II.

Schlug das Seelchen seine Flügelein,

barg sein trauerndes Gesicht hinein,

weinte leis und bang und bitterschwer:

Wenn ich doch zu Haus, zu Hause wär!

Kam die Lieb’ des Wegs und rührt es sacht:

Grüß dich Gott, ich habe dein gedacht!

Hob das Seelchen sein verweint Gesicht,

weil sie sprach, wie man zu Hause spricht.

Nahm die Lieb’ das Seelchen in den Arm,

hüllt’ es in des Mantels Falten warm,

sprach: Wir sind vom Himmel, du und ich,

armes Seelchen, komm, ich trage dich!

Spannt’ das Seelchen seine Schwingen aus:

Liebe du, du bist mir Heim und Haus!

Liebe, bleib mir Trost und Weggeleit!

Sprach die Liebe: bis in Ewigkeit!

Wenn man es genau untersucht hätte, so hätte er vielleicht auch ein

wenig Heimweh gehabt, oder vielleicht nennt man es bei Männern anders.

Es war aber doch, da es schon ein wenig gegen das Frühjahr hin ging,

und es mit dem Hals nicht so vorwärts wollte, wie er gedacht hatte, so

etwas.

»Du, Holder,« sagte Ellen, »ich habe dich furchtbar lieb. Ich habe dich

so lieb – bis wo der Himmel anfängt.«

»So,« sagte er, »das ist aber hoch hinauf.«

Da war es ihr auf einmal nicht genug.

»Nein, noch höher hinauf,« sagte sie. »So hoch wie der liebe Gott ist.«

Davon mußte er nun notwendig ein bißchen abzwicken. »So hoch hinauf

kann man nicht,« bemerkte er.

»Aber bis wo dem lieben Gott sein Kopf anfängt,« sagte sie. Mehr wollte

sie nicht abgeben. Da ließ er’s; später, dachte er, werde es sich schon

ausgleichen.

Die Sonne sank tiefer und tiefer.

Schon nahte sie sich dem Wasserspiegel. Er sah still in ihr goldenes

Licht und über die beschienenen Fluten hin.

Da fühlte er, wie sich das Händchen da in seiner Hand so krampfhaft

festhielt und als er in Ellens Gesicht sah, da war es angstvoll und die

Augen sahen ihn hilfeflehend an.

Er sah, es ging ihr um die Sonne. Sie hatte sie noch nie ins Wasser

tauchen gesehen.

Aber er wollte ihr nichts sagen; er war ein Pädagog; sie sollte es nur

erleben. Er hielt aber doch das Händchen ein wenig fester als zuvor,

zum Zeichen, daß er im Notfall auch noch da sei. Und sie sank und sank;

da war sie nun am Wasser, und leise, leise glitt sie hinab.

Da brach Ellen das zitternde Schweigen.

»O, sie fällt ins Wasser, sie fällt ins Wasser,« rief sie in so

jammervollem Tone, daß ein Stein hätte trösten müssen.

Er war aber härter als ein Stein und schwieg.

Da wurde es dunkler und dunkler; nur noch ein goldenes Auge sah über

die Fluten hin, dann erlosch auch dieses, da eilten die purpurnen

Wellen so verlassen und klagend zum Ufer hin. »O, jetzt haben wir keine

Sonne mehr,« klagte sie.

»O, jetzt ist sie hinuntergefallen, jetzt haben wir keine Sonne mehr,«

jammerte Ellen.

Da trat ihr Freund in den Riß, denn jetzt war es Zeit dazu.

Und er sagte, daß sie nicht hinuntergefallen sei und daß sie morgen

wieder komme. Denn dort hinten, ganz weit hinten, sagte er, die braunen

Kinder, zu denen die Schiffe hinfahren, die müßten doch auch Sonne

haben, nicht?

Da wurde das Gesichtlein wieder froh, aber erst, als er ganz sicher

versprochen hatte, daß sie wieder komme und daß sie, Ellen, in aller

Frühe zu ihm kommen dürfe und mit ihm sehen, wie die Sonne aufstehe.

Das tat sie denn auch. Ein Fingerlein pochte an seine Tür, als die Luft

draußen noch grau war und er noch im Bett. Dann, als das Fingerlein

keine Antwort bekam, wurde eine kleine Faust zum Klopfen geschickt.

