Während dieser sogenannten kalten
Jahreszeit ist es schwieriger, den Eber auf das offene Feld zu
bringen, da er sich dann mit Vorliebe in den Dschungeln oder den hohen
Baumwoll-, Zuckerrohr- und Getreidefeldern aufhält, aus denen er sich
ungern vertreiben läßt. Die Grasdschungel sind große, mit mehr denn
zwei Meter hohem, dicht verschlungenen, zu Fuß und zu Pferde beinahe
undurchdringlichem Gras bestandene Strecken. Zum Treiben hier eignet
sich der Elefant am besten.
In Baroda befanden sich die Eberjagdgründe in der Nähe von Dabkar,
unweit der Mündung des Mahiflusses in den Golf von Cambay. Das Gelände
dort war mit fast manneshohen, dornigen Büschen besetzt, deren dicke
Wurzeln in verschlungenem Gewirr den Boden bedeckten. Man muß ihnen
sorgfältig aus dem Wege gehen, und selbst der Eber meidet sie, bieten
sie doch auch für ihn natürliche Fallen. Dazwischen stehen vereinzelte
Kaktushecken, die die Bauern zum Schutze ihrer Felder vor Wildschaden
um die Anpflanzungen ziehen. Sie sind oft bis zwei Meter hoch, und
man muß sich hüten, sie als Abschluß eines Jagdgalopps zu wählen.
Auch ist verschiedentlich Wasser im Gelände: Bäche, Kanalrinnen,
Tümpel und Sumpflöcher. Alle diese Hindernisse tauchen ganz plötzlich
auf der Eberjagd auf, und nicht so sehr Vorsicht, als schnellste
Entschlossenheit sind erforderlich, sie zu überwinden oder zu umgehen,
denn der Eber selbst ist nicht wählerisch in seinem Wege. Einmal aus
seiner Ruhe im Dickicht aufgejagt, versucht er zunächst durch dick
und dünn nach dem mit Gestrüpp bewachsenen Teile des Jagdgrundes
durchzubrechen. Gelingt ihm dies nicht, so schlägt er einen Haken,
um, wenn möglich, in dem nächsten Zuckerrohr- oder Baumwollfeld zu
verschwinden.
Von den Teilnehmern einer Eberjagd, vielleicht zwölf, wird der
erfahrenste zum Jagdmeister -- ~master of the Hunt~ -- gewählt. Seinen
Anordnungen ist unbedingt Folge zu leisten. Er teilt die Gesellschaft
in Gruppen von je drei Mann, von denen wieder einer zum Führer der
anderen beiden bestimmt wird.
Wer mit der Lanze nicht umzugehen versteht, ist für die Jagdteilnehmer
wie auch für sein Pferd eine ernste Gefahr. Die Lanze besteht aus
einem sehr festen (männlichen) Bambusschaft, auf dem eine haarscharfe
Stahlspitze aufgesetzt ist, die in eine dünne Nadel ausläuft. Die Länge
hängt von der Größe des gerittenen Pferdes ab. Zum Angehen des Ebers
eignet sich am besten eine sieben bis acht Fuß lange Lanze, besonders
wenn der Eber angreift, während die kurze Lanze, die oberhalb der
Stahlspitze mit Blei beschwert ist, mehr dem wohlgezielten Todesstoße
dient. Verliert der Reiter die Lanze, oder zerbricht sie im Kampfe, so
bleibt ihm nur übrig, sich von den Treibern eine neue zu holen, denn
andere Waffen sind nach den Jagdregeln nicht zulässig.
Es erfordert große Ruhe und Geschicklichkeit, in der ganzen Aufregung
der bewegten Jagd richtig mit dieser Eberlanze umzugehen. Einmal habe
ich erlebt, wie ein Neuling die Lanze zu Boden gesenkt hielt, ehe er
überhaupt an den Keiler heran war. Mitten im Galopp prallte er damit
gegen einen harten Gegenstand. Der Schaft brach und das Vorderende
schoß aufwärts in den Hinterschenkel des Pferdes, den es bis zum
Schweif durchbohrte. Glücklicherweise wurde kein Knochen verletzt, so
daß das Tier nach einigen Wochen wieder gesund war.
