Ellen bekam glänzende Augen.
Nicht wegen des Pfeifens, sondern weil nach kurzem Zögern die Frau
Eidechse richtig aus ihrem Mauerloch herausschwänzelte.
Sie hatte ein grünes Kleid an und Goldbörtchen über den Rücken
herunter, und ihre schwarzen Äuglein funkelten lebhaft.
»Grüß Gott, Frau Eidechse, ist das nicht schön? Wo haben Sie denn Ihren
Herrn Eidechserich?«
»Ach, der wird bald kommen, er ist auf den Berg gegangen zum
Mückenfang.«
Ellen sagte nachher, diese Antwort habe Holder gegeben, aber er sagte,
die Eidechse habe es selber getan auf eidechsisch, da konnte sie nicht
streiten.
Das Publikum wurde unruhig, drehte den Kopf hin und her und wackelte
mit dem Schwanz, so mußte er weiter pfeifen.
Als das Lied aus war, zog sich die Frau Eidechse zurück.
Da pfiff er auf Ellens Wunsch: »Weißt du, wie viel Sternlein stehen?«
alle drei Verse. Aber die Eidechse kam nicht mehr.
Er versuchte es nochmals mit dem »lieben Augustin«, und siehe, da war
sie gleich wieder zur Stelle. Da stellten sie es nun fest, daß »O du
lieber Augustin« ihr Leiblied sei. Und das bekam sie nun immer zu
hören, so oft sie zum Besuch da heraus kamen.
* * * * *
Es war merkwürdig: neuerdings bekam Mammi manchmal Anfälle von großer
Zärtlichkeit für Ellen.
Dann konnte sie sich plötzlich im Garten auf dem Gras niederlassen und
beide Arme nach ihr ausbreiten. Aber Ellen war das nicht gewohnt und
kam darum nicht so schnell dahineingeflogen, wie Mammi wohl erwartet
hatte. Dann sagte sie klagend: »Ellen, hast du denn deine arme Mammi
gar nicht lieb?« und küßte sie viele Male, auf den Mund, in die Augen,
auf die Stirn, und drückte sie fest in die Arme.
Und Ellen mußte sagen, daß sie die Mammi lieb habe. Das tat sie auch,
sie tat es aber ein wenig zögernd, ernst und still.
Und Mammi sagte, das Kind müsse mehr unter Menschen kommen, und putzte
sich selbst und Ellen schön heraus, so daß sie beide sehr wohl in den
nächsten Umkreis des Musikpavillons paßten, und ging mit ihr dort
spazieren.
Das tat sie einige Male. Da wurde sie eines Tags von einem Herrn, der
gleichfalls dort spazieren ging, gefragt, ob gnädige Frau vielleicht
Norwegerin sei, sie trage so wundervollen nordischen Schmuck, und sie
sagte: ja, wenigstens von Geburt und Erziehung.
Und es fand sich, daß der Herr auch schon »da oben« gewesen war und
auch sonst schon an allerlei Orten, die sie kannte, es gab wundervoll
viel zu reden darüber und über noch vieles andere, an diesem Tag, und
am folgenden noch mehr, und so immer fort.
Mammi erholte sich zusehends, wurde auch im Hause lebhaft und
gesprächig und fand, daß ihr Mann doch damit recht gehabt habe, daß er
ihr viel frische Luft und Bewegung verordnet habe.
Besonders auch Segelpartieen bekamen ihr gut, aber natürlich konnte sie
dabei das Kind nicht mitnehmen, es war wohl überhaupt besser, wenn es
regelmäßig lebte, es war oft nicht so ganz wohl in letzter Zeit.
Das fand Holder auch. Er sah, daß es an Heimweh litt. Es war merkwürdig
an so einem Kinde, aber es sehnte sich wahrhaftig immer nach seinem
Vater. Und es wußte, der Vater sehne sich auch nach ihm. Er hatte oft
an einem inneren Grimm zu würgen.
Da ging sie nun wieder im gelben Leinenkleid mit dem silbernen Gürtel,
strich dem Kind übers Haar: »Adieu, Kleines, geh artig zu Bett, hörst
du? Mammi hat Schokolade für dich.« Weg war sie.
Als ob es dem Kind um Schokolade gegangen wäre.
Sah sie denn nicht, daß es Hunger litt nach Liebe, nach Daheimsein?
Nein, das sah sie nicht.
Er aber sah es. Heute früh hatte er ein Lied gefunden; es stand in
einer Zeitschrift und hieß: Das frierende Seelchen.
Das ging ihm heute den ganzen Tag durch den Sinn. Es schien so sehr für
Ellen zu passen.
Wenn ich nur wüßt’, wo der Heimweg wär!
Was bin ich nicht geblieben?
Suchen muß ich, hin und her
bläst ein Wind, und mich schauert sehr,
irgendwer hat mich vertrieben.
Irgendwo, weiß ich, bin ich zu Haus,
aber wo, wer kann’s sagen?
Flüglein hab ich, und breit’ sie aus,
fänd’ ich nur aus der Welt hinaus,
wollt’ ich nimmer klagen.
Bin ein armes, verirrtes Kind,
such in dem Lärm der Gassen,
horche hinein in den wehenden Wind,
ob ich nirgends die Töne find’,
die ich zu Haus verlassen.
Hie und da nur ein leises Getön,
ein Wort, ein Streifchen Sonne,
ein lieber Blick, ein feines Verstehn,
dann muß ich wieder suchen gehn
nach meiner Heimatwonne.
»Komm, Ellen.« Er nahm sie mit sich ans Meer hinunter. Artig zu Bett
gehen, das konnte sie noch lang. Jetzt lag die Sonne noch über dem
Wasser, es war ein wundervoller Abend. Weithin lagen die Berge am Ufer
rotgolden beschienen, die weißen Villen glänzten und Fenster leuchteten
in der Abendsonne. Fischer fuhren hinaus und sangen in ihrem Boot, und
irgendwoher kamen fröhliche Stimmen, Gelächter und Jubel. Und so ein
Kind sollte nicht froh sein?
Auch hatte das Gedicht nämlich noch einen zweiten Teil gehabt, der
ihn heut besonders rührte. Vielleicht wäre ihm Ellens bekümmertes
Gesichtchen sonst nicht so besonders aufgefallen.
Er verhöhnte sich selbst damit, daß sie ihm nur als Objekt für seine
lyrische Stimmung diene, aber das mochte sein, wie es wollte, darum
freute es ihn doch, daß sie nun da unten neben ihm saß und ihr kleines
Händchen in seine große Hand schob. Da sagte er es richtig noch einmal
in Gedanken vor sich hin: