So besonders hochachtungsvoll war der Blick nicht, mit dem er sie
betrachtete, als er nun den Hut zog und ging.
»Sie versteht so viel von ihrem Kind, als eine Kuh von einem
Eichhörnchen«, brummte er vor sich hin und zertrat mit breitem
Stiefelabsatz eine kleine Kröte, die über den Weg hüpfte. Das hatte er
nicht gewollt. Er blieb bedauernd stehen, aber es war nun schon so. So
etwas kleines ist schnell zertreten.
* * * * *
Am andern Tag machte er eine Wanderung ins Land hinein. Er ging den
ganzen Tag, kehrte in kleinen, verräucherten Wirtshäusern ein, half
einer dunkeläugigen Magd Fische in Öl backen, trank tiefroten Chianti
aus dem strohumflochtenen Fiasko dazu, redete mit Fischern und Bauern,
so gut es sein schlechtes Italienisch hergab, ließ sich von der Sonne
durchscheinen und fing im Wandern an, zu singen und zu jodeln. Als sich
das der Hals gutwillig gefallen ließ, war es ihm, als müsse er nun
schleunigst umwenden und nach Hause fahren, denn nun war er ja gesund.
Er blieb aber doch in einem Wirtshaus, das einsam in einem engen,
schmalen Taleinschnitt unter alten Olivenbäumen stand, übernacht, fand
dort eine Hochzeit, hörte bis spät in die Nacht hinein eine Musik von
Dudelsack und Flöten und sah sich die Paare auf dem Steinboden vor dem
Hause im Tanze drehen. Dann schlief er tief in den Vormittag hinein und
als er erwachte, fielen ihm eine Menge Dinge ein, die er vorgestern
hatte der Frau Hermelink sagen wollen. Lange, überzeugende Sätze, die
alle darauf hinausliefen, daß es nicht so sehr darauf ankomme, ob das
Leben angenehm sei oder nicht, wenn man nur seine Pflicht tue. Und daß
man mit einigem guten Willen viel machen könne. Und noch mehreres. Er
dachte, sie habe ja doch auch ihre guten Seiten und sie habe ihn ein
paarmal fast gerührt. Und sie scheine einen guten Mann zu haben, mit
dem sich doch leben lassen müsse. Das sagte er ihr alles in Gedanken,
denn in Gedanken war er manchmal recht beredt und verstand sich gut
auszudrücken.
Aber als er da lag und ihm die Sonne ins Bett schien, da waren die
beiden, die Mammi und das Kind, schon unterwegs. Sie fuhren auf einem
Dampfer nach dem Süden und die Spieldose stand auf der Bank neben Ellen
und spielte: »o du lieber Augustin« und Ellen sagte zu dem Onkel, der
sie ihr geschenkt hatte: »das ist der Frau Eidechse ihr Lieblingslied«.
Da lachte er und Mammi lachte auch, und weil sie beide so fröhlich
waren, lachte Ellen auch mit. Sie wußte nicht, daß Mammi sich verlaufen
hatte und den Heimweg nach Bühringen nicht mehr suchen wollte und daß
sie selber als ein heimatloses Kind mit auf Reisen ging. Sie sah nur
das Heut, das war voll Sonne.
* * * * *
Er nahm Abschied von Haus und Garten und Meer und zuletzt auch von
Schwester Clementine.
Er hatte sie immer ein wenig im Verdacht gehabt, daß ihr gütiges
Lächeln Herablassung sei und hatte sich stolz und mannhaft dagegen
betragen. Aber schließlich hatte er doch nicht mehr ganz dagegen
angehen können, daß sie immer so blieb: liebenswürdig und fein und
vornehm; – allerdings schien sie zu wissen, daß sie das alles sei, aber
dafür konnte sie wohl nichts und er hatte es ihr verziehen und gedacht,
schließlich habe sie sich auch nicht selbst zur Gräfin gemacht und es
können nicht alle Menschen gleich sein.