Sind nun die verschiedenen Gruppen von dem Jagdmeister
zusammengestellt, so erhalten sie ihre Plätze in Abständen von etwa
einem Kilometer hinter hohen Baumbeständen und Gebüsch angewiesen. In
ihrem Rücken liegt die Linie der Treiber, die durch die Dschungeln
näherkommen, sobald der Jagdmeister das Zeichen zum Beginn gibt.
In Baroda wurde das Treiben meistens von einem Dutzend Elefanten
unterstützt, deren Führer auf Trommeln den notwendigen Lärm machten.
Zwischen den Elefanten ritten Sowars des Gaekwar und Schikari. Zahllose
freiwillige Fußtreiber aus den Bewohnern der Gegend vervollständigten
die Treiberkette. Wenn die Jagd gut ist, sind die Jäger gern zu einem
Geschenk bereit, und zehn bis zwanzig Rupien -- etwa 15 bis 30 Mark
-- waren damals schon ein fürstliches Geschenk in dieser bettelarmen
Gegend. Und dies nicht etwa für einen Mann, sondern für ein ganzes
Dorf. Es wird dem „Patel“, dem Dorfältesten, übergeben, der es dann
verteilt. Unsere „Kitmagar“ -- Diener -- verkauften den Leuten billig
die hochgeschätzten leeren Sektflaschen, und in allen Fällen wird ihnen
das Fleisch mehrerer erlegter Eber zugestanden. Dann ist der „Riot“ --
der Ackersmann --, auf dem fast ausschließlich die ganze Steuerlast
Indiens liegt, froh in seiner Armut und hat auch für den Sahib, den
Herrn, nur gute Worte.
Sobald nun die lange Reihe der Treiber mit ohrenbetäubendem Lärm
sich in Bewegung gesetzt hat, wird es überall im Dschungel lebendig.
Zunächst kommt alles mögliche Getier zum Vorschein und flüchtet über
die offene Strecke ins nächste Gebüsch. Zuletzt erscheint der Eber mit
seiner Familie. Die Bachen mit den Frischlingen in Rudeln zu dreißig
Stück und mehr machen die Spitze. Dann erst folgt der „gewaltige Eber“,
manchmal auch eine vereinzelte Sau.
Nach den Jagdregeln darf eine Sau oder Bache nicht angegriffen werden.
Doch auf große Entfernung ist es oft schwer, eine einzelne Sau von
einem Eber zu unterscheiden. Es ist daher üblich, daß der an der Spitze
jeder Gruppe reitende Führer die Lanze senkt, sobald er einen solchen
Irrtum bemerkt. Die Gruppe bricht dann die aufgenommene Verfolgung ab
und kehrt zu ihrem Standplatz zurück, um das Ausbrechen eines Keilers
abzuwarten.
Sind die Treiber näher an den Rand des Dschungels gelangt, so steigt
die Erwartung auf das äußerste. Ein Eber taucht auf. Erst hält er
Umschau, und glaubt er die Luft rein, trottet er gemächlich über
das freie Feld. Die Reiter, die er in ihrem Versteck nicht bemerkt
hat, lassen ihm einen Vorsprung von 400 bis 500 Meter, ehe sie die
Verfolgung aufnehmen.
Zunächst muß die Taktik des Ebers festgestellt werden, um ihn an
einem Durchbruch nach rückwärts zu verhindern. Die Gruppe der Jäger
teilt sich daher, und ein jeder galoppiert, ohne den Eber aus dem
Auge zu lassen, seinen eigenen Weg. Jeder von ihnen hat den Ehrgeiz,
den Eber zuerst anzunehmen. Der Keiler selbst galoppiert jetzt mit
höchster Kraft. Es ist schwer, einen Begriff von der Behendigkeit und
Schnelligkeit eines indischen Ebers zu geben. Beides kommt einem erst
zu Bewußtsein, wenn man selbst zu Pferde in gestrecktem Galopp ihn an
Geschwindigkeit zu übertreffen sucht.
Doch der vorderste und schnellste Reiter hat den Sieg noch nicht in
der Tasche. Wird er dem Eber zu gefährlich, so beginnt der Keiler
ein verzweifeltes Zickzackspiel, um der Lanze auszuweichen, wechselt
plötzlich die Richtung, und bevor das mit dem Aufgebot aller Kraft
galoppierende Pferd noch herumgeworfen werden kann, hat schon der
rückwärts folgende Reiter Gelegenheit, einen ersten Stich abzugeben.
