Schlug das Seelchen seine Flügelein,
barg sein trauerndes Gesicht hinein,
weinte leis und bang und bitterschwer:
Wenn ich doch zu Haus, zu Hause wär!
Kam die Lieb’ des Wegs und rührt es sacht:
Grüß dich Gott, ich habe dein gedacht!
Hob das Seelchen sein verweint Gesicht,
weil sie sprach, wie man zu Hause spricht.
Nahm die Lieb’ das Seelchen in den Arm,
hüllt’ es in des Mantels Falten warm,
sprach: Wir sind vom Himmel, du und ich,
armes Seelchen, komm, ich trage dich!
Spannt’ das Seelchen seine Schwingen aus:
Liebe du, du bist mir Heim und Haus!
Liebe, bleib mir Trost und Weggeleit!
Sprach die Liebe: bis in Ewigkeit!
Wenn man es genau untersucht hätte, so hätte er vielleicht auch ein
wenig Heimweh gehabt, oder vielleicht nennt man es bei Männern anders.
Es war aber doch, da es schon ein wenig gegen das Frühjahr hin ging,
und es mit dem Hals nicht so vorwärts wollte, wie er gedacht hatte, so
etwas.
»Du, Holder,« sagte Ellen, »ich habe dich furchtbar lieb. Ich habe dich
so lieb – bis wo der Himmel anfängt.«
»So,« sagte er, »das ist aber hoch hinauf.«
Da war es ihr auf einmal nicht genug.
»Nein, noch höher hinauf,« sagte sie. »So hoch wie der liebe Gott ist.«
Davon mußte er nun notwendig ein bißchen abzwicken. »So hoch hinauf
kann man nicht,« bemerkte er.
»Aber bis wo dem lieben Gott sein Kopf anfängt,« sagte sie. Mehr wollte
sie nicht abgeben. Da ließ er’s; später, dachte er, werde es sich schon
ausgleichen.
Die Sonne sank tiefer und tiefer.
Schon nahte sie sich dem Wasserspiegel. Er sah still in ihr goldenes
Licht und über die beschienenen Fluten hin.
Da fühlte er, wie sich das Händchen da in seiner Hand so krampfhaft
festhielt und als er in Ellens Gesicht sah, da war es angstvoll und die
Augen sahen ihn hilfeflehend an.
Er sah, es ging ihr um die Sonne. Sie hatte sie noch nie ins Wasser
tauchen gesehen.
Aber er wollte ihr nichts sagen; er war ein Pädagog; sie sollte es nur
erleben. Er hielt aber doch das Händchen ein wenig fester als zuvor,
zum Zeichen, daß er im Notfall auch noch da sei. Und sie sank und sank;
da war sie nun am Wasser, und leise, leise glitt sie hinab.
Da brach Ellen das zitternde Schweigen.
»O, sie fällt ins Wasser, sie fällt ins Wasser,« rief sie in so
jammervollem Tone, daß ein Stein hätte trösten müssen.
Er war aber härter als ein Stein und schwieg.
Da wurde es dunkler und dunkler; nur noch ein goldenes Auge sah über
die Fluten hin, dann erlosch auch dieses, da eilten die purpurnen
Wellen so verlassen und klagend zum Ufer hin. »O, jetzt haben wir keine
Sonne mehr,« klagte sie.
»O, jetzt ist sie hinuntergefallen, jetzt haben wir keine Sonne mehr,«
jammerte Ellen.
Da trat ihr Freund in den Riß, denn jetzt war es Zeit dazu.
Und er sagte, daß sie nicht hinuntergefallen sei und daß sie morgen
wieder komme. Denn dort hinten, ganz weit hinten, sagte er, die braunen
Kinder, zu denen die Schiffe hinfahren, die müßten doch auch Sonne
haben, nicht?
Da wurde das Gesichtlein wieder froh, aber erst, als er ganz sicher
versprochen hatte, daß sie wieder komme und daß sie, Ellen, in aller
Frühe zu ihm kommen dürfe und mit ihm sehen, wie die Sonne aufstehe.
Das tat sie denn auch. Ein Fingerlein pochte an seine Tür, als die Luft
draußen noch grau war und er noch im Bett. Dann, als das Fingerlein
keine Antwort bekam, wurde eine kleine Faust zum Klopfen geschickt.
»Ja?«
»Ich will sehen, wie die Sonne aufsteht.«
»Sie ist noch weit, sie ist erst in Chiavari, sie muß noch hinter dem
Berg heraufsteigen.«
»Du, Holder.«
»Ja?«
»Laß mich herein. Ich geh’ derweil auf deine Terrasse hinaus, dann sag’
ich dir, wenn sie kommt.«
Da mußte er sie doch hereinlassen.
»Wer hat dich denn geweckt, Ellen?«
»Niemand, ich bin selber aufgewacht.«
»Wer hat dich denn angezogen?«
»Selber.«
Es war vielleicht darnach, aber das war den zwei Freunden einerlei, die
gleich hernach miteinander draußen standen und ihre Augen ausschickten,
ob sie die Sonne kommen sehen.
Das Meer war auch noch nicht recht aufgewacht. Es warf sich plätschernd
herum und wollte zu sich kommen.
»Du, Holder, was sagt es?«
»Es sagt: Mutter gib mir einen Kuß, sonst friert’s mich.«
»Wer ist die Mutter?«
»Die Frau Sonne.«
Da schoß auf einmal ein goldener Strahl wie aus einem Hinterhalt hinter
dem Berg hervor, dann noch einer, dann viele.
Dort drunten am Meer macht die Sonne keine langen Vorbereitungen. Sie
kommt auf einmal und dann ist sie da.
Da nahm sie sie alle in die Arme wie eine rechte Mutter, alle ihre
Kinder: den Mann und das Kind, und die Gärten und das Meer. Da
breiteten sie sich alle ihr entgegen und glänzten auf, so froh waren
sie. Vielleicht war das Kind am frohesten, weil es gestern abend am
meisten getrauert hatte. Die andern, das Meer und die Bäume, die hatten
sie schon öfter gehen und kommen gesehen, sie wußten schon, wie sie
es mit ihnen halte und daß immer wieder ein Aufgang komme nach dem
Niedergang.
* * * * *
Holder ging allein in der Welt herum. Er kam von einem weiten
Spaziergang zurück und hatte einen großen Blumenstrauß in der Hand.
Den wollte er nach Hause schicken, er sollte seine Schwester an ihrem
Geburtstag grüßen. Langsam bog er in den Garten ein.
Es ging vielerlei in ihm um.
Die Wintergäste fingen an, abzureisen, vorgestern waren einige
gegangen, und gestern wieder. Heute, das wußte er, reiste ein Ehepaar,
an das er sich einigermaßen angeschlossen hatte. Es tat ihm nun doch
auch leid. Er brauchte lange, bis er sich den Menschen auftat, aber
wenn es dann geschah, so war es auch nicht nur so obendrauf. Er hatte
so gar keine Eintagsfliegennatur. Nun hatte er nach und nach an diesen
allen teilgenommen, die da um ihn her lebten, litten und sich freuten.
Er hatte gesehen, daß sie alle ihre Schicksale in und mit sich trugen,
daß das Verschiedene an ihnen doch viel mehr zufällig und äußerlich
war, und daß sie alle Menschenherzen hatten, die nach Leben, Liebe
und Gemeinschaft verlangten, daß sie oft Wunden zudeckten, wo sie
lachten und feine, herzliche Züge an sich trugen, wo er zuvor nur
Oberflächlichkeit und leichten Sinn gesehen hatte.
Einer von ihnen war gestorben, der lag nun draußen auf dem kleinen
Friedhof am Berge, den Pinien und Zypressen beschatteten und zu dem das
Meer, das sich an den Felsen brach, sein ewiges, großes Schlummerlied
heraufsang.
Und zwei junge Menschen hatten sich gefunden, um immer miteinander zu
gehen. Sie waren krank angekommen, und gesund geworden, und nun lag
das Leben vor ihnen in leuchtender Fülle und sie wollten es fassen und
halten und eines in des andern Augen das Meer, das große Meer mitnehmen.
Das war so schön, frohe Menschen froh zu sehen. So ganz von tief unten
herauf froh, wie diese es waren.
Das war das Schönste, was man sehen konnte, schöner als Rosen- und
Nelkengärten, schöner als Sonne, Meer und Land.
Ueberhaupt, das mit dem schönen Land.
Er hatte es genossen, das mußte man sagen. Er hatte es mit allen Sinnen
in sich hineingenommen. Aber nun hatte er plötzlich genug davon. Es war
doch schließlich immer dasselbe. So ein farbenfrohes Leuchten, Glänzen,
Blühen war schön, wenn es vorher trüb, dunkel und kalt, wenn es Winter
gewesen war. Er hatte es wieder mit dem Dichten. Unterwegs, auf dem
Gang ins Nervital, hatte er sich bei dem schönen Land erkundigt, ob es
denn sonst nichts habe
als üppige Glut und Füll’?
kein zartes Knospen und Werden.
kein Fragen, ob’s auf Erden
wieder lenzen will
nach langem Winterharm?
und nirgends Bäume im Garten
die ihres Frühlings warten
mit ausgestrecktem Arm?
Er sah es so deutlich vor sich, wie es nun zu Hause war: linder,
goldener Sonnenschein auf wintermüden Gassen, da und dort noch ein
Fleckchen Schnee, und an geschützten Stellen schon die Veilchen, und
Amselgesang auf kahlem Geäst, dem im währenden Singen ein lichter
grüner Schleier sich wob.
»Du, Ellen, ich muß dir etwas sagen.«
Denn sie war soeben durchs Mauerpförtchen herein von der
Strandpromenade her auf ihn zugerannt.
»Ja, was?«
Aber er mußte sie vorher betrachten. Sie hatte ein hellblaues
Seidenkleidchen an und eine weißseidene Schärpe, und hatte einen
großen, weißen Spitzenhut auf.
»Geputzt wie ein Affe,« dachte er plötzlich grimmig, obgleich sie
freilich hübsch genug aussah.
»Da sieh, Holder,« und sie zeigte ihm mit Wichtigkeit ein Schmuckstück,
das sie um das runde, weiche Ärmchen trug.
Es war eine kleine Eidechse aus grünem Email mit zwei winzigen roten
Rubinäuglein.
»Fein, gelt? Ich habe es von dem Onkel, der immer mit Mammi geht. Und
er schenkt mir morgen eine Dose, die kann man aufziehen, dann macht sie
Musik. Und heut mittag darf ich mit dem Onkel und mit Mammi ausfahren
in einem Wagen, der hat rote Samtpolster. Das ist fein, nicht? Ich bin
so froh, bist du auch so froh, Holder?«
Ja, sie war so froh über ein bißchen Freundlichkeit und
Mitgenommenwerden, und er hätte ihr am liebsten das Armband genommen
und ins Meer geworfen, so zornig war er.
Er sagte gar nichts.
Aber sie merkte es heute nicht gleich, daß er verstimmt sei. Sie war zu
froh dazu.
»Meine Mammi ist schön, gelt?« sagte sie. »Dort unten kommt sie. Sie
hat ein schönes Kleid an und lacht, und sie hat zu mir gesagt: ›Du bist
ein süßer, kleiner Schneck.‹ Gelt, das freut dich auch, wenn deine
Mammi so zu dir sagt?«
Aber er wollte jetzt nicht sehen, wie schön Mammi sei. Er wollte jetzt
nichts von Mammi wissen.
»Komm, wir gehen da hinüber,« sagte er. »Wir setzen uns ins
Rosenrondell, dann sag’ ich dir etwas.«
Ja, das wollte sie gern, sie machte ihre großen Augen; was er wohl
sagen wollte?
»Denk einmal, als ich heute morgen aufwachte, da ist vor meinem Fenster
alles dick voll mit Schwalben gesessen. Auf der Terrasse, auf der
Dachrinne, auf den Telegraphendrähten. Sie sind übers Meer her gekommen
und jetzt gehen sie heim. Sie sind schon wieder fortgeflogen, sie haben
nur hier ein wenig ausgeruht.«
»Heim, wo ist das?« Sie riß die Augen mächtig auf.
»Heim ist in Deutschland, am Neckar und am Rhein und im Schwarzwald,
und auch in Bühringen.«
Denn Bühringen lag im Schwarzwald.
»Da haben sie ihre Nester an den Häusern unter den Dächern.«
»Ja, du, Holder, bei uns auch, am Stall und an der Waschküche. Der
Andres hat gesagt – mhm, man dürfe sie nicht fortjagen und die Katze
dürfe sie nicht fressen, weil es Schwalben sind.«
»Und als sie mich gesehen haben, da haben sie angefangen zu schwatzen,
alle durcheinander.«
»Was haben sie denn gesagt?«
»Sie haben gesagt: ›Wir sind so froh, daß wir heimkommen. Daheim, da
fangen jetzt die Bäume an zu blühen, und der Schnee ist fort, und es
gibt Veilchen, und viele tausend Mücklein fliegen in der Sonne herum,
die fangen wir alle.‹ Da habe ich gesagt: ›Nehmet auch einen Gruß mit
an Ellens Papa, weil er so allein ist, und sie komme bald nach, sie
wolle dann mit ihm Maiblumen holen im Bühringer Wald, die seien jetzt
bald offen.‹«
Sie nickte ernsthaft mit dem Kopf und ihr glückliches Gesichtlein
beschattete sich.
Er kam sich schändlich vor. Mußte er denn mit Gewalt das Heimweh
heraufrufen, das ein wenig geschlafen hatte? Er meinte freilich, dieses
Heimweh gehöre gar nicht anders kuriert als durchs Heimkommen.
Der »Onkel, der immer mit Mammi ging«, der kurierte es mit Armbändern
und Spieldosen.
Da kam nun Mammi den schmalen Gartenweg herab. Sie suchte ihre Tochter
und sah ja freilich schön aus. Was man so schön heißt.
Sie kam so groß und schlank und blond daher in ihrem leichten, hellen
Seidenkleid und unter dem großen, federngeschmückten Hut.
Ja, und sie lachte, ganz wie Ellen gesagt hatte. Aber ihm gefiel das
Lachen nicht, es war, als ob sie etwas damit verscheuche oder zudecke,
das sie jetzt nicht hören und nicht sehen wolle.
»Ah, siehe da, der Herr Kandidat,« sagte sie fröhlich. »Sie haben mir
meine Tochter entführt. Ha ha. Sagen Sie, haben wir nicht herrliches
Wetter jetzt und ist es nicht schön hier?«
»Mammi,« rief Ellen, »er hat die Schwalben gesehen. Sie sind
heimgeflogen und er hat einen Gruß an Papa gesagt. Mammi, wann gehen
wir heim?«
Aber davon wollte Mammi jetzt nicht reden.
Sie zog die Augenbrauen zusammen und gab keine Antwort.
»Das hat mir gerade gefehlt,« sagte sie und brach eine voll erblühte
gelbe Rose vom Strauch, »sie paßt so gut hierher an meinen Gürtel.
Haben Sie vielleicht eine Stecknadel, Herr Kandidat?«
Das hatte er, fast wider seinen Willen.
»Ach,« sagte sie, plötzlich seufzend, und ließ sich ihm gegenüber auf
der runden Steinbank nieder, »es ist nicht immer leicht, gut zu sein.«
Was war das nun wieder?
»Ihnen fällt es wohl immer leicht? Sie sind so ernsthaft und
pflichtgetreu und gehen so geradeaus Ihren Weg. Man könnte Sie
beneiden.«
»So, woher wissen Sie denn das?« Er fragte es fast grob.
»Ach, das sieht man doch. So – so unverdorben und so geordnet.«
Es ärgerte ihn, denn gar zu tugendsam wollte er doch auch nicht
erscheinen, obgleich nichts gegen ihre Worte zu sagen war.
»Das bin ich nun leider nicht,« seufzte sie.
»Aber ich kann auch nicht anders sein, als ich bin.«
So? er hatte schon lang einiges gegen sie in sich angesammelt. Es
konnte eine schöne Rede geben, wenn er sie losließ. Das wäre ja recht
bequem, einfach: ich kann auch nicht anders sein – er fing an, sich
zu besinnen, wie er anfangen wollte, da sagte sie, als habe sie seine
Gedanken gelesen:
»Nein, nein, Sie müssen nichts sagen, Sie kennen mich nicht genug dazu.