Zwar die schlanke weiße Hand, die sie ihm zum Abschied reichte, küßte
er nicht, obgleich er gestern den französischen Rechtsanwalt so hatte
tun sehen. Aber er drückte sie mit seiner ganzen neuerrungenen Kraft
und sah mit ehrlichem Dank in das schöne Gesicht. Es habe schmerzlich
darin gezuckt, dachte er nachher und wunderte sich, daß es ihr leid
zu tun schien, daß er gehe. »Sieh’ da, echtes menschliches Gefühl,«
dachte er und wußte ja freilich nicht, daß sie ihre Hand besah, als sie
ins Haus zurückging. Sie hatte einen breiten roten Streifen.
* * * * *
Nun war er zu Hause. Er hatte es alles so gefunden, wie er erwartet
hatte: blühende Wiesen, neubestellte Gärten und Äcker, Lerchen, die
sich in die Luft schwangen und freilich auch viele, viele Spatzen,
die sich lärmend umhertrieben und vor ausgelassener Daseinsfreude
schrieen. Er ging durch die Dorfgasse, die nach dem Filial führte, in
dem er Unterricht zu geben hatte und mußte sich zugeben, daß sie sehr
aufgeweicht sei und ein Bauer sagte ihm, daß das im Frühjahr so die
ersten paar Wochen nach dem Schneegang immer so sei. Und es fielen ihm
die leuchtend weißen, glatten Straßen ein, die er dort unten gegangen
war. Kinder sprangen herbei und gaben ihm die Hände und er mußte an ein
anderes kleines Händchen denken, das nicht so klebrig, aber mindestens
ebenso vertrauensvoll gewesen war. Wo mochte es sein? was wurde aus
ihm? wer nahm es in seine Hand?
Es war ihm nicht leicht zumute, als er daran dachte.
Er meinte, er hätte es vielleicht festhalten sollen, beschützen,
entführen – er wußte selbst nicht, was.
Vielleicht hätte er der Mutter mehr sagen sollen; sie hatte ja
sonderbarerweise eine Art von Vertrauen zu ihm.
Denn, hilf Himmel, was machte sie wohl aus dem Kinde?
Sie führte es in der Welt herum, weil sie selber rastlos war, sie
lehrte es, zu lachen, wenn sein Herzlein weinte und lehrte es, die
Heimat zu vergessen über der Fremde, die Armbänder hatte und Spieldosen
und Schmeicheleien statt Liebe.
Er dachte an den einsamen Mann dort in Bühringen und meinte, er hätte
ihnen allen helfen sollen. Aber er wußte ja freilich nicht, wie, und
sie waren ihm nun auch aus der Hand gegangen, er konnte sie nicht mehr
finden. Da brannte etwas in ihm, daß man Menschenkinder müsse ins Leben
hineingehen lassen, das sie verderben wolle. Er wußte plötzlich, daß
ihrer viele seien, die in Gefahr und in der Fremde seien. Und er wußte,
daß eine Liebe in ihm sei, die ihnen helfen wollte und die doch in
sich selbst arm und machtlos dazu sei. Er sah die Menschen vor sich,
die Großen und die Kleinen, die auf ihn warteten, daß er ihnen etwas
bringe, das ihnen zum Leben und zum Werden helfe.
Sie hatten alle auf einmal Ellens Gesicht und Augen und sagten, – die
Kleinen: wir wollen Menschen werden, denke daran – die Großen: wir
sind einmal Kinder gewesen. Vergiß es nicht! – Unterdem war er an
den letzten Häusern vorbei und ins Freie gekommen, da, wo sich von
der Landstraße aus der Blick ins Tal auftat. Rechts hatte er hellen
Buchenwald und links ging es in die Tiefe hinunter. Das Tal war noch
voll von wallenden Morgennebeln, es war wie ein Meer, und darüber
segelten im blassen Blau des Himmels ein paar lichte Wolken. Da dachte
er an das Meer, das er im Süden gesehen hatte und wußte, daß alle die
Wasser, die in den Nebeln und in den Wolken waren, in die große Flut
heimkehren würden, wenn sie ihren Kreislauf hinter sich hatten.
Und er dachte auch an das Meer, das er im Traum gesehen hatte, und
dachte, wenn einer sei, aus dessen Willen heraus alles geflossen sei,
was da webe, so müsse es ihn ja nicht ruhen lassen, bis auch die letzte
Welle seines Wesens, die er in ein Menschenkind hinein geschaffen habe,
nach allem Irren in ihren Ozean zurückgefunden habe.
Und es ward ihm im Ausschreiten groß und froh zumute.