»Ja?«

»Ich will sehen, wie die Sonne aufsteht.«

»Sie ist noch weit, sie ist erst in Chiavari, sie muß noch hinter dem

Berg heraufsteigen.«

»Du, Holder.«

»Ja?«

»Laß mich herein. Ich geh’ derweil auf deine Terrasse hinaus, dann sag’

ich dir, wenn sie kommt.«

Da mußte er sie doch hereinlassen.

»Wer hat dich denn geweckt, Ellen?«

»Niemand, ich bin selber aufgewacht.«

»Wer hat dich denn angezogen?«

»Selber.«

Es war vielleicht darnach, aber das war den zwei Freunden einerlei, die

gleich hernach miteinander draußen standen und ihre Augen ausschickten,

ob sie die Sonne kommen sehen.

Das Meer war auch noch nicht recht aufgewacht. Es warf sich plätschernd

herum und wollte zu sich kommen.

»Du, Holder, was sagt es?«

»Es sagt: Mutter gib mir einen Kuß, sonst friert’s mich.«

»Wer ist die Mutter?«

»Die Frau Sonne.«

Da schoß auf einmal ein goldener Strahl wie aus einem Hinterhalt hinter

dem Berg hervor, dann noch einer, dann viele.

Dort drunten am Meer macht die Sonne keine langen Vorbereitungen. Sie

kommt auf einmal und dann ist sie da.

Da nahm sie sie alle in die Arme wie eine rechte Mutter, alle ihre

Kinder: den Mann und das Kind, und die Gärten und das Meer. Da

breiteten sie sich alle ihr entgegen und glänzten auf, so froh waren

sie. Vielleicht war das Kind am frohesten, weil es gestern abend am

meisten getrauert hatte. Die andern, das Meer und die Bäume, die hatten

sie schon öfter gehen und kommen gesehen, sie wußten schon, wie sie

es mit ihnen halte und daß immer wieder ein Aufgang komme nach dem

Niedergang.

* * * * *

Holder ging allein in der Welt herum. Er kam von einem weiten

Spaziergang zurück und hatte einen großen Blumenstrauß in der Hand.

Den wollte er nach Hause schicken, er sollte seine Schwester an ihrem

Geburtstag grüßen. Langsam bog er in den Garten ein.

Es ging vielerlei in ihm um.

Die Wintergäste fingen an, abzureisen, vorgestern waren einige

gegangen, und gestern wieder. Heute, das wußte er, reiste ein Ehepaar,

an das er sich einigermaßen angeschlossen hatte. Es tat ihm nun doch

auch leid. Er brauchte lange, bis er sich den Menschen auftat, aber

wenn es dann geschah, so war es auch nicht nur so obendrauf. Er hatte

so gar keine Eintagsfliegennatur. Nun hatte er nach und nach an diesen

allen teilgenommen, die da um ihn her lebten, litten und sich freuten.

Er hatte gesehen, daß sie alle ihre Schicksale in und mit sich trugen,

daß das Verschiedene an ihnen doch viel mehr zufällig und äußerlich

war, und daß sie alle Menschenherzen hatten, die nach Leben, Liebe

und Gemeinschaft verlangten, daß sie oft Wunden zudeckten, wo sie

lachten und feine, herzliche Züge an sich trugen, wo er zuvor nur

Oberflächlichkeit und leichten Sinn gesehen hatte.

Einer von ihnen war gestorben, der lag nun draußen auf dem kleinen

Friedhof am Berge, den Pinien und Zypressen beschatteten und zu dem das

Meer, das sich an den Felsen brach, sein ewiges, großes Schlummerlied

heraufsang.

Und zwei junge Menschen hatten sich gefunden, um immer miteinander zu

gehen. Sie waren krank angekommen, und gesund geworden, und nun lag

das Leben vor ihnen in leuchtender Fülle und sie wollten es fassen und

halten und eines in des andern Augen das Meer, das große Meer mitnehmen.

Das war so schön, frohe Menschen froh zu sehen. So ganz von tief unten

herauf froh, wie diese es waren.