Sehen Sie, das Kind hat recht, Sie haben wirklich etwas von meinem
Mann. Nun machen Sie dasselbe Gesicht wie er, wenn er unzufrieden mit
mir ist. Dann liebe ich ihn gar nicht.«
Sie sah plötzlich sehr ernsthaft aus. »Ich möchte nicht, daß die guten
Menschen schlecht von mir denken. Das tut mir leid, aber sie wissen
vielleicht nicht, wie es ist, wenn man in ganz anderer Luft geboren und
erzogen ist.«
Er sagte nichts, es war ihm so sonderbar, daß sie ihn nun so plötzlich
zum Beichtvater machte, und doch war es ihm, als rufe etwas aus ihr
heraus, das nach Verstehen und Verzeihen verlange, und er wollte sie
hören.
Er saß ganz still da und war auch ein wenig verlegen, und sie war
dankbar, daß er nicht redete und sagte, als müsse sie es aus sich
herausschaffen: »Haben Sie eine Heimat gehabt, in der Sie immer
wohnten und gut und sicher aufgehoben waren? Nun, ich ging auf Reisen,
als ich drei Jahre alt war, weil mein Vater den Ort nicht mehr sehen
wollte, an dem meine Mutter starb. Immer in Pensionen, bald im Norden,
bald im Süden. Kennen Sie das? O, wir waren sehr vergnügt, mein Vater
und ich.
Alle Leute kannten mich immer als sehr vergnügt. Einmal war ich des
Lachens überdrüssig, da weinte ich eines Abends für mich allein. Es
war auf einer Veranda am Vierwaldstättersee. Vielleicht war es, weil
mein Vater kurz vorher gestorben war. Oder ich weiß nicht warum. Das
sah einer, für den es eigentlich nicht bestimmt war, und er meinte,
er sehe nun etwas von meinem eigentlichen Ich, und das Lachen sei
nur obendrauf. Vielleicht meinte ich es damals auch, und kurzum, ich
heiratete ihn und wir waren sehr verliebt ineinander, wie mir scheint.
Es kam mir hübsch vor, so auf dem Lande zu leben in einem grünumrankten
Hause, und einen solch ernsthaften, biederen Mann zu haben. Aber wissen
Sie, wie es allmählich wurde?
Wie ein Käfig, in dem ein lustiger, farbiger Vogel sitzt und den ein
Bär bewacht. Der Bär ist gut und der Käfig ist gut und der Vogel ist in
seiner Art auch nicht schlimm, sie passen nur nicht zusammen. Das ist
das Ganze.«
Sie hatte, während sie sprach, drei oder vier Rosen zerpflückt, es lag
eine Menge gelber, schimmernder Blätter auf dem Rasen. »O sehen Sie,
das Kind,« unterbrach sie sich plötzlich, »was es für Augen macht. Ganz
große. Ellen, mach andere Augen. Sie hat natürlich alles gehört.«
»Das Kind haben Sie vorhin nicht mit aufgezählt«, sagte er trocken.
»Welchen Platz geben Sie dem? gehört es zum Vogel oder zum Bären?«
Da beugte sie sich rasch herunter und küßte es heftig, drei- oder
viermal, aber eine Antwort gab sie nicht.
»Das Kind gehört heim.« Nun war es ihm, als ob er seine ganze Rede
gehalten hätte, denn sonst wußte er eigentlich nichts zu sagen und
darum stand er auf und schickte sich zum Gehen an. Er hatte immer noch
seine Blumen in der Hand, die wollte er nun einpacken.
»Ja, ja,« sagte sie und sah aus, als suche sie etwas in weiter Ferne.
»Er hängt furchtbar an Ellen und auch an mir. Es ist nicht leicht, das
läßt sich aber nicht ändern. Man kann nicht aus seiner Haut heraus,
er nicht und ich nicht. Das ist überall so. Glauben Sie, Sie kennen
die Welt noch nicht. Es ist nicht immer alles so glatt im Leben.« Sie
schüttelte sich, wie um aus Träumen zu kommen und sagte leichthin: »Es
ist nur gut, Kinder fühlen das noch nicht so, sie sind überall zu
Hause.