Und nun packt den Keiler die Wut. Er wirft alle Hoffnung auf Sicherheit
von sich und ist nur noch der Kampfeber, der sein Leben bis zum letzten
Atemzug mit mächtigem Grimme verteidigt und nicht müde wird, immer und
immer wieder anzugreifen, bis er den Todesstoß erhält. Dann sinkt er
ohne einen Laut zusammen.
Aber nicht jeder Eber ergreift die Flucht, wenn er den Galopp des
Verfolgers hört. Es gibt unter ihnen alte, gewitzigte Herren, die schon
manchen Kampf bestanden und manche Erfahrungen hinter sich haben. Diese
eisgrauen Helden -- nach den Jagdregeln darf nie ein Eber unter zwei
Fuß Höhe angenommen werden -- verstehen, worauf es ankommt. Sie zeigen
wenig Lust zum Galoppieren. Sie kennen die Überlegenheit der flinken
Pferde. Daher machen sie halt, sobald sie die Angreifer merken, drehen
um und gehen selbst sofort zum Angriff über. Mit voller Wucht wirft
sich ein solcher Eber dem Reiter entgegen und sucht ihn zu überraschen,
in der Hoffnung, das sichere Dschungelversteck wieder erreichen zu
können, aus dem ihn dann kein noch so lauter Lärm der Treiber von neuem
vertreiben wird.
Sein Angriff muß daher ohne Zögern aufgenommen werden. Er versteht
keinen Spaß, erspäht sofort jedes Schwanken, jede Unentschlossenheit
des Neulings und weiß blitzschnell, wohin er sich zu werfen hat, um dem
Pferd den Leib aufzuschlitzen oder die Fesseln zu zerschneiden. Wehe
dem, der zu Falle kommt. Er ist ihm unrettbar verfallen.
Sollte der erste Stich fehlgegangen sein, so muß der Eber ständig
umkreist werden, bis man Gelegenheit zu einem neuen Stoß erhält. Dabei
ist die Lanze nicht steif in der Hüfte, wie etwa bei der -- vergangenen
-- deutschen Kavallerie, zu halten. Sie wird mit lockerer Schulter
und gerecktem Arm geschwungen und mehr wie ein Speer im Abwärtsstoßen
gebraucht. Bei der Schnelligkeit, mit der sich ein solcher Zweikampf
zwischen Reiter und Keiler abspielt, ist zu einem Zielen nach dem
geeigneten Körperteil keine Zeit. Nur Stiche gegen den Kopf müssen
vermieden werden, da die Lanze dort abprallen und zersplittern könnte.
So kommt es vor, daß bei dem ersten Angriff die Lanze der Länge
nach in die Weichteile des Tieres hineingestoßen wird, dabei im
Vorbeigaloppieren der Hand des Reiters entschlüpft und nun zwischen
Haut und Fell des Ebers stecken bleibt. Oder der Stoß gelang. Die
Lanze steckt fest im Körper des Tieres, das, an dem Reiter vorbei, in
entgegengesetzter Richtung davonstürmt. Dabei läßt der Jäger die Lanze
nicht aus der Faust. Sie bricht ab, und der Lanzenkopf bleibt in dem
verwundeten Keiler stecken.
Die fliehenden Eber sind meist noch nicht ausgewachsene, aber doch über
zwei Fuß hohe, muskulöse, sehnige Tiere. Sie galoppieren durch dick und
dünn, überspringen schlank meterhohe Kaktushecken, kreuzen Bäche und
Kanäle, und, in die Enge getrieben, durchschwimmen sie sogar Flüsse.
Doch schnelles Schwimmen ist nur der letzte Ausweg. Sie sind im Wasser
zu hastig, greifen mit den Hinterläufen zu weit nach vorn, wobei es
geschehen kann, daß sie mit den scharfen Rändern ihrer Hufe sich selbst
den Hals auf beiden Seiten aufschlitzen. Sind sie aber einmal durch
einen Stich verwundet, dann sucht auch der junge Eber keinen Ausweg zur
Flucht mehr, sondern stellt sich zum Kampfe wie ein alter.
So ist der wilde Eber sicherlich der tapferste, zäheste und
todesmutigste Gegner, den der beste Reiter sich wünschen kann. Der
Kampf mit ihm stellt aber nicht nur die höchsten Anforderungen an den
Reiter selbst, sondern ebenso an sein Tier.