Das war das Schönste, was man sehen konnte, schöner als Rosen- und

Nelkengärten, schöner als Sonne, Meer und Land.

Ueberhaupt, das mit dem schönen Land.

Er hatte es genossen, das mußte man sagen. Er hatte es mit allen Sinnen

in sich hineingenommen. Aber nun hatte er plötzlich genug davon. Es war

doch schließlich immer dasselbe. So ein farbenfrohes Leuchten, Glänzen,

Blühen war schön, wenn es vorher trüb, dunkel und kalt, wenn es Winter

gewesen war. Er hatte es wieder mit dem Dichten. Unterwegs, auf dem

Gang ins Nervital, hatte er sich bei dem schönen Land erkundigt, ob es

denn sonst nichts habe

als üppige Glut und Füll’?

kein zartes Knospen und Werden.

kein Fragen, ob’s auf Erden

wieder lenzen will

nach langem Winterharm?

und nirgends Bäume im Garten

die ihres Frühlings warten

mit ausgestrecktem Arm?

Er sah es so deutlich vor sich, wie es nun zu Hause war: linder,

goldener Sonnenschein auf wintermüden Gassen, da und dort noch ein

Fleckchen Schnee, und an geschützten Stellen schon die Veilchen, und

Amselgesang auf kahlem Geäst, dem im währenden Singen ein lichter

grüner Schleier sich wob.

»Du, Ellen, ich muß dir etwas sagen.«

Denn sie war soeben durchs Mauerpförtchen herein von der

Strandpromenade her auf ihn zugerannt.

»Ja, was?«

Aber er mußte sie vorher betrachten. Sie hatte ein hellblaues

Seidenkleidchen an und eine weißseidene Schärpe, und hatte einen

großen, weißen Spitzenhut auf.

»Geputzt wie ein Affe,« dachte er plötzlich grimmig, obgleich sie

freilich hübsch genug aussah.

»Da sieh, Holder,« und sie zeigte ihm mit Wichtigkeit ein Schmuckstück,

das sie um das runde, weiche Ärmchen trug.

Es war eine kleine Eidechse aus grünem Email mit zwei winzigen roten

Rubinäuglein.

»Fein, gelt? Ich habe es von dem Onkel, der immer mit Mammi geht. Und

er schenkt mir morgen eine Dose, die kann man aufziehen, dann macht sie

Musik. Und heut mittag darf ich mit dem Onkel und mit Mammi ausfahren

in einem Wagen, der hat rote Samtpolster. Das ist fein, nicht? Ich bin

so froh, bist du auch so froh, Holder?«

Ja, sie war so froh über ein bißchen Freundlichkeit und

Mitgenommenwerden, und er hätte ihr am liebsten das Armband genommen

und ins Meer geworfen, so zornig war er.

Er sagte gar nichts.

Aber sie merkte es heute nicht gleich, daß er verstimmt sei. Sie war zu

froh dazu.

»Meine Mammi ist schön, gelt?« sagte sie. »Dort unten kommt sie. Sie

hat ein schönes Kleid an und lacht, und sie hat zu mir gesagt: ›Du bist

ein süßer, kleiner Schneck.‹ Gelt, das freut dich auch, wenn deine

Mammi so zu dir sagt?«

Aber er wollte jetzt nicht sehen, wie schön Mammi sei. Er wollte jetzt

nichts von Mammi wissen.

»Komm, wir gehen da hinüber,« sagte er. »Wir setzen uns ins

Rosenrondell, dann sag’ ich dir etwas.«

Ja, das wollte sie gern, sie machte ihre großen Augen; was er wohl

sagen wollte?

»Denk einmal, als ich heute morgen aufwachte, da ist vor meinem Fenster

alles dick voll mit Schwalben gesessen. Auf der Terrasse, auf der

Dachrinne, auf den Telegraphendrähten. Sie sind übers Meer her gekommen

und jetzt gehen sie heim. Sie sind schon wieder fortgeflogen, sie haben

nur hier ein wenig ausgeruht.«

»Heim, wo ist das?« Sie riß die Augen mächtig auf.

»Heim ist in Deutschland, am Neckar und am Rhein und im Schwarzwald,

und auch in Bühringen.«

Denn Bühringen lag im Schwarzwald.

»Da haben sie ihre Nester an den Häusern unter den Dächern.«

»Ja, du, Holder, bei uns auch, am Stall und an der Waschküche. Der

Andres hat gesagt – mhm, man dürfe sie nicht fortjagen und die Katze

dürfe sie nicht fressen, weil es Schwalben sind.«

»Und als sie mich gesehen haben, da haben sie angefangen zu schwatzen,

alle durcheinander.«

»Was haben sie denn gesagt?«

»Sie haben gesagt: ›Wir sind so froh, daß wir heimkommen. Daheim, da

fangen jetzt die Bäume an zu blühen, und der Schnee ist fort, und es

gibt Veilchen, und viele tausend Mücklein fliegen in der Sonne herum,

die fangen wir alle.‹ Da habe ich gesagt: ›Nehmet auch einen Gruß mit

an Ellens Papa, weil er so allein ist, und sie komme bald nach, sie

wolle dann mit ihm Maiblumen holen im Bühringer Wald, die seien jetzt

bald offen.‹«

Sie nickte ernsthaft mit dem Kopf und ihr glückliches Gesichtlein

beschattete sich.

Er kam sich schändlich vor. Mußte er denn mit Gewalt das Heimweh

heraufrufen, das ein wenig geschlafen hatte? Er meinte freilich, dieses

Heimweh gehöre gar nicht anders kuriert als durchs Heimkommen.

Der »Onkel, der immer mit Mammi ging«, der kurierte es mit Armbändern

und Spieldosen.

Da kam nun Mammi den schmalen Gartenweg herab. Sie suchte ihre Tochter

und sah ja freilich schön aus. Was man so schön heißt.

Sie kam so groß und schlank und blond daher in ihrem leichten, hellen

Seidenkleid und unter dem großen, federngeschmückten Hut.

Ja, und sie lachte, ganz wie Ellen gesagt hatte. Aber ihm gefiel das

Lachen nicht, es war, als ob sie etwas damit verscheuche oder zudecke,

das sie jetzt nicht hören und nicht sehen wolle.

»Ah, siehe da, der Herr Kandidat,« sagte sie fröhlich. »Sie haben mir

meine Tochter entführt. Ha ha. Sagen Sie, haben wir nicht herrliches

Wetter jetzt und ist es nicht schön hier?«

»Mammi,« rief Ellen, »er hat die Schwalben gesehen. Sie sind

heimgeflogen und er hat einen Gruß an Papa gesagt. Mammi, wann gehen

wir heim?«

Aber davon wollte Mammi jetzt nicht reden.

Sie zog die Augenbrauen zusammen und gab keine Antwort.

»Das hat mir gerade gefehlt,« sagte sie und brach eine voll erblühte

gelbe Rose vom Strauch, »sie paßt so gut hierher an meinen Gürtel.

Haben Sie vielleicht eine Stecknadel, Herr Kandidat?«

Das hatte er, fast wider seinen Willen.

»Ach,« sagte sie, plötzlich seufzend, und ließ sich ihm gegenüber auf

der runden Steinbank nieder, »es ist nicht immer leicht, gut zu sein.«

Was war das nun wieder?

»Ihnen fällt es wohl immer leicht? Sie sind so ernsthaft und

pflichtgetreu und gehen so geradeaus Ihren Weg. Man könnte Sie

beneiden.«

»So, woher wissen Sie denn das?« Er fragte es fast grob.

»Ach, das sieht man doch. So – so unverdorben und so geordnet.«

Es ärgerte ihn, denn gar zu tugendsam wollte er doch auch nicht

erscheinen, obgleich nichts gegen ihre Worte zu sagen war.

»Das bin ich nun leider nicht,« seufzte sie.

»Aber ich kann auch nicht anders sein, als ich bin.«

So? er hatte schon lang einiges gegen sie in sich angesammelt. Es

konnte eine schöne Rede geben, wenn er sie losließ. Das wäre ja recht

bequem, einfach: ich kann auch nicht anders sein – er fing an, sich

zu besinnen, wie er anfangen wollte, da sagte sie, als habe sie seine

Gedanken gelesen:

»Nein, nein, Sie müssen nichts sagen, Sie kennen mich nicht genug dazu.

Sehen Sie, das Kind hat recht, Sie haben wirklich etwas von meinem

Mann. Nun machen Sie dasselbe Gesicht wie er, wenn er unzufrieden mit

mir ist. Dann liebe ich ihn gar nicht.«

Sie sah plötzlich sehr ernsthaft aus. »Ich möchte nicht, daß die guten

Menschen schlecht von mir denken. Das tut mir leid, aber sie wissen

vielleicht nicht, wie es ist, wenn man in ganz anderer Luft geboren und

erzogen ist.«

Er sagte nichts, es war ihm so sonderbar, daß sie ihn nun so plötzlich

zum Beichtvater machte, und doch war es ihm, als rufe etwas aus ihr

heraus, das nach Verstehen und Verzeihen verlange, und er wollte sie

hören.

Er saß ganz still da und war auch ein wenig verlegen, und sie war

dankbar, daß er nicht redete und sagte, als müsse sie es aus sich

herausschaffen: »Haben Sie eine Heimat gehabt, in der Sie immer

wohnten und gut und sicher aufgehoben waren? Nun, ich ging auf Reisen,

als ich drei Jahre alt war, weil mein Vater den Ort nicht mehr sehen

wollte, an dem meine Mutter starb. Immer in Pensionen, bald im Norden,

bald im Süden. Kennen Sie das? O, wir waren sehr vergnügt, mein Vater

und ich.

Alle Leute kannten mich immer als sehr vergnügt. Einmal war ich des

Lachens überdrüssig, da weinte ich eines Abends für mich allein. Es

war auf einer Veranda am Vierwaldstättersee. Vielleicht war es, weil

mein Vater kurz vorher gestorben war. Oder ich weiß nicht warum. Das

sah einer, für den es eigentlich nicht bestimmt war, und er meinte,

er sehe nun etwas von meinem eigentlichen Ich, und das Lachen sei

nur obendrauf. Vielleicht meinte ich es damals auch, und kurzum, ich

heiratete ihn und wir waren sehr verliebt ineinander, wie mir scheint.

Es kam mir hübsch vor, so auf dem Lande zu leben in einem grünumrankten

Hause, und einen solch ernsthaften, biederen Mann zu haben. Aber wissen

Sie, wie es allmählich wurde?

Wie ein Käfig, in dem ein lustiger, farbiger Vogel sitzt und den ein

Bär bewacht. Der Bär ist gut und der Käfig ist gut und der Vogel ist in

seiner Art auch nicht schlimm, sie passen nur nicht zusammen. Das ist

das Ganze.«

Sie hatte, während sie sprach, drei oder vier Rosen zerpflückt, es lag

eine Menge gelber, schimmernder Blätter auf dem Rasen. »O sehen Sie,

das Kind,« unterbrach sie sich plötzlich, »was es für Augen macht. Ganz

große. Ellen, mach andere Augen. Sie hat natürlich alles gehört.«

»Das Kind haben Sie vorhin nicht mit aufgezählt«, sagte er trocken.

»Welchen Platz geben Sie dem? gehört es zum Vogel oder zum Bären?«

Da beugte sie sich rasch herunter und küßte es heftig, drei- oder

viermal, aber eine Antwort gab sie nicht.

»Das Kind gehört heim.« Nun war es ihm, als ob er seine ganze Rede

gehalten hätte, denn sonst wußte er eigentlich nichts zu sagen und

darum stand er auf und schickte sich zum Gehen an. Er hatte immer noch

seine Blumen in der Hand, die wollte er nun einpacken.

»Ja, ja,« sagte sie und sah aus, als suche sie etwas in weiter Ferne.

»Er hängt furchtbar an Ellen und auch an mir. Es ist nicht leicht, das

läßt sich aber nicht ändern. Man kann nicht aus seiner Haut heraus,

er nicht und ich nicht. Das ist überall so. Glauben Sie, Sie kennen

die Welt noch nicht. Es ist nicht immer alles so glatt im Leben.« Sie

schüttelte sich, wie um aus Träumen zu kommen und sagte leichthin: »Es

ist nur gut, Kinder fühlen das noch nicht so, sie sind überall zu

Hause.

Wanderschuhe und andere Erzählungen · 第 22 / 27 题